HARVARD UNIVERSITY. |
LIBRARY
OF THE
MUSEUM OF COMPARATIVE ZOÖLOGY.
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Sılasanı BEL Declant, 14,
ABHANDLUNGEN,
HERAUSGEGEBEN
VON DER
SENOKENBERGISCHEN NATURFORSCHENDEN
GESELLSCHAFT.
NEUNTER BAND.
Mit XLI Tafeln.
FRANKFURT a. M.
CHRISTIAN WINTER,
1878 — 1875.
Inhalt.
E, Stoehr, die Provinz Banjuwangi mit der Vulkangruppe Idjen Raun in Ost-Java. Mit
acht Tafeln .
O. Böttger, Reptilien von Marocco und von den ainarikehen Inseln. Mit einer Tafel
Friedr. Scharff, über den Quarz. II. Die Uebergangsflächen. Mit drei Tafeln
\ 0. Bütschli, zur Kenntniss der freilebenden Nematoden, insbesondere der des Kieler
Hafens. Mit neun Tafeln .
va
E. Gasser, über Entwickelung der Allantois, der Müller’schen Gänge und des Afters. Mit
drei Tafeln
0
I. C. G. Lucae, die Robbe und die Otter in ihrem Knochen- und Muskelskelet. Zweite
Abtheilung. Mit siebzehn Tafeln .
Seite
1—120
121—192
193—236
237—292
293—368
369—496
is
ABHANDLUNGEN,
HERAUSGEGEBEN
VON DER
SENCKENBERGISCHEN NATURFORSCHENDEN
GESELLSCHAFT.
NEUNTEN BANDES’ERSTES UND ZWEITES HEFT.
Mit X Tafeln,
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_ FRANKFURTA.M.
CHRISTIAN WINTER.
1873. .
Die Provinz Banjuwangi mit der Vulkangruppe Idjen
in Ost-Java.
Reese ss kKrzzen
von
Emil Stöhr.
Mit acht Tafeln.
‘ (Karte, landschaftliche Ansichten und geologische Profile.)
Einleitung.
Den äussersten Osten Java’s nimmt die Provinz Banjuwangi ein, wohl der merk-
würdigste Theil der an Merkwürdigkeiten so reichen Insel. Im Osten von der schmalen
Meerenge zwischen den Inseln Java und Bali, der sogenannten Balistrasse, im Süden von
der Südsee bespült, grenzt sie im Norden an den Bezirk Panarukan, in West an den von
Bondowoso, von welch’ beiden sie jedoch ausgedehnte, undurchdringliche Waldungen und eine
mächtige Kette hoher Vulkane trennen, so dass sie, von der übrigen Menschheit abgeschlossen,
eine eigene Welt für sich bildet. Die abschliessenden. Berge beginnen, wie beiliegende Karte
zeigt, im Norden mit dem direct aus dem Meere aufsteigenden, längst erloschenen Vulkane
Buluran, dem Kap Sedano der Seefahrer, einer menschenleeren Trümmer- und Wald-Wüste.
Unmittelbar an ihn südwestlich sich anschliessend, folgt eine ganze Reihe mächtiger Kegelberge,
welche die colossale Vulkangruppe des Idjen-Raun bilden. Südlich von dieser Vulkankette
bis zur Südsee hin ist das niedere Hügelland, in einer Ausdehnung von fast einem halben
Grad im Geviert, von undurchdringlichen Waldungen bedeckt, die an der Südküste hin bis
nach Puger sich erstrecken, Gegenden vollständig unbetreten und unbekannt. So sehr ist
diese Provinz von dem übrigen Java abgeschlossen, dass sie nur zur See zu erreichen ist, oder
auf einem einzigen beschwerlichen, schlechten Reitpfade, der sich durch die Felstrümmer des
Passes zwischen Buluran und Idjen durchwindet. Die grosse, schöne Landstrasse, die ganz
Java von West nach Ost durchzieht, endet schon in Sumberwaru am nordwestlichen Fusse
Ahhandl. d. Senekenb. naturf. Gesellsch. Bd. IX. 1
de
des Buluran, und erst nach Ueberschreitung des Passes findet man wieder eine fahrbare
Strasse, die dann noch einen Theil der Provinz von Nord nach Süd durchschneidet. Diese
Abgeschlossenheit ist auch der Grund, dass die Provinz zur Deportation von Sträflingen benutzt
wird, welche in verschiedenen Sträflingscolonien beschäftigt werden und deren Bewachung sehr
leicht ist, so dass einige wenige Wachtstationen genügen; über die hohen Berge und durch
die undurchdringlichen Waldungen ist ein Entrinnen fast unmöglich.
Eine grossartige Vegetation deckt die Niederungen am Meere und die hohen Berge, und
in den dichten Wäldern wachsen die seltensten Bäume. Ich nenne nur den Upasbaum, von
dem so viel gefabelt wurde. Auch die Thierwelt ist eine reiche, und Tiger und Panther sind
in den dortigen Wäldern noch so häufig, dass zur Feldarbeit die Einwohner meist bewaffnet
ausziehen, und aus diesem Grunde Banjuwangi die einzige Provinz Java’s ist, in welcher den
Eingeborenen erlaubt ist, Feuerwaffen zu führen. Das Interessanteste des Landes aber sind
seine Vulkane, die aus der niederen Strand-Ebene fast unmittelbar aufsteigen zu Bergen von
10,000 Fuss Höhe und eine Vulkangruppe bilden, wie sie wohl einzig dasteht. Es ist dies
das schon erwähnte Vulkansystem des Idjen-Raun, das ausser einer ganzen Reihe er-
loschener Vulkane zwei heute noch thätige zählt, den 10,860 Fuss hohen Raun, der unter
allen thätigen Vulkanen auf Java den grössten, tiefsten Kraterschlund enthält, und den 9725
Fuss hohen Idjen, der in seinem Krater den durch Leschenault berühmt gewordenen so-
genannten See von Schwefelsäure birgt.
Dass in diesem Lande der Reisende des Merkwürdigen Vieles finden würde, war un-
zweifelhaft, und so nahm ich, als ich im Jahre 1858 von Calcutta kommend, auf Java mich
befand, mit Freude die Einladung meines dort wohnenden Freundes, des bekannten Botanikers
Zollinger, an, einige Zeit bei ihm zuzubringen, Zollinger war damals beschäftigt, im Auf-
trage einer Gesellschaft in der Nähe von Rogodjampi grosse Kokos-Plantagen anzulegen.
Sechs Wochen, vom 23. September bis zum 7. November, verlebte ich unter dem gastlichen
Dache des Freundes mit ihm und seiner liebenswürdigen Familie, und gehört diese Zeit mit
zu den schönsten Erinnerungen meines Lebens. Vielfach habe ich von dort aus die Umgegend
durchstreift, meist gemeinsam mit dem Freunde, unter anderen auch mit ihm den Idjen be-
stiegen und manch: wissenschaftliches Material gesammelt. Lag doch die Absicht vor, gemein-
schaftlich eine Beschreibung des Idjun zu geben, zu der Zollinger den botanischen, ich den
geologischen Theil liefern sollte. Leider erlag schon im Jahre 1859 der Freund der Dysenterie,
so dass diese Absicht nicht ausgeführt werden konnte, und ich mich bis jetzt auf einige geo-
logische Notizen, abgedruckt in verschiedenen Zeitschriften, beschränken musste, durch vielfache
BEN IRRE
Berufsgeschäfte abgehalten, Eingehenderes zu publiciren. Länger die Sache aber noch hinaus-
zuschieben, halte ich nicht mehr am Platze, und so gebe ich in Folgendem einen Bericht. meines
Aufenthalts dort, wobei ich zugleich die kurzen, in Zollinger’s Nachlass gefundenen botanischen
Notizen mit aufgenommen habe. Namentlich bezüglich des Idjen glaube ich einiges Neue
bringen und Irrthümer früherer Schriftsteller berichtigen zu können, wie denn selbst Jung-
huhn in seinem grossen Werke über Java gerade über diesen Vulkan ziemlich ungenau
berichtet,
Von wissenschaftlichen Reisenden, welche im Laufe dieses Jahrhunderts in die Provinz
Banjuwangi kamen, ist vor allem Leschenault zu nennen im Jahre 1805, durch den der
Idjen zuerst in weiteren Kreisen bekannt wurde.‘) Im Jahre 1806 war Horsfield dort und
1821 Reinwardt, sowie später, 1844, Junghuhn, Van der Wyk 1846 und Bleeker 1848.
Zollinger kam zum ersten Male dahin 1845 und nahm dann 1856 in der Provinz dauernden
Aufenthalt. Die meisten der Genannten haben wissenschaftliche Notizen oder ausführlichere
Beschreibungen gegeben, die ich am geeigneten Orte berücksichtigen werde. Ausserdem hat
noch Dr. Epp, der 1847 Arzt in Banjuwangi war, Notizen über das Land veröffentlicht?)
sowie J. Hageman in Surubaya verschiedene Beiträge zur Geschichte des Landes, und endlich
C. J. Bosch, bei meiner Anwesenheit der oberste Beamte der Provinz, einen sehr werthvollen
Bericht über die Vulkanausbrüche. 3)
Zur Orientirung verweise ich auf die beiliegende Karte, die wesentlich den betreffenden
Theil des Blattes XXIII des »Algemeenen Atlas van Nederlandch Indie« von Melville van
Carnbee, 1856, gibt, soweit dieses Blatt die Provinz Banjuwangi betrifft. Ich habe an dieser
Karte nur dort Aenderungen vorgenommen, wo ich meiner Sache ganz sicher war. Die grosse
Junghuhn’sche Karte von Java in 4 Blättern ist vielfach unrichtig für diese Provinz.
Schliesslich habe ich hier meinen Dank auszusprechen für die liebenswürdige, zuvor-
kommende Aufnahme, die ich auf Java fand; ein gastlicheres Land wird es wohl kaum geben.
Auch eine andere angenehme Pflicht bleibt mir‘ noch zu erfüllen, den Herren nämlich in
') Annales du Museum d’histoire naturelle, tome XVII.
2) Schilderungen aus holländisch Ostindien, Heidelberg 1852.
°) Uitbarstingen der Vulkanen Idjen on Raun in der Batav. Tydschrift von Tal, Land on
Volkenkunde, VII, 1858.
a
Europa, die so freundlich waren, mich mit ihrer wissenschaftlichen Beihülfe zu unterstützen,
zu danken, so namentlich den Herren Professoren: Wislicenus in Zürich, Flückiger in
Bern und Fuchs in Heidelberg für die in ihren Laboratorien gemachten Analysen; dann
Herrn Professor Blum in Heidelberg, der sich der Mühe unterzog, die mitgebrachten Hand-
stücke bezüglich ihrer petrographischen Bestimmung durchzugehen, sowie Herrn Professor
Rosenbusch in Freiburg für die werthvollen mikroscopischen Untersuchungen eines Theils
der mitgebrachten Gesteine, deren Resultate er so freundlich war, mir als Anhang zur gegen-
wärtigen Arbeit mitzutheilen.
Erste Abtheilung.
Der erloschene Vulkan Gunung Buluran.
Es war am 23. September 1858, als ich des Morgens in aller Frühe von Sindobondo,
einem am nordöstlichen Fusse des erloschenen Vulkanes Ringgit gelegenen Städtchen, abfuhr,
um nach Banjuwangi zu kommen. Von Probolingo, dem Hauptort der gleichnamigen Provinz,
war ich mit Extrapost zunächst nach Besuki, dem Hauptorte der ebenfalls gleichnamigen
Provinz, gekommen und hatte zuletzt im Passangrahan (Posthaus) von Sindobondo übernachtet.
Von hier aus führt die grosse javanische Landstrasse noch 27 Pal!) weiter mit vier Poststationen:
Kapongan, Kalitikus, Assembagus nach Sumberwaru, wo sie am Fusse des Buluran endet.
Schon von Sindobondo ab lässt Alles erkennen, dass man aus einem gut angebauten, leidlich
bevölkerten Lande immer mehr der Wildniss sich nähert. Die Dörfer werden seltener, die
schönen Alleen, welche bis jetzt die Landstrasse umsäumten, hören auf, die bepflanzten Felder
werden immer weniger, während Wald und Gestrüpp immer mehr zunimmt. Auch der Weg
selbst wird schlechter und ist lange nicht mehr so gut unterhalten, als im übrigen Java, und
da auch immer elendere Pferde zum Vorspann kommen, so geht es zuletzt trotz sechs Pferden
mit Kutscher, Vorreiter und zwei Läufern, die immer mit lautem Geschrei neben den Pferden
herlaufen, sie mit ihren Peitschen antreibend, nur langsam vorwärts. Die Gegend aber ist
prachtvoll und der Blick vorwärts auf die dunklen Zacken des Buluran oder rechts auf die
hohen, dampfenden Vulkane Idjen und Raun wahrhaft grossartig.
Regelmässige Postverbindungen bestanden damals auf Java nur in der nächsten Umgebung
der grossen Städte, und wer weiter reisen wollte, war genöthigt entweder, wenn im Innern
des Landes, zu Pferde zu steigen, oder wenn auf der grossen Landstrasse, Extrapost zu
nehmen, wo man aber seinen eigenen Wagen mitbringen musste. In dieser Weise machte ich
denn auch die Reise von Probolinggo nach Sumberwaru, nachdem mir der Regent von
?) Ein Pal — 4800 Fuss rheinisch oder 1506,48 Meter oder in runder Summe 1'/s Kilometer.
a
Probolinggo mit der grössten Zuvorkommenheit seinen Wagen geliehen hatte, unter der' Be-
dingung, ihn von Sumberwaru aus zurückzuschicken, was mittelst vorgespannten Kühen (Sappi)
zu geschehen hatte. So hatte ich nur die allerdings nicht unbedeutende Posttaxe für die
Pferde zu bezahlen, die von Probolinggo bis Besuki für 36 Pal Entfernung 60, von dort bis
Sumberwaru auf eine Strecke von 50 Pal 82 Gulden betrug. In Sumberwaru selbst hatte ich
dann Reitpferde zu nehmen für mich und meinen von Surabaya mitgenommenen einheimischen
Bedienten, um nach Badjulmati zu kommen, bis wohin Freund Zollinger mir seinen Wagen
entgegensenden wollte. Meine Kenntniss der .malaischen Sprache war damals noch. sehr
mangelhaft, und so war vorher schon mein Diener Sumo genau instruirt worden, was alles in
Sumberwaru zu besorgen wäre; ja zum Ueberfluss hatte man mir eine malaische Anrede an
den dortigen Dorfhäuptling aufgeschrieben, die ich demselben vorlesen sollte, um sofort weiter
befördert zu werden. Als somit nach 10 Uhr des Morgens der Wagen vor dem mit einem
hohen Zaune, zum Schutze gegen die wilden Thiere, umgebenen Passangrahan von Sumberwaru
hielt, zog ich das Papier hervor, dem herbeieilenden Dorfhäuptling meine Anrede zu halten.
Zu meinem angenehmen Erstaunen präsentirte sich mir aber sofort ein stattlicher junger
Javane, der, sich als Zollinger’s Bedienten zu erkennen gebend, mir einen Brief desselben über-
reiehte, worin dieser mir mittheilte, dass er selbst in Badjulmati mit seinem Wagen auf mich
warte und zwei seiner Leute als berittene Führer mir entgegensende, mit Pferden für mich
und meinen Diener. So wurde denn schnell ein bereits servirtes Frühstück eingenommen und
schon vor 11 Uhr waren wir alle zu Pferde unterwegs. -
Keine hundert Schritte vom Passangrahan beginnt der Wald, der bis Badjulmati 22 Pal
weit sich erstreckt und auf ganz Java wegen der vielen Tiger und sonstigen wilden Thiere
verrufen ist. Der schlechte Saumweg steigt bald an, den Buluran links lassend, und windet
sich dann durch ein wahres Lavatrümmerfeld hindurch, das sehr beschwerlich zu passiren ist.
Der ganze Fuss des Buluran bis hinauf zur Passhöhe ist nämlich mit grossen, scharfkantigen
Lavablöcken dicht besäet, zwischen welchen durch die Pferde vorsichtig den Weg suchen
müssen. Der Wald ist ein sehr eigenthümlicher; die Bäume stehen weit auseinander und ein-
zelne Grasfelder von Allang-Allang (ITmperata arundinacea Cyr.) unterbrechen ihn öfters. Die
Bäume, die zwischen den schwarzgrauen Lavablöcken wachsen, bestehen fast ausschliesslich aus
der Ost-Java eigenen Lontarpalme (Borassus flabelliformis), die auf säulenförmigen grauen
Stämmen oben auf ihrem Gipfel steife, stachlige, fächerförmige Blattwedel trägt. Es wachsen
diese Palmen überhaupt nur an wasserarmen Orten, weshalb ihnen auch meist jedes Unterholz
fehlt. Vom ostindischen Festlande her waren sie mir alte Bekannte, allein ein solch seltsam
a
ödes Landschaftsbild, wie sie hier am Buluran abgaben, hatte ich bis jetzt noch nicht gesehen;
alles sah farblos, öde und traurig aus, fast wie Grau in Grau gemalt, das Lavagestein unten,
die Palmen oben. Neben diesen Palmen, die vollständig die Physiognomie des Waldes be-
dingen,; treten hie und da Acazien auf (Acasia alba2), die mit ihren horizontalen Aesten und
ziemlich schirmartig sich ausbreitenden Laubkronen in dieser traurigen Landschaft das Auge
durch ihr frisches Grün erfreuen. Selten erscheinen einzelne andere Bäume, von denen nur
zu erwähnen sind Tectonia grandis (der Djatibaum) und einige Cassia-Arten. Durch diesen
Palmenwald hatte man kürzlich die Telegraphenleitung geführt, und lagen also auch hier wieder,
wie so oft im Oriente, die Contraste hart neben einander: die primitivste aller Strassen und
das raffinirteste Communicationsmittel der Neuzeit. Warum man übrigens dort mit grossen
Kosten einige Telegraphenstangen aufgerichtet hatte, ist mir nicht einleuchtend geworden, indem
die glatten Palmenstämme die besten Stangen abgeben würden, an die man einfach die
Leitungen hätte befestigen können.
Die scharfkantigen Lavablöcke, durch welche der Weg sich hinwindet, sind entweder mit
hellerer Verwitterungsrinde versehen, oder sehen an der Oberfläche löcherig, wie angefressen
aus. Im Innern bestehen sie aus einem schwarzgrauen, feinkörnigen, doleritischen Lavagestein,
das meist dicht, oft aber auch mehr oder minder porös ist, auch hie und da fast wie halb-
geflossen aussieht. In der feinkörnigen, dichten Grundmasse liegen trikline Feldspathpartikel,
deren nähere Bestimmung mit der Loupe mit Sicherheit nicht festzustellen ist. Man erkennt
vielen Olivin und viele Kriställchen von Magnetit, sowie auch solche von Eisenkies, und wirkt
das ganze Gestein auf die Magnetnadel; einzelne schwarze Kriställchen scheinen Augit zu sein.
Es haben diese Gesteine zum Theil grosse Aehnlichkeit mit den Aetna-Laven, und rechne ich sie
mit Professor Blum zu den Dolerit-Laven. Professor Rosenbusch hat von einem der von mir
mitgebrachten Handstücke (403 meiner Sammlung) Dünnschliffe gemacht und dieselben mikro-
scopisch untersucht. Er nennt das Gestein einen Plagioklas-Basalt, in welchem die kleinen
Feldspath-Lamellen sehr schöne Fluidalstructur zeigen. Den Augit fand er verhältnissmässig
spärlich vertreten, dagegen Olivin reichlich vorhanden.
Oben auf der 695 Fuss hohen Passhöhe steht eine verfallene Hütte, Tal Gading, und
nun geht es'hinab nach Badjulmati. Nach und nach wird der Palmenwald freundlicher, indem
verschiedenes Unterholz erscheint und die Acazien sich mehren, alles in Folge des belebenden
Einflusses des Wassers; zuletzt passirt man auch einzelne kleine Bäche, und schon eine ziem-
liche Strecke vor Badjulmati hat dann der Palmenwald ganz aufgehört. Im Passangrahan
kam ich um 3 Uhr an, von Freund Zollinger aufs herzlichste empfangen. Er hatte den
N en
Morgen bereits dazu benutzt, auf den nahen Abhängen des Buluran nach den Tempelruinen
zu suchen, die einer Mittheilung Junghuhn’s gemäss dort vorhanden sein sollten, hatte aber
nichts auffinden können, wie denn auch die ihn begleitenden Javanen auf das bestimmteste
deren Vorhandensein in Abrede stellten. Dagegen hatten sie auf ihren Streifereien eine
Menge Wild aufgetrieben, namentlich viele wilde Schweine, Hirsche und Pfauen, von denen
diese Waldungen wimmeln.
Badjulmati liegt am Flüsschen gleichen Namens und dort beginnt die Provinz Banju-
wangi; der Buluran selbst liegt eigentlich noch ausserhalb derselben. Hier kann man deut-
lich sehen, dass auf den dunklen Dolerit-Lavagesteinen des Buluran jüngere, gelbgraue Schichten
auflagern, aus Asche, Sand und kleinen Lapilli zusammengebackene tuffartige Gebilde, von
den Javanen Paras genannt. Es rühren diese vom Idjen her und werden wir diese Ge-
bilde von nun an fast überall in den Niederungen wieder finden. Oft von bedeutender
Mächtigkeit, sind sie die erhärteten Schlammströme, die aus dem Idjen oder den anderen zu
dieser Gruppe gehörigen Vulkanen in verschiedenen Perioden herabflossen.. Diese Thätigkeit
der Vulkane der Idjen-Raun Gruppe ist eine relativ neuere, während der Buluran zu den
längst erloschenen Vulkanen Java’s gehört, zu den Vulkanen, die wahrscheinlich alle schon in
vorhistorischer Zeit ihre Thätigkeit eingestellt haben, wie der Gunung Ringgit bei Panarukan,
von dem ich an anderer Stelle nachgewiesen habe, dass er nicht, wie Junghuhn annimmt, im
Jahre 1586 noch einen grossen Ausbruch gehabt habe,!) sondern damals schon erloschen sein
musste, wie der kleine Tembro bei Besuki, wie der Penangungan im Passuruan’schen
und das Brubu-Gebirge, westlich vom Ardjuno. Mit Ausnahme des kleinen Gunung
Tembro sind alle diese Berge colossale Vulkanruinen mit schroffen Zacken und Hörnern,
wahre Lavatrümmerwüsten. Sie bestehen vorzugsweise aus basaltischen und doleritischen
Lavagesteinen, und fehlen ihnen die Tuffe und Schlammströme, sowie die Aschenlagen, also
gerade die Produkte, welche heut zu Tage von den javanischen Vulkanen ausgeworfen werden.
Dies ist auch mit dem Gunung?) Buluran der Fall, dessen wahre Form und Configuration
am besten an seiner Nord-Ost Seite zu erkennen ist, dort, wo er ins Meer hinaustretend, fast
unmittelbar aus demselben aufsteigt und die äusserste Nord-Ost Ecke Java’s bildet. Als ich
später von Banjuwangi nach der Insel Madura überfuhr, habe ich dort angelegt und bin
mit meinem Schiffehen dort über Nacht geblieben; ich füge die dort gemachten Beobachtungen
unten an.
ı) Neues Jahrbuch für Mineralogie von Leonhard und Geinitz Jahrgang 1864.
2) Gunung bedeutet Berg und wird die Bezeichnung auf Java immer beigefügt.
Fe
Der Name Buluran (Bleeker und Hageman schreiben Baluran) soll maduresisch sein;
die Javanen nennen ihn Talaga-wurung, d. h. etwas, was ein See werden wollte, aber es
nicht geworden ist, wohl eine Anspielung auf seinen hufeisenförmigen Krater. Die Seefahrer
nennen ihn Cap Sedano, und früher hiess er auch Sierra di Tjindana oder di Depresada
und Sierra di Pagoda, mit welch’ beiden letzten Namen ihn Houtman benennt, der 1596
dort vorüberkam, nach einem Tempel, einer Pagoda, die damals auf der Höhe an seiner See-
seite gestanden habe, oder auch nach einem Städtchen, das damals an seinem Fuss gelegen
haben soll. Die allgemeine Configuration des Buluran ist die eines isolirt stehenden, breiten,
stark abgestutzten Kegels mit zackigen, zerrissenen Rändern, die im Süden etwas höher an-
steigen als im Norden. Die Aussenwände sind von herabziehenden Rinnen durchfurcht und
erhalten dadurch das rippenartige Ansehen aller Kegelberge. Doch sind die Rinnen im Ganzen
ziemlich seicht und nicht so scharf markirt, als bei den meisten anderen Vulkanen Java’s,
was einfach daher rührt, dass der Buluran aus compactem Lavagestein aufgebaut ist und ihm
alle jüngeren, lockeren Schichten fehlen, in denen die Erosionsrinnen, denn das sind ja die
Barrancos, so leicht sich einschneiden können. Diese eine Thatsache würde genügen, den
Buluran als einen schon in vorhistorischer Zeit erloschenen Vulkan anzusehen, da, wie bereits
Junghuhn nachgewiesen, in historischer Zeit kein Vulkan Java’s mehr geflossene Lavaströme
entsendet hat.
Die schroffen, zackigen Wände des Buluran schliessen in seinem Innern einen ausgedehnten,
alten Krater ein; steil, oft fast senkrecht, umgeben die dunklen Lavawände den Kraterkessel.
An der dem Meere zugewandten Nord-Ost-Seite ist die Kraterumwallung an zwei Stellen
durchbrochen, so dass dadurch der Krater eine hufeisenförmige Gestalt erhält und zwischen
den beiden Oeffnungen ein isolirter Berg entstanden ist, mit steiler Spitze, dessen Innenwände
dem Krater zu weniger steil sind, als seine Aussengehänge. Es sieht fast aus, als ob die
Kraterumwallung dort gesprengt und. ein Theil derselben keilartig herausgetrieben worden
wäre und dabei halb umgekippt sei. Die folgenden skizzirten Ansichten des Buluran — auf
Tafel II — von verschiedenen Seiten aus gezeichnet, werden besser als alle Beschreibungen
den inneren Bau desselben kennen lehren. Fig. 1 zeigt seine Configuration, wie sie sich von
Sumberwaru aus im Osten, Fig. 2 vom Badjulmati gegen Norden zeigt; Fig. 3 giebt die
Ansicht desselben vom Meere aus, dort wo er, nachdem man die Meerenge von Bali, von
Banjuwangi kommend, verlassen hat, in Nord-Nord-West auftaucht, ungefähr zehn Seemeilen
entfernt; die höchste Spitze ist in allen Figuren mit demselben Zeichen versehen. Segelt man
aus der Balistrasse kommend so weit, dass man den Berg, an seiner Ostseite hinfahrend, nun
Abhandl. der Senckenb. naturf, Gesellsch. Bd. IX. 2
ee
im Westen vor sich hat, so sieht man über ein coupirtes, undulirendes, ziemlich kahles, nur
mit vereinzelten Acazien bewachsenes Vorland hinweg auf den vier bis fünf Seemeilen entfernten
Buluran und bemerkt dann an seiner Nord-Ost-Seite das herausgetriebene Stück der Krater-
umwallung, vide Fig. 4. "Hat man das Vorgebirge ganz umsegelt, so stellt sich, wenn man dem
Ufer sich nähert, gen West-Süd-West der Berg dar, wie die landschaftlich Ansicht Tafel II
zeigt. Das schmale Vorland zwischen Buluran und dem Meere in Ost und Nord-Ost ist eine
im Ganzen traurige Ebene, und nur. die Schirm-Acazien bringen einiges Leben in die sonst
öde Landschaft, die jedoch in ihren Farbencontrasten ein eigenthümlich anziehendes Bild ab-
giebt. Von dem blauen Himmel heben scharf sich ab die dunkeln, düstern Zacken des
Buluran, die, soweit sie mit Wald bewachsen sind, eine dunkelgrünliche Tinte zeigen. Die
undulirende Ebene an seinem Fusse ist mit schmutzig gelbem Allang-Allang-Gras bewachsen;
das Land zunächst dem Meere hat eine ziegelrothe Farbe, von dem sich die in grosser Menge,
aber immer nur vereinzelt und weit aus einander stehenden Acazien saftig grün abheben, die
Physiognomie der Gegend wesentlich bedingend. Es ist die schirmartige Albizzia stipulata,
an deren glattem Stamm die Zweige oben fast in horizontaler Richtung sich ausbreiten, mit
ihrem zierlichen‘ feingefiederten Laube eine schirmartige Form bildend., Hart am Meere
gesellen sich dazu einige andere grosse Laubbäume und einige wenige Areca-Palmen. Das
Alles wird umsäumt von dem tiefindigoblauen Meere, zwischen welchem und dem Strande ein
schmaler, weisser Streif sich hinzieht, von weissem Sande herrührend, der in Folge der
Brandung sich dort angelegt hat. In der Ansicht sieht man deutlich die durchbrochene Krater-
umwallung und den isolirten, keilartigen Berg, der Gunung-Talpat heissen soll. Im Jahre
1857 hat Zollinger den höchsten, südlichsten Gipfel des Buluran erstiegen, der nach ihm
Gunung Klossot heisst, und den 'er mittelst der Bestimmung des Kochpunktes des Wassers
zu 4750 Fuss rheinisch berechnet (das Wasser sicdete 100 Fuss unter der höchsten Spitze
bei 203,5° Fahrenheit). Die zweithöchste, rechts von dem gemessenen Gipfel befindliche
Spitze nennen die Javanen Gunung Abing. Von seinem Standpunkte aus constatirte Zollinger
ebenfalls, dass der isolirte Gunung Talpat in eine scharfe Spitze auslaufet),
Mit ähnlichem weissen Sande, wie er am Strande sich findet, ist auch der Kraterboden
bedeckt, und. möchte daraus zu folgern sein, dass dieser Sand dorthin ebenfalls durch den
schlag des Meeres gebracht worden sei, zu einer Zeit,. als Ost-Java noch nicht bis zu
ellen g 8
?) Natuurkund: Tijdschrift vor Nederl,-Indie. Jahrgang 1857.
ee
seiner heutigen Höhe aufgestiegen war, also das Meer dorthin eindringen konnte. Es ist dies
um. so wahrscheinlicher, als die geologischen Verhältnisse an der später zu erwähnenden
Klippe Batu-dodol das Aufsteigen Ost-Javas in relativ neuer Zeit ausser Zweifel setzen.
Allerdings wäre es aber auch immer möglich, dass der Sand auf dem Kraterboden in einem
früheren Kratersee sich abgelagert habe, welcher Kratersee erst später seinen Abfluss in’s
Meer fand.
Die an der Nord-Ost-Seite des Buluran von mir gesammelten Gesteine sind ganz die
bereits beschriebenen schwarzen und. schwarz-grauen Dolerit-Laven, die wir von der anderen
Seite bereits kennen; ausserdem finden sich noch rothbraune Lavablöcke, in denen deutlich
trikliner und zwar farbenwandelnder Feldspath zu erkennen ist, wie auch kleine Magnetit-
körnchen. Das mehr oder minder poröse Gestein enthält viele kleine Hohlräume, die offenbar
erst durch Zersetzung eines Minerals entstanden sind; sie sind mit einem steinmarkähnlichen
Minerale ausgekleidet, das mit Säuren nicht braust. Auch Brocken eines weissen Quarzes
finden sich hie und da umherliegend.
Fassen wir nun das Gesagte zusammen, so ergiebt sich Folgendes: Der Gunung
Buluran ist ein isolirt stehender, erloschener Eruptionskegel, mit grossem Kraterkessel. Er
hat seine Kraterwände, d. h. sich selbst durch überfliessende Dolerit-Lavaströme aufgebaut, und
ist später seine Kraterumwallung durch eine Explosion gesprengt und ein Stück heraus-
getrieben worden. Da ihm alle jüngeren, für die heute in Ost-Java thätigen Vulkane so
charakteristischen Gebilde fehlen, nicht allein die Schlamm- oder Parasströme, sondern auch
alle Tuffe, Lapilli und Aschenschichten, so muss sein Erlöschen bereits in vorhistorische
Zeit fallen. Denn entweder hat er nie solche Produkte in nur einigermassen bedeutender
Menge ausgeworfen und nur geflossene Lavaströme entsendet, wo dann eo ipso seine Thätig-
keit in vorhistorische Zeit fallen muss; oder aber diese leichteren Auswurfsprodukte, die er
einstmals ausgeworfen haben könnte, sind weggespült worden, sei es, dass der Vulkan als
untermeerischer zu einer Zeit thätig war, in der ein grosser Theil des heutigen Ostjavas noch
nicht über das Meer herausragte, oder sei es dadurch, dass durch die Athmosphärilien
im Lauf der Zeit alle diese leichteren Auswurfsproducte weggeführt worden sind, welch
letzteres, wenn überhaupt möglich, eine ungemeine Zeitdauer voraussetzen liesse. Immer
ergiebt sich somit, dass die Thätigkeit des Buluran in weit vor der historischen Zeit zurück»
liegenden Epochen stattgehabt haben müsse; am wahrscheinlichsten ist, dass die Zeit seiner
Thätigkeit in die Tertiär-Zeit falle. Von irgend einem Ausbruch des Buluran in historischer
s
RR
Zeit meldet auch die Sage nichts und als im Jahre 1597 der bekannte Seefahrer Cornelis
Houtman dort vorbeifuhr, war das ganze Aussehen des Buluran vollständig wie heute. Da-
mals aber war die Gegend bevölkerter, als sie es jetzt ist, denn Houtman erzählt nicht allein,
dass eine Pagode auf seinen Höhen gestanden habe, sondern dass drei Städtchen dort am
Meere in der Nähe lagen, von denen er das eine Chandana nennt, das andere unmittelbar
am Fusse des Buluran gelegene Pracada)).
‘) India orientalis, Theil II, Seite 161. Frankfurt am Main 1599.
Zweite Abtheilung.
Die Provinz Banjuwangi.
Abschnitt I.
Die Niederungen und das Hügelland.
1, Die Klippe Batu-dodol.
Die Strasse von Badjulmati nach Banjuwangi führt anfänglich durch theilweise noch
öde Gegend, dann aber durch eine, aus dichtem Unterholze und mancherlei hochstämmigen
Bäumen bestehende dicht bewachsene Waldwildniss. Bis nach Banjuwangi sind es 23 Pal
mit vier Poststationen: Bengalingan, Sumur, Batu-dodol und Ketapang; wir wechselten
jedoch nur einmal die Pferde zu Batu-dodol, wo Relais gelegt war. Die Furcht vor
den wilden Thieren ist so gross, dass trotzdem, dass die meist einsam am Weg gelegenen
Poststationen mit hohen Pallisaden umgeben sind, man doch dort keine Pferde hält, sondern
dieselben immer für den jeweiligen Bedarf von Banjuwangi kommen lässt. Die zum Behufe
der Postbeförderung und zur Unterhaltung der Strasse auf den einzelnen Stationen wohnenden
Leute erhalten von der Regierung das nöthige Land zum Bebauen abgabefrei und haben dafür
die erwähnten Frohndienste zu thun.
Bei Batu-dodol erreicht man das Meer und die Station liegt hart an der Balistrasse,
dort wo sie am schmalsten ist, eine halbe deutsche Meile ungefähr breit. Dort befindet sich
auch eine Wachtstation und von Sträflingen wird in einer alten Korallenbank Kalk gebrochen
und zu Bauzwecken gebrannt. Die Sträflinge werden sehr human behandelt und gestattet man
den Gebesserten . ziemliche Freiheit, so dass man ihnen sogar erlaubt, in fremde Dienste zu
treten. Der erwähnte junge Javane, der mir in Sumberwaru Zollinger’s Brief gebracht hatte,
war, wie ich nun erfuhr, ein solcher Sträfling. Für gewöhnlich dürfen sie keine Waffen
tragen, hier aber hatte man es ausnahmsweise gestattet, wodurch seine Bewaffnung mit einer
Pe
Flinte sich erklärte. Für das des Landes kundige Auge konnte aber ‚dennoch kein Zweifel
obwalten, dass man keinen freien Mann vor sich habe; denn der Kris, das dolchartige
Schwert, den jeder freie Javane hinten im Gürtel trägt, als Zeichen, dass er kein höriger
Mann sei, fehlte ihm.
Die Aussicht links auf’s Meer und zur Insel Bali, so wie rechts auf die hohe Vulkankette
mit dem rauchenden Idjen ist grossartig. Bei Batu-dodol führt die Strasse über mehrere
niedere Rücken, die einem geologisch wichtigen Basaltstrom angehören. Da es schon sehr
spät am Tage war, so hielten wir uns für diesmal dort nur kurze Zeit auf, später bin ich
aber an diese Stelle zurückgekehrt und habe die Verhältnisse dort näher untersucht, über die
ich bereits 1865 im »Neuen Jahrbuch für Mineralogie« von Leonhard und Geinitz kurz be-
richtet habe.
Direct aus dem Meere erhebt sich an 50 Fuss hoch über dasselbe, steil abfallend, eine
Basaltklippe, die in einer Breite von über hundert Fuss blosgelegt ist. Landeinwärts ist der
Basalt von jüngeren vulkanischen Gebilden bedeckt, Sand, Asche, Lapilli und Paras, die von
späteren Ausbrüchen des Idjen herrührend in terassenförmigen Stufen zu demselben, der in
gerader Richtung ungefähr zehn Pal entfernt ist, aufsteigen. Die Basaltklippe ist das Ende
eines in vorhistorischer Zeit dem Idjen entflossenen Lavastroms, der sein Berggerüste mit
aufbauen half. Bei Batu-dodol bricht dieser Strom plötzlich ab, prallig steil in’s Meer
hinabfallend, wo er die erwähnte Klippe bildet, und kann es dem Beobachter an Ort und
Stelle nicht zweifelhaft sein, dass einstmals der Lavastrom in’s Meer geflossen sein müsse, sich
beim Erkalten stauend, und so untermeerisch die Wand sich aufgebaut babe. Die Textur des
Gesteins ist eine sehr ausgesprochen concentrisch-schalige, und zugleich ist dabei die ganze
Wand von radialen Klüften fächerförmig durchzogen, wodurch alles in cubische Stücke getheilt
wird, die oft kaum einige Kubikzolle gross sind, und an solchen Stellen die Klippe wie aus
scharfkantigen Basaltstücken mosaikartig zusammengesetzt erscheint. J unghuhn in seinem
Werke, über Java, Band II. Seite 678 ff. erwähnt die Klippe ebenfalls, ohne jedoch die Um-
gebung näher untersucht zu haben; er nennt sie Batu-tutul, was getüpfelten Stein bedeuten
würde, welchen Namen er mit der mosaikartigen Zerklüftung in Beziehung bringt, Der wirk-
liche Name des gleichmässig tiefschwarzen, keineswegs getüpfelt ausschenden Gesteins ist Jedoch
Batu-dodol, von Batu: Stein, Fels, und dodol: eine tiefschwarze, süsse Fruchtgallerte, die
würfelförmig geschnitten auf den Märkten Java’s als Zuckerzeug verkauft wird. An diese
Gallertwürfel hat das zerklüftete, schwarze Gestein die ‚Javanen erinnert.
Ungemein lieblich ist es hier unten am Meer, wo vorspringende, in’s Meer hinaus sich
ziehende Basaltfelsen am Fusse der steilen, oben von dichtem Gebüsch bis zum Strande be-
wachsenen Klippe einen gegen Brandung und Wellenschlag geschützten, ruhigen Badeplatz
bilden, kühl durch die überhängenden Gesträuche; einen reizenderen Badeplatz kann man in
der That sich kaum denken. Aus den Klüften der Basaltwand dringen einige Süsswasserquellen
hervor, manchmal selbst fontainenartig in schwachen Strahlen springend, die sich unten, hart
am Meere, zu einem kühlen Brunnen mit ausgezeichnetem Trinkwasser vereinigen, das weithin,
ja bis nach Banjuwangi geholt wird. Dem für Naturschönheiten und Merkwürdigkeiten so
empfänglichen Javanen ist der lauschige Badeplatz mit seinen kühlen Quellen eine heilige
Stätte; dort opfert er Blumen, Früchte und Geldstücke, und kein Wanderer geht wohl vorbei,
ohne sich im Bade oder mit einem kühlen Trunke zu erfrischen, um so mehr, als das Wasser
für wunderthätig gilt. Niemand wird den heiligen Platz zu verunreinigen oder dort etwas
wegzunehmen wagen, denn sicher würde ihn sofort Setang, der Teufel, dafür strafen,
So weit das Meer mit seinem Wellenschlage die zerklüftete Klippe bespült, hat sich
vielfach in den Rissen und Spalten Kalk abgesetzt. Kalk hat sich aber auch dort angesetzt,
wohin heute, selbst beim stärksten Sturme, keine Welle mehr hingelangen kann. In einer
Höhe von eirca 50 Fuss über dem Meere findet sich etwas landeinwärts eine wahre Breccie,
in der scharfkantige Basaltstücke, die nicht selten in Palagonit übergehen, und jüngere vul-
kanische Tuffe durch Kalk verkittet sind; ähnliche Stücke bringt der Bach selbst noch von
weiter oben herab. Das sind aber nicht die einzigen Spuren von Kalk. An den Basaltstrom
sich anlehnend und grösstentheils ihn überlagernd, in einer Höhe von mindestens 30, ja bis
zu 50 Fuss über dem Meere, liegt ein gut 30 Fuss mächtiges Korallenriff, voller Astraeen
und Madreporen, in dem noch einzelne unbestimmbare Steinkerne von Bivalven sich finden.
Der Kalk dieses ausgedehnten, alten Riffes ist mürbe und gelblichweiss, und es enthält viele
Höhlen, in denen Schwärme von Fledermäusen hausen. Diesen Kalk bricht und brennt man
dort. Nirgends ist das Kalkriff vom Basalt oder einem anderen Vulkangesteine durchbrochen,
sondern es liegt vielmehr ganz normal auf dem Basalte auf, als einheitliche Masse; es ist somit
jünger als dieser. Da aber auch die viel jüngeren Tuffe dort nicht selten durch den Kalk zu
einem Conglomerat verkittet sind, so ist somit dieser Kalk selbst noch jünger als diese
vulkanischen Tuffe. Es hat sich somit das Kalkriff jedenfalls abgesetzt, als das ursprüngliche
Basaltgestein noch vom Meere bedeckt war, und ist es erst später mit ihm zu seiner jetzigen
Höhe gehoben worden.
Allzuweit kann diese Hebung nicht zurückliegen, wie sich schon aus der Cementirung
der neueren Tufte schliessen lässt. Herr de Fromentel, der gründliche Kenner der Korallen,
Ber 1
hat die von mir mitgebrachten Korallen bestimmt. Die am häufigsten vorkommenden hat er
als eine Prionastraea, species indeterminata, erkannt, eine Gattung, die gar nicht fossil vor-
kommt, sondern nur der Jetztzeit angehört. Die andere, weniger häufige, ist Madrepora
deformis Dana, oder vielleicht abrotonoides (nicht zu verwechseln mit Heliopora deformis,
Michelin — Madrepora deformis Milne Edw., die eine tertiäre Form ist und die Fromentel
Madrepora Michelini nennt). Die Madrepora deformis Dana, ist aber eine nur recente
Species. Dabei bemerkt Fromentel, dass wenn auch der Habitus der fraglichen Korallen
einigermassen denen der jüngsten Tertiär-Zeit nahestehe, er sich doch dahin ausspreche, dass
sie als der Jetztzeit angehörig anzusehen seien, oder genauer, dass er sie als gleichzeitig be-
trachte mit den recenten, versteinerungsführenden Ablagerungen Egyptens. Somit kann die
Bildung des Korallenriffs jedenfalls nicht tiefer als in’s sogenannte Diluvium hinabreichen und
seine Hebung muss noch später erfolgt sein, wahrscheinlich in Folge einer heute noch fort-
dauernden säculären Hebung. Junghuhn hat früher schon nachgewiesen, dass an der Süd-
westküste Java’s jüngere Korallenriffe auf 15, 25, ja bis 50 Fuss Höhe gehoben sind. Durch
die Klippe Batu-dodol wird nun des Weiteren bewiesen, dass dies ebenfalls an der Ostküste
stattfand, wodurch also es nicht allein wahrscheinlich, sondern sicher wird, dass ganz Java einer
fortdauernden, säculären Hebung unterworfen sei.
Das Gestein der Basaltklippe ist kohlschwarz von Farbe, flachmuschlig im Bruche und
so feinkörnig, dass es meist vollkommen dicht und compact erscheint. Es schmilzt nicht all-
zuschwer vor dem Löthrohre zu schwarzem, magnetischem Glas und giebt es Eisenreaction mit
Borax. Das ganze Gestein wirkt auf die Magnetnadel. Das spezifische Gewicht ist 2,56,
steigt jedoch in einzelnen Hanistücken bis 2,76. Schon mit blossem Auge sieht man bei auf-
fallenden Sonnenstrahlen das ganze Gestein mit flimmernden Pünktchen übersäet; unter der
Loupe erscheint es kristallinisch und die fimmernden Punkte in der dunklen, dichten Grund-
masse erweisen sich als weissen Feldspath, der manchmal auch in Nädelchen erscheint und
dann Farbenwandlung zeigt. Ausserdem liegen viele kleine Körnchen von Magnetit darin, so
wie auch, jedoch seltner, Olivinkörner. Nach oben geht das Gestein in eine Varietät über,
die gröber kristallinisch ist und porös wird, und die also, über dem dichten Basalte liegend,
eine raschere Abkühlung erlitten hat. Da die Feldspathkryställchen hier etwas grösser sind,
so lassen sie sich deutlicher untersuchen, und zeigen sie, namentlich bei auffallendem Lichte,
zuweilen deutlich trikline Streifung und nicht selten Farbenwandlung. Auch Augit entdeckt
man hie und da. An dieser Varietät sieht man auch kleine Hohlräume, die jedenfalls erst
nachträglich durch die Verwitterung eines Minerals entstanden sind; sie sind mit Caleit aus-
Be
gekleidet und braust schon. in deren Nähe das Gestein bei Betupfen mit Salzsäure, wie das
auch die dichte Varietät auf. ihrer. vom Wellenschlage ‚geglätteten Oberfläche thut. Ausser
diesen porösen Gesteinen ,kommen auch ‚Uebergänge in Palagonit vor; die dichte ‚Varietät
bildet ‘aber immer die. Hauptmasse der Klippe. Im ‘Laboratorium des Herrn. Professor
Wislicenus in Zürich wurde von. Herrn Dr. Coray das. Gestein analysirt und ergaben sich:
Aufschliessbar in Salzsäure‘ .... . 19,66 Theile.
Nicht;;aufschliessban; id. aorlas 7911 12: >
Wassergehalt wine .senihedam ie 1,31...»
Summa 100,08;
und wurden folgende Bestandtheile gefunden:
Im | Im ER | "Sauerstoff-
Löslichen. | Unlöslichen. Gehalt.
Ssio? 4.31 49.73 54. 04 28. 82 Bi
A120? 2.53 14.187. 13. 90 6.49 | 11
Fe?03 Kent) 8.22 15.41 4. 62 |
MgO 1.90 1.94 3.84 1.193 15.83
CaO 1.97 7.85 9. 82 2.80 | |
K:0 0.69 Spur 0.69 0.12 la
Na?O 1. 07 Spur 1. 07 0.127 |
Total | 19.66 |) 79.11 0|' 98,77
hiezu Wasser Dr
Summa 100. 08
wonach sich das’ Sauerstoffverhältniss stellt von
RO : R203 : SiO? (unter RO sind auch die Alkalien begriffen)
wie 4,72: 11,11 : 28,82
ouer: 1,27: 8 . "TE
und der Sauerstoffquotient sich berechnet auf 0,549.
Bei diesen Resultaten der Analyse fällt zunächst auf, dass alle Alkalien im Löslichen
sich vorfanden, also leicht zersetzbare Feldspäthe vorhanden sein müssen. Dann fällt auf der
hohe Gehalt an Kieselsäure überhaupt, namentlich aber im Unlöslichen, der auf Prozente
berechnet darin 62,86 beträgt. Da Salzsäure bei längerer Einwirkung nicht allein den Magnetit
auflöst und den Olivin zersetzt; sondern auch eine theilweise Zersetzung der Feldspäthe ver-
Abhandl. d. Senekenb. naturf. Ges. Bd. IX, ®
= gg —
anlasst, so muss ein Theil der im Löslichen gefundenen Bestandtheile diesen Feldspäthen an-
gehören. Aehnlich verhält 'es sich "mit dem 'Augit, der auch, mit Salzsäure behandelt, etwas
sich zersetzen kann. Es darf desshalb wahrscheinlich nicht aller Eisengehalt im Löslichen dem
Magnetit zugeschrieben werden, und ebenso nicht aller Magnesia-Gehalt darin dem Olivin;
doch können diese vom Augit herrührenden Bestandtheile immer nur unbedeutend sein, ’ Leider
hat bei der Analyse keine Trennung des Eisenoxyds ‘vom Eisenoxydul stattgefunden, indem
alles als Oxyd berechnet ist; doch geben hier die Angaben‘ bezüglich des Löslichen einen
Anhalt. Im Löslichen müssen nämlich unbedingt sein alle Bestandtheile des Olivins und
Magnetits, und lassen wir die vom Augit allenfalls darin vorkommenden Bestandtheile ausser
Acht, so kann man sagen, dass sämmtliche Magnesia im. Löslichen vom 'Olivin, sämtlicher
nach Abzug des-Olivins übrigbleibender-Eisengehalt vom Magnetit-herrühre, Nach der -Olivin-
Formel entsprechen den 1,90 Theilen Magnesia im Löslichen: 1,51 SiO? und 0,33 FeO;
ziehen wir also dies ab und ebenso alles Eisenoxyd, so bleiben:
Luöglichen, Unlösliches. | Zusammen. Ban ea
sio! 2,80 49,73 52,53 28,01 00) | 28,01
Al?O° 2,53 11,37 13,90 6,49 6,49
FeO 0,00 7,40 7,40 1,64 |
Cao 1,97 7,85 9,82 2,80
MgO 0,00 1,94 1,94 0,77 \ı 5,60
K:0 0,69 0,00 0,69 0,12 |
Na?O 1,07 0,00 1,07 0,27 |
wobei das Eisen als Oxydul in Rechnung gebracht: ist, anstatt des nach-.der Analyse ‚erhaltenen
Oxyds, da im -Augit dasselbe nur als solches sein ‘kann (8,22 Fe?0°? = 7,40 FeO).
Nun berechnet sich das Sauerstoffverhältniss
RO :R?03: SiO?
5,60 :6,49:: 28,01 :oder
2,588 :11,8 +,12,947
Für 'Augit in Abzug gebracht nach»der
Formel RO : Si O®»=ilid ni ds 15880. —, 1:8,176
bleiben 1208 0109,771
welches Verhältniss in Berücksichtigung, dass ein Theil des 'Eisens im: Löslichen ebenfalls ‚FeO
,
an
sein wird, von Augit herrührend, der Formel’ für Oligoklas 1:3: 9 entsprechen würde, und
zwar einem kalkreichen. Dagegen spricht aber: das Verhalten gegen Salzsäure, die jedenfalls
einen Theil ‚des Feldspathes‘ zersetzt hat... Dies, sowie die Farbenwandlungen, die «man hie
und da deutlich mit der’Loupe beobachten kann, würden für Labradorit sprechen, der aber zu
basisch ist gegenüber dem gefundenen Kieselsäuregehalt. Es bleibt, somit nichts. anderes übrig,
als ein Gemenge von zwei Feldspäthen anzunehmen, eines basischeren Natron-Feldspaths mit
grossem Kalkgehalte, dem Labradorit ungefähr entsprechend, und eines saureren allenfalls
von der: Albit-Formel, in dem jedoch auch die. Alkalien zum. grossen Theil durch Kalk ver-
treten sind. Nach der Tschermak’schen' Ansicht, wonach alle Kalk-Natronhaltigen Feldspathe
Verwachsungen der zwei Species Anorthit und Albit wären, würde sich, wenn man daran fest-
hält, dass die Erden nicht isomorph mit den Alkalien wären, folgendes berechnen:
Wir hatten früber 23%. 2.0.00. (R+R2) 0: R208: SiO?
5,600 :,6,490 28,010
davon wie früher den Augit abgezogen 3,436 — 6,872
bleibt für die Feldspäthe 2,164 . : 6,490 :21,138.
Unter (R-H-R2)O sind begriffen die Erden (Kalk, Magnesia) und Eisenoxydul, so wie
die. Alkalien und zwar
0,930 ‘R?O (Alkalien)
1,234. RO (Erden).
Die Kieselsäure, welche den Erden entspricht, giebt
2X 1,234 — 2,468. 0.
Die Thonerde, welche den Erden entspricht, giebt
36 123487030
und die dieser Thonerde entsprechende Kieselsäure
23. % 3,702 — 2,468 0.
Ziehen wir dies ab, so bleiben für die reinen, Alkali-Feldspathe:
R2O :,R20? ; SiO?
oder sl A: aa,
und für die Kalkfeldspathe 1,234 :3,70:4,938
oder 0,99 218.2 4
Das ‚letztere Verhältniss; entspräche ganz dem Anorthit, während jedoch das erstere
1:3:17,49 auf einen viel saureren Feldspath hinweist, als die sauerste Species, der Albit, ist.
ea
a
Freie Kieselsäure, der man den ‘hohen Kieselsäure-Gehalt. zuschreiben könnte, ist in dem
Gestein nicht vorhanden, wie auch Professor Rosenbusch’s mikroskopische Untersuchung be-
weist. Jedenfalls ist dieses Gestein keine Bestätigung der Ansicht, dass Alkalien und Erden
absolut nicht isomorph seien, und wird es wahrscheinlich, dass: Magnesia "wenigstens die
Alkalien ersetzen könne. Eine genaue Berechnung: darauf ist aber unmöglich, da nicht con-
statirt werden kann, wie viel Magnesia (ebenso Kalk und Eisenoxydul) ‘dem’ Feldspath, wie
viel dem Augit angehört.
Von den mir bekannten Analysen ähnlicher Gesteine kommt die der Lava des Gunung
Slamat auf Java (Prölss im »Neuen Jahrbuch für Mineralogie« 1864) der oben mitgetheilten
am nächsten; dann ist ähnlich das von Deville analysirte Gestein von Mallorquines auf
Tenerife (Roth, Gesteins-Analysen, Seite 43, Nr. 32). Herr Professor Rosenbusch hat diese
Gesteine einer eingehenden mikroskopischen Untersuchung unterworfen ‘und verweise ich des
Näheren auf seine werthvolle Arbeit. Von drei Handstücken meiner Sammlung hat derselbe
Dünnschliffe gemacht, von Nummer 460, 464 und 465. Nummer’ 460 ist dasselbe, von dem
die oben gegebene Analyse vorliegt, und constatirt das'Mikroskop darin triklinen Feldspath,
Augit, Magnetit und Olivin, letzteren: zwar nicht spärlich, aber doch nicht so häufig, 'als man
erwarten könnte; auch der Magnetit-Gehalt ist nicht so häufig, als mai ihn 'im Basalt/sonst
zu sehen gewohnt ist. Ob der trikline Feldspath Oligoklas oder Labradorit sei, hat das
Mieroscop nicht entschieden. — In Nr. 464, einer grobkörnigen, mehr auskrystallisirten
Varietät, finden sich die Olivine nur spärlich; einige Schliffe weisen gar ‚keinen nach. Ausser
dem triklinen, schön gestreiften, farbenwandelnden Feldspath bemerkt man in spärlicher Zahl
auch solchen ohne Streifung, und bemerkt hiezu Professor Rosenbusch: »Ob’ man diesen für
Sanidin ansprechen muss, oder ob man die Existenz einfacher Individuen eines triklinen Feld-
spathes annehmen will, bleibe dahin gestellt.« Dabei ist noch zu erwähnen, dass ausser dein
Magnetit noch Täfelchen von Eisenglanz sich darin finden. In Nr. 465, einem Gesteine, das
sich im Punkte der krystallischen Entwickelung nahe an 460 anschliesst, Konnte dagegen das
Mikroskop gar keinen Olivin auffinden.
Unser Gestein besteht somit, wie..auch die mikroskopische Untersuchung bestätigt hat,
aus einem Gemenge von triklinem Kalkfeldspath, Augit, 'Magnetit mit mehr oder weniger
Olivin, aber dennoch können wir dasselbe, vor Allem im Hinblick auf die Analyse, nicht einen
"eigentlichen Basalt nennen. Es ist saurer, als "die eigentlichen Basalte es sind, und sein
Kpeeifischös Kewieht Diet Tbedeutend' geringer, als diesen zukommt.‘ Auch der Magnesia-Gehalt
ist geritg,"ind=weag“nanorit von Fritsch und Reiss (geologische Beschreibung von Tenerife,
Seite 386) nur diejenigen Gesteine zu den Basalten rechnet, bei denen auf ein Aequivalent
Kalk mindestens ein Aequivalent Magnesia kommt, so wäre das Gestein von Batu-dodol zu
den Doleriten (Anamesiten oder den Basaniten, wie sie Fritsch und Reiss nennen) zu rechnen,
nicht aber zu den Basalten. Seine chemische Constitution steht sogar manchen Pyroxen-Andesiten
(Trachydoleriten Abich’s) nahe, so dass, wenn das Gestein auch entschieden noch zur basaltischen
Gruppe gezählt werden muss, es doch an’der äussersten Grenze dieser Gesteine steht, den
Uebergang zu den Augit-Andesiten bildend.
2. Provinz und Stadt Banjuwangi.
Von Batu-dodol führt die Strasse längs des Meeres hin, eine ganze Reihe demselben
zufliessender Bäche übersetzend, durch mit Wald und Gestrüpp dicht’ bewachsenes Paras-Land.
Bei Ketapang steht ein colossaler Baum, (der. 'den Schiffern als Wahrzeichen dient, und geht
von dort’an'der Weg landeinwärts. Es mehren sich dann die Zeichen der Cultur; Reisfelder
breiten’ sich aus, Kaffeepflanzungen erscheinen, sowie ‘andere Cultur-Pflanzen, worunter die
Cocos-Palmen. "Erst lange''nach Sonnenuntergang, 'als schon längst «der Mond am Himmel
stand, kamen wir nach Banjuwangi, wo wir im leidlichen Gasthause uns einquartierten.
Banjuwangi,'an der Mündung des gleichnamigen Flusses (Banju : Wasser, wangi : wohl-
riechend; duftend) und hart am Meere, liegt nach dem Almanak voor Neederl. Indie in 8° 12‘
50,3 südlicher‘Breite ‚und‘ 114° 22° 32,1“ östlicher Länge von Greenwich. ' Es besitzt das
kleine Fort Utrecht und ist der Sitz der ‘obersten Provinzialbehörde. Es ist eine der sehönst
gelegenen Städte Javas, gilt “aber der Sümpfe in der Umgegend halber als ungesund. ‚Seine
Bevölkerung bestand‘ damals aus ungefähr 10000 Seelen, die wie die Bewohner der ganzen
Provinz hauptsächlich 'eingeborene Javanen sind, dann ’aber: auch eingewanderte Malaien,
Maduresen, Manduren (von Celebes), Araber und namentlich Balinesen, sowie Chinesen. Bei
den eingebornen Javanen "haben "sich 'hier mehr Reste ihres alten Shiwa-Cultus erhalten, als
sonst auf Java, wenn sie auch dem Namen'nach Muhamedaner sind.
Die ‘von Bali! gekommenen Einwanderer sind alle Shiwa-Bekenner,' in der Form, wie
heute auf Bali'der Hindu-Cultus‘ herrscht. Die Chinesen haben zu Banjuwangi eine Pagode,
die im besonderen ‘Rufe der Heiligkeit steht. Die Paar: steinernen Häuser des Städtchens sind
theils Amtsgebäude, theils wohnen in ihnen die wenigen Europäer oder deren«Abkömmlinge ;
22
die übrige Bevölkerung ‘wohnt meist in Bambushütten. Wegen seiner Position an der Bali-
strasse, wodurch es dieselbe beherrscht, ist Banjuwangi ‘von bedeutender. Wichtigkeit, doch
liegen kaum 50 Mann Soldaten im Fort. Es ist ein ziemlicher Handel dort und von grossem
Belange ist das ausgezeichnete Trinkwasser, welches das Flüsschen liefert. Das veranlasst auch
die nach Europa. heimkehrenden Schiffe, die fast alle die Balistrasse passiren, dort anzulegen
und ihren Trinkwasserbedarf einzunehmen, zu welchem Zweck eine eigene Wasserleitung
angelegt ist. An einem grossen Platze am Meere stehen die Amtsgebäude und die Wohnungen
des Residenten, des Arztes, sowie das Gasthaus und eine ganze Reihe Kaffeehäuser. Der
eigentliche Gemeinde-Platz, der Alun-Alun, ist schön und gross und stehen in seiner Mitte
vier prächtige, colossale Waringibäume, welche die offene Gerichtshalle umgeben; schöne
Alleen ziehen sich an seinen Seiten hin und bietet der Platz einen sehr pittoresken Anblick.
Dort steht auch die Wohnung des Regenten, des inländischen Beamten, sowie das Gefängniss
nnd die Moschee, ein einfaches, mit Stroh gedecktes Gebäude.
Bekanntlich ist’ Java in eine Reihe von Provinzen, Residenzien genannt, getheilt, deren
jeder ein europäischer Beamter, der Resident, vorsteht, eine Art Präfeet im französischen
Sinne. Bei dem Anschen, das bei der Bevölkerung der alte javanische Adel geniesst, hat die
holländische Regierung aber zugleich den Grundsatz .adoptirt, dass alle administrativen An-
ordnungen’ durch inländische Beamte, die man aus den angesehensten Adelsfamilien nimmt,
durchgeführt werden, und ist jede Residenzie in Distriete getheilt, je mit einem solchen in-
ländischen Beamten, dem Regenten, ander Spitze, während ihm zur Seite, ihn controllirend,
ein europäischer Beamter, der Assistent-Resident, steht. Bei dieser: geschickten Verwendung
des einheimischen Elementes geht die Verwaltung leicht von Statten, in den Augen der Be-
völkerung gilt der Regent als höchster Distrietsbeamter, während er in der That nur die ge-
gebenen Anordnungen auszuführen hat. Dabei ist der Regent pecuniär immer sehr gut gestellt,
ja selbst besser als die Residenten, und hauptsächlich auf Tantiemen, von den erzeugten Pro-
ducten (Kaffee, Zucker etc.) angewiesen, so dass er ein Interesse daran hat, dass möglichst
viel Land «eultivirt wird.‘ Gar mancher Regent hat dadurch eine Einnahme von mehr wie
2000 Gulden monatlich. Die Provinz Banjuwangi steht, wie alle übrigen Provinzen, direct
unter der Regierung in Batavia, aber ihrer dünnen Bevölkerung wegen führt der oberste
Beamte nur den: Titel und Rang eines Assistent-Regenten. Herr Ch. Bosch, ein um die
ethnographische Erforschung des Landes sehr verdienter Mann, bekleidete damals ‚diese Stelle ;
er ist es, der zuerst den Vulkan Argopuro mit ungemeinen Mühseligkeiten bestiegen hat,
die so ‚gross waren, dass wenig fehlte, die ganze Expedition wäre in’ den Urwäldern durch
Hunger zu‘ Grunde gegangen. © Ich‘ versäumte natürlich nicht, ihn ‚sofort aufzusuchen, ihm
meinen Pass einzuhändigen und ihn um die Erlaubniss zu ersuchen, in seiner Provinz ‚mich
aufhalten und reisen zu dürfen. Es war das damals gerade keine leere Formalität auf Java,
wie nachstehendes Erlebniss beweist. Jeder Ausländer, .der- Java bereisen wollte, musste, da-
mals wenigstens, von der Central-Regierung in Batavia dazu die Erlaubniss haben und hatte
zu dem Ende zwei ansässige Europäer als Bürgen zu stellen, worauf ihm dann: der nöthige
javanische Pass zugestellt wurde; bevor dies alles in Ordnung, war es jedem Capitain der
Postdampfer verboten bei 10000 Gulden Strafe, einen Reisenden mitzunehmen: Ich hatte nun
die Absicht, von Batavia direct mit dem Dampfschiff nach dem Osten, ‚nach Surabaya, ‚zu
fahren, und da das Schiff nur alle acht Tage ging, benutzte ich die’Zeit: bis zur Ankunft
meines Passes zu einem: Ausflug in das nahe Buitenzorg, dem einzigen Orte ausserhalb
Batavia’s, wohin man ohne Pass reisen konnte. Dabei hatte ich den englischen Generalconsul,
der einer meiner Bürgen war, gebeten, mir sofort nach Buitenzorg zu telegraphiren, wenn der
Pass unterschrieben sei, um ‘dann 'keine Zeit zu. verlieren. So erhielt ich. eines Tages zu
Buitenzorg eine Depesche mit einem ‘Schreiben des General-Sekretairs der Regierung, worin
mir gemeldet wird, der Pass sei unterschrieben, es könne) aber noch ein paar Tage anstehen,
bis er auf geschäftlichem Wege mir zukomme; einstweilen könnte ich aber auf dem Dampf-
schiffe Passage belegen, was ich’ denn auch that, und dann ‚nach Zustellung des Passes abreiste,
Von Surabaya, der grossen Handelsstadt des Ostens von Java, machte ich nun meine
Streifereien und benutze ich die Gelegenheit, dem damaligen Residenten von Surabaya, spätern
Rath von Indien, Herrn Van der Wijck, meinen Dank auszusprechen für die freundliche
Aufnahme, die so weit ging, dass er mich sogar einlud, ihn auf einer seiner Dienstreisen ‚zu
begleiten. Aehnliche Aufnahme wurde mir auf dem gastfreien Java fast überall zu Theil... Nur
in Bezuki war das anders. Als ich nämlich dem dortigen Residenten meinen Pass: präsentirte
mit der Bitte, mir die zu meinem Weiterkommen nöthigen Postpferde gegen die festgestellte
Taxe anzuweisen, bemerkte derselbe, der Pass sei freilich in Ordnung, ‚aber dennoch könne er
mich nicht weiter reisen lassen. Es‘sei nämlich üblich, dass allen’ Residenten direct jedesmal
von Batavia mitgetheilt werde, wann und an wen ein Pass ausgestellt sei; bezüglich meiner
habe er aber diese Anzeige noch nieht erhalten. Glücklicherweise hätte ich das oben erwähnte
Telegramm mit dem Schreiben des:Generalsekretairs bei mir, was ihn dann bezüglich meiner
Person beruhigte und ihn endlich bestimmte, mich. meine Reise, fortsetzen zu lassen. Es mag
dies als Warnung, ‚für Reisende dienen, es auf Java mit Passangelegenheiten nicht zu. leicht
zu nehmen; ob in neuester Zeit es hierin anders geworden, weiss ich nicht. Von Herrn
Si > OA
Bosch wurde’ ich aufs freundlichste aufgenommen und sicherte er. mir für alle meine Streifereien
vollste Unterstützung zu;. ja er stellte selbst 'gemeinschaftliche 'Exeursionen in Aussicht, die
auch wirklich unternommen wurden.
Die Provinz Banjuwangi ist 2017 ‚Quadrat-Pal oder ‚80,68 deutsche Quadratmeilen
gross, aber in Folge von Kriegen und Seuchen sehr entvölkert, so dass erst in neuerer Zeit
bei geordneteren Zuständen die Bevölkerung wieder zunimmt... Bei meiner Anwesenheit 1858
zählte sie 37259 Seelen nach den amtlichen Zählungen, also 462 Seelen auf die deutsche
Quadratmeile. Die letzte Zählung 1868 ergab schon 50436 Menschen. Anfangs: dieses Jahr-
hunderts sollen kaum 8000 Menschen dort gewohnt ‚haben, während deren :1846 bereits
28000 waren. Auf Java gibt es gar: manche Provinz, deren Durchschnittsbevölkerung mehr
wie 5000 Seelen auf die deutsche Quadratmeile übersteigt (einige haben sogar über’ 11000),
ohne dass bei der ungemeinen Fruchtbarkeit des Landes Uebervölkerung; einträte. Nun: ist
aber die Provinz Banjuwangi eine der fruchtbarsten. "der ganzen Insel, oder könnte es
wenigstens sein, so dass sie mit leichter Mühe 300,000 bis 400,000 Menschen ernähren könnte.
Am Anfange des vorigen Jahrhunderts gibt auch Valentyn die Bevölkerung von Blambangan,
wie das Land damals hiess, zu 300,000 Seelen an. Das ist aber ein Irrthum: in 'so, weit, als
unter Blambangan ‚nicht allein die heutige Provinz Banjuwangi, ‘sondern jedenfalls auch ein
Theil der heutigen 'Residenzie' Besuki mitbegriffen sein muss; denn zu.jener Zeit war das Land
schon in Folge von Kriegen und ‚Seuchen ziemlich entvölkert.
Die Provinz ist in zwei Distriete: 'getheilt, nach’ den jeweiligen Hauptorten genannt:
Banjuwangi mit ‘699 Quadrat-Pal und 69: Dörfern (Dessa’s) und Rogodjampi mit 1318
Quadrat-Pal' und 90 Dessa’s, ‘welchen Distrieten je ein 'eingeborner Beamter vorsteht. .In-
teressant mag es sein, die verschiedenen Nationalitäten kennen. zu lernen. Es wohnten dort
im Jahre 1858 2.114 Europäer, 192 Chinesen und: 28123 Eingeborene; Summa 38429,
» Sau E18680 noEae. 89 » 258 » »..50049 > » 50436,
wobei unter den Eingeborenen auch alle von Madura, Bali, Celebes gekommene Leute, sowie
die Araber, mitbegriffen sind. Eine genauere Angabe bezüglich der Distrietsbevölkerung finde
ich nur für 1846 und wohnten damals in
En h 3 Andere Pr Seelen Br"
Europäer Chinesen | Manduresen Hinwandätes Javanen Total Quadrat-Pal.
Banjuwangi 74 202 279 1873 15156 17584 25
Rogodjampi _ — 33 43 10374 10450 8
Summa 74 202 312 1916 25530 28034 17
Pre, RR
Die einzelnen, meist kleinen, oft nur von ein Paar Familien bewohnten Dörfer stehen
unter eigenen Vorstehern, Patingi, die zunächst für die Polizei und die Kaffeekultur zu
sorgen haben.
Die mittlere Temperatur zu Banjuwangi gibt Dr. Epp folgendermassen an:
Höchster Stand Niedrigster Stand
Morgens 6 Uhr 24° Celsius 21,2° Celsius
Mittags 12 Uhr | 328° » a3
Abends 6 Uhr 30° » 250 >
Friedemann im Auslande 1860 gibt für die Jahre 1850—1857 als mittlere Temperatur
Morgens um 6 Uhr 23°,76.
Morgens um 9 Uhr 279,87.
Mittags um 3 Uhr 28°,89.
Abends um 10 Uhr 25°,75,
somit herrscht also das ganze Jahr hindurch eine sehr gleichmässige Temperatur.
Für das 275 Fuss hoch gelegene Rogodjampi hat Zollinger genaue Beobachtungen für
die Jahre 1857 und 1858 veröffentlicht (Naturk. Tydsch. voor Nederl. Indie 1859), wonach 1857
der niederste Thermometerstand 15° Celsius, der höchste 32° betrug; im Jahre 1858 war der
niederste 16,8°, der höchste 33,2° und zwar fiel
das tiefste Minimum 15° im Jahre 1857 in den Juli
» » > 16,70» » 1858 » » August
das höchste Minimum 25,5° im Jahre 1857 in den Mai
weg » 248°» » 1858 » »ı Juli
das tiefste Maximum 25,5° im Jahre 1857 in den September
Be > 26,7°» » 1858» » November
das höchste Maximum 33° im Jahre 1857 in den Juli
RR » 33,20» » 1858» » Dezember.
Die grössten Differenzen zwischen Minimum und Maximum fielen 1857 in den Monat
Juli, wo sie 16° betrugen, 1858 in den November mit 13,8; die geringsten Differenzen 1857
in den Februar mit 7,5° und 1858 in den Januar mit 8,4%. Die mittlere Jahrestemperatur
für Rogodjampi berechnet sich für 1857 auf 25,31%, für 1858 auf 25,96%. Als heissesten
Monat kann man den October ansehen, da, wenn auch in diesen Monat nicht die höchsten
Abhandl. d. Senckenb. naturf. Gesellsch. Bd. IX. 4
er
Minima und Maxima fallen, doch beide sehr hoch hinaufgehen und die Differenz zwischen
ihnen nicht bedeutend ist. Das niederste Minimum für die beiden Jahre war im Monat
October 21°, das höchste Maximum 32,2°.
Der Ostmousson beginnt mit Ende März oder Anfangs April, der Westmousson, die vor-
zugsweise nasse Zeit, Ende October oder Anfangs November. In Rogodjampi fielen
1857 im Westmousson in 110 Regentagen 1206 Millimeter Regen,
» Ostmousson » 71 » 635 » »
1858 » Westmousson » 106 » 1163 » »
» Ostmousson » 61 » 447 » »
Die vorherrschenden Winde sind heftige Süd-Winde (SO und SW), die aus der kälteren
Südsee kommend oft plötzlich die Temperatur herabdrücken und die Wolkenbildungen ver-
anlassen, welche an den Bergen hängen. In der Nähe der Berge sind Wasser- und Windhosen
nicht selten und die Gewitter im Allgemeinen sehr heftig.
Die Reiskultur ist die Hauptsache und bebauten im Jahre 1868: 5666 Bauernfamilien
8620 Baue !) bewässerte Reisfelder und 2288 Baue mit sogenanntem Bergreis, und war die Reis-
produktion 334520 Pikul Padi (roher Reis) oder die Hälfte davon an enthülstem. Nächst der
Reiskultur ist Kaffee das andre Hauptprodukt der Provinz, und ist dieser hier von vorzüglicher
Güte. Mit Ausnahme einer Handelssteuer werden keine anderen Steuern in der Provinz er-
hoben, sondern alles reduzirt sich auf Naturalleistungen. Alles Land ist Eigenthum der Re-
gierung und erhalten die Bauern die zum Reisbau nöthigen Ländereien, wofür sie im Allgemeinen
eine Abgabe an Reis zu entrichten haben und zugleich ein Theil derselben die erwähnten Frohndienste
leisten muss, nämlich Strassen-Unterhaltung, Post-Beförderung, Wachtdienste, Gefangenen-Trans-
port etc. ete. Die anderen sind verpflichtet, mindestens 500 Kaffeebäume pro Familie zu
pflanzen und haben sie den erzeugten Kaffee an die Regierung abzuliefern, die ihnen pro Pikul
5° Gulden zahlt. Will die Familie mehr wie diese 500 Bäume unterhalten, was aber bei
der Gleichgiltigkeit der Leute nicht oft geschieht, so wird diess sehr gerne gesehen.
Um die Kaffeekultur zu befördern, erhalten die Distrikts-, wie die Ortsvorsteher Tan-
tiemen, von Ya bis zu Ya Gulden pro Pikul wechselnd, Im Jahre 1861 soll man von
2,800,0000 Bäumen (worunter viele, die noch keine Ernte gaben) 11760 Pikul Kaffee gewonnen
haben. ‚Die Regierung trägt natürlich alle Magazinirungs- und Verpackungskosten, macht aber
“bei dem durchschnittlichen Verkaufspreise von 28 Gulden per Pikul immer noch ein gutes
) 1 Bau = 500 Quadrat-Ruthen rheinisch. 1 Pikul = 125 Pfund Amsterdamer Gewicht.
BERN IR
Geschäft. Die Kaffeeproduktion war früher grösser und betrug bis über 15000 Pikul jährlich;
\ dieser Rückgang trotz der grösseren Bevölkerung hat, wie auf ganz Java, seinen Grund darin,
dass der Kaffeebaum nur höchstens 20—25 Jahre Früchte trägt, in der Ebene sogar nur 12
bis 16 Jahre. Dabei erschöpft der Baum den Boden so sehr, dass dort, wo eine alte Pflanzung
stand, es absolut nöthig ist, den Boden eine Reihe von Jahren, 10. mindestens, brach liegen
zu lassen. (An künstliche Düngung denkt man noch nicht.) Diesem Umstand ist die Abnahme
der Kaffee-Produktion auf Java zuzuschreiben, indem man beim Abgange alter Pflanzungen die
Mühe der Anlage in auszurodendem Walde scheuend, häufig an der früheren Stelle wieder an-
pflanzte. Der Kaffeebaum hat eine tiefgehende Pfahlwurzel, von deren Entwicklung. die Ent-
wicklung des Baumes abhängt; trifft sie auf steinige Schichten oder gar auf Felsen und Tuff-
lager, die ihr tieferes Eindringen hindern, so stirbt der Baum in einigen Jahren ab. Desshalb
taugt auch nicht jeder Boden für den Kaffeebaum. Er gedeiht auf Java vom Meeresstrande
bis über 6000 Fuss Höhe, aber die wichtigsten Kaffeegärten fallen in die Zone von 1000 bis
5000 Fuss, und der beste und meiste Kaffee wächst eigentlich zwischen 2000 bis 4000 Fuss
Höhe. Ein ausgezeichneter Kaffee wächst, wie schon gesagt, in der Provinz Banjuwangi.
Die Anlage einer Kaffeepflanzung geschieht nun in zweierlei Weise. Entweder rodet man
den Wald sorgfältig aus und pflanzt dann die Bäume in regelmässige Beete, 10 bis 12 Fuss
von einander entfernt, zwischen Reihen von schattengebenden Bäumen; .oder man lässt beim
Klären des Waldes einen Theil der Bäume für den Schatten stehen, ebenso die Stümpfe der
grossen Bäume, während man das Gestrüpp verbrennt und die grossen Stämme liegen lässt,
bis sie vermodern. Die letztere Anlage nennt man Wald-Kaffee-Pflanzung und den aus ihr
gewonnenen Kaffee Wald-Kaffee. Sie gleicht einer Wildniss und das Durchkommen und Be-
sorgen der Bäume ist ziemlich schwierig. Ein grosser Theil des Kaffees in Banjuwangi ist
auf diese Art angelegt. Die. Wartung der Kaffee-Pflanzung ist überhaupt keine leichte; es
muss der Boden namentlich in den ersten Jahren sorgfältig reingehalten und wiederholt um-
gebrochen werden, auch für Abzugskanäle muss gesorgt werden, damit die fruchtbare Erde
durch Regengüsse nicht von den Wurzeln weggeschwemmt wird. Im dritten Jahre beginnt
der Baum zu tragen, im vierten Jahre erst giebt er eine volle Ernte, und da meist schon im
vierzehnten Jahre seine Erträgnisse so geringe werden, dass sie die Kosten der Wartung nicht
mehr lohnen, so kann man durchschnittlich seine Erträgsperiode nur zu 10 Jahren ansetzen.
Die eigentliche Blüthezeit des Baumes fällt in den Anfang der Regenzeit, von Mitte October
bis Dezember; die wohlriechenden, schneeweissen Blüthen in Büscheln in den Blattachseln
sitzend, heben sich prächtig von dem glänzenden, dunkelgrünem Laube ab. Die Zeit der
4,9,
Fruchtreife ist das Ende der Regenzeit, April bis Juni. Nicht selten findet man jedoch in
dieser Zeit wieder Blüthen, und wird daher am Anfange der Regenzeit eine zweite Ernte
nöthig, manchmal sogar eine dritte. Je feuchter das Klima und je weniger verschieden die
Jahreszeiten unter sich sind, desto mehr treten in der Zwischenzeit Früchte und Blüthen auf;
je schärfer sich die trockne von der nassen Jahreszeit scheidet, desto mehr concentrirt sich
die ganze Entwickelung auf eine Blüthe- und eine Frucht-Periode. Die Frucht ist eine kirsch-
artige Beere mit fleischiger, hochrother Fruchthülle, in der in hornartiger Schale zwei Bohnen
liegen und wenn auch weniger reizend als blühende Kaffeegärten, so sehen. diese doch auch
schön aus, wenn durch das dunkle Laub die rothen Früchte schimmern. Später wird die
äussere Hülle dunkel und trocknet zuletzt zu einer harten Schale. Nach dem Pflücken trocknet
man die Früchte auf flachen Hürden in der Sonne, was 5 bis 6 Wochen dauern kann und
wobei sie vor Regen geschützt werden müssen. Dahn wird die Hülle abgelöst, meist durch
sehr primitives Stampfen, und die nochmals getrockneten Bohnen durch weiteres Stampfen von
der hornartigen Schale befreit. Nur selten findet man auf Java zum Enthülsen sogenannte
Kaffeemühlen, von deren Wirksamkeit man überhaupt dort wenig hält, weil in ihnen gar zu
leicht die Bohnen zerbrochen werden.
Je jünger die Bäume sind, desto grösser und blasser sind die Bohnen, je älter die
Bäume, desto kleiner, dunkelfarbiger und fester werden sie. Das gleiche Verhältniss zeigt
sich zwischen den Früchten aus der Ebene und dem Gebirge, die letzteren sind kleiner und
haben spezifisch schwerere Bohnen. Zuweilen avortirt eine der beiden Bohnen in der Frucht -
und wird dann die andere rund; solchen Kaffee nennt man männlichen Kaffee und hält man
ihn für feiner als den gewöhnlichen. Besonders feinen Kaffee erhält man, wenn man die
Bohnen sammeln lässt, die sich in den Excrementen des Luak (Paradoxurus musanga), einer
Viverren-Art, vorfinden; der Luak frisst die Kaffeefrüchte in Menge, wobei er nur die reifsten
und schönsten aussucht, was der Grund ist, dass die noch in der innen hornigen Schale
liegenden Bohnen einen besonders guten Kaffee abgeben. Diesen auf Java sehr geschätzten
Kaffee sammelt man zu Geschenken und haben auch wir solchen nach Europa gesandt, der
den Damen in Kaffeevisiten sehr mundete, ohne dass man freilich seine genauere Herkunft
kannte. ö ?
Man rechnet auf Java meist als Erträgniss eines ausgewachsnen Kaffeebaumes jährlich
1 Katti (14 Pfund) gereinigten ‚Kaffee, das aber entschieden zu hoch ist, und 4» Katti im
Durchschnitt der Wahrheit mehr sich nähern mag, wenn schon ausnahmsweise an einzelnen
Orten einzelne Bäume bis zu 3, ja selbst 5 Katti abwerfen. Ein Kubikfuss nasser, frischer
a EN
Kaffeebohnen in der Hülse wiegt durchschnittlich 30 Katti & 1" Pfund; trocken in Hülse 21 Katti,
und endlich trockner, gereinigter 34 Katti. Zollinger hat mir genaue Wägungen mitgetheilt,
die er in verschiedenen Gegenden Java’s gemacht hat. Darnach erhielt man aus 100 Theilen
trockenem Kaffee in Hülsen in West-Java
auf Tjikoja in der Ebene 32%,
auf Belang in den Hügeln 36124; % und
auf Pasir Madang im Gebirge 40%, nebst 2 Theilen unreiner Bohnen mit Hülsenresten,
in Solotiga in den Hügeln Mittel-Java’s 35%,
Daraus ergiebt sich, dass im Gebirge der Ertrag grösser ist, als in der Ebene.
Ausser Reis und Kaffee sind die weiteren Produkte in Banjuwangi jetzt von wenig Be-
deutung. Zuckerrohr, zu dem die Provinz sich sehr eignen würde, baut man nicht, dagegen
machen die Eingebornen für eigenen Bedarf etwas Palmzucker. Die Anpflanzungen von Kokos-
bäumen waren damals unbedeutend und die Zollinger’schen Plantagen zu jener Zeit erst im
Entstehen. Früher hatte man versucht, Seidenzucht und Indigopflanzungen einzuführen, hat es
aber bald wieder aufgegeben. Bei meiner Anwesenheit bestanden dagegen noch zu Suekarad ja,
eine Stunde von Banjuwangi am Fuss des Gebirges gelegen, Nopalgärten, die von Sträflingen
besorgt, jährlich, an 25000 Pfund Cochenille lieferten; doch auch diese wurden 1865, als zu
wenig einträglich, eingehen gelassen.
Dort in Suckaradja (wörtlich: fürstliches Vergnügen) befindet sich ein Landhaus des
Residenten, welches derselbe gewöhnlich bewohnt. Es hat eine prächtige Lage am Gebirge
mit gesunder Luft, ist 265 Fuss hoch gelegen und von schönen Gärten umgeben. Bei
einem Besuche, den wir dort dem Residenten machten, wurden wir sehr freundlich empfangen
und in einem Flügel des weitläufigen Landhauses einquaxtiert. Die Aussicht einestheils über
das Meer nach Bali, andrerseits zu den hohen Bergen der Idjenkette ist wirklich entzückend.
Nach holländisch javanischer Sitte nahmen des Abends zwar die Kinder des Residenten am
Abendessen Theil, nicht aber deren Mutter, die Ngai, da sie eine Javanin war. Dem
Residenten verdanke ich bei dieser Gelegenheit manchen schätzbaren Aufschluss über das Land.
Damals wurden die dortigen Sträflinge, 400 bis 500 an Zahl, noch mit der Cochenille-
kultur beschäftigt. Die Leute wurden sehr human behandelt, und nicht ein Mann Militär lag
dort, wobei Herr Bosch mich versicherte, er habe ohne dieses die Leute mehr in der Gewalt,
als wenn überall Militärwachen stünden. Die Leute gingen ganz frei umher, ohne jede Fessel;
die meisten Aufseher sind aus ihrer Mitte genommen, gebesserte Sträflinge. Die Verheiratheten
‚wohnen in eigenen Häusern und begünstigt man die Verheirathungen mit Inländerinnen sehr,
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als Belohnung für gute Aufführung sie gestattend. Die Unverheiratheten schlafen in grossen
Sälen. Als Nahrung erhalten sie täglich 14 Pfund Reis und wöchentlich 1 Pfund Dendeng
(getrocknetes Büffelfleisch), welche Nahrung sie sich selbst zuzubereiten haben. Sonntags er-
halten sie ausserdem geröstete Pisang und wenn keine Klagen vorliegen, monatlich 1 Gulden
unter dem Titel Siri-Geld, d. h. für kleine Bedürfnisse, namentlich zum Anschaffen des zum
Kauen so beliebten Betel-Pfeffers. Dafür haben sie von 6 Uhr Morgens bis 11 Uhr und von
i Uhr Mittags bis 5 Uhr zu arbeiten.
In den Nopalgärten, die 5 an Zahl terrassenförmig an den Hügeln sich hinzogen, befanden
sich ungefähr 300,000 Pflanzen. Für’s Auge machen diese reihenweise gepflanzten Oactus
einen traurigen Eindruck. Die Schildläuse (Coceus Cacti), welche die Cochenille abgeben,
setzt man auf die einzelnen Pflanzen und sie vermehren sich so sehr, dass nach einiger Zeit
die Cactusstauden ganz wie mit Mehl bestäubt aussehen. Sind dieselben ausgewachsen, so
kehrt man sie einfach ab und trocknet sie. Das geschieht in weitläufigen Trockenschuppen,
in denen durch Erhitzung die auf Hürden liegenden Thierchen schnell getödtet und getrocknet
werden. ‘Dabei ist das Hauptaugenmerk darauf zu richten, dass sie nicht verbrennen. Das
ist nun die in den Handel kommende Cochenille, die gesiebt und je nach der Schwere und
Grösse der Thierchen in drei Sorten getheilt wird, wobei die vollen schwersten den geschätz-
testen Farbstoff liefern. Zu einem Pfund Cochenille sollen an 20,000 Thierchen nöthig sein.
Der Durchschnittspreis der erzeugten Waare betrug damals 2 Gulden per Pfund, und wenn
auch Gewinn gemacht wurde, so war das Erträgniss doch immer niedriger, als an anderen
Orten Java’s, wo in freier Arbeit diese Zucht betrieben wurde.
Auf Suckaradja trafich auch Herr von Bloemen-Waanders, den Assistent-Residenten
von Bulliling auf Bali, der herübergekommen war, um Vorbereitungen zu treffen, seine
kranke Familie herüber zu senden, da drüben kein Arzt war. Ein sehr unterrichteter, für
die Wissenschaft glühender Mann hatte er vor einiger Zeit gemeinschaftlich mit Zollinger Bali
bereist?) und beide Herren waren davon so begeistert, dass sofort eine zweite gemeinschaft-
liche Tour dorthin verabredet wurde. Leider kam sie nicht zur Ausführung, obgleich wir
schon Alles vorbereitet und selbst die nöthigen Reitpferde gekauft hatten, kleine Poni’s von
der sogenannten Sandelwood-Rage, mit geschlitzten Ohren und zu Bergreisen ungemein geeignet.
Einestheils dauerte das Unwohlsein in Herrn Waanders Familie länger, als man gedacht hatte,
and dann brachen Unruhen auf Bali aus, die eine Reise dort nicht rathsam erscheinen liessen,
wie denn bereits im Dezember Bulliling militärisch besetzt werden musste.
ı) Petermann’s Mittheilungen. Jahrg. 1864. Ein Zug nach dem Gebirge Bator auf der Insel Bali.
ee
3. Rogodjampi und die Kokos-Pflanzungen.
Rogodjampi ist von Banjuwangi 10 Pal entfernt; auf dem Wege dahin passirt man,
ungefähr 1 Pal von Banjuwangi einen an tausend Fuss breiten Strich Landes, der von den
Bergen bis zum Meere sich hinzieht und fast ganz kahl inmitten der üppigen Vegetation liegt.
Es ist diess der Schlammstrom, der bei der letzten grossen Eruption des Idjen, 1817, von
demselben herab und bis zum Meere floss. Vierzig Jahre waren seitdem verflossen und noch
lag er fast ganz öde da; beim Darüberfahren tönte es dumpf, wie wenn man über ein Gewölbe fährt.
An der Oberfläche mit grobem Sand, als Verwitterungsproduct, bedeckt, besteht er im Innern
aus sandig-thonigem Tuffe, in dem viele kleine vulkanische Gerölle eingebettet liegen, so dass
das Gebilde wie eine Art Conglomerat aussieht, gelblich grau von Farbe. Dieser neue Strom
unterscheidet sich in nichts von den alten, bereits erwähnten Paraslagen, die augenscheinlich
gleichen Ursprung haben und alte Schlammergüsse der Vulkane sind. - Das Flüsschen Tambong
ist tief in solche alte Parasschichten eingeschnitten und macht die Grenze zwischen den
Distrieten Banjuwangi und Rogodjampi. Unweit davon kommt man zur Stelle wo rechts an
der Strasse der durch Leschenault und Bluhme bekannt gewordene Upasbaum (Antiaris
toxiearia Lesch.) steht, von dessen giftigen Wirkungen so viel gefabelt wurde. Es ist ein
schöner, hoher Baum auf säulenförmigem Stamme, der an der Basis mit radialen Leisten ver-
sehen ist, ganz wie Bluhme ihn abbildet. Alles, was von seinen giftigen Ausdünstungen erzählt
wurde, ist reine Fabel; seine kirschenartigen Steinfrüchte, die in Menge auf dem Boden lagen,
waren vielfach von Vögeln angefressen, können somit für deren Genuss nicht giftig sein; rings
herum ist auch alles bewachsen wie gewöhnlich, so dass von giftigen Ausdünstungen keine
Rede sein kann. Nur der zähe Milchsaft des Baumes, der viel Strychnin enthält, ist, direkt
ins Blut gebracht, giftig, doch lange nicht in dem Maasse, wie andere auf Java wachsende
Pflanzen, z. B. Strychnos tieute. Wir hackten den Stamm an und versuchten den heraus-
rinnenden zähen .Saft, der bitter auf der Zunge schmeckte. In den dortigen Waldungen sind
die Antiar-Bäume gar nicht so selten, und Zollinger sagte mir, dass bei seinen Kulturarbeiten
gar mancher gefällt wurde. Von einem der gefällten Bäume lies er den Saft sammeln, um
ihn nach Europa zur Analyse zu senden. Der damit beauftragte Arbeiter hatte denselben mit den
Händen zusammengestrichen, und .da er eine kleine Wunde am Finger hatte, so begann schon
des Tags darauf der Arm furchtbar anzuschwellen und fieng. dies Anschwellen an, sich dann
auch über den übrigen Körper auszudehnen. In der äussersten Bestürzung fällt Zollinger
endlich ein, dass der alte Rumphius als auf Amboina gebrauchtes Gegenmittel gegen Pfeilgift
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angiebt, dass der Verwundete seinen eigenen Koth gemengt mit der Wurzel einer gewissen
Liliacee zu verschlucken hätte. Da die fragliche Liliacee in den Waldungen Banjuwangi’s
wächst, so wurde dem Manne die Wurzel eingegeben, natürlich ohne Koth, und siehe da, das
Mittel half und binnen Kurzem war der Mann wieder hergestellt.
Die ersten genauen Untersuchungen des Antiarsaftes hat 1838 Mulder in Utrecht vor-
genommen, der darin das giftige Prinzip Antiarin entdeckte und es in farblosen Krystallen
darstellte. Professor Flückiger in Bern hat den von Rogodjampi gesandten Antiarsaft unter-
sucht, hauptsächlich zum Zwecke, eine Methode zu finden, das Antiarin leichter zu gewinnen.
Lässt man den durch Weingeist etwas haltbarer gemachten Saft einige Zeit ruhig stehen, so
scheidet sich oben eine geringe, wässerige Schicht ab, die kein Antiarin enthält, Die trübe
untere Schicht mit viel Wasser ausgekocht, giebt ein klares, wenig gefärbtes Filtrat. Essig-
säure und Bleizucker bewirken reichliche Fällungen, die beseitigt werden; dann befreit man
die Flüssigkeit durch Schwefelwasserstoff von Blei und erhält durch Verdunstenlassen sofort
ziemlich reines krystallisirtes Antiarin, das durch Umkrystallisiren vollständig gereinigt wird.
Mulder gab die Formel C?®H*°0:°+5H?0O, welche 14,37 Procent Wasser verlangt.
Flückiger fand 13,65 Procent Wasser. Der von Zollinger gesandte Saft hinterliess 32,75
Procent festen, trockenen Rückstandes, woraus 1,02 Procent Antiarin gewonnen wurde; Mulder
hatte 3,56 Procent erhalten. Der Zollinger’sche Saft war sehr rein, da er nur 1,12 Procent
Asche hinterliess, dagegen wässeriger als der Mulder’sche. Flückiger erhielt ferner 12,12
Procent Harz, bezogen auf den eingedickten Saft, sowie 11% Procent eines kautschukartigen
Stoffes; Mulder 20,9 Procent Harz. 1868 hat Ludwig in Wien das Antiarin als gepaarten
Zuckerstoff erkannnt.
Weiterhin wird die Gegend weniger angebaut und erst in der Nähe von Rogodjampi
trifft man wieder auf grössere Complexe kultivirter Felder. Rogodjampi selbst, der Hauptort
des gleichnamigen Distrikts, ist ein leidliches, am Flüsschen gleichen Namens gelegenes
Städtchen. Es wohnt daselbst der Distriktshäuptling, dessen Titel Radin (Fürst) Widono ist,
damals ein gefälliger alter Mann, der mir manche Notizen über das Land mittheilte. Rogodjampi
liegt eigentlich an der äussersten Grenze der Kultur, denn wenn auch die Fahrstrasse noch
ein Paar Pale weiter führt, bis zum Flüsschen Bomo, und einzelne Dörfchen noch weiter im
Süden und Westen vorhanden sind, so liegen diese doch wie Oasen in der Waldwildniss, die
bald hinter Rogodjampi beginnt. Die Lage, 275 Fuss über dem Meere in ebenem Terrain,
ist eine sehr gesunde, wie schon der Name ausdrückt, der bedeutet: das was dem Leibe zu-
träglich ist; was auch Zollinger veranlasste, seinen provisorischen Wohnsitz dort zu nehmen,
da in den östlichen Niederungen gegen das ungefähr zwei Stunden entfernte Meer hin, die
grossen Kokos-Pflanzungen angelegt werden sollten. Seine gesunde Lage verdankt es nebst
dem Mangel an Morästen in der Umgegend, zum Theil dem Flüsschen, das immer helles
kühles Wasser führt und nie versiegt, eine unter den Tropen nicht genug zu schätzende Eigen-
schaft. Zollinger hatte sich in Surabaya ein einstöckiges, mit allem Comfort versehenes
Haus aus Brettern und Balken fertigen lassen, das dann auseinander genommen, nach
Rogodjampi gebracht und dort auf niedere, gemauerte Pfeiler -aufgestellt wurde. Wenn einmal
die Kokospflanzungen weiter gediehen sein würden, sollte dann das Haus mitten in sie hinein
verlegt werden. Von dem gastlichen Hause des Freundes aus habe ich vielfach die Gegend
durchstreift, ‚einestheils bis zur Balistrasse und dem Südstrande hin, andererseits bis zu den
Bergen. Wie billig verweile ich zunächst auf den von Zollinger unternommenen Kokospflanzungen.
Auf seine Anregung hatte sich nämlich eine europäisch-javanische Aktiengesellschaft
gebildet, mit einem Aktienkapital von 200,000 Gulden, getheilt in 20 Aktien von 10,000 Gulden
jede, zu dem Zwecke, auf Ost-Java grosse Kokospflanzungen anzulegen. Auf Java ist fast
alles Land, namentlich das Waldland, Regierungs-Eigenthum, und somit war es nöthig, die
Concession vom Colonialministerium in Holland zu erhalten. Anfangs wollte dasselbe sie nur
für 20 Jahre bewilligen, was das ganze Unternehmen von vornherein unmöglich gemacht haben
würde, da die Kokospalme erst im siebenten Jahre ordentlich Früchte trägt; zuletzt wurde
dann die Concession auf 50 Jahre ertheilt, was hauptsächlich den Bemühungen des früheren
General-Gouverneurs von Java J. J. van Rochussen, der als Privatmann damals in Holland
lebte, zu danken war, Ungleich so manchem Staatsmanne der Jetztzeit hatte derselbe, so
sehr er auch für das Unternehmen sich interessirte, dabei aufs Bestimmteste abgelehnt, sich zu
betheiligen, aus dem erst später bekannt gewordenen Grund, dass er erwartete, in kurzer Frist
Colonialminister zu werden, und es für unpassend hielt, als solcher dann bei einem Unternehmen
in den Kolonien betheiligt zu sein.
Die Gesellschaft wollte zunächst sich auf die Anpflanzung von 200,000 Bäumen beschränken,
Zu dem Ende hatte man seit ein und ein halb Jahren mit Ausrottung der Urwaldungen 'be-
gonnen und waren 20,000 Bäume bereits gepflanzt, wovon allein im letzten Jahre 12,000;
weniger allerdings, als man veranschlagt hatte, indem das sehr nasse Jahr 1857 dem Ausroden
der Waldungen, d. h. dem Verbrennen der ungeheuren Masse von Bäumen und Gesträuchern
sehr hinderlich war. Es ist wahrlich keine Kleinigkeit, solchen tropischen Wald zu fällen.
Die ungeheuren Bäume, die mächtigen Schlingpflanzen, wie das ganze dichte Unterholz, machen
die Sache schwieriger, als man in Europa sich nur einbilden kann. Dazu kam in dem Distrikte
Abhandl. der Senekenb. naturf, Gesellsch, Bd. IX. 5
noch ein anderer Uebelstand, die dünne Bevölkerung, in der Art, dass es faktisch an Arbeitern
fehlte und dieselben von ausserhalb, namentlich von der nahen Insel Madura, herbeigezogen
werden mussten, wie denn der der Gesellschaft gehörige Kutter fast immer auswärts war, neue
Arbeiter beizubringen. Es musste deshalb auch alles gethan werden, um den Leuten den
Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen, so dass man selbst ein Gamelang angeschafft
hatte (die zum javanischen Orchester gehörenden Instrumente), um von Zeit zu Zeit Feste
geben und die Leute mit Musik unterhalten zu können. Nach meiner Ansicht hätte man
übrigens am besten gethan, anstatt der ziemlich unverlässigen Maduresen, als Arbeiter
Chinesen zu engagiren, welche jedenfalls die tüchtigsten Arbeiter der Tropen sind. Auf Java
fürchtet man sie aber als unbotmässig, und hätte die Regierung jedenfalls eine solche Absicht
gehindert, wie denn deren Einwanderung immer nur in beschränktem Maasse gestattet ist.
Das ist aber eine engherzige Anschauung, wie das einzige Beispiel von Singapur be-
weist, wo gerade diese Colonie durch die chinesische Einwanderung den so bedeutenden Auf-
schwung gewonnen hat. Im Arsenale von Surabaya wurden Versuche bezüglich der Arbeits-
leistungen von europäischen, chinesischen und malaischen Arbeitern angestellt. Bezüglich der
Arbeit leistete ein frisch angekommener Europäer soviel wie zwei Chinesen und vier bis fünf
Malaien; das Verhältniss änderte sich aber bald und die Einflüsse des Klima’s machten sich
bezüglich der Ausdauer so geltend, dass ein Chinese nach noch nicht einem Jahre dann gleich-
stand zwei bis drei Malaien und fast fünf Europäern. Das zusammengehalten mit der Ge-
schicklichkeit und ungemeinen Genügsamkeit der Chinesen erklärt vollkommen ihre Brauch-
barkeit; dabei sind dieselben, wenn gut behandelt, äusserst leicht lenksam und gar nicht unbot-
mässig, wie nur zu oft angenommen wird. Ich habe die Chinesen, überall wo ich mit ihnen
zusammenkam, auf den indischen Inseln wie auf dem Festland, als äusserst tüchtige Arbeiter
kennen und schätzen gelernt,
Den Ertrag eines volltragenden Kokosbaumes schlägt man auf Java in runder Summe
auf mindestens einen Gulden an; ungefähr 23 Nüsse kann man auf den Baum rechnen. Die
besten Nüsse haben dort den Werth von 5 bis 7 deuten (120 — 1 Gulden holl.), zu welchen
Preisen die Chinesen sie kaufen; die Kerne kommen zur Oelbereitung und kosten ungefähr
2% deute das Stück. "Sieben Jahre braucht der Baum zur vollen Tragkraft und würden
200,000 Bäume dann jährlich ebensoviele Gulden abwerfen, wobei nur wenige Unkosten er-
wachsen, da ein Mann manches Tausend von Bäumen besorgen kann. Somit fällt die Haupt-
ausgabe bei den Anlagen auf das Klären des Waldes. Die Bäume selbst ‘werden reihenweise
gepflanzt, 20 Fuss immer von einander, so dass ein Baum 400 Quadrat-Fuss Oberfläche be-
ea
kommt und 200,000 Bäume, wie die Gesellschaft zu pflanzen beabsichtigte, 788 Hectaren oder
3125 Magdeburger Morgen beanspruchen, ein grosser Bodenkomplex, namentlich wenn Urwald
geklärt werden soll. Zum Pflanzen nimmt man die besten Nüsse, die einfach vorher in
feuchter Luft gekeimt haben. Zollinger hatte ein kleines Wäldchen gepachtet, um wenigstens
einen Theil dieser Satznüsse selbst zu ziehen; die, fehlenden wurden schon gekeimt gekauft zu
18 deuten das Stück. In diesem Wäldchen stunden die Bäume anfangs zu dicht, 15. Fuss
blos von einander und gaben 1857 diese Bäume, 911 an Zahl, nur ‚7556 Nüsse; man fällte
dann die zu nahe stehenden und blieben noch ‚860 Bäume übrig, die dann 19156 Nüsse im
Jahr 1858 gaben, woraus sich dann ‘wieder 22,3 Nuss für den Baum im Jahre berechnet.
Die Ernte geht das ganze Jahr hindurch, ist jedoch in den Monaten Mai und Juni am
reichsten, in denen 2680 und 2542 Nüsse abgenommen wurden. Als wir -eines Tages dieses
Wäldehen besuchten, meldete der Aufseher, dass einige Bäume vom Blitze getroffen seien und
zu Grunde gehen würden. Sie wurden gefällt und das Gipfel-Mark, der Palmkohl, weg-
genommen und als Palmkohlsalat für uns zurecht gemacht, eine gallertartige, süssliche, fade
Substanz, die mir nicht mundete. Da _der Palmkohl nur vom jungen Mark ‚der Gipfel
genommen wird und der Baum, ‘wenn entgipfelt, abstirbt, so kostet jedes solche Gericht
einem Baume das Leben, ist somit sehr kostbar. Von Interesse war bier aber, dass bei
genauer Untersuchung sich ergab, der Blitz habe die Rinde der Bäume spiralförmig aufgerissen
und an einem der Bäume konnte man deutlich bemerken, dass der Weg, den der
elektrische Funke genommen, von unten nach oben gegangen war, nicht, wie man es hätte
erwarten sollen, von oben nach unten. Eine genaue Betrachtung der Ränder des Risses in der
Rinde liess darüber keinen Zweifel zu.
Die vielen wilden Schweine, die in den Waldungen Ost-Java’s leben, sind den jungen
Kokos-Pflanzungen sehr verderblich; sie graben die gesetzten Nüsse aus und fressen sie. Man
hatte versucht, durch Einwickeln der gesetzten Nüsse in die giftige Strychnos, tieute die
Schweine abzuhalten; das half aber nichts, und gruben sie nach wie vor die Nüsse aus.
Es blieb zuletzt nichts anderes übrig, als alles auf kostspielige Weise mit Dornen zu
verwahren.
So viel über diese Anlagen, die Zollinger leitete, unterstützt von seinem Assistenten
Meister, einem Züricher gleich ihm. Leider kam das ganze Unternehmen nach Zollinger’s
1859 erfolgtem Tode in’s Stocken und wurde zuletzt aufgegeben; es ist diess um so mehr zu
bedauern, als das Unternehmen versprach, ein rentables zu werden, da auf den Sunda-Inseln
die Kokosölbereitung noch sehr in der Kindheit liegt. Auf Singapur ist diese Kultur ent-
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wickelter und gebe ich zur Vergleichung die dort erhaltenen Resultate, wie ich sie bei meiner
Anwesenheit aufzeichnete. Für 30,000 Bäume rechnet man 20 Personen zur Wartung, die 4
bis 5 Dollars monatlich jeder erhalten. Den Ertrag für den Baum schlägt man dort auf
durchschnittlich 20 Nüsse jährlich an. Die schönsten werden ausgelesen und zu 11, Dollar
für 100 Stück an die Chinesen verkauft, also fast zu doppeltem Preise wie in Rogodjampi;
die kleineren kommen zum Oelmachen. Man spaltet die einzelnen Nüsse von Hand mit einem
Messer und trocknet sie auf Gestelle geschichtet, in durch eiserne Röhren erhitzten Trocken-
räumen, wobei der ungefähr %s Zoll dicke Kern von der Schale sich löst, der dann heraus-
genommen, mit der Hand in Stücke geschnitten und dann in ganz primitiver Oelpresse aus-
gepresst wird. Den Bast benutzte man damals dort gar nicht und warf ihn einfach weg.
Ich füge hier ein Paar Worte an über die Physiognomie der Kokoshaine, des Palmen-
gürtels, der die glücklichen Tropen-Inseln umsäumt. Durch die hoch, oft über mehr wie
hundert Fuss aufragenden, schlanken Stämme, die nach allen Richtungen gebogen, auf-
geschossen, hoch oben als Kronen die mächtigen Wedel tragen, bietet sich dem Blicke eine
entzückende Perspektive; die durch die Wedel hereinfallenden Sonnenstrahlen werfen prächtige
Lichter hinein und weithin sieht man zu den Hütten, die dort zwischen den Stämmen zerstreut
liegen. Es ist ein ungemein pittoreskes Bild, aber in der That mehr pittoresk, als wirklich
ästhetisch befriedigend. Kahl und nackt ist der Boden unter den Palmen, jedes Unterholz
fehlt, wie auch der grüne Rasen, und nur abgefallene, halbvermoderte, riesige Wedel decken
den dürren Boden, auf den die sengenden Sonnenstrahlen voll hineinscheinen. Es fehlt der
Schatten in diesen Hainen. Wie prächtig auch immer die Kokos-Waldungen waren, die ich
sah, die schönsten von allen auf Ceylon, immer kam es mir vor, als fehle etwas, trotz des
eigensten Reizes. Ich spreche hier nur von den Kokos-Waldüngen, nicht von denen anderer
Palmen, die in ihren verschiedenen Arten ganz verschiedene landschaftliche Bilder geben.
Seltsam, aber im Ganzen unschön, erscheinen die Dattelpalmen; welch’ traurige Waldungen die
Fächerpalmen bilden, haben ‚wir gesehen. Die Kokospalme ist dagegen wirklich schön,
namentlich wenn sie in vereinzelten Gruppen in der. Landschaft steht, am allerschönsten aber
da, wo einzelne Individuen am Meere hoch oben auf der Felsenklippe emporragen, ‘der Land-
schaft dadurch einen zauberischen, originellen Reiz verleihend. Viele Originale derselben
Richtung angehörend zusammen auf einem Flecke machen aber einen ermüdenden Eindruck,
und so ist es in der That mit den Kokos-Palmen. ‘Schöner sind jedenfalls unsere nordischen
Laubwälder, namentlich wirken sie befriedigender auf's Gemüth, obgleich ihnen die Sonne und
der Himmel der Tropen fehlen. Mit den tropischen Urwäldern aber halten sie gar keinen
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Vergleich aus. Diese Bemerkung drängte sich mir jedesmal’ wieder auf, wenn wir hinausritten
zu den Arbeitern, welche den Urwald fällten, um Platz für die Kokos-Pflanzungen zu machen.
Ueber alle Beschreibung schön ist es in diesen Laubwaldungen, wo die verschiedensten mäch-
tigen Bäume, 60, 80 und bis über 100 Fuss hoch aufragend, ein dichtes Laubgewölbe. bilden,
wo von Stamm zu Stamm unzählige Lianen und Rotang’s ihre oft mehr wie armsdicken Taue
ausspannen, wo zwischen den hohen Bäumen ein aus den verschiedensten Pflanzen bestehendes
dichtes Unterholz aufgeschossen ist, und wo die verschiedensten Blattformen und Farben ver-
einigt sind, von den lederartigen Blättern des Feigenbaum’s, zu dem saftigen Grün der Mimosen
und Bambus, bis zu den kolossalen Blättern der Arumarten; wo nicht allein unten auf dem
Boden, sondern auch hoch oben in’ den Bäumen die Blüthen in den verschiedensten Farben
leuchten, dabei die verschiedensten Düfte aushauchend, vom angenehmsten und würzigen bis
selbst zu dem die Umgegend verpestenden. Schade, dass das Eindringen in diese Waldungen
so schwierig ist, wie denn selbst die wilden Thiere kaum in’s Dickicht eindringen können,
sondern sich meist aussen am Rande derselben aufhalten. Welch’ schöpferische Kraft die
Natur in diesen Gegenden besitzt, hat sie gerade in Banjuwangi gezeigt, da diese Waldungen
in’ den Niederungen kaum zwei Jahrhunderte alt sein können. ‘Diese Waldungen urbar zu
machen, ist, wie ich schon berichtete, eine harte Aufgabe und manchen Tag bedarf es allein,
einen. der grossen Waldriesen zu fällen, der dann in seinem Sturze ein ganzes Heer kleiner
Gewächse niederreisst. Bei den Klärungsarbeiten hatte Zollinger angeordnet, dass die schönsten
Bäume stehen blieben, und so standen an einer Stelle, gleichsam eine hochgewölbte Eingangs-
pforte bildend, zwei riesige, wohl 120 Fuss hohe Feigenbäume,
Es kann hier nicht meine Absicht sein, auch nur annähernd aufzählen zu wollen, aus
welchen Bäumen dieser Hochwald besteht. Am häufigsten könnte man noch die Feigenbäume
und solche aus den Familien der Ebenaceen, Terebinthaceen, Myrtaceen, Bignonaceen, Mimosen,
Pterocarpus-Arten etc, bezeichnen, auch einzelne Palmen fehlen nicht und die verschiedenen
Bambus-Arten; Mannigfaltigkeit der Gewächse ist hier Gesetz und nur selten wiegen einzelne
Arten vor, für sich dann einen Theil des Waldes bildend, so hie und da die Djattibäume
(Tectonia grandis) und die Averrhoe Bilimbi mit ihren. säuerlichen Früchten, die namentlich
unweit des. Blibisstrandes so häufig wachsen, dass Zollinger den Platz, wo sein Assistent Meister
wohnte, Blimbingan genannt hatte.
Hier in den Wäldern Banjuwangi’s wachsen auch die verschiedenen Bäume, welche auf
Java das geschätzteste Pellet-Holz zu Griffen für das dolchartige Messer, den Kris liefern,
ein Holz, hellgelb von Farbe mit braunschwarzen Zeichnungen und Streifen. - Auf diese Zeichen
de
legt der abergläubische Javane grossen Werth, gewisse Formen als glückbringende betrachtend,
und manches rohe Pelletholz ist schon mit 1000 und mehr Gulden bezahlt worden. Gewöhn-
liche, hübsch gezeichnete Krishölzer von den dortigen Waldungen kosten selbst schon 20 bis
50 Gulden.
In Rogodjampi ass ich zum erstenmale die vielberufene Frucht des Durianbaumes,
von den Einen als die beste Frucht der Erde gepriesen, von den Andern als ekelerregend ver-
abscheut. Jedenfalls ist sie eine der merkwürdigsten Früchte der Erde. Der Durianbaum
(Durio zibethinus L.) gehört ausschliesslich dem indischen‘ Archipel an und reicht sein: Ver-
breitungsbezirk von Malakka bis Neu-Guinea; ausserhalb desselben kommt er nirgends auf der
Erde fort. In der Provinz Banjuwangi ist er zum Theil häufig, so dass man die Vorberge
bei Litjin z. B. als wahres Durianland bezeichnen kann. Der Durian ist. ein, hoher Baum,
dessen platter Stamm so hoch emporsteigt, dass Bäume von 100 Fuss Höhe nicht selten sind
und die Stämme häufig als Mastbäume verwendet werden. -Die Krone besteht aus zahlreichen
kurzen Aesten, welche das leichte, schimmernde Laubdach tragen. Die eirunden Blätter sind
oben glatt und grün, an den unteren Flächen dagegen mit zahlreichen bräunlichen Schuppen
bekleidet. Aus den Aesten kommen die glänzenden Blumendolden. Oeffnet sich die knopf-
förmige Blüthe, so brechen 5 gelblichweisse Kronenblätter hervor; immer: fällt ein Theil der
Blüthen ab, auch hätten die Früchte keinen Platz beisammen ‚oder die Aeste würden unter
der Last brechen. Sie ‚werden nämlich länglichrund und so gross wie ein Kinderkopf. Die
fünftheilige Fruchtschale ist eine korkartige Masse mit gelblichgrüner Oberhaut und ist dicht
mit halbzölligen, pyramidalen Stacheln besetzt. Wehe dem, dem vom hohen ‚Baume herab
eine dieser stachlichten Früchte auf den Kopf fallen würde, und hat man gesehen, dass Pferde,
denen vom Baume herab eine solche Frucht auf den Kopf fiel, ‘todt niedersanken. Hier haben
wir das Gegenstück der Lafontaine’schen Fabel, und die Ansicht des unter der Eiche aus-
ruhenden Wanderers ist hier in’s Leben getreten, dass nämlich Gott die Welt doch viel
schöner erschaffen hätte, wenn er anstatt auf der stattlichen Eiche kleine Eicheln wachsen zu
lassen, grosse Kürbisse wachsen liesse. Lafontaine lässt dann dem Manne eine Eichel auf die
Nase fallen und ihn dann ausrufen, Gott habe doch alles recht wohl gemacht, da ihn eine
grosse Frucht erschlagen hätte. Schade dass Lafontaine den Durianbaum nicht kannte! In
jedem der 5 Fruchtfächer der Frucht sitzen 2 bis 3 Samen von der Grösse eines Taubeneies,
"doch plattgedrückt, die von einer gelblichweissen, schmierig-pappigen Masse umgeben sind.
Es stinkt diese so intensiv nach faulendem Knoblauch und Aas, dass bei Oeffnung einer Frucht
der Gestank das ganze Haus erfüllt, und es für einen Neuling sehr grosse Ueberwindung
un AK
kostet, ‘diese auch ekelhaft aussehende‘ Masse, die‘ man mit Löffelchen herausnimmt, zu
geniessen. "Es giebt viele Europäer, die das nie fertig bringen’ und denen es von’ dem Geruche
jedesmal’ förmlich übel wird.‘ ‘Wer ‘sich aber darüber hinaussetzen kann, ' findet, dass der
Geschmack einer der feinsten und angenehmsten’ist, den man sich denken kann: nach meinem
Gefühl steht der Durian allenfalls nur der Mangustanfrucht nach und nach: ihr ist er die 'beste
Frucht der Welt, ja viele ziehen ihn noch dieser letzteren 'vor. Der Durian ist übrigens keine
gesunde Frucht und sehr unverdaulich. ' Hier an der Ostecke Java’s sind zeitweise diese Früchte
so billig, däss man sie manchmal um 3 bis 4 Kreuzer pro Stück ‘kaufen kann.
4, Matjan-puti.
Das heute so dünn bevölkerte Land war zu anderen Zeiten von vielen Menschen bewohnt
nnd hat es eine: an Erlebnissen reiche Geschichte.‘ Die‘ ungeheuren, kaum. zugänglichen
Waldungen, die man versucht ist, für jungfräuliche Urwaldungen zu halten, bergen in ihrer
Mitte die Ruinen 'einst blühender Städte, die noch vor wenig Jahrhunderten im Orient berühmt
waren. Der Urwald: ist hier grossentheils kein jungfräulicher, sondern, man verzeihe das Wort,
ein neuer, der sich aber in nichts von dem wirklichen Urwalde unterscheidet und den die jetzt
von Neuem vordringende Kultur, wie" wir gesehen, nur mühsam wieder bewältigt. Unter den
mächtigen Städten, die einst im Lande blühten, ist vor Allem bekannt gewesen Blambangan
(oder wie frühere Reisende es auch nennen Ballabuan), ‘die Hauptstadt des gleichnamigen
grossen Hindureichs, in welchem am längsten auf Java der Hinduglaube sich erhielt, bis auch
er zuletzt von dem siegreich vordringenden Muhamedanismus ausgetrieben wurde, so dass heute
keine eingeborenen Hindubekenner auf Java sich mehr finden, während auf der östlicher
liegenden Insel Bali er heute noch der herrschende Glaube ist. Zur Zeit seiner grössten
Blüthe umfasste dieses Reich nicht allein die jetzige Provinz Banjuwangi, die heute noch bei
den Javanen Blambangan heisst, sondern auch die Residenzien Besuki, Probolingo und Passuruan.
Ungefähr 1%, Stunden nordwestlich von Rogodjampi liegen im’ Walde, der zum Theil zu neuen
Kaffeekulturen umgestaltet ist, die Ruinen "einer anderen alten Stadt, Matjan-puti (weisser
Tiger) genannt, bei deren Besuch ‘der Radin’Widono als freundlicher Führer uns geleitete.
Von der Hauptstrasse links abbiegend kommt man bald in den Wald, 'und‘dort liegen auf
einer flachen, vom Raun sich herabziehenden Bodenanschwellung die Ruinen. Die Umfassungs-
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mauern der ungefähr. 1" Pal im Durchmesser haltenden alten Stadt sind noch theilweise er-
halten, zerfallen ‚aber täglich mehr, ‘wobei ‚die Menschen mehr thun als der Zahn der Zeit.
Schon bei der Anlage der Kaffeekulturen ist vieles zerstört worden; dabei nehmen die Um-
wohner, trotz: des strengen Verbots, häufig die‘schönen, gut erhaltenen Ziegelsteine weg, um
sie anderwärts zu verwenden. Selbst .der neue Passangrahan von Rogodjampi soll zumeist aus
diesen Ziegeln erbaut sein, welche dem Baumeister als neue von den Leuten geliefert und als
solche ihnen bezahlt wurden. Es ist nämlich die Stadtmauer, aus sehr guten, 18 Zoll langen,
6 Zoll breiten und 3 Zoll dicken Ziegelsteinen erbaut, die nach der noch heute auf Bali und Madura
üblichen Weise ohne Mörtel aufgemauert wurden, in der Art, dass man etwas nassen Thon
zwischen je 2 Steine bringt und sie auf einander reibt. So viel man erkennen kann, mag die
Stadtmauer an 6 Schuh breit, gut 12 Fuss hoch und oben mit Gang und Brustwehr versehen
gewesen sein. An der Nordseite sind noch die Reste eines Thores erhalten, ebenfalls aus
Ziegelsteinen erbaut, doch ist kaum mehr dort zu sehen, als ein grosser Trümmerhaufen, auf
dem schöne Feigenbäume aufgewachsen sind. Die Stadt war an allen vier Seiten mit solchen
Mauern umgeben und hatte den Bach Tombong im Norden, den Sebani im Süden, zwischen
welchen beiden sie sich ausbreitete. Ungefähr in der Mitte der alten Stadt findet man noch
die Reste eines kleinen zierlichen Tempels. Ungleich den meisten alten Bauresten auf Mittel-
java, die meist aus behauenen Trachyt- oder Lavablöcken aufgeführt sind, ist hier, mit Aus-
nahme der Fundirungen, zu denen Lavablöcke verwendet sind, alles aus anderem Material
erbaut, zum Theil aus Ziegelsteinen, zum Theil aus einem weissen, milden Kalkstein, der bald
in grösseren Blöcken verwendet ist, meist jedoch in der. Form von gewöhnlichen Ziegelsteinen,
so dass man letztere bei der Milde des Steines leicht versucht sein könnte, für weisse künst-
liche Steine zu halten, ähnlich den feuerfesten Ziegeln. Es kommen dieselben aus den tertiären
Kalkbergen, wie dieselben am Gunung Ickan sich finden und namentlich bei Sumenap auf
der Insel Madura gebrochen, in gleicher Weise zugehauen und als Bausteine weit umher ver-
wandt werden. Auf Madura nennt man diesen leicht zu bearbeitenden‘ Kalkstein Blumenstein,
weil Ornamente sehr schöa in ihn eingeschnitten werden können. Es mögen desshalb diese
Steine auch aus dem nahen Madura stammen, vielleicht aber auch vom Gunung Ickan, obgleich
dort keine solche Brüche bekannt sind. Es finden sich schöne, zierliche Ornamente am
Tempel, die augenscheinlich eingeschnitten sind, nachdem die Mauern bereits erbaut waren,
‘ganz wie man es heute auf Madura macht. Der ganz verfallene Tempel mag 20 Fuss lang,
12 Fuss breit und von doppelter Manneshöhe etwa gewesen sein bis zu einem vorspringenden
Gesimse, worüber nach Hinduweise das terrassirte Dach sich erhob. Die Aussenwände sind in
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viereckige, rosettenartige Felder getheilt, nach Hindumanier. ') Man kann noch deutlich er-
kennen, dass der Tempel auf einer mehre Fuss’ erhöhten Terrasse stand, zu der an der
Westseite eine Treppe hinaufführte, und sieht man am Eingange noch Postamente mit Resten
grotesker Bildsäulen. Auch vor dem Tempel befinden sich noch die Reste einiger Figuren,
die mir auf Shiwa zu deuten scheinen. Diese Bildsäulen waren aus einer bröckligen, fast
Parasartigen Masse gefertigt, die, wie es scheint, in Formen hineingestampft wurde. Früher
hat man dort auch einige Bildsäulen gefunden, aus Lavagestein gearbeitet, die sich jetzt zum
Theil in Batavia befinden, zum Theil vor dem Residentenhause in Banjuwangi aufgestellt sind.
Das ist alles, was ich noch in den Ruinen sah, ausser vielfachen Ziegelhaufen an verschiedenen
Orten. Früher sollen noch mehrfach Reste von anderen Bauten vorhanden gewesen sein, SO
unter anderen, wie Epp berichtet, die Reste eines zierlichen, offenen Häuschens, in dem die
fürstlichen Leichen verbrannt wurden. “Auch mehrfach hat man Gegenstände von Metall
gefunden; Münzen waren häufig, aber immer nur chinesische, wie sie heute noch auf Bali
eireuliren, mit einem viereckigen Loch in der Mitte zum Aufreihen auf eine Schnur. Das alles
weist darauf hin, dass die Erbauung Matjanputi’s in relativ neuere Zeit fallen müsse. Bleeker
giebt an, dass nach einer ihm zugänglichen javanischen Chronik seine Erbauung in das erste
Drittel des sechzehnten Jahrhunderts.falle. Die Sage selbst bringt seine Gründung mit dem
Falle Modjopahit’s in Verbindung, dessen letzter Kronprinz Radin Gugur nach dem Falle
seiner Vaterstadt im Jahre 1478 in diese Gegenden geflohen sei. Nach Hageman?) sei
Matjan-puti im Jahre 1638 durch einen Ausbruch des Raun verwüstet worden; seine eigent-
liche Zerstörung mag aber später fallen und erst in Folge der häufigen Kriege geschehen sein,
jedenfalls aber vor 1720; denn bereits von diesem Jahre wird Pangeran Danurodjo erwähnt,
als Stifter des Reiches von Widjinan (?), nach der Verwüstung. des Reiches von Matjan-putih.
Als im Jahre 1478 das weitberühmte mächtige Hindureich auf Ost-Java, das von
Modjopahit vernichtet und seine Hauptstadt zerstört worden war, und damit auch der Osten
Java’s dem Muhamedanismus unterworfen wurde, hielt sich ganz im äussersten Osten noch
Jahrhunderte durch Blambangan, dem eindringenden Muhamedanismus widerstehend. Bereits
um’s Jahr, 940 herum wird schon das Reich von Blambangan erwähnt, das bis dorthin zu Bali
gehört zu haben scheint. Im Anfange des fünfzehnten Jahrhunderts, wird erzählt, habe der
damalige Herrscher von Blambangan, Menak Djinggo, um die Fürstin von Modjopahit geworben,
') Eine Abbildung findet sich in: Javanische Oudheden. 1852. I. Lieferung.
) Hageman: Handleiding tot de geschiedeniss etc. etc. von Java.
Abhandl. d. Senekenb. naturf. Gesellsch. Bd. IX, 6
BERN? 1 EEE
und als sie ihn abwies, habe er den Krieg, erklärt und 'sei siegreich vorgedrungen, zuletzt aber
von seinem, eigenen Hofstaate. ermordet ‚worden. Von: nun an kam Blambangan in ein ge-
wisses Vasallenverhältniss zu Modjopahit, und.‚als Browidjojo, Radschah von Modjopahit, von
seinem Sohne, der in Demak regierte, geschlagen, nach Bali sich flüchtete, in solche zu dem Dewa
Agong, dem ‚Grossfürsten von. Bali, welche Fürsten sich noch heute als die Abkömmlinge und
Erben, der alten Krone von Modjopahit betrachten. ‚Seit dieser Zeit ist die Geschichte Blam-
bangan’s die Geschichte der. erbitterten Kämpfe gegen den immer mehr herandringenden Muha-
medanismus, und in diesen mörderischen, langdauernden Kriegen ist die nächste Ursache der Ent-
völkerung des Landes zu suchen, wozu noch Seuchen kamen, veranlasst theilweise durch furcht-
bare Ausbrüche der Vulkane. Nach dem Falle Modjopahit’s hatten sich viele Hindubekenner
nach dem eigentlichen Blambangan geflüchtet, wo damals noch allein auf Java der Glaube ihrer
Väter sich erhielt, d. h. ein gemischter Shiwakultus, wie er noch heute auf Bali besteht, nicht
aber, wie mehrfach irrthümlich angenommen. wurde, der Buddhismus; letzterer war schon längst
dem Brahminenthum gewichen.
Zur Zeit seiner grössten Blüthe umfasste das Reich von Blambagan fast den ganzen
Osten Java’s, nämlich die Provinz Ost-Blambangan, dem heutigen Banjuwangi, und West-
Blambangan mit Puger, Djember, Adirogo, Pradjakan, Panarukan, Besuki, Sintong, Sabrong,
Probolingo, Passuruan, Bangil, Porrong, Malang und Lemadjang. Man darf dabei aber nicht
an ein Reich im modernen Sinne denken, sondern ein solches mit Vasallenfürsten im Sinne
des Mittelalters, dessen Oberherr ‚der Fürst‘ -von Blambangan war. Seine Residenz war die
Stadt Blambangan an der Pampang-Bai gelegen.
Der englische Reisende Tom Candish (Cavendish) erwähnt zuerst Blambangan’s, das er
1588 besuchte. Er erzählt: von der, Mächtigkeit des Königs, vom Reichthum des Landes und
der Tüchtigkeit seiner Männer, und: der: Schönheit der Frauen. Der König habe 100, sein
Sohn an 50 Weiber gehabt. Wenn ein König sterbe, werde der Leichnam verbrannt, und 5
Tage später tödten sich, alle Frauen ‘des Königs etc. Interessant ist, dass damals schon
Portugiesen dort ansässig waren, von ‚denen zwei an Bord des Schiffes kamen, sich um Nach-
richt aus Europa erkundigend.!) Achnliches erzählt Cornelius Houtman, der 1597 dort
war. Es wüthete damals der Krieg zwischen dem bereits zu dem Muhamedanismus bekehrten
Fürsten von Passuruan und den »Hinden«, wie Houtman sagt, von Ballabuan (so nannte er
die Stadt), denen die Glaubensgenossen von Panarucan zu Hilfe kamen, so dass eine ganze
Flotille dort versammelt war., Auch hier ‚werden wieder ansässige Portugiesen erwähnt, so
!) Journalen van drie Voyagien, te weten 1, vau Mr. Tomas Candish etc. — Amsterdam 1643,
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fünf, die »Büchsenmeisters-Amt« beim’ Könige versahen und'ein Mönch, der in Panarukan den
Heiden das Christenthum predigte. Es mächten "also ‘damals’ bereits dort, wie seitdem und
heute noch an vielen anderen Punkten der ‘Erde, das Christenthum und der Muhamedanismus
gleichzeitig Anstrengungen zur »Bekehrung« der Heiden, und auch, wie fast überall, trug der
Muhamedanismus, der mit Waffengewalt. bekehrende, den »Si6g davon." Die 'Muhamedaner
rückten immer näher, eine Provinz nach'der andern’ wurde abgerissen, "so dass Senopati, der
1599 starb, bereits Puger erobert hatte.‘ Im Jahre: 1648 wurde Banjuwangi vom Sultan
Mangku Rat von Mataram erobert, und‘ das’ Landkam in’eine, allerdings nur nominelle Ab-
hängigkeit von ihm, die aber nicht lang dauerte,'so' dass es'sehr bald wieder unter Bali’scher
Lehensherrschaft stand. Streitigkeiten! zwischen dem Fürsten von Blambangan und dem
Grossfürsten von Bali veranlassten den’ ersteren, sich’ den Holländern in die Arme zu werfen
und ihnen sein Land abzutreten. Das geschah im Jahre 1765 und setzten sich die Holländer
zuerst in dem am Meere gelegenen, später wegen’ seiner’ ungesunden Lage wieder aufgegebenen
Fort, Banju-alit fest; die vollständige Eroberung geschah jedoch erst 1770, bei’ welcher Ge-
legenheit die bereits sehr heruntergekommene Stadt. Blambangan eingenommen‘ und zerstört
wurde. Damals soll die heutige Provinz 'Banjuwangi noch’ 200,000 Seelen gezählt haben.
Die weitere Festsetzung der Holländer in'der' Provinz ist“ von- einer ‘Reihe von Gräuelthaten,
die sie verübten, begleitet. Im Jahre‘ 1771 empörte sich die Bevölkerung und ermordete
grausam sechzig europäische Soldaten. ‘Nun erklärte die Regierung zu Batavia alle Bewohner
der Provinz zu Sklaven und sechs Jahre lang wurde derverbittertste Krieg geführt, der die
Entvölkerung des Landes zur Folge hatte. Als’ 1777 der Krieg zu‘ Ende kam, indem sich
eirca 100 Häuptlinge ergaben, lockte ‘der Commandant Schophofft dieselben an Bord seines
Schiffes und liess sie tödten. Da floh alles, was fliehen konnte, sei es nach Bali, sei es in die
Wildnisse, oder flüchtete sich zu Schiffe und 'trieb'Seeräuberei; ‘Viele kamen’ durch Hunger
und Seuchen um. Noch im Jahre 1800 fand man einige Hunderte von Familien, die sich in
die Waldwildniss geflüchtet und dort kleine Dörfchen angelegt hatten.
Die Bevölkerung sank in dieser Zeit auf 8000, ja selbst 5000 Seelen und das Land
wurde zur Wüstenei, um so mehr als 1790 der Commandant van Ryk, um der Seeräuberei
ein Ende zu machen, das Land so systematisch verwüstete, dass man nur selten mehr eine
menschliche Spur antraf. ‘Man schreibt gewöhnlich die Entvölkerung der Ungesundheit des
Landes zu, aber ein Besuch an Ort und Stelle “und die Berichte der alten Leute lassen die
ungeschminkte Wahrheit erkennen, « sagt’Hageman.%) ' So konnte es kommen, dass im Anfange
’) Geschiedeniss etc. von Java. Tijdschrift voor Tal, Land’ en Volkenkunde. 1860.
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dieses Jahrhunderts die Bevölkerung auf ein Minimum gesunken, ja fast ganz aufgerieben war,
und als Leschenault de la Tour das Land im Jahre 1805 besuchte, man nicht einmal mehr
genau die Stelle angeben konnte, wo an der Pampang-Bai das alte, prächtige Blambangan
einst blühte., Die»Gegend war damals so entvölkert, dass schon bei Panarukan der Wald
begann und auf dem ganzen Weg nach Banjuwangi nur zwei armselige Dörfchen im Walde
sich fanden. Leschenault fügt noch hinzu, dass man Spuren anderer Dörfchen allerdings
noch sah, die aber verlassen waren ‘der vielen Tiger wegen. Dass der Wohlstand und die
Bevölkerung erst in neuerer Zeit sich wieder zu heben beginnt, ist oben schon bemerkt worden.
Der Ort, wo die Stadt Blambangan stand, ist heute noch eine vollständige Waldwüste
und seien dort nach der Aussage des Radin Widono keine erhaltenen Ruinen mehr vorhanden,
dagegen fände man noch Mauersteine, die aber aus Lava beständen, somit also älter sind, wie
die Reste von Matjanputi. Ein aus basaltischer Lava gefertigter Phallus, der auf dem
Gunung Ickan gefunden wurde und jetzt auf dem Platze von Banjuwangi aufgestellt ist, spricht
ebenfalls dafür.
Als Fürstenthümer aus früherer Zeit nennt man in der jetzigen Provinz Banjuwangi
noch die Reiche Kradennan und Proa, und namentlich Proa auf der Halbinsel gleichen
Namens an der äussersten Süd-Ecke gelegen, soll der Sage nach eine sehr bedeutende Stadt
gewesen sein; wo es aber eigentlich stand, weiss selbst die Sage nicht näher anzugeben. Ob
in den weiten Waldwildnissen am Südstrande, zwischen Puger und Gradjakan, die seit Jahr-
hunderten keines Menschen Fuss mehr betreten hat, noch Reste alter Städte sich finden, wer
weiss es? Das Land dort muss früher aber ebenfalls, zum Theil wenigstens, kultivirt gewesen
sein, wie schon die langjährigen Kriege zwischen Puger und Blambangan erwarten lassen;
denn zwischen Reichen, die durch undurchdringliche Waldwüsteneien von solcher Ausdehnung
von einander getrennt sind, wie das heute der Fall ist, ist eine wirkliche Kriegführung unmöglich.
5. Geologische Verhältnisse des Landes.
Die geologischen Verhältnisse der ganzen Provinz sind in ihren Grundzügen sehr einfach.
“ Mit Ausnahme einiger Kalkhügel am Meere sind die hohen Berge wie das Flachland
vulkanischen Ursprungs. Die hohen ‚Vulkanketten werden wir im zweiten Abschnitte näher
kennen lernen, hier spreche ich nur von dem Lande, das. zwischen ihnen und dem Meere im
N
Osten und Süden sich befindet, und hier müssen wir unterscheiden zwischen dem Flachlande
am Meere, und dem niederen Hügellande, in welches dasselbe den Bergen zu übergeht.
Die Vorhügel der Vulkane bestehen ausschliesslich aus vulkanischen Gesteinen, und
überall, wo man die Verhältnisse genauer untersucht, ergiebt sich Aehnliches, wie bei Batu
aodol. Rogodjampi liegt im Verbreitungsbezirke des Raun und von demselben ziehen sich,
ganz wie vom Idjen her, terrassenförmig absetzend schmale Hügelzüge in die Ebene herab, in
der sie sich verlieren. Es sind dies alte Lavaströme, sei es nun, dass sie von wirklich ge-
flossener Lava herrühren, wie meist der Fall ist, sei es, dass es Lavatrümmerströme sind,
welche aus dem Vulkane herabkamen. Sie gehören alle jedenfalls einer längst vergangenen
Zeit an. Terrassenförmig setzen diese Ströme ab, bedingt vielleicht durch in verschiedenen
Zeiten ausgebrochene, über einander hingeflossene Lavaströme, und zwischen je zwei derselben
befindet sich immer ein tiefeingeschnittenes Thal, in dem ein Bach der Ebene zueilt. Diese
ursprüngliche Configuration ist nicht Folge der Erosion. Alle diese alten Lavaströme sind
dann an ihrer Oberfläche häufig mit jüngeren vulkanischen Produkten, oft in nicht unbedeu-
tender Mächtigkeit bedeckt, vor allem mit Parasschichten, dann auch mit Asche und Lapilli,
und in diese haben dann die Bäche in Folge der spätern Erosion sich tief eingeschnitten. Gleich
oberhalb Rogodjampi wird ein solcher, ziemlich bedeutender Strom von der Landstrasse über-
setzt, so dass dort die Profile deutlich blosgelegt sind. An der Strasse ist er an 1000 Schritte
ungefähr noch breit und an 30 Fuss hoch, so dass die Strasse, sich in ihn einschneidend, wie
über einen kleinen Hügel über ihn wegführt. Er kommt vom 15 Pal entfernten Raun herab
und lässt sich noch über 1 Pal unterhalb Rogodjampi dem Meere zu verfolgen, bis er endlich
unter den Paraslagen der Strandebene verschwindet.
Ein ideales Profil vom Raun bis zum Meere ergiebt folgendes:
Raun
anju Alir
Rogodjampi
15
B
Das Gestein dieses Lavastromes ist hauptsächlich eine schwarze basaltische Lava, die in
grossen Blöcken umherliegt. Innen dicht, wird sie nach oben zu porös, oft mit langgezogenen
Poren, und hat an der Oberfläche nicht selten blumenkohlartige Form oder ist tauartig ge-
wunden. In der dichten, schwarzen Grundmasse erkennt man mit der Loupe viele weisse
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Feldspathleistchen oder Kryställchen, wodurch nicht selten das ganze Gestein Porphyrstruktur
erhält. Meist ist deutliche trikline Streifung an ihnen erkennbar, sowie Farbenwandlung.
Magnetit findet sich fast immer deutlich ausgeschieden, jedoch im Ganzen nicht in sehr grosser
Menge; Olivin ist dagegen nicht in allen Stücken zu erkennen. Augit ist vorhanden, doch
dessen Säulchen nur selten deutlich erkennbar; auch wenige grüne Pünktchen sieht man hie
und da, die wohl von zersetztem Augit herrühren. Im Ganzen ähneln diese Gesteine sehr
denen von Batu-dodol, und einige dichte Varietäten lassen sich in Handstücken von denselben
gar nicht unterscheiden. Bezüglich der mikroskopischen Diagnose verweise ich auf Professor
Rosenbusch’s Abhandlung, der von den Nummern 475, 477, 473 meiner Sammlung, alle von
Rogodjampi 'herrührend, Dünnschliffe fertigte. Auch die mikroskopische Untersuchung hat in
allen Gesteinen triklinen Feldspath nachgewiesen, in Nr. 475 aber ausserdem noch einen
orthotomen, den Professor Rosenbusch unzweifelhaft als Sanidin bezeichnet.
Die Loupenuntersuchung dieses letzten Gesteins betreffend, bemerke ich, dass der Feld-
spath an vielen Orten farbenwandelnd, in’s Messinggelbe ziehend sich ausweist, und wenn
auch Streifungen selten deutlicher zu beobachten sind, doch Herr Professor Blum bei auffallen-
dem Lichte an einigen Punkten entschieden Viellingsstreifung wahrgenommen hat. Der Mangel
an Streifung kann aber apodictisch nicht gegen jedes Auftreten von triklinem Feldspath sprechen,
da ja einfache Zwillingsbildungen der Krystalle keine Streifung veranlassen können. Rosen-
busch’s Untersuchungen haben denn auch nachgewiesen, dass selbst in Nr. 475 der vorwaltende
Feldspath ein trikliner sei, dass aber ausser ihm noch Sanidin vorkomme, der in den übrigen
Gesteinen fehlt. Wegen des spärlichen Olivin’s, der öfters ganz zu fehlen scheint (in Nr. 475
ist man versucht, an einigen Orten Olivin zu vermuthen, es ist aber ein Feldspath mit gelb-
licher Eisenoxyd-Rinde bedeckt), zählt Professor Rosenbusch diese Gesteine zu den Augit-
Andesiten, Ich glaube sie jedoch ebensogut wie die von Batu-dodol trotz des hie und da
fehlenden Olivins, zu den basaltischen oder vielmehr den doleritischen Laven rechnen zu
müssen, aus den bereits bei den Batu-dodol Gesteinen entwickelten Gründen; und zwar sehe
ich sie als eine Form der Dolerit-Laven an, die sich den Augit-Andesiten nähert, wenn nicht
sogar selbst den Uebergang zu denselben bildet, und stehen diese Gesteine von Rogodjampi
den Augit-Andesiten noch näher, als einzelne Varietäten von Batu-dodol.
Ganz dasselbe Gestein findet man auch an vielen anderen Orten im Verbreitungsbezirke
des Raun unter ähnlichen Verhältnissen, so bei Gambiran ete., deren nähere Beschreibung
weiter unten folgt. Daraus ergiebt sich, dass zu jener Epoche, als diese Laven gebildet wurden,
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der Raun, wie den Idjen und die anderen nun erloschenen Vulkane dieser Gruppe, dieselben
Gesteine erzeugten.
Ausser diesen Dolerit-Laven findet man noch Lapilli, oft aus einer röthlichen, porösen
Lava bestehend, umherliegen, sowie, jedoch selten, Blöcke eines röthlichgelben, dichten, festen
Tuffes, letztere beide Produkte jüngerer Eruptionen,
Von diesen Dolerit-Laven Gesteinen sind vollständig verschieden die vulkanischen Gesteine,
die sich am Südstrande bei Gradjakan finden, die jedenfalls einer älteren Epoche angehören,
als die ersteren, und ganz entschieden zu den Augit-Andesiten zu zählen sind. Ich komme
später, bei Beschreibung der Excursion an den Südstrand, des näheren auf diese Gesteine zurück
und bemerke hier nur, dass die Bemerkung Junghuhn’s in seinem grossen Werke Band II,
Seite 683, wo er sagt, dass an der Südküste niedrige, flache Kalkgebirge von Westen nach
Osten sich hinziehen, in so weit ungenau ist, als gerade bei Gradjakan die Hügel aus vulkani-
schen Gebilden bestehen. Kalkhügel kommen aber allerdings an mehreren Orten am Süd-
strande vor, so weiter östlich von Gradjakan, wo in deren Höhlen am Meer die Salangane
(Hirundo esculenta) ihre essbaren Nester baut, vor allem aber am Gunung Ickan, wie denn
wahrscheinlich (ich bin dorthin nicht gekommen) die Halbinsel Proa ebenfalls aus Kalk besteht.
Es sind dies tertiäre Kalke oder zum Theil, wie. wir schon bei Batu-dodol gesehen haben,
auch jüngere Kalktuffe. Der Kalkhügel des Gunung Ickan (Ickan bedeutet Fisch), dessen
höchster Punkt, Gunung Sembalungan geheissen, 385 Fuss hoch ist, bilden die schöne Bai
von Pampang, die vier Pal lang und ein Pal breit, gross genug ist, um eine ganze Flotte
aufzunehmen, An der Westseite der Bai, am Festlande, ist jedoch das Wasser untief und
wird das Wasser dort immer.noch seichter, während an der Ostseite, wo der, Gunung Ickan
die Landzunge bildet, ein tiefes Fahrwasser sich ‚befindet.
Das niedere Flachland der Ebene besteht zum Theil aus Alluviallehm, vornehmlich jedoch
aus Parasschichten, wie wir sie schon als neues Gebilde bei Rogodjampi kennen lernten,
also aus verhärteten, von den Vulkanen herabgekommenen Schlammströmen. Sie geben im
Laufe der Zeit, was jedoch ziemlich lange dauern mag, ein schr fruchtbares Land ab. Im
Innern, wo sie unverwittert sind, gleichen sie ganz dem erwähnten Schlammstrom, der 1817
vom Idjen herabkam. Aus ihrer bedeutenden Verbreitung folgt, dass nicht allein der Idjen,
sondern auch der Raun bereits früher solche Schlammströme entsendete, -wie wir sie als
neueste Produkte des Idjen kennen. Aber auch den längst erloschenen Vulkanen, die zwischen
Idjen und Raun liegen, müssen solche Schlammströme früher entflossen sein, da sie sich auch
ausserhalb der eigentlichen Verbreitungsbezirke dieser heute noch thätigen Vulkane finden.
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Diese Parasschichten, die oft ziemliche Mächtigkeit haben, (ich habe selbst solche 12 Fuss
mächtige gemessen) liegen in mehrfachen, deutlich unterscheidbaren Lagen übereinander, gehören
also verschiedenen Zeiten an. Gleich unterhalb Rogodjampi im tiefen Bacheinschnitte ist
ein sehr instruktives Profil blosgelegt, in dem die einzelnen Schlammströme durch 1 bis 2
Linien dicke, thonige Zwischenlagen deutlich von einander getrennt sind. In dem 8 Fuss
tiefen Bacheinschnitte maass ich eine obere Schicht von vier Fuss Mächtigkeit, darunter eine
einen Schuh mächtig, und zu unterst eine von drei Fuss, Die Javanen machen einen Unter-
schied zwischen Paras muda, die weniger fest aus Sand, Asche und Grus besteht, und Paras
tuwah (pasir) aus grobem Material und meist sehr fest; diese letzteren Schichten sind oft so
fest, dass sie förmlich steinartig herausgebrochen werden müssen, wie es bei Anlage einer
Wasserleitung, die man früher dort anlegte, zu geschehen hatte. Bei dem Graben dieser
Wasserleitung im Jahre 1856 hat man in einer Parasschicht, 10 Fuss unter der Oberfläche
deutliche Abdrücke von Menscherfüssen, Hornviehspuren und Karrengeleise gefunden. Zwei
dieser Fussabdrücke sah ich beim Residenten Bosch, der sie aufbewahrte und auch über diesen
Fund berichtet hat.!) Der erste, ein rechter Mannesfuss ruht auf einer Schicht fester Paras
muda, aus lockerem, losem Sand, Asche und Grus zusammengesetzt, worunter eine Schicht fester
Paras tuwah, augenscheinlich von älterer Entstehung, folgte. Der zweite war eingedrückt in dieselbe
541g Zoll mächtige Paras muda-Schicht, unter der 2! Zoll Paras tuwah, und darunter wieder
Paras muda anstand. Die Abdrücke lagen sechs Fuss tief in den Paraslagen mitten drinnen,
und da sie so hoch wieder von neuen Parasschichten bedeckt sind, so müssen diese Schlamm-
überströmungen in sehr nahe bei einander liegenden Zeiten stattgefunden haben. In der
Wasserleitung ergiebt sich folgendes Profil: Zu oberst 1 Fuss Lehm, darunter 2 Fuss 2 Zoll
Paras muda, dann eine Sandschicht gemengt mit rother Erde 2 Fuss 5 Zoll mächtig, darunter
3 Fuss 3 Zoll Paras tuwah, dann wieder 1 Fuss 6 Zoll schwarzer Sand und zu unterst 7 Fuss
8 Zoll rother Lehm.
Diese Parasschichten sind deutlich bis zum Meeresstrand zu verfolgen und südlich von
Bomo, bei Buntu, sieht man dieselben auf eine Erstreckung von fast 10 Pal weit; zu oberst
liegt dort eine mehrere Zoll mächtige Lehmschicht, darunter 8 Zoll Paras muda, dann 5 Schuh
Paras tuwah, 3 Zoll erhärtete Asche und 2 Fuss 9 Zoll Paras tuwah. Die Profile hart am
Meere sind sehr- schön blosgelegt, indem die andringenden Meereswogen dort Ursache sind,
dass die Küste ständig abbröckelt. Wo im Jahre 1770 die Holländer das Fort Banju-Alit
ı) Bosch, Uitbarstingen der Vulkane Idjen en Raun. Tijdschrift voor Tal, Land en Volken-
kunde. 1858.
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anlegten, ist die Küste bereits so abgebröckelt, dass in wenigen Jahren der ganze Platz, wo
dasselbe stand, verschwunden sein wird. Die Macht der Strömung und der Wellenandrang in
der engen Balistrasse ist ein ausserordentlicher, so zwar, dass zu Zeiten selbst Dampfschiffe
vergebens dagegen ankämpfen, wie Zollinger solches vom Kriegsdampfer Bromo, auf dem er
sich selbst befand, erzählt. Je nach Fluth oder Ebbe ist diese Strömung eine solche von Süd
nach Nord gerichtete, oder eine rückläufige. Ungemein stark, oft geradezu furchtbar ist diese
Süd-Nord-Strömung, bei der die aus der Südsee kommenden Wogen mit voller Macht in die
Balistrasse hineindrängen. Dieser verdankt auch ein Theil der Küste eine eigenthümliche
Configuration, wie ein Blick auf die Karte beweist. Ueberall
nämlich, wo grössere Bäche ins Meer münden, die ziemlich
Detritus mit sich führen, wendet sich kurz vor der Mündung
der Bach plötzlich nordwärts, wie man am schönsten bei
Banjuwangi, an der Mündung des Tambong, sowie unweit
Banju Alit,:wo das Flüsschen von Rogodjampi mündet, sehen
kann; es hat sich dort immer ein kleines Delta in dieser
Süd-Nord-Richtung gebildet, wie nebenstehende Skizze noch
deutlicher zeigt. Bei Banjuwangi ist so ein förmlicher Hafen
entstanden, der aber zur Ebbezeit untief ist und fast nur Schlamm enthält; dort soll zugleich
der 1817 vom Idjen gekommene, bis zum Meere geflossene Parasstrom mit den Grund zur
Configuration der Küste gelegt haben. ‘Die schon mehrfach hervorgehobene Thatsache des
ständigen Aufsteigens der Küste mag dabei zugleich diese Deltabildung begünstigen.
Vielfach findet man zur Ebbezeit am Meeresstrande (so bei Blibis) grosse Mengen eines
schwarzen titanhaltigen Eisensandes, der vorzugsweise aus Magnetit besteht, untermengt mit
Partikelchen von Feldspath, Olivin und Augit. Es ist derselbe einfach das Resultat der Zer-
kleinerung der Basaltlaven, aus welchen die Meereswogen den Magnetit ausgewaschen und
weggespült, man möchte sagen aufbereitet haben. Viele tausend Fuhren könnte man davon
dort sammeln, mehr noch und reineren an der Südküste bei Gradjakan. In dem Profile der
Wasserleitung finden sich zweimal ähnliche Sandschichten, die unterste fast 11 Fuss unter der
heutigen Oberfläche, und ist es ungemein wahrscheinlich, dass dieser Eisensand dort ebenfalls
in früheren Zeiten vom Meere angespült worden sei. Banjuwangi liegt 275 Fuss über dem
Meere, dieser Sand also etwas mehr wie 260 Fuss über demselben, so dass somit das ganze
Land dort seitdem um diese Höhe gehoben sein muss.
Für eine solche, nicht allein Ost-Java, sondern die ganze Insel umfassende,
Abhandl. d. Senckenb. naturf. Ges. Bd, IX. Ü
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säkulare Hebung sprechen noch gar manche Verhältnisse, die ich bereits an einer anderen
Stelle!) erwähnt habe. Hier wiederhole ich nur für Ost-Java, dass sowohl bei Besuki, wie bei
Panarukan noch zu historischen Zeiten das Meer weiter ins Land hereintrat, als heut zu
Tage; dass ferner die Madurastrasse jährlich mehr versandet,: was nicht allein durch den
Detritus, den die Flüsse Solo und Kali Brantes mit sich führen, verursacht sein kann; dass
schliesslich das grosse Delta des Kali Mas, des goldnen Flusses (wegen seiner Fruchtbarkeit
so genannt, gleich unsrer goldnen Au), das. über 12 deutsche Quadratmeilen gross sich in
kaum 600 Jahren gebildet hat, nicht allein ein Alluvions-Delta sein könne, wenn auch der
nahe Vulkan Klut bei seinen ungeheueren Eruptionen ein nicht unbedeutendes Material zur
Deltabildung geliefert hat. Modjo-pahit, die frühere Hauptstadt des gleichnamigen, grossen
Reiches, die bereits im Jahre 1478 zerstört wurde, liegt heute mit ihren Ruinen gut acht
Stunden vom Meere entfernt, mitten im Lande an der Grenze des ebenerwähnten Deltas; nach
javanischen Chroniken lag es früher hart am Meere, indem im Jahre 1250 Flotten von dort
ausliefen, die Singapur erobern sollten. Dabei liegt es heute 93 Fuss über dem Meere, was
zu der Zeit, als es nahe am Meere lag, schwerlich der Fall war. So bin ich denn zu dem
Resultate gekommen, dass diese Deltabildung und die zunehmende Versandung der Madura-
strasse zwei Factoren zuzuschreiben sei, dem durch die Bäche herabgebrachten Materiale, und
zugleich einer noch fortdauernden Hebung des Landes, welch’ letzteres durch die geologischen
Verhältnisse der Batu-dodol-Klippe unzweifelhaft wird. Dies zusammengehalten mit den
Beobachtungen Junghuhn’s über die Hebung der Süd-West-Küsten Java’s berechtigt zum
Schlusse, dass ganz Java in einer säkularen Hebung begriffen sei.
Veranlasst durch meine oben erwähnte Notiz über Batu-dodol hat in neuester Zeit
Herr Hageman in Surabaya weitere Daten beigebracht für dieses stetige Heben der Nord-
küste Ost-Java’s, die ich hier in Kürze anreihe.2) Diese Daten sind zweierlei Art, nämlich
Nachweise, dass an verschiedenen Orten in ganz neuer Zeit das Meer zurückgetreten sei und dort
niederes Vorland sich gebildet habe; dann Angaben verschiedener Kalkbänke und Hügel, mehr
oder weniger ähnlich der Kalkbank von Batu-dodol. Die ersteren Localitäten sind folgende,
von Ost beginnend:
1. Die Klippe Karang Mas oder Meindersdroogte, ungefähr 5 Seemeilen nördlich
1) Die Basaltklippe Batu-dodol im Neuen Jahrbuch für Mineralogie etc. von Leonhardt und
3einitz. 1865.
2) Hageman over het Rijzen der Kusten von oostelijk Java en Madura. N. Tijdschrift voor
Neederl. Indie. 1868.
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von der äussersten Ostecke Java’s im Meere gelegen. Im Jahre 1597 fuhr dort Hautman’s
Schiff: Täubchen, auf; es war damals nur eine Untiefe dort. Im Jahre 1866 scheiterten dort
zwei Schiffe, das eine 576 Ellen südlich, das andere 30 Ellen westlich von der Meindersdroogte.
Es ist somit inzwischen diese Klippe höher geworden.
2. Die Bucht von Ardjasa (Delftsbai der alten Karten) und das Sampayan Delta
bei Panarukan. — Südlich von Sindobondo, Kapongan, bis über Ardjasa hinaus, zieht sich
auf mehr wie 10 Pal Erstreckung eine öde Hügelreihe hin, die der Sambayan unweit Sindo
bondo durchbricht. Diese Hügel bildeten früher das Meeresufer, und zwischen ihnen und dem
Meere hat sich ein Küstenland gebildet, das bei Ardjasa im Osten kaum ein Pal breit ist,
während nördlich von Sindobondo das Delta des Sampayan bis zum Tandjong Tjina an sieben
Pal weit ins Meer hinausreicht. Diese Deltabildung fällt in die historische Zeit und soll in
den letzten Jahrhunderten entstanden sein. Es sind an 40 Quadrat-Pale, die aus schwarzem
Sand mit darunter liegendem, grauem, hartem Lehm bestehen und sich nur wenig über die
Meeresfläche erheben. Das Aufsteigen dauert fort, und 1861 ist dort eine neue Klippe auf-
getaucht, die früher unbekannt war; in der sogenannten Delftsbai sind zu historischer Zeit
an vier Orten Klippen entstanden.
3. Der Fuss des Ringgit. Die Hauptstrasse führt dort am Nord-Ost Fusse des
Ringgit hin, und lag dieselbe 1837 so unmittelbar am Meere, dass, wenn dasselbe hoch ging,
die Wellen heraufspritzten. Jetzt ist zwischen Meer und Strasse auf 6 Pal Erstreckung ein
begrüntes Vorland entstanden, in dem Dörfchen liegen.
4. Das Küstenland von Besuki. Von Pal 309 bis 322 führt die grosse Strasse
über niederes Küstenland, das 2 Pal landeinwärts von Hügeln begrenzt ist. Dasselbe war
früher Meer. Im Jahre 1812 fuhr Lieutenant Roxburgh zu Boot dort über, um zu einem
am Meere liegenden Hause zu gelangen, als das Boot umschlug. Das Haus, bei dem er landen
wollte, liegt heute 600 Ruthen vom Meere entfernt oder 1!’ Pal. Heute ist dort alles hoch
und trocken, selbst Strecken, die man 1841 noch nur zu Boot befahren konnte. Schon 1847
haben Hoövell und 1850 Bleeker von dieser Landbildung dort gesprochen.
5. Das Küstenland bei Banju-Ängit (bei Binur) war 1837 noch Meer, heute ist es
bewachsenes Vorland;
6. ebenso beim Gunung Bentur, 5 Pal östlich von Probolingo, in der Nähe von Dringu,
ein ungefähr 4 Quadrat-Pal grosses Vorland.
Zu allen diesen Daten muss ich jedoch bemerken, dass die neue Strandbildung dort
zwei Ursachen ihre Enistehung verdankt; neben der säkularen Hebung ist sie eine Delta-
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bildung, veranlasst durch den Detritus, den die aus den hohen Bergen herabkommenden Flüsse
absetzen.
Die von Hageman an der Nordküste Ost-Javas verzeichneten Kalkhügel sind folgende,
ebenfalls wieder von Ost nach West gezählt:
1. Eine Austernbank bei Tjottek, in der Kalk gebrochen wird, was früher nicht der
Fall war, also auf neuere Hebung hinweist.
2. Korallenbänke bei Sampayan.
3. Kalkhügel beim Gunung Bentur (Dringu).
4. Mehrere Kalkhügel bei Tongas, westlich von Probolinggo,
Die Kalkhügel, aufgeführt unter 3., bei Dringu habe ich näher untersucht, und bestehen
sie aus einem kieselreichen, weissen, tertiären Kalk. Die Hügel selbst reichen über 200 Fuss
hoch auf, und wird es an Ort und Stelle klar, dass das Meer in noch nicht zu langer Zeit bis
an deren Fuss reichte, da die dort von mir gesammelten Petrefakten ausschliesslich recente Arten
sind, heute in der Javasee lebende, Ausser einer Koralle ist es vornehmlich Arca granosa Lam.
Für das Aufsteigen der nördlich von Java liegenden, grossen Insel Madura führt Hage-
man ebenfalls historische Daten an, von denen ich nur die eine hier verzeichne, dass nämlich
1843 an der Südseite der kleinen Insel Gili Genting, die nahe an dem Südstrande Madura’s
liegt, zwei vorher unbekannte Klippen auftauchten.
Der Ansicht, dass Java in stetem Aufsteigen begriffen, stehen javanische Sagen entgegen,
die Raffles in seiner History of Java II. S. 255 anführt. Darnach hätten Sumatra, Java,
Bali, Sumbawa.und die andern östlichen Sundainseln einst zusammengehangen und seien erst
im Laufe der Zeit in neun verschiedene Inseln zerrissen worden; so habe Nusabarong von
Java sich getrennt im Jahre 444, Sumatra 1206, Bali 1293 ete. Diese Sagen sind weiter
nichts als Fabeln, der orientalischen Phantasie entsprungen, die sich am besten dadurch
charakterisiren, dass prophezeiend beigefügt wird, nach 3000 Regenzeiten würden die Inseln
wieder vereinigt sein. Etwas Wahres mag jedoch dabei mitunterlaufen, nämlich dass diese
angeblichen Zerreissungen des Landes auf Ablösung selbstständiger Reiche vom Mutterlande
hindeuten sollen; denn es heisst nicht, die Insel Bali habe sich von der Insel Java getrennt,
sondern Bali von Blambangan, dem damaligen grossen Reiche; ebenso heisst es nicht die
“ Insel Sumatra, sondern Palembang, der nordöstlichste Distrikt Sumatra’s ete. Dass
übrigens diese Inseln einstmals nicht zusammenhängen konnten, dafür giebt die geographische
Verbreitung der Thiere unwiderleglich Zeugniss. Wenn die Java zunächstliegenden Inseln je
mit ihm zusammenhängen konnten, so müsste dies vor allem Madura sein, das heute nur
durch eine seichte Meerenge davon getrennt ist. Nun ist aber auf Java der Königstiger
überall zu Hause, während er auf dem nahen Madura gänzlich fehlt. Auf Bali kommt der
Tiger noch vor, hat aber dort seine östlichste Grenze; dagegen kommen dort Panther und
Pfauen nicht mehr vor, die in Banjuwangi noch so häufig sind.
Der oben erwähnte, fast ausschliesslich aus Magnetit bestehende Eisensand kommt so
massenhaft an der Küste vor, dass mir der Gedanke kam, er könne mit Erfolg zur Eisen-
bereitung im Kleinen verwendet werden. Auf Java wird bis jetzt kein Eisen erzeugt und fast
alles kommt von Borneo, wo es aus Magnetit dargestellt wird. Ich hatte in Bengalen gesehen,
wie die Leute dort, allerdings auf sehr primitive, aber leichte Weise in kleinen Rennöfchen
direkt aus dem Magnetit ein gutes, stahlartiges Schmiedeisen bereiten (Berg- und Hütten-
männische Zeitung, Band XXII, Nr. 17), und so wollte ich dort den gleichen Versuch
machen. Der Radin Widono, dem ich dies mittheilte, war ganz entzückt, einen Kris aus
selbstgefertigtem Eisen erhalten zu können, und liess sofort vom Strand den nöthigen Eisen-
sand holen, und ein intelligenter Schmied wurde angewiesen, im Hofe aus Thon ein solches
Oefchen zu fertigen. Als dasselbe fast fertig war und nur mehr des Austrocknens bedurfte,
ineldete eines Morgens dieser Schmied, alles sei in der Nacht zusammengefallen, was sicherlich
Setang, der Teufel, gethan haben müsse, der nicht wolle, dass man das Eisen mache; allem
Anschein nach hatte es aber der Mann selbst umgeworfen, um, nach javanischer Manier, der
Mühe, eine neue Art Arbeit auszuführen, überhoben zu sein. Er musste natürlich sofort
wieder beginnen, allein immer kam bald dies, bald das dazwischen, natürlich immer von
Setang verursacht. Ich liess nun in Zollinger’s Hof unter meinen Augen das Oefchen fertigen,
das dann, als es fertig war, von Zollinger mit wichtiger Miene exorzisirt wurde, um den Teufel
auszutreiben. Es war aber mittlerweile so viel Zeit damit vertragen worden, dass die Zeit
meines Aufenthalts in Rogodjampi zu Ende gegangen war und ich abreisen musste, so dass
es zum Schmelzen nicht mehr kam, ein Versuch, der jedenfalls zu wiederholen wäre. Ich
führe dies alles hauptsächlich deshalb an, um zu zeigen, wie schwierig unter den Tropen es
ist, eine neue Art Arbeit einzuführen; die angeborene Indolenz der Leute und ihr Aberglaube
stehen allem hindernd im Wege, und wenn es nicht sofort geht, wie es sollte, hat dann sicher
der Teufel die Hände im Spiel. Hiezu mochte in dem speziellen Falle noch kommen, dass
Zollinger bei den Leuten schon so ziemlich in den Geruch gekommen war, mit Setang im
Bunde zu stehen, eine Ansicht, die bei den Leuten dadurch bestärkt wurde, da sie sahen, dass
Schlangen, Affen und andere Thiere für die Tafel manchmal versuchsweise zubereitet wurden.
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6. Gradjakan am Südstrande.
Abgesehen von den vielfachen kleinen Excursionen, muss ich einer grösseren, der nämlich
zum Südstrande, ausführliche Erwähnung thun. Sie war zunächst veranlasst durch eine amt-
liche Inspektionsreise Seitens des Residenten, dem sich Herr van Bloemen-Waanders
und ich auf seine Einladung anschlossen.
Zu Pferde, begleitet von Radin Widono und dem üblichen Gefolge, alles beritten, im
Ganzen über 20 Pferde, brachen wir des Morgens in aller Frühe von Rogodjampi ‚auf. KReist
auf Java ein höherer Beamter, so werden die Dorfhäuptlinge davon benachrichtigt, und diese
schliessen sich, von ihren Leuten begleitet, in jedem Dorfe dem Gefolge an. Dies war mit
der Zeit zu einem grossen Missstande geworden und das Gefolge fast ins Unendliche gewachsen,
so dass die Central-Regierung anordnete, dass künftighin für jedes Dorf nur 24 ‚Reiter höch-
stens mitzugehen hätten. Nach javanischer Art führte aber das zu dem seltsamen Resultate,
dass nun in jedem Dorfe 24 Leute bezeichnet und uniformirt wurden, als offizielle Begleiter.
Diesen aber schliessen sich dann freiwillig immer noch viele andere an, und da alle diese
nicht, einfach an der Banngrenze des Dorfes angekommen, heimkehren, sondern immer weiter
mitreiten, so ist das Gefolge bald auf weit über hundert Begleiter angewachsen. „So gross-
artig war es nun allerdings nicht in dem schwach bevölkerten Lande, doch hatten wir oft an
30 bis 40 Begleiter bei uns.
Der Weg, der auf der Karte angegeben ist, führte zunächst an den bewaldeten Vorhügeln
auf leidlichem Wege bis zum Dörfchen Pare-djati. Dort sind noch viele Reisfelder, und
auf ’hohen Pfählen in denselben sieht man kleine Häuschen errichtet, wo die Wächter sitzen,
um die kleinen Reisdiebe (Fringilla oryziora) zu verscheuchen, welche niedlichen Vögelchen
nicht allein die Körner abpicken, sondern auch die Halme unter den Rispen abbeissen und so
viel verderben. Von diesen kleinen Häuschen führen nach allen Seiten Schnüre, an denen
Klappern und sonstige Gegenstände befestigt sind und die angezogen werden, sobald die
Vögel einfallen. Dieses Abhalten und Verscheuchen ‘der Vögel ist auf ganz Java üblich; hier
aber sind die Häuschen hoch auf Pfählen errichtet, so dass man nur mit Leitern hinaufsteigen
kann, damit die Wächter zugleich vor den: wilden Thieren gesichert ‚sind.
Bald hinter diesem: Dörfchen hört das bebaute Land auf und führt der Pfad nun in
grünem, von kleinen Bächen vielfach durchströmten Thälchen, zwischen. niederen, mit Ge-
büschen und Bäumen bewachsenen Hügeln dahin, wie im schönsten Park, bis zum Dorfe
’
Gambiran; es ist dies das am weitesten in Süd-West-Richtung gelegene Dorf, hinter dem
bald der tropische Wald beginnt. Ein Passangrahan steht dort, in dem wir uns einquartierten.
Der mächtige Kegel des Raun liegt von hier in Nord 11Y/;,° West, wornach die Lage des
Orts auf der Karte berichtigt ist. Ein im Süd-West gelegener, domförmiger Hügel, der be-
deutendste unter den in dieser Richtung liegenden, wurde mir als Gunung Krikil bezeich-
net und peilte ich West 493, ° Süd. Es scheint dies der auf Melville van Carnbee’s Karte
als Gunung Lampong bezeichnete Berg zu sein.
Die niederen Hügel in der Umgebung des Dorfes bestehen aus Anhäufungen von Lava-
blöcken, sei es, dass dies alte Lavaströme sind, die meist vom Raun kamen und beim Er-
kalten geborsten sind, sei es, dass sie von ihm herrührende Gesteinstrümmerströme sind. Alle
diese Hügel ziehen sich reihenweise vom Raun herab, und scheint sich dessen Ver-
breitungsbezirk südlich bis zum, an 30 Meilen (Bogenminuten) von ihm entfernten, ‚Südstrande
zu erstrecken. Eine geologische Sage, den Raun betreffend, die vielleicht mit einer furchtbaren
Eruption desselben in Verbindung zu bringen ist, verdient, dass sie nacherzählt werde. Im
ursprünglich ganzen Berge habe nämlich der Schmied Empo gewohnt, fleissig Tag und Nacht
arbeitend. Das verdross den nahe wohnenden Gott Bima, dem die Funken ins Haus flogen,
und ergrimmt warf er einstmal dem Schmied die Werkstatt um. Aus den weggeschleuderten
Stücken, die bis zum Südstrande flogen, bildeten sich Hügelzüge, die in der That in dieser
liichtung vom Raun aus sich erstrecken.
Die Gesteine bei Gambiran sind basaltisch-doleritische Laven, aus einem Gemenge
von triklinem Feldspathe, Augit, Magnetit und wenigem Olivin bestehend. Manchmal ist das
Gestein so feinkörnig und dicht und dabei so durchweg schwarz, dass es vollkommen einem
Basalte gleicht und in nichts von den Gesteinen von Batu-dodol sich unterscheidet. Bald wird es
poröser und schlackig, und bald geben weisse Feldspathleistchen, die in der schwarzen Masse
liegen, dem Gestein ein "porphyrartiges Gefüge. Ob die triklinen Feldspäthe Labradorit oder
Oligoklas sind, ist kaum zu unterscheiden; der Mangel an Farbenwandlung bei Betrachtung
mit der Loupe scheint für letzteres zu sprechen, so dass trotz des äusseren basaltisch-doleritischen
Habitus diese Lavagesteine den Augit-Andesiten sich nähern würden, worauf zuerst Professor
Blum aufmerksam machte. Viele dieser Gesteine gleichen ganz denen von Santorin. Oft er-
kennt man mit der Loupe keinen Augit, dagegen weist das Mikroskop ihn deutlich nach. Hie
und da ist das feinkörnige Gestein gefleckt und rothe und braunschwarze Massen sind flammen-
artig mit einander verwachsen, ähnlich wie Gesteine, die Moritz Wagner aus Cossequina mit-
brachte, und die in der Heidelberger Sammlung befindlich als Augit-Andesit bezeichnet sind.
Eines dieser braunen und schwarzen, flammenartig verwachsene Gesteine, Nr. 485 meiner
a
Sammlung, muss ich hier näher erwähnen. Die Gesteinsmasse ist so dicht, dass mit der
| | Loupe man nur seltene Feldspäthleistehen entdecken kann. Mit dem Mikroskop löst sich die
| dichte Masse auf in viele kleine mit schönen Zwillingsstreifen versehene Feldspäthleistchen
Magnetit und etwas Olivin; dabei neben grünen Augitkriställchen einzelne braune Hornblende-
| kriställchen. Alles liegt in spärlicher Grundmasse, die bei den schwarzbraunen Parthieen grün
ist; bei den rothen Flecken bemerkt man als sekundäre Bildungen Hämatittäfelchen, welche
ran
i dem Gesteine seine Färbung geben. Diess Gestein, wie andere von Gambiran (Nr. 486, 487)
DR und Nr. 488 von Kradennan, sind ebenfalls von Professor Rosenbusch mikroskopisch untersucht ;
er rechnet sie ganz zu den Augit-Andesiten, während aus den früher bereits angegebenen
| Gründen ich sie zu den Dolerit-Laven stelle, jedoch als auf der Grenze zwischen den. eigent-
| lichen Dolerit-Laven und den Augit-Andesiten befindlich ansehe.
| Eines gelblichen, dichten, feinkörnigen Gesteins muss ich hier noch erwähnen, das mir in
i Gambiran, angeblich als vom Gunung-Krikil stammend, gegeben wurde. Es ist ein fester,
\ gelblicher Tuff mit vielen kleinen, fast ganz zersetzten Feldspathpartikeln, und wird das Gestein
| zu Schleifsteinen verwendet.
Des anderen Morgens wandten wir uns, dem Laufe des Flüsschens Stahil folgend, ost-
wärts durch dichte, prächtige Waldungen nach Kradennan, wo wir nach kurzem Ritte an-
N | kamen, Es ist.eine ziemliche Kaffeekultur dort, und enthülst man die an der Sonne getrock-
neten Beeren durch Stampfen, so dass eine ganze Reihe von Dörrkästen erbaut ist. Die
Vegetation in der Umgebung des Dorfes ist prachtvoll und einzelne Affenheerden, welche in
den grossen Bäumen hausten, belebten auf ergötzliche Weise die Landschaft. Die ganze Um-
gebung ist hügelig und die niederen Hügel mit Blöcken der bereits bei Gambiran erwähnten
n Gesteine bedeckt. Dazu gesellt‘ sich dort noch ein hellgraues, feinkörniges Gestein, das in
\ seinem Habitus den Trachyten sich nähert; es besteht wie die anderen aus triklinem Feldspath,
deutlichem Augit, Magnetit und wenigem Olivin,
0 Von Kradennan uns südlich wendend, schlagen wir den Weg zur Südsee, zum Dorfe
Gradjakan ein. Zuerst reitet man durch prächtige Waldungen, mehrfach gen Osten fliessende
Bäche übersetzend. Die Pferde leiden viel auf diesem Ritt durch eine Unmasse von Brems-
fliegen, die in den dortigen Niederungen eine wahre Landplage sind. ‘Nach einigen Stunden
’ Reitens hört plötzlich der Wald auf und, soweit das Auge reicht, deckt hohes gelbes Gras
dicht den Boden. Hie und da nur ragen einzelne Fächerpalmen mit traubigen Früchten und
Blüthen darüber hervor, die traurige Corypha Gebanga (nicht zu verwechseln mit dem
früher erwähnten Bofassus), deren graugrüne Färbung zu dem fahlen Grase passt; ausser
Fr »
= HM =
diesen Palmen unterbrechen nur noch einzelne Acazien die Grasfluren, die von Glagah-Gras
(Saccharum Glagah Hasskarl) gebildet sind, das so dicht steht, dass ein schmaler Pfad nur
erlaubt, einer hinter dem andern zu reiten. So hoch ist das Gras aufgeschossen, dass man
wie in einem Hohlweg hindurchreitet, und die Halme über uns, die wir auf den Pferden
sitzen, aufragen. Die steifen, schilfähnlichen Halme stehen häufig so dicht, dass ein Durch-
kommen dort, wo kein Weg gebahnt ist, oft nur mit dem Hackmesser in der Hand möglich
wird. Ueber die hohen beblätterten Halme erhebt sich dann noch eine reichblüthige, weiss-
liche Rispe, so dass ausgewachsene Pflanzen an 20, ja selbst 30 Fuss hoch werden können.
Dieses Glagalı-Gras wächst nur auf feuchtem Boden und ist ein Aufenthalt nicht nur für vieles
Wild, sondern auch für die Tiger, so dass ein einsamer Ritt gefährlich werden kann; bei
Nacht wird es auch ein einzelner Javane nicht versuchen. Auf eine kleine Anhöhe gekommen,
sahen wir auch einen grossen Hirsch durch die Grasflur brechen, ohne dass es bei dem schwie-
rigen Terrain gelang, ihn einholen zu können, trotzdem dass sofort einige der Leute es versuchten.
Interessant war mir eine Begegnung in diesem Glagahfelde mit Leuten, die beritten von
Gradjakan kamen. Nach javanischer Sitte stiegen sie natürlich bei unserer Annäherung ab,
mit entblösstem Haupte sich neben die Pferde kauernd, bis wir vorbei waren; so weit war
nichts Auffälliges daran. Als aber der hinter uns reitende Radin Widono an den Leuten vorbei-
kam, da warfen sie sich zum Zeichen der tiefsten Ehrfurcht auf den Boden, die Erde mit dem
Kopfe berührend, ein Beweis, lass heute noch ihre eingeborenen Fürsten in höherem Ansehen
stehen, als die hohen europäischen Beamten, und ein weiterer Beweis, wie geschickt die
holländische Kolonialregierung die Landessitte zu benutzen versteht, diese einheimischen
Fürsten als Beamte zu verwenden.
Nach längerem Reiten durch das Glagahfeld kommt man in die eigentliche Strandebene,
ein von vielfachen, natürlichen Kanälen durchschnittenes Marschland, durch welches ein rascher
Ritt bald nach Gradjakan bringt, und wo wir im dortigen Passangrahan uns niederliessen.
Gradjakan ist ein kleines Fischerdörfchen, hart am Meere gelegen, oder eigentlich an der
inneren Seite der geschützten Gradjakan-Bai, welche durch eine vorliegende Landzunge ge-'
bildet wird. Die Bai zieht sich östlich weit ins Land hinein, und ist Melville van Carnbee’s
Karte hier ungenau; Junghuhn’s Karte ist hier richtiger, doch immer noch die Bai zu klein
angegeben. Hielt es doch der Resident für möglich, man könne aus der Pampang-Bai bis
hierher mit geringen Kosten einen schiffbaren Kanal herstellen, da sich diese Bai ganz nahe
an der Pampang-Bai hinziehe, ein Kanal, der für die Schifffahrt zur Abkürzung der Fahrt um
die Halbinsel Proa von grossem Nutzen wäre.
Abhandl. der Senckenb. naturf. Gesellsch. Bd. IX, 8
\
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Nach der vorliegenden Landzunge fährt man über in den landesüblichen engen, roh-
gezimmerten Kähnen, Einbäume würde man bei uns sie heissen; sie haben an beiden Seiten
Schwimmer, d. h, parallel zum Kahne befestigte Balken, damit sie nicht umschlagen können.
Die Fahrt in solchem Kahne ist keineswegs einladend, um so weniger, als die Schwimmer
meist nur locker angebunden sind und die Furcht nahe liegt, sie möchten sich lösen und der
Kahn umschlagen. Es kamen gerade, als wir übersetzten, Leute in einem Boote herüber, die
drüben Gras geholt hatten; sie waren alle der wilden Thiere wegen mit Flinten bewaffnet.
Die nur wenig über das Meer sich erhebende Landzunge ist flach sandig und mit Gras
und Gestrüpp bewachsen; es befindet sich auf ihr eine Quelle guten, süssen Wassers. So
ruhig und unbewegt die von der Landzunge geschützte innere Bai daliegt, so bewegt ist auf
der anderen Seite das Meer und treibt die Südsee dort mit ungeheurer Brandung an, so dass
man zur Fluthzeit um zur Westseite der inneren Bai zu kommen, einen weiten Bogen machen
muss, derselben auszuweichen. Wie eine Mauer thürmen sich dann die Wellen auf, ungemein
grossartig. Von hier ins offene Meer mit kleinen Booten zu kommen, hielt ich für unmöglich,
und doch thun es die Leute mit den ihrigen, allerdings nur zur Ebbezeit.
Ganz anders sind die Verhältnisse an der Westseite. Dort tritt eine an 30 Fuss hohe
Klippe ins Meer vor, und ist das ganze Westufer der Bai von solchen felsigen Klippen
gebildet, welche zur Fluthzeit das Meer unmittelbar bespült; zur Ebbezeit bleibt eine nur
wenige Schritte breite Strandebene frei.
Die geologisch-petrographischen Verhältnisse der Gesteine dieser Klippen sind von grossem
Interesse. An der ersten Klippe (siehe nachstehende Skizze) kann man bei a und b, von
Niederes Vorland
il“
Ben,
Gradjakan kommend, landen; an der Südseite brandet jedoch selbst zur Ebbezeit das Meer.
Bei ec, wohin man vom Lande gelangen kann, sind in einer tiefen Spalte die Gesteine schön
blosgelegt, und eine concentrisch schalige, zwiebelartige Struktur ist dort deutlich zu erkennen.
Die Gesteine sind bald bräunlich-roth, bald grün oder grau von Farbe. In einer sehr dichten,
felsitischen, rothbraunen, grünen oder grauen Grundmasse liegen farblose Feldspathleistchen
und Kriställchen, sowie Säulchen eines schwarzgrünen Minerals, wodurch das Gestein meist
vollständige Porphyrstruktur erhält und man geneigt ist, es für einen Porphyrit oder Felsit-
porphyr zu halten. Unter der Loupe zeigen die Feldspathleistehen nur selten Zwillingsstreifung;
bei auffallendem Lichte sind sie manchmal farbenwandelnd ins Messinggelbe. Zweierlei Feld-
späthe sind deutlich zu erkennen, von denen der eine leicht verwitterbare und auch meist in
Verwitterung begriffene, Oligoklas sein möchte; der andere ist ein orthotomer Feldspath. An
einigen Gesteinen glaubt man deutlich Nephelin erkennen zu können oder ein der Felsitoid-
gruppe angehöriges Mineral, doch gelatiniren die Gesteine nicht mit Säure. Magnetitkörnchen
lassen sich nicht in allen Gesteinen deutlich nachweisen, doch wirken alle auf die Magnetnadel.
Die Säulchen des schwarzen Minerals sind zum Theil ganz entschieden Augit, zum Theil,
namentlich die bräunlichen, ebenso entschieden Hornblende; in einigen Varietäten scheint
ersterer vorzuwiegen, in anderen letztere. Olivin erkennt man nirgends. Ausser den häufigen,
in Zersetzung begriffenen Feldspäthen finden sich auch in den Gesteinen, namentlich den
braun-rothen, in kleinen Hohlräumen Punkte eines grünerdeartigen Minerals, die beim Betupfen
mit Säure nicht brausen und wohl Zersetzungsprodukte des Augit sein möchten. In den
Spalten und Klüften des Gesteins findet sich, namentlich dort, bis wohin der Wellenschlag
des Meeres reichen kann, sehr häufig Chalcedon und traubiger Hyalith, sowie dunkelgrüner
Hornstein. Bei « der Skizze fand sich auch ein hellgrüner Tuff mit spärlich eingebetteten
Magnetitkörnchen.
An der weiter westlich liegenden Klippe steht bei d ein ähnliches, dunkelgraues und
grünlichgraues Gestein an (Nr. 510 und 511 meiner Sammlung), das aber ein ganz trachytisches
Gefüge hat; es ist ein deutlich kristallinisch-körniges Gemenge von triklinem Feldspath
(Oligoklas) und orthotomem (Sanidin) mit deutlich ausgesprochenen Augiten und Magnetiten.
Namentlich auf der Verwitterungsrinde sind die Oligoklas- und Augit-Kristalle schön und
deutlich zu erkennen. Die Magnetitkörnchen liegen in solcher Menge im Gestein, dass sie
sich reichlich aus dem Pulver mit dem Magnete ausziehen lassen. In einzelnen Handstücken
kommt zugleich deutlich Hornblende vor. Auch diese Gesteine gelatiniren nicht mit Säure,
|
|
er
doch aber scheinen unter dem Mikroskope einige Schliffe ein Mineral der Felsitoid-Gruppe
(Nosean?) zu enthalten. Olivin findet sich in ihnen entschieden nicht. Diese bei d anstehen-
den Gesteine sind ganz unzweifelhaft quarzfreie Augit-Andesite.
Bei e der Skizze, dem äussersten Punkte, bis wohin man während der Ebbezeit vor-
dringen kann, haben in einer Art Höhle, die zur Fluthzeit unter Wasser steht, die Wellen
einen grauen, sandigen Tuff mit eingebetteten, scharfkantigen Gesteinsbrocken abgelagert;
darüber liegt ein Conglomerat von verkitteten Gesteinsbrocken, eine wahrscheinlich neue
Meeresbildung. Bei f, einer Stelle, die ebenfalls zur Fluthzeit vom Meere bedeckt ist, liegen
grosse Brocken eines eisenschüssigen Quarzgesteins, als ebenfalls neueste Meeresbildung, sowie
auch dort gleichfalls hellgrauer Augit-Andesit ansteht.
Die bei d anstehenden Gesteine sind, wie schon bemerkt, quarzfreie Andesit-Augite, und
hängen sie innig mit den bei der ersten Klippe beobachteten und beschriebenen Gesteinen
zusammen, wenn sie vielleicht auch etwas jünger sein möchten, als diese. Alle diese Gesteine
sind, trotz des Gehaltes an orthotomem Feldspath, als Augit-Andesite anzusehen und zwar als
quarzfreier, für welche Ansicht Herr Professor Blum sich auch entschieden ausgesprochen hat.
In der geologischen Beschreibung von Tenerife von v. Fritsch und Reiss hat ersterer
bereits diese interessanten Gesteine Seite 349 unter den Andesiten erwähnt. Bei der wechseln-
den Menge von Augit und Hornblende mag es bei einigen dieser Gesteine schwierig sein, zu
entscheiden, ob nicht das eine oder andere Gestein als Hörnblende-Andesit anzusehen wäre;
das steht aber jedenfalls fest, dass der weitaus grösste Theil dieser Gesteine wirkliche Augit-
Andesite sind.
Zwei Analysen dieser Gesteine liegen vor, die ich in Folgendem gebe.
I. (Nr. 490 meiner Sammlung) wurde analysirt von Herrn Professor Fuchs in Heidel-
berg; ein braunrothes, sehr dichtes, mikrokristallinisches, felsitisches Gestein; vollständig un-
zersetzt; gelantirt nicht mit Säure; spezifisches Gewicht 2,56. Von «a der Skizze.
II. Analysirt im Laboratorium des Herrn Professor Wislicenus in Zürich von Herrn
Riese; Nr. 501 meiner Sammlung; kristallinisch-körniges Gemenge von triklinem und orthotomem
Feldspathe und Augit (Hornblende?) mit wenigem Magnetit; man glaubt Nephelin ‚zu erkennen,
doch gelatinirt das Gestein nicht mit Säuren, scheidet dagegen etwas Kieselerde aus. Das
Gefüge mehr trachytisch. Das Gestein schon etwas in Zersetzung hegriffen, von c der Skizze,
0. in
I u.
N LU.
SiO? 62,74 61,20 | 88,27 32,73
A1?O3 17,02 18,22 7,95 8,50
Fe20® 3413 2,69 0,94 0,81 bei II, alles auf Eisen-
FeO 2,10 —_ 0,47 == oxyd berechnet.
Cao 7,59 6,34 917, 1,81
MgO 0,42 0,95 0,17 0,38
MnO Spur _ _ _
K:0 1,78 2,90 0,29 0,48
Na20 3,33 5,48 "0,86 1,32
Ss0° 0,58 — 0,35 —_
P20> Spur — _ —
Wasser (Glühverlust) 2,12 2,15 —_ —
Summa j 100,76 99,93
Der Wassergehalt in beiden Analysen zeigt deutlich, dass wir es mit einem älteren Gestein
zu thun haben. Der Schwefelsäuregehalt in Nr. I. (der vielleicht in Nr. I. unbeachtet ge-
blieben sein mag) beweist, dass Silicate von der Gruppe der Felsitoide darin sein müssen, und
zwar, da das Gestein mit Säuren nicht gelatinirt, in kleinen Quantitäten.
Die Sauerstoffverhältnisse berechnen sich
0272020827230
bei L, 33,27 : 8,99 : 3,65 oder 1,2 :3 : 11,0 (ohne O für SO3)
bei IL, 32,73 : 9,31 : 4,99. oder 16 :'3 1,7
Bei der Analyse I (als von unverändertem Gestein herrührend), . ergiebt sich, dass wir
das Eisenoxyd als von Magnetit stammend annehmen können. Der dem bezüglichen Eisenoxydul-
gehalt im Magnetit entsprechende Sauerstoff ist 0,31, bleiben also für O in FeO übrig: 0,16.
Für die Schwefelsäure das betreffende Radikal abgezogen, giebt 0,117 und bleibt dann {
für O in RO (wobei auch die Alkalien begriffen sind, 3,533 und darnach berechnet sich:
ROH: RO i98i0? |
3,5383: :"7,946%:° 38,27
oder 1,84 1.3 : 12,58
und für Augit, Hornblende abgezogen 0,34... 0,68
bleiben 1 Sy) 5=11,90,
a anne nein. 2 diiatse meinen rn
ee
ein Verhältniss, das vollständig einem Albit oder Oligoklas (oder auch einem orthotomen
Feldspath) entspricht, wodurch gerechtfertigt wird, den triklinen Feldspath der Gesteine als
Oligoklas anzusehen.
Herr Professor Rosenbusch hat auch diese Gesteine einer eingehenden mikroskopischen
Untersuchung unterworfen und zwar Nr. 490 und 491 meiner Sammlung von a., Nr, 495 von
b., 501 von c., 509 von f., und Nr. 510 und 511 von d. der Skizze herrührend. Im Ganzen
auf seine Abhandlung verweisend, hebe ich hier nur die Resultate von 490 und 501 heraus,
da von diesen Gesteinen die obenerwähnten Analysen vorliegen,
In 490 (I) ergab das Mikroskop ein Gemenge von triklinem und orthotomem Feldspath
(letzterer nach Rosenbusch Sanidin) mit Augit und Magnetit; dabei ein der Felsitoidfamilie
angehöriges Mineral (Nosean oder Sodalith?). Auch Nephelin scheint indizirt durch das Auf-
treten treppenförmiger Kristalle, doch entschied sich Professor Rosenbusch zuletzt, diese
treppenförmigen Kristalle als von Feldspäthen herrührend anzusehen, was um so wahrschein-
licher ist, als das Gestein mit Säuren nicht gelatinirt. Auch Caleit wurde beobachtet, sowie
Haematit, dem das Gestein seine braunrothe Färbung verdankt, beides ein Beweis, dass selbst
diese Gesteine, die man der Loupendiagnose nach für ganz unangegriffen ansehen musste,
bereits in Umwandlung begriffen sind. Olivin fehlte gänzlich, und in dem Schliffe, von Nr. 490
schien. auch Hornblende zu. fehlen, während sie in Nr. 495, vom gleichen Fundorte her-
rührend, vorhanden ist, Auch Tridymit glaubte Professor Rosenbusch darin zu erkennen.
In Nr. 501 (U.) ergab ‚das Mikroskop ganz dieselben Verhältnisse, und ist hier das
felsitoidische Mineral deutlich als Nosean von Professor Rosenbusch bestimmt worden; auch
glaubte er hie und da Pyrit darin zu erkennen.
Obwohl in direkter Linie gut 30 Meilen (Bogenminuten) vom Raun entfernt, fallen diese
Klippen 'bei Gradjakan doch in seinen Verbreitungsbezirk. Wie wir gesehen, sind sie vulkani-
scher Natur und nicht, was Junghuhn von allen Hügeln dort an der Südsee sagt, Kalk-
gebirge; sie bestehen aus einem porphyrartigen Andesit, über dem eine Art Conglomerat liegt,
aus verkitteten Brocken eines Augit-Andesits zusammengesetzt. Dass diese Klippen landeinwärts
mit der Hügel- und Bergkette, die vom Raun in die Waldwildniss bis zum Südstrande sich herab-
zieht, zusammenhängen, kann man deutlich an Ort und Stelle erkennen. Den zunächst den Klippen
landeinwärts liegenden höheren Hügel nannte man mir Gunung Tschokko, und habe ich auf der
sandigen Landzunge im Osten eine Standlinie abgemessen und mit einem Schmalkalder Kompass
annähernd dessen Höhe zu bestimmen gesucht zu + 400 Fuss; für einen vor demselben ge-
legenen, noch niederern Hügel ergab sich + 200 Fuss Höhe. Aus der Karte geht aber schon
Eee
hervor, dass vom Gunung Tschokko eine lange Hügelreihe bis zum Gunung Krikil hinzieht,
der selbst wieder ein Ausläufer des Gunung Raun ist.
So können wir denn sagen, dass das unterste Gerüste des Raun aus Andesiten besteht
und zwar vorzugsweise aus Augit-Andesit, der möglicherweise in seinen untersten Gliedern
in einem Hornblende-Andesit übergeht, und dass daher eine scharfe Trennung überhaupt nicht
möglich ist. Die Entstehung dieser Andesite fällt sicher nicht in historische Zeit oder selbst
in die zunächst liegende ältere Periode, sondern ist unbedingt in die Tertiär-Epoche zu setzen.
Das oben auf der Klippe aufliegende Andesit-Conglomerat beweist hier ebenfalls eine Hebung
des Landes, denn heute reicht der Wellenschlag des Meeres nicht mehr bis dorthin.
Der ganze Strand der inneren Bai von Gradjakan ist mehrere Fuss’ hoch mit dem bereits
erwähnten titanhaltigen Eisensand bedeckt; hier ist er ungemein rein, so dass aus 100 Ge-
wichtstheilen sich nur 8,36 ° nicht mit dem Magnete ausziehen ‚lassen, bestehend aus Partikeln
von triklinen und orthotomen Feldspäthen, Augit, Hornblende, Olivin, sowie Quarzkörnchen.
Für einen Conchyliologen möchte das Fischerdörfchen Gradjakan manche Ausbeute liefern;
der Strand ist zur Ebbezeit mit Bivalven und Univalven übersäet. Auch liegen dort in grossen
Haufen Tausende von grossen Austernschalen, deren Thier den Bewohnern vielfach als Nahrung
dient; es ist eine Austern-Art mit sehr dünner, gut 6 Zoll’ im Durchmesser hältender Schale.
An geniessbaren Meerthieren und schmackhaften Fischen fehlte es uns während unseres mehr-
tägigen Aufenthaltes in Gradjakan auch keineswegs; verschiedene essbare Muscheln wurden
uns aufgetischt, sowie ganze Schüsseln voll Schildkröteneier, da die’ grossen Schildkröten dort
ziemlich häufig sind.
Die Abende nach Tisch wurden in für mich sehr interessanten Gesprächen über Land
und Leute verbracht. Um mir ein Bild der javanischen Unterhaltungsspiele zu geben, wurde
eines Abends der Radin Widono veranlasst, mit einem jungen, hübschen Javanen, einem Auf-
seher bei der Käffeekultur, ein landesübliches Brettspiel zu spielen, das sogenannte Matjan
(Tiger-) Spiel, bei dem ein Spieler mit Einem Steine (dem Tiger) sich gegen den anderen
mit 16 Steinen (Männer) zu wehren hat. Da wurden die sonst so gemessen ruhigen Javanen
ganz Feuer und Flamme und kamen in solche Spielwuth hinein, dass wir am Ende dem Spiele
ein Ende machen mussten, sonst hätten sie bis den andern Tag fortgespielt. Das Spielen
wird bei den Javanen zu solcher Leidenschaft, dass unter anderem von Banjuwangi erzählt
wird, dass einstmals zwei fürstliche Brüder, die zwei Grillen gegen einander kämpfen liessen,
sich so dabei entzweiten, dass in Folge dieses Spiels ein blutiger Kampf zwischen ihnen ausbrach,
Die Rückkehr nach Rogodjampi machten wir auf ganz direktem Wege. In aller Frühe
N ee
des Morgens von Gradjakan aufbrechend, brachte ein scharfer Ritt uns schon um 10 Uhr nach
Kradennan, wo ein Frühstück aus Reis mit Zubehör uns bereits erwartete, das wir aber auf
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; | javanische Weise mit den Händen essen mussten, da die Leute zurückgeblieben waren und im
| ganzen Dorfe weder Löffel noch Gabeln aufzutreiben waren. Ein zweiter, sehr scharfer Ritt
N
| | brachte uns bald nach Mittag nach Sukanata, einer kleinen Sträflingskolonie am Flüsschen
N Bomo gelegen, wo die Sträflinge, Männer und Weiber, zu ländlichen Arbeiten, namentlich
Gartenanlagen und Bambusfällen, verwendet werden. Auch ein javanischer Fürst befand sich
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N HF dort, der wegen Todtschlags zu lebenswieriger Strafe verurtheilt war. Der Resident ordnete hier,
auf Bericht der Aufseher hin, für Einzelne temporäre Strafen an (Einzelhaft, Entziehung gewisser
|
|
Lebensmittel), sowie Begünstigungen für solche, die sich gut aufgeführt hatten, wobei die Ge-
3 stattung einer Ehe die Hauptrolle spielte; dabei sagte mir der Resident, dass er grossen Werth
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B gerade auf diese Ehen lege, als Belohnung für gebesserte Sträflinge.
Bis zum Bomo führt die grosse Landstrasse und von dort nach Rogodjampi legten wir
‘ den Weg zu Wagen zurück, wo wir nach 3 Uhr bereits ankamen und Abends den grossen
Komet bewunderten, der um jene Zeit sichtbar zu werden begann und mit seinen beiden
leuchtenden Schweifen prächtig am Himmel stand, während in den grossen Bäumen Millionen
von grossen Leuchtkäfern funkelten, Den Reiz solcher tropischer Abende vergisst man nie.
Da erfuhr ich, dass die Javanen von der Erscheinung des Kometen, den sie als Drachen mit
feurigen Schweifen ansehen, sehr erschreckt seien. Auf West-Java herrscht eine schöne Sage
bezüglich der Kometen; das seien nämlich grausame Fürsten, die nach ihrem Tode am Himmel
umherirren müssten und nicht zur Ruhe kommen könnten,
Zweite Abtheilung.
Die mächtige Vulkankette des Idjen Raun mit dem heute noch
thätigen Idjen.
1. Veberblick der Vulkangruppe. Aussengehänge des Idjen. Reise nach Ungup-Ungup.
Von dem 275 Fuss hohen Rogodjampi übersieht man mit einem Blicke die ganze
Idjen-Raun-Kette, wenn der Himmel klar ist, was jedoch bei meiner Anwesenheit dort nur
in den frühen Morgenstunden der Fall war, indem meist schon gegen 8 Uhr alles in solchem
Duft verschwamm, dass oft dann das Gebirge gar nicht mehr zu erkennen war. Die dort von
mir gezeichnete Ansicht giebt Tafel 4 und ergiebt sich daraus, dass zwischen den beiden
thätigen Vulkanen Idjen und Raun noch eine ganze Reihe hoher Kegelberge sich befindet,
welche jedenfalls vor Zeiten thätige Vulkane waren. Rechts in der Zeichnung im äussersten
Nord-Osten sieht man den thätigen Idjen, der aus dem 9725 Fuss: hohen (Zollinger) Gunung
‘ Merapi besteht, dessen südwestliche Vor-Terrasse der heute noch thätige Widodarin bildet,
der auf seinem Grunde den durch Leschenault bekannt ‘gewordenen sogenannten schwefelsauren
See birgt. Auf den Idjen Merapi folgt dann weiter im Westen der erloschene, 8282 Fuss
hohe Ranteh, und sind beide Berge unter sich durch einen Sattel, Ungup-Ungup genannt
und 5868 Fuss hoch (Zollinger), mit einander verbunden. Diese beiden Berge bilden eigentlich
zusammen einen doppelgipfeligen Berg, gleich so vielen andern Vulkanen auf Java, dessen
beide höchsten Gipfel aller Wahrscheinlichkeit nach früher thätige Krater trugen, während die
heutige vulkanische Thätigkeit sich nur auf ‚den Widodarin beschränkt. Von Rogodjampi aus
Sieht man Ungup-Ungup in gelber Färbung, während die übrigen Berge dunkel-blaugrün da
liegen. Ueber den Sattel von Ungup-Ungup hinweg sieht man uoch weiter zurückliegend einen
anderen Kegelberg hervorragen, den Gunung Pak-Pak.
Südwestlich vom Ranteh folgt dann der erloschene Pendill, 7485 Fuss hoch (Melville),
Abhandl, der Senckenb. naturf. Gesellsch. Bd. IX. 9
a
auch er, wie die Ansicht zeigt, eigentlich ein Doppelgipfel. Im äussersten Süd-Westen schliesst
die Bergkette der 10,860 Fuss (Melville) hohe, thätige Raun, der mit dem vorliegenden
Suckett ebenso verbunden ist, wie Idjen und Ranteh unter sich,
Ein Blick auf die beiliegende Karte belehrt uns, dass in Nord-West-Richtung an den
Idjen der Kukusan sich anschliesst, der wohl auch Ranteh genannt wird (mit dem früher
genannten Ranteh nicht zu verwechseln), und mit dem Gunung Suckett durch den bis circa
6000 Fuss hohen Rücken des Gunung Kendang verbunden ist. Das zwischen diesen Bergen
liegende, von ihnen umgebene Hochland, im Mittel an 5000 Fuss über der Meeresfläche gelegen,
heisst angeblich nach einem früher dort gelegenen Orte, wohin sich nach dem Falle von
Modjopahit vertriebene Bewohner geflüchtet und angesiedelt haben sollen, das Hochland von
Gending-walu. Aus einer hügeligen Ebene bestehend und von den mächtigen Bergen circus-
artig umgeben, hat es eine Ausdehnung von vier bis fünf Stunden, und erinnert das ganze
ungeheure Ringgebirge mit der eingeschlossenen Hochebene, das einen Gesammtdurchmesser
von fünf bis sechs deutschen Meilen hat, durch seine grossartigen Verhältnisse unwillkürlich
an die Ringgebirge des Mondes.
Unter Gunung Idjen versteht der Javane den oben erwähnten nordöstlichst gelegenen
Berg, dessen höchste Spitze, wie schon bemerkt, der Gunung Merapi ist. Gunung bedeutet
im Javanischen Berg; der Name Idjen kömmt von i-djin, d. h. Geister, übernatürliche Wesen,
Luftgeister (dadurch erledigt sich auch die irrige Bemerkung bezüglich des Namens in Hum-
boldt’s Kosmos, Theil IV., Seite 562); Merapi selbst bedeutet Feuer und Gunung Merapi also
Feuerberg. Widodarin bezeichnet Wohnung der Engel, die, nebenbei bemerkt, der Javane sich
immer als weibliche Wesen vorstellt, also Gunung Widodarin gleich Engelsburg, und Kawah
(Krater) Widodarin gleich Krater, in dem die Engel wohnen. Gunung Ranteh soll Kettenberg
bedeuten und Pendill (nicht Pentil, wie Junghuhn schreibt) ist der Berg, so genannt, wegen
seiner Aehnlichkeit mit einem umgestürzten Kessel oder Topf. Raun bedeutet hoch, erhaben,
also Gunung Raun den vorzugsweise höchsten Berg; Gunung Sucket gleich Grasberg. Der im
Norden von dem Gunung Kendang (Verbindungsberg) gelegene Gunung Kukusan ist wegen
seiner zackigen Form so genannt, indem Kukusan den spitz zulaufenden Reiskorb bedeutet, in
dem auf Java der Reis gekocht wird; eine Benennung, die viele der zackigen Gipfel
Java’s tragen.
Am 20. October 1858 brachen wir von Rogodjampi auf um den Idj'en zu
besteigen. Da die Absicht vorhanden war, die Reise so lange als möglich auszudehnen,
so wurden Lebensmittel aller Art mitgenommen, und mit denselben, sowie dem nöthigen
Re
Kochgeschirre und Bettzeug, ungefähr anderthalb Dutzend Kuli, in aller Frühe voraus-
geschickt, die uns im hochgelegenen Bergdorfe Litjin, wo wir übernachten wollten,
erwarten sollten. Wir selbst brachen dann nach Tische auf, die Herren Zollinger,
Meister. und ich, begleitet von zwei eingeborenen Bedienten, denen sich noch einige
Javanen anschlossen, alle zu Pferde. Der Weg, den wir einschlugen, ist auf der Karte ver-
zeichnet, und führte uns derselbe unweit Penulan zunächst über den schon erwähnten vom
Raun sich herabziehenden Basaltlavastrom. Verschiedene Bäche wurden übersetzt, die tief
eingeschnitten immer zwischen vom Raun herabziehenden niederen Rücken, ebenfalls alten
Lavaströmen, dem Meere zufliessen. Die Ruinen von Matjan-putih östlich liegen lassend,
kamen wir bald ‘in Waldland, in dem man längere Zeit bleibt. Erst beim Flüsschen Tambong,
das vom Pendill herabfliesst, kommt man wieder in eultivirtes Land, nachdem ein bedeutender
Lavastrom passirt und dies Flüsschen übersetzt ist. Es liegt dort das Dorf Bandjan
malerisch am Berge, von terrassenförmig angelegten Reisfeldern umgeben. Die Leute waren
grade beschäftigt, behufs der Bewässerung ihrer Reisfelder Dämme anzulegen, was in der auf
Java üblichen ingeniösen Weise geschieht, indem man nämlich die Bäche dazu benutzt, die
man dorthin leitet, wo man einen Damm’ anlegen will, Flechtwerk hineinstellt, und oben in
den Bach Erde hineinwirft die unten am Flechtwerk sich anschlämmt.
Die Vegetation dort ist eine schöne; Kaffeepflanzungen ziehen sich am Berge her, und
an offenen Stellen wächst häufig wilder Pisang mit seinen grossen Blättern. Von hier aus
steigt der Weg an, und nachdem noch eine ganze Reihe Dörfer passirt sind, kommt man nach
Litjin. Es war mittlerweile die Sonne untergegangen und die Nacht hereingebrochen; doch
leuchtete uns der Mond, und bei seinem Schimmer bewunderten wir die prächtige Aussicht
hinab über das Meer nach Bali hin; wahrhaft feenhaft nahmen sich die vielen Glühwürmchen
in den grossen Bäumen aus.
In Litjin ist ein wohleingerichteter Passangrahan, und hatte Zollinger, ehe er nach
Rogodjampi zog, mit seiner Familie, von Europa kommend, dort in der gesunden Bergluft die
ersten Monate über gewohnt. Der Patingi (Ortsvorstand), ein freundlicher alter Mann, er-
wartete uns und hatte auch für ein gutes Nachtessen gesorgt, bei dem die Durianfrucht nicht
fehlte; ist doch die Gegend um Litjin als wahres Durianland berühmt. Der Patingi ent-
Schuldigte sich, des andern Tags uns nicht begleiten zu können, indem er grade seine jüngste
zwölfjährige Tochter zu verheirathen im Begriffe sei, und die Hochzeitsfeierlichkeiten morgen
beginnen sollten. Er habe aber für tüchtige Wegweiser gesorgt und den mit dem Idjen ver-
trautesten Mann, einen alten Jäger, würden wir bereits ‘oben treffen, indem er ihn schon
EIERN
gestern heraufgeschiekt habe, im Hochland von Gending-walu einen stattlichen Hirsch für die
Hochzeit zu schiessen. Als wir nach einigen Tagen vom Idjen zurückkehrten, war die Hoch-
zeitsfeierlichkeit schon in vollem Gang. Das Haus war schön verziert mit Draperien von
weissem und rothem Baumwollenzeug und ein kleines offenes Gemach eingerichtet, um das die
Hochzeitsgeschenke, aus Kleidern bestehend, hingen. In diesem Gemach sitzen fünf Tage oder
eigentlich fünf Nächte lang Braut und Bräutigam geschmückt zur Schau, während welcher
Zeit die Gäste bewirthet werden. Die Braut, ein hübsches, gross und stark gewachsenes
Mädchen, hätte bei uns Niemand für erst zwölf Jahre alt gehalten; sie sah aus, als wenn sie
deren mindestens achtzehn hätte.
Litjin liegt, nach unsern mit dem Kochthermometer gemachten Beobachtungen, 1346
Fuss hoch, am eigentlichen Fusse des Idjen, von dem leistenartige Rippen sich herabziehen.
Man hatte in früherer Zeit dort um den Passanggrahan schöne Gärten angelegt, da einige der
ehemaligen Residenten dort oft mehrere Monate in der Sommerfrische zubrachten; namentlich
viele japanische Gesträuche hatte man gepflanzt, die aber alle am Ausgehen begriffen waren.
In früheren Zeiten hat sich dort eine lustige Gesellschaft zusammengefunden und wurden dann
Gelage gehalten, bei denen die älteren, nun längst verheiratheten Töchter des Patingi auch
eine ziemliche Rolle gespielt hatten.
In aller Frühe des anderen Morgens wurde aufgebrochen, die Kuli voraus, wir ihnen
folgend. Es war ein prächtig heller Morgen und die Aussicht über das Meer, nach Bali hin,
wie zu den nun ganz klar daliegenden Bergen, entzückend. Gleich hinter Litjin übersetzt
man einen breiten Bach und tritt dann bald in einen ausgedehnten Bambus-Wald ein. Schon
die verschiedenen Bambusarten, wenn sie vereinzelt auftreten, sind schön, die dicht gedrängten
Halmenbündel ragen hoch auf, sich dann ganz oben mit ihren zierlichen Blättchen nach allen
Seiten neigend, colossalen Garben gleichend; sie vereinigen Kraft ‘und Zierlichkeit, so dass
man sie zu den schönsten der tropischen Pflanzen zählen darf. Wenn sie aber, wie hier am
Idjen, ausgedehnte Wälder bilden, dabei so vollständig den Boden beherrschend, dass sie andere
Gewächse zwischen sich nicht aufkommen lassen, bilden sie zugleich eine anziehende und dabei
grossartige, seltsame Waldlandschaft. Es ist vorzugsweise eine riesige Bambusart, welche diesen
Wald bildet. Auf hohem Stock erheben sich in Bündel von acht bis zehn Fuss Durch-
messer zusammengedrängt, die bald graugrünen, bald prächtig grün und weiss, oder grün und
roth gestreiften Halme, dünn, von kaum ein bis zwei Zollen, bis zu riesigen, oft zehn Zoll im
Durchmesser haltend. Dreissig, vierzig, ja sechzig und mehr Fuss, steigen diese Säulenbündel
senkrecht auf und hoch oben neigen sich die dünnen Wipfel und bilden so vollständig gothische
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Spitzbogen. Unter diesen grünen Wölbungen ist alles frei und offen und wandert man in
ihnen wie unter ‚dunkeln colossalen gothischen Hallen. Fände sich in Europa irgendwo ein
solcher Bambuswald, gar mancher Aesthetiker würde nicht anstehn zu behaupten, das sei das
Vorbild der gothischen Bauweise; schade, dass sie aber nur unter dem tropischen Himmel
vorkommen, wo man gothische Bauweise nie kannte. Bewegt der Wind die starren Halme,
so rauscht es seltsam im Walde, der sonst in tiefer Stille begraben liegt, fast durch keines
Thieres Laut unterbrochen. Nicht selten ist der Weg durch umgestürzte, mächtige, und
in allen Richtungen liegende Halme versperrt, durch die man sich mit dem Hackmesser
in der Hand den Weg bahnen muss; oft aber auch liegen diese umgestürzten Halme so
hoch, dass man, ohne sich zu bücken, unter ihnen durchreiten kann. So ausschliesslich
beherrscht der Bambus dieses Terrain, dass nur hie und da einzelne Zuckerpalmen
(Arenepalmen) stehen, oder in seltenen Lichtungen wilder Pisang wächst; dagegen wurzeln
viele Orchideen auf dem von den vermoderten Halmen weichen Boden, charakteristisch für
diese Bambuswälder. ;
Um neun Uhr kamen wir zu einer Lichtung, wo zum Schutze gegen wilde Thiere, von
hohem Zaun. umgeben, zwei kleine Häuser stehen. Es ist dies die Wachtstation Djaga-
Ambenda, die mit dem Kochthermometer zu 2056 Fuss Höhe bestimmt wurde. Sie liegt
unweit eines tief eingeschnittenen Baches, in dem festes anstehendes Gestein blossgelegt ist.
Unter mächtigen Lehm-, Asche- und Lapillilagen steht nämlich ein compactes Gestein an, ein
Augit-Andesit, in dessen dunkelgrauer, felsitischer Grundmasse weisse glasartige Körner eines
triklinen Feldspaths liegen, der vor dem Löthrohr nur sehr schwer schmelzbar und wahr-
scheinlich Oligoklas ist; Magnetitkörnchen sind zu bemerken, und hie und da auch deutlich
etwas Augit. Es hat dies dichte Gestein ein specifisches Gewicht von 2.659, und geht nach
oben in eine grobkörnigere, zugleich schlackigere Varietät desselben Gesteins über. Dies ist
jedenfalls das Gestein, welches das Berggerüst des Vulkans bildet, der somit in seinen ältesten
Partien aus Augit-Andesit aufgebaut ist.
Von hier aus hatte im Jahre 1846 Zollinger, sich östlich wendend, den Merapi erstiegen
und war dabei in einen, wohl in Folge der Eruption von 1817, umgestürzten Wald gekommen,
dessen Durchdringen er mit für das Schwerste hielt, was ihm auf allen seinen Reisen vor-
gekommen. Wir selbst wenden uns nach Uebersetzung des Baches westlich. Hier, namentlich
im Bache selbst, machen die kleinen Springblutegel viel zu schaffen, die ungefähr %, Zoll
gross, sich krümmend einige Fuss weit schnellen können; sie sind in solcher Anzahl vorhanden,
dass sie nicht allein an unsere Pferde, sondern an uns selbst, namentlich an die Beine, trotz-
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dem wir sie immer. sofort‘ zu entfernen suchten, ‘so vielfach sich festsaugten, dass die hellen
Beinkleider und Strümpfe bald ganz blutig waren.
Nun wird. das ‚Ansteigen steiler und reiten wir von jetzt an, von unsern Kuli begleitet,
nur. langsam vorwärts. Noch: ungefähr »400 Fuss über Djaga-Ambenda hält der Bambuswald
an..' Zuletzt hatten einzelne Areng-Palmen, sowie Gruppen der schlanken Pinang-Palme, den
Bambuswald vielfach unterbrochen und endlich’ sich so gemehrt, dass ein förmlicher Streit
zwischen: Bambus und‘ Palmen entstand. " Endlich erhalten die Palmen die Oberhand und bei
2400.Fuss Höhe sind die Bambusarten vollständig verschwunden und wir in einen Palmenwald
eingetreten, der nur hie und da von riesigen Laubbäumen unterbrochen wird.
Anfänglich besteht‘ dieser Palmenwald vorwiegend aus der Areng- oder Zuckerpalme
(Saguerus Rumphii Bl.), unter die sich nur wenige Individuen einer Pinangpalme mischen.
Parasiten aller Art, Moose, Orchideen, Farren, schlingende Pandaneen und Lianen erscheinen
in unendlicher Fülle, und die von: Moosen und Parasiten fast ganz bedeckten Arengpalmen
sehen mit ihren mächtigen, halbvermoderten Blättern, deren Rippen oft armsdick sind, wie
zerzauset aus; hat doch schon der alte Rumphius nicht unrichtig diese Palme mit einem
schmutzigen, zerzausten, trunkenen Manne verglichen, Von ihnen unterscheiden sich vortheil-
haft die schlanken zierlichen Pinangpalmen, ‘deren grüne, dünne Stämmchen, riesigen Kerzen
vergleichbar, bis über 25 Fuss hoch aufragen, hoch oben zierlich gefiederte Wedel tragend
und ‘prächtig rothe Fruchttrauben; jedenfalls gehören diese Palmen zu den zierlichsten der
ganzen "Gattung. ‘Noch weiter oben werden die Arengpalmen selten, während die Pinang-
Palmen die Oberhand erhalten und eirca 500 Fuss über der Bambuszone, bei 2900 Fuss Höhe
finden 'sich''keine 'Arengpalmen mehr. "Von: hier ab herrschen nur mehr die Pinangpalmen,
zunächst die schlanke, bis über 25 Fuss hohe, Pinanga Kuhli Bl, während weiter oben eine
nicht so hoch aufragende, "mit stärkerem Stamme (spec. nova, robusta?) häufiger wird; auch
die Laubbäume mehren sich dort.
Gegen 11 Uhr erreichen wir eine kleine Lichtung, den Rastplatz Sodong, ungefähr
halbwegs zwischen Litjin und Ungup-Ungup gelegen, wo wir die Kuli etwas ausruhen lassen.
Von’ jetzt ‚an "geht es sehr: steil aufwärts, "und der Weg wird um so beschwerlicher, als es
gleich hinter ‘Sodong in Strömen zu regnen beginnt, wodurch der Boden so schlüpfrig ist, dass
man nur langsam vorrückt; wir sind in den Wolkengürtel eingetreten, der in dieser Höhe
see zu ‘bestimmten Tageszeiten an den Bergen sich anlegt. Ziemlich erschöpft und
durchnässt, erreichen wir die einsam im Wald gelegene Hütte von Banju-linu, ungefähr
1200 Fuss über Sodong gelegen, und 5677 Fuss hoch über dem Meere, die letzte Wacht-
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Station, so genannt von dem kalten Wasser des Baches (Krampfwasser), weil'es die Finger
steif macht. Dort warten wir den stärksten Regen ab und trocknen uns am angezündeten
Feuer. Dann geht es wieder weiter den Bach übersetzend, indem’ ein fester Lavastrom
blossgelegt ist, ganz ähnlich wie bei Djaga-Ambenda; sonst: ist jedoch nirgends 'anstehendes
Gestein zu beobachten. Mehrfach werden tief eingeschnittene. Klüfte übersetzt, und führt‘ in
solchen Schluchten, welche oft so enge sind, dass die Pferde kaum durchkömmen, der Weg
aufwärts. Schon etwas unterhalb Banju-linu hatte sich die Vegetation geändert, indem nach
und nach Laubbäume die Ueberhand über die Palmen erhalten hatten, welche letztere in 'eirca
4100 Fuss Höhe ganz verschwinden. Mächtige Laubbäume bilden nun den Wald, vorwiegend
Eichen und Laurineen, mit einer Unmasse von Orchideen, Farren und Bartmoosen bedeckt,
die in seltsamen Formen herabhängen. Dazwischen erscheinen einige Baumfarren, anfangs nur
vereinzelt, später häufiger. Die vielen Eicheln, welche unter den Bäumen liegend, den Boden
.bedecken, erinnern an die nordische Heimath, die Eichbäume selbst aber zeigen nicht die be-
kannten Formen; denn alle die vielen Arten von Eichen auf Java haben ganzrandige und keine
gezackten Blätter, wie bei uns. Die grossen Bäume haben 'mauchmal ein sehr abenteuerlich
mächtiges Wurzelwerk, das erst hoch oben am Stammie zusammenkommt, so dass ein oder das
andere mal man wie durch ein Thor hindurchreiten kann. Je höher man kommt, desto
seltener werden die Parasiten auf den Bäumen. Diese Vegetation hält an, bis ungefähr 400
Fuss über Banju-linu (circa 5000 Fuss absoluter Höhe), worauf dann ‘ein ungefähr 200 Fuss
breiter Gürtel von hoch aufgeschossenem Stangenholz, mit Baumfärren untermischt, folgt, und
dann der Wald plötzlich aufhört. Weite Grasfluren von Allang-Allang decken nun das flacher
werdende Gelände, unterbrochen von Baumfarren und Tjemorrobäumen (Casuarina Jung-
huhiani Migq.). Es sind dies die gelblichen Grasfuren unterhalb Ungup-Ungup, die man von
Banjuwangi aus sieht, und deren schon Leschenault 1805 erwähnt. Hier, oberhalb der Wolken-
zone angekommen, hat auch der Regen aufgehört. Nirgends ist anstehendes Gestein zu sehen,
und nur kurz vor Ungup-Ungup, wo ein tief eingeschnittener Bach übersetzt wird, findet man
in demselben die bereits erwähnte Lava wieder anstehend.
Ungup-Ungup heisst der flache Sattelrücken zwischen Idjen und Ranteh, und dort auf
der Höhe fanden wir eine halbverfallene Hütte, ursprünglich aus Reisern aufgebaut, die von
den vom Patingi von Litjin ausgesandten Jägern benutzt worden war, indem sie einen bereits
erlegten grossen Hirsch dort ausweideten. Wir nahmen Beschlag von dieser Hütte, indem
Wir uns so gut wie möglich einrichteten. ‘Feuer werden angezündet und lagern sich die Kuli,
über die Kälte und Nässe jammernd, um dieselben. Als nun der Reis zu ihrem Abendessen
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ausgetheilt werden sollte, ergab sich, dass von den 6 Säcken & 15 Pfund jeder, die wir mit-
genommen hatten, berechnet alg Nahrung für die Leute für 6 Tage ungefähr, 2 solcher Säcke
verschwunden waren, weil die Leute, um sich die Mühe des Tragens im Regen zu ersparen,
sie einfach in die Büsche geworfen hatten, trotzdem dass sie wussten, dass sie ihre eigenen
Lebensmittel trugen; ein Beispiel der Faulheit und Gleichgültigkeit unter den Tropen. Die
Leute zeigten sich übrigens so ermüdet, dass sie, trotzdem dass überall Feuer brannten, den
ausgetheilten Reis nicht noch bereiteten, sondern es vorzogen, sich hungrig um die Feuer zum
Schlafen hinzulegen.
2, Der Widodarin mit seinem Kratersee,
Von Ungup-Ungup ersteigt man den thätigen Eruptionskegel des Idjen, den Widodarin
mit seiner Kawah (Krater). Es dauerte lange, ehe wir des Morgens fortkamen, da bei der,
für tropische Verhältnisse sehr fühlbaren Kälte, am Morgen die Kuli nur spät reisefertig waren,
so dass wir erst kurz nach halb acht Uhr den Weg antreten konnten.
Das Thermometer zeigte 10,5 Grad Celsius, und wenn es auch nicht regnete, so hingen
die Wolken doch tief herab und das hohe Gras, durch das unser Weg führte, war vollständig
nass. Von dem Kegel des Vulkans sich herabziehend, sind in die lockeren Massen tiefe Rinnen
eingeschnitten, so dass leistenartige Rippen entstehen, und auf einer solchen Rippe ritten wir
so weit aufwärts, ‚als möglich, bis dorthin, wo es steiler zu werden beginnt, und wir, vom
Pferde gestiegen, nun das Aufsteigen zu Fuss fortsetzen müssen; dort ist auch am Vulkankegel
die obere Grenze der Casuarinen, welche um Ungup-Ungup überall gruppenweise in den Gras-
fluren stehen ‚und ringsumher alle Höhen bedecken, dieses Ost-Java eigenthümlichen Baumes,
der in seinem Habitus so sehr ‘an unsere nordischen Nadelhölzer erinnert, und der nur in den
hohen Regionen von 5000 Fuss an vorkonmt und die Physionomie der Gegend bedingt; so
auch ‚bier ‚bei Ungup-Ungup. Die Rippe verschmälert sick nach oben hin immer mehr, und
ist zuletzt nur mehr ein Paar Fuss breit, nach beiden Seiten steil, über 100 Fuss tief ab-
‚fallend. Anfänglich geht das Steigen noch leidlich gut, aber die letzte Höhe des Kegels, 400
Fuss ungefähr, ist schwierig zu erklimmen, da derselbe dort fast eine Böschung von 35 Grad
macht. Obgleich die Vegetation nach und nach eine ärmlichere geworden ist, verschwindet
sie doch vollständig erst ganz in der nächsten Nähe des Kraterrandes, und bis dorthin finden
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wir noch Acazia vulcanica, Gahmia Javensis, Polypodium triquetrum, Thibaudia varingifolium,
Polygonum-corymbosum, Pteris aurita, welche Pflanzen’ nach Zollinger die auf Java eigenthümliche
Kratervegetation bilden. Die Aussengehänge des Widodarinkegels sind mit mächtigen Schichten
von Sand, Lapilli und mehr oder weniger. verhärteter, Paras ähnlicher ‚Asche, bedeckt, meist
hellgrau oder weiss von Farbe; nur selten sieht. man. rothe oder gelbe, ockerige, Erden, und
scheint in seinen oberen Theilen der ganze Berg aus solchem. lockerem Materiale zu bestehen.
In drei Viertel der Höhe allein finden sich grössere Blöcke einer braunschwarzen Augit-Andesit-
Lava, von denen angenommen werden kann, dass. sie,einem, alten Lavastrom angehören. Im
letzten Viertel des Kegels findet sich der Sand häufig durch Schwefel verkittet, und grössere,
manchmal über kopfgrosse Brocken eines eigenthümlich. grünlichen, schlackigen Schwefels liegen
neben andern Lavastücken umher, augenscheinlich durch neuere Eruptionen dahin gekommen.
Weiter oben lassen sich deutlich schon Schwefeldämpfe verspüren. Hier hält uns nun unser
Führer, ein alter Javane, an und redet in feierlichem Ton und mit gedämpfter Stimme uns zu,
uns doch oben am Krater recht stille und vorsichtig zu benehmen, und ja nicht laut zu
Sprechen oder gar zu rufen, um die Dewa des Kraters. nicht zu erzürnen und Unglück ab-
zuwenden. Das Alles wurde mit so komischem Pathos 'vorgebracht, dass ich mich sogleich
bereit erklärte, zum grossen Schrecken des alten Mannes, ‚den Geistern mich zu verschreiben,
wenn sie uns heute nur gutes Wetter schicken wollten, ‚anstatt. der‘ dichten Regenwolken, die
den Himmel bedeckten.. Es scheint das zu wirken, denn von der Zeit an beginnt in der That
das Wetter sichtlich sich zu bessern.
Den Kraterrand betritt man plötzlich, ‘ohne zu ahnen, ihm schon so nahe zu sein, und
das Bild, das sich dort darbietet, macht in seiner furchtbaren Schönheit einen überwältigenden
Eindruck. Man befindet sich auf einem schmalen Grate, der aus Sand und verhärteter Asche
besteht, und der sich ringsum in fast gleicher Höhe‘ um den Kraterschlund herumzieht, nur an
einer, der westlichen Seite durch eine tiefe Einsenkung unterbrochen. ‘Die schroffen Wände
fallen nach innen 500-600 Fuss ungemein steil, zum Theil fast senkrecht hinab und bilden
nur an wenigen Punkten Böschungen von unter 60 ‚Grad; gegen Aussen dacht sich der
Kegel flacher. ab, doch immer noch mit 30—40 ‘Grad Einfallen. Kahl‘ und vollständig
vegetationsleer liegt der Krater da, und die vorherrschende Farbe des Gesteins der schroffen
Wände ist weiss, oftmals das reinste, blendendste Weiss, das man.sich denken kann, hie und
da übergehend in graue, gelbliche und röthliche Farben, alles in bandartigen Streifen horizontal
übereinander geschichtet. Tief unten, nach den vom höchsten Punkt: gemachten Peilungen mit
einem Schmalkalder Compasse, an 600 Fuss tief, liegt ein ruhiger, stiller See, von eigenthümlich
„Bd. IX. 10
Abhandl. d. Senckenb. naturf. Gesslisch
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grünlich-milchweisser Farbe, fast kreisrund und wohl an 1500 Fuss im Durchmesser haltend,
auf dem grosse Massen von’ 'hellerer Farbe schwimmen, die durch das Fernrohr als Schwefel,
ähnlich dem bereits erwähnten, ‘sich ausweisen. Die weissen schroffen Wände, so gänzlich ver-
schieden von den dunkeln Färbungen anderer Vülkane, der geheimnissvolle See tief unten,
rechts die hohe überragende Kuppe des Gunung’ Merapi, dunkelgrün und mit Casuarinen be-
waldet, dann die weite Aussicht, einestheils südlich über den Raun und die anderen Kegelberge
bis weit in die Südsee hinein, ändererseits nördlich über die Meerenge von Madura (Bali ist
durch den Merapi gedeckt), gebenein in seinen Eindrücken überwältigendes Bild.
Anfänglich ist ‘man geneigt, den Kraterkessel für fast kreisrund zu halten, da die
schroffen Wände überall direct den 'Kratersee zu umgeben scheinen. Verfolgt man jedoch
den Kraterrand in nördlicher Richtung, so sieht man, dass derselbe eine elliptische Form
hat, indem im Osten ‘die Wände nicht so steil "einfallend, flach geneigt, beckenförmig sich
herabsenken; und dort "liegt unten 'am 'See ein kleines Vorland, von dem Dampfwolken
aufsteigen. Dort unten befinden "sich die‘ Solfataren, und nennen die Jayanen den Platz
Dapur oder Küche. ‘Um zu dieser 'Teufelsküche "zu gelangen, verfolgen wir den scharfen
Kraterrand, wobei wir ein kleines ‘Gehölz, 'das'von der äussern Seite in den oberen Theil des
Kraters hineingewachsen war, aus niederen Acazia vwuleanica bestehend, zu passiren haben, durch
das wir uns, mit dem Hackmesser in’der'Hand, den Weg bahnen müssen Die letzte Eruption
des Idjen: fand im Jahre ‘1817 'stätt, und als Zollinger 1845 zum ersten Male den Krater
besuchte, war am Aussengehänge die Vegetation noch lange nicht so hoch hinaufgedrungen,
und damals von dem kleinen Gehölze oben am Kraterrande keine Spur vorhanden. Unser Führer,
der seit zwei Jahren den Kraterrand’nicht mehr betreten "hatte, behauptete, das Gehölz müsse
innerhalb der letzten zwei Jahre aufgewachsen sein. ' Jenseits dieses Gehölzes, durch das wir
mit Mühe dringen, fallen," wie bemerkt, die Wände nicht mehr so steil ab, sondern senken
sich, von dichten Sand-,. Asche- und'Lapillischichten bedeckt, mit kaum 20 Grad Neigung hinab.
Der weissliche Sand und'die- erhärtete gelbliche ‘Asche ist durch die Einwirkung der Erosion
dort vielfach tief durehfurcht, und in solehen"sich herab ziehenden Furchen ist es möglich, den
Solfataren sich‘ zu nähern;'von dort aus haben auch Leschenault 1805 und Zollinger 1845
mit ‘Erfolg ‘versucht, nach unten ‘zu kommen. Junghuhn, der 1844 den Krater besuchte,
‚kam gar nicht in diese Gegend, und scheint nur den auf den Profilen in Tafel VI mit e be-
zeichneten Punkt erreicht zw ‘haben, von wo'aus der Kraterkessel fast kreisrund erscheint; er
kennt deshalb "diese "geneigte ‘Ebene, "die Fumarolen und alles das nicht, was die Javanen
Dapur nennen; daher auch seine vollständig ‚unrichtige Skizze des Kraters, wie. er sie in
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seinem grossen Werke giebt. Die beifolgenden Skizzen auf:Tafel-VI geben in Fig. 1, 2 und 8,
wie ich den Krater fand; @ ist. der See, db die-östliche ‚beckenförmige‘ Einsenkung der
Kraterumwallung, x der Punkt in der östlichen Einsenkung, ‚bis wohin.ich kam, bei c befinden
sich die Solfataren, e ist der höchste Punkt‘ des: Kraterrandes auf, der Südseite, f der gleiche
auf der Nordseite, g giebt das kleine Gehölz von Acasia, vuleanica, d. ist die steile Klippe
Oberhalb des See’s, % die Einsattlung iin der, Kratermauer, wo ‘der See durch einen kaum
50 Fuss hohen Querdamm von der tief eingeschnittenen Spalte, in der der Sungi-pahit (saure
Bach) fliesst, abgeschlossen ist; einen sichtbaren Abfluss hat der See nicht, und scheint das
Wasser durch diesen lockeren Damm durchzusickern.
Zollinger blieb oben am Kraterrand, die nöthigen. Messungen ‘zu ‚machen, während wir
andern versuchten, hinab zu den Solfataren 'zu gelangen, in. einer‘ der.tief ausgewaschenen
Spalten, die bald mehr wie zehn Fuss tief 'eingeschnitten sich auswies, Anfänglich‘ bestand
alles aus Sand, Lapilli und namentlich verhärteter. Asche, mehr‘ oder weniger mit Schwefel
beschlagen und oft durch denselben verkittet. In diesen ‚'lockeren ‘Massen hatten die
atmosphärischen Wasser kleine Kegelchen: gebildet, unter kleinen Steinen, die durch diese vor
dem Abwaschen geschützt waren. Nach einiger Zeit: kommt im Grunde des Erosionseinschnittes
anstehendes, festes Gestein zum Vorschein, ‚bald förmlicher Bimsstein, ‘bald schlackiges Lava-
gestein, von weisslicher, gelblicher oder röthlicher ‘Farbe, 'weiter :nach ‘unten dann: übergehend
in eine dichte, schwarze oder rothbraune, mehr oder weniger poröse Lava, in deren augitischer
Grundmasse weisse triklinische Feldspathleisten liegen. Magnetitkörner fehlen nirgends, und ist
das unzersetzte Gestein immer magnetisch. Die Grundmasse 'wird'.oft obsidianartig, und muss
das Gestein zu den Doleritlaven gerechnet ‘werden. Ich ‚werde später des Näheren auf diese
Laven zurückkommen, Aussen ist das Gestein mit ‚dünnem, «gelblichem Schwefelanflug über-
zogen, und dringt der Schwefel auch in den Feldspath ein, beginnend, ibn von aussen her zu
verdrängen, so dass man fast von einer in: Bildung begriffenen Metamorphose von Schwefel
nach Feldspath sprechen könnte. Theilweise verkittet.Schwefel auch Gesteinsbrocken. Durch
die Einwirkung der sauren Dämpfe sind die Lavagesteine 'angefressen und hie und da wie von
einer sauren Flüssigkeit angefeuchtet. ‚Nachdem wir. mit Mühe längere Zeit in dem engen
Erosionseinschnitte herabgeklettert waren, setzte zuletzt eine 50—60 Fuss hohe, ganz senkrecht
abfallende Lavawand dem Weiterkommen ein Ziel. Die dampfenden Solfataren lagen grade unter
uns, auf einem kleinen Vorlande am See, ‚Alle Mühe, ‚dorthin und zum.See selber zu gelangen,
war vergeblich, um so ärgerlicher, als grade die Untersuchung’der- Temperatur des Seewassers und
seiner chemischen Eigenschaften mir besonders wichtig. erschien. Als. Leschenault 1805 den
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Krater besuchte, muss’ das Herabkommen zu den Solfataren (die damals jedoch nicht genau
an derselben Stelle gelegen zu haben scheinen) leichter gewesen sein, denn mit Hülfe von
langen Leitern konnte er herab zu denselben kommen; auch Zollinger konnte später zu den
Solfataren gelangen, die nach seiner positiven‘ Erklärung damals an anderer, leichter zugäng-
licher Stelle sich befanden, “Leschenault jedoch, sowie Zollinger konnten ebenfalls beide nicht
zum See hinabgelangen, doch konnte ein Javane für Leschenault mit einem Bambus Wasser
aus dem See schöpfen, das Vauquelin später analysirte.
Vom Standpunkte aus, bis wohin wir gelangten, habe ich beifolgende Skizze des Kraters
mit seinem See, wie sie Tafel V. giebt, entworfen. "Ringsum waren die dunkeln Lavagesteine
mit einem dichten 'Schwefelanflug beschlagen und zum Theil angefressen. Der Geruch der
Dämpfe, die uns’ zeitweise einhüllten, "nach Schwefelwasserstoffgas war sehr unbedeutend, da-
gegen die schwefligsauren Dämpfe manchmal schr lästig. Die dampfenden Solfataren lagen
unter uns, die entferntesten kaum 150 Fuss weit, und ‘schienen sie ungefähr 50 Fuss vom See
sich zu befinden, auf einem kleinen Vorlande, das fast deltaartig in denselben auslief; es war
hellgelb von Schwefel, der dort wie herabgeflossen aussah. Wenn der Wind den aufsteigenden
Rauch wegtrieb, zählte ich acht Solfataren; die meisten hatten sich von Schwefel einen kleinen
Schlot aufgebaut, wie die Figur 4, Tafel'VI, die nächste Solfatare' darstellend, zeigt, mit einem
Durchmesser von kaum ein bis zwei Fuss.‘ ‘Die allernächste Solfatare hatte sich ihren Schlot aus
heligelben Schwefel-Krystallen aufgebaut; im Inneren erschien er röthlich von Farbe (ob von
Selenschwefel?). Nur eine der Solfataren war an fünf bis sieben Fuss im Durchmesser gross
und ohne Aufbau, ein einfaches tiefes Loch im Boden, aus dem mit Vehemenz der Dampf
hervorschoss. Leschenault 'spricht"von einem dumpfen Brausen, was wir jedoch nicht hörten,
und ebenso fehlten die von 10 zu‘10 Sekunden eintretenden, intermittirenden kleinen Eruptionen,
die derselbe an einer der Oeffnungen beobachtete; bei unserer Anwesenheit stieg der Rauch
ganz ruhig und nicht einmal stossweise auf. Der grünlich-weisse See lag ganz ruhig da, und
sah’ man nirgends ein Aufwallen; grosse Massen und Brocken eines grünlichen Schwefels
schwammen auf ihm herum, jedenfalls ganz derselbe Schwefel, den wir schon früher oben
an der Aussenseite des Kraterkegels und auf dem Kraterrande selbst fanden, wohin er nur
durch Ausbrüche gekommen sein kann. Er unterscheidet sich schon durch die Farbe von dem
‚ andern gelben krystallinischen Schwefel der Solfataren.
Den besten Ueberblick über den Krater hat man nicht vom Standpunkte unten, oberhalb
der Solfataren, sondern von dem Punkte d des Profils, am Rande einer senkrecht aus dem
See unmittelbar sich erhebenden 'Lavawand, wohin ich mich später begab. Die relative
Mächtigkeit der einzelnen Schichten und Stufen, aus denen die Kraterwäude bestehen, sieht
man am besten aus den Profilen Fig. 1 und 2 auf Tafel VI., wo die einzelnen Bänder nach
den Peilungen mit dem Schmalkalder Compass eingetragen sind. Die Kraterwände steigen, so
namentlich links vom Beschauer, fast senkrecht aus dem See auf. Man kann deutlich 4 Stufen
an den Kraterwänden unterscheiden, die horizontal rings umher in gleicher Höhe sich herum-
ziehen. Unten, hart am See, ist ein steiler Abfall, an den kleine, von oben herab kommende
Schuttkegel sich anlegen. Es ist dies eine aus fester Lava bestehende Stufe, deren Farben,
vom obigen Standpunkte aus gesehen, von West nach Ost zu, folgende sind: roth, grau, gelb-
lich, grau, weiss, weiss-grau. Darüber liegt eine ganz senkrecht abfallende Wand, ebenfalls
aus anstehender Lava bestehend, deren Farben, in derselben Richtung wie oben, sind: röthlich,
gelblich, graugelb, ‚weiss, gelb, buntröthlich, weiss, gelblich. Diese darüber liegende Schicht
ist nicht so steil, und viele kleine Schuttkegel sind an ihr angelagert; darüber folgt dann wieder
eine senkrechte Wand; hier ist alles weiss von Farbe und nur im Westen röthlich. Das
sind bereits in Zersetzung vorgeschrittene Gesteine, sowie zusammengebackene Asche, Lapilli etc.
Die obersten Theile der Kraterwände bestehen aus horizontalen Bändern und Schichten von
weisser und grauer Farbe, die mit einander wechsellagern; es sind dies die jüngsten Eruptions-
producte, Lapilli, Sand und Asche, die folgendermaassen übereinandergeschichtet liegen: zu
unterst eine breite weisse Schicht, darüber eine breite graue, dann wieder eine breite weisse
und eine breite graue, und zuletzt zu oberst 5 schmälere weisse Bänder, wechsellagernd mit
grauen. Nur hie und da mischen sich obea in diese weissen und grauen Farben röthliche oder
gelbliche Tinten.
Oben am Kraterrand wieder angekommen, wird noch eine ganze Suite der dort aufliegen-
den Gesteine geschlagen, und zusammengehalten mit den bereits unten gemachten Beobachtungen,
ergiebt sich daraus schliesslich Folgendes, bezüglich des Aufbaues der Kraterwände (die Besprechung
der mineralogisch-petrographischen Einreihung der Gesteine behalte ich einem eigenen Kapitel vor):
Zu unterst liegen schwärzliche, selten rothbraune Lavabänke, aus einer dichten, an Magnet-
eisen reichen doleritischen Lava bestehend, die nach oben poröse werden und zuletzt in voll-
kommenen Bimsstein übergehen. Darüber lagern mächtige Schichten von Tuffen, Puzzolanen
und vor allen von grauweissem Sande und graugelblicher, verhärteter, fast parasartig gewordener
Asche, häufig von Schwefel nicht allein beschlagen, sondern zu compakten Massen verkittet.
Die festen Lavagesteine sind an ihrer Oberfläche immer dicht mit Schwefelanflug beschlagen
und durch die Einwirkung der sauren Dämpfe mehr oder weniger angegriffen, bald zerfressen
löcherig an der Oberfläche geworden, bald, so namentlich au den oberen Theilen der Krater-
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wände, in voller Zersetzung begriffen, und nicht selten so vollständig zersetzt, dass die ursprüng-
liche dunkle Lava in Alunit und weissen Thonstein und Thon übergeht, und häufig die Gesteine
dort ganz mürbe und weiss geworden sind und wie gebrannter Kalk aussehen, Gyps und
Schwefelkieskryställchen kommen als secundäre Bildungen in denselben nicht selten vor;
einzelne Stücke sind ganz davon durchzogen und namentlich die Schwefelkieskryställchen in
der ganzen Masse eingesprengt; auch Alaunkryställchen kommen darin vor, Die Uebergänge
der verschiedenen Zersetzungsstadien lassen sich, namentlich bei den oben am. Kraterrande
aufliegenden, durch die Eruption herausgeschleuderter Blöcke, ausgezeichnet schön verfolgen,
von dem blos mit Schwefel beschlagenem Lavagestein an bis zu dem vollständig zersetzten,
blendend weissen Thone, der an der Zunge klebt und manchmal stenglich zerklüftet ist. Keines
dieser zersetzten Gesteine ist schwefelfrei, sondern ein hellgelber krystallinischer Schwefel ver-
kittet sie alle mehr oder weniger. Ueberall auf den Kraterwänden, wo sie nicht zu steil ab-
fallen, so namentlich oben auf dem Kraterrande, liegen Auswürflinge der verschiedensten Art,
selten wirkliche kleine Bomben, zumeist Brocken von bald unzersetztem, bald vollkommen zer-
setztem Lavagesteine; selten sind sie grösser wie kopfgross, und dort finden sich ebenfalls nicht
selten Brocken des bereits mehrfach erwähnten grünen Schwefels, von Nuss- bis Kopfgrösse,
umherliegend.
Hier muss ich einen Irrthum Junghuhns berichtigen, der, wo er über den Idjen spricht,
in seinem grossen Werke Band II. Seite 704 sagt: »Ich halte es für meine Pflicht, der Be-
hauptung einer grossen Menge Schwefels entgegenzutreten; in keinem einzigen Krater von Java
ist davon eine Spur zu finden; was man dafür ausgegeben hat, sind nichts als verwitterte, mehr
oder weniger weiss gefärbte Felsen, die nur hie und da an einzelnen Stellen an dem Rande
der Spalten und Fumarolen von einem dünnen Schwefelbeschlag überzogen sind.« Diese Be-
hauptung ist, was den Idjen betrifft, vollständig unrichtig, wie schon das einfache Faktum be-
weist, dass im vorigen, und selbst noch Anfangs dieses Jahrhunderts, die holländische Regierung
zu wiederholten Malen grosse Massen Schwefels zur Pulverfabrikation aus dem Idjenkrater
holen liess, wie denn auch einmal in einer einzigen Nacht 50 Saumpferde mit ihren Treibern
die den gewonnenen Schwefel holen sollten, bei eintretendem dichtem Nebel und Sturm zu
Grunde gingen; sowie dass Leschenault in seinem Briefe an den General-Gouverneur Engelhard
denselben beschwört, den Javanen die so gefährliche Schwefelgewinnung aus dem Idjenkrater
zu erlassen. Es ist bei dieser früheren Schwefelausbeutung wohl immer nur der gelbe
krystallinische Schwefel aus dem Krater gemeint; allein auch von dem erwähnten, grünlich
schlackigen, der in Brocken umherliest, könnte man noch immer mehrere Tonnen sammeln.
Es ist derselbe von schmutzig hellgrüner ins Gelbliche ziehender Farbe, seidenglänzend auf dem
frischen Bruche, und die rundlich geflossenen, schlackenartigen, gewundenen Formen der Brocken
nöthigen zu der Annahme, dass die Masse bei ihrer Bildung in halbflüssigem Zustande sish be-
funden habe; er enthält viele kleine Partikel zersetzten Gesteins und vulkanischen Sandes
eingeschlossen, wie hineingeknetet. Nirgends lässt sich das Vorhandensein von Krystallen oder
auch nur eine krystallinische Structur erkennen. Er enthält zahlreiche nach einer Richtung hin
gestreckte Blasenräume und riecht beim Reiben, namentlich aber beim Zerbrechen sehr nach
Schwefelwasserstoffgas. Professor Wislicenus in Zürich hat den Schwefel analysirt, nachdem
die fremden Theile sorgfältig entfernt waren. Speeifisches Gewicht 1,9180; in geschmolzenem
Zustande jedoch, wobei die grösste Menge der feuerbeständigen Gemengtheile sich zu Boden
setzte und durch Abgiessen des flüssigen Schwefels von diesem getrennt worden war, wurde
die Dichte zu 2,0272 bestimmt, während diejenige der häufig in der Schwefelmasse eingekitteten
Aschenbrocken zu 2,0107 gefunden wurde. Der grüne Schwefel enthielt
91,78 Schwefel und
8,30 Asche bis 8,49 (nach Flückiger enthält er auch etwas Kohle)
100,08
und bestand letztere aus
SO = 5307;
Fe0 — 1,46
ARO>—= 0,93
Ca0O = 0,24
8,30
deren Zusammensetzung eine vulkanische Asche repräsentirt, aus der die auflöslichen Ver-
bindungen, namentlich die Alkalien, sowie ein Theil der Thonerde und des Eisens ausgelaugt sind;
es ist dies einleuchtend, wenn man bedenkt, dass die Bildungsstätte dieses seltsamen Schwefels
im Kratersee zu suchen ist, Die Quantität des Schwefelwasserstoffs war so gering, dass sie
nicht bestimmt werden konnte. Bei längerem Stehenlassen des Schwefelpulvers in offenen
Gefässen verlor sich der Schwefelwasserstoffgeruch vollständig, und die Reagentien gaben dann
auch keine Spur von demselben; es muss also die ganze Menge des im Schwefel enthaltenen
Schwefelwasserstoffs von Anfang an in den Blasenräumen eingeschlossen gewesen sein.
Dass der gelbe Schwefel, aus dem die Solfataren sich aufbauten, der Einwirkung von
schwefliger Säure auf Schwefelwasserstoff zuzuschreiben ist, ganz wie Bunsen von Island nach-
N
weist, scheint unzweifelhaft. Für den grünen Schwefel muss dagegen eine andere Entstehung
angenommen werden; allen Verhältnissen nach muss derselbe sich in halb weichem, plastischem
Zustande abgeschieden haben, da er die Gesteinsbrocken ganz so umschliesst, als wenn sie in
einen weichen Teig hineingeknetet wären, und zwar, wie der Schwefelwasserstoffgehalt in den
Poren beweist, entweder aus Schwefelwasserstoff selbst, oder unter gleichzeitiger Entwicklung
dieses Gases. Die Plasticität mag dadurch entstanden sein, dass der Schwefel im Wasser sich
bildete, wie ja auch der in Wasser gegossene flüssige Schwefel eine Zeit lang so plastisch
bleibt, dass man ihn zum Abformen von Medaillen gebraucht. Undenkbar ist jedoch, dass diese
Schwefelmassen aus der Umsetzung von Schwefelwasserstoff mit schwefliger Säure bei Tem-
peraturen hervorgegangen seien, die eine Schmelzung derselben hervorbrächten; denn dann
müssten die Blasenräume mit Schwefelkrystallen .ausgekleidet sein, was nicht der Fall ist.
Dass eine gleichzeitige, noch unbekannte Mitwirkung heissen Wassers beim Zusammentreffen
von schwefliger Säure und Schwefelwasserstoffgas die Abscheidung des Schwefels in weichem
Zustande allenfalls hätte bedingen können, haben direkte Versuche, die Wislicenus anstellte, als
unmöglich ergeben. So bleibt denn nur die Annahme der Abscheidung in einem der weichen
Zustände übrig, und neigt Wisliceenus zu der Ansicht, dass der Schwefel aus unterschweflig-
sauren Salzen, die im Kratersee aus den darin gelösten Persulfureten sich gebildet, durch freie
Säure in demselben sich ausgeschieden habe, wobei der in weichem Zustande abgeschiedene
Schwefel, bei gleichzeitiger Gasentwicklung, so blasig wurde, dass er auf dem Wasser schwimmt,
Dafür spricht auch der Gehalt der Blasenräume an Schwefelwasserstoffgas, indem diese Gas-
entwicklung bei der Abscheidung von weichem Schwefel nur bei Zersetzung von Persulfureten
durch Säure stattfindet.*)
Bei dem heiteren Himmel des Nachmittags war der Blick gen Westen zum Raun und
über das Hochland von Gending walu sehr instructiv, das ganze Hochland lag wie eine Land-
karte ausgebreitet da. Es ist ein weites, welliges Hügelland, das zwischen der hohen Bergkette
vom Idjen zum Raun und Sucket einerseits und dem niederen Gunung Kendang andererseits
liegt, theilweise mit Casuarinen bewaldet oder mit Gras bewachsen, theilweise auch aus aus-
gedehnten ebenen Flächen bestehend, die mit weissem Sande bedeckt sind. Mehrfache Bäche,
von den verschiedenen Bergen kommend, durchfliessen dieses an Hirschen reiche Hochland,
und vereinigen sie sich zuletzt in einen grossen Bach, der durch die enge Kendang-Spalte
*) Wislicenus, Mittheilungen aus dem Laboratorium in der Vierteljahrsschrift der Züricher Nat-
Gesellschaft. Band VII, 1. 1862.
- 1
nordwärts dem Meere zufliesst; einen der ‘bedeutendsten dieser Bäche‘ bildet der vom Idjen
kommende, dem Kratersee entstammende Sungi pahit, d. h. der-saure Bach, den wir später
noch näher kennen lernen werden.
Mehrfache mehr oder minder hohe Hügel befinden sich in dem centralen Hochlande; die
nächsten, die man vom Kraterrande aus sieht, sind der Gunung Rengge (der auf Junghuhn’s
Kraterskizze irrthümlich Widodarin heisst) und der Gunung Blau, die beide als Vorgebirge
des Idjen in der Fortsetzung der Linie liegen, die vom Gunung Merapi zur Kawah
Widodarin gezogen wird. Beide sind erloschene Eruptionskegel mit Kratereinsenkung auf
dem Gipfel, heute beide begrünt und mit Casuarinen bewachsen. Weiter gegen Westen sieht
man dann noch zwei andere, niedere Hügel, ebenfalls mit alten erloschenen Kratern auf dem
Gipfel, denen sich dann noch einige ganz niedere kleine Kegelberge ganz im Westen vorlegen.
Links davon sieht man in die eigentliche Hochebene hinein, die beiderseits von niederen Hügeln
umgeben ist. ‘Sie ist nur zum Theil begrünt und mit Casuarinen bewachsen, und besteht zum
Theile aus weissen vegetationsleeren Sandflächen. Die Javanen nennen das Kawah wurung,
d. h. etwas, was ein Krater werden wollte, es aber nicht geworden ist.
Vor ‘dem Pendill liegen ebenfalls einige Hügel in einer Reihe, die sich als alte kleine
Krater erkennen lassen; ähnlich wie vor Sucket und Raun. Die ganze Configuration des
Hochlandes ist dadurch der Art, dass man sagen kann, es laufen von den einzelnen hohen
Bergen der Vulkankette des Idjen-Raun, welche das Hochland auf drei Seiten umgeben, auf
radial strahlenförmigen Linien in das Hochland hinein niedere Ausläufer, die selber früher kleine
thätige Krater waren. Leschenault, sowie Junghuhn, haben beide Kraterskizzen von diesem
Hochlande gegeben, die aber beide ungenau und zum Theil unrichtig sind; so weit es ohne
genaue Vermessungen möglich ist, habe ich auf der Karte, Tafel I, die Verhältnisse eingetragen,
wie wir sie sahen, wobei allerdings der kleine Maasstab verhindert, ins Detail einzugehen.
Wie sich der ganze Idjen, das heisst Gunung Merapi und Kawah Widodarin von
Ungup-Ungup aus darstellt, giebt Figur 1 auf Tafel VII. Daraus ist deutlich ersichtlich, dass
der Widodarin nur eine Vorstufe des Gunung Merapi ist. Dieser letztere Kegelberg selbst
ist ein erloschener Vulkan, wie denn Zollinger selbst bei seinem früheren Besuche desselben
schon constatirte, dass er auf seinem Gipfel eine deutliche Kratereinsenkung trägt.
Beifügen muss ich. noch schliesslich, dass bei ununterbrochenem Aufsteigen wir von
Ungup-Ungup bis zum Kraterrande etwas weniger wie drei Stunden brauchten; das Herab-
Steigen geschah in nicht ganz zwei Stunden. Unten angekommen fanden wir zu unsrer grossen
Freude, dass von Banju-wangi aus Dr. Mogk während des Nachmittags gekommen war; er
Abhandl. d. Senckenb. naturf. Ges. Bd. IX, 11
ie
hatte anfänglich beabsichtigt, mit uns den ganzen Ausflug zu machen, war aber von Berufs-
geschäften zurückgehalten worden. Er wollte nun doch wenigstens an unseren Streifereien
durchs Hochland und den Sungi-pahit herauf Theil nehmen.
3. Der Sungi-pahit oder saure Bach und das Hochland Gending-walu.
Der saure Bach, denn das bedeutet der Name Sun gi-pahit (Sungi, hochmalaiisch =
Bach, pahit = sauer) hat, wie wir gesehen, seinen Ursprung im Kratersee Widodarin.
:
Ob er jedoch heute direct aus diesem fliesse, wie es zu Leschenault’s Zeiten der Fall gewesen
zu sein scheint, schien mindestens zweifelhaft, da vielmehr uns vom Kraterrand aus es vorkam,
als habe der Bach heute keinen directen Abfluss aus dem See, sondern die Wasser des Sees,
durch den niederen Sanddamm durchsickernd, vereinigten sich erst unterhalb desselben zum
Bache. Eine nähere Untersuchung desselben wurde somit vorgenommen in der Hoffnung, den
Bach aufwärts verfolgend, bis zum Kratersee selbst gelangen zu können.
Schon Horsfield und namentlich Leschenault haben auf diesen Bach aufmerksam
gemacht, der bald milchig trübe fliesse, wo sein Wasser unschädlich sei, bald klar und farblos,
aber dann sei es sauer und der Gesundheit nachtheilig; ersteres sei vornehmlich in der trockenen,
letzteres in der regnerischen Jahreszeit der Fall. Leschenault hatte dies dadurch erklärt,
dass er mit einem anderen Bache, dem Sungi-puti (weisser Bach), der am Raun entspringend,
viele suspendirte Thontheile enthalte und deshalb milchig sei, zusammenfliesse; in der trocke-
nen Jahreszeit versiege nun der saure Bach im Sande, und dann bleibe nur das milchige
Wasser des andern Baches übrig, der das Hochland durchfliessend, durch eine schmale Kluft
im Gunung Kendang herab in die Ebene strömt, wo er beim Dorfe Assem bagus ins Meer
sich ergiesst. ‘In der Regenzeit jedoch, wenn der saure Bach grösser sei, bilde sich aus seiner
freien Säure und dem Thone des weissen Baches Alaun, der im Wasser gelöst bleibe, und
wodurch dasselbe klar, aber schädlich zum Trinken werde. Dagegen hatte Junghuhn ein-
gewandt, dies sei unmöglich, da während der Regenzeit die Säure des sauren Baches so ver-
dünnt sein müsse, dass sie zur Alaunbildung nieht mehr ausreichen könne; übrigens bestehe
. das Bett des sauren Baches nicht aus Sand, sondern aus fester Lava, worin ein Versiegen un-
möglich sei. Er meint daher, Leschenault habe die Angaben der Javanen falsch verstanden
und der Bach fliesse im Gegentheil in der trockenen Jahreszeit hell und sauer, in der Regen-
zeit milchig und nicht sauer. Weder Leschenault, noch Junghuhn haben den Bach aber anders
ns
als in der Hochebene gesehen, und keiner’ hat ihn aufwärts verfolgt, und giebt auch deshalb
keiner genauen Aufschluss über seinen Abfluss aus dem See; ersterer nimmt an, dass er durch
einen Einschnitt abfliesse, letzterer, dass er durch den niederen, aus lockeren Substanzen
bestehenden Querdamm durchsickere.
Von Ungup-Ungup führt der Weg zum Bache und herab zur Hochebene Gending-walu
zunächst durch mit Casuarinen-Gruppen unterbrochene Grasfluren, und an den Ruinen eines
kleinen Häuschens vorbei, das von früheren Besuchern einstmals errichtet worden; namentlich
die javanischen Häuptlinge pflegen dort zu übernachten, wenn sie von Zeit zu Zeit herauf-
kommen, um trotz des Muhamedanismus den Geistern im Krater zu opfern. Von dort aus
geht es steil abwärts hinunter zur Hochebene und zum Bache, der dort aus den tief ein-
geschnittenen Schluchten des Idjen in die Hochebene eintritt. Er bildet dort einen 36 Fuss
hohen hübschen Wasserfall. Unterhalb desselben sammeln sich die Wasser zu einem ziemlich
grossen Tümpel und füllten wir dort einige Flaschen mit‘ dem Wasser, das später von
Professor Flückiger in Bern analysirt wurde. Seine Temperatur differirte nicht von der der Luft
und hatte es einen sehr adstringirenden Alaungeschmack; die Javanen tranken es als, Arznei
und tränkten auch die Pferde damit, die es aber nur widerwillig genossen. Bis hierher gehn
die Javanen zu baden und zu opfern, und bis hierher kam auch Junghuhn, der dort eben-
falls Wasser schöpfte, das Waitz in Samarang qualitativ untersuchte. Der Stelle liegt
5150 Fuss über dem Meere. Der Wasserfall ist dadurch gebildet, dass sich der Bach bogen-
artig über das Ende eines Lavastroms herabstürzt. Zu unterst hat das Gestein eine schwarz-
Sraue Farbe und geht nach oben in röthliches über; auch hier ist das Gestein zum Theil mit
einem sehr dünnen Anflug von Schwefel beschlagen, so dass wohl bei Ausbrüchen die Schwefel-
dämpfe bis hierher dringen müssen. Die, namentlich an der Oberfläche, in Zersetzung be-
griffene Lava enthält in diehter Grundmasse kleine weisse Feldspathleistchen, die aber meist
zersetzt sind; nur hier und da findet man einzelne Individuen, die deutlich als trikliner farben-
wandelnder Feldspath, Zabradorit, zu erkennen sind. Einsprengungen von fast mikroskopischen
Risenkiesktyställchen sind nicht selten, offenbar aus Magnetit entstanden.
Oberhalb des Wasserfalles fliesst der Bach in einer engen von ziemlich hohen Wänden
begrenzten Schlucht. Auch hier finden wir den grünlichen Schwefel wieder, der, offenbar dem
Kratersee entstammend, in Brocken umherliegt; und wo Tümpel sich befinden, ist der Sand
häufig mit Schwefel verkittet. Auch die steilen Wände sind häufig mit dünnem Schwefelanflug
beschlagen. Bis zu einer Höhe von 20 und mehr Fuss über dem Bachbette finden sich unter
dünner Aschendecke in nicht unbedeutender Menge Alaunablagerungen, in zierlichen Kryställchen,
EN gr
als Federalaun, sowie Gyps in Träubchen und selbst in Krystallen, so dass zeitenweise der bei
unserm Besuche sehr kleine Bach eine bedeutende Höhe erreichen muss.
Von nun an wird das Aufwärtsdringen ziemlich schwierig, indem die senkrecht abfallen-
den Köpfe der einzelnen Lavaströme, über welche der Bach immer in kleinen Cascaden: herab-
fällt, kleine Thalstufen oder. Terrassen von 15 bis 20 Fuss Höhe bilden, die oft nur mit Hilfe
von zu. Leitern zusammengebundenen : Baumstämmen erstiegen werden können. Zu unterst
findet sich ein Strom einer - compacten, schwarzen, dichten. Lava, mit vielen langgezogenen
Poren; in der dunkelen Grundmasse liegen mehr oder weniger verwitterte Leistchen von
triklinem Feldspath, sowie Magnetitkörnchen. Es ist, dies dieselbe von unterhalb des Wasser-
falls bereits erwähnte doleritisch -basaltische Lava. Darüber folgen nun Tuffe, röthlich - grau
oder gelb von Farbe und ziemlich fest, in denen viele kleine scharfkantige Lavabrocken ein-
gebettet liegen, so dass das Gestein manchmal breceienartig wird. Die nächste Thalstufe, über
der eigentlichen Lava, besteht aus solchen Tuffen, oder eigentlich aus drei Tuffbänken, von
denen die unterste ein fester dichter rother Tuff ist, mit vielen kleinen helleren Lapilli und
Feldspathkörnern, welch’ letztere in Zersetzung begriffen und gelb angelaufen sind. Die mittlere
Bank besteht ganz aus scharfkantigen Lavastückchen und Lapilli, die zu einem harten: gelb-
röthlichen Tuffe zusammengebacken sind. Zu oberst liegt ein gelber fester Tuff. Achnliche
Thalstufen wiederholen sich von Zeit zu Zeit, bis nach ein Paar Stunden Steigens die Schlucht
sich etwas ausbreitet und an 30 Schritte breit wird, zwischen schroffen steilen, an 120 Fuss
hohen, fast senkrechten Wänden. Im Hintergrunde ist hier die Schlucht durch eine 70 Fuss
hohe senkrechte Thalstufe geschlossen, über die der Bach ‚in zwei schöne Cascaden herab-
fällt. Auch diese Wand besteht aus. drei Tuffströmen, einem rothen unten, einem grauen
schiefrigen in der Mitte‘ und. einem gelblichen, der viele ‘grosse Blöcke einschliesst, oben;
letztere Schicht, an 30 Fuss mächtig, könnte man fast eine Trümmerschicht nennen. Mit
ausserordentlicher Mühe gelingt es endlich über diese Wände herauf zu kommen, während
Zollinger ganz erschöpft unten bleibt. Oben angelangt, finden wir zu unserem Erstaunen
plötzlich in dem dichten, ‚alles bedeckenden Gestrüppe einen gebahnten breiten Weg, den die
Javanen als von den zahlreichen Hirschheerden herrührend bezeichneten. Es hört jedoch
dieser Weg bald auf, und wird nun das Bachbett so steil ansteigend und so enge, dass in
demselben das Aufwärtssteigen unmöglich ist, so dass wir, um weiter zu kommen, bis zu einer
“an 60 Fuss über dem Bachbette seitlich sich hinziehenden schmalen Vorterrasse hinaufklettern
müssen, wo ebenfalls wieder Brocken des grünen Schwefels umherliegen. Es muss also zeit-
weise, somit wohl bei Ausbrüchen des Vulkans, der Bach bis zu dieser Höhe steigen. Das
Sa
dichte Gebüsch einerseits, die schroffen Felsen andrerseits machen das Weiteraufsteigen um so
schwieriger, als wir vollkommen erschöpft sind, und alle Erfrischungen, wie auch das Trink-
wasser, unten bei Zollinger geblieben waren. Es ist schon längst Mittag vorbei und ruhen
wir auf einem Lagerplatz der Hirsche aus, dabei dem Javanen, der uns wenigstens Wasser
heraufholen wollte, ein Trinkgeld von zwei Gulden bietend. Diese Leute sind aber noch er-
schöpfter als wir, und so sehr, dass sie selbst durch diese, ‚nach ihren ‚Begriffen ‘hohe Summe
sich nieht dazu bewegen lassen. Wir ruhen ‚dann eine Stunde ungefähr und da wir vom
Kraterrande, der deutlich vor uns daliegt, nicht sehr entfernt sein können, versuchen wir
| dorthin vorzudringen. Erst müssen wir jedoch in eine tiefe Schlucht: hinab, und dort, im fast
wasserleeren Bachbette, findet sich anstehend eine ähnliche, schwarze, dichte, mit langgezogenen
Poren versehene. basaltisch-doleritische Lava, ein Gemenge von deutlich erkennbarem triklinem
Feldspath, Augit, Magnetit und spärlichem Olivin, in dunkelfarbiger Grundmasse. Auch ein
vereinzelter sehr interessanter Block fand. sich dort, aus sehr. dichtem, feinkörnigem, wie ge- \
frittet aussehendem, hellgrauem, fast trachytisch erscheinendem Gestein bestehend, das so steng-
lich zerklüftet, ist, dass man. es als von einem Hochofengestelle herrührend ansehen könnte; es
ist. ganz durchwachsen mit gelblichen Gypsblättchen.
| ‚An der andern Seite der Kluft müssen wir wieder ‚hinauf, und oben angekommen, brechen
wir uns mit dem Hackmesser in der Hand den Weg, ein mühsames und langsames Vorrücken,
| dem zuletzt eine tiefe, senkrecht abfallende Kluft ein Eude macht. Es scheint sich somit eine ganze
Reihe tief eingeschnittener Klüfte dort zu befinden, und zum Krater zu kommen, ist nicht mehr
| möglich, um. so mehr, als es schon drei Uhr ‚vorbei: ist, und die Nacht in jenen Gegenden
bereits um sechs Uhr eintritt, während, wir, schwerlich in drei Stunden nach Ungup-Ungup
j zurückkehren können. So wurde denn. die Rückkehr angetreten, und zwar mit, dem Compass
in der Hand quer durch die Waldungen hin; mit sinkender Nacht kamen wir auch an, wo
Zollinger, der schon früher zurückgekehrt war, etwas in Sorge um uns war.
Ist es uns gleichwohl nicht gelungen, auf diesem Wege bis zum Kratersee vorzudringen,
| so haben wir doch den Sungi-pahit genauer kennen gelernt. Im obersten Theile des Gebirgs
kann nicht eine der vielen tief eingeschnittenen Klüfte als das eigentliche Bachbett betrachtet “4
werden, sondern in einer ganzen Reihe unter sieh paralleler Klüfte fliessen in dünnen Wasser-
fäden die Wasser des Kratersees ab, die, wie es scheint, durch das lockere Material des Quer-
dammes durchsickern und erst weiter unten zu dem eigentlichen Sungi-pahit sich vereinigen. ı
Eine genaue Betrachtung des Hochlandes von Gending-walu ergiebt ferner, dass der Sungi-pahit
sich nicht allein mit dem Sungi-puti vereinigt, sondern eine ganze Reihe kleiner von
h
hi
= ge
den Bergen kommender Bäche in ihn fliesst, die dann alle zusammen sich vereinigen, und durch
die Kendang-Spalte fliessend, bei Assembagus ins Meer sich ergiessen. In der trockenen
Jahreszeit ist die Hochebene, mit Ausnahme des sauren Baches, fast wasserlos, die andern
Bäche versiegen auch so ziemlich, und die Jäger, die oben auf Hirsche jagen, schöpfen ihr
Trinkwasser aus Cisternen. Der Name Sungi-puti (weisser Bach) scheint dabei keineswegs
dem vom Raun kommenden Bache allein anzugehören, sondern die vereinigten Bäche zusammen
ebenfalls diesen Namen zu führen. Zu Assembagus wenigstens heisst der durch die Kendang-
Spalte fliessende Bach bald Sungi-pahit, bald Sungi-puti, je nach seinen temporären Eigen-
schaften. Seit Jahren hat er alle sauren Eigenschaften verloren und wird zum Bewässern der
Reisfelder benutzt. Das wenige saure Wasser, das vom Kratersee durchsickert, muss bei dem
Zusammenfliessen mit den übrigen Bächen des Hochlandes vollständig verschwinden, und nur
dann, wenn der Kratersee so hoch steigt, dass er sich über den niederen Querdamm ergiesst,
oder diesen durchbrechend, seine Fluthen herabwälzt, ein Ereigniss, dass keine Regen bewirken
können und das immer in die Zeit einer Eruption oder kurz nachher fallen wird, erhalten
die sauren Wasser die Ueberhand und strömen, alle Vegetation vernichtend, auch durch die
Kendang-Spalte dem Meere zu. Dass temporär wirklich die Wasser so hoch gestanden’ sind,
beweisen die in bedeutender Höhe über dem Bachbett gefundenen Schwefelbrocken. Dabei
mögen sich die ausbrechenden Wasser auch in anderer Richtung ergiessen und dazu beitragen,
die Schlammströme zu bilden, die dann zu Paraslagern werden,
Das von Junghuhn am Wasserfall geschöpfte und in ‚Java analysirte Wasser enthielt
keine freie Säuren, sondern Sulfate und Chlorüre von Eisen, Aluminium, Calcium, Magnesia,
Kalium, Natrium, etwas Phosphorsäure, Kieselsäure und Harz (?).
Das Resultat der Analyse von Flückiger ist folgendes: ')
Specifisches Gewicht bei 10° Cels. 1,0113; Rückstand beim Verdampfen: 1,596 °o. Ein
direeter Versuch ergab, dass keine freie Schwefelsäure vorhanden war und gaben 100 Gramm Masse:
850% = 0,406 Gramm,
Chinkbz=r104I.85
Si0? — 0,006 >»
K20.= 0/0081
Na?OHE0,033uR>
1,495 Gramme
') Berner Mittheilungen 1862.
j
|
j
EN N
Transport 1,495 Gramme
Ca = 0,052 »
M&e0 7. 0,027. .,5
ALO3 — 0,150. »
Ee20% — 0,120. >
ekarenne und
daraus berechnet als wahrscheinlich im Wasser enthaltene Verbindungen für 100 Theile:
Natronalaun ah)
Kalialaun FT LNOHR
Schwefelsaure Thonerde — 0,110
Schwefelsaurer Kalk 0126
Schwefelsaure Magnesia — 0,081
Chloraluminium N
Eisenchlorid SR
Kieselsäure 1008
1,010 feste Bestandtheile und
Freie Salzsäure —e a!
Rechnet man zu den 1,010 feste Bestandtheile noch das hinzu gehörige Krystallwasser, so
erhält man als Rückstand beim Eindampfen 1,537, was mit den früheren directen Versuchen stimmt.
Vaugquelin, der das von Leschenault mitgebrachte Wasser des Kratersees untersuchte,
leider jedoch nur qualitativ, hatte darin viele freie Schwefelsäure, freie schweflige Säure, sowie
Salzsäure, neben Sulfaten von Aluminium, Calcium, Kalium und Eisen (Alaun, Gyps, Eisen-
vitriol), sowie etwas suspendirten Schwefel gefunden und das speeifische Gewicht zu 1,118,
Angenommen, dass trotz des dazwischen liegenden Zeitraums von mehr wie 50 Jahren, . die
Verhältnisse des Wassers vom Kratersee und die des Sungi-pahit dieselben geblieben sind, so
ist ein bedeutender Unterschied zwischen diesen beiden Wassern vorhanden. Im Wasser des
Sungi-pahit ist namentlich die freie Schwefelsäure und schweflige Säure verschwunden, die im
Kratersee noch vorhanden ist; dies ist leicht erklärlich durch das Durchsickern des Wassers
vom Kratersee und den langen Lauf des Sungi-pahit, wodurch diese beiden Säuren an Basen
gebunden worden sind, wie die Alaun-Anhäufungen und die Vorkommnisse von Gyps beweisen,
Von grossem Interesse aber ist die immer noch so bedeutende Quantität Salzsäure im Bache,
Woher nun dieser grosse Salzsäuregehalt? Es liegt hier nahe, an die Mitwirkung des,
N ee
Meerwassers zu denken, wenn andrerseits auch feststeht, dass der Kratersee nur den atmosphärischen
Wassern seine Entstehung verdankt.
Unbemerkt kann ich nicht lässen, dass uns Allen das Wasser bei dem ersten Wasserfall
saurer und herber zu schmecken schien, als weiter bergaufwärts. Es hat dies wohl seinen
Grund darin, wenn es nicht auf einer Täuschung der Zunge beruht, dass sich dort ein kleines
natürliches Reservoir gebildet hatte, in dem das Wasser verdunsten konnte; andrerseits wäre
es aber auch möglich, dass bei höherem Wasserstande ein Theil des an den Bachrändern
gesetzten Alauns sich zeitweise wieder löse.
Die späteren Streifereien im. Hochlande Gending-walu bestätigten das schon früher
Gesagte. Es ist eine undulirende, von Bergen ringsum cireusartig umgebene Hochebene, von
grosser Ausdehnung und elliptischer Form, deren grösster Durchmesser von WNW. nach OSO.
gut 11 Pal, der kleinere von SW, nach NO, 4 Pal. beträgt. Der Raun steht etwas südlich
seitwärts vom eigentlichen Vulkanringe, dessen Hauptberge sind: der Kukusan, Idjen,
Ranteh, Pendill, Sucket, sammt dem Rücken des Gunung Kendang. Sämmtliche
Wasser des Hochlandes, mit Ausnahme eines Theils der vom Ranteh kommenden, fliessen durch
die Kendang-Spalte ab, einen schmalen Einschnitt in Rücken des Gunung Kendang, und ist dort,
wo dies der Fall ist, die Innenseite des Gunung Kendang steil, dem Hochlande zu abfallend.
Eine genaue Untersuchung des Kendang-Rückens konnte leider nicht mehr vorgenommen
werden, ‚hauptsächlich aus dem Grunde, weil die Lebensmittel für die Kuli auszugehen begannen,
so dass an den Rückweg gedacht werden musste. Diese Untersuchung, sowie die des Pendill
mögen spätere Reisende nicht versäumen. Eine bei der Ueberfahrt nach Madura auf dem
Meere später von mir gezeichnete Ansicht auf Idjen und Raun lässt deutlich diese Kendang-
Spalte, in welcher der Sungi-pahit abfliesst, erkennen. Diese Ansicht findet sich auf Tafel VII.
Fig. 2. Der Ranteh selbst soll nach Zollinger keine sichtbare Kratereinsenkung tragen,
während beim Merapi dies sehr deutlich der Fall ist. Der Gunung Raun kann vom Hochlande
aus nicht bestiegen werden, da eine tiefe Schlucht ihn davon trennt. Man muss ihn, wie
Junghuhn es gethan, von der Westseite aus besteigen.
Von Interesse möchten einige in Ungup-Ungup gemachte Thermometerbeobachtungen sein,
die ich hier anfüge:
Am 21. October Abends bei Sonnenuntergang 12° Oels.
» 22, » Morgens nach 6 Uhr 105°, Abends 12° Gels.
ER ARE. > » 6 » 10°, Nachm. 3.Uhr 17°, Abends 12° Gels.
” 24; » » Sana 3 9° Cels,
RR ER
4, Bekannte Ausbrüche des Idjen und Veränderungen desselben.
Den Europäern wurde der Idjen erst am Ende des vorigen Jahrhunderts bekannt. Auf
den Karten Java’s von Raffles und Horsfield finden wir ihn zuerst bezeichnet und zwar
seltsamer Weise mit dem Namen Tashem; auf des Letzteren Karte ist ein Ausbruch vom
Jahre 1796 angemerkt. Dass den Europäern so spät erst Kunde von dem grossen Vulkan-
system geworden, kann nicht befremden, da der ganze Osten Java’s so lange terra incognita
blieb; dass jedoch selbst die Javanen keines früheren Ausbruchs sich erinnern, als des von
1796, ist nur durch die Indolenz des eingeborenen Javanen erklärlich, dessen Gedächtniss nur
das Zunächststehende festhält; übrigens mögen sehr verheerende Ausbrüche des Idjen nur
sehr selten vorgekommen sein. Junghuhn, in seinem Werke über Java, hat Alles zusammen-
gestellt, was ihm von Ausbrüchen des Idjen bekannt war; ausführlicher hat der Assistent-
Resident Bosch in der Tijdschrift voor Tael, Land en Volkenkunde 1858, Deel VII, berichtet.
Indem ich das Wichtigste aus beiden Zusammenstellungen, namentlich aus der letzteren, hervor-
hebe, füge ich noch einiges Wenige bei, das ich selbst erkunden konnte.
Dass aus dem Idjen bedeutende Schwefelmassen für die Regierung geholt worden sind,
ist schon früher erwähnt; namentlich in den Jahren 1786, 1787 und 1788 scheint dies in
bedeutendem Maasse der Fall gewesen zu sein und zwar vom Kraterrande selbst, am NO.-Ende,
wohin man mit Leitern gelangte, zu einer kleinen Fläche, die im Niveau des Sees lag. Auf
dieser Fläche waren zwei Punkte, aus denen steter Rauch und manchmal Flammen (?) auf-
stiegen. Die ersten europäischen Besuche des Idjen sind jedoch erst aus dem Jahre 1789 zu
verzeichnen und hat darüber ein »Altgast« berichtet, wie er sich selber nennt, nach mündlichen
Mittheilungen von Dr. Epp, wohl der spätere Resident von Banyermassin, De Waal. Zu
dieser Zeit war Commandant von Banjuwangi Clemens de Harris, und machte derselbe
1789 dem Vulkan einen Besuch in Gesellschaft des »Altgastes«, des Regenten Wico-Guno,
zehn inländischen Jägern und mehreren hundert begleitenden Javanen. Zuerst veranlasst wurde
der Besuch durch die grosse Sterblichkeit in der Garnison von Banjuwangi, die man den
Schwefeldämpfen zuschrieb, womit die frische Luft erfüllt war, so »dass das grüne Gras des
Morgens gelb war, und das aus den Bächen geschöpfte Wasser eine Menge Schwefel enthielt«.
Der Commandant wollte sich an Ort und Stelle überzeugen, woher die Schwefeldämpfe denn
eigentlich kämen.
Ich gehe etwas näher auf den, bis jetzt wohl ungedruckten Bericht ein, der gar manches
Interessante enthält. Die Gesellschaft reiste früh Morgens von Suckaradja ab, und führte sie
Abhandl. d. Senckenb. naturf, Ges. Bd. IX. 12
ey
ihr Weg anfänglich durch neu angelegte Kaffeegärten, später. in dichtem Wald, wo sie zu
ihrem grossen Erstaunen in der für ganz unbewohnt gehaltenen Landschaft plötzlich ein Dorf,
von Reisfeldern umgeben, antrafen, dessen Bewohner Heiden, keine Muhamedaner, waren, die
Malaiisch gar nicht, und das in Banjuwangi übliche Javanisch nur sehr nothdürftig kannten.
Wohl mit Recht hielt man sie für Reste der in die Wälder versprengten Bevölkerung, nach
dem Falle von Blambangan. Der weitere Weg führte dann wieder in dichten Wald, in dem
sie zwei Tage lang, zuletzt fast muthlos geworden, umherirrten. Am dritten Tage wurde der
Wald lichter und kamen sie dann bald in eine hügelige weite Ebene, in der eine Unmasse
Hirsche sich umhertrieben. Sie waren nun am Fusse des eigentlichen Idjengipfels angekommen
und errichteten in der Ebene von Bambu eine Hütte, zum temporären Wohnort; es war dort
oben ausserordentlich kalt, so dass in der Nacht das in einem Tümpel befindliche Wasser einen
Dukaton (eine Silbermünze = 3 fl. 15) dick gefroren war. Nicht allein gegen die Kälte,
sondern auch gegen die umherstreifenden Tiger wurden viele Feuer angezündet. Dieser Lager-
platz ist zweifelsohne Ungup-Ungup. Von dort aus wurde dann der Krater bestiegen, dessen
tand bei steilem Aufsteigen über Lavafelsen und Asche, in der sie oft bis zu den Knieen
einsanken, endlich erreicht wurde. Nun heisst es wörtlich im Bericht: »Wir befanden uns am
Rande eines schauderhaften und unabsehbaren Abgrundes, so wie man die Hölle $childern
könnte. Der Kvater ‘brannte an verschiedenen Stellen, wo wir das Leuchten des Feuers und
auch die Schwefeldämpfe deutlich sehen konnten. Inmitten desselben war ein See von grünem
und gelbem Wasser, das sich an der andern Seite des Kraters mit einem erstaunlichen Getöse
aus einer Oeffnung ergoss und über grosse und schwere Felsen herabfloss. Von der andern
Seite des Berges hörte man ein angenehmes Geräusch, das einem Gesange glich, und ver-
ursacht wurde durch das Spielen des Windes in den kleinen Blättern der hier ausserordentlich
hohen und alten Cederbäume (Casuarinen?), welche die Javanen singende Bäume nennen.
Nachdem wir von unserem Erstaunen uns erholt hatten, krochen die Javanen nach unten in
den Krater. Ich auch, mehr getrieben durch Neugierde, als geleitet durch Ueberlegung folgte,«
und hier wäre der Schreiber fast verunglückt, da die Steine unter seinen Füssen sich lösten;
worauf der Commandant und der Regent, seine Gefahr sehend, beschlossen, zurückzukehren
ohne weitere Untersuchungen vorzunehmen. »Die Javanen, die unterdessen im Krater an-
‚gekommen waren, erschienen von oben nicht ‚grösser wie Krähen, wonach ‚man über die Tiefe
urtheilen kann, sie wurden durch einen Schuss zurückgerufen; der Schuss wiederhallte ringsum,
so dass es mehr einem Musketenfeuer ‚als einem Echo glich.« Darauf kehrten sie zurück und
wurden des Abends in ihrem Lagerort ‚durch einen Tiger erschreckt; sie wurden auch vielfach
=
im Schlafe gestört durch das Krähen der Waldhühner und das Gekreisch der wilden Pfauen,
»womit der Wald ebenso erfüllt war, als mit schönen Vögeln und einer grossen, sehr schmack-
haften Taube.« Der Verfasser lobt nun die Fruchtbarkeit und angenehme Kühle dieses unter
den Tropen gelegenen Hochlandes. Des andern Tages wurden Leute ausgesandt, um für eine
zweite Besteigung alles vorzubereiten und namentlich im Krater wo möglich Stufen zum Herab-
steigen einhauen zu lassen. »Nach einigen Tagen kamen sie zurück mit der frohen Botschaft,
dass der Krater an der andern Seite des Berges viel leichter zu besteigen und auch nicht so
hoch sei, als dort, wo wir ihn zum erstenmale bestiegen hatten, und dass sie an einem der
dort stehenden Cedernbäume wilden Rotang befestigt und aneinander gebunden hätten, so dass
man sich an demselben in den Krater niederlassen könne. Wir gingen sogleich auf den Weg
und weil die Rotange bis zum Kraterboden reichten, kam ich ohne Gefahr mit einer Anzahl
Javanen hinab. Vorsichtig näherte ich mich dem See, nachdem ich erst den Boden, worauf
ich treten wollte, untersucht hatte, aus Furcht, wenn er aus Schwefel bestände, einzusinken,
und da er anfing weich zu werden, und ein Javane vor mir, wirklich mit dem Fusse einsank,
kehrte ich gleich um; jedoch schoss ich mein Gewehr in den See ab, konnte aber die Kugel
Dicht schen, weshalb ich schloss, dass er sehr tief sein müsse. Da wo der Berg brannte, sah
man deutlich den Schwefel aufsteigen; ein Theil davon, durch die obere Luft zusammengedrückt,
fiel wiederum in den See und auf den Grund, die sogenannte Schwefelblume. Nun begab ich
mich zur Stelle, wo der See durch eine Oeffnung sich ergiesst. Diese war breit genug, so
ass ich dem Strome nach der Aussenseite des Berges folgen konnte. Das Getöse hiervon,
Sowie das von einem andern Wasserfall, von einem andern Berge, Ranu, verursacht, war ent-
Setzlich. Der Strom verlor sich in einer unterirdischen Höhle, doch kam er an einer andern
Stelle wieder zum Vorschein; in diese Höhle zu kommen, war unmöglich, weil der Eingang zu
schmal md durch den Strom erfüllt war. Der Lauf des Wassers war ausserordentlich schnell
un‘ deshalb gefährlich. An die Höhle, in der der Strom sich verlor, grenzte eine andere,
oder ein unterirdisches Gewölbe, in das ich mich, auf Händen und Füssen kriechend, begab.
Von tler Decke (dieses Gewölbes tröpfelte eine Feuchtigkeit, die zusammenziehend war und
nach ‘Alaun schmeckte; sie erhärtete sich schnell zu tropfsteinartigen Gestalten, wie in der
Baumannshöhle. Ich konnte mich nicht satt schen an dem Anblick.« Ts wurde noch eine
grosse Jagd abgehalten, ehe man die Rückreise hinab antrat, bei der zwei Tiger, zwei Banteng
(wilde Stiere) und an 900 Hirsche in den eigens dazu erbauten Kraal getrieben wurden.
Im Jahre 1790 begab sich der gleiche Berichterstatter wieder auf den Idjen, begleitet
vom Sergeant Mohrmann, zehn Jägern und 50 inländischen Begleitern und erzählt er davon:
iin EEE
BE RR
»Ich begab mich damals auf den Gipfel des Ranu, wo man eine bezaubernde Aussicht auf die
Balistrasse hat. Nachdem ich das unterirdische Gewölbe besichtigt hatte, entsprach ich dem
Verlangen des Commandanten und folgte dem Strom des Baches, der aus dem See fliesst.
Ich kam in einen Wald, viel wüster als der oben beschriebene; der Weg war auch viel
schlimmer und zuweilen so steil, dass wir uns an Zweigen und Rotangs niederlassen mussten.
Keinen Vogel oder anderes lebende Geschöpf haben wir darin angetroffen. Nachdem wir vier
Tage in diesem abscheulichen Walde zugebracht hatten, kamen wir zu Kali-Tikus an, wo sich
der Ausfluss des Sees mit dem Kali-Tikus vereinigt, wodurch das Wasser zuweilen so grün
wie Gras und zuweilen so weiss wie Milch wird, doch in beiden Fällen sehr schädlich für die
Thiere ist. Denselben Weg wieder nach dem Schwefelberge zu machen, war unthunlich, theils
wegen den steilen Stellen, theils wegen eintretendem Mangel an Lebensmitteln. Wir begaben
uns daher längs des gewöhnlichen Wegs zu Fuss von Kali-Tikus nach Banjuwangi, waren
jedoch genöthigt einen ganzen Tag von Wurzeln und Kräutern zu leben, die die Javanen auf-
suchten und zubereiteten.«
Lassen wir bei diesem Berichte einige lächerliche Ueberschwänglichkeiten unberücksichtigt,
so zeigt sich derselbe im ganzen als wahrheitsgetreu. Von Interesse ist vor allem, dass damals
der Kratersee in ein unterirdisches Gewölbe abfloss. Damals war der Berg auch fast bis
obenhin bewaldet, wie die Angaben bezüglich der Cedernbäume (Casuarinen) beweisen. Die
zahlreichen Hirschheerden sind noch heute oben im Hochland zu finden, doch dass Tiger sich
dort umhertreiben, davon konnte ich bei meiner Anwesenheit nichts erfahren, Der Ranu ist
jedenfalls einer der dem Widodarin zunächst liegenden Kegelberge.
Im Jahre 1796 fand, wie bereits bemerkt, ein Ausbruch des Idjen statt. Näheres aber
über denselben konnte ich nicht erfahren, ‘es muss derselbe somit ein sehr unbedeutender
gewesen sein. Wahrscheinlich hat er doch einige Veränderung hervorgebracht, wie denn
Leschenault 1805 das unterirdische Gewölbe nicht mehr bemerken konnte, durch das früher
der Kratersee abfloss. 6
Im September 1805 wurde der Idjen von dem berühmten Reisenden Leschenault de
la Tour besucht, dessen genauer Bericht sich im »Mus. d’histoire naturelle,« tom. XVIIT
findet. Durch ihn wurde zuerst der Vulkan mit seinem Kratersee bekannt und da der Bericht
‚vielfach abgedruckt ist, so kann ich einfach auf ihn verweisen, dabei bemerkend, dass man
sich an der Französisirung der javanischen Ortsnamen nieht stossen darf, Aus diesem Berichte
ersieht man, dass, obgleich noch vielfach alles von dichten Waldungen bedeckt, die Cultur
doch bereits weiter vorgedrungen war, als zu Harris Zeiten. Litjin war damals ein neu
ER
angelegtes Dorf mitten im Walde, Der Idjen war bis zu seinem Kratergipfel mit dichtem
Waldwuchse versehen, ja selbst an den inneren Kraterwänden z0g sich Gebüsch hinab, ein
weiterer Beweis, wie unbedeutend der Ausbruch von 1796 gewesen sein muss. Die Configuration
des Kraters wie sie Leschenault beschreibt und in einer Skizze abbildet, war damals im
Srossen Ganzen ganz dieselbe wie heute, ein ovaler Kraterkessel, dessen oberen grössten Durch-
messer am Rande er zu 3000, den unteren am Kraterboden zu 1500 Fuss schätzte. Der
Kraterboden an seiner SW.-Seite, erfüllt von einem von steilen Wänden umgebenen See,
während an der NO.-Seite ein muldenförmiger flacher Abfall erlaubte, mit Hülfe langer Leitern,
hinunter, zu den Solfataren zu gelangen, wo sich vier grosse Oeffnungen befanden, eine an
7 Fuss im Durchmesser, aus der Dampf mit Brausen emporwirbelte; aus einer dieser Oeffnungen
wurden in Zwischenpausen von 10 Sekunden faustgrosse geschmolzene Stoffe herausgeworfen
und 8 bis 10 Fuss weit geschleudert. Die mitgekommenen Javanen sagten, dass wenige Jahre
früher die Solfataren weiter westwärts gelegen seien, wo sich auch noch tiefe Löcher vor-
fanden. Der See floss damals durch eine Spalte ab, den sauren Bach bildend. Es ist merk-
würdig, dass trotzdem, dass zwischen Leschenault’s und unserem Besuche 53 Jahre liegen, die
Sanze Configuration des Kraters dieselbe geblieben war, und er nur ganz unbedeutende Ver-
änderungen erfahren hatte; selbst die Fumarolen lagen wie damals am NO.-Ende des Kraters.
Es ist dies um so auffallender, als in der Zwischenzeit der anscheinend so bedeutende Aus-
bruch von 1817 liegt, und folgt daraus unzweifelhaft, dass selbst dieser Ausbruch mit seinen
colossalen Schlamm- und sauren Wasser-Massen, in Ganzen doch ein relativ, nicht intensiv,
die Figuration das Berges umgestaltender war. Junghuhn freilich ist anderer Ansicht bezüglich
der Veränderungen im Krater, und wie schon bemerkt, auf unrichtige Beobachtungen gestützt,
Nimmt er an, dass durch den Ausbruch von 1517 auch bedeutende Veränderungen im Krater
selbst verursacht worden seien. Ich muss dem hier nochmals aus den bereits angeführten
Gründen widersprechen, und wenn allenfalls man annehmen könnte, Junghuhn’s Beschreibung
vom Jahre 1844 sei richtig, und in der Zwischenzeit bis zum Jahre 1858, unserem Besuch,
hätten wieder Veränderungen stattgefunden, so dass der Krater dann von neuem die Figuration
angenommen hätte, wie zu Leschenault’s Zeiten, so muss ich dem das ganz bestimmte Zeugniss
Zollinger’s entgegenstellen, der ausdrücklich ‘behauptete, im Jahr 1845, bei seinem ersten
Besuche, den Krater ganz so gefunden zu haben, wie wir ihn 1858 fanden, mit, der einzigen
Ausnahme, dass damals, 1845, die Vegetation nicht so weit heraufreichte. Junghuhn hat in
seinem grossen Werke, Band II, Seite 712 und 713, weitläufig die angeblich stattgehabten
Veränderungen besprochen und Schlüsse daraus gezogen, und auch in Figur 3, Idjen, Skizzen
en
gegeben; alles dies fällt natürlich mit der Thatsache dahin, dass Junghuhn die östlichen
Kratertheile nicht kennen lernte.
Im Jahre 1817 fand der grosse Ausbruch statt, der auch in Europa des Näheren bekannt
wurde, mit vielfachen Zuthaten versehen. In der folgenden kurzen Beschreibung desselben
folge ich der bereits erwähnten Abhandlung Bosch’s: Uitbarsting der Vulkane Idjen en Raun,
welcher die awntlichen Daten erschöpfend zusammengestellt hat, zum Theil nach Berichten des
damaligen Residenten Roos.
Am 16. Januar begannen dem Idjen grosse Rauchwolken zu entsteigen, während Eril-
stösse in Banjuwangi gefühlt wurden, und es vom Berge her dröhnte, wie beim Abfeuern
schweren Geschützes. Am 24. Juni Beginn des Aschenregens und Steigen starker Feuermassen
aus dem Berge unter stetem Toben des Innern des Vulkans. Der Aschenregen verdunkelte
die Luft so, dass die Sonne kaum sichtbar war und hielt bis zum 28. an; am 26. hatte der
tesident schon berichtet: »Alle Pflanzen sind bedeckt und fallen nieder durch die schwere
Asche; in den Bächen treiben todte Fische in Menge; das Trinkwasser ist verpestet, und das
Federvieh stirbt fast alles durch die Schwefeldämpfe, welche die Luft erfüllen. Sollte es noch
lange so anhalten, so gehen in wenigen Tagen die Lebensmittel aus.« Darauf kamen Ueber-
schwemmungen dazu; durch Schlammmassen gestaut, die von Berge herab kamen, traten die
Bäche aus und standen an mehreren Orten 14 Fuss höher wie gewöhnlich; schwere Steine
und Bäume kamen, von den Schlammmassen und den Wassern getragen, vom Gebirge herab-
geschwemmt, und verwüsteten die Schlammströme alles Land, über das sie sich ergossen.
Flüchtlinge kamen von allen Seiten nach Banjuwängi, der Ueberschwemmung zu entrinnen,
und in aller Eile begann man Flösse zu zimuiern, um eventuell nach dem nahen Bali entrinnen
zu können, da alle Landwege unter Wasser standen. In der Nacht vom 27. auf’den 28. lässt
der Ausbruch nach, und am 29. hört er auf, wenngleich der Idjen immer noch rauchte und
das Dröhnen in ihm noch fortdauerte, Die Ueberschwemmungen liessen erst am 30. nach und
spätere Erhebungen ergaben, dass drei Dörfer mit 90 Häusern, sowie ganze Wälder in der
Ebene weggeschwemmt waren. - Am 10. Februar hörte man vom Idjen neue heftige Schläge ;
schwere Rauchsäulen stiegen auf und ein neuer Aschenresen fiel, diesmal aber nur 2 Zoll
hoch, ohne dass es zu einem grossen Ausbruch von Neuem gekommen wäre. Von jetzt an
kam der Berg zur Ruhe. Allein nun brachen Seuchen aus unter Vieh und Menschen, in Folge
des,verdorbenen Wassers, der Ueberschwemmungen und der Schwefeldämpfe, ‘die noch immer
in der Luft waren. Das Vieh starb massenweise dahin und ‘die überschwemmten 'Reisfelder
konnten zwei Jahr lang nicht 'bepflanzt werden, so sehr ‘waren sie vom Schlamm verdorben.
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Ein Javane, ein gewisser Bapa Kumi, war wenige Tage vor dem Ausbruche auf dem
Idjen, Hirsche zu jagen. Den Krater hatte er damals sehr untief gefunden, kaum tiefer als
die Höhe eines grossen Cocosbaumes (+ 60 Fuss), und hatte der See sich seinen Abtluss durch |
den vorliegenden Querdamm gebahnt. Veranlasst durch den Regenten bestieg Kumi 6 Tage,
nachdem der Ausbruch beendet, den Idjen wieder. Jetzt fand er alles rings um den Gipfel
verwüstet, die starken Bäume und Gesträuche, die früher dort gestanden, lagen jetzt unter
einer 20 Fuss mächtigen Aschenschicht. Drei Tiger und viele Hirsche und Vögel sah er todt
auf der Asche liegen, welche die Luft verpesteten. In das Innere des Vulkans konnte Kumi
nicht sehen, »wegen des dieken Rauchs und des aufsteigenden Feuers;« er mag in Wirklichkeit
auch kaum weiter gekommen sein, als nach Ungup-Ungup und die Hochebene.
Die anhaltenden und ungewöhnlich starken Regengüsse, die wenige Tage nach dem
eigentlichen Ausbruche gefallen waren, hatten die auf dem höheren Bergabhang liegende Asche
(dem Kraterkegel?) herabgeführt und in Schlammströme verwandelt, die den Gebirgsspalten
folgend in die Ebene sich ergossen. So waren in östlicher Richtung Schlammströme geflossen,
einer durch Tjurabenda und Bantu ins Meer; ein anderer, von hier sich abzweigend, war '
in den Tambong, den Bach von Banjuwangi, geflossen und hatte ihn gestaut (es ist dies der
bereits erwähnte an 1000 Fuss breite Schlammstrom unweit Banjuwangi); ein dritter war
nördlich von Banjuwangi in die Ebene gekommen und hatte sich südlich von Bengalingan ins |
Meer ergossen. In westlicher Richtung war ein anderer grosser Schlammstrom, dem Sungi- \
pahit folgend und durch die Kendang-Spalte sich ergiessend, gegen Sumberwaru zu geflossen,
wodurch die Strandfläche bei Asembagus unter Wasser gesetzt wurde; dieser Schlammstrom
kam noch 11 bis 2 Fuss mächtig in die Ebene herab. Der Schlamm war kalt und erhärtete
schnell an der Luft, blieb dagegen unter Wasser jahrelang weich, wie denn der in den Tambong
’
geflossene Strom durch Stauung desselben noch 1832 weich war, und erst erhärtete, als man,
die Mündung des Baches verlegend, dem Wasser Abfluss verschaffte. Diese erhärtete Schlamm-
ströme nennen, wie bereits bemerkt die Javanen Paras-muda.
Bapa Kumi besuchte den Berg wieder drei Monate später, und den Kraterrand besteigend
sah er, dass der Krater sehr tief geworden war. Die Asche, die früher noch auf dem Plateau |
BR, ö
war nun durch die Regen weggeschwemmt, und er sah das Terrain jetzt mit umgestürzten
Besteigen des Gipfels unmöglich war. Wie schon früher bemerkt,
lag
te} }
Bäumen besäet, wodurch das
Besteigung des Merapi-Gipfels 1845 die grössten Schwierigkeiten
hatte Zollinger bei seiner
{ gerade in solchen, durch die Eruption von 1817 umgestürzten Bäumen gefunden.
Eruption die prächtigen Casuarinen-Waldungen, die den Berg vorher
| So waren,denn durch die
n
&
bedeckten, bis fast 2000 Fuss unter dessen Gipfel vernichtet, wie vom Jahre 1821 Reinwardt,
der damals den Berg besuchte, berichtet. Füge ich dem noch zu die von Junghuhn gegebene
Aussage des Patingi von Litjin, dass nämlich die zu Ungup-Ungup stehenden Casuarinenbäume
nicht angebrannt waren, sondern allmählig abstarben, weil sie 4 Fuss tief in Schlamm und
| Asche staken, so haben wir nun das ganze Bild der Eruption mit ihren Folgen, die, so gross
auch einzelne Verwüstungen gewesen waren, doch im Ganzen eine nicht bedeutende genannt
werden darf. Vom Ausbruch feuriger oder gar feuerflüssiger Massen ist nicht die Rede, und
beschränkte sich alles eigentlich auf einen grossartigen Aschenregen, der selbst die Intensität |
andrer localer Aschenregen, wie zum Beispiel am Tamborra auf Sumbawa 1815, lange nicht
erreichte. Alle Berichte stimmen überein, dass Anfangs nur trockene Asche fiel; erst Später,
als durch die aus dem Vulkan mit entstiegenen colossalen Massen von Wasserdampf, die
furchtbaren Regengüsse eintraten, wurden die Auswurfsprodukte, Sand und Asche, herab-
geschwemmt und ergossen sich nun als Schlammströme, den Thaleinschnitten folgend, in die
Niederungen, nachdem schon vorher, bei Beginn der Eruption, der Kratersee übergelaufen,
auch wohl dessen saure Wasser ausgeschleudert worden waren. Wir sehen somit den Aus-
| bruch sich darauf beschränken, dass in grossen Massen aus dem Krater Dämpfe aufstiegen
(Wasserdämpfe und saure Dämpfe), sowie mächtige Massen von Sand und Asche, Einzelne
Auswürflinge sind wohl jedenfalls dabei mit ausgeschleudert worden, die aber nicht weit weg
vom Heerd des Ausbruchs geschleudert wurden, wohl nur wenig über den Kraterrand weg,
abgerissene scharfkantige Gesteinsbrocken und Blöcke von dem im tiefsten des Kraters an-
stehenden Gestein herrührend, oder ‘die mehrfach erwähnten Schwefelbrocken, die früher auf
| dem See schwammen; von denen die letzteren von den ausbrechenden Wassern des Sees
auch weiter geführt wurden. Die Feuermassen, die angeblich dem Krater entstiegen sein
sollen, sind sicher nur die Massen glühender Asche, welche der Berg auswarf, denn selbst
grosse Massen brennenden Schwefels, welche unten im Krater gebrannt haben mögen, können
nicht den Eindruck einer aufsteigenden Feuersäule inachen, leicht dagegen glühend aufsteigende
Aschen- und Sandmassen.
Im October 1820 besuchte der Resident van de Poel den Vulkan; ich würde, da der
3ericht über diese Besteigung von einem Ungenannten im Indischen Magazzin voll von Phan-
tastereien ist, dies ganz unerwähnt lassen, wenn nicht Bosch in seiner Abhandlung aus anderer
Quelle einige Daten gäbe. Die Gesellschaft fand bis auf zwei bis drei Pal Abstand vom Berge
überall Asche 1 bis 1'/e Fuss hoch. Asche, blattlose Bäume und kauın einige wenige begrünte
Flecke, so sah die weite Ungup-Ungup Ebene damals aus; nur einige wenige Tjemorrobäume
N
waren wieder aufgewachsen. Der Kraterrand oben war scharf und schmal, und die kleine
Fläche, von wo man früher den Schwefel holte, verschwunden. Es war nun auch nicht mehr
möglich herabzukommen. Die Farbe des Wassers im Kratersee, der einen unregelmässigen
Kreis bildete, war bouteillengrün, mit aufschwimmenden gelben Massen. An der Nordseite sah
man unten drei Oeffnungen, die rauchten, und im Nord-Osten eine ähnliche grössere, aus der
Flammen (?) aufstiegen. Der Dampf war bis oben hin sehr belästigend, so dass die Gesell-
schaft stark »husten« musste. Man liess Rotange von 100 Faden hinab, doch erreichten sie
lange nicht die Tiefe, die (gewiss zu hoch) auf 200 Faden geschätzt wurde. Trotzdem, dass
dann gesagt wird, der Krater sei gegen früher nicht mehr zu erkennen gewesen, beweisen diese
gegebenen Daten deutlich, dass der Krater damals, drei Jahre nach der Eruption, in seinen
Haupttheilen ganz derselbe war wie heute, und wie ihn Leschenault gesehen hatte. Seit dem
Ausbruch von 1817 ruht der Idjen und sieht man selbst nur zeitweise Rauch aus ihm
aufsteigen.
Fassen wir das Resultat für denselben zusammen, so ergiebt sich, dass der Idjen-
Merapi schon längst in dem Stadium der Vulkane angekommen ist, in dem er nur mehr Sand
und Aschenmassen auswirft, und die Periode, in der er Lavaströme ergossen, seit geschichtlicher
Zeit längst hinter sich hat. Er hat dies mit den andern javanischen Vulkanen gemein, von
denen jedoch gar manche heute noch feste Gesteine auswerfen, aber nur als Steintrümmer
oder Bomben etc. Auch dies ist beim Idjen nicht mehr der Fall.
Von allen thätigen Vulkanen Java’s ist der Idjen-Merapi der dem Meere zunächst
liegende, und das mag der Grund sein für die colossalen Massen von Wasserdampf, die bei
seinen Eruptionen ihm entstiegen und zur Bildung von vulkanischen Gewittern beitrugen mit
furchtbaren Regengüssen, wodurch die sauren Schlammmassen sich bildeten, welche die Gegend
. bei dieser Gelegenheit verheerten. Dass jedoch der Idjen in vorhistorischer Zeit, die sehr viel
zurück, vielleicht in die Tertiärzeit fällt, auch Lavaströme ergossen hat, das beweisen die
Lavagesteine seines Gerüstes, wie der früher ausführlich geschilderte Basaltlavastrom bei Batu-
dodol. Der eigentliche Kraterkegel besteht jedoch ausschliesslich aus lockeren Stoffen; er ist
also ein Aufschüttungskegel im wahren Sinne des Wortes.
Früher, als die Thätigkeit des Vulkans noch intensiver gewesen war, trug wahrscheinlich
die Spitze des Merapi den Hauptkrater, der erst dann erlosch, als ein Seitenausbruch erfolgte
und dann die an den Merapi sich anlehnende Terrasse des Widodarin sich durch Aufschüttung
bildete,
13
Abhandl. d. Senekenb. naturf. Ges. Bd. IX.
Be 1) ag
5. Petrographie des Idjen.
Es kann keinem Zweifel unterworfen sein, dass die Zeit, in der der Idjen anfıng, sich in
seinen Auswürfen auf Asche und Sandmassen zu beschränken, die als Schlammströme hinab ins
Land gelangen, weit zurück liegen muss. Die festen Tuffe, die wir unter anderem in der
Spalte des Sungi-pahit kennen lernten, sind unzweifelhaft erhärtete Schlammströme, und es ist
gewiss nicht zu viel behauptet, anzunehmen, dass die Bildung dieser Tuffe bereits in die vor-
historische Zeit falle. So haben sich colossale jüngere Massen aufgethürmt, unter denen nur
selten man anstehendes Gestein sieht, nur hie und da in den tief eingeschnittenen Bachrinnen.
Aber selbst diese Gesteine befinden sich zum grossen Theil nicht mehr in ursprünglichem Zu-
stande und sind vielfach durch die späteren Einwirkungen saurer Wasser und saurer Dämpfe
verändert und zum Theil metamorphosirt. Auf diese Veränderungen komme ich weiter unten
zurück, hier haben wir es zunächst mit den anstehenden Gesteinen überhaupt zu thun. Mir
sind solche nur bekannt geworden von folgenden Localitäten: Djaga-Ambenda, Ungup-
Ungup, an der Aussenseite des eigentlichen Kraterkegels, in der Spalte des Sungi-pahit
und im Innern des Kraters; dazu wären dann noch einzelne Blöcke allenfalls zu rechnen,
die sich auf dem Kraterrand und dessen nächster Umgebung aufliegend finden, durch einzelne
Eruptionen von unten abgerissene und heraufgeschleuderte Gesteine. Und schliesslich gehört
hierhin das Vorkommen von Batu-dodol, das früher schon ausführlich beschrieben und
erörtert wurde, Bei Betrachtung dieser Gesteine sind wir hier glücklicherweise nicht allein auf
die mineralogische Loupendiagnose beschränkt, sondern für die meisten liegen von Professor
tosenbusch microscopische Untersuchungen vor, und von zweien derselben sind Analysen vor-
handen, ausgeführt im Züricher Laboratorium unter Leitung von Professor Wislicenus. Die
Loupendiagnose, so wie. die microscopische und chemische Untersuchung, geben ganz das über-
einstimmende Resultat, dass die meisten dieser vulkanischen Gesteine zu den Augit-Andesit-
Laven gehören; nur einige wenige gehören entschieden zu den basaltischen oder doleritischen
Laven. Es sind Gemenge von Oligoklas und Augit, die accessorisch Magnetit enthalten; einer-
seits gesellen sich Sanidine herzu, andrerseits Olivine. Eine ganze Reihe dieser Lavengesteine
steht auf der Grenze zwischen Augit-Andesiten und Doleriten, so dass man zweifelhaft sein
kann, wo sie einzureihen sind; das dunkle, grauliche oder schwärzliche Farbenkleid haben alle.
Professor Rosenbusch macht die Einreihung in die doleritisch-basaltische Reihe abhängig von
dem Auftreten des Olivins; was mir eine zu eng gezogene Grenze zu sein scheint.
Betrachten wir nun die Gesteine der einzelnen Localitäten näher. Der tiefste Punkt, An
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dem wir anstehendes Gestein trafen, ist in der Bachschlucht bei Djaga Ambenda, welches
Gestein schon oben erwähnt wurde. Dunkelgrau von Farbe ist es ein krystallinisch- körniges
| Gemenge von vorwaltend weissen Leistchen eines triklinen Feldspaths, der glasartig, vor dem
Löthrohr unschwer an den Kanten sich rundet; jedenfalls Oligoklas und Magnetit. Augit ist
nur spärlich vertreten und nur an ein paar Stellen mit der Loupe zu erkennen. Auch das
Microscop weist nur spärlichen Augit auf. Das Gestein braust nicht mit Säure; es ist
magnetisch und hat ein speeifisches Gewicht von 2,6594. Trotz der geringen Menge des vor- |
handenen Augits gehören diese Gesteine unzweifelhaft zu den Augit-Andesiten oder besser |
gesagt, den Augit-Andesit-Laven. Wahrscheinlich ist dies dasselbe Gestein, das Junghuhn als
von weiter oben im Bachbette bei Banju-linu erwähnt, und als trachytische Lava mit Horn-
blende anführt; letztere habe ich nicht in meinen Stücken finden können. |
Der nächst höhere Punkt, au dem man anstehendes Gestein antrifft, ist ein tiefer Bach- |
einschnitt unweit Ungup-Ungup, zwischen Idjen und Ranteh. Schwarzgrau von Farbe und
magnetisch ist es ein grobkrystallinisches Gemenge aus vorwiegend weissem Oligoklas mit |
F Augit; dabei enthält es viel Magnetit und ziemlich häufig Olivinkörnchen. Man ist versucht, |
dem ganzen Habitus nach, dies Gestein ebenfalls zu den Augit-Andesit-Laven zu rechnen;
Professor Rosenbusch stellt es jedoch zu der basaltischen Reihe, seines Olivingehalts wegen,
und verweise ich auf seine Abhandlung, wonach das Microscop noch Eisenglanz, Flüssigkeits-
poren und Picotit nachweist. Sollte das Gestein nicht zu den eigentlichen Augit-Andesiten zu
stellen sein, so würde ich es, ganz analog wie die Gesteine von Batu-dodol, zu den doleritischen |
Laven rechnen. ;
| An der Aussenseite des eigentlichen Kraterkegels, in circa %, Höhe von Ungup-Ungup
an gerechnet, fanden wir dann wieder anscheinend anstehendes Gestein (Nr. 411 meiner
Sammlung), das ungemeine Aehnlichkeit hat mit einem Gestein, das Wagner von der Südküste
von Veragua mitbrachte und das in der Heidelberger Sammlung als Augit-Andesit bezeichnet
ist. Das Gestein hat Porphyrstructur und sind grauschwarze, dichte Gesteinsbrocken, die auf ;
den Flächen oft rothbraun angelaufen sind, also schon eine beginnende Zersetzung andeuten, |
umgeben von gelblichen krystallinischen Körnern, die man auch veranlasst sein könnte für |
Olivin zu halten, die aber bei näherer Untersuchung sich als gelb angelaufene Oligoklaskörner
ausweisen, Das Gestein ist magnetisch und hat ein specifisches Gewicht von 2,5221. Einzelne
Magnetitkörnchen sind zu erkennen in der grauen Grundmasse, sowie Leistchen eines weissen 1
. ‘ Iirrose I j "£ Ir S z2 -
triklinen Feldspaths, und unter dem Microscope erscheinen in der grauen Grundmasse zahl .
reiche Oligoklaslamellchen und kleine Augitkörnchen. Auf die weitere microscopische Diagnose h
I de een
NV
Professor von Rosenbusch verweisend, bemerke ich nur noch, dass’ derselbe einmal deutlich
Hauyn darin fand, der ihn an den Hauyn von Monte Vulture erinnerte, sowie, dass statt des
Magnetits hie und da Eisenglanzblättchen sich zeigen. Dieses Gestein wurde von Herrn
Nöldecke im Züricher Laboratorium analysirt und von ihm darin gefunden: in Salzsäure
Lösliches 15,39%, nämlich:
Si02 = 6,63
A055 9983
Bes03 = 3,78
COST
KO = 021
NEON)
nicht aufschliessbar 84,1, 7%, nämlich: SiOg = 53,59
Als0s — 16,29
F&0: —= 0,85
BAU erndd,
El
Na20 = 710
Summa 99,86
oder zusammengezogen: SiO’ze — 60,22
£ AkOs —= 19,12
Fe05, —. 4,63
CaOs..;— 5,89
KO. —= 2,40
Na20 7,60
Das TRBB;RE
Magnesia und Mangan waren nur in höchst geringen Spuren vorhanden, und kann, da
Magnesia somit fehlt, das Gestein keinen Olivin enthalten. Leider ist das Eisenoxyd von
Eisenoxydul nicht getrennt angegeben, doch können wir aus obiger Analyse einen Schluss auf
den feldspathartigen Gemengtheil machen. Wir dürfen annehmen, dass alles Magneteisen in
dem in Salzsäure Löslichen enthalten sein muss; berechnen wir nun den übrigen Eisenoxyd-
gehalt auf Eisenoxydul (0,85 = 0,76), so ergiebt sich dann ein Gehalt von:
|
|
|
|
|
|
|
1}
| SiO2 = 60,22 mit Sauerstoffgehalt 32,11 -
Al205 = 19,12.» » 8,91
FO —= 0,6
| Cao 5,89
K20 2,40
Na20.—= 7,60
» » 4,21
I
wonach sich der Sauerstoffquotient zu 0,408 berechnet und das Verhältniss von: =
WO) 1210) a SE le
Oder 1329 #7 39° LS]
| ziehen wir davon den Augitgehalt ab 0,42 0 0,84 S )
| so bleibt für den Feldspath; 1 : 3 SUR NE
| was somit übereinstimmend mit der Tschermak’schen Ansicht über Bildungsweise der triklinen ]
Feldspäthe, einem Kalk-Natronfeldspath, Oligoklas, entspricht, da die Grenzen des Sauerstoff-
verhältnisses der. Kieselsäure im Oligoklas zwischen 10,4 und 8.0 liegen; es stimmt dies auch
vollständig mit der Beobachtung überein.
Während. die: bis jetzt betrachteten Gesteine die älteren des Berges sind, ‚gehören die
übrigen alle seinem obersten Theile an und sind die jüngsten der ihm entflossenen Lavaströme,
wit den dazu gehörigen Bimssteinen und Schlackenbildungen. Das ist sowohl bei den im Innern
des Kraters anstehenden Gesteinen der Fall, wie bei. denen im Bachbette des Sungi-pahit, wo n
ein Lavastrom im tiefen Bacheinschnitte mehrmals blosgelegt ist; so namentlich als tiefster
Strom unterhalb des mittleren Wasserfalls, überdeckt von Tuffströmen, und dann weiter oben
ebenfalls in einem ‚östlichen Seiteneinschnitte, Diese Lava ist bald compaet, bald porös mit
langgezogenen Poren, schwarz von Farbe und auf die Magnetnadel wirkend. In der dichten
| Grundmasse ‚liegen deutlich ausgesprochene trikline Feldspäthe mit ausgezeichneter Zwillings-
streifung, Krystalle und Körner, sowie Augitkrystalle, von verschiedener Grösse; dabei Magnetit
ziemlich häufig und manchmal auch etwas Hornblende, Auch spärlicher Olivin scheint nicht ganz |
zu fehlen. Der trikline Feldspath ist Oligoklas, manchmal rissig, und nicht zu schwer vor dem
Löthrohr schmelzbar. Das Microscop hat bei den am Wasserfalle gefundenen Gesteinen con-
statirt, dass kein Sanidin neben dem Oligoklas darin vorkomme, während bei dem vom anderen
Fundorte Professor Rosenbusch auch diesen in kleinen Quantitäten gefunden zu haben glaubt; 1
er stellt diese Lava zu den Augit-Andesit-Laven, ich glaube sie aber eher zu den Dolerit-
Laven stellen zu müssen.
— 12 —
Des bereits oben erwähnten am letzten Orte gefundenen losen Blocks muss ich hier noch-
mals gedenken, der aus einem sehr dichten, hellgrauen, gesätteten, fast emailartigen Gestein
besteht, das sehr charakteristisch stenglig zerklüftet ist; auf den Zerklüftungsflächen
haben sich als secundäre Bildungen gelbliche Gypsblättchen eingelegt. Das Gestein ist so
dicht, dass selbst unter dem Microscop man kaum etwas erkennen kann, doch scheint der
Feldspath, der zu erkennen ist, nach dem Albitgesetze verwachsen zu sein (Rosenbusch).
Diese soeben betrachteten Lavagesteine, noch mehr aber alle die im Krater anstehen-
den, haben unter sich einen gemeinsamen Habitus. Grauschwarz oder schwarz von Farbe, sind
sie alle magnetisch, zum Theil polarisch. Vorwiegend aus Krystallen und Körnern in allen
Grössen von triklinem Feldspath, mit schönen Zwillingsstreifungen, sowie Augitkörnern und
Krystallen bestehend, die in dunkler, meist obsidianartiger, häufig irisirender Grundmasse liegen»
enthalten sie ziemlich viel Magnetit; dabei treten untergeordnet Sanidine auf, die das
Microscop fast überall nachweist, sowie spärliche Hornblende und hie und da auch Olivin.
Alle diese Gesteine stehen vollständig auf der Grenze zwischen Augit-Andesit-Laven und
Dolerit-Laven (Anamesit) und bestätigen somit vollständig die Anschauung Roth’s in seinem:
»Beitrag zur Petrographie der plutonischen Gesteine«, wo er Seite 192 sagt: »Weitere Unter-
suchungen werden wahrscheinlich lehren, dass eine stetig fortlaufende Reihe (zwischen Augit-
Andesit und Doleriten) vorhanden ist, deren Abschnitte ziemlich willkürlich sein werden.«
Professor Blum hat diese betreffenden Laven als Oligoklas-Laven charakterisirt.
Das Gestein, das wir im Innern des Kraters amı tiefsten unten anstehend fanden (Nr. 440
meiner Sammlung), ist von Herrn Dr. Baltzer in Zürich analysirt; ihm ähnlich sind alle
andern, so dass die genaue Diagnose dieses einen genügt. In schwarzer, dichter Grundmasse
liegen weisse Feldspathkörner und Leisten, wodurch das Gestein etwas Porphyrstructur erhält,
sowie Körner und Krystalle von Augit und viele Magnetitkörner, Der Feldspath, Oligoklas,
ist. weiss, ausgezeichnet schön gestreift und vor dem Löthrohr nicht zu schwer schmelzbar; ein
gelbliches Mineral könnte man versucht sein, für Olivin zu halten; es ist aber nur gelblich
angelaufener Oligoklas. Aber ausser diesen Oligoklasen enthält das Gestein auch nicht un-
bedeutende Mengen Sanidine, wie das Microscop nachweist; dasselbe zeigt auch, dass es eine
wahre geflossene Lava mit ausgezeichneter Fluidalstruction ist.
Das specifische Gewicht ist 2,675, und ergab die Analyse:
SiOe = 58,35 mit Sauerstoffgehalt 31512
A203 = 15,67 » 8 7,31
|
|
f
03
Transport . . 74,02
Fe20% — 12,90 mit Sauerstofigehalt 3,87
a0... 5,68 >» » 1,62
MEO. = 61 » 0,64
KO > 0,53
N220 = 1740540 > » 1,04
101,38 “und der Sauerstoffquotient 0,484.
Leider ist auch hier die Trennung des Eisenoxyds von Oxydul unterblieben, und fehlen
auch die Angaben bezüglich des in Salzsäure Löslichen. Es ist das um so mehr zu bedauern,
als das Gestein ungemein magnetisch ist und viel Magnetit enthält, und eine Berechnung, ob
der trikline Feldspath wirklich Oligoklas sei oder allenfalls Labradorit, von Interesse wäre, um
so mehr als an einem andern ähnlichen Gesteine, vom Kraterrand, die triklinen Feldspäthe im
Mieroscop lebhaft an die Labradorite vom Monte Pilieri erinnern. Nehmen wir nun an,
mindestens die Hälfte des Eisens sei als Magnetit vorhanden, so bleibt in obiger Analyse noch
6,45 Fe203, das umgerechnet, 5,78 FeO entspricht; und da ergiebt sich der Sauerstoffgehalt:
SiOa = 31,22
A120, 27,81
EeO52==h21,28%
GO = 1%
MO = 0,64) = 611
RO 0 440,58
Na?20 = 2,04
und das Sauerstoffverhältniss RO : R2O° : SiO?
7,31: 31,12
wie 6,11:
oder 19550 a3 HiE12,81
und den Augit abgezogen 1,50: 0 : 3,00
bleibtannkt 39,53 3444:49,81
Dass diese Berechnung nur ganz approximativ sein kann, versteht sich von selbst; nimmt
man einen grösseren Magnetitgehalt an, als der Hälfte des Eisens entspricht, so würde das
Sauerstoffverhältniss des SiO? noch grösser werden. Die Rechnung zeigt aber deutlich,
dass der trikline Feldspath kein Labradorit ist, sondern Oligoklas oder höchstens Andesin sein
muss, da das Sauerstoffverhältniss von Labradorit in maximo 1 : 6,66 ist. Ein Mitvorkommen
von Sanidin kann nun allerdings das Gestein saurer erscheinen lassen, als es durch die
rn
= aM =
triklinen Feldspathe allein wäre, aber diese Sanidine können den Kieselsäuregehalt nicht so
weit hinauftreiben.
Diese Betrachtungen wurden hauptsächlich veranlasst durch die microscopische Unter-
suchung von Schliffen, von einem auf dem Kraterrand aufliegenden Lavablock herrührend,
(Nr. 426 meiner Sammlung) einer porösen, schwarzen, obsidianartigen Lava, die unter dem
Microscop als aus überwiegend chokolade-farbiger Glas-Grundmasse, die nirgends entglast ist,
bestehend sich ausweist, in der sporadisch zerstreut die Mineralausscheidungen sich finden, vor-
wiegend prachtvoll gestreifte Oligoklase, die ausserordentlich an die Labradorite des Monte
Pilieri erinnern, und grüne Augite, sowie Magnetite, dann spärliche Sanidine und braungelbe
Hornblende. Es finden sich diese Sanidine, welche das Microscop in fast allen diesen Lava-
gesteinen nachweist, nicht allein microscopisch, sondern auch maeroscopisch darin ausgeschieden.
Nr. 427 ist eine dunkelfarbige, bimssteinartige Schlacke, mit fadenförmigen Glasfäden, gesammelt
oben auf dem Kraterrand. In dem mitgebrachten Handstück findet sich unter anderem ein
grosser Sanidin-Krystall mit Zwillingsbildung; und bei Nr. 438, .einer schwarzen, obsidian-
artigen, irisirend angelaufenen, mehr oder minder mit Poren durchzogenen Lava, von den
inneren Kraterwänden herrührend, finden sich ebenfalls grosse Krystalle von Sanidin. Bezüg-
lich der microscopischen Diagnose dieses interessanten Gesteins verweise ich auf die Abhand-
lung von Professor Rosenbusch, der ausser. »den genetisch unzweifelhaft zu dem Gestein.
gehörigen Sanidinen«, in zwei gemachten Schliffen auch andere Sanidine fand, »die sich durch
die absolute Abwesenheit von interponirten Glaspartikeln und Microlitten vor den übrigen
auszeichnen, und mit denen stets in Verwachsung ein anderes Mineral auftritt, das
sich sonst nirgends findet, nämlich Olivin.« Dies Eingewachsensein von Olivin in
Sanidin ist sehr merkwürdig und meines Wissens bis jetzt anderwärts noch nicht beobachtet
worden. Professor Rosenbusch zieht daraus den Schluss, dass diese olivinhaltenden Sanidine
der Bildung des Gesteins fremd seien, und deutet an, diese fremden Einschlüsse möchten von
anderen Gesteinen herrühren, die bei dem Durchbruche mit emporgerissen wurden, eine Hypothese,
gegen die, wie er selbst zugiebt, doch Manches einzuwenden wäre.
Eigentliche, wirkliche Obsidiane finden sich am Idjen nirgends, doch haben die meisten
Jüngeren Laven, wie bereits bemerkt, eine obsidianartige Grundmasse, Bimsstein dagegen tritt
in grossen Massen auf, nicht blos als vereinzelte Auswürflinge, sontern wie das an den inneren
Kraterwänden deutlich beobachtet wird, mächtige Ablagerungen bildend, die über den festen
Lavaströmen lagern, und ih
seits im obersten Theil der Kraterwände von mächtigen Lapilli-,
Sand- und Ascheschichten bedeckt sind. Es hat somit der Idjen eine Periode gehabt, in der,
— 15 —
nachdem die geflossenen Lavaströme aufgehört hatten, er massenhaft Bimsstein auswarf, so
den Uebergang zu der jüngsten Asche- und Sandperiode und den Schlammströmen bildend.
Fassen wir die petrographischen Resultate des Idjen zusammen, wobei natürlich der
basaltisch-doleritische Lavastrom von Batu-dodol mit berücksichtigt werden muss, so ergiebt
sich Folgendes: Das unterste Gerüste des Vulkans ist unzweifelhaft aus einer Augit-
Andesit-Lava auferbaut, wenngleich der normale Typus dieses Gesteins nirgends entschieden
vorhanden ist. Dann kam eine Zeit, in der die entsendeten Lavaströme mehr basaltisch-
doleritisches Gepräge hatten, wie der Lavastrom von Batu-dodol, die Gesteine im Bachbette
bei Ungup-Ungup und im Sungi-pahit beweisen, wobei ich den Begriff der doleritischen Gesteine
nicht gerade auf solche mit Labradorit allein beschränke, sondern auch auf solche, die
andere saure, trikline Feldspathe enthalten, ausdehne, sie als Gemenge von triklinem, kalk-
reichem Feldspath, mit Augit, Magnetit und sonstigen aeccessorischen Mineralien ansehend. Die
jüngsten Lavaströme, das heisst diejenigen, die wir im Krater-Innern übereinanderliegend
treffen, haben dann wieder einen mehr Augit-Andesit ähnlichen Charakter und nähern sich
einerseits durch das Mitauftreten des Sanidins und Erscheinen von Hornblende den Trachiten,
während sie auf der andern Seite durch die relativ grosse Menge des Magnetits und ver-
einzelte Olivine sich an die basaltisch-doleritischen Gesteine anschliessen. Diese auf der Grenze
dieser Gesteine somit stehenden Laven fasse ich hier mit dem Collectiv-Namen Oligoklas-
Laven zusammen, um 'sie keinem der anderen Gesteine einreihen zu müssen. Alle diese
Oligoklas-Laven glaube ich als theilweise erfolgte Umschmelzungsprodukte früherer Lavagesteine
ansehen zu können, wobei es denn auch erklärlich werden kann, dass nur teigartig flüssig
gewordene Gesteine, die zusammen treffen, diese neuen Gesteine bilden konnten, in denen aus-
nahmsweise Olivin und Sanidin zusammen verwachsen vorkommen. Sagt doch auch Professor
Rosenbusch in seiner mieroscopischen Diagnose von einem dieser Gesteine, »dass im micro-
scopischen Bilde jene Erscheinungen fehlen, die auf eine energische Bewegung des Gesteins beim
Act des Erstarrens schliessen lassen.«
Mit ein paar Worten muss ich noch schliesslich auf die bereits mehrfach erwähnte Um-
wandlung und Zersetzung der Lavagesteine zurückkommen. Sie sind durch zweierlei Ursachen
veranlasst, einestheils durch die sauren Dämpfe und im Wasser, anderntheils durch den subli-
mirten, die Gesteine beschlagenden Schwefel.
Die nächste Einwirkung der sauren Dämpfe ist, dass die ursprünglichen dunklen Farben
der Laven gebleicht. werden. Der Magnetit wird zum Theil zersetzt und ausgelaugt, so dass
die Gesteine eine helle Farbe bekommen, von röthlicher bis zu grauer und weisser; letztere
Abhandl. der Senckenb. naturf, Gesellsch. Bd, IX, 14
— 16 —
vorwiegend giebt dem Idjenkrater seinen eigenthümlichen Charakter. Alle Stadien dieser
Umwandlung sind zu verfolgen, vom Beginn der Zersetzung bis zur Bildung von festen Thon-
steinen, und blendend weissen Kaolinmassen.
Durch die gleichzeitig als Beschlag sich ansetzenden Schwefelsublimationen wird ein Theil
des Eisengehalts dabei in Schwefelkies umgesetzt, der in kleinen Kryställchen, Octaedern und
Pentigondodekaedern, nicht selten das ganze Gestein durchschwärmt. Alle diese Umwandlungen
werden "unterstützt durch das Durchdringen mit Schwefelsäure, und ist in mehreren mitgebrachten
Handstücken der Gehalt an freier Schwefelsäure nicht unbedeutend, und noch heute, nach so
vielen Jahren sind an den 'poröseren Handstücken in kurzer Zeit die Etiketten immer zerstört.
Dabei bildet sich auch überall Gyps, der in Blättchen und Kryställchen in jeder noch so feinen
Spalte sich absetzt. Alaunbildungen kommen auch vor, dagegen wurden sie massenhaft nur in
den Ablagerungen des Sungi-pahit beobachtet.
Das ist die eine Seite der Umwandlung. Eine zwar nicht so intensive, aber immer noch
sehr bedeutende, wird’durch die Sublimation des Schwefels, der ‚alle Wände im Krater beschlägt,
verursacht. Er beschlägt aber nicht allein alle Wände, so dass selbst da, wo keine Umwand-
lung der dunkeln Laven durch ‘die sauren Dämpfe zu beobachten ist, die dunkle Farbe unter
dem gelben Schwefelbeschlag verschwindet, sondern er dringt auch in die Gesteine selbst ein,
dieselben metamorphosirend, oder auch Geröll und Sand zu festerem Gestein zusammen-
backend. Ihm verdanken vor allem die oben aufliegenden Sand- und Ascheschichten ihre gelbe
Färbung. Der Schwefel ‘dringt aber auch, wie bereits bemerkt, in die festen Gesteine selber
ein, vor allem die Feldspäthe metamorphosirend, umgebend und selbst verdrängend. Der
Gehalt an freiem Schwefel dieser Gesteine ist dann sehr ‚gross und wurde er an einem. Stücke
zu 31,8), bestimmt. Selbst die Poren mancher auf diese Weise in Zersetzung begriffener
Laven mögen, zum Theil: wenigstens, dem Eindringen des Schwefels in den Feldspath und
dessen -schliesslicher Verdrängung zuzuschreiben sein.
6. Der Gunung Raun.
i Der andere ‚heute noch thätige Vulkan der Idjen-Raun-Gruppe ist der. Gunung Raun,
der 10,830 Fuss rheinisch oder 3399 Meter hoch, nicht allein ‚der höchste ‚Gipfel der ‚ganzen
Gruppe, sondern-einer der höchsten Berge überhaupt auf Java ist, nur vom Slamat (10,914 Fuss
5.
J
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\
— 17 —
nach de Lange) und dem Smecu (11,878 Fuss nach Smits) übertroffen. Von welcher Seite
man dem Gunung Raun auch sich nähert, immer tritt: seine colossale Masse imposant hervor,
um so mehr, als ihm fast ununterbrochen Rauchwolken entsteigen; desto unbegreiflicher ist es,
dass er so lange unbeachtet blieb, wie er auf Raffle’s Karte ganz fehlt; auf älteren holländischen
Kartenskizzen figurirt er als Solferberg. Wie der Berg von Rogodjampi aus sich darstellt,
zeigt Tafel IV; wie von Norden her vom Meere aus die Skizze auf Tafel VII, Fig. 2. Er
ist ein mächtiger, abgestumpfter, oben zackiger Kegel, dessen Gipfel: über: die Waldgrenze
hinausragend kahl ist und gelblich, wie von Schwefel beschlagen, aus der Ferne erscheint.
Begreiflicher als das gänzliche Uebersehen dieses Berges ist, dass er so selten von Forschern besucht
wurde; rings von menschenleeren Waldwüsten umgeben, ist er: nur von der Nord-West-Seite
ersteigbar und: seine Besteigung eine wahre Expedition. Meines Wissens haben ihn nur zwei
Forscher bestiegen, die Herren Bosch und Junghuhn, auf: deren Berichte: ich verweise, da
auch mir. nicht: vergönnt war, ihn zu. besuchen. Hier hebe ich nur aus den Berichten dieser
beiden Besteiger: das hervor, was zum. Gesammtbild der Idjen-Raun-Gruppe unerlässlich ist.
Nach Junghuhn ist der Berg an seinen Aussengehängen von mächtigen Aschen-, Sand-
und Lapilli-Lagen bedeckt; in seinem oberen Theil wird: der Kegelberg sehr: steil mit 30 bis
35 Grad:eirca Böschung. Auf seinem Gipfel trägt er einen tiefen Kraterschlund, vielleicht den
tiefsten aller bekannten Vulkane; von: schroffen, zum Theil ganz senkrechten Wänden umgeben,
fällt er. steil ab zw ungeheurer. Tiefe, die Junghuhn zu. 2000. bis 2250 Fuss schätzt. Zackige,
nadelförmige Spitzen, aus verhärtetem Sand und. Asche aufgebaut, umgeben den Kraterrand,
der: oben: von elliptischer Form ist, mit grösstem Durchmesser von circa 20,000 Fuss und mit
kleinem: von circa 5700 Fuss, und dessen: zum Theil: senkrecht: abfallende Wände unten noch
einen Kraterboden freilassen, dessen Durchmesser: auf 1600- Fuss geschätzt wird. Dieser Krater-
boden: ist nach den eigenen Worten: Junghuhn’s »ein ziemlich runder, flacher. Centralgrund,
dessen fast überall söhlige: Beschaffenheit: auf vorhergegangene allgemeine Wasserbedeckungen
deutet; wovon. nur an einen Stelle ein nach Schätzung ein Paar Hundert Fuss breiter Sumpf
zurückgeblieben: ist; an zwei Stellen, nahe am Fusse der südöstlichen Mauer, dringen Dämpfe
hervor, deren zischendes Brausen nur‘ schwach heraufdringt, ohne von oben unterscheiden zu
können, ob auch, das Wasser. des kleinen, See’s. erhitzt: ist: und brodelt. Die Färbung des
wahrscheinlich, sehlammigen, von Dämpfen durchwühlten. Bodens: ist grau, weisslich-grau und
gelblich-grau, und. fast ebenso ist die, ungeheure. Schuttwandı ringsherum 'gefärbt, die sich oben
in. einen scharf ausgezackten Rand endigt, der wie. ein Kranz oder eine Krone, in eine Menge
ganz schnaler, nadelförmiger ‘Spitzen. zerrissen ist: Man-kann diese Sandnadeln am besten mit
a
umgekehrten Eiszacken vergleichen. Auf Java ist nirgends ‘etwas Aehnliches zu finden. Es
ist offenbar, dass diese Wand ihrer ganzen Länge nach, also auch der ganze obere Dom des
Gebirges in einer Mächtigkeit von wenigstens 2250 Fuss, aus einer losen Anhäufung von Asche,
Sand und kleinen Lavatrüämmern besteht, deren allgemeines, gelbliches oder bräunliches, hier
und da röthlich-melirtes Grau an den Stellen weisslich getüpfelt erscheint, wo dem Sande
zersetzte Felsentrümmer eingeknetet sind, die etwas hervorragen. Diese losen Auswurfstoffe
wechseln in verschiedenartigen parallelen Schichten von verschiedener Mächtigkeit und Färbung mit
einander ab und stellen sich dadurch als Produkte ebenso vieler verschiedner Ausbrüche dar; besonders
die südwestlichen und westlichen Theile der Wand sind sehr bunt gefärbt, mit einer vor-
herrschenden braunrothen Nüance und die grauen Sandschichten verschwinden dort: beinahe
in diesen schmutzig-rothen Lapillimassen, durch welche sich in verticalen Zwischenräumen von
30 bis 50 Fuss übereinander, viele schmälere und nur etwa 5 bis 10 Fuss mächtige, übrigens
vollkommen parallele, gelblich-hellrothe, orangenfarbene Streifen quer hindurchziehen.« (Vide
sein Java etc., Band I, Seite 631). So weit Junghuhn’s Worte, und ist somit der Berg in
seinem oberen Theile vornehmlich aus Sand, Asche und Lapillischichten aufgebaut, ganz ähn-
lich wie beim Idjen, nur unter colossaleren Verhältnissen; die Färbung der einzelnen Schichten
scheint aber etwas bunter zu sein als am Idjen, wo, wenn auch einzelne farbige Tinten vor-
kommen, im Ganzen doch die weissliche Farbe vorherrscht.
Zwischen den Sand-, Tuff- und Lapillischichten fand jedoch Junghuhn auch einige sich
auskeilende Bänke einer festen, hellgrauen Lava, die er Trachytlava nennt, in der Art, dass
sie auf den lockeren Schichten ruhen und von ihnen bedeckt sind. Daraus geht unzweifelhaft
hervor, dass der Raun abwechselnd Asche und Lapillimassen auswarf, abwechselnd auch ge-
flossene Lavaströme. Merkwürdig ist übrigens, dass Junghuhn eine dieser Lavabänke, die
sich im Verfolge im Sand auskeilte, an einer Seite des Berges, fast oben am Rande anstehend
fand, 25 Fuss circa mächtig und 30 Grad nach aussen abfallend. Das von senkrechten Rissen
zerklüftete Gestein fand er in lauter viereckige Stücke zerspalten. Das Liegende ist mit
Lapilli gemengter, grober Sand, der hauptsächlich aus Feldspath und Hornblendetheilchen
bestand. Junghuhn nennt das Gestein selbst eine graue, ziemlich feinkörnige Feldspath-
(Trachyt-) Lava, »die auch Hornblende enthält, aber keine Blasenräume hatte«. Es ist somit
wahrscheinlich dies Gestein zu den früher beschriebenen Andesit-Laven zu rechnen und trotz-
dem, dass Junghuhn den Hornblendegehalt hervorhebt, wohl zu den Augit-Andesiten. Unter
den Gesteinen, die Junghuhn sammelte und die im Reichsmuseum.in Leyden aufbewahrt werden,
befinden sich diese Augit-Andesite anscheinend nicht, dagegen werden angeführt vom Raun
|
— 19 —
zwei Handstücke doleritisch-basaltischer Laven (Nr. 281 und Nr. 282). Wenn nun bereits
oben, unweit unter dem Rande, einige Lavabänke sich finden, so darf es gewiss als unzweifel-
haft angenommen werden, dass weiter unten im Innern des Kraters wirkliche Lavagesteine
massenhaft anstehen; und gehören diese auch gewiss, zum Theil wenigstens, den von den
Aussengehängen des Raun früher beschriebenen, basaltisch-doleritischen Laven an. Diese
Ansicht hat um so mehr Berechtigung, als Junghuhn von scharfeckigen Steinfragmenten spricht,
die bis zu 5 Fuss Durchmesser in der erhärteten, hellgrauen Asche eingebettet vorkommen, und
von denen ein Theil aus hellgrauer Trachytlava bestehe, ein Theil aber auch »aus basaltischer,
sehr schwerer Lava, mehr oder weniger verschlackt, porös, viele auch zersetzt.« Auch bims-
steinartige Schlacken finden sich und zu Thonstein mit Alaun ‚umgewandelte Gesteinsbrocken,
ganz wie wir vom Idjen sie bereits kennen. Dass bei Ausbrüchen des Raun die im Krater-
schlund sich ansammelnden Wasser ebenfalls eine grosse Rolle spielen müssen, ist unzweifel-
haft, und Schlammströme müssen sich dann ergiessen, wie beim Idjen; dafür zeugen auch die
bis zu 150 Fuss mächtigen Tuffnassen, die nach Junghuhn die Aussengehänge des oberen
Berges bilden, sowie die im ersten Abschnitte bereits beschriebenen, vielfach vorhandenen
Paraslager der Ebene, die dem Raun entstammen.
Nach Junghuhn sind alle neueren Ausbrüche des Raun ganz unbekannt, und deshalb
ist ihm auch die totale Abwesenheit aller Vegetation auf seinem Gipfel, »desseu ganzes oberes
Aussengehänge, bis zu 2000 Fuss tief unter dem Rande herab, ebenso kahl und von Pflanzen
entblösst ist, als sein wüster Krater«, ganz unerklärlich. "Das ist ein Irrthum, indem eine
ganze Reihe von Ausbrüchen zu notiren sind.
Der am weitesten zurückliegende bekannte Ausbruch fällt gegen das Eude des 16. Jahr-
hunderts um 1586 herum. Andere Ausbrüche sind in Bosch’s mehrfach erwähnter Schrift
aufgezählt und zwar folgende:
Einer ums Jahr 1638, bei dem 7 Tage lang der Berg furchtbar dröhnte und das ganze
Land Erdbeben unterworfen war. Die Bäche versiegten anfänglich, dann aber kamen von den
Bergen ungeheure Massen von Wasser und Schlamm herab, die ganze entwurzelte Bambus-
gehölze und grosse Bäume, sowie Steine und Felsstücke mitbrachten; die Felder wurden mit
Sand und Schlamm bedeckt. Diese ungeheure Ueberschwemmung dehnte sich südlich bis zum
Flusse Stahil aus; die damals sehr zahlreiche Bevölkerung suchte sich auf die Höhen zu retten,
aber Tausende ertrauken und das Land wurde furchtbar verwüstet, nach Hageman damals
selbst Matjan-putih.
Ein anderer Ausbruch fand ums Jahr 1730 statt; auch damals furchtbare Ueberschwemmung
— u
mit starkem Fall von Asche, die den Boden einige, Fuss hoch bedeckte, so, bei Krikil. Auch
damals sind. viele Menschen umgekommen.
Ein. weiterer Ausbruch fand statt als de Harris Commandant war, im Jahre 1788, eben-
falls mit starkem Aschenregen. Dann ein kleiner, weniger bedeutend, als van Wilker Com-
mandant war, um 1800 bis 1808. 1812 wieder eine kleine Eruption mit viel Aschenregen
und Erderschütterungen, und 1815/16 eine grössere wit, Aschenregen und Ueberschwemmung,
wobei des Futtermangels wegen ein grosses Sterben unter dem Vieh ausbrach.
Diese Aufzeichnungen, die natürlich nur die bedeutendsten, neueren Ausbrüche notiren,
beweisen deutlich, dass bereits seit Jahrhunderten vom Raun bei seinen grossen Ausbrüchen
Schlammströme herabkamen. Da er aber beständig raucht, also immer einige Thätigkeit vor-
handen ist, so sind sicher eine Menge kleinerer, unbedeutender Ausbrüche vollständig unbeachtet
geblieben, was sehr erklärlich ist, da der Berg so ganz entfernt von bewohnten Gegenden liegt.
Es sind das die Eruptionen, bei denen der Aschenfall sich nur auf den Gipfel beschränkte und
wodurch der Mangel jeder Vegetation bis an 2000 Fuss von oben herab erklärt wird; schon
Junghuhn hat solche unbekannte Ausbrüche vermuthet.
Von den oben erwähnten, geschichtlichen Ausbrüchen ist der zuerst erwähnte von grosser
Wichtigkeit. Im Jahre 1586 fand auf Ost-Java ein furchtbar verheerender Ausbruch eines
Vulkans statt, der ungemeine Verwüstungen anrichtete und unter anderen die Stadt Panarukan
zerstörte. Unweit von Panarukan gegen Süd-West liegt die zackige Vulkanruine des Ringgit,
im Mittel 2500 Fuss hoch, der in seiner höchsten Spitze nach Smits 3900 Fuss erreicht.
Junghuhn, nach dem Vorgange von Valentijn, hat nun bekanntlich diesen Ausbruch dem jetzt
vollständig erloschenen Ringgit zugeschrieben, welcher Ausbruch seinen Zusammensturz ver-
anlasst und ihn »von 8000 Fuss Höhe auf 3000 Fuss redueirt habe«; und daraus hat er dann
weitere geologische Schlüsse im Allgemeinen für die Natur der Vulkane gezogen.
Bei meinem, allerdings nur flüchtigen Besuche, des Ringgit drängte sich. mir: nun, aus;
inneren Gründen die Ueberzeugung auf, dass, derselbe so spät nicht, erst eingestürzt und. er-
loschen sein könne, sondern dass er zu der Klasse der. javanischen, Vulkane. gehören müsse,
die längst-ausgebrannt sind und deren Thätigkeit in. vorbistorische Zeit fällt, Diese Ueber-
zeugung, an Ort und Stelle gewonnen, stand bei mir so fest, dass nur, historische Beweise für
den wirklichen Ausbruch des, Ringgit im Jahre, 1586 sie, hätten erschüttern. können, Ich
verglich deshalb auch die historischen Quellen, auf die Junghuhn sich beruft, und, fand, dass
alles auf den Seefahrer Cornelis Houtman zurückgehe, der im Jahre 1596-97 Ost-Java
She
besuchte. Die Prüfung der. Reisebeschreibung Houtman’s !) ergab des weitern, dass allerdings
im Jahr 1597 Houtman vom Berge »oberhalb Panarukan« spricht, »der vor 10 Jahren auf-
gebrochen ist mit grossem Schaden und Verlust an Menschen«. Soweit der Originalbericht,
nd alles vom Umkommen von 10,000 Mönschen, Fliegen der Steine bis nach Panarukan, sind
Zufügungen ‘späterer Herausgeber, ‘denen Houtman fremd ist. Auch drei Profilansichten des
sbreinenden 'Berges«, den Houtman rauchen sah, giebt derselbe; sie sind von seinem Schiffe
aus genommen 'und diese Profile entsprechen ganz den Ansichten des Raun vom Meere aus
gesehen, nicht 'aber denen des Ringgit.
So habe ich denn auch bereits in einer kleinen Arbeit (»Der erloschene Vulkan Ringgit
in Ost-Java und sein 'angeblicher Ausbruch 1586«, im neuen Jahrbuch für Mineralogie ete. von
Leonhard und Gemitz 1864) nachzuweisen gesucht, dass im Jahre 1586 der Ringgit nicht
ausgebrochen sein konnte, sondern ein südlicher gelegener Vulkan, aller Wahrscheinlichkeit
näch der Raun. Im 'Gänzen darauf verweisend, führe ich hier nur die inneren Gründe an,
die ‘mich von vornherein bestimmten, den Ringgit 'äls einen schon in vorhistorischer Zeit er-
löschenen Vulkan anzusehen.
Der Ringgit besteht aus einem basaltischen Lavagestein, das mächtige, kahle Zacken
ünd Felsgräte bildet. Professor 'Rosenbusch hat von einem von mir mitgebrachten Handstücke
Schliffe gefertigt und microscopisch untersucht und darin gefunden Augit, Magnetit, Olivin und
nur spärlich nicht näher bestimmbaren Feldspath, in reichlich vorhändener, wasserheller, zum
Theil glasiger 'Grundmasse; somit vollkommenes Basaltgestein. Es besteht somit der Ringgit
aus (denselben basaltischen und doleritischen Laven, die so viele, namentlich 'erloschene Vulkane
Java’s bilden. Dagegen fehlen ihm, so zu sagen, gänzlich die Produkte der heutigen Vulkanthätigkeit
auf Java, die mächtigen Tuffmassen, die colossalen Aschen-, Sand- und Lapillischichten. Schon
vielfich wurde bemerkt, dass in historischer Zeit die Vulkane Java’s keine Lavaströme mehr
entsendet haben, sondern nur Steintrümmerströme und vorzugsweise Asche-, Sand- und Lapilli-
massen, und so liegt denn im Fehlen dieser letzten Produkte schon der Grund, den Ringgit
als einen nur in 'vorhistorischer Zeit thätigen Vulkan anzusehen, ganz wie den Buluran und so
manche anderen erloschenen Vulkane Java’.
Für die Ansicht, dass der im Jahre 1586 ausgebrochene Berg der Ringgit gewesen sei,
führt 'Junghuhn nach Valentijn’s Vorgang Houtman’s Zeugniss an, bemerkend, dass 'öhne
1) ‚vide: Deutsche Ausgabe des Indiae orientalis, III. Theil, 2. Abtheilung, begreifend: der-Holländer
Schifffahrt in den orientalischen Insulen, Javan und Sumatra ete., übersetzt von den Gebrüdern de Bry,
gedruckt zu Frankfurt am Mayn durch Math. Becker 1599.
u
dieses keine Kunde der Katastrophe sich erhalten hätte. Die drei Profilansichten, die Houtman
giebt von dem 1597 noch rauchenden Vulkan, weisen aber alle auf das Bestimmteste auf den
Raun. Profil 1 (die Profile sind in Junghuhn’s Werke abgebildet), von Nord-Ost der Balistrasse
aufgenommen, giebt die Ansicht im Ganzen so, wie sie auf Tafel VII, Fig. 2 sich findet und
die von mir gezeichnet wurde bei der Ueberfahrt nach Madura: vorn das niedrige Hügelland
am Meer, darüber die Kendang-Gebirge, überragt vom Suckett, dem Zwillingsbruder des
Raun, und darüber endlich der rauchende Raun selbst. Profil 2, von der Mitte der Balistrasse
aus genommen, unweit der Stadt Blambangan, bezeichnet den Raun als brennenden Berg. so
deutlich, dass selbst bei Junghuhn kein Zweifel darüber besteht, dass in dieser Ansicht der
Raun gemeint sei, als der Berg, aus dem die Rauchsäule aufstieg; ebenso Profil 3, vom Süden
der Balistrasse aus gesehen. Junghuhn nimmt nun aber an, der Ringgit werde von dem vor-
liegenden Raun gedeckt und so sei es gekommen, dass die aus dem Ringgit aufsteigende
Rauchsäule irrthümlich als vom Raun aus aufsteigend gezeichnet wurde. Das ist aber ganz
unmöglich. Nach den genauen Karten fiele im Profil 2 der Ringgit hinter den Ranteh zu
‚liegen, im Profil 3 hinter den Pendill; niemals aber würde der Raun den Ringgit decken
können. In Profil 2 ist der Abstand von Houtman’s Schiff vom Ringgit circa 60
Bogenminuten (Meilen) und vom dazwischen liegenden 8500 Fuss hohen Ranteh ungefähr
24 Meilen; bei Profil 3 ist der Abstand vom Ringgit an 92 Meilen, von dem 7500 Fuss hohen
Pendill an 57 Meilen. Mit Berücksichtigung der Erdkrümmung hätte bei Profil 2, über den
höchsten Punkt des jetzigen Ringgit (3900 Fuss) sich noch eine Rauchsäule von 19,660 Fuss,
bei Profil 3, eine solche von 14,700 Fuss erheben müssen (absolute Höhe der Rauchsäule über
dem Meere 23,560 Fuss und 18,600 Fuss), um eben nur von Houtman gesehen werden zu
können, während Houtman doch sagt: »Wir sahen erschrecklichen Rauch, worüber wir uns
sehr verwunderten,« also die Rauchsäule noch um Vieles höher aufgestiegen sein müsste,
Wenn nun auch während grosser Eruptionen Rauchsäulen von 20,000 Fuss und mehr aus einem
Vulkane aufsteigen können, so ist es doch rein unmöglich, dass 11 Jahre nach der Haupt-
Eruption noch eine solche colossale Rauchsäule aufgestiegen sein sollte... Somit ist unzweifel-
haft, dass Houtman den rauchenden Raun gesehen und gezeichnet hat.
Der beste Kenner der javanischen Geschichte, namentlich der Ost-Java’s, ist Herr
J. Hageman in Surabaya, und. auch er hatte sich der Ansicht Junghuhn’s angeschlossen, so
dass er in einer vom November 1864 datirten Abhandlung (Nader onderzock over de uitbarsting
der oostelijke Vulkanen op Java in 1586, abgedruckt in Naturkundige tijdsrift XXVIO) vom
historischen Standpunkte daran festhält, der Ringgit sei der ausbrechende Berg gewesen, sich
= .418
jedoch vorbehaltend, weitere historische Untersuchungen anzustellen. Das hat er auch gethan
und in einer weiteren kleinen Arbeit, datirt 10. April 1866, theilte er bereits mit, dass
die Vergleichung der Originalquellen im Reichsarchiv von Leyden, vorgenommen von Herrn
de Jonge, das Resultat ergeben hätte, dass in die ursprünglichen Berichte Houtman’s durch
Valentijn vieler Wirrwarr nachträglich gekommen sei, und dass sich des Ferneren ergebe, dass
Houtman als »brennenden Berg« den Raun sah und keinesfalls den Ringgit. Am Schlusse
seiner Arbeit fügt dann Hageman bei, dass er nun auch mit mir annehmen müsse, der Raun
habe zu jener Zeit einen Ausbruch gehabt, wobei er aber noch den Vorbehalt macht, es sei
zu untersuchen, ob nicht gleichzeitig der Ringgit seine Schlusskatastrophe erlitten habe.
Nach alle dem scheint die Frage, ob der Ringgit 1586 ausbrach, im negativen Sinne
entschieden zu sein, und muss man dann weiter als sicher annehmen, dass es der Vulkan Raun
war, dessen Schlammassen und Aschenfälle bis Panarukan verwüstend sich erstreckten. Dass
aber bei einem so mächtigen Ausbruch, wie dieser es war, dies der Fall sein konnte, trotzdem
dass die Entfernung vom Raun nach Panarukan circa 28 Seemeilen beträgt, darf nicht be-
zweifelt werden. Einmal befindet sich zwischen dem Raun und dem Meere bei Panarukan
kein Hinderniss, das solche Schlammströme hätte aufhalten oder ablenken können, und dann
ist der Nordstrand bei Panarukan nicht weiter entfernt als der Südstrand, bis wohin, wie wir
gesehen haben, die verwüstenden Ausbrüche des Raun reichen. Mit dem Ausbruche des
Ringgit im Jahre 1586 fallen aber dann auch alle die Folgerungen, die Junghuhn daran
knüpft, so vor allen das Zusammenbrechen des ungeheuerlichen Kegels, wie er ihn in seinem
Werke auf der Tafel Ringgit, Figur 2, als vor dem Ausbruche existirend gezeichnet hat.
7. Die Vulkangruppe des Idjen-Raun in ihrer Totalität, — Schlussbetrachtungen,
Nachdem wir die beiden heute noch thätigen Vulkanberge der Idjen-Raun-Gruppe
kennen lernten und zugleich sahen, dass eine ganze Kette erloschener Vulkankegel sich an sie
reiht, können wir diese ganze Gruppe, die ein ungeheures Ringgebirge um ein ausgedehntes
Hochland bildet, in ihrer Gesammtheit betrachten, wobei ich auf die auf Tafel VIII gegebenen
Durchschnitte und die Karte verweise. Doch ehe ich des Näheren darauf eingehe, gebe ich
in Folgendem die Zusammenstellung der Höhen dieser Gruppe, wie sie theils im »Almanac voor
Neerlands Indie« enthalten sind, theils in den verschiedenen Publikationen von Junghuhn und
Zollinger sich finden. Die von Zollinger und mir gemeinschaftlich mit dem Kochthermometer
15
Abhandl. d. Senckenb. naturf. Gesellsch. Bd. IX.
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Ka
beobachteten Höhen von Litjin, Djaga-Ambenda, Banju-Linu und Ungup-Ungup sind neu be-
rechnet und nach dem Stande des Fastr6e’schen Kochthermometers, das am Meeresstrande 434
Nummern zeigte, rectifieirt. Diese Beobachtungen sind in der Zusammenstellung mit 8. Z.
bezeichnet. Die früheren Beobachtungen Zollinger’s sind mit Zoll., die Junghuhn’s mit Jgh.,
e von Melvill v. Cornbee mit Mel., sowie die von van der Wijck mit W., und die von Smits
mit Sm. bezeichnet. Alle Höhen sind auf Meter reducirt und zugleich in rheinischen Fussen
angegeben. B bedeutet Barometerbeobachtungen, K solche mit dem Kochthermometer, T tri-
gonometrische.
| Rhein. Fuss | Meter. |
Suoleumadlie so a ee ee en era en 265 83,18 zul B.
il a ee 275 87.32 il B.
Da ee San Sn) Do, a ran | ash 420,28 |S.Z.K.
1 ae ea a 1357 425,83 | Zoll. B.
Djaga-Ambenda‘. 7... tn... eu 2036 639,20. 18. 2.K.
BRUNEI a a 4495 1410,67...8, 2,.K
UneuD-UNgUp ne ee er 5764 1809,00 |8. 2. K.
dto. Ba ee ee Rat Mh 5819 1826,35 |Jgh. B.
Kawah Widodarin (höchster Punkt SSW.) . - 7518 2359,67 | Jgh. B.
dto. Be Re EN Eger 332 BORICHE 7468 2343,78 | Zoll. K.
dto, ME DL EIE Paar te an -aler. 7879 2376,49 |W. T.
Sungi-pahit (Wasserfall) . 5329 1672,72» Jgh..B:
Merapi, Spitze . 9725 3052,18 | Zoll. K.
.
dto. „1.8919 2800,56 - T
dto, ß | 8874 2784,02 | Sm. T.
Ranteh = 8282 2590,31 | Mel. T.
5 Vrtmenten BOBb Bern u Sie gung 0 are T
RE EN | 2349,16 | Mel. T
a ei a EN a ga ET Ko T
dto. BE ee uU Ur0) 3380,16. | Sm. T
dto. _Nordrand, 50 Fuss unter dem Krater-
ee he Re Ber ie
9884 | 3102,19
— 1 —
Diesen Höhen füge ich noch zur Vervollständigung bei die nicht zum Idjen-Raun-System
gehörenden, aber mehrfach in dieser Arbeit erwähnten Punkte:
| bein. en nun. Meter. |
4204 1319,42 | Mel. T.
|
dto. niederer Punkt |
695 | 197,50 | Zoll. B.
Passhöhe am Buluran Tal Gending .
120,83 | Zoll. K.
Buluran, höchster Punkt, genannt Klossot . = 4750 1490,78 | Zoll. K.
“ 385
Gunung Ickan (Sembalungan) .
Aus den beiden Profilen auf Tafel VIIL, sowie der Karte Tafel I, ist der schon mehrfach
erwähnte Totalcharakter der Idjen-Raun-Gruppe deutlich ersichtlich. Direct aus der Strand-
ebene am Meer aufsteigend erheben sich bis über 10,000 Fuss Höhe mächtige erloschene und
thätige Vulkane, colossale Kegelberge, die sich im weiten Kranze aneinanderreihen, ein un-
geheures Ringsebirge bildend, das in seinem Inneren ein weites Hochland trägt, ein Ringgebirg
so colossal, dass man unwillkürlich an die Ringgebirge des Mondes erinnert wird. Sein grösster
Durchmesser von Gebirgsrand zu Gebirgsrand, in der Richtung von WSW. nach ONO., ist
mindestens 25,000 Meter oder in runder Summe 3". deutsche Meilen lang, der kleinste Durch-
messer von SO. nach NW., ebenfalls von Gebirgsrand zu Gebirgsrand gemessen, gut 12,000 Meter
oder 1', deutsche Meilen mindestens. Das sind Verhältnisse, die wohl von keinem anderen
bis jetzt bekannten vulkanischen Ringgebirge übertroffen werden.
Nach Hartung, Reiss und v. Fritsch sind die Durchmesser des Ringgebirges am Pic de
Teyde auf Tenerife 20,000 auf 14,000 Meter (Tenerife, geologisch-topographisch dargestellt.
Winterthur 1867), von Santorin (Fritsch, Zeitschrift der deutschen geologischen Gesellschaft,
1871), 11,100 auf 7400; die Durchmesser des Albanergebirgs nach vom Rath 11,100 auf
10,200 Meter. Es übertrifft somit das Ringgebirg der Idjen-Raun-Gruppe selbst bedeutend die
Dimensionen von Tenerife. Noch colossaler werden die Dimensionen, wenn man nicht von
Gebirgsrand zu Gebirgsrand misst, sondern den ganzen äusseren Fuss des Ringgebirges mit-
begreift. Da ergiebt sich, dass mit Ausnahme der sedimentären Halbinsel Proa und des
seitlich liegenden erloschenen Buluran, nicht allein die ganze Provinz Banjuwangi, sondern
noch ein grosser Theil der Provinzen von Panarukan und Bondowosso dem Idjen-Raun-System
angehört, das, wie wir gesehen, seine Lava- und Parasströme einerseits bis zur Bali- und
und östlich bis in die Bondowosso-Ebene
Madurastrasse, andererseits bis zur Südsee sendet,
(
%
lo
reicht, und können wir in runder Summe dafür gut 45 Bogenminuten (Seemeilen) Längsdurch-
messer von N. nach S. und 30 Bogenminuten Durchmesser von O. nach W. ansetzen, ohne
nur irgend zu hoch zu greifen; das giebt eine Fläche von 1350 Quadrat-Bogenminuten
(Quadrat-Seemeilen) oder an 83 deutsche Quadratmeilen, eine Zahl die eher zu nieder als zu
hoch gegriffen sein möchte, welcher ganze Landstrich ganz ausschliesslich dem Idjen-Raun-
Systeme angehört.
Betrachten wir das eigentliche Ringgebirge näher, so sehen wir, dass das innere Hoch-
land auf drei Seiten von den hohen Vulkanen umgeben ist, die sich in ununterbrochener Folge
hart aneinander reihen, vom Kukusan, über Idjen Merapi, Ranteh, Pendill bis zum
Raun und Suckett. Nur im nördlichen Theile fehlen diese Kegelberge und ist dort das
Hochland abgeschlossen durch den verhältnissmässig niederen, langgestreckten Rücken des
Gunung Kendang, durch den die Wasser des Hochlandes in der engen Sungi-pahit-Spalte
ihren Abfluss haben. In dem ebenfalls aus vulkanischem Gestein bestehenden Kendangrücken
kennt man bis jetzt keine erloschenen Vulkankegel.
Wie ist nun die Bildung dieses colossalen Ringgebirges mit dem eingeschlossenen Hoch-
lande zu erklären? Trotz des abschliessenden Kendang-Rückens glaube ich, muss man das
ganze, von den verschiedenen Bergen circusartig umgebene Hochland, einfach als intercollinen
Raum auffassen.
ß
Die weitaus grösste Mehrheit der vielen Vulkane Java’s, thätige wie erloschene, liegen
so zu sagen auf einer von Ost nach West ziehenden Spalte, auf der sie aufgestiegen sind und
ihre Eruptionskegel sich aufgebaut haben. Es hat dies für ganz Java seine unbestreitbare
Richtigkeit: in Ost-Java liegen auf dieser Hauptspaltenrichtung, von Osten an beginnend, die
Vulkane Idjen-Raun, Ajang, Lamongan, Tengger, Kawi und Klut, alle, mit einziger
Ausnahme des Kawi, heute noch mehr oder minder entzündete Vulkane. Diese Hauptspalte
wird aber viefach durchkreuzt von Querspalten, die in süd-nördlicher Richtung sich erstrecken
und auf denen ebenfalls Vulkane aufgestiegen sind, so zwar, dass fast jede der grossen Vulkan-
gruppen in nördlicher oder südlicher Richtung andere Vulkankegel vor sich liegen hat. So
liegt nördlich vom Idjen-Raun der erloschene Buluran, ebenfalls nördlich vom Ajang der
gleichfalls erloschene Ringgit, südlich vom Tengger der noch thätige Smeru, der zugleich
Java’s höchster Berg ist, und so weiter.
. Betrachten wir die einzelnen thätigen wie erloschenen Vulkankegel der Idjen-Raun-
Gruppe in Bezug auf ihre Lage, so finden wir, dass naturgemäss sie sich auf der Durch-
kreuzung dieser beiden Spaltenrichtungen gruppiren. Auf diesen haben sie ihre Eruptions-
— 117 —
kegel aufgebaut, dabei durch ihre Eruptionsprodukte stetig sich erhöhend und vergrössernd. x
So sind sie nach und nach zusammengewachsen zu zwei Reihen zusammenhängender Kegel-
berge, mit intercollinem, nach Norden geöffnetem Raume dazwischen. Auch dieser intercolline
Raum wurde mit der Zeit durch die Auswurfsprodukte der thätigen Vulkane erhöht, wobei
man nicht ausser Acht lassen darf, dass zu gleicher Zeit eine langsame säkulare Hebung des
ganzen Gebirgssystems stattgefunden hat. Diese letztere bewirkte, dass die im intercollinen
Raum sich sammelnden und nordwärts dem Meere zufliessenden Wasser sich allmälig in die
lockeren Auswurfsprodukte mehr und mehr einschnitten, worin das erste Beginnen der Bildung
der Kendang-Spalte zu suchen ist. Zu jener Zeit muss somit bis zur Höhe des Kendangrückens,
der aber damals lange nicht die Höhe erreichte, wie heute, der fortdauernden säkularen i
Hebungen wegen, der ganze intercolline Raum zwischen den hohen Bergketten gleichmässig
ausgefüllt gewesen sein, so zu sagen eine nach Norden geneigte Ebene gebildet haben.
Das ist heute anders und liegt das Hochland Gending-walu jetzt viel tiefer als dieser
Kendang-Rücken, der nur unterbrochen von der Kendang-Spalte, die Hochebene nach innen
zu mauerartig abschliesst. Wir haben nun früher gesehen, dass auch in der Hochebene Gending-
walu vielfach die Spuren vulkanischer Thätigkeit zu finden sind; kleine erloschene Krater sind
vielfach vorhanden, Krater, die man als Explosionskrater ansehen muss. So haben mehrfache |
Explosionen den Grund zur Erniedrigung des Hochlandes gelegt, und die Erosion hat dann
das Ihre gethan in den lockeren vulkanischen Gebilden, die meist aus Sand- und Aschenmassen
bestehen. Dass sich aber dabei nicht eine nach Norden offene, sonst aber ringsum hufeisen-
förmig von hohen Bergen umgebene Caldera bildete, sondern dass auch im Norden abschliessend |
der Kendangrücken stehen blieb, findet seine Erklärung grade in den säkularen Hebungen des
Bodens, wodurch die bei den Explosionen intact gebliebenen Theile des alten höheren Terrains
als Rand stehen blieben, der durch die Wirkungen der säkularen Hebungen stetig sich hebend,
an seiner Innenseite durch Abbröckelung die mauerartige Form annahm; während ebenso
in dem bereits tief eingeschnittenen Abfluss des Sungi-pahit, die Wasser mit dem Aufsteigen
des ganzen Gebirgssystems sich immer tiefer einschnitten, die heutige Kendangspalte bildend,
und grade durch diese Spalte die von den Wirkungen ‘der Erosion weggeführten lockeren
Massen des inneren Hochlandes hinab ins Flächland geführt wurden. Naturgemäss muss im
Lauf der Zeiten das innere Hochland von Gending-walu durch die Erosion nach und nach
immer mehr erniedrigt werden, während die Kendangspalte bei der heute noch fortdauernden
säkularen Hebung sich ebenso allmälig immer tiefer einschneiden muss. i
So sehen wir denn am Idjen-Raun-Systeme ausser den vulkanischen Kräften noch die
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mächtigen Wirkungen der Erosion thätig, in einem Maasse, wie Hartung, Reiss und v. Fritsch
sie von den Canarischen Inseln schildern, mit dem Unterschied jedoch, dass bei der fort-
währenden Wirkung der säkularen Hebungen unter dem stehengebliebenen Kendang-Rücken
das Hochland Gending-walu sich ausweitete, ganz ähnlich wie man im italienischen Appennin
so häufig sieht, dass oberhalb der Thalsperren, welche die herabkommenden Flüsse in engen
Spalten durchbrochen haben, sich in Folge der Erosion und des langsamen Ansteigens des Bodens,
weite Thalbecken gebildet haben, die grade durch diese engen Spalten entwässert werden.)
!) Nachträgliche Bemerkung. Unvorhergesehene Umstände, veranlasst hauptsächlich durch
meinen fernen Wohnsitz in Sicilien, sind die Ursache, dass meine vorstehende Arbeit, die bereits 1870 druck-
reif dalag, erst jetzt zum Abdrucke kommt. Darin liegt auch der Grund, dass Herın Professor Rosenbusch’s
Abhandlung, die Resultate seiner microscopischen Untersuchungen der mitgebrachten Gesteine enthaltend, sich
nicht, wie beabsichtigt war, unmittelbar hier anschliesst, da sie seitdem anderwärts veröffentlicht wurde. Auf diese
schöne Arbeit: „Ueber einige vulkanische Gesteine von Java“ von Prof. Dr. H. Rosenbusch,
abgedruckt in den Berichten der naturforschenden Gesellschaft zu Freiburg im Breisgau, 1872, verweise ich
hiermit schliesslich.
Girgenti, im August 1873. Emil Stöhr.
Verzeichniss der Tafeln.
Karte der Provinz Banjuwangi.
Verschiedene Seitenansichten des Buluran.
Ansicht des erloschenen Vulkans Buluran.
Die Idjen-Raun-Kette von Banjuwangi aus gesehen.
Ansicht des Widodarin-Kraters am Idjen.
Profile vom Widodarin-Krater.
Profil des Idjen-Merapi. — Die Kendangspalte.
Generalprofil der Vulkangruppe Idjen-Raun.
Seite 15.
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21.
102.
102.
112.
Berichtigungen.
Zeile 11 von unten lies er statt es.
Zeile 16 von unten lies Kokos statt Cocos.
Zeile 9 von unten lies innern statt innen.
Zeile 3 von unten lies was statt das.
Zeile 3 von unten lies giengen statt gingen.
Zeile 6 von unten lies kleinern statt Kerne.
Zeile 12 von oben lies glatte statt platte.
Zeile 3 von unten lies Heiden statt Hinden.
Zeile 7 von oben lies Sam payan statt Sambayan.
Zeile 2 und 3 von oben lies Feldspathleistchen statt Feldspäthleistchen.
Zeile 16 von unten lies IV statt 4.
Zeile 3 von oben lies sich statt sish.
Zeile 9 von unten lies Wiro-Guno anstatt Wico-Guno.
Zeile 6 von unten ist frische zu streichen.
Zeile 17 von oben lies in einem unterirdischen Gewölbe statt in ein unterirdisches Gewölbe.
Zeile 14 von unten lies ein relativ nicht intensiver, statt ein relativ, nicht intensiv.
Zeile 10 von oben lies und steigen starke Feuermassen statt Steigen starker Feuermassen.
Zeile 3 von oben lies Kokosbaumes anstatt Cocosbaumes.
Zeile 6 von oben ist jetzt zu streichen.
Zeile 12 von unten lies schwam men, wie denn statt schwammen; von denen.
Zeile 10 von unten lies weit anstatt viel.
Zeile 4 von oben ist der Strichpunkt ; in ein Comma zu ändern.
Zeile 1 von oben lies von Professor Rosenbusch statt Professor von Rosenbusch.
Zeile 10 von unten lies meist statt weiss. ö
Zeile 6 von unten lies Fluidalstructur, statt Fluidalstruction.
Zeile 14 von unten lies Microlithen von statt Microlitten vor.
Zeile 5 von unten lies das Wasser statt im Wasser.
Zeile 6 von oben lies Pentagondodekaedern statt Pentigondodekaedern.
Zeile 1 von oben lies Smeru statt Smecu.
Zeile 6 von oben lies wie vom Norden her, vom Meere aus, die Skizze,
Zeile 6 von oben lies das Kendang Gebirge anstatt die Kendang-Gebirge.
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. Von Litjin über Ungup-Ungup nach der Kendang Spalte. Aussicht gen Ost
Marocco und von den canarischen Inseln
von
Dr. phil. Oskar Böttger.
Reptilien von
I. Uebersicht
der von den Herren Dr. C. von Fritsch und Dr. J. J. Rein im Jahre 1872 in
Marocco gesammelten Reptilien.
(Mit 1 Tafel.)
Die ersten und zahlreichsten Nachrichten, welche wir von der Reptilienfauna Marocco’s
erhalten haben, verdanken wir Hrn. P. Gervais, der 1836 in den Ann. d. seienc. nat., II. Ser.,
tom. VI, Zoologie, Paris, S. 308-313 ein Verzeichniss der Arten veröffentlichte, die er von
Hrn. Fortung Eydoux, der als Chirurgien-major der Fregatte La Victoire Tanger besuchte,
zugeschickt bekommen hatte. Es sind von hier, nach Berichtigung zweier Versehen (Trogonophis
Wiegmanni Kaup = Amphisbaena elegans Gerv. und Coronella girondiea Daud. sp. = Coluber
austriacus L. Gerv. des Verzeichnisses von 1836) durch ein von demselben im Jahre 1848 in
den Ann. d. sciene. nat., II. Ser., tom. X, Zoologie, Paris, S. 204 und 205 veröffentlichtes
Verzeichniss nordafrikanischer Reptilien und Amphibien, folgende 8 Arten namentlich an-
geführt worden:
1. Ohamaeleo einereus Aldrov. — vulgaris L. bei Gervais,
2. Platydactylus mauritanicus L. sp. —= muralis bei Gervais,
3. Gongylus ocellatus Forsk. Sp.,
4. Blanus einereus Vand. sp. = Amphisbaena einerea Vand. bei Gervais,
5. Trogonophis Wiegmanni Kaup
g Y >
6. Coronella girondica Daud. sp. = Coluber girondieus bei Gervais,
7. Tropidonotus viperinus Latr. sp. = Coluber viperinus L. bei Gervais und
8. Zamenis hippocrepis I. sp. = Coluber hippocrepis L. bei Gervais.
Abhandl. d. Senekenb. naturf. Ges. Bd. IX. 16
— 12 —
Eine von den obengenannten um Tanger vorkommenden Arten, Trogonophis Wiegmanni
Kaup, wird auch bei Gervais (a. a. O., II. Ser., tom. VI, S. 311) von den Zafaranen, kleinen
Inseln an der Nordküste von Marocco angegeben, von wo sie, wie auch Dum£ril und Bibron
(Erpetolog. gener., tom. V, 1839, S. 472) erwähnen, ein Herr Bravais, Naturforscher und
französischer Marineofficier, mit nach Paris gebracht hatte.
Dum£ril und Bibron fügen 1839 zu diesem Verzeichnisse noch (a. a. O., $. 276) den
vom französischen Consul in Mogador aus der dortigen Gegend eingeschickten
9. Acanthodactylus lineomaculatus Dum. Bibr.
und Dr. A. Günther (Troschel’s Archiv f. Naturgesch., Jahrg. 28, 1, Berlin, $. 48) 1862 noch
10. Coronella brevis Günth. von Mogador.
Diese zehn Arten sind meines Wissens die einzigen bis jetzt aus Maroeco bekannt ge-
wordenen Reptilien.
Hr. Emil Buck, Custos der herpetologischen Section am Senckenberg’schen Museum, hatte
sich der Mühe unterzogen gehabt, einzelne der von den Herren Dr. von Fritsch und Dr. Rein
gesammelten Arten zu bestimmen und mit Etiquette zu versehen. Es waren dies:
Agama colonorum Daud. typ. und subsp. Fritschi Buck von Marocco und
Platydactylus mauritamieus L. g' von Tanger.
Ebenso hatte Hr. Dr. C. Koch in Wiesbaden den einzigen, weiter unten angeführten, in
Marocco gefundenen Batrachier bereits richtig als Rana viridis Laur. — esculenta L. bestimmt
gehabt, als mir von den Herren Dr. von Fritsch und Dr. Rein der Auftrag wurde, Ihre ge-,
sammte Ausbeute an Reptilien und Amphibien aus Maroceo und von den Canaren zu bearbeiten.
Sämmtliche Exemplare der in den folgenden Blättern genannten Arten von Marocco
befinden sich in den Sammlungen der Senckenberg’schen naturforschenden Gesellschaft.
—- 133 —
Aus Marocco,
I. Reptilia:
HOT OR TON
1. Fam. Testudinidae.
1. Testudo pusilla Shaw. (Gen. zool., Bd. II, S. 53) = ibera Pallas (bei Eichwald,
‚Fauna caspio-caucasia, St.-Petersburg 1841, S. 47, Taf. 5 und 6) = mauritanica Dum. Bibr.
(Erpe6tolog. gener., Bd. II, 1835, S. 44).
Drei schöne Exemplare dieser in Marocco ausserordentlich häufigen Landschildkröte wurden
von den Reisenden bei Casa blanca (Dar el beida) gesammelt. Die beiden kleineren Stücke
liegen mir lebend vor.
Die Diagnose bei Dume6ril und Bibron (a. o. a. O.) stimmt bis: auf Kleinigkeiten in der
Färbung fast vollkommen mit unseren zwei kleinsten Exemplaren überein; bei Vergleichung
mit der eingehenderen Beschreibung daselbst ergeben sich aber für das grössere Stück einige
nicht unerhebliche Abweichungen. So treten die Ränder des ersten bis inclusive des vierten
und die des achten bis inclusive des elften Marginalschildes bei ihm nach hinten etwas aus
dem Ovale des allgemeinen Körperumrisses heraus, so dass sie eine schwache Zähnelung des
vorderen Seitenrandes und des Hinterrandes bedingen. Dann ist das Nuchale hinten fast genau
so breit wie vorn und fast dreimal so lang als breit. Die erste Vertebralplatte ist bei dem
grössten unserer Exemplare länger als breit, unregelmässig sechseckig; ihre an die Costal-
platten anstossenden Ränder sind gerade so lang als ihr Hinterrand, während die an die erste
fünfeckige Marginalplatte stossenden Ränder nur halb so lang erscheinen. Von letzterer ist
der an das Nuchale anstossende Rand der kleinste, dann folgt der Grösse nach die Seite,
welche an das erste Vertebrale stösst, dann erst die, welche das erste Costale berührt. Die
Collaren des Brustschilds sind so innig verbunden, dass sie zu einer relativ kleinen, dreieckigen,
einem Schieferdeckerhammer ähnlichen Platte vereinigt erscheinen.
Sehr bemerkenswerth ist weiter, dass das mittelgrosse Stück, dessen Panzer überhaupt
- Mi -
in pathologischer Beziehung interessant ist, wie Test. graeca L. ein deutlich getheiltes
Supracaudale besitzt. Die Schwanzspitze ist aber bei allen Exemplaren eine auf ihrer unteren
Seite mit einer Längsfurche versehene, hornige Papille. Die Kiefer haben nur bei dem ältesten
Stücke schwache Zähnelung; der Unterkiefer aber ist bei allen in eine schwache Spitze vor-
gezogen.
Die Färbung des Rückenpanzers ist hellgelb mit schwarzer Zeichnung. Sämmtliche
Marginalschilder zeigen bis auf das ganz gelb gefärbte Nuchale und das fast ganz schwarze,
nur an seinem Hinterrande gelb gezeichnete Supracaudale an ihrem Vorderrande je einen
nach dem Aussenrande sich verbreiternden, dreieckigen, schwarzen Fleck. Sämmtliche Vertebralen
— bei dem grössten Exemplare mit Ausnahme der zwei letzten, welche auf allen Seiten
schwarz umsäumt sind — zeigen bis auf den hellen Hinterrand breite schwarze Säume. Die
Costalen haben nach vornen einen ebenso breiten schwarzen Rand; überall da aber, wo sie
die Marginalschilder berühren, zeigen sie in höherem Alter deutlicher werdende, unregel-
mässige, radial gestellte Streifen. Die Areolen sind gelb, aber stets mit einem grossen oder
ein Paar kleinen schwarzen Fleckchen geziert.
Der Brustpanzer hat eine weissgelbe Farbe, und jede Platte desselben ist, gewöhnlich
mit Ausnahme der Collaren und manchmal auch der Humeralen, mit je einer, selten grösseren,
vom Hinterrand des Schildes’ ausgehenden, wie nach der Mittellinie und nach oben hin gespritzt
erscheinenden, schwarzen Makel versehen.
Der Kopf zeigt eine mehr oder weniger deutliche, schön eitrongelbe, vom vorderen
Augenwinkel nach hinten ziehende, auf dem Frontale sich vereinigende, mit der Spitze nach
hinten gestellte Vförmige Binde, sowie einen grünlich-gelben Fleck auf der unteren Seite des
Tympanale. Ein breiter Fleck unterhalb der Nasenöffnungen auf dem Oberkiefer, sowie der
ganze Unterkiefer mit Ausnahme eines mehr oder weniger deutlichen, sich links und rechts
an die Mitte der Kieferkante anlehnenden dunkeln Flecks ist schmutzig gelb gefärbt.
Zur Vergleichung stehen mir zwei dem Senckenberg’schen naturhistorischen Museum
durch Herrn Dr. Ed. Rüppell geschenkte, fälschlicherweise als marginata Schöpf. bestimmte,
mit IL A. ia und I. A. 1b bezeichnete, angeblich aus Sardinien und Sieilien stammende
Exemplare von pusilla Shaw. zu Gebote. Das eine ist ein blosser Panzer, der bis auf die
unbedeutend abweichende Färbung der Ventralplatte unseren kleineren Stücken sehr nahe
steht; das andre dagegen ist ein ausgestopftes Thier, welches in manchen Stücken recht augen-
fällig von unseren maroccanischen Exemplaren abweicht. Vor allen Dingen muss ich bemerken,
dass dies Stück gerade so wie unsere sämmtlichen maroccanischen Exemplare jederseits auf den
Hinterschenkeln einen mässig grossen Horntuberkel trägt und also sicher in die Formenreihe
der pusilla Shaw gehört. Aber der Rückenpanzer ist hier vorn kaum ausgeschnitten, der
Brustpanzer nach hinten in der Mitte tief concav eingedrückt, wie bei dem .S' von campanulata
Walb. — marginata Schöpf.‘); die grossen Pflasterschuppen auf der Vorderseite der Vorder-
extremitäten sind viel stumpfer, der Schwanz erscheint länger und die Areolen sämmtlicher
Dorsalschilder sind glatt und etwas convex, ein, wie es scheint, blos durch das Alter bedingtes
Merkmal, welches nach Eichwald (Nouv. mem. d. l. soe. imp. d. nat. d. Moscou, tom. IX,
1851, 8. 414) für ibera Pallas aus dem Kaukasus charakteristisch sein soll, während die
Areolen bei den oben genannten vier Stücken deutlich gekörnelt erscheinen. Auch die Färbung
. dieses ausgestopften Exemplars stimmt sehr gut mit der Zeichnung von ibera Pall. bei Eich-
wald (Fauna caspio-caucasia, St.-Petersburg 1841, Taf. 5 und 6), die wohl sicher unter die
Synonyme von pusilla Shaw zu zählen sein wird.
Dass vorliegende Art von graeca L. durch eine ganze Reihe von Merkmalen, die auch
Strauch in seinem Essai d’une erp6tologie de l’Algerie (M&m. d. Pacad. imp. d. science. d. St.-
Petersbourg, VII. S6r., tom. IV, No. 7, 1861, 8. 15) ausdrücklich angiebt, sich unschwer
trennen lässt, kann ich aus eigner Erfahrung bestätigen; dass sich auch campanulata Walb.
—= marginata Schöpf., die von Dumeril und Bibron (a. a. O., S. 37 u. £.) als von langovaler
Form und ohne Horntuberkel an den Hinterschenkeln angegeben wird, durch diese Kennzeichen
scharf von ihr unterscheidet, versichert mich Hr. von Fischer noch ausdrücklich.
Als wichtigste Maasse führe ich folgende an:
1. Grösstes Exemplar:
Länge ıdes@Rückenpähzesiadt inkiod nl ea is Ts sh. sms ana 52 Meter;
> #3 Beitesidesselbensiontt noritisbnamn sk ah ep od
Höhe des Panzers in gerader, Linie. 2. 2 wma. 2.0 0. 20,0805 >
Länge des Brustpanzers in der Mittellinie. . . 222... en Er Mare
Lange cs Schwanzessche uıe. br Mei anne er ee ee OO
Länge des Seitenrandes, den die erste Marginalplatte mit dem Nuchale bildet 0,010 »
Länge des Seitenrandes, den sie mit dem ersten Verticale bildet . . . . 0,012 >»
Länge des Seitenrandes, den sie mit dem ersten Costale bildet . . . . 0,015 >»
1) Hr. J. von Fischer in Gotha, der gründlichste Kenner der Testudinen, theilt mir mit, dass die Aus-
höhlung des Sternums ein allgemeiner Charakter beim Männchen aller Landschildkröten sei, und dass hierin
T. pusilla Shaw keine Ausnahme mache.
— 126 —
Länge des Seitenrandes, den sie mit dem zweiten Marginale bildet
Freier Rand des ersten Marginale
Verhältniss von grösster Breite zur Länge wie 1 : 1,37,
Verhältniss von Höhe zur Länge des Rückenpanzers wie 1: 1,89.
2. Kleineres Exemplar mit deutlich getheiltem Supracaudale:
Grösste Länge des Rückenpanzers . . 0,0915 Meter,
Grösste Breite desselben . .". ..... 0,072 »
Höhe des Panzers in gerader Linie. . 0,047 »
Länge des Brustpanzers in der Mittellinie 0,0795 »
Länge des Schwanzs . . . 2.700085 >
Verhältniss von grösster Breite zur Länge wie 1 : 1,27,
Verhältniss von grösster Höhe zur Länge des Rückenpanzers wie 1:
3. Kleinstes Exemplar:
Grösste Länge des Rückenpanzers . . 0,063 Meter,
Grösste Breite desselben . . . 2... 00505 »
Höhe des Panzers in gerader Linie . . 0,0335 »
Länge des Brustpanzers in der Mittellinie 0,0525 >»
Länge des Schwanzes . „2.2.00. 0,002»
Verhältniss von grösster Breite zur Länge wie 1 : 1,25,
Verhältniss von grösster Höhe zur Länge des Rückenpanzers wie 1:
0,022 Meter,
0,017
1,95.
1,88.
>
Diese Schildkröte wird von Dumeril und Bibron (a. a. O., 8. 47 u. £) nur von Algerien
und aus dem Kaukasus genannt. Herr J. v. Fischer in Gotha theilt mir brieflich mit, dass er
sie auch von Aegypten erhalten habe, und dass sie ausserdem von Tunis (Schlegel), Syrien
(Forskäl), Angora (Berthold), Transkaukasien (Pallas) und Persien (Baer und Helmersen), hier
namentlich von Teheran angegeben werde.
2, Fam. Emydidae.
2. Emys caspia Gm. sp. var. leprosa Schweigg. (Königsb. Arch., Bd. I, $. 298).
Diese mit Emys sigriz Dum. und Bibr. (Erpetol. gener., Bd. II, 1835, $. 240) synonyme
und sicher nur als klimatische Varietät (vergl. auch Strauch in Mem. d, Pacad. imp. d. scienc,
— 27 —
d. ‚St.-Pötersbourg, VII. Ser., tom. IV, No. 7, 1861, 8. 18) zu Emys caspia Gmel. sp.
(= (lemmys caspia bei Wagler, Descript. et icon. Amphib., Taf. 24 und bei E. Eichwald,
Fauna caspio-caucasia, St.-Petersburg, 1841, S. 45, Taf. 3 und 4) zu stellende Art fand sich
in zwei jugendlichen Exemplaren im Ued Ksib, einem Bache bei Mogador. Sie ist nach Hrn.
Dr. Rein’s gütiger Mittheilung in allen maroccanischen Flüssen und Bächen zu finden und sitzt
oft in kleinen Trupps bis zu 30 Stück an den Ufern derselben.
Von der Beschreibung der sigriz bei Dumeril und Bibron unterscheiden sich meine Stücke
nur dadurch, dass ihnen die orange gefärbten Flecken des Rückenpanzers vollständig fehlen,
dass sie dagegen neben einförmig olivenbrauner Oberseite eine der typischen caspia ausser-
. ordentlich ähnliche, sehr markirte, gelbe Kopf- und Halszeichnung besitzen.
Von caspia liegt mir ein ziemlich grosses, mit »Emys caspia Schweigg. I. E. 1a,
Dalmatien« bezeichnetes Spiritusexemplar aus der Senckenberg’schen Sammlung vor, welches
seiner Zeit von Dr. Michahelles gegen Rüppell’sche Dubletten eingetauscht worden ist.
Was die Unterschiede zwischen der typischen caspischen Art und der ebengenannten
Form aus Dalmatien anlangt, so soll nach E. Eichwald (a. o. a. O., S. 45) der Schwanz bei
ersterer bei weitem kürzer, die Zahl der hellen Längslinien auf der Unterseite des Halses viel
grösser und die Form des Rückenpanzers nach hinten viel schmäler sein. Bei dem angeführten
dalmatinischen Stücke sind diese Unterschiede nicht vorhanden, und ich muss es demnach,
entgegen der Ansicht Eichwald’s (Nouv. M&in. d. 1. soc. imp. d. nat. de Moscou, Bd. IX, 1851,
S. 416), der blos nach L. Bonaparte’s Abbildung (Zerrapene caspica in Iconograph. d. Faun.
Ital., Bd. I, Roma 1832—41) und Beschreibung »testa olivacea, lineis confluentibus flavidis
rivulata«, welche die Farbenzeichnung dieser Varietät sehr gut kennzeichnet, die dalmatinische
und griechische Art für verschieden von caspia erklärt, für die typische caspia Gmel. halten.
Was nun zweitens die Verschiedenheiten unserer maroccanischen und der algerischen
Form von der typischen caspi@ anlangt, so sagt Eichwald selbst später (an zuletzt ang. O.,
S. 415), dass die algerische sigriz Bibr. sich so wenig von Clemmys caspia Pall. unterscheide,
dass er sie mit ihr vereinigen möchte. Von den an ebengenanntem Orte von Eichwald auf-
gezählten Unterschieden finde ich nur einen einzigen bestätigt, dass nämlich die hinteren
Marginalplatten schwach gewölbt oder flach sind, während sie bei caspica concav erscheinen,
ein Unterschied, der demnach wohl zur sicheren Charakterisirung der Varietät leprosa zu
benutzen ist. Vielleicht dürfte man bei Aufzählung der Abweichungen, welche sich bei der
Varietät leprosa beobachten lassen, noch hinzufügen, dass das Verhältniss von Breite zur Länge
des Rückenpanzers bei caspia typus etwa wie 1 : 1,35 bis 1,55, bei caspia var. leprosa etwa
— 1383 —
wie 1: 1,15 bis 1,35 beträgt, und dass die ächte caspia eine grössere Neigung zur Bildung
dreier schwacher Kiele zeigt, als die var. leprosa.
Die wichtigsten Maasse unserer beiden Exemplare sind folgende:
1. Grösseres Exemplar:
Länge des Rückenpanzers in der Mittellinie 0,088 Meter,
Grösste Breite,desselben . . . 2" 2.7..0,067 »
Verhältniss von Breite zur Länge wie 1: 1,31,
Länge des Brustpanzers in der Mittellinie 0,073 Meter,
Länge des Schwanzes . . 0. 0.02%. 2,70,080° ">
Verhältniss der Schwanzlänge zur Länge des Bauchpanzers wie 1 : 2,43.
2. Kleineres Exemplar:
Länge des Rückenpanzers in der Mittellinie 0,066 Meter,
Grösste ‚Breite desselben . . 21. .0,°, 0,056 '»
Verhältniss von Breite zur Länge wie 1 : 1,18,
Länge des Bauchpanzers in der Mittellinie . 0,0565 »
Bänge desi/Schwanzestrernd este IE NT
Verhältniss der Schwanzlänge zur Länge des Bauchpanzers wie 1 : 1,74.1)
Emys caspia Gmel. sp. typus findet sich nach Dum£ril und Bibron (a. a. O., 8. 240) in
den um den Caspisee liegenden Ländern, aber auch in Dalmatien und in Griechenland. Die
von mir als var. .leprosa Schweigg. bezeichnete Form aber war nach denselben Forschern
(ebenda S. 242) bis jetzt blos von Spanien und Algerien bekannt gewesen.
') Zur Vergleichung führe ich hier die Maasse des oben genannten Exemplars der ächten caspia aus
Dalmatien ebenfalls an:
Länge des Rückenpanzers in der Mittellinie 0,156 Meter,
Grösste Breite desselben . ....2...2...0,104 >
Verhältniss von Breite zur Länge wie 1 : 1,50.
Länge des Bauchpanzers in der Mittellinie. 0,138»
Länge des Schwanz, . .. . ...°..,..00455 »
Verhältniss der Schwanzlänge zur Länge des Bauchpanzers wie 1 : 3,08.
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- 1299 —
MT VOrdn Seaurıı
1, Fam. Lacertae,
3. Tropidosaura algira L. sp. (Linne, Syst. nat. edit. 10, pag. 203; edit. 12, pag. 363.)
Es liegen zwei Exemplare aus der Ebene in der Umgebung der Stadt Marocco vor.
Unsere Stücke stimmen vollkommen mit der bei Dumeril und Bibron (Erpet. gener.
tom. V, pag. 168) gegebenen Diagnose und der bei L. Bonaparte (Iconogr. d. Faun. Ital.
Bd. I, Rom 1832—41) gegebenen Abbildung überein. Auch weiss ich in der Beschreibung
der Kopfschilder nichts hinzuzufügen, als dass bei dem einen Exemplar sich das linke Naso-
-frenale in zwei kleinere Schilder spaltet, was nach Dumeril und Bibron (a. a. O., pag. 169)
gelegentlich vorkommen soll. Bei dem andern Exemplar schieben sich zwischen Postnasofrenalen
und Superlabialen links noch ein, rechts noch zwei kleine Schildchen ein.
Die Färbung ist auf der oberen Seite olivenbraun, mit je zwei isabellgelben seitlichen
Längsstreifen, die nach oben hin etwas dunkler eingefasst sind. Auch zeigen sich in und nahe
der Achselhöhle blauliche unregelmässig schwarz eingefasste Flecken, wie sie auch die beiden
obengenannten französischen Forscher beobachtet haben. Die Unterseite des Körpers ist weiss
init schönem grünem und rothem Perlmutterglanz.
Die Details der beiden Exemplare sind:
1. Exemplar. 6 Längsreihen von Bauchschuppen, 27 Längsreihen von Rückenschuppen,
113 Reihen von Schwanzschuppen. Femoralporen jederseits 16.
Länge des Körpers bis zur Analöffnung 0,062 Meter,
Länge des Schwanzes '. ......0139 7
Körperlänge zur Schwanzlänge wie 1: 2".
%. Exemplar. Bauchschuppen- und Rückenschuppenreihen und Zahl der Femoralporen
wie oben, 93 Reihen von Schwanzschuppen.
Länge: des Körpers bis zur Analöffnung 0,0725 Meter,
Länge des Schwanzes . . . 2. .,0,1383 »
Körperlänge zur Schwanzlänge wie 1: 1a.
Diese schöne Eidechse wird von Dumeril und Bibron (a. a. O., pag. 171) aus Algerien
und aus Spanien angegeben, von wo sie sich bis in die französischen Pyrenäen verbreitet;
A. Strauch fügt (Mem. d. Yacad. imp. d. sc. d. St.-Petersbourg, VII. Ser., tom. IV, No. 7,
8. 31) noch die Hyöres als Vaterland hinzn.
4. Acanthodactylus lineomaeulatus Dam. et Bibr. (Eirpetolog. gener., tom. V, 1839, S. 276).
17
Abhandl. d. Senekenb. naturf. Ges. Bd. IX.
—- 130 —
Es liegen drei Exemplare dieser prachtvoll gefärbten Art von Casa hlanca vor, eins von
Mogador. Diese ausserordentlich flinke Eidechse lebt sowohl an der sandigen Küste von Casa
blanca und Mogador, als auch in der Sandregion des Plateaus von Schiodma in ungeheurer Menge.
Im Bau der Kopfschilder und in der Form und Reihenzahl der Abdominalschuppen hat
unsere Art eine nicht zu verkennende Aehnlichkeit mit Acanth. Savignyi Aud. sp. (Audouin, Aegypt.
septentr., Sauriens pl. I, fig. 8). Sie lässt sich aber, wie mir scheint, ausser durch die von
Dumeril und Bibron (a. a. O., 8. 277). gegebenen Unterscheidungsmerkmale, noch dadurch
charakterisiren,. dass die Parietalen mit ihrem ganzen Vorderrande sich an die Frontoparietalen
anlegen, so dass alle vier Platten zusammen ein nahezu regelmässiges Fünfeck bilden, was bei
Savignyi nicht der Fall ist. Die hintere von den beiden kleinen unpaaren Platten, welche bei Savignyi
gewöhnlich auf der Mittellinie des. Kopfes zwischen den Frontonasalen liegen (vergl. M. H.
Milne Edwards, Recherches zoologiques pour servir & Phistoire des Lezards in Ann. des science.
nat., tom. XVI, Paris 1829, pl. VI, fig. 4), fehlt bei zweien unserer Exemplare, während sie
bei den zwei anderen vorhanden ist,
Die Färbung stimmt so nahe mit der bei Dumeril und Bibron angegebenen überein, dass
man unsere Stücke für die Pariser Originalexemplare halten könnte. Es zeigen sich übrigens
auf der kupferrothen Grundfarbe deutlich acht, weissgelbe Längsstreifen, und die schön blauen
Augenflecke stehen auf jeder Körperseite zwischen dem zweiten und dritten Streifen. Die
zwischen den Längsstreifen stehenden schwarzen Flecke zeigen besonders oft die Form eines griechi-
schen II. An der Schwanzbasis steht übrigens links und rechts noch je ein grosser, blauer,
nach vorn und oben schwarz umsäumter Fleck. Das kleinste Exemplar von Casa blanca
besitzt keine blauen Augenpunkte, sondern nur etwas heller bräunliche Flecken innerhalb der
Seitenstreifen; die Schenkel dagegen sind bei diesem Stück besonders scharf röthlichweiss gefleckt
und die Unterseite der Hinterschenkel und des Schwanzanfangs ist sehr schön rosa angeflogen.
Die Details der einzelnen Exemplare sind:
1. Exemplar von Casa blanca. Halsring mit neun grösseren Schuppen. 10 Längsreihen
von Bauchschildern, 6 Querreihen von Abdominalschildern, 108 Reihen von Schwanzschildern
(auf der unteren Seite des Schwanzes gezählt). Femoralpöoren auf beiden Seiten 21,
Länge des Kopfs bis zum Halsring 0,0225 Meter,
vom Halsring bis zur Analöffnung 0,046 »
5 Schwanzlänge s...c 0 #0 4.:.0,138 >
Gesammtlänge des Thiers . . . 0,2065.»
Körperlänge zur Schwanzlänge wie 1: 2,
o >}
— 131 —
2. Exemplar von Casa blanca. Der Schwanz war abgebrochen, ist aber, wenn auch
kürzer als bei dem normalen Thier, wieder reprodueirt worden, Halsring mit neun grösseren
10 Längsreihen von Bauchschildern, 5 Querreihen von Abdominalschildern, 83
Reihen von Schwanzschildern. Femoralporen auf beiden Seiten 23.
Schuppen.
Länge des Kopfs bis zum Halsring 0,0205 Meter,
vom Halsring bis zur Analöffnung 0,033 »
Schwanzlange 0. 7... 0..1. 2 Oben
Gesammtkörperlänge -... 1 =... „0,117 »
3. Exemplar von Casa blanca. Halsring mit acht grösseren Schuppen. 10 Längsreihen
5
von Bauchschildern, 5 Querreihen von Abdominalschildern, 105 Reiben von Schwanzschildern.
Femoralporen beiderseits 20.
Länge des Kopfs bis zum Halsring 0,0245 Meter,
vom Halsring bis zur Analöffnung 0,042 »
Schwanzlänge .
05265. >
Gesammtlänge des Thieres . . .. 0,193 »
Körperlänge zur Schwanzlänge wie 1: 3.
4. Exemplar von Mogador. Auf dem Kopf durch einen Schlag verletzt.
Halsring mit
11 grösseren Schuppen.
10 Längsreihen von Bauchschildern, 5 Querreihen von Abdominal-
schildern, 117 Reihen von Schwanzschildern. Femoralporen jederseits 24.
Länge des Kopfs bis zum Halsring . . 0,024 Meter,
vom Halsring bis zur Analöffnung . . 0,0455 »
von der Analöffnung bis zur Schwanzspitze 0,1505 »
Gesammtlänge des Thieres:; ..e1 2.0220...»
Körperlänge zur Schwanzlänge wie 1: 2!/a.
Dumeril und Bibron geben diese Eidechse blos aus Marocco an, von wo sie Laporte,
französischer Consul in Mogador, einschickte. P. Gervais (Ann. d. sc. nat., III. Ser, tom. X,
pag. 204) und A. Strauch (Mem. de l’acad. imp. des scienc. d. St.-Petersbourg, VII. Ser.,
tom. IV, No. 7, pag. 38) erwähnen die Art auch aus Algerien; letzterer nennt (a. a. O.) als
Vaterland, vermuthlich irrthümlich, ausserdem noch Spanien.
—- 12 —
2, Fam. Chamaeleontes.
5. Ohamaeleo ceinereus Aldrov. (Aldrovandi quadr. ovip. pag. 670).
Es liegt ein sehr schön erhaltenes Exemplar dieser Art aus Marocco vor mir, nach
directer Vergleichung mit Stücken der Senckenberg’schen Sammlung ein 9.
Die Charakteristik und allgemeine Beschreibung bei Dumeril und Bibron (a. a. O., tom.
III, 1836, $. 204) stimmt so vollkommen mit unserem Exemplare überein»), dass ich derselben
auch nicht ein Wort hinzufügen kann.
Unser Spiritusexemplar zeigt am ganzen Körper ein grünliches Grau mit schwach hervor-
tretenden gelblichen und dunkelvioletten Makeln und ist an den Kopf- und Körperseiten deut-
.lich dunkelviolett angeflogen; der untere Kamm, die Innenflächen von Hand und Fuss und die
Unterseite der letzten Hälfte des Schwanzes ist wie bei Spiritusexemplaren gewöhnlich schön
hellgelb gefärbt.
Die wesentlichsten Maasse sind:
Gesammtlänge 0,2635 Meter. z
Schwanzlänge 0,121 »
Verhältniss der Schwanzlänge zur Körperlänge wie 1: 1%.
Dumeril und Bibron geben (a. a. O., $. 208) als Heimath dieses Thieres das nördliche
Afrika, speciell Aegypten, Tripolis, Tunis und Algerien und das südliche Spanien an. Nach
A. Strauch (Mem. d. Pacad. imp. d. St.-P6tersbourg, VII. Ser., tom. IV, Nr. 7, pag. 21) kommen
als Fundorte noch hinzu Sicilien, Persien und das Gebiet des weissen Nils. H. B. Tristram
fand es (Proceedings of the zoological society of London, Bd. 27, 1859, S. 476) auch im
Süden der Sahara. Von Tanger in Marocco giebt es P. Gervais (Ann. d. sc. nat., Il. Ser.,
tom. VI, Zoologie pag. 309) schon im Jahre 1836 an.
3. Fam, Agamae.
6. Agama colonorum Daudin (Hist. rept., tom. III, pag. 356 excl. synon. aliq.) var.
impalearis m.
Diese Art wurde von den Reisenden in vier Exemplaren in Marocco erbeutet. Davon
wurde ein Pärchen von Hrn. Dr. Rein auf dem Wege von Mogador nach Marocco zwischen
1) Aufmerksam machen will ich bei dieser Gelegenheit auf einen Druckfehler bei Dumeril und Bibron
(a. a. O., 8. 206), wo es Zeile 15 von oben statt »convexitd« concavitd heissen muss.
= Bi —
Ain-Umest und Sidi-Moktar auf einem unfruchtbaren cretaceischen Plateau gefangen, das
ausserordentlich reich mit losen Steinen besäet ist, theilweise den letzten Resten einer einst-
maligen Stadt, deren Spuren man auf eine bedeutende Strecke verfolgen kann. Unter diesen
Steinen sowie in Löchern ist nach Hrn. Dr. Rein’s gütiger Mittheilung das plumpe Thier
ausserordentlich häufig, doch der vielen Schlupfwinkel wegen schwer zu greifen,
Zwar führt uns bei Bestimmung der Art die synthetische Tabelle bei Dumeril und Bibron
(a. a. O., tom. IV, 1837, 8. 485) anfangs irre, da sie als Hauptcharakter unsere Art
»uniformement brun« angiebt, aber die Diagnose auf S. 489 lässt nicht im Zweifel, dass wir
es mit der ächten Ag. colonorum zu thun haben.
Von der ebenda auf S. 491 gegebenen Beschreibung habe ich bei unseren Exemplaren
folgende Abweichungen gefunden:
Das sogenannte Oceöpitale ist manchmal fünf-, manchmal sechs- oder siebeneckig, das
Mentale bildet mitunter ein regelmässiges halbes Oval. Ich zähle, fast genau übereinstimmend
mit A. Strauch (M&m. de l’acad. imp. des sciene. de St.-Petersbourg, VII. Ser., tom. IV, No. 7,
1862, S. 27), elf bis dreizehn Supralabialen und ebensoviel Infralabialen bei allen vorliegenden
Exemplaren, während Dum£eril und Bibron (8. 491) als normale Zahl oben neun und unten
acht Paar angeben. Die Beschreibung der Dornenfaseikel, welche um Ohröffnung und Hals
gestellt sind, entspricht vollkommen der Form und Lage dieser merkwürdigen Gebilde bei
unseren Exemplaren. Eine sich in der Kehlgegend wammenartig ausbreitende Längsfalte, wie
sie Dumeril und Bibron (a. a. O., S. 492) von colonorum beschreiben und wie sie auch ein
im Senckenberg’schen Museum unter II F. F. 1a bezeichnetes, von Dr. Ed. Rüppell in
Abessinien gesammeltes und in »Neue Wirbelthiere ete., Amphibien,« Frankfurt a. M. 1835,
Taf. 4 ganz vorzüglich abgebildetes Exemplar sehr deutlich zeigt, fehlt unseren Stücken, wie
auch nach Strauch (a. a. O., 8. 27) den Exemplaren aus Algier gänzlich. Der an seiner
Basis beim Q von oben nach unten zusammengedrückte, beim g' deutlich gerundet fünfeckige
Schwanz zeigt sich an den waroccanischen Exemplaren nur beim g' an der Stelle, wo er
plötzlich anfängt dünner zu werden, von beiden Seiten etwas zusammengedrückt; gegen das
Ende hin ist er bei beiden Geschlechtern deutlich kegelförmig und sein Querschnitt gerundet.
Auch finde ich bei allen vorliegenden Exemplaren mehr oder weniger deutlich, dass vom ersten
Sechstel des Schwanzes an jedesmal drei aneinandergrenzende Schuppenreihen zusammen einen
deutlichen Wirtel um den Schwanz herum bilden und so demselben eine ausgesprochene
Ringelung ertheilen. Bei meinen drei männlichen Exemplaren und bei dem oben genannten
Stücke aus Abessinien finde ich eine, zwei und sogar drei volle Querreihen von 12 bis 13
— 134 —
Praeanalporen, nicht wie Rüppell und Dumeril und Bibron angeben, blos eine Reihe von nur
10 bis 11 solcher Poren.
Von dem abessinischen Exemplar unterscheiden sich unsere Stücke ausser in der Färbung
nur noch in der Form des Nasale, welches bei unseren Stücken weniger röhrenförmig ist, in
der Form der Schuppen der mittelsten Reihen des Rückens, die bei unseren Exemplaren etwas
stärker stachelspitzig erscheinen und in der Länge des beim d weniger comprimirten
Schwanzes, der viel kürzer ist, während bei dem abessinischen Stück sich die Körperlänge zur
Schwanzlänge wie 1 : 1°4o verhält.
Zwei fast gleichgrosse männliche Exemplare haben auf der oberen Seite eine schmutzig-
gelbe Grundfarbe und sind an den Seiten mit einem dunkeln Kupferroth in mannigfacher
Weise marmorirt und gefleckt, aber so, dass immer noch eine Längslinie über den Rücken
von der Farbe des Untergrundes deutlich sichtbar bleibt. Ein kleines, ebenfalls männliches Stück
ist oben grünlichgrau, an den Seiten mit je zwei unregelmässigen Reihen gelblichgrüner punkt-
förmiger Flecken, zu denen sich noch unrögelmässige, nach hinten und auf dem Schwanz deutlicher
werdende, dunklere grünlichgraue Flecken und Makeln gesellen. Die Unterseite ist bei all diesen
Stücken heller oder dunkler olivengrün oder grünschwarz, und die Kehle fast immer am dunkelsten
gefärbt. Bei dem letztgenannten kleineren Exemplar ist die ganze untere Seite des Kopfes mit acht,
besonders an den Seiten deutlichen, schwarzgrauen parallelen Längslinien sauber gestreift.
Das vierte Exemplar, seiner mangelnden Praeanalporen zufolge ein Weibchen, ist be-
sonders lebhaft und abweichend von der Dumß6ril-Bibron’schen Beschreibung gefärbt und
dessentwegen und um des kürzeren Schwanzes willen von Hın. Em. Buck als subsp. Fritschi
etiquettirt worden. Die Färbung ist in der That sehr auffallend. Der Kopf ist auf seiner
oberen Seite gelbgrün, nach hinten hin schön smaragdgrün, die Gegend um die Ohröffnungen
herum lasurblau. Der Oberkörper zeigt eine schmutzige Lehmfarbe mit etwas dunklerer
grünlichgrauer Mittellinie; die obere Seite der Extremitäten ist ebenfalls schwach grünlichgrau
pigmentirt. Auf dieser lehmgelben Grundfarbe liegen jederseits, in zwei correspondirende
Längsreihen geordnet, jedesmal vier grosse schön ziegelroth gefärbte Flecken, deren grösste
etwa den Raum von 12 Schuppen einnehmen, und die auch bei dem einen männlichen
Exemplare als dunkelbraune Flecken schwach, aber nichtsdestoweniger deutlich zu erkennen
sind. Die Unterseite des besagten vierten Stückes ist schmutzig hellgelb und die untere Seite des
Kopfes zeigt ebenfalls acht etwas wellige, parallellaufende, schiefergraue Längsbinden.
Fast ganz so beschreibt nun Strauch (a. a. O., S. 27) einige seiner erwachsenen weib-
lichen Exemplare aus Algerien. ‘Hier seine Worte: »La plupart de mes exemplaires adultes
— 15 —
presentent sur le dos une couleur jaune claire verdätre, & grandes taches rouges irregulieres ;
les tempes sont bleuätres. Chez une femelle adulte les taches rouges sont trös distinctes ... .
Les parties inferieures (de tous) sont d’un blane jaunätre sale et la gorge est plus ou moins
distinetement stri6e de noir . ...%
Es erscheint mithin die Färbung, welche wir besprochen haben, bei den Weibchen dieser
Art keine ungewöhnliche, und die Aufstellung einer Subspecies möchte sich daher auf diese
Kennzeichen hin schwerlich rechtfertigen lassen. Dagegen möchte ich vorschlagen, die algerischen
und maroccanischen Formen, welchen die für die typische mittelafrikanische colonorum charak-
teristische Kehlwamme fehlt, als klimatische Varietät mit dem Namen impalearis zu bezeichnen.
Die Details in den Körpermaassen sind folgende:
1. Exemplar. Männchen mit abgebrochenem Schwanz:
GEeammRanse N RE TB de At, Sat 100,929 "Meter
Schwanzlänge;särgräg Nie Era OLG
Breto.in: dem Mitte. dessKürpersne a re ein 20:01 »
Grösste Breite der Schwanzbasis dicht hinter der Analöffnung 0,021 >»
Breite des Schwanzes im ersten Viertel seiner Länge . . . 0,009 »
. Verhältniss von Körper- zur Schwanzlänge wie 1: 135.
2. Exemplar. Männchen mit an der Spitze verletztem Schwanz:
Länge des Körpers bis zur Analöfoung . » 2 2.2... ....0,123 Meter.
Länge.des,‚Schwanzstummelsin apa, "Sf Berner sheuie 0099 .:.»
Grösste Breiten. der Mittesrdest-Körpersaude, a wor ..,0,0855 >
Grösste Breite der Schwanzbasis dicht hinter der Analöffnung 0,020 »
3. Exemplar. Junges Männchen mit ebenfalls an der Spitze verletztem Schwanze:
Länge des Körpers bis zur Analöffnung » . » .............0,083 Meter,
hänge, dessSchwanzstunimels,ke ul oh an aihe men 0,0645. >
Grösste ‚Breite in der Mitte des Körpers . ..2 2.2... 0,0245 »
Grösste Breite der Schwanzbasis dicht hinter der Analöffnung 0,0125 »
4. Exemplar. Altes Weibchen. .
Göyammtlängern ar le pr sahne. #20,28955; Meter
Schwapzläbeeg ie ea 20h »
Grösste Breite in der Mitte des Körpers. . . 2... ..2..2..0,049 »
Grösste Breite der Schwanzbasis dicht hinter der Analöffnung 0,019 »
Breite des Schwanzes im ersten ‚Viertel seiner Länge . . . 0,0065 »
— 16 —
Verhältniss von Körper- zur Schwanzlänge wie 1: 1'Js.
Agama colonorum typus wird von Dumeril und Bibron (a. a. O., 8. 493) nur von Guinea
und vom Senegal angegeben; Dr. Ed. Rüppell fand sie zuerst in Abessinien. P. Gervais (Ann.
d. sc. nat., III. S6r., Zoologie, tom. X, 1848, S. 204) besehreibt colonorum und zwar unsere
var. impalearis zuerst von Algier, A. Günther erwähnt sie 1859 (Proceedings of the zoological
society of London, Bd. 27, S. 470) auch aus der Wüste südlich von Algerien und Tunis.
Die Varietät impalearis kenne ich überhaupt bis jetzt blos von Algier und Marocco; ich
vermuthe aber, dass sie sich auch in den Ländern, welche den Caspisee umgeben, wiederfindet.
4, Fam. Geckones,
7. Platydactylus mauritanieus L. sp. (Linne, Syst. nat. S. 361, exelus. synonym. Seb.
mus. I, Taf. 108, Fig. 2, 6, 7).
Das einzige vorliegende Exemplar — nach Hrn. E. Buck ein g' mit reproducirtem
Schwanze — stammt aus der Gegend von Tanger,
Die Hauptkennzeichen stimmen nahezu mit der bei L. Bonaparte in Iconogr. d. Faun.
Ital., Bd. I, Rom 1832-41 unter dem Namen Ascalabotes mauritanicus gegebenen Abbildung
und der bei Dumeril und Bibron (a. a. O., tom. III, Paris 1836, $. 319) gegebenen Charak-
teristik überein. Nur folgende Unterschiede von der hier S. 320 gemachten Beschreibung
möchte ich hervorheben:
Es sind oben rechts neun, links 10 Supralabialen und unten auf beiden Seiten acht und
nicht, wie Dumeril und Bibron angeben, neun Infralabialen vorhanden, Von der sich links”
und rechts an das Mentale anlehnenden Plattenreihe lassen sich von unten gesehen, nur vier
Platten jederseits erkennen, die, nach dem vierten Infralabiale hinziehend, successive kleiner
werden. Die dem Mentale zunächst liegende Platte ist die grösste und bildet ein Parallelogramm
mit sanft abgerundeten Ecken; die zweite ist quadratisch mit abgerundeten Ecken und die
dritte ist etwas kürzer als die langovale vierte. Die Ohröffnung bildet eine vertical gestellte,
verhältnissmässig kleine, halbmondförmige, mit der concaven Seite nach vorn gestellte Grube.
Die Farbe der oberen Seite ist ein hier mehr helles, dort mehr dunkeles Aschgrau mit
fünf schwarzen Querzeichnungen, die in Form von lateinischen W, welche an den Körperseiten
mehr oder weniger deutlich mit einander in Verbindung stehen, vom Halse bis an die Schwanz-
basis in nahezu gleiche Zwischenräume von einander gestellt sind. Zwei ähnlich geformte
— IU—
dunklere Querzeichnungen auf dem Kopfe sind schwach und undeutlich. Die obere Seite des
regenerirten Schwanzes ist vollkommen ungefleckt.
Folgendes sind die Maasse unseres Exemplars:
Gesammtlänge des Thieres 0,1135 Meter.
Schwanzlänge . . : . .. 0,0555 »
Verhältniss der Schwanzlänge zur Körperlänge also wie 1:1.
Dumeril und Bibron führen (a. a. O, $. 322) an, dass diese Art an allen Küsten und
auf den Inseln des mittelländischen Meeres lebe und nennen als Vaterland speciell Spanien,
Südfrankreich, Süditalien, Sieilien, Griechenland, die Küsten der Berberei und Aegypten,
H. B. Tristram fand ihn noch in der Wüste südlich von Algerien und Tunis (Proceedings of
the zoolog. Society of London, Bd. 27, 1859, 8. 476) und P. Gervais giebt ihn (Ann. d.
scienc. nat., II. Ser., tom. VI, Zoologie, S. 309) bereits 1836 von Tanger an.: Hr. E. Buck,
der sich mit der Gruppe der Geckonen eingehend beschäftigt hat, nennt ihn in einem
Manuscripte, dessen Einsicht er mir freundlicherweise gestattete, ohne die Quelle zu nennen,
noch aus Syrien und aus Arabien.
8. Gymmodactylus mauritanicus Dum. et Bibr. (Erpetol. gener., tom. III, pag. 414).
Die bei Dumeril und Bibron für diese kleine Art gegebene Diagnose stimmt recht gut
mit unseren beiden Exemplaren überein, deren eines vom Djebel Hadid bei Mogador, das andre
vom Plateau von Schiodma mehr im Innern von Marocco herstammen. Die Reisenden fanden
sie in Gesellschäft von Scorpionen unter Steinen.
Hinter dem eine vorn abgerundete Raute bildenden Mentale liegen bei dem erstgenannten
Exemplare an das Mentale und an die Sublabialen angrenzend noch je 2 Schilder. Das erste
davon berührt das Mentale und das erste Sublabiale und bildet ein Paralleltrapez, an dessen
kleinste hintere Seite sich das zweite kleinere ovale Schildchen einfügt, das sich an die Naht
zwischen erstem und zweitem Sublabiale anlegt. 3
Ich zähle jederseits fünf Sublabialen. Das sich an die fünf vorhandenen Superlabialen
anschliessende Rostrale ist mit einer vom Kopf herziehenden, bis in die Hälfte seiner Höhe
reichenden Längsfurche versehen. Der Kopf ist oben wenig abgeplattet, sanft gerundet. Die
Form der Zehen und die Beschuppung des Körpers kommen mit der bei Dumeril und Bibron
gegebenen Beschreibung überein. Die Schuppen auf der oberen Seite des Schwanzes sind
hinten abgerundet, viel grösser als die des Rückens und stehen in unregelmässigen Querreihen;
die auf der Mittellinie der Schwanzunterseite sind verhältnissmässig sehr gross, breiter als lang
und hinten sanft gerundet.
Abhandl. d. Senekenb. naturf, Ges. Bd. IX. 18
— 18 —
Die Färbung des Thieres ist oben ein helles Braungrau mit Seidenglanz. Der Kopf zeigt
jederseits eine dunkelbraune Binde, welche von der Schnauze bis über die Ohröffnung hinzieht,
und die nach oben von einer weisslichen Linie begrenzt wird, welche den obern Augenrand
berührend, sich unter sehr spitzem Winkel auf dem Rostrale vereinigt. Die Berührungslinien
der Sublabialen und die Augenlider sind ebenfalls weisslich gefärbt. Die Fleckenzeichnung des
Rumpfes stimmt gut mit der bei Dumeril und Bibron (a. a. O., pag. 415) gegebenen Be-
schreibung. Der Schwanz ist aber auf seiner oberen Seite besonders lebhaft gefärbt, indeni
grosse weisse Makeln in zwei Längsreihen anfangs nebeneinander, dann alternirend sich von
dem mehr oder weniger dunkeln grau- oder schwarzbraunen Untergrund abheben.
Die Unterseite des Körpers ist einfarbig graulich, jede Schuppe mit mehr oder weniger
zahlreichen, ganz feinen, wie eingestochenen dunklen Pünktchen; die Unterseite von Kehle und
Schwanz ist bräunlichgrau.
Das eben beschriebene vom Djebel Hadid stammende Exemplar, dem ein kleines Stück
des Schwanzes fehlt, misst bis zur Analöffnung 0,028 Meter, der Schwanzstummel beträgt
0,0115 Meter.
Bei dem zweiten Iixemplare ist das kleinste von den Kinnschildern, welches bei dem
Stücke vom Djebel Hadid eine ovale Form zeigte, deutlich gerundet dreieckig. Ausserdem
besitzt dasselbe auf beiden Seiten sechs Superlabialen.
In der Färbung unterscheidet es sich besonders durch die viel markirter in sechs Längs-
reihen angeordneten weissen, aus drei Schuppen gebildeten, schwarz umsäumten Pantherflecken,
deren zwei innerste Reihen vorn auf dem Nacken an die weissen Linien anschliessen, welche
über das Auge hinziehend sich auf dem Rostrale unter einem Winkel von etwa 45° vereinigen.
Das letztgenannte Exemplar vom Mtuga-Plateau, dem fast der ganze Schwanz fehlt, misst
bis zur Analöffnung 0,029 Meter; der Schwanzstummel ist nur 0,0045 Meter lang.
Als Vaterland geben Dum6ril und Bibron (a. a. O., $. 415) Algerien an.
9. Gymnodactylus trachyblepharus n. sp. (Tafel, fig. 3).
Es liegt nur ein auf. dem Djebel Hadid bei Mogador gesammeltes Exemplar vor.
Die Art gehört zur Gruppe der Gymnodactyles homonotes nach Dum&ril und Bibron
(Erpetolog. gener,, tom. III, pag. 411) und bildet neben den Arten mit eylindrischem Schwanz,
als deren Typus mazwritanicus Dum. et Bibr. gelten mag, und den Arten mit seitlich compri-
mirtem Schwanz (subg. Pristurus), deren Typus flavipunctatus Rüpp. sp. (Neue Wirbelthiere,
2. d. Fauna von Abessinien gehörig, Amphibien, Frankfurt a. M. 1835, 8. 17, 'Taf. 6, Fig. 3)
ist, eine dritte Unterabtheilung mit langem, von oben nach unten zusammengedrücktem Schwanze.
— 139 —
Char. Eine sehr grosse und breite Mentalplatte, an deren hinteren Rand sich in einer
transversalen Linie vier kleinere sechseckige Schildchen anfügen. Jederseits sieben Supralabialen
und sechs Infralabialen.
Der Kopf ist ziemlich breit und besonders der Hinterkopf stark abgeplattet; die Schnauze
ist stumpf und zugerundet, an den Seiten stark abgeflacht. Die kleinen, gerundeten Nasen-
löcher sind begrenzt vom ersten Supralabiale, vom Rostrale und von vier weiteren kleinen
polygonen Schildehen. : Das unregelmässig fünfeckige Rostrale ist fast doppelt so breit als
hoch und von oben bis in die Hälfte wie bei mauritanieus durch eine eingedrückte Linie
getheilt. Die breite Kinnplatte ist vorn sanft gerundet, hinten sechsfach schwach ausgerandet.
Links und rechts legen sich an dieselbe die ersten Infralabialen an, dann folgt je eine grössere
und in der Mitte je eine kleinere sechseckige Platte, die den ganzen Hinterrand der Mental-
platte begrenzen. An das dritte Infralabiale schliessen sich, dem Laufe des Unterkiefers
folgend, noch eine Reihe grösserer länglich sechseckiger Schilder an. Oberes Augenlid am
Unterrande mit mehreren vorragenden dreieckigen Schüppchen. Ohröffnung queroval. Die
Zehen sind im Allgemeinen lang, das letzte Zehenglied an allen Füssen ist seitlich stark
zusammengedrückt, und sein Nagel ist deutlich gebogen und kräftig. Der Schwanz ist von
oben nach unten zusammengedrückt, in seiner letzten Hälfte sehr schmal und zugespitzt und
viel länger als der Körper. Auf der oberen Seite des Körpers befinden sich sehr feine dicke
gerundete Schuppen, die nur zwischen Auge und Schnauze und auf dem Schwanze, wo sie in
undeutliche Reihen gestellt sind, ‘etwas grösser werden; auf der unteren Seite des Körpers
sind sie verhältnissmässig sehr gross und mehr oder weniger deutlich sechseckig. Auf der
Unterseite des Schwanzes liegt in der Mitte eine Längsreihe sehr grosser, mehr oder weniger
regelmässig geformter Schuppen.
Die Oberseite ist, soweit es das schlecht conservirte Spiritusexemplar erkennen lässt,
einfarbig graulich-olivengrün und nur an den Kopfseiten und auf den Schenkeln gelblich mar-
morirt gewesen; auf der oberen Seite des Schwanzes zeigen sich etwa 19 undeutliche geib-
liche Querringe. Die Zehen an Händen und Füssen sind etwas heller graulichgrün, die Ge-
lenke dunkler geringelt. Die Unterseite ist bis auf das Unterkinn, welches einzelne grauliche
Marmorzeichnungen erkennen lässt, einfarbig schmutzig grünlichweiss.
Was die hauptsächlichsten Körpermaasse anlangt, so beträgt seine Gesammtlänge 0,097,
der Kopf 0,0105, der Rumpf 0,0295 und sein Schwanz 0,057 Meter. Es verhält sich also die
Körperlänge zur Schwanzlänge wie 1 : 11a.
Valenciennes beschreibt (Comptes rendus, Bd. 52, Paris 1861, S. 433) aus den Sand-
—
— 140 —
wüsten von Abessinien einen neuen Gymnodactylus unter dem Namen erucifer mit folgenden
Worten: »Il est gris-verdätre, avec une ligne mediane blanchätre, crois6e par de petits traits
transversaux blanchätres; une suite de gouttelettes blanches de chaque cöt& des flanes, et au-
dessous des points noirs on voit, des traits noirätres sur les branches de la mächoire inf6rieure. «
Dass die in letzterer Weise charakterisirte Art als synonym zu ‚Hlavipunctatus Rüpp. sp. von
Abessinien zu stellen sein wird, der nach eingehender Vergleichung der ‚sechs Rüppell’schen
Originalstücke mit unserer Art wohl der nächste Verwandte derselben sein dürfte, sich aber
durch seine Schwanzbildung, das Vorhandensein von nur drei kleinen Schildchen hinter dem
Mentale und die ausserordentlich kleinen Bauchschildchen schon auf den ersten Blick unter-
scheidet, bin ich fest überzeugt.
5, Fam, Scinci.
10. Eumeces pavimentatus Geoffv. sp. (Plestiodon Aldrovandi Dum. u. Bibr. in Erpet.
gener., Bd. V, 1839, $. 701).
Es liegt ein besonders schön gefärbtes Exemplar dieser dem Dum&ril und Bibron’schen
Plestiodon und dem Bichwald’schen Zuprepis ‚princeps (Fauna caspio-caucasia, St.-Petersburg
1841, S. 93, Taf. XVI, Fig. 1—3) synonymen, von W. Peters (Monatsber. d. preuss, Acad. d.
Wiss, in Berlin, 1864—65,. 8. 49) zur Wiegmann’schen, 1834 aufgestellten, Gattung Eumeces
gestellten Art von Casa blanca vor. 5
Bei directer Vergleichung mit dem 1259 bezeichneten, aus Algier stammenden Stücke
von pavimentatus der Berliner Sammlung, das mir Hr. Prof. W. Peters zu diesem Zwecke in
liberalster. Weise mittheilte, fand ich weder in der Form und Zahl der Kopfbedeckungen, noch
in der Färbung irgend welche nennenswerthe Unterschiede,
Die Kopfschilder unseres maroccanischen Exemplars stimmen aber, wie es scheint, durch-
aus nicht in allen Stücken mit der bei Dum6ril und Bibron (a. a. O., 8. 698 u. 699) für ihre
Gattung Plestiodon gegebenen Charakteristik überein. So sind mir folgende kleine Abweichungen
aufgestossen:
Das Rostrale bildet kein regelmässiges Dreieck, wie es Dumeril und Bibron (a. a. O,,
S. 698) beschreiben, sondern ein unregelmässiges Sechseck, auf dessen breite Basis sich
jederseits nach oben eine Seite stellt, die an das erste Supralabiale angrenzt; zwei weitere
— 4 —
concave Seiten umfassen die Nasalen, und die oberste etwas convexe Seite des Sechsecks stösst
an die beiden Supranasalen. Die Frontonasalen bilden ein Siebeneck, dessen an das erste
Supraorbitale anstossende Seite concav erscheint. Die Frontoparietalen sind etwas kleiner als
die Frontonasalen und bilden einen sehr regelmässigen Rhombus. Das Interparietale ist
fast noch einmal so gross als die Frontonasalen und hat nahezu dieselbe Form wie
das Frontale. Die Parietalen (in Dumeril und Bibron, a. a. O., 8. 699, Zeile 10 von oben
steht fälschlich »frontoparietales«) bilden ein Fünfeck, dessen an das Frontoparietale anstossende
Seite die kleinste ist. Das zweite Frenale ist kaum breiter wie hoch. Links zähle ich ein
grosses, rechts zwei kleinere Frenoorbitalen; das algerische Exemplar hat auf beiden Seiten
zwei Frenoorbitalen. Vermuthlich sind wie bei letzterem sechs Supraorbitalen vorhanden (sie
sind auf beiden Kopfseiten wie die Infraorbitalen und die Postorbitalen verletzt und daher
nicht ganz sicher zu zählen). Links finde ich bei dem maroccanischen Exemplar neun Supra-
labialen, indem das dritte und vierte in eine nahezu quadratische Platte verschmolzen ist,
rechts dagegen zeigen sich zehn Supralabialen, von denen das zweite, dritte und vierte doppelt,
das fünfte und sechste anderthalbmal und das siebente quadratisch und grade so hoch als breit
ist. Das achte Supralabiale ist fünfseitig, das neunte, weitaus grösste, bildet ein Parallel-
trapez, dessen kleinste Seite an das zehnte, beiderseits spitzovale Supralabiale anstösst. Der
Vorderrand der Ohröffnung ist begrenzt von vier steif aufrecht gestellten spitzen Schuppen,
die nicht wie bei Dumeril und Bibron (a. a. O., S. 702) betont wird, nach hinten gelegt sind.
Dumeril und Bibron geben den Schwanz bei pavimentatus zu 1! oder 2mal so lang an
als den Körper; bei unserem Exemplare ist er kürzer, doch bin ich etwas in Zweifel, ob er
noch vollkommen intact und nicht vielleicht an seiner Spitze regenerirt ist. Eichwald bemerkt
übrigens auch (Nouv. mem. d. 1. soc. imp. d: nat. d. Moscou, tom. IX, 1851, S. 437), dass
der Schwanz des von ihm untersuchten Baum, pawimenlatus vom Kaukasus nur zu einem Drittel
länger gewesen sei als der Körper. Die Hinterfüsse sind nur etwa °%s so lang als die Flanken
des Körpers, gemessen von der Ansatzstelle der Vorderschenkel bis zu der der Hinterschenkel,
während sie Dum6ril und Bibron bei pavimentatus zu zwei Drittel so lang angeben.
Der Körper besitzt auf dem Halse 33, in seiner Mitte 30, am Anfange des Schw: nzes
14 und in der Schwanzmitte neun Schuppenreihen, während Dumeril und Bibron nur 23
Schuppenreihen um die Mitte des Bauches angeben. Bei dem algerischen Stücke zählte ich
29 Reihen. Die Schuppen des Rückens und der Oberseite .des“ Schwanzes tragen deutliche,
vertiefte Längsreifen, gewöhnlich mehr als vier; bei denen der Unterseite ist die Riefung
weniger deutlich ausgesprochen. Die unpaare Schuppe vor den beiden Analschuppen ist
a
—- 12 —
viermal breiter als lang, während sie bei Eichwald (Fauna caspio-caucasia, Taf. XVI, Fig. 3),
an dessen princeps nur doppelt so breit als lang gezeichnet ist. Bei dem algerischen Stücke
ist sie durch zwei Schuppen von gewöhnlicher Form ersetzt.
Während Dum6ril und Bibron und andere Forscher, welche den Zum. pavimentatus lebend
oder kurz nach seinem Tode gesehen haben, das Thier als auf dem Rücken einfarbig braun oder
als oben braun mit orangerothen Flecken oder Querbinden beschreiben, zeigt die maroccanische
wie die algerische Form noch einen zweiten, höchst ausgezeichneten Färbungscharakter. Es
wechseln nämlich mit den etwas wellenförmigen orangerothen Querbinden in regelmässigster
Weise schwarze, schön weissgelb gefleckte Querbinden ab, so dass nach jeder rothen Binde ein
Stück braunen Grundes und dann eine schwarze, weissgelb gefleckte Binde abwechselnd quer
über den ganzen Rücken und die Seiten hin bis zum Anfange des Schwanzes folgen. Die
weissgelben Flecke treten besonders deshalb noch stark hervor, da die Ränder der Schuppen,
deren Mitte sie zieren, besonders dunkel gefärbt sind. Ausserdem zeigen sich zwei orangerothe
halbmondförmige Flecken jederseits zwischen Ohröffnung und Ansatzpunkt der Vorderextremitäten
und eine ebenso gefärbte Längsbinde, welche von der hinteren Hälfte des viertletzten Supra-
labiales an bis über die Ohröffnung hinauszieht.
Die ‚Details in den Maassen sind folgende:
Gesammtlänge des Thieres. . . 2 .2...0..°...0,3395 Meter,
Abstand des Schnauzenendes von der Ohröffnung 0,041 »
Koptibreitet} ‚us. euinkamung 10, suaw9f. H9D 19407036 »
Kopfhöhey dat nd Ssab. „Aasıif 2 Far SAT 01095 >
Länge der vorderen Extremität . . 2. ....00485 »
Länge der hinteren Extremität . . . ...... 0,0685 »
Länge der Hand mit dem vierten Finger . . . 0,0235 »
Länge des Fusses mit der vierten Zehe . . . 0,031 »
Länge: des Schwanzes nl. ! wo... 4..120,105 »
Körpenbreites sit rs us anne, ar 1070038 »
Entfernung der Insertionen der Gliedmaassen . 0,1095 »
Verhältniss der Körperlänge zur Schwanzlänge wie 1 : 0,84.
Diese Art wird von Dumeril und Bibron (a. a. O., 8. 702) aus Algerien und Aegypten
und von Eichwald (a. a. O., 8. 437) aus dem ganzen Orient und dem Kaukasus angegeben.
- 43 —
6. Fam, Sepidae,
11. Seps (Gongylus) ocellatus Forsk. sp. (Descript. anim., S. 13, spec. 4). (Tafel, Fig. 4).
Die fünf vorliegenden Exemplare von Casa blanca und aus der Umgebung der Stadt
Marocco stimmen vollkommen überein mit der bei Dumeril und Bibron (a. a. O., tom. V,
S. 616) gegebenen Diagnose und nur wenige geringe Abweichungen oder Unterschiede von der
dort, gegebenen Beschreibung sind mir aufgefallen.
Die Vorderfüsse ragen nämlich, längs des Halses nach vorn gelegt, bei einzelnen
Exemplaren noch etwas über den Mundwinkel hinaus und der Schwanz ist, entgegen der
bestimmt ausgesprochenen Bemerkung bei Dumeril und Bibron (a. a. O., S. 618), gelegentlich
nicht unbedeutend länger als der Körper. Die Ohröffnung erscheint mehr oder weniger deut-
lich viereckig; sie hat fast bei jedem Exemplar eine etwas andere Form; nie aber fand ich
sie dreieckig, wie sie Dum6ril und Bibron zu sein schien.
Ein im Jahre 1868 von Hrn. Hauptm. L. von Heyden aus den Alpujaras mitgebrachtes
spanisches Exemplar dieser Art (s. X. Ber. d. Offenb. Ver. f. Naturk., 1869, S. 52, Taf. I,
Fig. 1 und 2) unterscheidet sich nach eingehender Vergleichung nur in der Grösse und in der
etwas abweichenden Färbung von den unsrigen. Insbesondere sind bei jenem zwischen Ohr-
öffnung und Einfügungsstelle der Vordergliedmaassen etwa acht deutliche schwärzliche Längs-
binden zu erkennen, bei den maroccanischen Exemplaren dagegen zeigt sich an derselben
Stelle eine mehr oder weniger deutlich ausgesprochene Neigung zu fünf oder sechs dunklen
Querbinden.
Die Färbung unserer sämmtlichen Exemplare entspricht mehr oder weniger der Varietät
A bei Dumeril und Bibron (a. a. O., 8. 620), indem der Rücken auf einer Grundfarbe, der
bei den verschiedenen Individuen vom hellsten grünlichen Braungrau bis zum dunkelsten
Schwarzbraun wechselt, Längsreihen von weissen, beiderseits dunkel umsäumten Punkten trägt,
“die an den Seiten des Körpers und vorzüglich an denen des Halses mehr oder weniger deut-
liche Querreihen zu bilden scheinen. Die Unterseite ist in den meisten Fällen rein weiss; sie
wird gewöhnlich etwas dunkler, “wenn die obere Seite des Thieres besonders dunkel gefärbt
ist. Der Schwanz erscheint bei den meisten maroccanischen Exemplaren einfarbig oder nur
durch ganz schwache Längsstreifung oder Punktirung ausgezeichnet. Die Zungenspitze ist
immer grau gefärbt.
Folgendes sind die näheren Details unserer Exemplare:
1. Exemplar. Oberseite ‚besonders dunkel gefärbt und in brillantester Weise mit zahl-
—- 14 —
reichen quadratischen weissen Punkten übersäet. Ich zähle um die Mitte des Leibes 38 Längs-
schuppenreihen, während Dumeril und Bibron (a. a. O., 8. 620) nur ungefähr 30 angeben.
Gesammtkörperlänge . . . 2.2.0178 Meter,
Länge des Körpers bis zur Analöffnung 0,082 >»
Schwanzlängeiiyımu@T. is] mb. Zn. gieieih,ogätung
Verhältniss von Körperlänge zur Schwanzlänge wie 1: UM,
2. Exemplar. Weniger dunkel als Nr. 1, die Fleckenzeichnung bedeutend matter,
deutliche Längsstreifung. 35 Längsschuppenreihen um die Mitte des Körpers.
Gesammtkörperlänge . . 2.2... 0,2055 Meter,
Länge des Körpers bis zur Analöffnung 0,0905 »
Sehwanzlänge:ı, 34m Bö10, 50 „mu gli »
Verhältniss von Körperlänge zur Schwanzlänge wie 1: Ya.
3. Exemplar. Heller als Nr. 2, sonst diesem ähnlich. Nur 38 Längsschuppenreihen
um die Körpermitte.
Gesammtkörperlänge . . . 2.20, 0,1675 Meter,
Länge des Körpers bis zur Analöffnung 0,0955 >
Schwanzlängemitorsgel, ‚male „usb Hro7g »
Verhältniss von Körperlänge zur Schwanzlänge wie 1: SR
4. Exemplar. Hell, weder Längsstreifen noch Augenmakeln deutlich hervortretend. 36
Längsschuppenreihen um die Körpermitte. Ein Theil des Schwanzes fehlt.
Länge des Körpers bis zur Analöffnung 0,123 Meter,
5. Exemplar. Sehr hell, auf dem Rücken deutlich die sonst bei dieser Art so häufigen
Augenflecke. 36 Längsschuppenreihen um die Körpermitte,
Gesammtkörperlänge . . . 2.0, 0,202 Meter,
Länge des Körpers bis zur Analöffnung 0,120 »
Schwanzläuge 3b utoh, un dailaisıoy, 0,082 »
Verhältniss von Körperlänge zur Schwanzlänge wie 1 : 2%,
Als Vaterland dieses, wie es scheint, auch in Marocco häufigen Thieres geben Dumeril
und Bibron (a. a. O., S. 621) das Litorale des mittelländischen Meeres und speciell Sicilien,
Sardinien, Malta, Cypern und Aegypten an und ausserdem noch Tenerife. J. Erber nennt ihn
(Verh. d. zool.-bot. Ges. in Wien, 1868, Bd. 18, S. 904) einen Bewohner von Rhodus. Aus
Spanien wird er zuerst nach Hrn. L. Perez Arcas (i. litt. an Hrn. Hauptm. L. von Heyden vom
26. April 1871) von Ant. Machado (Catalog. reptil. et amphib. hispan. 1836) angegeben.
— 45 —
Strauch (Mem. d. Yacad. imp. d. science. d. St.-Petersbourg, VI. Ser., tom. IV, No. 5, 8. 43)
kennt ihn ausserdem aus Arabien, Sennaar und aus ganz Algerien und Tunis; Gervais (Ann.
d. sciene. nat, II. Ser., tom. VI, 8. 309) führt ihn zuerst aus Marocco von Tanger an; von
Fritsch fand ihn 1863 auch auf der Insel Ferro. Günther nennt ihn schliesslich (Proceed. of
the zool. Soc. of London 1871, S. 241) noch von Abessinien und Madeira.
12. Seps (Seps) mionecton n. sp. syn. Seps (Gongylus) viridanus Günther partim
(Proceed. of the zool. Soc. of London 1871, S. 243), von Gravenhorst. (Tafel, Fig. 6).
Es wurden drei Exemplare dieser von Günther, wie es scheint, irrthümlich zu Gongylus
viridanus Gravenh. (Act. Nov. Acad. Caes. Leopold. Carol., Bd. 23, 8. 348, Taf. 35, fig. 1
bis 6) gezogenen Art von den Reisenden auf dem Plateau von Schiodma gesammelt.
Char. Kopf wie bei Seps (Gongylus) ocellatus. Aber das Rostrale sehr gross und
breit, oben viel flacher gewölbt, nahezu viereckig, oben auf beiden Seiten zur Aufnahme der
Nasalen sehr tief ausgeschnitten. Supranasalen in eine einzige Platte verschmolzen, welche
sechseckig und viermal breiter als lang ist. Frontale etwas kürzer und besonders vorn breiter
als bei ocellatus. Frenonasale nahezu rhombisch. Ein grosses und dahinter ein. kleineres
Frenale; letzteres, sowie das erste von den zwei oder drei Frenoorbitalen getrennt von den
Supraorbitalen durch eine Reihe von nur vier Supraciliaren, von denen das zweite besonders
in die Länge gezogen ist. Vorn und hinten nur vier Zehen; Schwanz von % der Körperlänge.
Rücken an den Seiten mit zwei helleren Längsbinden, Bauch immer hell gefärbt.
Von den zwei, von A. Günther zu viridanus gestellten Exemplaren des British Museum aus
Nordafrika unterscheidet sich unsere Form nur durch die noch spitzer keilförmige, den Unter-
kiefer ziemlich weit überragende Schnauze, die stets zu einer Platte vereinigten Supranasalen und
die deutlich schief gestellte, ovale, vorn mit schwach überhängenden Schuppen versehene Ohr-
öffnung. - Dass Günther diese nordafrikanische Form mit dem Gravenhorst’schen viridanus, der
ihm in einem anscheinend verkümmerten vierzehigen Stücke!) vorgelegen hat — alle drei
Exemplare Gravenhorst’s von Tenerife und meine sieben Stücke von Tenerife und Ferro zeigen
vorn und hinten fünf Zehen —-, vereinigt, nimmt mich um so mehr Wunder, als sie von diesem
durch eine ganze Reihe von Merkmalen scharf zu unterscheiden ist.
Vor allem ist es die Form der Ohröffnung, die noch spitzere und deutlich übergreifende
Schnauze sowie die wie bei ocellatus von den Supraorbitalen durch die vordersten Supraciliaren
1) Das einzige Stück von Seps (Gongylus) ocellatus Forsk. sp., welches Hr. Hauptm. L. von Heyden
im Jahre 1868 mit aus Spanien brachte (X. Ber. d. Offenb. Ver. f. Naturk., 1869, S. 52, Taf. I, Fig. 1 u. 2),
war ebenfalls ein monströses Exemplar mit sechs Zehen an allen Extremitäten.
Abhandl, d. Senekenb. naturf. Ges., IX. Bd. 19
- 16 —
getrennten Frenoorbitalen, die zu einer Platte verschmolzenen Supranasalen, das constante
Auftreten von nur vier Zehen an Vorder- und Hinterextremitäten, der kürzere Schwanz und
schliesslich auch die ganz abweichende. Bauchfärbung, welche die nordafrikanische Art von der
südcanarischen Form leicht trennen lässt.
Der allgemeine Habitus unserer Form ist der einer breitgedrückten, kurzschwänzigen
Blindschleiche, deren Körper ohne auffallende Verschmälerung in den vorn Stark zugespitzten
Kopf übergeht. Der Kopf ist pyramidal, seitlich stark zusammengedrückt, kurz,: mit etwas
spitzer, aber sanft gerundeter und stark über den Unterkiefer übergreifender Schnauze. Die
in der Richtung der Mundspalte, liegenden Ohröffnungen sind klein und jederseits in eine ovale,
vertiefte, nach hinten und oben gerichtete Grube eingesenkt, deren vorderer Rand durch eine
bis drei, von den in der Nähe liegenden nicht verschiedene Schuppen theilweise überdeckt
wird. Die kleinen, nur von der Schnauzenspitze bis zum Hinterrande des Auges reichenden,
Vorderfüsse haben vier Zehen, von denen die zweite und vierte gleich gross, die zwischen
ihnen stehende die grösste, und die innerste, nagellose, der Daumen, sehr klein ist. Die
Hinterextremitäten sind nahezu doppelt so gross als die Vorderfüsse, ebenfalls mit vier Zehen
versehen, die gewöhnlich sämmtlich mit Nägeln besetzt sind, deren erste, innerste, kürzeste
Zehe aber gelegentlich ungenagelt vorkommt. Die Zehen der Hinterfüsse nehmen von innen
nach aussen successive an Grösse zu. Der an seiner Basis nur wenig verschmälerte Schwanz
ist drehrund und etwa 2%% so lang als der Körper. Die sehr breiten, glatten Schuppen sind
in der Mitte des Körpers bei sämmtlichen Exemplaren auf 24 Längsreihen vertheilt; Quer-
reihen sind zwischen der Insertion der Vorderextremitäten und der Analöffnung 72 bis 73
vorhanden. Die vier Schuppen, welche die Analöffnung begrenzen, sind nur wenig grösser als
die vorhergehenden, nach hinten etwas zugespitzt.
Die Färbung, die Günther (a. o. a. O., S. 243) recht kenntlich schildert, ist auf der
Oberseite ein mehr oder weniger dunkles Graubraun oder röthliches Olivenbraun mit je einem
links und rechts den Rücken zierenden, breiten, stets deutlich heller gefärbten, isabellgelben,
hellgrauen oder hell braungrauen, bis an die Schwanzbasis reichenden Längsbande. Ausserdem
zeigen zwei von unseren Exemplaren mehr oder weniger deutlich auf dem dunkleren Unter-
grunde und eins davon auch auf den Längsbändern die für viele Scincoiden und Sepiden
charakteristischen weissen, seitlich schwarz eingefassten Ocellenflecken, die in Längsreihen
gestellt sind und auf dem Schwanze, wo sie bei sämmtlichen Stücken deutlicher ausgeprägt
erscheinen, sechs oder acht Querbinden bilden. Die Färbung des Rückens geht allmählich in
die stets gelblich-weisse des Bauches über. Die Commissuren der Labialen, die Halsseiten und
=
bei einem Exemplare auch das Unterkinn und die Kehlgegend vor der Einfügungsstelle der
Vordergliedmaassen sind mehr oder weniger lebhaft mit schwarzgrauen Punktzeichnungen
pigmentirt.
Die Details in den Maassen sind folgende :
1. Exemplar mit regenerirtem Schwanze.
Gesammtlängeksiha #: ur er 0rL085; Meter,
Abstand des Schnauzenendes von der Ohröffnung 0,011 »
Kopfbreitekisiner items OT. »
Kopfhöhesie: Hatyatias dest RB 000
Länge der vorderen Extremität . . 2 2... 0,008 »
Länge der hinteren Extremität .. . - . .2..0,015 »
Länge der Hand mit dem längsten Finger . . 0,003 » E
Länge des Fusses mit der längsten Zehe . . . 0,0065 »
Länge des Schwanzes (regenerirt) . . . . ...0,023 »
; Körperbreiten. na ee 0,009 »
2. Exemplar, ebenfalls mit regenerirtem Schwanze.
Gesammtlängens: snelihr naar er 50 Meter
Abstand des Schnauzenendes von der Ohröffnung 0,011 »
Kopfbreite: ar. -Ha2 nr 88H Ba ur 3a
Kopihöhensinsaser. sin siarad I Ro aasık- 44100055 >
Länge der vorderen Extremität .. ...... » ....: 0,008 - »
Länge der-hinteren Extremität ....... 2% 0,0135 >»
Länge der Hand mit dem längsten Finger . . 0,008 >» >
Länge des Fusses mit der längsten Zehe . . . 0,006 » : ‚
Länge des Schwanzes (regenerirtt) .. .........0,0485 >» j
Könpenbueiteuideng nie ar. neh ieradt Anemalemo 0301355 D
3. Kleinstes, ganz intactes Exemplar.
GSAMMHÄNgE: ayrsane ind dere wie 1 > Br 06:-Meter;
Abstand des Schnauzenendes von der Ohröffnung 0,0085 » R
Kopfbreike Saun-srahnif] nahe uoäsbl-ollei Sana 00655 >
Kopihühe.nan: siaiten teaser basunuleslt. >0005,.58
Länge der vorderen Extremität . . 2 2........0,0045 » [ar
Länge der hinteren Extremität . ...2.......0011. >»
Länge der Hand mit dem längsten Finger 0,0025 Meter
Länge des Füsses mit der längsten Zehe . . . 0,005 »
Schwänzlangene sn a re ee 00 02er
Koörperbreiter ats. ee) ERUHR2OT DILZ, 1822000 >
Verhältniss der Länge des Körpers zur Länge des Schwanzes wie 1: 0,67.
Ich habe diese maroccanische Art, für die ich den Namen mionecton gewählt habe, um
anzudeuten, dass sie weniger als fünf Zehen besitze, zur Günther’schen Gattung Seps (vergl.
Proceed. a. a. O., $. 240 u. f.) und wegen der vorn etwas verdeckten ovalen Ohröffnung zu
dessen Untergruppe Seps Daud. stellen zu müssen geglaubt. Sie scheint den Uebergang
zwischen Seps (Gongylus) ocellatus Forsk. sp. und Seps (Seps) tridactylus Laur. sp. zu
vermitteln.
Die Art wird bis jetzt blos aus dem nordwestlichen Afrika angegeben, wo sie neben
Seps (Gongylus) ocellatus Forsk. sp. vorkommt.
7. Fam. Amphisbaenae,
13. Drogonophis Wiegmanni Kaup (Isis 1830, pag. 880, Taf. VII, Fig. t).
Es liegen zwei Exemplare dieser von P. Gervais als Amphisbaena elegans (Bull. scienc.
nat. d. France, 1835, pag. 135 u. Magas. zool. Guerin-Meneville, 1836, class. II, pl. 11)
beschriebenen und abgebildeten Art vor, ein kleineres von Koreina und ein grösseres von
Casa blanca. Nach Aussage des Hrn. Viceconsuls Lopez in Casa blanca heisst das Thierchen
im Spanischen »Vivora«.
Die Diagnose und Beschreibung der Kopfschilder bei Dumeril und Bibron stimmt so
vollkommen mit unseren Exemplaren überein, dass ich ihr nichts hinzuzusetzen wüsste. Die
Zahnbildung habe ich, da die Bestimmung eine vollkommen sichere ist, um die schönen Stücke
nicht zu zerstören, nicht geprüft. Der Schwanz ist bei unseren Stücken etwas länger als bei
den Dumeril’schen Exemplaren; Dumeril und Bibron geben ihn zu Yır der Körperlänge an.
Der Kopf ist bis auf zwei helle Flecken oder Binden quer über die Schläfen dunkel
grünlichgrau, ebenso ist die Kehlgegend schwarzgrau gefärbt; der Körper erscheint schach-
brettartig schwarz und gelblich gewürfelt.
1. Exemplar von Koreina. Querreihen von Schildern bis zur Analöffnung 152, Quer-
— 149 —
reihen von Schwanzschildern 11. Längsreihen von Seitenlinie zu Seitenlinie, oben 31, unten
ebenfalls 31. Praeanalschilder 8, von denen die beiden mittleren besonders verlängert sind.
Gesammtkörperlänge . » . 2... 0,136 Meter,
Länge des Körpers bis zur Analöffnung 0,1265 »
Länge .des Schwanzes ...... 40... »..0,0095. »
Grösste Breite in der Mitte des Bauches 0,009 »
Verhältniss der Schwanzlänge zur Gesammtkörperlänge wie 1 : 14.
2. Exemplar von Casa blanca. Querreihen von Schildern bis zur Analöffnung 149,
‚Querreihen von Schwanzschildern 11. Längsreihen von Seitenlinie zu Seitenlinie, oben 29,
unten 27. Praeanalschilder wie oben.
Gesammtkörperlänge . .......... 0,1895 Meter,
Länge des Körpers bis zur Analöffnung 0,178 » \
Länge des Schwanzes’ „un. „2007 x0,0115 >
Grösste Breite in der Mitte des Bauches 0,0125 >»
Schwanzlänge zur Gesammtkörperlänge wie 1 : 161%.
Dumeril und Bibron geben diese Art von Algier, von Tanger (M. Eydoux) und von den
Zafaraninseln (M. Bravais) an, welche südöstlich von Melilla an der mittelmeerischen Küste
von Marocco unter 35° 12' n. Br. u. 2° 25° westl. L. von Greenwich liegen.
Il. Ordn. Ophidii.
1, Fam, Coronellidae.
14. Ooronella girondica Daudin sp. (1804, tom. VI, pag. 432).
Das einzige vorliegende Exemplar, welches aus der Stadt Marocco stammt, stimmt ins-
besondere mit Fig. 3 bei Jan (Iconographie generale des Ophidiens, Paris, Livr. XVII, Taf. III)
sowohl was Kopf- als auch Rückenzeichnung anlangt, gut überein; nur ist der hintere Theil
des Kopfes wie in Fig. 2 (ebenda) verwaschen dunkler pigmentirt. Die Lage und Form der
Kopfplatten ist insbesondere mit Fig. 3,f vollkommen übereinstimmend. Von der verwandten
Coron. laevis Laur. sp., deren Vorkommen in Nordafrika ich, beiläufig gesagt, noch entschieden
bezweifeln möchte (vergl. auch A, Strauch in Mem. d. l’acad. imp. d. scienc. d. St.-Pötersbourg,
tom. IV, No. 6, 8. 54), ist unsere Form durch grössere Anzahl von Schuppenreihen und von
Bauch- und Schwanzschildern — so zeigen sächsische Exemplare von laevis, die ich der Güte
des Hrn. Prof. F. W. Fritzsche in Freiberg verdanke, nur 19 Schuppenreihen und von 179
bis 181 Bauch- und 47—52 alternirende Analschilder — und besonders leicht durch die
Stellung der Supralabialen zum Auge zu unterscheiden, indem bei görondica das vierte und
fünfte, bei /uevis aber das dritte und vierte Supralabiale den Rand des Auges berühren.
Längere Zeit, und ehe ich genügendes Vergleichungsmaterial hatte, war ich auch im Zweifel,
ob wir es nicht mit Coron. (Psammophylax) eucullata Geoftr. (Geoffroy St.-Hilaire, Descript.
Egypt. hist. nat., tom. I, 1809, Rept., Taf. VIII, Fig. 3) zu thun hätten, die von Dumeril und
Bibron (Erp6tologie generale, Paris, tom. VII, 2, S. 929) als sehr gemein in Algier angegeben
wird, zudem die Figuren bei Jan (a. a. O., Livr. XIX, Taf. I, Fig. 3.B), was die Kopfbedeckung
anlangt, leidlich übereinstimmen. Einen wesentlichen Unterschied ausser in dem Charakter der
Kopf- und Nackenzeichnung fand ich nur in Zahl und Form der Schläfenschuppen. Gegen
das untere Postoculare und das sechste Supralabiale ziehen bei C. girondica gewöhnlich und
auch bei unserem maroccanischen Exemplar zwei langgestreckte rhomboidische Temporal-
schuppen, die wenigstens zweimal länger als breit sind, und deren grössere Seiten dem Ober-
rande des siebenten Supralabials parallel laufen, während .C. cucullata gewöhnlich nur eine
— 151 —
Schläfenschuppe besitzt, und wenn zwei vorhanden sind, so ist die untere grössere doch selten
anderthalbmal länger als breit, gewöhnlich nur so lang als breit. Eine Untersuchung der
Bezahnung musste den Ausschlag geben, und in der That zeigten die hintersten Zähne des
Öberkiefers nicht die geringste Furchung, wie sie für cucullata charakteristisch ist. Es ist
wohl kaum möglich, eine so auffallende Zahnbildung, wie sie Guichenot (Expedition d’Algerie,
Rept., Taf. TI, Fig. 2) bei dem der Coron. cueullata synonymen (Dume£ril und Bibron, a. a. O.,
tom. VII, 2, 8. 926) Macroprotodon mauritanicus Dum. et Bibr. abbildet, zu übersehen.
Unser Exemplar stimmt in der Form der Kopfschilder vollkommen mit dem von Herrn
Hauptmann L. von Heyden im Jahre 1868 aus den Alpujaras (Sierra Nevada) mitgebrachten
Stücke, das ich (X. Bericht d. Offenbacher Vereins f. Naturk., 1869, S. 55) irrthümlicher Weise
als Coronella laevis Laur. var. hispanica m. beschrieben habe. In der Färbung des Kopfes
und Oberkörpers stimmt das maroccanische Exemplar mit dem spanischen bis auf unter-
geordnete Details in der Nackenzeichnung überein, die bei der ersteren Form einem hinten
geöffneten, bei der letzteren einem hinten geschlossenen Hufeisen ähnlich sieht. Die Unter-
seite ist sehr auffallend verschieden, bei der maroccanischen Form schöne Schachbrettwürfelung,
bei der spanischen nur an den Seiten wenige, ganz schwache, schwarze Fleckehen. Ich möchte
übrigens der auf dem Bauch fast ungefleckten spanischen Varietät aus den Alpujaras und von
Malaga (E. von Siebold in litt, a. a. O., 8. 55) ihrer auffallenden Färbung wegen den Namen
(Coronella girondica Daud. sp.) var. hispanica m. belassen.
Die Farbe des Oberkörpers ist bei unserem Exemplar ein braunroth angeflogenes Gelb-
grau; die Rückenzeichnung wird durch Schuppen hervorgebracht, die nur an ihren Rändern
schwarz gefärbt sind. Die Unterseite ist glänzend weissgelb mit zahlreichen Würfelflecken,
die, jedesmal die Hälfte der Bauchschilder einnehmend, unregelmässig alternirend, die Bauch-
fläche schachbrettartig schwarz und gelbweiss gefleckt erscheinen lassen.
Die Schuppen sind auf 21 Längsreihen vertheilt. Ich zähle 201 Bauchschilder, doppeltes
Analschild und 59 regelmässig alternirende Schwanzschilder.. Dumeril und Bibron geben
(a. a. O., tom. VII, 1, 8. 612) bei girondica nur bis zu 190 Bauch- und 62 bis 64 Schwanz-
schilder an.
Gesammtlänge 0,461 Meter,
Schwanzlänge 0,085 »
Verhältniss der Schwanzlänge zur Gesammtkörperlänge wie 1: 5!le.
Dumeril und Bibron führen diese Art (a. a. O., $. 613) von Frankreich, Griechenland
und Algier an. L. Bonaparte beschreibt sie als Coluber Riceioli (Iconogr. d. Faun. Ikal.,
—- 12 —
I. Bd., Rom 1832—41) zuerst aus Italien; M. P. Gervais fügt (Ann. des scienc. nat., II. Ser.,
tom. X, Zoolog., S. 205) als maroccanischen Fundort bereits 1848 Tanger hinzu. Paulino
d’Oliveira nennt (vergl. X. Ber. d. Offenb. V., S. 51) sie zuerst aus Portugal; ich kenne sie
(ebenda, S. 55) auch aus Spanien.
15. Coronella (Psammophylax) brevis Günther (Troschel’s Archiv für Naturgeschichte,
Bd. XXVUI, 1, Berlin 1862, S. 48).
Vorliegende im hohen Atlas auf dem Tisi Tacherat 8000° hoch im Reraja-Thal gefangene,
mit deutlichem hinterem Furchenzahn ausgestattete Schlange stimmt bis auf die Fleckenzeich-
nung der Bauchschilder, welche dem Günther’schen Originalexemplare fehlt, so vollkommen mit
der Beschreibung der oben genannten maroccanischen Art überein, dass ich keinen Anstand
nehme, ihr den Namen brevis zu ertheilen. Ob dieselbe aber specifisch von der sehr nahe
verwandten Cor. (Psammophylax) eucullata Geoffr. (Is. Geoffroy St.-Hilaire, Descript. Egypt.
Hist. nat., tom. I, 1809, Rept. pl. VII, Fig. 3), die in Algier, in Tunis und nach A. Strauch
(Mem. etc., S. 57) auch in Aegypten vorkommt, zu trennen oder nur als Localvarietät von
dieser zu betrachten sein wird, halte ich noch für eine offene Frage.
Von der gleichfalls in Marocco vorkommenden Coronella gürondica Daud. sp. lässt sich
unsere Form, abgesehen von der Kopfzeichnung, durch die robustere Gestalt bei gleicher
Körperlänge, die mehr zugerundete Schnauze, die kleineren Augen und den wie von oben und
unten abgeplatteten Kopf, welcher fast wie bei einem Sphenops keilförmig zugespitzt erscheint,
schon äusserlich leicht unterscheiden. Auch sind die hinteren Sublabialen, besonders die
vierte und fünfte breiter als bei girondica.
Viel mehr Schwierigkeit macht eine scharfe Unterscheidung von Cor. cucullata Geoftr. N
Mit Fig. 35 bei Jan (a. a. O., Livr. XIX, pl. I) stimmt unser Exemplar in der Kopffärbung
nahezu — die Mförmige Zeichnung auf dem Oberkopfe ist etwas heller gefärbt — in der
Rückenzeichnung vollkommen überein; die Bauchzeichnung dagegen ist etwas abweichend, indem
die graulichen Flecken der Unterseite bei unserem Exemplar etwas mehr in die Bauchmitte
gerückt sind.
In Bezug auf die Form der Kopfschilder steht das Stück der Fig. 3B/ von cueullata
am nächsten, aber das fünfte Superlabiale ist nicht getheilt, und das sechste reicht bis hinauf
an das Oceipitale, so dass die Postocularen die Schläfenschuppen gar nicht berühren. Die
Unterseite des Kopfes stimmt in der Beschilderung am besten mit Jan’s Fig. 4b überein.
Die Seitenansicht des mit Cor. eueullata synonymen Macroprotodon mauritanicus Dum.
et Bibr. (Guichenot, Explor. scientif. de ’Algerie, 1846, Rept. pl. II, Fig. 24) zeigt dagegen
sehr deutlich die Berührung des Oceipitale mit dem sechsten Superlabiale, wie. es auch unser
Exemplar von Drevis erkennen lässt. Die Färbung des in Fig. 2 abgebildeten Stückes aber
entfernt sich sehr von der des, unsrigen.
Wir sehen somit, dass Form und Lage der Kopfschilder fast ganz mit der bei Cor.
eueullata gewöhnlichen übereinstimmt. Dagegen ist, wie bereits Günther (a. a. O.) bemerkt,
der kurze Habitus und die vermehrte Schuppenzahl ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal,
und noch mehr ist es der keilförmig zugespitzte Kopf und die Kleinheit der Augen.
Die Farbe des Rückens ist bei unserem Exemplar ein schmutziges Braunroth, ‘die des
Bauches ein schönes gelbliches Fleischroth. Die Nackenzeichnung und der Streif unter dem
Auge ist glänzend schwarz, der Oberkopf und die Kinnschilder sind mit feinen braunschwarzen
Punkten, wie sie auch bei Cor. laevis und girondica vorkommen, dunkel pigmentirt. Die
Rückenzeichnungen werden durch schwarze Schuppenränder, die Bauchzeichnungen durch grau-
schwarze, der Mittellinie des Körpers nahe gerückte, wenig ausgedehnte Dreiecke oder
Paralleltrapeze gebildet, deren Spitze wach hinten gerichtet ist. Der Schwanz zeigt auf seiner
unteren Seite eine graulich pigmentirte Mittellinie.
Das vorliegende, besonders gut erhaltene Stück hat eine Gesammtlänge von 0,350 Meter,
wovon 0,058 Meter auf den Schwanz kommen. Es verhält sich demnach die Länge des
Schwanzes zur Länge des ganzen Körpers wie 1 : 6. Der grösste Körperumfang in der Mitte
des Rumpfs beträgt 0,047 Meter.
Schuppenreihen zähle ich wie Günther 23. Dume£ril und Bibron (a. a. O., tom. VII, 2,
S. 927) und Jan (a. a. O., Fig. 3 A und B) geben bei cucullata nur 19, Günther (a. a. O.,
S. 48) 19, ausnahmsweise 21 Schuppenreihen an. Unser Exemplar hat 167 Bauchschilder,
doppeltes — Dumeril und Bibron geben, wie bereits A. Strauch (Mem. de l’Acad. imper. des
seiene. de St.-Petersbourg, VII. Ser., tom. IV, No.”7, 8. 55) anführt, bei euecullata S. 927 irr-
thümlicher Weise ein einfaches Analschild an — Analschild und 43 alternirende Schwanzschilder.
Als Vaterland gibt Günther (a. a. O.) eine namenlose Insel im Hafen von Mogador
(Marocco) an.
Bemerkungen. Die ausserordentliche Aehnlichkeit, welche die mit gefurchtem hinterem
Oberkieferzahn versehenen Arten eueullata und brevis mit den mit glattem Zahn ausgestatteten
laevis und girondica in Habitus, in Anordnung der Kopfschilder, in Körperzeichnung und
Färbung, ja in Bau und in Stellung der übrigen Zühne haben, bestimmt mich, Günther
(a. a. 0. 8. 48 u. £) zu folgen und die für die ersteren von Fitzinger aufgestellte Gattung
Psammophylax höchstens für eine Untergattung von Coronella gelten zu lassen. Dass eine
Abhandl. d. Senckenb. naturf. Gesellsch., Bd. IX. 20
Er
=. fat. —
sonst als erstes systematisches Kennzeichen anerkannte totale Verschiedenheit im Zahnbau bei
der Familie der Coronellen und bei einigen anderen Schlangenfamilien nicht einmal die Be-
deutung eines generischen Merkmals hat, bespricht Günther ebendaselbst in eingehender und
überzeugender Weise, wie es früher schon A. Strauch in seinem »Essai d’une herp£tologie
d’Algerie« (M&m. de Pacad. imper. d. science. de St.-P6tersbourg, tom. IV, No. 7, 1861, 8. 6)
angedeutet hatte.
2. Fam. Natrieidae.
16. Tropidonotus viperinus Latr. sp. (Rept., tom. IV, 8. 49, Tafel, Fig, 4, bez.
auf $. 32, 1802).
Es liegen zwei gut erhaltene Exemplare vor, welche in der Umgebung der Stadt Marocco
gesammelt wurden. ’
Die Kopfschilder in Zahl, Lage und Form nahezu mit denen zweier Exemplare, die Herr
Hauptmann L. von Heyden 1868 bei Almuradiel (Sierra Morena) in Spanien sammelte (vergl.
X. Ber. d. Offenbacher Vereins f. Naturk., 1869, S. 54), übereinstimmend. Der einzige Unter-
schied besteht darin, dass unsere Exemplare nur ein Praeocular, die beiden spanischen Stücke
zwei Praeocularen besitzen. Doch geben bereits Dum6ril und Bibron (Erpetolog. gener., tom.
VI, 1, 8. 562) an; dass die Zahl der Praeocularen von eins zu zwei varjirt, und auch Jan
(Teonograph. gener. des Ophidiens, Paris, Livr. XXV, Taf. VI, Fig. 2«—g) zeichnet ein in der
Kopfbekleidung vollkommen übereinstimmendes Exemplar mit nur einem Praeocular. Die
Zeichnung der Kopfbedeckung bei Schlegel (Essai sur la physiognomie des serpents, Haag 1837,
Taf. XIL Fig. 14 u. 15) weist zwei Praeocularen und vier Postocularen auf, ein Charakter,
der gar nicht dem typischen Zr. viperinus, sondern dem mitteleuropäisch-asiatischen Tr.
tesselatus Laur. sp. zukömmt. Unsere beiden Stücke zeigen, wie die spanischen Exemplare,
die für viperinus charakteristischen zwei Postocularen.
Beide besitzen auch, wie die Stücke aus Spanien, sieben Superlabialen, von denen das
dritte, höchstens noch das vierte mit .einer kleinen Basis das Auge berührt und bestätigen
somit aufs Neue, was ich seiner Zeit (X. Ber. d. Ofl. V., 8.55) über die vollkommen gerecht-
fertigte Trennung von Tr. viperinus und tesselatus gesagt habe. Es scheint sich somit Zr.
viperinus zu tesselatus in einem ihrer wesentlichsten Charaktere gerade umgekehrt wie
N
Coronella girondica Daud. sp. zu laevis Laur. sp. zu verhalten. Dort ist ein Kennzeichen des
mehr südlichen und westlichen vöperinus die Berührung des Auges mit einem weiter nach vorn
liegenden, dem dritten Superlabiale, bei dem mehr nördlichen und östlichen tesselatus dagegen
Berührung wit dem vierten Superlabiale, hier ist es das Hauptmerkmal der nördlicheren laevis,
dass das dritte und vierte Superlabiale das Auge berührt, während bei der südlicheren girondica
erst das vierte und fünfte Superlabiale an das Auge anstösst.
Dass L. H. Jeitteles nach sehr. eingehenden Untersuchungen (Prodromus faunae verte-
bratorum Hangariae superioris in d. Verh. d. bot.-zool. Ges. in Wien, Bd. XI, 1862, S. 285)
Tropidonotus hydrus Pall. Fitz. und tesselatus Laur. Boie für dieselbe Art erklärt, finde ich
vollkommen gerechtfertigt, dass er aber zugleich tesselatus mit der ächten viperinus und ihren
Varietäten (var. ocellata und chersoides Wagl.), wie sie Nordmann (Fauna pontica, S. 349),
Dumeril und Bibron (Erp6tolog. gener., tom. VI, I. 8. 562), Jan (a. o. a. O.) und V. Fatio
(Faune ‚des Vertebrös d. 1. Suisse, Bd. II, Genf 1872, 8. 157 u. £.) aus Spanien, Sardinien,
dem südlichen Frankreich, der Schweiz, Italien und Nordafrika beschreiben und abbilden, zu
einer Art vereinigen will, muss uns schon um deswillen bedenklich erscheinen, als er, nach
seinen Abbildungen und Beschreibungen zu urtheilen, auch nicht ein Exemplar des ächten süd-
westeuropäischen und nordafrikanischen viperinus, sondern nur Stücke des ‚mitteleuropäisch-
asiatischen tesselatus zur Vergleichung vor sich gehabt haben kann. In der That bezeichnen
sämmtliche obengenannte Forscher übereinstimmend die Zahl der Praeocularen bei viperinus oder
bei seiner Varietät chersoides zu eins oder zwei, die der Postocularen immer zu zwei, was ich
nach eigener Untersuchung an den bereits oben erwähnten vier Exemplaren vollkommen be-
stätigen kann, während Schlegel (a. o. a. O.), Nordmann (a. o. a. O.), Eichwald (Fauna
Caspio-Caucasia, Petersburg 1841, $. 139),: Peters (Monatsber. d. Acad. d. Wiss. zu Berlin
a..d. J. 1863, 8. 370), Kirschbaum (Rept. u. Fische d. Herzogth. Nassau, Wiesb. 1865, 8. 20),
Jeitteles (a. a. O., 8. 283—286), V. Fatio (a. 0. a. O0. 8. 165 u. f.) und ich (a. o. a. ©.
und ganz neuerdings an acht weiteren Exemplaren, welche der Senckenberg’schen Sammlung
angehören) übereinstimmend an allen untersuchten Stücken des ächten tesselatus, der Varietät
hydrus Pall. und der Varietät gracilis Eichw. aus Nord-Italien, dem mittleren Frankreich, dem
Tessin, aus Nassau, Oesterreich, Kärnthen, Böhmen, Mähren, Ungarn, Istrien, Dalmatien,
Griechenland, Trapezunt, Astrachan, der Kirgisensteppe, Persien und Aegypten .zwei bis vier
Praeocularen und stets drei bis fünf Postocularen gefunden haben. Auch die Zahl der Bauch-
und Schwanzschilder ist bei beiden Arten eine verschiedene, tesselatus hat gewöhnlich 160 bis
190 Bauch- und 60—80 alteruirende Schwanzschilder, viperinus blos 150 bis 160 Bauch- und
35 bis 60 Schwanzschilder. Fügen wir schliesslich noch hinzu, dass tesselatus und viperinus
nach den neueren Beobachtungen von de Betta (Atti dell’ Istituto Veneto, Bd. X, 8. 513 bis
542) und Fatio (a. o. a. O.) in Italien und in der Schweiz vollkommen unvermischt neben
einander vorkommen, so ist nach unserer Meinung die Frage endgiltig entschieden, dass wir
es hier mit zwei scharf getrennten Formen, denen wir den Begriff von Species nicht absprechen
dürfen, zu thun haben.
Die Färbung des kleineren Exemplars aus Marocco ist nicht so intensiv, wie die der
Stücke aus Spanien, graulich gelbbraun, die Unterseite schmutzig gelbweiss, die Fleckenzeich-
nung auf dem Rücken sehr ähnlich der der spanischen Exemplare, aber mehr olivengrau, die
Bauchzeichnung schwarzgrau. Hellgelbe Fleckchen, welche die dreieckigen schwarzgrauen
Seitenflecke umziehen, treten bei diesem Exemplar nicht hervor, während die übrigens jüngeren
spanischen Stücke dadurch ein besonders buntes Ansehen erhalten. Auch in der Färbung
stimmt Fig. 2a—g bei Jan (s. oben) nahezu mit unserem Exemplar überein; nur sind
dort helle Punkte in den dunkeln seitlichen Rhombenflecken, die ebenfalls bei unserem
Stücke fehlen. x
Das zweite, grössere Exemplar zeigt auf seiner oberen Seite ein helles Rothbraun;
‚die Fleckenzeichnung des Rückens ist schwarzgrau und die Seitenzeichnung der der
spanischen Stücke ähnlich, indem sich in der Umgebung der Seitenflecke eine etwas lichtere
Färbung bemerklich macht. Die Unterseite ist gelblich fleischfarben, die Würfelflecken sind
grauschwarz.
Die Schuppen sind bei beiden Exemplaren auf 21 Längsreihen vertheilt, während Dumeril
und Bibron und Schlegel 19 als die gewöhnliche Zahl bezeichnen.
Die näheren Details und die Maasse 'bei den einzelnen Stücken sind:
1. Kleineres Exemplar mit 158 Bauch- und 56 alternirenden Schwanzschildern, was
nahezu mit den von Dumeril und Bibron (a. a. O., S. 562) angeführten Zahlen 154 und 55
übereinstimmt.
Gesammtlänge 0,497 Meter.
Schwanzlänge 0,090 »
Verhältniss der Schwanzlänge zur Gesammtkörperlänge wie 1 : 5!r.
2. Grösseres Exemplar mit 158 Bauch- und nur 38 alternirenden Schwanzschildern.
Gesammtlänge 0,830 Meter.
Schwanzlänge 0,112 »
Verhältniss der Schwanzlänge zur Gesammtkörperlänge wie 1 : 7!ja.
Tropidonotus viperinus Latr. sp. kommt nach Dumeril und Bibron (a. a. O., S. 562) in
Frankreich, Sardinien, Spanien und Algier vor; Schlegel fügt (a. a. O., tom. II, S. 326) hinzu,
dass Quoy, Gaimard und Gerard dieselbe noch an mehreren Punkten der Küste der Berberei
aufgefunden haben, und schon 1836 zählt M. P. Gervais (Ann. des science. nat., II. Ser.,
tom. VI, Zoologie, S. 312) diese Art in der Varietät chersoides Wagl. speciell von Tanger in
Marocco auf. De Betta führt die typische Form und die Varietät chersoides Wagl. (Atti dell’
Istituto Veneto, Bd. X, 8. 513—542) im Jahr 1865 auch als Bewohnerin von Italien an,
V. Fatio (Faune des Vertebres de la Suisse, Bd. II Genf 1872, S. 157) als Bewohnerin
der Schweiz,
3. Fam. Colubridae,
17. Zamenis (Periops) hippocrepis L. sp. (Mus. Ad. Frid., 1754, S. 36, Taf. XVI, Fig. 2).
Vor mir liegen vier grössere und kleinere Exemplare, von denen das kleinste von den
Reisenden bei der Stadt Marocco und ein grösseres bei Casa blanca (Dar el beida) eriegt
wurden; zwei Stücke stammen von Sus, aus einem der südlich vom maroccanischen Atlas
gelegenen Thäler.
Die Stücke besitzen 25—29 Längsschuppenreihen, 222—231 Bauchschilder, während
Dumeril und Bibron die Zahl derselben auf 214—249 angeben, stets doppeltes Analschild ?)
und 94—99 alternirende Schwanzschilder.
Besonders nahe in der Färbung scheinen unsere Exemplare der Varietät von Algier zu
stehen, die Dumeril und Bibron (a. a. O., S. 677) folgendermaassen beschreiben: »Dans les
jeunes individus rapportes d’Alger par Mr. Hipp. Lucas, et surtout chez !’un d’eux, le fond de
la peau est d’un gris cendre. Les taches dorsales, qui forment üne serie longitudinale,
sont brunes et arrondies. Le dessous du tronc n’a aucune tache, excepte sur les bords
') Ich will bei dieser Gelegenheit auf einen Druckfehler aufmerksam machen, der sich bei Dumeril
und Bibron eingeschlichen hat. Erpetol. gener., tom. VII, I, 8. 675 heisst es von den beiden sogen. Periops-
arten: »L’une a la plaque qui precöde Vorifice du cloaque simple’ ou unique; c’est celle que nous avons
inserite sous le No. 1, dite fer-a-cheval. La seconde a cette plaque double ou divisde, c'est le No. 2 ou P.
‘a raies paralleles.« Es muss gerade umgekehrt heissen; denn Z. hippocrepis hat doppeltes, Z. Clifordi
Schleg. = P. parallelus Wagl. einfaches Analschild, wie auch in den Artdiagnosen daselbst $. 675 u. 8. 678
richtig angegeben ist.
u bi
1)
des gastrostöges. Le collier en fer-ä-cheval est plus marque sur la nuque et s’6tend un peu
sous le cou.«
Ob die von Eichwald in »Naturhistorische Bemerkungen über Algier und den Atlas«
(Nouv. M6m. de la soc. imp. des natural. de Moscou, tom. IX, 1851, 8. 441) von der Nord-
küste von Aleier und aus dem Tell als Calopeltis hippocrepis Wagl. angegebene Schlange zu
dieser unserer Art gehört, ist mir sehr unwahrscheinlich, da er von seinen Exemplaren aus-
drücklich angiebt, dass alle Schuppen gekielt seien. Er wird wohl Zamenis Gliffordi Schleg.
— Periops parallelus Wagl., eine nah verwandte Art, die auch in Tunis und Tripolis vor-
kommen soll, und die sich nach A. Strauch (M6m. d. Yacad. imp. des science. de St.-Peters-
bourg, VUL. Ser., tom. IV, No. 7, 1862, $. 61) auch in einem Exemplar in der algerischen
Sahara gefunden hat, vor sich gehabt haben.
1. Exemplar aus der Umgebung der Stadt Marocco. Es besitzt zwei Praeocularen,
zwei Postocularen und vier Subocularen, von denen aber das am weitesten nach vorn zu
liegende das Auge nicht berührt, so dass der die Augen umgebende Schilderring aus sieben
Platten besteht, während die Zeichnung bei Schlegel (a. a. O. Taf. VI, Fig. 15 und 16) bei
übrigens nahezu übereinstimmender Kopffärbung nur ein Praeocular erkennen lässt und 10
anstatt neun Superlabialen zeigt. Schlegel erwähnt (a. a. O., tom. II, 8. 165) »une plaque
du bout anterieur de l’oeil« und fährt dann fort: »le reste de Poeil est bord@ de 5 ou 6 petites
plaques, dont le nombre varie quelquefois jusqu’ & 8 et plus«, so dass die Zahl der die Augen
umgebenden Platten, wie wir auch bei den übrigen Exemplaren sehen werden, sehr variabel
zu sein scheint.
In Färbung. und Charakter der Zeichnung ist dies kleinste Exemplar ausserordentlich
ähnlich der Figur auf Taf. 31 bei Wagler (Deseript. et Icon. Amphib., München etc. 1833).
Dasselbe ist oben und an den Seiten weissgelb, im Nacken und an den Seiten des Halses
sowie auf der unteren Seite des Schwanzes schön rothgelb gefärbt; der Bauch ist graulich
fleischfarben. Die Mitte des Rückens zieren bis zum Anfange des Schwanzes 50 von weiss-
gelben Linien scharf umzogene, sepiabraune, an den Rändern dunklere, schön ovale Längs-
flecken, in deren Zwischenräume sich seitlich links und rechts kleinere, weniger regelmässig
gestaltete Flecken von derselben Farbe anlegen. Die Bauchschilder sind nach hinten etwas
graulich pigmentirt; nur an den Seiten zeigt je das vierte Bauchschild links und rechts ge-
wöhnlich correspondirend einen scharfmarkirten schwarzen Fleck. Die Unterseite des Schwanzes
wird der Länge nach von einer graulichen Ziekzacklinie durchzogen. Der Kopf ist sepiabraun
mit drei weissgelben Linien; die erste ist schmal und zieht in gerader Linie quer über den
— 19 —
Schädel nach den Praeocularen hin, die mittlere breitere bildet hinter den Augen einen
sanften, nach hinten 'concaven Bogen, und die hinterste beschreibt auf dem Hinterkopf einen
nach hinten geöffneten Winkel von etwa 60°, dessen Schenkel sich beiderseits nach den Hals-
seiten hinunterziehen.
Die Schuppen sind auf 29 Längsreihen vertheilt. Ich zähle 226 Bauchschilder und
doppeltes Analschild. Die alternirenden Caudalschilder sind unvollkommen erhalten, da die
äusserste Schwanzspitze fehlt.
Länge bis zur Analöfnung . . 2 .....2..0,348 Meter,
Länge des an seiner Spitze verletzten Schwanzes 0,075 »
2. Altes Exemplar von Sus. Dies Stück zeigt auf beiden Kopfseiten nur ein, aber
deutlich bis in die Hälfte getheiltes Praeocular, zwei Postocularen und rechts vier Subocularen,
von denen dasselbe wie oben gilt, links: aber fünf Subocularen, indem sich noch ein ganz
kleines Schild als erstes vorderstes Subocular einfügt, so dass der die Augen umgebende
Schilderring rechts sieben und links acht Platten zählt.
Die Grundfarbe dieses .Exemplars hat einen Stich ins Fleischrothe, die Unterseite von
Bauch und Schwanz ist schön rosa angeflogen. Von den deutlich querovalen schwarzbraunen
Rückenflecken zähle ich bis zum Anfange des Schwanzes 48; der Schwanz selbst ist etwas
anders gefärbt als bei dem ersten Exemplare. Er hat nämlich oben einen breiten, an den
Seiten je einen schmäleren, scharf abgesetzten Längsstreifen von schwarzbrauner Farbe. Die
Bauchschilder zeigen hie und da wenig zahlreiche, kleine, unregelmässig vertheilte, bleigraue
Flecken. Die Kopfzeichnung ist mit der des kleineren Exemplars übereinstimmend.
Die Schuppen sind auf 27 Längsreihen vertheilt. Ich zähle 230 Bauchschilder, ein
doppeltes Analschild und 94 alternirende Schwanzschilder.
Gesammtlänge 1,350 Meter,
Schwanzlänge 0279 »
Verhältniss der Schwanzlänge zur Gesammtkörperlänge wie 1: 5.
3. Exemplar von Sus. Hier haben wir 10 Superlabialen, genau wie sie Schlegel
(a. a. O., Taf. VI, Fig. 15 und 16) zeichnet, zwei Praeocularen und zwei Postocularen, sowie
drei Subocularen; zwischen Frenale und Superlabialen schieben sich ausserdem bei diesem Stück
rechts noch drei kleinere, links noch eine Platte ein.
Das Exemplar ist besonders schön gefärbt; die Rückenflecken sind anfangs kahnförmig,
dann deutlich sechseckig, dann langoval, schliesslich rund und über der Analöffnung queroval;
auf dem Schwanze fliessen sie zusammen und bilden endlich eine breite Längsbinde. Die
=. 160: =
übrige Färbung des Schwanzes ist ähnlich der des zweiten Exemplars, An den Halsseiten
zeigt sich besonders in der Mitte der Schuppen ein schönes Rothbraun. Die Mitte der Bauch-
schilder ist bei diesem Stücke am dunkelsten, fast braunroth. Kopf und Zeichnung der Körper-
seiten sind nicht wesentlich von der der andern Exemplare verschieden.
Die Schuppen sind auf 25 Längsreihen vertheilt, was mit der von Schlegel (a. a. O.,
tom. U, 8. 165) angegebenen Zahl übereinstimmt. Ich finde 222 Bauchschilder und doppeltes
Analschild. Die Schwanzschilder sind unvollkommen erhalten.
Länge bis zursAnalöffkung 0... Zee areas ]164 Meter;
Länge des an seiner Spitze verletzten, wieder ausgeheilten Schwanzes 0,210 >»
4. Exemplar von Casa blanca. Das von Steinwürfen etwas verletzte Stück besitzt rechts
und links zwei Praeocularen, zwei Postocularen und vier Subocularen, wozu jederseits noch
ein das Auge nicht berührendes accessorisches Schild zwischen-Frenale und Superlabialen
hinzukommt.
In Kopf-, Rücken- und Schwanzzeichnung, sowie in der Färbung von Ober- und Unter-
seite ist es dem Exemplar 3 ausserordentlich ähnlich. Die 50 Rückenflecke sind anfangs
sechseckig, weiter nach hinten werden sie rautenförmig.
Die Schuppen sind auf 27 Längsreihen vertheilt. 231 Bauchschilder, doppeltes Anal-
schild und 99 alternirende Schwanzschilder sind vorhanden.
Gesammtlänge 1,336 Meter,
Schwanzlänge 0,291 »
Verhältniss der Schwanzlänge zur Gesammtkörperlänge wie 1 : 41%.
Schlegel nennt (a. a. O., tom. II, $. 166) diese Schlange eine Bewohnerin.der Mittel-
meerländer und führt als Vaterland speciell an Portugal, Spanien und Sardinien und im nord-
lichen Afrika Algier, die Umgebung von Tunis und selbst Aegypten (wo Dr. Ed. Rüppell die
von Reuss als CO. nummifer beschriebenen Stücke sammelte). L. Bonaparte fügt dazu noch
(Iconogr. d. Faun. Ital., Bd. I, 13832—4J) Italien, J. Erber (Verh. d. zool.-bot. Ges. in Wien,
1868, Bd. 18, S. 904) die Insel Rhodus. Das Senckenberg’sche Museum besitzt auch ein von
Hrn. W. Rosenbach geschenktes Exemplar aus Syrien. P. Gervais erwähnt sie (Ann. d. seienc.
oO
nat., II. Ser., tom. VI, Zoolog., S. 312) 1836 zuerst aus Marocco von Tanger.
— 161 —
4, Fam. Psammophidae,
18. Caelopeltis insignitus Geoftr. sp. (Js. Geoffroy St.-Hilaire, Deseript. Egypt. edit. in
8°, Rept., 1827, Taf. VII, Fig. 6) typus und var. Neumayeri Fitz. (Neue Classific. d. Rept.,
1826, 8. 57).
Diese durch die Stirndepression vor den Augen, die vorspringenden, fast schneidigen
Supereiliarplatten und die in ihrer Mitte der Länge nach eingedrückten Schuppen "höchst aus-
gezeichnete Art, zu der ich versucht bin, auch (Cuelopeltis product« Gervais (M&m, d. Mont-
pellier, Bd. II, S. 512, Taf. V, Fig. 5) als synonym zu stellen, liegt mir in drei, z. Th. ganz
colossalen Exemplaren vor, welche noch lebend bei einem Schlangenbändiger in der Stadt
Marocco gekauft worden waren und aus Sus, der südlich vom maroccanischen Atlas gelegenen
Landschaft, herstammen.
Die Schlegel’sche: Abbildung seiner mit C. insignitus synonymen (s. Dum. u. Bibr., a. a.
0. Bd, VII, 2, 8. 1130) Psammophis lacertina (Schlegel, a. a, O., Taf. VIII, Fig. 1—3)
stimmt in den Kopfbedeckungen recht gut mit unseren Exemplaren überein; unter den Jan’schen
Zeichnungen (Iconogr. d. Ophid., Lief. 34, Taf.-I, Fig. 2 und 3) ist insbesondere die linke,
Kopfhälfte 25 und die Seitenansicht 3/ als ähnlich zu nennen.
Sämmtliche Stücke zeigen 19 Längsschuppenreihen und haben 172—175 Bauchschilder,
doppeltes Analschild und 86— 92 alternirende Schwanzschilder.
Die näheren De6tails und die Maasse bei den einzelnen Stücken sind:
1. Grösstes Exemplar. Die Oberseite ist einfarbig olivenbraun, an den Seiten mit
einem Stich ins Blaue, die Unterseite erscheint ebenso einfarbig schmutzig braungelb.
Ich habe dieses Exemplar, das der Bonaparte’schen Abbildung seiner Caelopeltis monspessulana
var. Neumayeri (Iconogr. d. Faun. Ital, Bd. I, 1832—41) sehr nahe kommt, oben als var.
Neumayeri aufgeführt, da Dumeril und Bibron(a. a. O., 8. 1133) ausdrücklich erwähnen, diese
Varietät komme besonders in Algier vor, und weiter: »elle est caracterisce par un systeme de
coloration d’un brun verdätre clair, assez uniforme.« Auch Schlegel (a. a. O., Bd. II, S. 206)
bemerkt, dass die ausgewachsenen Exemplare immer eine einfarbige Tracht besitzen.
Die nähere Beschreibung der Beschuppung stimmt hier wie bei den beiden anderen
Exemplaren vollkommen mit dem bei Dumeril und Bibron (a. a. O., S. 1132) Gesagten überein.
Ich zähle 173 Bauchschilder und 92 alternirende Schwanzschilder.
Gesammtlänge 1,809 Meter,
Schwanzlänge 0,466 >»
Abhandl. d. Senckenb. naturf, Gesellsch. Bd. XI. 21
— It —
Verhältniss der Schwanzlänge zur Gesammtkörperlänge wie 1: 4.
Es ist dieses Stück demnach noch grösser als das grösste von Schlegel (a. a. O., 8. 206)
zu 1,410 Meter Länge angegebene Exemplar. >
2. Kleineres Exemplar. Es ist in Bezug auf die Färbung der Jan’schen Fig. 3
ähnlicher als das erstgenannte Exemplar. Die Grundfarbe ist oben ein blauliches Graugrün,
das sich weiter nach hinten zu und besonders auf dem Schwanze mehr und mehr in ein gelb-
liches Graugrün umwandelt. Durch schwarze Pigmentirung einzelner Schuppen, die dann ge-
wöhnlich nach der Körpermitte zu einen weisslichen, aus der allgemeinen Färbung etwas hervor-
stechenden Rand zeigen, bilden sich vier unregelmässige Fleckenreihen auf dem Rücken, die
den charakteristischen Typus der Zeichnung dieser Art, der in der Jan’schen Fig. 2 besonders
markirt ist, nicht verkennen lassen. Die Unterseite ist ebenso einfarbig braungelb wie bei dem
oben beschriebenen Exemplar.
Es sind 175 Bauchschilder und 89 alternirende Schwanzschilder vorhanden.
Gesammtlänge 1,256 Meter,
Schwanzlänge 0,332 »
Verhältniss der Schwanzlänge zur Gesammtkörperlänge wie 1: 4.
3. Kleinstes Exemplar. In der Färbung kommt dieses Stück nahezu mit Jan’s Fig. 2
überein, nur die Pigmentirung der Bauchschilder erscheint noch blasser und verschwindet schon
vor der Körpermitte. Die Unterseite des Kopfes stimmt in der Färbung ziemlich gut mit der
Fig. 2d, zeigt aber bei weitem nicht so intensive Zeichnungen.
Ich zähle 172 Bauchschilder und 86 alternirende Schwanzschilder.
f Gesammtlänge 0,997 Meter,
Schwanzlänge 0,255 »
Verhältniss der Schwanzlänge zur Gesammtkörperlänge wie 1 : 4.
Schlegel giebt als Vaterland dieser in den Mittelmeerländern weitverbreiteten Schlange
(a. a. O., 8. 204) in Europa Frankreich, Spanien-und Dalmatien, in Afrika Algier, Tripolis
und Aegypten und in Asien die Levante an. Eichwald nennt (Fauna caspio-caucasia, St.-
Petersburg, 1841, S. 122 und Nouv. mem. d. I. soc. imp. d. nat. d. Moscou, Bd. IX, 1851,
S. 442) als Fundort ausserdem noch den Kaukasns (= Coelopeltis vermiculata. Mönötr.). Das
Senckenberg’sche Museum besitzt die Art auch aus Arabien (= Oulopeltis moilensis Reuss), wo
sie Dr. Ed. Rüppell zuerst auffand.
— 163 —
5, Fam. Viperidae.
19. Vipera arietans Merrem (Tentam. syst. Amph. pag. 152, No. 12, Beiträge, Fasec. III, S. 121).
Das einzige von Sus, aus einem der südlich vom maroccanischen Atlas gelegenen Thäler
stammende Exemplar dieser von A. Strauch in seiner Synopsis der Viperiden (Mem. d. Yacad.
imp. d. seienc. de St.-P6tersbourg, VII. Ser., tom. XIV, No. 6, 1869, S. 94) wiederum mit
der grossen Gattung Vipera vereinigten Art wurde mit anderen maroccanischen Schlangen noch
lebend bei einem Schlangenbändiger in der Stadt Marocco gekauft. Es ging leider auf der
Reise zu Grunde.
Sein Kopf, das Einzige, was ich von ihm untersuchen konnte, stimmt in Bezug auf die
Bedeckungen vollkommen mit den Figuren 1—3 bei Schlegel (a. a. O., Taf. XXD.
Eine dunkle Querbinde über die Augen, welche vorn und besonders deutlich hinten von
einer gelblichweissen Querlinie umsäumt wird, erstreckt sich seitlich bis zu den Superlabialen;
auf dem Hinterkopf zeigt sich eine undeutlich brillenförmige, mit ihrer Convexität nach vorn
gestellte, besonders an den Seiten hell eingefasste, die ganze Kopfbreite einnehmende Zeichnung,
ähnlich der Abbildung bei J. Wagler, Descriptiones et Icones Amphibiorum, München etc.,
1833, Taf. XI und bei Dum6ril und Bibron (a. a. O., Atlas, Taf. 79 bis, Fig. 1) und der
Beschreibung bei Strauch (a. a. O., S. 96).
Unser Stück muss ein sehr stattliches Thier gewesen sein. Ich notirte folgende
Kopfmaasse:
Entfernung von der Mitte des einen Auges bis zur Mitte des andern 0,0215 Meter,
Entfernung der Innenränder der Nasenöffnungen von einander . . 0,007 »
Länge des Giftzahns in grader Linie gemessen . . . 2. 0. 0,0175 >»
Dass die bei Eichwald (Nouv. m&m. d. 1. soc. imp. d. nat. d. Moscou, tom. IX;: 1851,
S. 438) aus Algier angegebene Vipera minuta L., von welcher derselbe sagt, dass er sie für
die Vipera echis Sehlegel’s (in Wagner’s Reise nach Algier, Bd. III, S. 131) halte, nicht zu
unserer Art, sondern zu Vipera mauritanica Dum. et Bibr. sp. (Guichenot, Expedition scien-
tifique de l’Algerie, Reptiles, S. 24, Taf. IH) zu stellen ist, wird schon von Strauch (a. a. O.,
S. 84) ausdrücklich angegeben.
Schlegel nennt (a. a. O., Bd: II, $. 578) als Heimath dieser schönen Giftschlange Sene-
gambien, Kordofahn (Dr. Ed. Rüppell) und das Kapland. Strauch giebt (a. a. 0., 8.97) als
Fundorte ausserdem noch Sierra Leone, die Goldküste, Unterguinea, Mossambique, Zanzibar
und das südliche Bejudah an und bemerkt schliesslich, dass diese Art in ganz Afrika nach
= 4 >
Norden bis zum 17° n. Br. hin angetroffen werde. Es existire allerdings auch eine Angabe
über das Vorkommen dieser Giftschlange in der Algerie; ohne alle Zweifel beruhe dieselbe
aber auf einem Versehen. M. Wagner (a. a. O., 8. 139) berichte nämlich, dass Dr. Guyon ein
bei Oran. gefangenes Exemplar der V. brachyura Guy. (= V. arietans Merr.) nach Paris
gesandt habe; doch sei diese vermeintliche V. brachyura sicherlich weiter nichts als die bei
Oran einheimische V. mauritanica Dum. et Bibr. gewesen, denn im entgegengesetzten Falle
würden die Verfasser der Erp6tologie gen6rale schwerlich unterlassen haben, mitzutheilen, dass
dem Pariser Museum die V. arietans Merr. auch aus Algier zugekommen sei.
Durch unser Exemplar ist demnach constatirt, dass erst der Atlas die nördliche Scheide-
wand für die Verbreitung dieser specifisch afrikanischen Schlangenart bildet.
— I —
II. Amphibia.
1.:Ordn. Beaudat;
1. Fam, Ranae.
20. Rana esculenta L. (Syst. nat. edit. 10, Bd. I, S. 212, No. 14).
Vor mir liegen drei schön conservirte Exemplare, welche im Ued Ksib, einem Bache bei
Mogador, gesammelt worden sind.
Die Diagnose dieser Art bei Dum6ril und Bibron (Erpet. gener., tom. 8, 1841, S. 343)
passt vollkommen auf unsere Exemplare, und auch in den feineren Details weiss ich: bei Ver-
gleichung mit einer Reihe in der Umgegend von Frankfurt a. M. gefangener Exemplare keinen
nennenswerthen Unterschied anzuführen.
Die Vomerzähne bilden eine in der Mitte unterbrochene Querreihe, die sich genau
zwischen den inneren Nasenöffnungen befindet. Das Trommelfell ist merklich kleiner als die
Ausdehnung des Augapfels.
Die Körperfärbung entspricht bei dem einen, grössten Exemplare nahezu der Varietät A
bei Dumeril und Bibron (a. a. O., 8. 347). Die beiden kleineren Stücke gehören zur Varietät
B bei Dumeril und Bibron (ebenda) und kommen ganz auf die R. hispamica Fitz. bei Bonaparte
(Iconogr. d. Faun. Ital., Bd. L 1832—41) heraus, die A. Strauch (Mm. d. Pacad. imp. d.
science. d. St.-Pötersbourg, VII. Ser., tom, IV, No. 7, 1861, $. 76) nach Exemplaren von
Algier mit folgenden Worten beschreibt:
»Ils sont en-dessus d’un vert olivätre dlair, avec des taches noires disposees en 4 rangees
longitudinales assez irrögulieres. Sur les extr&mites ces taches imitent des bandes transversales.
Le dessous d’un jaune brunätre sale, les fesses marbrees de noir.«
In der That ist die Oberseite schön grün mit oder ohne die drei gelben Längslinien über
den Rücken und mit vier unregelmässigen Längsreihen schwach entwickelter, schwarzer Flecke.
Die Füsse sind auf ihrer oberen Seite mit Schwarz mehr oder weniger deutlich in die Quere
gebändert, während die Seiten des Körpers und besonders die Hinterbacken sehr schön dunkel-
gelb mit Schwarz marmorirt erscheinen. Die Unterseite des Körpers ist einfarbig gelblichweiss.
— 16 —
Die genaueren Maasse bei den einzelnen Stücken sind:
1. Exemplar. Grösstes Stück mit gelben Rückenstreifen.
Länge von der Schnauzenspitze bis zur Analöffnung . 0,0545 Meter,
Entfernung der Nasenlöcher von einander . . . - 0,004 >
Entfernung der Mundwinkel von der Schnauzenspitze 0,018 »
Breite deriMundspaler ern. er ee OLD
Länge der Vorderextremität‘.o 2. .0.1. ‘2... 0031 »
Tänge*der Hinterextremität = 82,797 077,797 0,084 >
2. Kleineres Exemplar.
Länge von der Schnauzenspitze bis zur Analöffnung . 0,044 Meter,
Entfernung der Nasenlöcher von einander . . . . 0,003 »
Entfernung der Mundwinkel von der Schnauzenspitze 0,014 »
DEOILERUBR-MUNOSDALSCH a N 1000.
Eange- ders Vorderextreuitatee nat „00,020 >
ange uersEinterextreiiitate ne ee LO °
3. Kleinstes Exemplar.
Länge von der Schnauzenspitze bis zur Analöffnung . 0,0355 Meter,
Entfernung der Nasenlöcher von einander . . . . 0,0025 »
Entfernung der Mundwinkel von der Schnauzenspitze 0,012 »
BEeNEr VER MUHOSPALE: nn. rer nr 1 NZ 4
kange der. Vorderextuemnät.. * . . ...... ..00209. »
ange: der Eimterextremiat . . -.. . .. -.....0,008 »
Als Vaterland geben Dum£ril und Bibron (a. a. O., $S. 348) ganz Europa, Asien und das
nördliche Afrika an, und von hier speciell Algerien und Aegypten. Tristram (Proceed. of the
zoolog. soc. of London, Bd. 27, 1859, S. 470) hat diesen Frosch auch in der Wüste südlich
von Algerien und Tunis angetroffen. Auf Madeira und Tenerife soll er nach P. Barker-Webb
(Hist. nat. des Iles Canaries, Bd. II, Paris 1836—1854, Reptiles, S. 3) ursprünglich nicht
einheimisch gewesen sein.
“ Anm. Herr Dr. Noll theilt mir mit, dass zwei von ihm an derselben Localität bei Modeder gesammelte
junge Exemplare, die leider auf der Reise zu Grunde gingen, folgende Färbung zeigten: Vorderkörper grün,
nach hinten mehr röthlichbraun; Hinterschenkel braun mit schwarzbrauner Bindenzeichnung. Marmorzeichnung
der Hinterbacken wenig auffallend.
Schon P. Gervais macht in seiner Enumeration de quelques especes de Reptiles provenant
— 17 —
de Barbarie (Ann. d. sciene. nat., II. Ser., tom. VI, Zoologie, 1836, pag. 308) auf die grosse
Aehnlichkeit der Reptilfauna von Algerien und Marocco mit der Fauna der übrigen Mittel-
meerküsten aufmerksam und betont insbesondere, dass die Zahl der in Spanien und Süd-
griechenland vorkommenden Arten, die sich in der Berberei wiederfinden, ohne Vergleich
grösser sei, als die Zahl der mit Aegypten gemeinschaftlichen Arten.
In seiner zweiten Arbeit »Animaux vertebres de P’Algerie« (ebenda, III. Ser., Zoologie,
1848, pag. 205), erwähnt derselbe, dass oben Gesagtes in vollstem Maasse für die Provinzen
des kleinen Atlas gelten könne, fügt aber hinzu, dass die aus der algerischen Sahara stammen-
den Arten sich fast ganz den Formen von Senegambien und Nubien anschlössen und demnach
zum afrikanischen Faunengebiete zu zählen seien.
Eichwald sucht sich (Nouv. M&m. d. la soc. imp. des natur. de Moscou, tom. IX, 1851,
S. 374) die Thatsache, dass die Reptilien und Amphibien der nordafrikanischen Küste denen
des südlichen Europas so überraschend ähnlich sind, dadurch zu erklären, dass analog dem
Gebirgsbaue der eircummediterranen Länder auch die Reptilfaune derselben auf ein gleiches
Alter zurückzuführen sei, und erst der Durchbruch des atlantischen Oceans durch die Strasse
von Gibraltar, Afrika von Spanien und Sicilien und Sieilien von Italien getrennt habe. t)
A. Günther führt (Proceedings of the zoological society of London, Bd. 27, 1859, 8. 473)
aus, dass von den 12 von ihm aus der Wüste südlich von Algerien und Tunis angeführten
Arten nicht weniger als 7 (also 58,33%) auch in Südeuropa angetroffen worden seien, und
dass also die europäische Amphibienfauna sich über den Atlas hinaus bis in das Innere der
Sahara erstrecke. Wenn wir, fährt derselbe S. 474 fort, nach der Grenze fragen zwischen’
den Faunen der palaearktischen und der aethiopischen Region, so ist es ähnlich wie mit der
Wasserscheide zwischen zwei Flussystemen: Zuflüsse des einen reichen weit in das Bereich des
andern. Nichtsdestoweniger müssen wir eine solche Linie ziehen, und da die von Herrn
Tristram gesammelten Reptilien identisch mit solchen nördlich des Atlas vorkommenden sind,
kann dieselbe nicht mit der Erstreckung dieses Gebirgszuges zusammenfallen, sondern muss in
die Wüste selbst zurückverlegt werden. Wahrscheinlich dringt die äthiopische Fauna von
Süden, ähnlich wie die europäische Fauna von Norden her in die Wüste; und ein künftiger
Versuch zu einer Gesammtaufzählung der Fauna der Sahara muss entsprechend folgenden drei
Kategorien entworfen werden:
!) Auch Dawkin’s (Quarterly Journ. of the geolog. Soc., Bd. 28, 1872, No. 112) nimmt zur Erklärung
der Verbreitung mehrerer Säugethiere der quaternären Periode eine breite Landverbindung zwischen Spanien,
Griechenland und Afrika vor der europäischen Eiszeit als sehr wahrscheinlich an.
—. 168. —
1. Generisch und specifisch zur palaearktischen Fauna gehörige Thiere,
2. Generisch und speeifisch zur aethiopischen Fauna gehörige Thiere und
3. der Wüste generisch eigenthümliche Formen.
Auch A. Strauch (Essai d’une Erp6tologie de l’Algerie in M&m. de l’acad. imp. des scienc.
de St.-Petersbourg, VII. Ser., tom. IV, No. 7, 1862, S. 84) kommt nach eingehenden Unter-
suchungen von 76 algerischen Reptilienspecies, unter denen sich freilich noch eine grosse Zahl
zweifelhafter Arten befinden, am Ende zu dem Schlusse, dass Algerien keine ihm eigenthüm-
liche Fauna, sondern eine Uebergangsfauna besitze, in der sich europäische mit afrikanischen
Formen vermischen. Reducire ich die bei Strauch angeführten Arten, indem ich die ungewissen
und eine Reihe von als Arten aufgeführten Varietäten einziehe, auf 67, so finden sich von den
fünf Schildkröten alle fünf, von den 37) Eidechsen 12, von den 18 Schlangen acht und von
den acht Amphibien sieben auch auf dem europäischen Continent, also von 68 Arten 32,
d. h. 47,06% der ganzen algerischen Reptilienfauna, ein Resultat, welches nahezu mit dem
von Strauch gefundenen (51,32%) übereinstimmt.
Von den 21 nach Obigem bis jetzt aus Marocco bekannten Reptilarten wurde nur eine,
der Blanus einereus Vand. sp. von den Reisenden nicht beobachtet; dagegen sind Testudo
pusilla Shaw, Emys caspia Gmel. sp., Tropidosaura algira L. sp., Ayama colonorum Daud.,
Gymnodactylus mauritanieus D. B. und trachyblepharus. m., Eumeces pavimentatus Geofir. Sp.,
Seps (Seps) mionecton m., Caelopeltis insignitus Geoffr. sp., Vipera arietans Merr, und Rana
esculenta L., also 11 Species, hier zum ersten Mal aus Marocco aufgezählt worden.
Vertheilen wir sämmtliche oben aufgeführten Arten nach ihrem Verbreitungsbezirk, so
sind Bewohner der eircummediterranen Region die folgenden 13 Species:
Testudo pusilla Shaw,
Emys caspia Gmel. sp.,
Tropidosaura algira L. Sp.,
Chamveleo cinereus Aldrov.,
Platydactylus mauritanieus L. Sp.,
Gongylus ocellatus Forsk. sp.,
Enumeces pavimentatus Geoffr. sp.,
Blanus cinereus Vand. Sp.,
Coronella girondica Daud. sp.,
2) Dabei der von Strauch noch nicht aufgeführte Seincopus faseiatus Peters (Monatsber. d. Berl. Acad.,
1864, S. 44 u. f.).
— Re
Tropidonotus viperinus Latr. sp.,
Zamenis hippocrepis L. SP.,
Oaelopeltis insignitus Geoffr. sp. und
Rana esculenta L.
Specifisch nordafrikanisch scheinen folgende drei Arten:
Acanthodactylus lineomaeulatus D. B.,
Gymnodactylus mauritemieus D. B. und
Trogonophis Wiegmanni Kaup.
Zum mittelafrikanischen Faunengebiete gehören die bis jetzt nur bis zum 17° n. Br.
bekannt gewesene
Vipera arietans Merr. und
Agama colonorum. Daud.
Marocco vorderhand eigenthümlich sind schliesslich noch drei Formen, nämlich:
Gymnodaetylus trachyblepharus m.,
Seps (Seps) mionecton m. und
Coronella brevis Günth.
Nach Procenten wäre dies:
Circummediterrane Formen 61,90°%o,
Specifisch nordafrikanische Formen 14,29%,
Specifisch mittelafrikanische Formen 9,52% und
Marocco eigenthümliche Formen 14,29%.
Die Reptilien- und Amphibienfauna Maroccos besteht demnach, soweit sie bis jetzt bekannt
ist, vorwiegend aus mittelmeerischen Formen und gleicht somit in hohem Grade der Reptil-
und Amphibienfauna von Algerien, die uns Dank den Untersuchungen vor allem der Herren
M. Wagner, P. Gervais, A. Guichenot, E. Eichwald, A. Günther und A. Strauch besser als die
manches anderen an das Mittelmeer angrenzenden Landes bekannt ist. Es finden sich nicht
weniger als 16 von den 21 angeführten Arten, also 76,19% auch in Algerien.
Achnlich wie A. Strauch (Essai d’une Erpetologie de lAlgerie in M&m. d. V’acad: imp.
d. science. d. St.-Pötersbourg, VII. Ser., tom IV, No. 7, 1862, 8. 85) die Ansicht ausspricht,
dass die Fauna von Algerien unter allen europäischen Faunen am meisten der von Italien
nahekommt, müssen wir die Thatsache constatiren, dass von allen Ländern in Südeuropa das
benachbarte Spanien es ist, welches das grösste Contingent mit Marocco übereinstimmender
Arten aufzuweisen hat. Alle 13 oben als-circummediterran angegebenen Arten, die sich bis
Abhandl. d. Senckenb. naturf. Ges. Bd, IX. 9%
—. 10 +—
jetzt in Marocco gefunden haben, sind bis auf zwei, die Testudo pusilla Shaw und den Eumeces
pavimentatus Geoffr. sp. zugleich Bewohner des südlichen Spaniens, also volle 52,38%.
Soll ich zum Schluss noch der Arten gedenken, deren Vorkommen in Marocco mit grösster
Wahrscheinlichkeit zu vermuthen steht, deren Existenz aber bis dato noch nicht nachgewiesen
werden konnte, so wären in erster Linie etwa folgende 11 zu nennen:
Ohelonia corticate Bond.,
Lacerta ocellata Daud.,
Acanthodactylus vulgaris D. B.,
x Acamthodactylus Savignyi Aud. Sp.,
Platydactylus Delalandei D. B.,
f Seineus offieinalis Laur.,
Sphenops sepoides Aud. Sp.,
Seps (Seps) tridaetylus Laur. Sp.,
Psammophis punctatus D. B.,
Hyla arborea L. sp. und
Euproctus Rusconii Gene.
b) Künftigen Forschungen muss es vorbehalten bleiben, diese und wohl noch andere meist
von Spanien und Algerien einerseits oder vom Senegal und von Algerien andererseits bekannten
Arten für Marocco, von dessen Reptilreichthum wir wohl kaum den dritten Theil kennen
l dürften, zu constatiren.
II. Uebersicht
der von dem Herrn Dr. C. von Fritsch i. J. 1863, von den Herren Dr. Fr. Noll
und Dr. Grenacher im Jahre 1871 und von den Herren Dr. ©. von Fritsch und
Dr. J. J. Rein im Jahre 1872 auf den Canaren gesammelten Reptilien.
(Mit Taf., Fig. 2 u. 5.)
Soweit bis jetzt unsere Kenntniss von den Reliefverhältnissen des atlantischen Oceans,
von den Gesteinen der ostatlantischen Diabasformation und von der geognostischen Zusammen-
setzung der Küstenländer am nördlichen Theile des atlantischen Meeres reicht, sagt von Fritsch
in seinem Aufsatz über die ostatlantischen Inselgruppen (Bericht über d. Senckenbergische
naturf. Ges., Frankfurt a. M. 1870, S. 80 und 81), dürfen wir die Annahme vom Bestande
von Inseln, welche sich schon vor der Tertiärzeit an der Stelle der jetzigen Canaren und
Madeiren befanden, und die schwerlich jemals zu einem Continent vereinigt gewesen sein
dürften, als die wahrscheinlichste bezeichnen. Welche organischen Formen freilich seit der
Diabasformation jene Inseln belebt haben, wissen wir bislang noch nicht; wir können, fährt
von Fritsch S. 83 fort, nur annehmen, dass unter den heute auf den genannten Inselgruppen
vorkommenden Organismen ein Theil von jenen früheren abstammt, dass aber seit der Zeit
auch noch andere Wesen dort eingewandert sind oder eingeführt wurden, während auch manche
von den früheren Formen wieder ausstarben.
In der That kann weitaus der grösste Theil der Landfauna —- vor allem die Land-
mollusken, die Insekten und die Spinnen — der canarischen Inseln, welche uns das Pracht-
werk von Webb und Berthelot (Hist. nat. d. Iles Canaries, II. Bd., Paris 1836-1854) kennen
gelehrt hat, als aus dem eircummediterranen Faunengebiete eingewandert betrachtet werden,
wenige Arten deuten auf engere Beziehungen zum speeifisch afrikanischen Faunengebiete, und
nur ein kleiner Theil den Inseln wirklich eigenthümlicher Thiere scheint sich im Laufe der
Zeiten erhalten zu haben.
Ganz dasselbe lässt sich nun auch von der Reptilienfauna der Canaren sagen, welche wir
pe
Dank den. Bemühungen von einer Reihe von Forschern ungleich vollständiger als die des
benachbarten Festlandes und speciell Maroccos kennen.
Schon im Jahre 1829 veröffentlichte M. H. Milne-Eäwards eine Art
1. Lacerta Duügesi M. Edw. von Madeira und nach Morelet (bei Fritsch, a. a. @%
S. 102) auch von Sta. Maria auf den Azoren
in den Ann. d. seiene. nat., tom. XVI, Paris, 1829, $. 84, Taf. VI, Fig. 2.
Dume6ril und Bibron fügten dazu 1836 und 1839 noch drei weitere Species:
2. Lacerta Galloti D. B. (Erpetolog. gener., tom. V, 8. 240) von Tenerife und über-
haupt von den südlichen Canaren,
3, Platydactylus Delalandei D. B. (ebenda, tom. II, S. 325) von Tenerife und
Madeira, und
4. Gongylus ocellatus Forsk. sp. (ebenda, tom. V, $. 621) von Tenerife und nach
Morelet (bei Fritsch, a. a. O., 8. 102) und Günther (Proceed. of the zool. Soc.
of London, Bd. 1871, 8. 241) auch von Madeira.
P. Gervais endlich nennt in der Histoire naturelle des Iles Canaries par P. Barker-Webb
et 8. Berthelot, a. a. O., Reptiles, S. 3 noch
5. Hyla arborea L. sp. von Tenerife.
Damit ist denn auch die. Aufzählung der auf den Canaren vorkommenden Reptilien er-
schöpft, wenn wir nicht einen auf Madeira und Tenerife nach P. Barker-Webb’s ausdrücklicher
Angabe (a. a. O., 8. 3) eingeführten Frosch, welcher übrigens nach v. Fritsch (a.'a. O., 8. 102)
höchstwahrscheinlich auch Gomera bewohnt, die in Europa, Asien wie in Nordafrika gleich
häufige
6. Rana esculenta L.
hinzufügen wollen, die sich jetzt auf allen drei genannten Inseln das Bürgerrecht erworben
hat, wie die in früherer Zeit durch irgend einen Zufall auf diese Inseln verschlagenen Hyla
arborea, Gongylus ocellatus und Plutydactylus Delalandei, deren nahe Verwandtschaft mit süd-
europäischen, westasiatischen und nordafrikanischen Formen uns in den folgenden Blättern
beschäftigen soll.
Im Jahre 1865 bestätigte Steindachner (Sitzgsber. d. math. naturw. Cl. d. Acad. d. Wiss,,
Bd. 51, 1, Wien, $. 404) das Vorkommen der zuletzt genannten fünf Arten auf Tenerife,
Wollen wir schliesslich noch der zweifelhaften Arten Erwähnung thun, die von den
genannten Inselgruppen angegeben werden, so ist vor allem Lacerta muralis Laur. sp. auf-
zuführen, ‚die von Morelet (nach v. Fritsch, a. a. O., 8. 102) von Madeira genannt wird und
— 113 —
von Dume6ril und Bibron von Tenerife (Erpetolog. gener., tom. V, $. 233), wo sie wohl sicher
ebensowenig vorkommt, wie der von denselben Forschern (ebenda, tom. III, S. 308) von dort
erwähnte C’hamaeleo cinereus Aldrov.
Auch von Fritsch gedenkt im Jahre 1870 (a. a. O., 8. 103) neben den oben angeführten
Arten noch dreier auf den genannten Inseln. vorkommender oder früher dort angetroffener
Reptilformen. Es sind dies eine Zacerta, welche die Inseln Ferro, Gomera und Canaria bewohnt
und sich durch geringere Schnelligkeit der Bewegung, mehr bläuliche Färbung, relativ grössere
Breite des Körpers, weit bedeutendere Grösse und weniger geselliges Vorkommen von
L. Galloti unterscheiden soll, eine zweite kleinere Lacertenart vom Hochgebirg von Tenerife und
die mythische grosse grüne Eidechse von Ferro, das Chameleon der Einwohner, das auch schon
von P. Barker-Webb (a. a. O., 8. 4) erwähnt wird, alles Arten, über deren Selbstständigkeit
ich mir aus Mangel an Material keine eigne Ansicht habe bilden können.
Sämmtliche Exemplare, grösstentheils schon vor einiger Zeit durch Herrn E. Buck be-
stimmt und etiquettirt, stehen jetzt in den Sammlungen der Senckenberg’schen Gesellschaft.
Bann nn ee
N
\
n
{
Aa
I. Reptilia.
720 PUT. S AUT
l. Fam. Lacertae.
1. Lacerta Galloti Dum. Bibr. (Brpetolog. gener., Bd. V, Paris 1839, S. 238 und Hist.
nat. d. Canaries par P. Barker-Webb et S. Berthelot, Bd. IH, Paris 1836— 1854, S. 4, Taf. I,
Fig. 1-5).
Die Herren Dr. Fr. Noll und Dr. Grenacher sammelten im September 1871 diese schöne,
von muralis Laur. sp. leicht zu unterscheidende und in mancher Hinsicht an viridis Daud.
erinnernde Eidechsenart in 13 Exemplaren im Thal von Orotava auf Tenerife. Drei Exem-
plare, von denen sich eins durch Grösse besonders auszeichnet, fing Herr Dr. Noll ebendaselbst
auf dem Wege nach dem Pic de Teyde in 4000 bis 5000‘ Höhe. Weiter hatte ich Gelegen-
heit, die Skelette zweier von Herrn von Fritsch 1863 auf Ferro gesammelter Exemplare dieser
Art, sowie einen sehr grossen subfossilen Kiefer, sicher von einer ächten Lacerta, vermuthlich
von dieser Art, von Agulo auf Gomera zu sehen.
Alle diese Stücke stimmen sehr gut sowohl mit der Diagnose, als auch mit der aus-
führlicheren Beschreibung bei Dum6ril und Bibron überein. Längsschuppenreihen finde ich,
vom Halsband an gezählt, 28 bis 32, doch ist die Zahl 30 bei: weitem die gewöhnlichste.
Querschuppenreihen sind 12 bis 14 vorhanden, doch ist hier die Zahl 12 die weitaus häufigste.
Das Halsband zeigt bei allen Exemplaren nur 11 Schuppen. Femoralporen zähle ich 21 bis
30, doch sind die Zahlen 25 bis 29 die gewöhnlichen.
Die Spielweite der Veränderlichkeit in der Form ist. bei dieser Art eine sehr bedeutende.
x So hat eines unserer Exemplare ein Halsband mit deutlich gezähnelten Schuppen. Nicht
selten ist auch der Schnauzentheil bedeutend verlängert und in Folge dessen z. B. das
Frenoorbitale ganz auffallend in die Länge gezogen, so dass sich seine grösste Breite zur
grössten Länge wie 1: 2 und nicht wie bei der gewöhnlichen, bei P. Gervais (in Hist. nat.
d. Canar. a. o. a. O.) abgebildeten Form nur wie 1:1 oder wie 1: 1 verhält. Dann
schiebt sich bei einzelnen Stücken auf der einen Seite vorn ein weiteres Superlabiale ein, oder
—- 15 —
es zeigt sich eine accessorische Platte zwischen Interparietale und Oceipitale, oder ein
kleines Schildchen zwischen den beiden grössten Supraorbitalen, oder schliesslich bemerkt
man gelegentlich ein deutliches, rechteckiges Interfrontonasorostrale zwischen den beiden
Frontonasorostralen u. a. m.
Was die Färbung dieser Art anlangt, so weiss ich der Beschreibung bei Dum6ril und
Bibron (a. a. O., S. 240) nur hinzuzufügen, dass auch sie ganz ausserordentlich varürt. Bald
zeigen sich die Fleckenzeichnungen des Oberkörpers weissgrau, bald gelbgrün, bald blaugrün,
am häufigsten aber blau. Mitunter fliessen diese Flecken zu vier blauen Streifen zusammen,
in deren seitlichen Zwischenräumen dann noch runde, schön himmelblau gefärbte Makeln auf-
treten, oder es fehlen die Streifen, und es tritt auf den Rückenseiten an ihre Stelle eine in
der Mitte des Rückens etwas unregelmässige Querzeichnung von zahlreichen, mehr oder weniger
unterbrochenen graulichgrünen oder bläulichgrauen Fleckenreihen, die seitlich dunkel eingefasst
sind, wit oder ohne die zwei seitlichen Reihen -prachtvoll blau -gefärbter Makeln.
Junge Exemplare zeigen fast immer einfärbige oder weniger auffallend gefleckte, braune,
graue ‚oder graugrüne Oberseite mit gewöhnlich zwei mehr oder weniger hellen, oft graulich
oder grünlich gefärbten Längsstreifen an den Seiten des Rückens, die am äusseren Rande der
Parietalplatten ansetzen, und immer einen meist sehr deutlichen, weissen, weissgelben oder
weissgrünen Streifen auf jeder Körperseite. Nur bei jungen Stücken ist die Kehle mit jeder-
seits vier, mehr oder weniger deutlichen, der Mundspalte parallelen, schwarzgrauen Längs-
streifen gezeichnet.
Die näheren Details der zahlreichen, hier nach der Aehnlichkeit in den Färbungen geord-
neten, Exemplare sind:
1. Exemplar. Grosses Stück mit lebhaft grünlichen, schwarz eingefassten Querzeich-
nungen auf den Seiten des Rückens; zwei Reihen runder, prachtvoll blauer Makeln auf den
Flanken.
Querreihen von Bauchschildern 31.
Längsreihen von Bauchschildern 12.
Femoralporen 26—27.
Gesammtkörperlänge . . . .2........0,255 Meter,
Länge des Körpers bis zur Analöffnung. 0,0915 »
Schwanzlänge . . . a a ER URUOSDI 3
Verhältniss von Körper- zu Schwanzlänge wie 1: 1,79.
e
A
= werner
— me. =
2. Exemplar. Grösstes Stück vom Pic de Teyde. Mit scharf hervortretenden Quer-
zeichnungen.
Querreihen von Bauchschildern 30.
Längsreihen von Bauchschildern 12.
Femoralporen 26 —27.
Gesammtkörperlänge . . 2... ....0,3295 Meter,
Länge des Körpers bis zur Analöffnung 0,111 »
Schwanzlänge,; saw 3a AB
Verhältniss von Körper- zu Schwanzlänge wie 1 : 1,97.
3. Exemplar. Grosses Stück mit hellvioletten, schwarz eingefassten Querzeichnungen;
sonst wie No. 1.
Querreihen von Bauchschildern 31.
Längsreihen von Bauchschildern 12.
Femoralporen 27—28.
Gesammtkörperlänge . . +::.2.1.0... ,:0,2205..Meter,
Länge des Körpers bis zur Analöffnung 0,089 »
SChwanzlange, 5 a 0a
Verhältniss von Körper- zu Schwanzlänge wie 1 : 1,48,
‚4, Exemplar. Mittelgrosses Stück, in der Färbung ähnlich dem Vorigen. Schwanz
regeneritt.
Querreihen von Bauchschildern 32.
Längsreihen von Bauchschildern 12.
Femoralporen 29--28.
Länge des Körpers bis zur Analöffnung 0,0665 Meter.
5. Exemplar. Grosses Stück vom Pic de Teyde, nach der Etiquette am 14. 9. 71 ge-
fangen, mit wenig entwickelten Querzeichnungen. Schwanz abgebrochen.
Querreihen von Bauchschildern 30.
Längsreihen von Bauchschildern 12.
Femoralporen 25—24.
Länge des Körpers bis zur Analöffnung 0,058 Meter.
6. Exemplar. Dem vorigen sehr ähnliches, grosses’ Stück, an demselben Tage auf dem
Pic de Teyde gefangen.
= Querreihen von Bauchschildern 31.
num
ae
Längsreihen von Bauchschildern 14.
Femoralporen 21—23.
Gesammtkörperlänge . . 2... 0,2305 Meter,
Länge des Körpers bis zur Analöffnung 0,094 »
Schwanzlangen . u. 20. Jun... Glsbaus
Verhältniss von Körper- zu Schwanzlänge wie 1 : 1,45.
7. Exemplar. Sehr kleines, auf dem Rücken quergebändertes Stück.
\ Querreihen von Bauchschildern 28.
Längsreihen von Bauchschildern 14.
Länge des Körpers bis zur Analöffnung 0,034 Meter.
8. Exemplar. Mittelgrosses Stück mit vier schwärzlichen Fleckenreihen auf graulichem
Grunde. Weissliche Fleckenzeichnung auf den Körperseiten.
Querreihen von Bauchschildern 32.
Längsreihen von Bauchschildern 12.
Femoralporen 27—30.
Gesammtkörperlänge . . . & -....:,0,1.785 Meter,
Länge des Körpers bis zur Analöffnung 0,0535 »
SCHWAnZJAnB& So ee GR »
Verhältniss der Körper- zur Schwanzlänge wie 1 : 2,34.
9. Exemplar. Grosses Stück mit besonders gedrungenem Kopf, mit sehr schwacher
Querzeichnung und mit zwei nach hinten deutlicher werdenden, schwarzen, unterbrochenen
Binden über den blaugrün gefärbten Rücken. Seitlich blaue Makeln.
Querreihen von Bauchschildern 30.
Längsreihen von Bauchschildern 12.
Femoralporen 27—28.
Gesammtkörperlänge . - 2.2... 0,268 Meter,
Länge des Körpers bis zur Analöffnung 0,083 >»
SChwanzlänge, nennen ED, >
Verhältniss von Körper- zu Schwanzlänge wie 1 : 2,23.
10. Exemplar. Grosses Stück mit vier. besonders deutlichen bläulichen Längsstreifen.
Jederseits zwei Reihen blauer Makeln; Unterseite des Bauches schön blaugrün. Besitzt ein
Interfrontonasorostrale.
Querreihen von Bauchschildern 30.
Abhandl. d. Senekenb. naturf. Ges. Bd. IX. 23
178 —
Längsreihen von Bauchschildern 12.
Femoralporen 29—26.
Gesammtkörperlänge . . . . . . 0,2515 Meter,
Länge des Körpers bis zur Analöffnung 0,0915 »
Schwanzlänger, -. -.2...»,.... 2. %..:0160 »
Verhältniss von Körper- zu Schwanzlänge wie 1 : 1,75.
11. Exemplar. Kleines Stück mit verletztem Schwanze, auf dem Rücken mit deutlichen
dunkeln Punktreihen.
Querreihen von Bauchschildern 30,
Längsreihen von Bauchschildern 12.
Länge des Körpers bis zur Analöffnung 0,0375 Meter.
12. Exemplar. Grosses, dem Stück No. 9 in der Färbung ähnliches, nur dunkleres und
weniger markirt gezeichnetes Exemplar mit abgebrochenem und z. Th. restaurirtem Schwanz.
Querreihen von Bauchschildern 30.
Längsreihen von Bauchschildern 12.
Femoralporen 28—27.
Länge des Körpers bis zur Analöffnung 0,0845 Meter.
13. Exemplar. Kleinstes, vollständiges Exemplar mit quer rechteckiger accessorischer
Platte zwischen Interparietale und Oceipitale und aeccessorischer gerundet dreieckiger Platte,
welche sich zwischen :den zwei grössten Supraocularen an das Frontale anlehnt.
Querreihen von Bauchschildern 30.
Längsreihen von Bauchschildern 12.
En ORENSTWMIELS: - Motor,
Länge des Körpers bis zur Analöffnung 0,0345 »
Gesammtkörperlänge .
Schwäanzlänge .. ,.... eis MH >
Verhältniss von Körper- zu Schwanzlänge wie 1 : 2,33.
14. Exemplar. Kleines Stück mit schwacher Punktstreifung auf dem Rücken.
Querreihen vom Bauchschildern 29,
Längsreihen von Bauchschildern 12.
Länge des Körpers bis zur Analöffnung 0,031 Meter.
15. Exemplar. Mittelgrosses Stück mit fast einfärbiger braungrauer Oberseite. An
den, Parietalen setzen zwei gelblichweisse, nach hinten dunkler werdende Streifen an; auf den
Körperseiten stehen runde gelblichweisse Makeln.
o
Querreihen von Bauchschildern 30.
Längsreihen von Bauchschildern 12.
Femoralporen 25 — 25.
Gesammtkörperlänge . .. 2... .. 0,1935 Meter,
Länge des Körpers bis zur Analöffnung 0,0555
Böhwanzlänger era Te 0.188 »
Verhältniss von Körper- zu Schwanzlänge wie 1 : 2,49.
16. Exemplar. Kleines, auf dem Rücken fast einfärbig zu nennendes Stück.
Querreihen von Bauchschildern 30.
Längsreihen von Bauchschildern 12.
Länge des Körpers bis zur Analöffnung 0,037 Meter.
Man kennt diese Eidechsenart nur von den Canaren, wo sie jedoch nach P. Gervais
(Hist. nat. d, Canar., a. 0. a. O. 8.4) auf allen Inseln häufig sein soll. Es lagen mir Stücke
von Tenerife, Ferro und höchstwahrscheinlich auch zu dieser Art «
gehörige Exemplare von
Gomera vor.
2. Fam, Geckones.
2. Platydactylus Delalandei Dum. et Bibr. (Erpstolog. gener., Bd. 3,1 1836,,1,8.4324%
Hist. 'nat. d. Des Canaries par P. Barker-Webb et S. Berthelot, Ba. 2, Paris 1836—1854,
Reptiles, Taf. I, Fig. 8—10).
(Taf, Fig. 2.)
Die drei auf Gran Canaria in der Nähe des Castillo del Rey bei der Stadt Las Palmas
von den Herren Dr, von Fritsch und Dr. ‘Rein gesammelten Exemplare, sowie die 18 aus dem
Thal von Orotava auf Tenerife von den Herren Dr. Noll und Dr. Grenacher mitgebrachten ,
Stücke jeder Altersstufe stimmen in den wesentlichsten Merkmalen vollkommen mit der Charak-
teristik bei Dumeril und’ Bibron überein.
Die genannten Forscher legen als Unterscheidungsmerkmal von mauritanicus, der mir in fünf
der Senckenberg’schen Sammlung angehörigen, mit II D 1a—d etiquettirten Stücken aus Südeuropa
und dem oben aufgeführten Exemplare von Tanger vorliegt, und dieser Art grossen Werth darauf, ob
‘der Vorderrand der Ohröffnung gezähnelt oder nicht gezähnelt sei; ich kann aber weder bei
— 180 —
mauritanicus L. noch bei Delalandei Dum. Bibr. die geringste auffällige Zähnelung entdecken.
Was man am Ende so nennen könnte, sind die bei beiden Arten deutlich zu sehenden, feinen,
rundlichen, gekörnten Schildchen der allgemeinen Körperbedeckung, die sich aber in nichts
von den übrigen der oberen Seite unterscheiden.
Ein scharfes und sicheres Unterscheidungsmerkmal beider sehr nahe stehender, aber doch
wohl verschiedener Arten glaube ich dagegen in der Form und Lage der Supranasalschuppe
erkannt zu haben, welche bei mauritanieus in der Form eines Hemmschuhes die Nasenöffnung
nach vorn umgiebt, so dass dieselbe dadurch deutlich vom Rostrale abgedrängt wird, während
bei Delalandei die Supranasalschuppe gerundet dreieckig erscheint und der Nasenöffnung nach
vorn Platz lässt, welche somit das Rostrale berührt und sich unmittelbar an die Naht zwischen
Rostrale und erstem Supralabiale anlegt. ;
Das Mentale wechselt sehr bedeutend in der Form, ist‘ aber gewöhnlich ein spitzeres
gleichschenkliges Dreieck als bei mauritanicus. Die erste an das Mentale sich anlehnende
Submentalschuppe aber ist bei unserer Art wenigstens noch einmal so lang als breit, oft noch
länger, bei mauritanicus nur noch einmal, selten mehr als anderthalbmal so lang als breit.
Unmittelbar hinter der Analöffnung liegen auf der unteren Seite des Schwanzes links und
rechts bei den weitaus meisten Exemplaren auch von Dumeril und Bibron (a. a. O., 8. 293)
erwähnte, fein eingeschnittene Queröffnungen, welche zu Taschen führen, deren Bedeutung, den
Funktionen der Analporen bei manchen Agamen entsprechen möchte.
Der Schwanz ist bei normalen, ausgewachsenen Exemplaren mitunter mehr als '/s mal
länger als der Körper bis zur Analöffnung.
Die Formen von Gran Canaria unterscheiden sich auffallend von gleichgrossen Stücken
der Insel Tenerife, indem die Rückentuberkel der ersteren viel kleiner und schwächer gekielt
sind, als die der letzteren, welche in einzelnen grösseren Exemplaren nur wenig schwächer
gekielte Tuberkel aufzuweisen haben, als sie für mauritanicus charakteristisch sind. s
Die Art der Färbung ist eine dem mauritanieus ebenfalls nicht unähnliche. Charakteristisch
für die Art ist eine röthlichgraue, bei älteren Exemplaren gewöhnlich dunkel aschgraue Grund-
farbe mit fünf gewöhnlich nur schwachen und undeutlichen, mehr oder weniger im Ziekzack
gebogenen, oft einem W nicht unähnlichen, schwarzbraunen oder pechschwarzen Querbinden,
die mitunter oben auf dem Rücken in ihrer Mitte unterbrochen, eine mehr oder weniger breite
Längslinie von der allgemeinen Grundfarbe erkennen lassen. Oder es zeigt sich noch häufiger
hinter jeiler dunkeln Querbinde des Rückens und an dieselbe angränzend eine hellgraue Makel,
die sich mitunter etwas in die Breite erstreckt und selbst zur Querbinde werden kann. Auch
—- 11 —
der Schwanz zeigt, wenn unverletzt, auf seiner Oberseite fünf oder sechs breite und nach der
Spitze zu noch mehrere kleinere nahe an einander gerückte schwarzbraune Querbänder; wenn
regenerirt, sechs bis acht mehr oder weniger deutliche wellenförmige, dunklere Längslinien.
Die ganze gelblichweisse Unterseite des Körpers ist über und über mit kleinen schwarzgrauen
Punkten besäet.
Hier blos die Hauptmaasse der grösseren Exemplare:
1. Exemplar von Canaria mit normalem Schwanze.
Gesammtlänge 0,085 Meter,
Schwanzlänge 0,043 »
Verhältniss der Körperlänge zu Schwanzlänge wie 1 : 1,02.
2. Exemplar von Canaria mit regenerirtem Schwanze.
Gesammtlänge 0,0925 Meter,
Schwanzlänge 0,0425 »
Verhältniss der Körperlänge zur Schwanzlänge wie 1 : 0,85.
3. Exemplar von Canaria. Kleiner als No. 2 mit regenerirtem Schwanz.
Gesammtlänge 0,0835 Meter,
Schwanzlänge 0,0365 »
Verhältniss der Körperlänge zur Schwanzlänge wie 1 : 0,78.
4. Altes Exemplar von Orotava auf Tenerife. Grösstes Stück mit vollkommen in-
taktem Schwanz.
Gesammtlänge 0,142 Meter,
Schwanzlänge . 0,0755 »
Verhältniss der Körperlänge zur Schwanzlänge wie 1.: 1,14.
5. Altes Exemplar von ebenda. Kleiner als No. 4 und mit regenerirtem Schwanz.
Gesammtlänge 0,104 Meter,
Schwanzlänge 0,048 »
Verhältniss der Körperlänge zur Schwanzlänge wie 1 : 0,86.
6. Altes Exemplar von ebenda. Schwanz regenerirt und abgebrochen. Unterseite
besonders lebhaft punktirt.
Gesammtlänge 0,1015 Meter,
Schwanzlänge 0,0455 »
Verhältniss der Körperlänge zur Schwanzlänge wie 1 : 0,81.
7. Mittelstarkes Exemplar von ebenda mit fast einfärbig blaugrauer Oberseite.
ni
182 =
Gesammtlänge 0,1055 Meter,
Schwanzlänge 0,054 »
Verhältniss der Körperlänge zur Schwanzlänge wie 1 : 1,05.
8. Kleineres Exemplar von ebenda mit regnerirtem Schwanz.
Gesammtlänge 0,077 Meter,
Schwanzlänge 0,030 »
Verhältniss der Körperlänge zur Schwanzlänge wie 1 : 0,64.
9. Mittelstarkes Exemplar von ebenda mit besonders stark gekielten Tuberkeln.
Gesammtlänge 0,084 Meter,
Schwanzlänge 0,044 »
Verhältniss der Körperlänge zur Schwanzlänge wie 1: 11.
Diese Art wird von Dumeril und Bibron (a. a. O., 8. 325) von den südlichen, wie von
den nördlichen Canaren, speciell von Tenerife und von Madeira, sowie vom Senegal angegeben.
Ob ein von A. Strauch (Mem. d. Pacad. imp. d. sciene. d, St-Petersbourg. VU. Ser., tom. IV
No. 7, 1862, S, 23) erwähntes, angeblich aus Algerien stammendes Stück zu dieser Art gehört,
ist noch nicht mit Sicherheit constatirt.
3. Fam, Sepidae.
3. Seps (Gongylus) ocellatus Forsk. sp. (Descript. anim., $. 13, spec, 4) var. viridanus
Gravenh. (Nov. Act. Acad. Leopoldino-Carolinae, Bd. 23, Breslau und Bonn, 1851, 8. 348)
non Günth. (Proceed. of the zool. Soc. of London, 1871, 8. 243). 2
(Taf., Fig. 5.)
Es liegt ein gut erhaltenes Exemplar dieser von J. L. C. Gravenhorst zuerst unter dem
Namen Gongylus viridanus yon Tenerife beschriebenen Form vor, welches die Herren Dr. von
Fritsch und Dr. Rein bei Laguna auf Tenerife sammelten; ausserdem stehen mir vier schöne
Exemplare, die die Herren Dr. Noll und Grenacher bei Puerto de la Orotava.auf Tenerife
gesammelt haben und zwei leider etwas schlecht erhaltene Stücke von der Insel Ferro zu
Gebote, die Herr Dr. Fritsch auf einer früheren Reise gefunden und im Jahre 1870 der
Senckenberg’schen Gesellschaft zum Geschenk gemacht hat.
Im Gesammthabitus stimmen. die Stücke bis auf etwas grössere Schlankheit und die
eh
geringere Grösse vollkommen mit den Exemplaren des typischen ocellatus aus Marocco überein,
in der Form des Kopfes und der Kopfbedeckungen äber, die auch Gravenhorst, ohne besonderes
Gewicht darauf zu legen, a. a. O., Tat. 35, Fig. 3 recht kenntlich abgebildet hat, weichen sie
von denselben in einigen Stücken nicht unerheblich ab. Der Kopf ist oben nämlich nach der
Schnauze zu um etwas flacher und die Schnauze selbst von allen Seiten etwas mehr zugespitzt
als bei der typischen Form von ocellatus. Das Frenonasale ist im Sinne der Längenaxe des
Thieres in die Länge gezogen und fast genau rhomboidisch, nicht wie bei dem typischen
ocellatus mehr oder weniger der Dreieckform genähert. Besonders auffallend aber ist, dass bei
allen Stücken von Tenerife und Ferro rechts und links das letzte Frenale — das erste Frenale
ist gelegentlich in zwei Platten zertheilt — mit seiner oberen Seite direct an das erste
Supraorbitale angrenzt und nicht, wie bei sämmtlichen maroccanischen, bei dem oben erwähnten
.
spanischen, bei neun mit II RR 1a—f und IE RR 19—a bezeichneten Stücken aus Aegypten
und bei zwei mit II RR Ig—a etiquettirten Exemplaren aus Sardinien in der Senckenberg-
schen Sammlung, an das erste Sup 'aciliare, welches sich bei allen letztgenannten zwischen
zweitem Frenale und erstem Supraorbitale einschiebt. Das zweite Frenale ist bei der Varietät
von den Canaren also mit dem ersten Supraciliare zu einer Platte verschmolzen, so dass an
die untere Seite der vier Supraorbitalen stets nur drei oder vier, bei sämmtlichen Stücken aus
Spanien, Sardinien, Marocco und Acgypten dagegen constant beiderseits fünf oder sechs Supra-
eiliaren angrenzen. Mit der eigenthümlichen Bildung des Frenonasale hängt auch zusammen,
dass das erste Supralabiale bei der Form von den Canaren fast genau dieselbe quadratische
Form und Grösse zeigt, wie das zweite und dritte Supralabiale, während bei der typischen
Form alle drei ersten Supralabialen, besonders aber das zweite, viel höher als breit
erscheinen,
Auch die Körperfärbung ist eine, wie schon Gravenhorst bei dieser von ihm als distinkte
Art beschriebenen Form angiebt, von dem oben genannten spanischen, wie von den maroccanischen
Exemplaren von ocellatus bedeutend abweichende. Auch P. Gervais sagt von ihr (Hist. nat.
des Iles Canaries p. P. Barker-Webb et 8. Berthelot, Bd. II, Paris 1836—1854, Reptiles,
8. 3): »Il est dans son espöce une variet6 assez distinete, par son corps plus gröle et par sa
couleur gris-brun pointill& au-dessus et plus fonc6 sur les cötes du corps et de la tete.« Man
könnte unsere Exemplare als die Farbenvarietät E bei Dumeril und Bibron (Erpetolog. gener.,
TORE, SSR SAGST) betrachten, mit dem Unterschiede, dass rechts und links erst die für
Varietät B charakteristische, zwei Ocellenreihen breite, heller braune oder grünliche Längs-
binde die Seiten des Rückens ziert, ehe die gegen dieselbe scharf abgesetzte, schwarzbraune,
— 184 —
ja schwarze Zeichnung der Flanken anhebt. Die dintenschwarzen Schuppen der Unterseite des
Körpers und des Schwanzes haben bei einzelnen Exemplaren helle, durchscheinende Ränder.
Um die Mitte des Leibes zeigen sich 28—30 Längsschuppenreihen, während die maroc-
canischen Exemplare 33—38 Reihen besitzen.
Da bei genauer Untersuchung sämmtlicher obengenannter Exemplare die Verschiedenheiten
in der Form des Kopfes und der Kopfschilder, besonders die Eigenthümlichkeit, dass das
hintere Frenale und das erste Supraorbitale sich berühren, sowie die Färbung sich constant
erwiesen haben, so halte ich die Aufstellung eines besonderen Namens für diese Varietät für
vollkommen gerechtfertigt, möchte dieselbe aber bei der bekannten Variabilität dieses weit-
verbreiteten Thieres nicht, wie Gravenhorst (a. o. a. O., 8. 343) will, als eine von ocellatus
verschiedene Species betrachten. Die Unterschiede von Seps (Seps) mionecton m. aus Marocco
vergl. oben bei diesem.
Die zahlreichen Fundorte für Seps ocellatus Forsk. sp. sind schon oben aufgezählt wor-
den; die Varietät viridanus Grav. kennt man bis jetzt nur von den südlichen Canaren und
zwar speciell von Tenerife und von Ferro; nicht von Madeira, wo nur Seps (Gongylus) ocellatus
iypus vorkommt. Günther führt auch ein vierzehiges Exemplar von viridanus (a. 0. a. (0,
S. 243) von Orotaya an.
Folgendes sind die näheren Details und Maasse unserer Exemplare:
1. Exemplar mit verletzter Schwanzspitze von Laguna. Es besitzt 29 Längsschuppen-
reihen um die Mitte des Leibes.
Länge des Körpers bis zur Analöffnung‘ 0,0625 Meter.
9%. Grösstes Exemplar von Orotava. Das besonders dunkel gefärbte Stück besitzt
30 Längsschuppenreihen in der Mitte des Körpers.
Gesammtkörperlänge . . - . . ... 0,157 Meter,
Länge des Körpers bis zur Analöffnung 0,083 »
Schwauzlangee „tun. une e Bea 0A Er
910.
Verhältniss von Körperlänge zur Schwanzlänge wie 1:
3, Grosses Exemplar von Orotava. Es hat die Spitze des Schwanzes verletzt und
besitzt ebenfalls 30 Längsschuppenreihen.
Länge des Körpers bis zur Analöffnung 0,079 Meter.
4. Kleines Exemplar von Orotava. Die beiden seitlichen Rückenstreifen sind bei
ihm nur schwach angedeutet; das Schwarz an den Flanken aber schneidet nichtsdestoweniger
sehr scharf von der Rückenfärbung ab. Ebenfalls 30 Längsschuppenreihen.
Gesammtkörperlänge . . .. » 0,1125 Meter,
Länge des Körpers bis zur Analöffnung 0,0495 » \
EEE »
Verhältniss von Körperlänge zur Schwanzlänge wie 1 : 1°/ıo.
Schwanzlänge
5. Kleinstes Exemplar von Orotava. In der Färbung ähnlich dem Exemplar No. 4.
Zeigt nur 28 Längschuppenreihen.
Gesammtkörperlänge . . : . . .. . 0,087 Meter,
Länge des Körpers bis zur Analöffnung 0,0405 »
Schwanzlange PH HR DO: 0,0465"
Verhältniss von Körperlänge zur Schwanzlänge wie I : 1!/r.
Die beiden Stücke von Ferro sind zu schlecht erhalten, als dass ich nähere Details von
ihnen angeben könnte.
Abhandl. der Senckenb, naturf. Gesellsch. Bd, IX, 34
f
N
N
|
186
II. Amphibia.
E:Ordn Beeauda bar
1. Fam. Ranae,
4. Hyla arborea L. sp. (Syst. nat., edit. 10, tom. I, S. 213, No. 16) var. m ridionalis mihi.
Es liegen fünf von den Herren Dr. Noll und Dr. Grenacher bei ihrem Aufenthalt auf
Tenerife im September 1871 im Thal von Orotava gefangene Exemplare dieser Art vor mir,
von der (nach v. Fritsch, a. o. a. O., 8. 102) Greeff bereits erwähnt, dass sie von der gewöhn-
lichen europäischen Form verschieden sei.
Mit der Diagnose und der eingehenderen Beschreibung bei Dum6ril und Bibron (Erp6tolog.
gener., Bd. 8, 1841, 8. 581 u. £.), sowie bei Vergleichung mit fünf unter IV N 4a—e etiquet-
tirten Exemplaren der typischen Hyla arborea von Frankfurt, welche mir aus der Sencken-
berg’schen Sammlung zu Gebote standen, stimmen meine Exemplare bis auf die abweichende
Färbung und die bei den Exemplaren von den canarischen Inseln hinten vielleicht ganz wenig
schwächer ausgerandete Zunge vollkommen überein. Sonst fand ich nur noch in der Form
der inneren Nasenöffnungen an der unteren Seite des Schädels einen vielleicht wesentlichen
Unterschied, doch kann ich, da ich von beiden Formen nur einen Schädel zu präpariren Ge-
legenheit hatte, nicht mit Sicherheit angeben, ob dieser Charakter sich als constant erweist.
Die inneren Nasenöffnungen siud nämlich bei dem Schädel der canarischen Form etwas von
der Seite gesehen — gerade so breit wie lang, bei dem der mitteleuropäischen Hyla dagegen
etwas länger als breit, ein Unterschied, der sich übrigens bei directer Beobachtung an Wein-
geistexemplaren leider nicht sehen lässt
Die Färbung aber ist eine, wie es scheint, constant verschiedene. Während die typische
arborea stets einen deutlichen schwarzen oder grauen, weiss eingefassten Seitenstreifen, der
’ o° ’
sich vom Hinterrand des Auges bis an die Hüften verfolgen lä und hier gewöhnlich eine
nach oben und vorn gerichtete, buchtige Einsattelung in die Farbe des Rückens zeigt, oder in
Sr ee —
seltenen Fällen durch getrennte und mehr oder weniger von einander entfernte Makeln (vergl.
V. Fatio, Faune des Vertebr6s de la Suisse, Bd. III, Genf 1872, 8. 128) ersetzt werden kann,
aufzuweisen hat, besitzt die gewöhnlich gefleckte canarische Form nur vorn einen deut-
lichen Seitenstreifen, der nach hinten verschwindet, und dem also auch die Einsattelung voll-
ständig fehlt, während nach hinten die Farbe des Rückens und die schmutzige, relativ dunkle
larbe des Bauches ganz allmälig in einander übergehen, oder gelegentlich auf den Seiten
hinter den Vorderextremitäten schwache Marmorzeichnungen zum Vorschein kommen. Auch
zieht sich, und dies ist besonders auffallend, die Rückenfarbe noch ein gutes Stück unterhalb
der Mundwinkel auf die Seiten der Kehle herunter und breitet sich sogar noch weit — etwa
bis unter die Augenmitte nach vorn hin aus. Auch die Unterseite des Körpers, vorzüglich
der Unterleib, scheint im Leben dunkler gewesen zu sein als bei dem typischen Laubfrosch.
Der Bauch ist bei dem kleinsten von unseren Exemplaren schön dunkelbraun gefärbt, während
die Umgebung des Anus silberweiss ist, welche Farbe in nahezu grader Lirie nach vorn hin
abschneidend, besonders scharf von den tief braun gefärbten Unterseiten der Hinterischenkel
absticht.
Ich glaube, diese jedenfalls auch von Greeff beobachtete und, wie es scheint, constante
Verschiedenheit in der Färbung, die in ganz gleicher Weise auch bei einem Exemplar des
Laubfroschs von den Hyeres in Südfrankreich, welches Herr Hauptmann L. von Heyden
sammelte, zu beobachten ist, wird es rechtfertigen, wenn ich einen eignen Namen für die süd-
liche Varietät gewählt habe.
Die näheren Details für die untersuchten Exemplare sind folgende:
« 1. Schön grünes Exemplar, von dem der Schädel präparirt wurde:
Maulbreite . .°.°.....°°.0,014 Meter,
Körperlänge: esse: uunas0l085 0
Länge der Vorderextremität 0,026 >
Länge der Hinterextremität 0,065 >»
2. Grösstes Exemplar, mit schwachen und undeutlich begrenzten Flecken:
Maulbreite 0,014 Meter,
Körperlänge 0,0885 >»
3. Exemplar mit zahlreichen, scharfbegrenzten, schwarzen Punkten auf Kopf und Rücken
und mit schwachen und undeutlichen Makeln auf den oberen Seiten der Hinterschenkel.
Maulbreite 0,012 Meter,
Körperlänge 0,0355 »
—— A188: —
4. Exemplar. Schwach gefleckt, mit besonders deutlichen Kinnmakeln.
Maulbreite 0,0125 Meter,
Körperlänge 0,037 »
Entfernung der beiden seitlichen Kinnmakeln von einander 0,008 Meter.
5. Exemplar. Klein, undeutlich gefleckt.
Maulbreite 0,0095 Meter,
Körperlänge 0,029 »
Dumeril und Bibron geben den Laubfrosch (a. a. O., 8. 585) von ganz Europa, aus-
genommen Grossbritannien, von Japan und von ganz Nordafrika an. Späterhin wird seiner
noch von mehreren anderen Punkten in Asien Erwähnung gethan; so nennt ihn Eichwald
(Fauna caspio-caucasia, St.-Petersburg 1841, S. 124) aus Persien und vom Syrfluss und Petz-
holdt erwähnt ihn (Der Kaukasus, Bd. I, 1866, 8. 166) aus den den Caspisee umgebenden
Ländern. Die ungefleckte Form hat auch A. Strauch (a. o. a. O., S. 78) in Algier gefunden.
Die von mir meridionalis genannte Varietät ist bis jetzt blos aus Südfrankreich und von
Tenerife bekannt, von wo sie zuerst P. Barker-Webb. (a. a. 0., $S. 3) anführt. Er sagt dort
von ihr: »Elle est abondante dans quelques parties de la region &levde. Je l’ai trouvde en
assez grande quantitö cach6e sous les pierres, sur le plateau appel6 Mesa de Tegina, non loin
de la ville de Laguna, & plus de 2000 pieds au-dessus du niveau de la mer.. Elle est plus
rare dans la r6gion inf6rieure, Je Pai vue cependant dans le ravin au-dessous du chäteau de
Paso alto pres de Sainte-Croix.« Bolle fügt (nach v. Fritsch, a. 0. a. OÖ, S. 102) ausserdem
hinzu, dass er das Wasser mehr liebe, als die mitteleuropäische Form.
Betrachten wir die sechs als Bewohner der canarischen Inseln aufgeführten Arten nach
ihrem Verbreitungsbezirk, so sind südeuropäisch und nordafrikanisch, also zur Fauna der
Mittelmeerländer gehörig folgende drei:
Seps (Gongylus) ocellatus Forsk. Sp.,
tana esculenta L. und
Hyla arborea L. sp.
Dem afrikanischen Faunengebiete gehört nur eine Art an:
Platydactylus Delalandei D. B.,
und den Canaren specifisch eigenthümlich sind die übrigen beiden Formen:
Lacerta Dugesi Miln. Edw. und
Lacerta Galloti Dum. B.
Da es bedenklich erscheinen möchte, auf so kleine Zahlen hin Procentsätze aufstellen zu
— 189 —
wollen, um Vergleichszahlen zu erhalten, mag hier blos, zudem sich der Prozentsatz von
autochthonen Arten in historischer Zeit noch durch Einwanderung von einer Art nachweislich
geändert hat, ohne weitere Folgerungen daraus zu ziehen, meine Ansicht über das Alter der
Einwanderung der einzelnen Arten kurz entwickelt werden.
Wohl sicher die ältesten, weil am meisten von allen lebenden Arten abweichenden,
Reptilien der canarischen Inseln sind die beiden Eidechsen; wir können sie bis jetzt von keiner
südeuropäischen oder nordafrikanischen Species ableiten und sehen der Aufklärung über ihre
Entwicklungsgeschichte vorläufig noch entgegen. Platydactylus Delalandei, vorzüglich die
Form von der Insel Tenerife, nähert sich dagegen schon so auffallend dem südeuropäischen
und nordafrikanischen mauritanieus, dass nur die Constanz eines durch anatomische Verhält-
nisse bedingten Unterscheidungsmerkmals — die Form des Supranasalschilds — mich veran-
lassen konnte, dieser Art die Selbstständigkeit zu belassen. Einer früheren unfreiwilligen Ein-
wanderung dieses Thieres, vermuthlich schon durch Vermittelung des Menschen, stehen geringe
Schwierigkeiten im Wege. Ebenso ist die Verbreitung des Seps (Gongylus) ocellatus selbst
auf den kleinen vulkanischen Inselehen des Mittelmeers ein Beweis für ‚die leichte Möglichkeit
einer Verschleppung dieses Thierchens, das sich — ohnehin zur Variabilität geneigt — ähnlich
wie der genannte Platydactylus zu einer bereits in Form und Farbe scharf unterschiedenen
Localvarietät umgewandelt hat. Wenigstens der eine der canarischen Frösche, welche wie die
Gruppe der Ecaudaten überhaupt, wenig zur Bildung von Localvarietäten geneigt sind, oder,
was vielleicht noch richtiger sein dürfte, welche kleine anatomische Unterschiede äusserlich
nicht, so scharf wie die Gruppen der Saurier oder der Ophidier zur Anschauung zu bringen |
vermögen, die Hyla, zeigt noch keine nennenswerthen Unterschiede von seiner europäischen
und nordafrikanischen Verwandtschaft. Beide dürften daher wohl als die aus der lasse der
Reptilien letzten Einwanderer auf die Canaren aufzufassen sein, und eine Mitwirkung des
Menschen bei ihrer Verschleppung ist bei ihnen die sicher naturgemässeste Annahme. _ Der
eine wird ja als treuer Wetterprophet und liebenswürdiges Hausthier, der andere bekanntlich
in gastronomischer Hinsicht hochgeschätzt und manchmal sogar zu diesem Zwecke gezüchtet.
P. Barker-Webb giebt leider (a. a. O., 8. 3) für seine Versicherung, dass Rana esculenta
auf Tenerife eingeschleppt sei, keine weitere Begründung, indem er nur sagt: »Nous nous
sommes assure qu’il a 6t6 introduit ici comme & Madöre.« Von Madeira ist es nach v. Martens
aber sicher (Expedition nach Ostasien, Bd. I, 1867, S. 9), dass eine Froschspecies — vermuth-
lich R. eseulenta — durch einen Portugiesen eingeführt worden ist.
Da uns nun, wie oben angegeben, der geologischen Verhältnisse der canarischen Inseln
g
5 = 7% —
wegen keine andere Wahl bleibt, als sämtliche dort vorkommenden Landthiere als verschleppte
Arten, oder als mehr oder weniger veränderte Formen solcher eingeschleppten Species, oder
schliesslich, was zum mindesten sehr unwahrscheinlich wäre, als in nachtertiärer Zeit spontan
entstandene neue Species zu erklären, so bleibt vorläufig noch der eine, besonders wichtige
Punkt unaufgeklärt: welches sind die Stammformen der beiden auf den canarischen Inseln ein-
heimischen Eidechsen, und von wo aus haben sich dieselben über die ostatlautischen Insel-
gruppen verbreitet?
Mit der Hypothese, dass alle Reptilien der canarischen Insem als Einwanderer zu be-
trachten sind — auch die Verbreitung der Pflanzen (vergl. v. Fritsch, a. a. O., 8. 97) und die
der Landschnecken (vergl. Mollusques ete. par Aleide d’Orbigny, 8. 11 in Hist. nat. d. Iles
Canaries u. s. w.) auf den genannten Inseln zeigt sehr schön die mit der Entfernung vom
afrikanischen Continent successive stattfindende Abnahme eingewanderter afrikanischer Formen
— stimmt schliesslich besonders gut auch noch die Thatsache, dass die von der Küste ent-
fernter liegende Inselgruppe der nördlichen Canaren oder Madeiren meines Wissens nur vier
Reptilarten beherbergt, eine kleinere Zahl, welche sich ungezwungen durch die ungleich grösseren
Schwierigkeiten erklärt, die sich dort einer erfolgreichen Colonisirung durch unfreiwillig wan-
dernde Reptilien entgegensetzen mussten.
Fig.
Fig.
Fig.
Fig. 4
Fig.
lig.
2
Erklärung der Abbildungen.
Platydactylus mauritanieus L. sp. Tanger. Schnauzenspitze von oben in 1'/sfacher Vergrösserung.
Platydactylus Delalandei D. B. Tenerife. Desgl.
Gymnodactylus trachyblepharus n. sp. Djebel Hadid. a. Ansicht von oben und b. Ansicht von unten
in nat. Gr. c. Untere Ansicht der Schnauzenspitze in dreifacher Vergr. d. Seitenansicht des
Kopfes in dopp. Vergr. 3
Seps (Gongylus) ocellatus Forsk. sp. Marocco. Seitenansicht des Kopfes in 1’/sfacher Vergr.
Seps (Gongylus) ocellatus var. viridanus Gravenh. Tenerife. Desgl. in dopp. Vergr.
Seps (Seps) mionecton n. sp. Plateau von Schiodma. a. Ansicht von oben und b. Ansicht des Kopfes
von unten in nat. Gr. c. Seitenansicht desselben, in dopp. Vergr. d. Vorderextremität und
e. Hinterextremität, beide in 3facher Vergrösserung.
Böttger
3. Gymnodactylus trachyblepharus n.sp. Djebel Hadid.
5. Seps ( Gong.) ocellatus var viridanus Grav. Südcanaren.
NINIEINIRNN >
(eichein ia
Sid
u
N
ei
1. Platydactylus mauritanicus L. sp. Tanger, 2. Platydactylus Delalandei D. B. Tenerife
4, Seps (Gongylus) ocellatus Forsk. sp. ivpus Marocco
6. Seps (Seps) mionecton n.sp Plateau v. Schiodma
Ueber den Quarz.
ID.
Die Vebergangsflächen
Mit drei Tafeln.
Von Dr. Friedrich Scharff.
(S. diese Abh. Bd. II.)
Von verschiedenen Seiten aufgefordert aus den über den Bau der Krystalle gemachten
Beobachtungen ein Resultat zu ziehen, habe ich gezögert solches zu unternehmen, weil die
Vorstudien nicht ausreichen. Dazu kommt dass es noch sehr schwer fällt von den irrigen
Hypothesen, auf welche die Wissenschaft gebaut, uns loszureissen. Eine frühere Abhandlung
»Krystall und Pflanze« hat — abgesehen von andern Mängeln — besonders auch aus diesem
Grunde ein ungenügendes Ergebniss gehabt. Gerne hätte ich zuvor noch den sogenannten
Contactflächen der Krystalle ein besonderes Studium gewidmet, und den künstlichen Krystallen
als Gegensatz zu den natürlichen, in den Bergen und Klüften gewachsenen. Doch das Alter
mahnt an die Kürze des Lebens. So möge es hier versucht werden eine Reihe von That-
sachen zusammenzustellen, welche uns vielleicht über die Bauweise der Krystalle einigen, wenn
auch ungenügenden Aufschluss geben; es ist dazu der Bergkrystall wieder gewählt und vorzugs-
weise die Uebergangsflächen desselben behandelt, da gerade diese uns Einblick geben in die
Thätigkeit der Krystalle. Ich glaube als Vorstudien zu dieser Arbeit hier bezeichnen zu dürfen:
»Ueber den Quarz. I« in diesen Abh. d. Senckenb. Gesellsch. Bd. IH.
»Ausheilung verstümmelter Krystalle« in Poggend. Ann., 1860, Bd. 109.
»Krystall und Pflanzes, Nachtrag von 1862 mit Tafel.
»Zwillingsbau des Quarzes« in N. Jahrb. f. Min., 1864.
»Das Irisiren im Quarze«, das. 1865.
»Bergkrystall von Carrara«, das. 1868.
In dem letztgenannten Aufsatze ist die Vermuthung aufgestellt, dass der Bergkrystall in
anscheinend verschiedener Weise seine Gestalt herzustellen suche, in abgerundeten pyraınidalen
oder conischen Formen, dann auch in einem glänzenden Ausgleichen und Ueberziehen der
Abhandl. d. Senckenh. naturf. Ges. Bd. IX. 25
194 —
Flächen. Es ist die Aufgabe der vorliegenden Arbeit, solche Thätigkeitsäusserungen des
Krystalls möglichst zu deuten. Zu dem Zwecke waren Krystalle aufzusuchen, an welchen ein
allmäliger Uebergang sich nachweisen liesse, aus der Formlosigkeit zu "ebenen, bestimmbaren
Flächen; aus gerundeten Gestalten zu geraden Kanten. Die Entwickelung des Krystallbaus
kann nur vermittelst eines reichen, speciell dazu gesammelten Materials studirt werden. Noch
sind solche Sammlungen in unsern wissenschaftlichen Anstalten nicht zu finden, wir sehen uns
genöthigt selbst Reisen zu unternehmen, das Nöthige zusammenzukaufen, missbildete oder
mangelhaft hergestellte Krystalle, an welchen wir, wie der Zoologe in Spitälern, aus der krank-
haften Ausnahme auf die Bedeutung der ‚morphologischen Erscheinung selbst einen Schluss
ziehen können. So vielversprechend die mikroscopischen Untersuchungen der Mineralien auch
sind, sie haben bis jetzt wol mehr der Geologie genutzt als der Mineralogie, oder speciell
der Krystallogenie. Erst eine vergleichende Mineralogie wird uns den Nachweis liefern, wie
auch im Leben der Krystalle eine fortwährende Entwickelung stattfindet. Aber wie weit sind
wir noch von einem ‚solchen Ziele entfernt; ist doch selbst auf den Versammlungen der
deutschen Naturforscher die Mineralogie noch in ein Joch gespannt mit, Geologie und mit
Palaeontologie! Wie verschieden sind die Meinungen der Mineralogen wenn es sich darum
handelt, ob das eigenthümliche Ansehen gewisser Krystalle Folge eines zerstörenden Angriffs
von Aussen, einer Aetzung beizumessen, oder ob ein mangelhafter Bau, eine Nachbildung und
Ergänzung vorliege. ‚Haben wir. einmal Störung an Störung gereiht, Missbildung an Missbildung,
so ergiebt sich am Ende auch die Deutung, die Lösung; es wird uns nicht weiter in den Sinn
kommen von »zerfressenen Bergkrystallen« zu reden oder die fehlenden trapezoedrischen Ecken
des Bergkrystalls durch Aetzung erklären zu wollen.
Es ist eine ganz bekannte Thatsache dass Rutschungen in den Bergen vorkommen;
Rutschflächen die dabei gebildet worden, zeigt der Geologe seinen Schülern vor; aber Krystalle
welche bei solcher‘ Veranlassung in den Klüften beschädigt worden, zerknickt, zersprengt, zer-
splittert, die werden kaum beachtet. Sie finden sich aber zuweilen in grosser Anzahl. Ein
nicht unbeträchtlicher Theil der als »missbildet« bezeichneten Krystalle gehört hierher; es
waren Spaltstücke oder auch nur Splitter, welche am Ort, der Schädigung in Ergänzung begriffen
waren ; einzelne Flächen sind dabei oft von grosser Ausdehnung, so bei den Bergkrystallen der
tafelförmige Habitus nach einer Spaltfläche #R oder nach »P. Die älteren Flächen sind
meist sehr wohl: von den jüngeren, in Ergänzung begriffenen zu unterscheiden ; jene, rauher,
das Prisma gefurcht, ‘wohl auch von fremder Substanz überdeckt, die neueren Ffächen aber
glänzend, gewölbt,.oder uneben, z und s daneben in grosser Menge.
—-— 195 —
Solche in der Entwickelung gestörte, oder in der Nachbildung, Ergänzung befindliche
Stellen sind selten von ebenen, messbaren Flächen und Kanten begrenzt, wir sind deshalb
genöthigt von den Vortheilen, welche uns die Krystallographie gewährt, dabei fast gänzlich ab-
zusehen. Es geschieht dies wahrlich nicht aus Geringschätzung derselben, aber diese Wissen-
schaft kann sich nur mit dem fertigen Krystall, mit der geebneten Fläche befassen, es ist
nicht ihre Aufgabe Krummes gerade, Gerundetes eckig zu:machen. Wir können deshalb die
krystallographische Bezeichnung der Flächen nur dann anwenden, wenn diese wirklich messbar
sind, sonst muss die Bezeichnung durch Buchstaben aushelfen, und zwar +mR für das steilere
Rhomboeder, x für die Trapezoeder erster Ordnung, und für die Prismenflächen ein g, welchem
+ oder — in der Zeichnung darüber, im Texte vorzusetzen ist, je nach dem darüber ein +
oder aber ein — Rhomboeder befindlich ist. Es wird sich weiterhin zeigen, dass eine solche
genauere Bestimmung zweckmässig ist.
Herr Oberbergrath Dr. Websky war einer der ersten Forscher, welche das Fortwachsen
der Quarzkrystalle beachteten. In einem Aufsatze über einige Flächen am Quarz (Pogg. Ann.
1856) fand er Gelegenheit nicht nur diese Flächen zu bestimmen, sondern auch das Vor-
kommen derselben überhaupt zu untersuchen, der Trapezoederflächen bei Krystallen, welche
zerbrochen, auf der Lagenstätte sich weiter fortgebildet. Er beschrieb einen Quarz von
Guttannen, an dessen einem Ende runde, conische Zapfen seien, mit rauher Oberfläche zwar,
aber nach gewissen Richtungen einschimmernd. Bei neueren Untersuchungen über den Quarz
von. Striegau (N. Jahrb. f. Min. 1871) bemerkt derselbe Forscher, dass zwischen genau ent-
wickelten Dihexaederflächen eine grosse Mannigfaltigkeit secundärer Formen auftrete, welche
nur selten auf einfache Symbole zurückgeführt werden könnten; ebenso dass einem solchen
Auftreten von Flächengruppen im Ganzen die Lage eines einfachen Symbols entspreche; er
zweifelt aber ob hier lediglich eine Störung der Krystallisation zu Grunde liege, vermuthet dass
die Krystalle des untersuchten Quarzes aus einer Reihenfolge von Decken bestehen, welche
verschiedenen, um je 180° um die Hauptaxe gedrehten Individuen angehören.
Ich bedaure sehr dass ich dieser Hypothese eines so ausgezeichneten und gewissenhaften
Forschers mich nicht anschliessen kann; wir dürfen die 'Thätigkeit des bauenden Krystalls
nicht in dem äusserlichen Auflagern von schaligen Individuen erfassen, müssen vielmehr auf
das von Innen nach Aussen wirkende Schaffen desselben Individuums achten. Der Bergkrystall
baut nicht durch Schalenbildung. Selbst die beste Spaltfläche desselben ist sehr wesentlich
verschieden von der gewachsenen Krystallfläche. Es giebt keine scharf geschiedenen Bildungs-
perioden während des Wachsens der Krystalle, keine »Intermittenzen des Bildungsactes«. Die bauende
196 —
Thätigkeit kann gestört, es mögen andere Formen und Flächen dadurch hervorgerufen werden,
aber selbst während der äusserlichen Störung geht der Bildungsprocess weiter. Staubartiges
Sediment im Innern der Krystalle deutet nicht auf Unterbrechung des Wachsthums, nur auf
Unterbrechung einer ungestörten Fortbildung. Helminthe sind im Bergkrystalle nie zwischen
zwei Schichten oder Lagen gebettet, weil dieser fortwuchs während auch die Helminthe ent-
standen und sich vergrösserten. Die Störung welche der bauende Bergkrystall dadurch erleidet,
muss sich äusserlich zeigen in dem mangelhaften Ausbilden der Flächen, in dem Auftreten von
Uebergangsflächen. Die schliessliche Ausgleichung und Glättung der Flächen ist wol als Vollendung,
nicht als Abschluss der krystallbauenden Thätigkeit zu bezeichnen.
Wir wissen es nicht ob die Entstehung der Krystalle blos ein »momentaner Act« ist, ob
dieselbe stets unserer directen Beobachtung entzogen bleiben wird; wir können aber sehr wohl
die weitere Entwickelung, Vergrösserung, Ergänzung der Krystalle beobachten. und studiren,
daraus auf die krystallbauende Thätigkeit und die Gesetze, welche ihr zu Grunde liegen, Schlüsse
ziehen. Für ein solches Studium gewinnen wir beim Quarz die erste sichere Basis da, wo
das Auftreten von ebenen Flächen die Hülfe der Krystallographie ermöglicht. Am besten dazu
geeignet müssen solche Krystalle sein, welche in der regelmässigen Ausbildung der Flächen
gestört worden, oder dieselbe eingebüsst, nachträglich die vollendetere Gestalt herzustellen
bemüht waren, also die angeführten Bergkrystalle von Guttannen mit umschlossnen Resten. von
Strahlstein, ähnliche welche im Tavetsch, besonders am Giuf sich vorfanden im erdigen Chlorit,
dann auch Krystalle aus dem Maderanerthale mit Helminth oder mit Resten von Kalkspath-
tafeln. Solche Krystalle wurden früher nur als sogenannte Naturspiele gesammelt, als Curiosi-
täten aufbewahrt; im Stuttgarter Museum befindet sich ein altes Exemplar aus. der Storr’schen
Sammlung, vor 100 Jahren bei Chiavenna gefunden; eine lange, vergilbte lateinische Beschreibung
liegt bei, mit, Hinweis auf Museum physiognosticum P. 1. L. 1. $ 120. Zwei schöne Exemplare
befinden sich im Berner Museum aus dem Tavetsch, das ausgezeichnetste aber, wie immer,
bei Herrn Dr. Wiser. Der Besuch dieser Sammlung ist dem Mineralogen stets ein Fest. Es
finden sich daselbst nicht nur verschiedene Vorkommen solcher Kegelbildungen aus dem
Tavetsch, von der Göscheneralp, vom Rhonegletscher, vom Zinkenstock (Artzinge, Aarzinka?),
auch ältere Funde vom Sella, aus dem Wallis, vom Kaiserstuhl bei Wolfenschiess und von
Chiavenna. Solche Kegelformen sind bereits früher erwähnt und bildlich dargestellt in dem
Aufsatz über den Bergkrystall von Carrara, Fig. 2; es gelang mir im vergangenen Jahre bei
zwei Besuchen der Gotthardthäler ein reiches Material in den verschiedenen Ortschaften zu-
sammen zu kaufen. Schliesslich versprach mir noch Herr Hoseus, Mineralienhändler in Basel,
NN
eine Anzahl solcher Krystalle zuzusenden; er hat mir in dankenswerther Weise ‚74 Stück
solcher Bildungen mehrere Wochen lang zum Studium überlassen. ‘)
Ausser diesen Kegelformen sind es besonders zerbrochene und wieder in Fortbildung und
Ergänzung begriffene Krystalle, welche eine nochmalige sorgfältigere Untersuchung beanspruchen.
Sie zeigen das Zusammenvorkommen der älteren, ebenen Flächen mit der neueren ungeregelten
Bildung auf den Ergänzungsflächen. Beim Curaten von Curaglia, Medelserthal, fand sich vor
Jahren eine ganze Schachtel voll solcher Bergkrystallsplitter welche in Fortbildung und Ergänzung
begriffen gewesen, ebenso bei Fidel Gerick in Wasen eine grosse Menge derselben vom Rienzer-
stock, Dietenberg; in Camischolas andere aus dem Tavetsch. Nicht nur in der Schweiz, aller-
wärts finden sie sich, in Zinnwald, im Pfitsch, in Freiberg. (Vergl. auch Alb. Müller in
Basler Verhandl. 1859, p. 394.) Die zersprengten Krystalle sind zuweilen auf der einen Seite
noch verbunden, während sie auf der gegenüberliegenden auseinanderklaffen. Ein Bruchstück
ist in den Riss hineingerutscht, in etwas veränderter Stellung mit dem Stammkrystall wieder zu-
sammengewachsen, Manchmal sind von einer bestimmten Richtung her Stückchen Quarz mit
Chlorit oder grauem Staube aufgelagert und festgewachsen, die Stücke sind häufig parallel
einer Fläche + R losgebrochen gewesen ?), seltener parallel © P, meist aber durchaus unregel-
mässig. Die älteren, langsamer gebildeten Flächen sind eben, zum Theil bestäubt, oder auch
mit den charakteristischen Kennzeichen der einzelnen Quarzflächen versehen; die jüngeren sind
von reinstem Glanze, aber die Flächen #R + mR gewölbt, parquetirt, allerwärts s einglänzend,
und etwas matter die Trapezflächen. Stücke aus dem früheren Krystallkern stammend, sind
nach allen Seiten hin mit den, der früheren Krystallstellung entsprechenden Flächen versehen
worden, bei andern ist nur das fehlende ergänzt. Fig. 37. Auffallend ist es dass während der
Ergänzung. der Krystall hauptsächlich auf den beschädigten Stellen arbeitete; auf den alten
Krystallflächen ist er, dem Anschein nach, während dem nicht weiter gewachsen, 'nur hie und
da auf vereinzelten, durch den glasigen Glanz ausgezeichneten Stellen. Bei künstlichen
Krystallen wächst bekanntlich der Krystall in seinem ganzen Umfange fort, rascher und mangel-
hafter aber auf den beschädigten Stellen.
!) Auf einer kurz vor dem Druck dieser Abhandlung unternommenen Reise wurden noch erkauft
ausgezeichnet schöne, weisse Exemplare vom Galenstock, und ebenso schwarze aus der Gegend der
Handeck (ob Aarziuka?).
2) s. »Zwill.-Bau des Quarzes« Taf. VII, Fig. 18, 19, 22. An Fig. 19 wäre das Eck links unten durch
ein sehr kleines oo P zu beseitigen.
rin rs
on
— 198 .—
Die Kegelbildungen.
Es ist sehr schwer über die Kegelformen des Bergkrystalls bestimmte Thatsachen zu-
sammenzustellen, weil einestheils dieselben stets nur in Gruppen verwachsen vorkommen, andern-
theils aber bestimmbare, ebene Flächen oft ganz fehlen. Zuweilen findet sich eine Spaltfläche
nach + R oder nach » P; dann deutet auch eine Häufung von kleinen Spitzchen, welche mehr
oder weniger in einer Ebene liegen auf die Richtung der Hauptaxe; es ist diese Ebene eine
rauhe Stelle, welche als oR bezeichnet werden könnte, wenn sie je ganz eben vorkäme. Fig. 5,
6, 29, 31, 34. Sie giebt immerhin einigen Anhalt. Treten ebene Flächen an den Kegel-
formen auf, so ist es meist das Prisma; kleine, glänzende Stellen, nach der horizontalen
Richtung ausgespitzt. Fig. 1—4, 14, 17, 25. Treten zwei solcher Flächen in der Prismenkante
zusammen, so ist das hinreichend die Axenstellung zu bezeichnen und weiter auf der gerun-
deten Gruppenbildung auftretende Flächen bestimmen zu können. Es sind dies meist 2 P2—=s
und +R, beide gewöhnlich aus Vertiefungen vorglänzend, das Rhomboeder von rauhen, wulst-
artigen Erhöhungen eingefasst, Fig. 15, 17, 19, 26, die Rhombenfläche aber in vielfacher,
schuppenartiger Häufung oder blätterähnlicher Bildung gruppirt. Fig. 32, 86, 89. Manchmal
ist auch die Trapezfläche x neben der Prismenfläche hergestellt, gross, rauh, nie glänzend oder
genau messbar. Fig. 22, 23, 33. i
Mit solchen Hülfsmitteln ausgerüstet versuchen wir es nun die Kegelbildungen oder
conischen Gestalten selbst näher zu beleuchten. Die Bezeichnung als Kegel ist eigentlich un-
richtig, es sind keine regelmässigen, geometrisch bestimmbaren Formen, nur die Aehnlichkeit
soll darin ausgesprochen sein. Die Axe derselben fällt zum "Theil in die Hauptaxe des Berg-
krystalls, zum Theil aber scheint sie in der Richtung der Nebenaxen zu liegen. Es könnten
demnach Vertical gestellte Kegelbildungen von horizontal gelagerten geschieden werden, Fig. 7
9, 13, 16; allein es ist eine solche Scheidung wohl nicht durchzuführen, da eine Abgrenzung
kaum irgendwo zu bemerken ist, wohl aber stets der Uebergang aus der vorherschend ver-
ticalen Richtung in die horizontale, oder auch umgekehrt. Fig. 13, 16. Die Ausfaserung oder
Gipfelzertheilung zu einer Art Ebene findet sich am meisten bei den vertical gestellten
conischen Gestalten, bei denselben aber auch eine seitliche Auszackung oder sonstiges Vor-
streben nach einer Nebenaxe. Fig. 34. 36.
Wenn die horizontal gelagerten Kegelformen mit der Richtung der Prismenkanten des
Bergkrystalls in einem gewissen Zusammenhang zu stehen scheinen, so ist für die Polkanten
desselben ein ähnlicher Zusammenhang nicht aufzufinden. Im Gegentheil, wo eine Kanten-
— 199 —
bildung au den verticalen Kegelformen aufzutreten scheint, ist dies in der schiefen Diagonale
der werdenden Rhomboederflächen; rauhe, gerundete Flächen des Gipfelkegels scheinen eher
mit einer Dihexaederfläche zweiter Ordnung zusammenzufallen. Bei den erwähnten Krystallen
von der Grimsel (Websky in Pogg. Ann. 1856, pag. 301) sollen einige der conischen Zapfen
in welche der Krystall ausgehe, deutlich sechs rundliche Flächen erkennen lassen, von welchen
drei Kanten stumpfer, drei Kanten schärfer seien. Zuweilen scheint dies der Fall zu sein,
doch nicht immer; auch das Einschimmern nach gewissen Flächenrichtungen setzt schon eine
weitere Entwickelung des Krystallbaus voraus.
Der rhomboedrische Bau.
Die meisten Forscher geben von der Ansicht aus, dass das Wachsen der Krystalle nicht
nur durch Anlagerung neuer Substanz erfolge, sondern auch dass die Gestaltung durch Aggregation
gleichgeformter Individuen erfolge. Die drusige Ausbildung der Flächen stelle in vielen Fällen
den Krystall in kleinerem Formate dar, die zerfaserte Endausbildung werde gebildet durch das
Vorragen einzelner, parallel gestellter, kleinerer Krystalle. Dies ist eine Annahme welche
keineswegs genügend begründet ist. Der enteckte Flussspathwürfel von Zinnwald oder- vom
Münsterthal lässt auf der drusigen Octaederfläche nicht Würfelecken vortreten oder anwachsen
es treten vielmehr gerundete Ecken des 48 Flächners vor, und der sog. Kanonenspath vom
Harz zeigt die mangelhafte Vollendung der Endfläche oP keineswegs in einer Parquethäufung
dieser Fläche selbst, sondern durch das Vortreten kleiner scalenoedrischer Kalkspathzacken, die
Flächen und Kanten gerundet, unmessbar. Bei dem Aragonit, dem Bleiglanz u. a. Mineralien
sehen wir Aehnliches. (Vergl. N. Jahrb. f. Min., 1860, Fig. 13—16 auf Taf. II; 1861, Taf. E
Fig. 14, 18; Taf..IV, Fig. 8; — 1862, Taf. XI, Fig. 30. Krystall u. Pfl., Fig. 1, 10, 12, 21.)
Es ist durchaus willkürlich und ungerechtfertigt anzunehmen, dass das Reflectiren mehrerer
Bilder von einer Fläche auf der mangelhaften Aggregation kleinerer Krystalle beruhe; auch
von »Aneinanderlagerung der Lamellen« sollten wir nicht reden, da wir nicht im Stande sind
zu erkennen, inwiefern solche Krystalltheile blos aneinander geschoben sind oder ob sie nicht
von Innen heraus gebildet und gefestigt sind. Die neueren mikroscopischen Beobachtungen
über Krystallbildung bemerken, dass derselben ein Aneinanderlegen von Krystalltheilen, von
formlosen Kıystalliten meist vorausgehe; dieses Aneinanderlegen geschehe nach gesetzmässigen
Richtungen und Winkelverhältnissen, es folge eine Vereinigung; durch Ineinanderfügung werde
auch polyedrische Form hergestellt. Leider fehlt die Deutung wie wir uns dies Ineinander-
nn
a
fügen zu erklären haben. Grade dieses Ineinanderfügen und Durchwachsen ist aber Krystalli-
sation; das vor Allem ist der Punkt, auf den wir unsere Aufmerksamkeit richten müssen; mit
dem Zuführen der Bausteine ist das Haus noch nicht gebaut, selbst wenn die stärkste Attrac-
tionskraft und Cohäsion dabei behülflich sein sollte.
Die mikroscopischen Untersuchungen der Entstehung eines Krystalls haben sich wohl aus-
schliesslich oder zumeist mit künstlichen Krystallen befasst, der langsame Bau des Quarzes
entzieht sich der directen, ünmittelbaren Beobachtung. Man hat Hyalith auf Quarz gefunden,
tropfenartig, kugelig, nierenförmig sich drängend; gewiss kein Rest des durch Flusssäure zer-
fressenen Quarzes, eher vielleicht als Ausscheidung aus einem andern Mineral zu bezeichnen.
Nicht nur in Baveno finden sich solche Auflagerungen, bei der Jordansmühle wurde Hyalith
bemerkt auf Quarz und Serpentin; in Griedel Hyalith auf Quarz ohne eine Spur von Fluss-
spath; auch auf Elba, Palombaja, finden sich tropfenartige Quarzmassen. In den letzten Jahren
war das Hyalithvorkommen in Baveno ziemlich häufig, meist auf Quarz, aber auch auf fleisch-
rothem Orthoclas und anderen Mineralien gelagert. Ueber Bruch- wie über gewachsene
Flächen des Quarzes zieht er gleichmässig hin, wie ‘ein trüber Schleim sich verbreitend, die
Kanten und Krystallformen darunter wohl erhalten. In solchen Vorkommen ist wol Kiesel-
säure, aber weder Krystalliten noch krystallinische Bildung überhaupt ist zu bemerken,
Die Auffassung durch welche Hauy den »Mechanismus der Krystallisation« zu deuten
suchte, liegt noch immer der geometrischen Auffassung der Quarzbildung zu Grunde; die Vor-
stellung, dass der Quarz aus zwei Individuen zusammengesetzt sei, ist aus allen Arbeiten über
den Quarz herauszulesen, oder auch offen ausgesprochen; es soll sogar die Zwillingsbildung
vom Strählerberge beweisen, dass die sechs Zuspitzungsflächen der Quarzkrystalle als die
Combination zweier Rhomboeder zu betrachten seien; auf den tetartoedrischen »Charakter« der
Quarzkrystalle wird grosses Gewicht gelegt. Wir sprechen hier nur von einfachen Krystallen,
noch nicht von Rechts- und Links-Bau, nicht von Zwillingen. Sehr häufig findet das Zusammen-
wachsen von Quarzkrystallen statt, aber damit ist die Frage nicht gelöst, ob der Quarz über-
haupt aus dem Durchwachsen zweier Rhomboeder sich gestalte. Dieser theoretisch ausgebildete
Lehrsatz ist lediglich als krystallographisches Hülfsmittel in die Wissenschaft eingeführt worden.
Jeder Mineraloge hat sich diesen Lehrsatz zurechtgeschnitten wie er ihm anı "besten diente,
zu Lagen von Molecülen, zu Reihenfolgen von Decken oder Schalen, zu Segmenten oder auch
zu kleineren Krystallen und Krystallstücken.
Die Flächen des Quarzes sind hauptsächlich insofern interessant, als sie eine innere
Thätigkeit des Krystalls anzeigen, deren Resultat sie sind. Die Gesetze des Resultats sind
— 201 —
gewonnen, die Gesetze des Bauens, der Krystallisation noch nicht. Der Quarz zeigt wohl
tetartoedrische Combinationen, aber nur im geometrisch sich darstellenden Ergebniss seiner
Thätigkeit; dies Bauen selbst, die Entwickelung seines Wachsens und Gestaltens hat er uns
noch nicht geoffenbart. Indem wir darüber streiten, hauen wir nur im Nebel umher. An-
ziehung, Adhäsion, Aggregation, rhomboedrische oder hexagondodekaedrische Grundform sind
dabei nur leere Worte.
Das Wenige was bis jetzt über Quarzbildung erforscht ist, berechtigt uns nicht diesen
Krystall als aus zwei verschiedenen Rhomboedern zusammengesetzt zu deuten, den Quarz so
wenig wie die Blende. Finden wir beim Quarze einfache, rhomboedrische Gestalten, so dürfen
wir sie mit ziemlicher Sicherheit als mangelhafte, unvollendete Bildungen bezeichnen, Fig. 56.
Allein die krystallographische Mineralogie sucht mit Vorliebe solche rhomboedrische Gestalten
auf als Stützen einer Hypothese oder einer Theorie. Ist doch. selbst die smalteblaue Varietät
von Tresztyan in Siebenbürgen als solch ein Quarzrhomboeder aufgeführt worden.
Ueber die Fundstätten dieser Chalcedonplatten ist nur Weniges bekannt. Es sind gelöste
Einschlüsse eines zerstörten Gesteins; drusiger Bitterspath oder Mesitin scheint denselben als
Grundlage gedient zu haben. Der Ohalcedon ist aufs mannigfaltigste und in sehr verschiedenen
Gestalten gebildet, nierenförmig in Kugelsegmenten, von Chalcedonfäden und Strängen über-
zogen, oder in dreiflächigen Ecken vortretend mehr oder weniger messbar, oder auch deutlich
charakteristische Kennzeichen tragend und zwar die des Flusspaths. Es kann hier nicht, wie
Zerrenner, Berg- und Hüttenm. Zeit. 28, No. 51 gethan, im Allgemeinen von einer Art des
Emporsteigens aus der Grundlage und der Häufung der Krystallformen gesprochen werden.
Unter einer Anzahl solcher Handstücke befinden sich Krystallformen, ausgezeichnet durch die
Schärfe der Kanten und die Charakteristik der Flächen. Diese sind bauchig, schwach gewölbt,
sie entziehen sich einer Messung, allein die Zeichnungen welche sie bedecken, gehören dem
Flusspathe zu, sind diesem ganz und gar eigenthümlich. (Vergl. Bauweise der würfelf. Kryst.
im N. Jahrb. f. Min., 1861, p. 395 ff. u. Taf. V, Fig. 16—19, 23.) Dazu kommt dass die
gerundete Flächenerhebung durch einen Pyramidenwürfel mo © ziemlich scharf abgeschnitten
ist, und zwar auf beiden Seiten der Würfelkante. Es ist gar nicht daran zu zweifeln dass
hier wenigstens der Flusspath gebaut hatte. Sollte bei andern Handstücken eine gleiche
Gewissheit nicht vorliegen, so wird doch nie und nimmer die Messung einer solchen pseudo-
morphen Chalcedonplatte den »Beweis« erbringen dass der Quarz hier ein selbständiges
Rhomboeder R gebaut habe.
Es war bis jetzt. nicht möglich beim Quarze einen Unterschied in der Bildung von +R
Abhandl. d. Senekenb. naturf. Gesellsch., Bd. IX. 26
— 202 —
und von —R aufzufinden, oder auch nur festzustellen ob +R stets vor —R hergestellt werde.
Bei dem Entstehen der Flächen R fehlen gewönlich noch die bestimmenden Nebenflächen s
und x, Fig. 5. Wo bei bereits säulig ausgebildeten Krystallen diese Flächen auftreten, ist
ein —R nachzuweisen, aber auch zum Theil ein —R. Fig. 22, 23, 26, 44, 45, 89. Das
Glätten dieser Flächen in Vertiefungen welche eingerahmt sind von rauhen Wulsten deren
spiessige Gruppirung übereinander greift, Fig. 15, 19, scheint bei --R stattzufinden, wie auch
bei —R. Zeigt sich das Glätten der kegelförmigen Abrundung auf der Oberfläche derselben,
so geschieht dies entweder auf einer Flächenmitte, oder auch wohl zunächst einer sich bildenden
Polkante oder Combinationskante, Fig. 23, 26, 32, im Tavetsch gewönlich das erstere, bei
den rundlichen Gestalten aus dem Oberwallis das letztere. Fig. 110. Hier ist die ganze Ober-
fläche des kegelförmigen Gipfels mit einer gitterartig gekreuzten Furchung versehen, auf welcher
überall die Fläche einschimmert; zum Theil sind auch zwischen der Kreuzung kleine Stellen R
geebnet und ausgeglichen.
Bei dem Tavetscher Vorkommen ist eine solche gitterartige Kreuzung weniger zu be-
merken. In Fig. 37 ist ein Bruchstück eines grösseren Krystalls dargestellt mit Resten der
Flächen &P.2.u, und jenseits einer klaffenden Spalte auch von —R. Der Krystall ist in
Ergänzung begriffen, es schmiegen sich die jüngeren Kegelformen um den Rest der Fläche
—R, sie bilden in der Vertiefung der Spalte abgeplattete Stellen oP, aber geebnet; sind sie
noch nirgends. Bei andern Krystallgruppen ist die Flächenmitte R (zum Theil wenigstens mit
Sicherheit als +R zu bezeichnen) prächtig glänzend, schwach gewölbt, die Polkanten aber sind
rauh, gestreift, bündelartig gruppirt, und in Spitzen ausgezackt. Fig. 41, 44, 45.
Vom Rath, Elba, p. 627, hebt mit vollem Rechte den auffallenden Gegensatz hervor
zwischen den zur Wölbung neigenden Flächen, und den ebenen, glatten, glänzenden, »echten«
Krystallflächen. Nicht zufällig und unregelmässig seien solche Rundungen, der Verlauf der
entstehenden Curven zeige eine bemerkenswerthe Gesetzmässigkeit. Es scheidet dieser Forscher
ganz richtig die Unregelmässigkeiten welche zuweilen auf den geebneten Hauptflächen des
Quarzes sich zeigen, von der stets mangelhaften Abrundung der untergeordneten Flächen. Es
scheint wichtig festzustellen, dass nicht die Kanten der Kıystalle zu Flächen sich runden, son-
dern umgekehrt, dass die untergeordneten, gerundeten, rauhen Krystallflächen sich noch nicht
zu Kanten und ebenen Flächen ausgebildet haben. Dies ist der Gang der Krystall- oder doch
der Quarzbildung. Möglicherweise oder wahrscheinlich ist bei Zerstörung der Krystalle, bei
Aetzung, Corrosion eine andere Wandelung zu verfolgen. Die rauhe Fläche oP, in kleinen
Kegelchen oder Zäpfchen vordrängend, wird sich allmälig an einen mittleren Kegel anlegen, in
u al
ihn aufgehen, mit ihm eine Gipfelbildung in scharfen Kanten herstellen, Fig. 44; es sind die
stumpferen Rhomboeder, wie das rauhe, stachlige }aR keine wahren Krystallflächen, nur als
Uebergangsflächen zu bezeichnen; die Abrundungen der Polkanten des Quarzes sind keine
echten Krystallflächen, und selbst die steileren Rhomboeder verdienen oft nicht diesen Namen.
Ganz Aehnliches ist bei andern Mineralien zu bemerken; der Kalkspath vom Harz in abgerundeter
scalenoedrischer Häufung, in unzähligen Spitzchen oder Gipfelchen vortretend aus der Basis
oR, (milch. Trüb. des säul. Kalksp., Fig. 13, 14 und pae. 14) der Aragonit ausgefasert in
der Fläche Po, in zackiger Bildung auf oP, (Bild. d. Arag., pag. 8, 11, Fig. 7, 12, 14, 16)
der Flusspath aus der Würfelfläche übergehend in eine abgerundete Gitterung des 48flächners
(würfelförm. Krystalle, pag. 398, 402, Fig. 21, 22, 33, 36, 37) der Bleiglanz in Ecken vor-
tretend auf ©Oo während ©O und 20 gerundet in einander übergehen (das., pag. 390, 391
und Taf. IV, Fig. 8 und 9; s. N. Jahrb. f. Min. 1860, 1861).
Wenn wir die übereilte Bildung, wie sie sich bei den künstlichen Krystallen meist findet,
auf den Quarz anzuwenden versuchen, so sehen wir uns arg getäuscht. Dort finden ‚wir oft
einen skelettartigen Bau, ein Gerüste zwischen welchem die Flächen allmälig hergestellt, der
Zwischenraum ausgefüllt wird. Wir glauben solches auf die Krystallbildung überhaupt anwenden,
bei der Deutung derselben verwerthen zu können; allein wir kommen damit nicht weiter als
bis zur Adhäsion der Molecüle, dann stecken wir wieder fest. Wir finden stets beim Bauen
und Gestalten des Quarzes die Rundung; aus der Gitterung und Verwebung bildet sich die
glänzende, ebene Fläche, aus zwei geebneten Flächen die Kante. Treten aus den abgerundeten
Kegelformen vom Tavetsch kantenartig gerundete Theile vor, so ist dies nicht an der Stelle
der späteren Polkanten, sondern in der Diagonale der späteren Flächen R. Diese diagonalen
Kanten finden wir nicht nur in der rauhen Ausbildung von sR wieder, sondern auch in den
unregelmässigen Erhöhungen auf der Fläche R. Fig. 42, 48, 50, 51, 57. Ebenso ist es bei
dem Prisma, dies beginnt mit der Herstellung der Fläche, verbreitert sich in spiessigen Formen;
die Fläche ist oft geglättet und messbar, während noch keine einzige Prismenkante hergestellt
ist, Fig. 1—4, 7, 12, 14; die Vertiefungen der Prismenfläche sind oft schon aus den spiessigen
Formen in horizontale Furchen zusammengedrängt, während die Combinationskanten noch nicht
vorhanden sind, oder in schiefer Richtung abfallen. Fig. 20,.21, 27. Die Kegelbildungen vom
Tavetsch mögen wohl seit langen, lähgeit Jahren an ihrer geregelten Herstellung arbeiten, wir
aber können in soleher Arbeit doch nur einen übereilten Bau erkennen, der nicht gleichmässig
vorangeht, ebenso in Flächen- wie in Kantenbildung. Bei dem Krystall hat die Zeit eine andere
Bedeutung wie bei den übrigen Wesen, welche als organische von ihm geschieden werden,
u
— 206 —
In einer früheren Arbeit (Ausheilung verstümmelter Kryst., pag. 532 ff., Pogg. Ann.,
1860, Bd. 109) ist aus der Art und Weise wie der Krystall seine Heilung. herstelle, auf die
Verschiedenartigkeit der Quarze ein Schluss gezogen worden; es wurden darnach gesondert:
1. Die Quarze des Taunus mit bevorzugter Ausbildung der Gipfelkanten und der Gestalt
R&B 2; Die Quarze von Schemnitz mit ähnlicher Bevorzugung der Gipfel- und Prismen-
kanten und der Gestalt oP.R. 3. Die Quarze des Gotthards mit mannigfaltigsten Secundär-
flächen. Eine solche Scheidung wäre vielleicht begründet in der Herstellung oder Ausführung,
nicht aber in der Anlage des Baues; sie wäre zurückzuführen auf die Bevorzugung des Flächen-
baues oder aber des Kantenbaues. Die Quarze des Taunus und die von Schemnitz, indem sie
die Flächen zur Seite der Kanten und somit diese selbst herzustellen sich bestreben, ermangeln
der Uebergangsflächen (vergl. Kryst. u. Pflanze, Fig. 18, 19, 21); die Gottharder Quarze
dagegen beginnen vorzugsweise mit der Flächenmitte, an den Kanten treten die verschiedensten
Uebergangsflächen auf, dort ist der Krystall mit dem Bau zurückgeblieben.
Wir wollen etwas genauer untersuchen wie die Tavetscher Kegelbildung auch in einem
mehr geordneten und vollendeten Krystallbau sich noch bemerklich macht. Auch auf den echten
Flächen derselben zeigen sich bei irgend welchen Störungen desselben Unregelmässigkeiten,
die als Kennzeichen derselben aufgefasst werden, die Warzen-, Zitzen-, Inful-Bildung auf’der
Fläche #R. Es sind dies gedrängte Erhebungen, formlos, oder nach einer Seite etwas zu-
gespitzt, oder auch bestimmter als gleichschenkliges Dreieck mit. gerundeten Schenkeln. »In-
fulbildung« soll die Aehnlichkeit mit der Form einer Bischofsmütze andeuten, »Mitra« wäre
das richtige Wort, allein am besten lässt man solchen Vergleich ganz fallen, gebraucht die
allgemeinere Bezeichnung »polyedrische« Bildung oder Erhebung welches die Form der Er-
hebung auf einer bestimmten Fläche als bekannt voraussetzt, oder sie besonders beschreibt.
Auch diese Bezeichnung ist eigentlich unrichtig, allein als fremdes, unverstandenes Wort hat
sie rascher Eingang und Anwendung gefunden. Sie wird hier aufgefasst als Erhöhung einer
Fläche oder eines Flächentheils unter mehreren gebogenen Flächen und Kanten. Die polyedrische
Fläche ist weder eine echte Fläche, noch ist sie je messbar; sie ist stets nur als ungeregelter
Uebergangsbau zu der wirklichen Flächenbildung zu betrachten. Bei den Tavetscher Kegel-
formen ist die Polyedrie vorherschend, bei dem Ueberwachsen und Einschliessen fremdartiger
Auflagerung von Chlorit, Rutil, Amianth, ist, sie sichtbar als Zeichen eines gestörten Baues.
Die polyedrische Erhebung welche sich auf den Flächen +R des Quarzes zeigt, ist als
dreitheilige oder dreiflächige Erhöhung aufzufassen. Die beiden unteren gegen die Prismen-
fläche gerichteten Kanten der Erhebung bezeichnen die Mitragestalt, die oberste aber ist. die
— 205 —
diagonale Kante der Tavetscher Kegelbildungen. Fig. 48, 50, 51, 57. Es verdiente das eigen-
thümliche Vortreten dieser oder jener Kante oder polyedrischen Fläche eine besondere Unter-
suchung und Bearbeitung; es können hier nur allgemeine Andeutungen gegeben werden. Je
schärfer die obere, diagonale Kante vortritt, desto mangelhafter scheint die Flächenbildung R
zu sein; je mehr sie sich verkürzt, in die Krystallspitze gleichsam sich versenkt, desto voll-
endeter der Krystallbau. Auch hier ist der Krystallbau mit vorwiegender Flächenbildung von
einem Bau mit bevorzugter Kantenbildung sehr deutlich zu scheiden, es finden sich aber die
verschiedensten Combinationen und Verwachsungen. Bei einem Bergkrystall mit Rutileinschluss
aus dem Tavetsch, Fig. 61, ist die obere, diagonal vortretende Kante der Erhebung mehrfach
parallel gruppirt, der Krystallgipfel ist, wie auch die Polkante des Krystalls gerundet, es ist
eine Art Uebergang zu der zackigen Ebene oP der Tavetscher Kegelbildungen. Selten ist die
diagonale Kante der Erhebung genau nach der Krystallspitze gerichtet, sie weicht gewöhnlich
etwas rechts oder auch links ab. Fig. 50, 54, 55, 57. Ob dies mit dem Rechts- und dem
Linksbauen des Bergkıystalls zusammenhängt, darüber fehlt noch hinreichende Gewissheit.
Zuweilen ist es nur eine grosse Erhebung welche fast die ganze Fläche R bedeckt, Fig. 43,
51, 57; weit häufiger aber sind es mehrere Erhebungen welche gesondert vortreten, oder eine
kleinere wieder aus der grösseren. Fig. 48, 50, 61. Bei genauer Untersuchung wird man oft
überrascht durch die unendliche Zahl mikroscopisch kleiner Erhebungen welche aus, oder neben
grösseren sich vordrängen oder häufen: doch ist eine bestimmte Begrenzung nirgends zu finden;
es sind keine 'Theilkrystalle darin zu erkennen. Auf Krystallen von Oberstein treten solche
Erhebungen zum Theil in scharfer Kante vor, fast wie ein Papageienschnabel gekrümmt, Fig. 42.
Wir haben aber keinen genügenden Grund noch Berechtigung, solche Unregelmässigkeiten als
Zwillingsbildung mit gegenseitiger Durchdringung der Individuen zu bezeichnen, oder auch nur
sie mit geebneten Flächen und geraden Kanten zu zeichnen.
* Die Mannigfaltigkeit der Gestaltung solcher polyedrischen Erhebungen auf +R ist so gross,
dass wir sie füglich den Formenwandlungen in der sogenannten organischen Natur an die Seite
stellen können. Gehen wir von den Tavetscher Kegelgestalten aus, wie sie z. B. in der
Fig. 7 seitlich gegen die Prismenecke die spiessigen Gruppen vorbauen, so finden wir. ganz
Aehnliches auf missbildeten Krystallen vom oberen Haslithal. Fig. 73. Es ist die bevorzugte
Bildung von einer Polkante aus, oder nächst einer Polkante, die gegenüberliegende ist ver-
nachlässigt, nicht hergestellt, der Krystall daselbst gerundet, wie auch in Fig. 66 einem Krystall
von Viesch dies der Fall ist. Es ist die Schemnitzer Kantenbildung, wie sie in Fig. 59 von
rechts nach links, in Fig. 68 (Oberstein) von links nach rechts vordrängt. Bei andern Krystallen
" — 206 —
von demselben Fundorte geht die Bildung von zwei Polkanten aus, die neugebildeten Krystall-
theile rücken gegeneinander vor, überlagern und kreuzen sich, wie zuweilen auch bei Krystallen
vom Tavetsch, Fig. 41, 46, wie bei der Streifung der Amethisten von Rio Pardo (Quarz I,
Fig. 10) oder der Drapirung der Amethyste von Bogshan, Fig. 63 und Quarz I, Fig. 3%), oder
endlich der zitzenförmigen Häufung vom Zillerthal und von Oberstein, Fig. 62, 64, 65, 77:
Bei noch anderem Vorkommen kann man ebensowohl das einseitige Vorbauen, wie die Häufung
in der Flächenmitte verfolgen, so z. B., Fig. 40, 47, Krystalle von Bielichgraz, Fig. 56 von
Island. Wenn bei den Krystallen der Alpen man öfter noch einen Rechtsbau oder einen
Linksbau in den Erhebungen auf +R zu erkennen glaubt, so herscht doch, abgesehen von
den Amethysten, das Zusammentreten und Aufbauen in der Flächenmitte vor. Es gestaltet
sich die dreitheilige Erhebung, die oberen Flächen zuweilen glatt und glänzend, wie bei
Krystallen vom Calanda, Fig. 50, 51, die unterste fein horizontal gefurcht. Allmälig wird die
diagonale Kante mehr gerundet, der Gipfel der Erhebung ebnet sich zur geometrischen Fläche
R, die feinen Furchen des untersten Flächentheils häufen sich zu einem mangelhaft geordneten
m, Fig. 57, 81, 85. Vergl. Quarz I, Fig. 2, 6. — Bei grösseren Krystallen, z. B. im Basler
Museum ein Krystall ohne Angabe des Fundorts, Fig. 43, oder in Bern ein solcher vom
Zinkenstock aus dem Jahre 1719 fällt die Erhebung der Flächenmitte nach einer etwa 10 mm.
breiten, etwas concaven Seitenfläche ab. (Zu vergleichen mit Fig. 40.)
Die oben berührte Frage ob +R anders erbaut werde als —R, findet in dem Auftreten
der Erhebungen von +R keine bestimmte Antwort. Wir finden diese Erhebungen gerade so
auf +R wie auf —R, und nicht nur auf den Krystallen der Alpen, sondern auch bei der
Schemnitzer Bildungsweise (s. z. B. Fig. 63). Allein bei den merkwürdigen Amethysten von
Rio Pardo sehen wir den Wechsel von matt und glänzend, die Streifung parallel den Polkanten,
nur auf +R, nicht auf —R. Der Amethyst scheint, als mangelhaft gebildeter Quarz, geeignet
unsere Studien zu erleichtern; er fordert uns zu neuen Studien auf. Die glänzenden Streifen der
genannten Amethyste bestehen aus sehr kleinen, gerundeten, polyedrischen Erhebungen welche
über die matteren Stellen vorbauen; diese letzteren scheinen in’ ihrem oberen Rande nach dem
Krystall-Inneren zu ziehen, oder, wenn man will, umgekehrt, baut der Krystall mit oder in dem
unteren Rande der glänzenden, polyedrischen Häufung aus der Fläche vor. Quarz I, Fig. 10.
Die Flächen —R sind weit gleichmässiger von kleinen Warzenbildungen überzogen, ein
1) Bei dieser Fig. 3 ist aus Versehen eine dritte Polkante oben rechts gezeichnet, sie muss weiter unten
bei dem stumpfen Winkel beginnen. Ebenso ist Quarz I, Fig. 23 die Polkante links zu kürzen, die Fläche R
rechts flacher zu legen.
Wechsel von matt und glänzend ist nicht zu bemerken. Es ist auch die Combinationskante
—R: — ©P meist schön und horizontal hergestellt, während die Kante +R : +wP, z. B.
bei den Krystallen von Oberstein, Fig. 62, 65, noch fehlt. Aber vergeblich suchen wir nach
Thatsachen welche auf das Zusammenwachsen zweier Individuen mit --R und mit —R in
demselben Krystallraum hindeuteten. Mit einer Hypothese kann man nicht eine andere Hypothese
beweisen, und wieder jene mit dieser, Wir werden auch bei den steileren Rhomboedern
Gelegenheit finden die Verschiedenheit der Ausbildung positiver und negativer Flächen
zu beachten, aber auch da nicht eine Verwachsung verschiedener Individuen. Am aller-
wenigsten wird das Vorkommen der Rhomben und Trapezflächen eine solche Hypothese zu
begründen im Stande sein.
Zweigipfelige, d. h. an beiden Enden der Hauptaxe ausgebildete Krystalle müssten, wenn
die angedeutete Hypothese richtig wäre, eine gewisse Gleichmässigkeit der Ausbildung zeigen,
etwa in der Weise, wie die Krystalle sonst in wissenschaftlichen Zeichnungen ringsum ergänzt
oder verbessert wurden. Bei einer Collection solcher Krystalle aus dem Tavetsch, dem Ober-
hasli, dem Maderanerthale, vom Calanda, etwas über 50 Stück, ist fast überall, wo es möglich
ist den Unterschied der Rhomboederflächen festzustellen, die Fläche +R beiderseits in stärkerer
Zahl als —R vorhanden. Allein gerade hier sind die begleitenden Secundärflächen eine seltene
Erscheinung, Fig. 104 a b, dabei stets eine besondere Störung des Krystallbaus nachzuweisen ;
unter 22 solchen Krystallen aus dem Tavetsch befindet sich nur ein einziger Krystall mit der
Rhombenfläche, zugleich mit abgerundeter Polkante; unter 12 wasserhellen Krystallchen von
dem Brückenbau über das Russeintobel bei Dissentis kommt die Rhombenfläche nur dreimal vor,
und zwar bei Krystallchen mit Landkartenzeichnung. Fig. 88. Die Ausbildung beider Gipfel
scheint demnach eine grössere Regelmässigkeit in der Ausbildung des Krystalls, oder vielmehr
"% Krystallflächen und Kanten, zur Folge zu haben als bei aufgewachsenen, eingipfeligen
Krystallen. Wir finden dies in der That bei den Krystallen von Marmarosch, von Brilon, von
Pforzheim, von Devonshire, von St. Jago di Compostella und von einigen anderen Fundorten.
Der Prismenbau.
Wollen wir auch hier vom mangelhafteren Bau zum vollendeteren übergehen, so können
wir wieder mit der Tavetscher Kegelbildung beginnen, und zwar mit den horizontal gelagerten
oder gerichteten Häufungen, Fig. 7, 27. Es sind diese nach den Nebenaxen des Quarzes
gerichteten Kegelformen, wie bereits bemerkt, kKrystallographisch nicht zu bestimmen, Sie
nn
— 208 —
werden anscheinend aus acht mehr oder weniger gerundeten Flächen gebildet welche in einer
Ecke zusammentreffen. Fig. 1—4, 25, 28. Die mittleren Flächen ebnen sich zuerst in
glänzenden Streifen und sind dann als »P zu bestimmen. Daran liegen oben und unten
gerundete Flächen welche allmälig sich ausbilden zu R, und zu dem steileren Rhomboeder
+mR. Fig. 14, 27, 28, 30. Die oberste und die unterste der gerundeten Flächen, hier mit
r bezeichnet, liegen an der Stelle eines Rhomboeders oder Dihexaeders zweiter Ordnung; sie
treten zurück, wo das Rhomboeder erster Ordnung sich verbreitert, werden schmaler und
schärfen sich zur Polkante. Fig. 1—4, 8, 10, 26, 27. In Fig. 1, 26, 27 sind verschiedene
Ecken der Kegelformen vertical übereinander ausgebildet, sie deuten die Entstehung oder die
Richtung der Prismenkante an. Ob die einzelnen an den Ecken sich gegenüberliegenden
gerundeten Flächen in der Ausbildung übereinstimmen, ist kaum zu entscheiden. Es scheint zu-
weilen ein 'gerundetes + mR oben rechts und ein solches unten links, oder umgekehrt, die
gleiche Beschaffenheit zu haben, Fig. 4, eine rauhe, spiessige Häufung; aber die sich bildenden
Prismenkanten sind keineswegs von gleicher Beschaffenheit. Es ist ganz bestimmt die Kante
zu unterscheiden an welcher die Fläche « auftritt, und die alternirend ohne x auftretende
Kante. Jene ist weit besser hergestellt, wenn auch zuweilen eine schmale, sehr flache Ent-
kantung daran zu bemerken ist welche in schwacher Kurchung mit der anliegenden Fläche x
einschimmert. Man könnte diese Kante als positive bezeichnen, die andere, alternirend durch
kegelförmig vortretende Ecken ausgezahnte, als gezackte oder negative Prismenkante. Fig. 12,
92, 35, 38, 39. Die letztere verbindet je zwei auf gegenüberliegenden Krystallenden befindliche
Flächen —R; ihre Bildungsweise ist bereits in der Abhandlung »Ueber den Bergkrystall von
Carrara« besprochen worden, pag. 824, Fig. 4. Die Eigenthümlichkeit derselben ist bei sorg-
fältiger Untersuchung nicht allzuselten zu erkennen, besonders bei Gottharder Krystallen bei
welchen kleine Furchen, von dieser Kante ausgehend, 1 bis 2 mm. weit über die Prismenfläche
sich erstrecken. Fig. 35. Bei zusammengewachsenen, in der Richtung der Hauptaxe geeinten
Krystallen tritt diese kurze Furchenbildung wohl auch mitten auf der Gesammtprismenfläche
auf, nach der einen Seite, Fig. 20, oder auch bei verschieden gebauten Theilkrystallen sowohl
nach rechts als auch nach links gerichtet; oder auch ist die Verwachsungsnath durch zwei
positive Kanten gebildet, die negativen, gezackten, treten rechts und links an der Gesammt-
prismenfläche auf;*) oder endlich es ist die Furchung auf längere oder kürzere Strecken eines
Gruppenkrystalls beschränkt. Je besser und gleichmässiger die Kanten des Prisma hergestellt
!) Die Behauptung, es käme die zweite Säule d auch unter s, ja selbst vollflächig vor (Weiss, Quarz,
pag. 81, VII) bezieht sich wohl nur auf zusammengewachsene Krystalle.
sind, desto mehr sind auch die Flächen der Tavetscher Krystalle ausgefüllt; sind die Prismen-
flächen nur in schmalen, ausgespitzten Bändern geebnet, so ist auch die Prismenkante nur in
den gleichgerichteten Ecken angedeutet; sind die rhomboedrischen Gipfelflächen der Krystalle
vorhanden, so erglänzen diese auch in den Furchen der Prismenkanten ein.
Unter den interessanten Mittheilungen über die Bergkrystalle von Elba (vom Rath,
. Pag. 626, 627) ist der Unterschied zwischen der Prismenkante mit der Fläche O, und der-
Jenigen welche nicht durch O abgestumpft wird, wol aber stets mit höckerigen Schuppen be-
deckt ist, ganz richtig hervorgehoben; er sei ein durchgreifender bei diesen Krystallen, ist es
aber, mehr oder weniger erkennbar, nicht nur bei den Bergkrystallen von Elba und aus dem
Tavetsch, sondern bei dem Bergkrystall überhaupt. Wenn vom Rath, pag. 627, bemerkt dass
die schuppenartigen Protuberanzen oft die Gestalt stumpfer, vierseitiger, parallel gestellter
Pyramiden annehmen, so zeigt dies nur wie schwierig es ist, für diese sich wandelnden Ecken-
formen eine bestimmte Flächenbildung herauszufinden. Es ist wol auch diese Flächenbildung
hier nur von mehr untergeordneter Bedeutung, wichtiger scheint eine Bemerkung ' welche
G. Rose, Quarz, pag. 39, mittheilt, dass nämlich die Zuschärfung k der Seitenkanten, zwar
schmal und wenig glänzend, doch an Krystallen von Striegau noch durch Messung bestimmbar,
die Queraxen auf gleiche Weise schneiden müsste, wie die Trapezflächen x, welche auf diesen
Zuschärfungsflächen gerade aufgesetzt sein würden. Es deutet dies an dass die Richtung der
Kegelbildungen an den verschiedenen Prismenkanten ‘keine verschiedene ist, dass wir also die
jeweilige besondere Ausbildung dieser Kanten in anderen Verhältnissen suchen müssen.
In dem früher erschienenen Aufsatz über den Quarz, I, pag. 13--15 ist die Wulsten-
bildung auf den Prismienflächen besprochen, sie. bestehe aus lamellenartigen Krystalltheilen
welche von einer Seitenkante aus über die Fläche hinziehen, sich anscheinend übereinander-
schieben, Da die Prismenkanten nicht mehr als gleichgeltend angesehen werden können, muss
auch eine solche Beschreibung jetzt genauer bestimmt werden. Bei der Tavetscher Kegel-
bildung fehlen die Prismenkanten mehr oder weniger, die Glättung und Ebenung der Prismen-
fläche beginnt entweder mitten auf dieser Fläche, gleichsam durch eine Entwickelung von Innen
heraus, oder aber von einem Kegeleck aus. Es sind hier spiessige Formen welche sich ent-
weder von links nach rechts, oder von rechts nach links hinziehen. Fig. 70-72, 78, 79.
Zuweilen ist nicht nur eine feine blätterartige Auflagerung zu erkennen, es tritt dieselbe mit
einer breiteren und einer ganz schmalen Fläche aus der Prismenebene vor. Fig. 52, 60. Die
schmalere Fläche ist ein +mR, unmessbar natürlich. Es sind mangelhaft ausgebildete, un-
vollendete Krystalltheile, aber keineswegs sind sie als wirkliche Lamellen, als Blätterbau zu
Abbandl. d. Senekenb. naturt, Ges. Bd. IX 27
betrachten. Zuweilen ist diese wulstartige Häufung in unzählige kleine Eckchen ausgehend,
Fig. 83. Sind diese Erhebungen mehr geebnet und geregelt, so bilden sie anscheinend rhom-
boidische Formen von 75° und 105° ungefähr; der Winkel von 75° ist oft etwas gerundet,
zuweilen durch viele kleine Spitzchen in die Breite gedehnt, s. Quarz I, Fig. 14. Der spitzere
Winkel ist stets gegen die Trapezfläche gerichtet, gegen die positive Prismenkante. Fig. 83,
101, 105. Ist die rhomboidische Form vierseitig, vollständig ausgebildet, so muss, wenn die
eine Spitze gegen die Trapezfläche rechts oben, die andere nach links unten gerichtet sein.
Bei solchen Krystallen ist, eine verschiedenartige (zwillingsartige) Verwachsung von Theil-
krystallen oft zu bemerken. Fig. 80. Bei einem durch Auflagerung gestörten Krystallbau
aus dem Maderanerthale ist eine frühere Contactfläche in Nachbildung begriffen. Fig. 85, 81.
Die Contactfläche hatte die Combinationskante etwas schief abgeschnitten, die Erhebungen auf
+R treten deshalb jetzt treppenartig übereinander auf; die Winkel der Prismenergänzung sind
etwas verschieden, aber auch sie sind auf die Eckenbildung zurückzuführen, welche über die
ganze Contactfläche hin vielfach aus dem Krystallbau vortritt.
Es ist die Form der polyedrischen Erhebungen auf ©P eine sehr mannigfaltige und
deshalb die Deutung eine sehr schwierige. Es läuft zuweilen die Richtung der spiessigen
Gruppen nicht nach einer Seite nur, sondern nach zweien, gegeneinander. Fig, 67. Eigen-
thümliche derartige Formen finden sich auf Tavetscher Kegelbildungen, spiessige Ausfaserungen
welche sich ineinander verschränken. Fig. 69. Solche Bildungen sind möglicherweise Ver-
wachsungen von rechts- und linksgebauten Krystallen. Es ist eine bekannte Thatsache dass
die damascirte oder Landkartenzeichnung der Bergkrystalle oft nur auf den Rhomboeder-
flächen bemerklich ist, nicht zugleich auf dem Prisma, auf welchem sie rascher sich auszugleichen,
zu verwachsen scheint.
Die Erhebungen auf »P stehen ohne Zweifel in innigem Zusammenhang mit der Bildung
des steileren Rhomboeders -mR, allein sie deuten nur einen Uebergangszustand an, es ist
deshalb von jeder genaueren Formbestimmung abzusehen.
Die Bergkrystalle welche nur &P . P sich ausbilden, im allgemeinen als Krystalle
der Schemnitzer Bauweise bezeichnet, lassen ihre Eigenthümlichkeit auch auf den Erhebungen
der Prismenfläche erkennen. Diese sind nicht nur seltener, es ist auch die Furchung einfacher,
In Quarz I, Fig. 12, ist ein solcher Krystall abgebildet, die Prismenkanten hergestellt, die
Flächen nur unvollständig erfüllt. Die blätterähnliche Häufung darin erglänzt aber nicht ein
mit einem -mR, sondern, wie der Gesammtkrystall, zeigt sie £R..«®P. Die Krystallbildung
wird deshalb doch hier wie dort auf den gleichen Gesetzen beruhen. Der prächtige über
— 217 —
10 cm. lange Krystall mit Wassertropfen, von Viesch, Fig. 67, hat eine blassröthliche Hülle, einen
mangelhaften prismatischen Bau über den chloritischen Kern ausgeführt. Der Winkel der spiessigen
Formen des Prisma ist weit spitzer als der Winkel der Erhebungen auf dem Krystallkern.
Die steileren Rhomboeder,
Wenn wir bisher die stets gerundeten, unmessbaren Flächen beachtet, welche, ohne je
eine selbständige Abgrenzung zu erlangen, stets nur einen Uebergang dargestellt aus einem
mangelhaften, unvollendeten Krystallbau zu den Hauptflächen des Quarzes #R. »P, so finden
wir bei andern derartigen Flächen zwar auch diese Vebergangsbestimmung zu den Hauptflächen,
daneben aber eine selbständige Abgrenzung und Ausgleichung. Es gehören hierher vor allem
die steileren Rhomboeder, dann auch die Trapezflächen. Sie ebnen sich nicht nur zu mess-
baren Flächen, sie zeigen auch Uebergänge untereinander. Solche messbaren Uebergangsflächen
werden auch als Secundärflächen bezeichnet,) als Flächen nach welchen der späthige Krystall
nicht spalte, als »nicht wesentliche« Flächen bei nicht spaltbaren Krystallen. Das »Wesen«
eines Krystalls ist noch nicht bestimmt, doch sind beim Quarze wol stets nur #R . »P als
Hauptflächen angegeben worden, daneben eine sehr grosse Anzahl Seeundärflächen, welche zum
Theil richtiger als unmessbare Uebergangsflächen zu bezeichnen wären. Das »Bestreben« eines
jeden Krystalls ist ganz gewiss dahin gerichtet, seine Hauptflächen herzustellen; bei Störungen
treten Uebergangsflächen auf, aus diesen erst die messbaren Secundärflächen. Bei einer
grossen Anzahl von Nachbildungen zerbrochener Bergkrystalle finden sich auf den Ergänzungs-
stellen stets nur gerundete, wenn auch glänzende Flächen. Da an einem bestimmten Fundort
während der Ausbildung einer ganzen Menge von Krystallen nicht nur die gleichen Störungen auf
die Ausbildung eingewirkt, sondern ebenso die sonstigen Verhältnisse welche ein langsameres
oder rascheres Wachsen bedingten, so ist es ganz natürlich dass daselbst die Gestalt der
meisten Krystalle eine ähnliche ist, charakteristisch für diesen oder jenen Fundort; so die Art
und Weise des Auftretens von —7R und —11R bei Bergkrystallen vom Dauphine, von
+3R — 7R — 7/2R in dem körnigen Kalke von Carrara, von + !!ıoR auf Elba, von + 3R + 4R
am Gotthard und im oberen Wallis. Wir sind noch nicht im Stande den Hergang, wie die
Uebergangsfläche zur messbaren Secundärfläche sich glättet, zu deuten, dass hierbei nicht von
einer Schachtelbildung, von Auflagerung und Ankleben jüngerer Lamellen die Rede sein könne
ist wohl selbstverständlich.
1) So ist wol die Bemerkung: Bauweise des Feldspaths, I, pag. 12, bestimmter zu fassen.
vs
Es ist bei den Uebergangsflächen des Quarzes eine wesentliche Verschiedenheit derselben
zu beachten; sie sind entweder gerundet, oder aus einer Häufung von geebneten Flächen
treppenartig gruppirt; jenes bei den steileren Rhomboedern +mR und den Trapezflächen
erster Ordnung; dieses bei den steileren Rhomboedern —mR, und bei den meisten Trapez-
flächen zweiter Ordnung. Die Rundung solcher Flächen kann wieder auf verschiedene Ver-
anlassungen zurückzuführen sein, im Wesentlichen auf das Vortreten von Kegelecken oder
Kegelsegmenten.
Von der Tavetscher Kegelform wieder ausgehend, Fig. 1—4, 7, 28, 30, sehen wir auf
der gerundeten Fläche welche zur Seite von »P nach der Kegelecke sich ausspitzt, Kleinere
Eckchen gleichgerichtet sich vordrängen. Wir finden ganz ähnliches auch auf Krystallen von
Oberstein an welchen die Prismenkante noch nicht hergestellt ist, so z. B. Fig. 68, oder auch
auf der Prismenfläche säuliger Krystalle vom Tavetsch zu schmalen Flächen gereiht, Fig. 60,
oder endlich in breiterer Gruppirung, Fig. 78, 79. — Es besteht ein deutlicher Zusammen-
hang zwischen +mR und --R einerseits, Fig. 43, 49, und derselben Uebergangsfläche mit
+oR andererseits; die steileren +mR sind, wenn.nicht geebnet, dann gewölbt, polyedrisch
gebrochen, die Breite der polyedrischen Flächen gegen die Prismenkante hin ab oder zunehmend,
die Combinationskanten undeutlich, gerundet oder auch schief begrenzt. Fig. 78. vergl. Fig. 20.
Ganz verschieden ist die Uebergangsfläche —mR gebildet. Früher ist bereits darauf
hingedeutet, wie die Fläche —R stets mit der Säulenbildung aufzutreten scheine, es ist in
diesem Umstande eine Bedingung der Vollendung des Quarzbaues vermuthet worden. Dieses
Zusammenvortreten von —R und &P findet sich auch in der Furchung von —mR. Die Be-
zeichnung »Treppenwechsel« giebt uns keine Erklärung des Krystallbaues, allein sie hebt als
wesentliche Eigenthümlichkeit desselben hier das stete Wiederholen und Wechseln der zwei
zusammengehörigen Flächen hervor. Die steileren —mR sind wohl stets gefurcht und
raub, kaum möchte darunter eine wirkliche Fläche aufzuführen sein. Es lassen sich auf den
Treppenbildungen ganz dieselben polyedrischen Erhebungen erkennen wie auf der Hauptfläche
am Gipfel. Fig. 58. Die Bauweise des Krystalls auf -+-mR ist gewiss nicht ohne Einfluss
und Rückwirkung auf —mR, allein diese Wechselwirkung wird nur in der Gesammtrichtung
der vortretenden Treppenkanten von —mR sich offenbaren.
Dieser Unterschied der Uebergangsfläche +mR und —mR, oder auch der Kantenbildung
von «P zu +R und zu —R lässt uns vermuthen dass wol auch die Herstellung der Prismen-
Aäche selbst eine andere sein mag zunächst -+-R und bei —R. Bei vollendeten Krystallen ist
davon nichts mehr zu bemerken, allein bei der geringsten Störung werden verschiedene
— 213 —
Kennzeichen auftreten an diesem oder an jenem Ende der Prismenfläche, Dieser Unter-
schied ist allzuwenig beachtet worden; die interessanteren, flächenreichen Krystalle werden
unter den aufgewachsenen Individuen gefunden an welchen nur das eine Ende der Prismen-
fläche zur Ausbildung gekommen; eingewachsene Krystalle, an beiden Enden ausgebildet, sind
meist auch vollendeter ohne Secundärflächen hergestellt. Während die aufsitzenden Krystalle
vom Tavetsch, von der Fibbia, von der Sella die allergrösste Mannigfaltigkeit der steileren
Rhomboeder zeigen, haben die zweigipfeligen vom Calanda, aus dem Tavetsch, aus dem
Maderanerthale, wenn nicht durch den Gesammthabitus bedingt, kaum eine Spur derselben.
Fig. 104 a. b. Der eingewachsene Quarz von St. Iago, von Brilon, von Pforzheim, ist ohne
jede Spur eines steileren Rhomboeders; dagegen sind diese auf den unverhältnissmässig lang-
gestreckten, aufgewachsenen Säulen aus dem oberen Wallis und von anderen Fundorten der
Alpen ebenfalls ungewöhnlich gross und breit ausgebildet.
In dem Aufsatze Quarz I, pag. 24, ist das steilere Rhomboeder +mR mit der Prismen-
bildung verglichen worden; es sei daran eine ähnliche Lamellenbildung zu erkennen, 'wie beim
Prisma. Solche angebliche Lamellenbildung des Quarzes hat bereits an andern Orten eine
Berichtigung erhalten; wir können nicht vorsichtig genug sein bei der Anwendung solcher
üblichen Vorstellungen und Ausdrucksweisen. In neueren Beobachtungen und Bemerkungen
über das Wachsthum künstlicher Krystalle (s. z. B, im N. Jahrb. f. Min., 1871, 72) ist immer
die feine Streifung der Krystallflächen als gebildet aus übereinander geschichteten, äusserst
dünnen Lamellen gedeutet, deren Grösse von unten nach oben zu abnehme; die Polyedrie
wird durch Aufeinanderlagerung von Octaedersegmenten zu erklären gesucht, die Festigung
derselben aus der Anziehung. Kleine Unregelmässigkeiten werden nicht beachtet, obgleich
gerade diese oft vom wesentlicher Bedeutung sind. Bei gerundeten Prismenflächen gestörter
Quarzbildungen ist zuweilen das Einglänzen der Erhöhungen auf --mR einerseits mit —+R,
andererseits mit -+g zu verfolgen; man kann häufig das Charakteristische der verschiedenen
Flächenbildung herausfinden, der Flächenbildung wie sie an dem einzelnen Kırystall jeweilig
eigenthümlich ausgesprochen ist. Es sind nicht fremde Individuen welche in Lamellenform
dem wachsenden Krystall aufgeschoben werden, sondern es sind eigenste Theile dieses Krystalls
mit seinen Mängeln und seinen — wie der übliche Ausdruck lautet — Neigungen. Fig. 90.
Bei einem sehr mangelhaft gebildeten Gottharder Bergkrystall sind auf der convexen Prismen-
fläche verschiedene steilere Rhomboeder ineinander unmessbar übergehend erhoben. Die
Wulsten welche dieselben bedecken, sind von gewundenen und gebogenen Flächen begrenzt,
sie treten schuppenartig übereinander vor. Fig. 74, 75. Sie sind ziemlich übereinstimmend mit
a
den Wulstenbildungen welche Quarz I, Fig. 15 abgebildet sind, vortretende Ecken nach einer
horizontalen Richtung erstreckt, blätter- oder lamellenartig, von der Flächenmitte ausgehend
oder wie Fig. 76, zugleich von der Prismenkante wit, vorherschend prismatischer Bildung. Es
lässt sich wol auch diese Lamellenform auf die Ecken der Tavetscher Kegelbildung zurückführen.
Die Trapezflächen,
Die merkwürdigsten und interessantesten Flächen des Quarzes sind neben der Rhomben-
fläche die Trapezflächen. Alle Mineralogen haben ihre Bedeutung anerkannt. Sie sind gleich-
sam die Hüter, sie stehen an der Schwelle der geheimnissvollen Quarzbauten, sie sind der
Prüfstein alles desjenigen was der Optiker uns darüber mitgetheilt, der Geometer herausgerechnet
hat. Keine andere Fläche reizt uns so sehr die Schwierigkeiten zu überwinden, den Schleier
zu heben, als diese innig verwandten, eng verschwisterten Flächen die beim Bingang des
Krystallbaues stehend, uns damit eben die Stelle des Eingangs verrathen.
Es ist allmälig eine grosse. Menge verschiedener Trapezflächen bestimmt worden, und zwar
in verschiedenen Reihen. In diesen Reihen ist der Uebergang, die Wandelung der Flächen oft
sehr auffallend, die Untersuchung der Bildungsweise dieser Krystalistellen oder Bezirke wird
gerade deshalb mehr eine allgemeine sein müssen. Die oberen, so wie die unteren Trapez-
flächen zweiter Ordnung schliessen sich eher an die Untersuchung der Rhombenfläche an, sie
bieten auch bei der Kleinheit der Flächen meist nur weniger Stoff zu Beobachtungen; von
den unteren Trapezflächen erster Ordnung sind es besonders die Flächen 4P%s = u, 5P°l, = Y,
und 6P°s —= x welche am meisten zu berücksichtigen sein werden, und zwar wenn sie nicht
bestimmbar sind unter der gemeinsamen Bezeichnung als x, denn 6P°% scheint die Fläche zu
sein, in welche allmälig die übrigen Trapezflächen erster Ordnung sich wandeln, übergehen. Sie
selbst aber, oder vielmehr der Krystall, hat »die Tendenz« die Trapezfläche zusammen mit
dem steileren +Rhomboeder in die anliegenden Hauptflächen des Krystalls +»P und +R
langsam und allmälig aufgehen zu lassen. Wir müssen uns mit solcher Vorstellung des Ueber-
gehens der Krystallflächen in verwandte Flächen vertraut machen, denn bei dem Krystall ist
ebenso ein unablässiges Fortbilden und‘ Entwickeln der Flächen und der ganzen Gestaltung zu
verfolgen, wie bei den Wesen welche als organische von dem Krystall geschieden
werden. Ein jeder Forscher welcher mit der Genesis der Krystalle sich beschäftigt, wird un-
vermerkt zu der gleichen Ueberzeugung geführt werden. In den vortrefflichen Beobachtungen
welche Herr C. v. Hauer in den Sitzungs-Berichten der k. k, Akademie, 39. Bd., No. 4, p. 611
—. 215 —
und 40. Bd., p. 539 veröffentlicht hat, kommt er am Schlusse zu der Vermuthung dass das
Auftreten secundärer Flächen nicht durch wirklichen Stillstand oder Verzögerung der Krystalli-
sation herbeigeführt werde, sondern durch Umwandlung der Krystallisationsrichtung. Es ent-
stehe oft nach gewaltsamer Störung eine Form welche sich ausserdem nicht entwickelt hätte,
dieses sei meistens ein nothwendiges »Durchgangsstadium auf dem Entwickelungswege« zur
einfachen Form. Beim Alaun »behalte das Tetraeder so wenig Bestand« als das Dodecaeder
und der Würfel. Prof. Albr. Müller gedenkt, Basl. Verh. 1859, p- 394, bei Besprechung der
Restitution zerbrochener Bergkrystalle, auch der »vielfältigen Uebergangsstufen«. Dieser Aus-
drucksweise schliesse ich mich unbedingt au. Ich wage nicht zu entscheiden ob auch der
Ausdruck eines »allmäligen Uebergangs« an den Krystallen von Elba (vom Rath eit., P. 680,
631) in gleichen Sinne aufzufassen sei; in der Abhandlung über den Quarz von Striegau,
Websky cit. p. 732 fi., spricht der Autor von einer grossen Mannigfaltiekeit »der Flächen-
entwickelunge. Es möchte solche Ausdrucksweise nicht blos krystallographisch, sondern auch
als den Resultaten der Krystallisation entsprechend zu gebrauchen sein. Auf p. 57 der treff-
lichen Arbeit über die krystalloegraphische Entwickelung des Quarzsystems bemerkt Herr
Dr. Ernst Weiss, es scheine der Augenblick gekommen, zu entscheiden, ob das Gesetz der
Entwickelung (in der krystallographischen Auffassung, Deduction) auch ferner festgehalten, oder
aufgegeben werden müsse. Unbedingt ist wol das erstere anzunehmen, aber diese Entwickelung
wird sich auf die krystallogenetische Entwickelung des Krystallbaues stützen müssen. Die
Natur geht viel weiter als eine Methode es je vermag. Der Zusammenhang der Flächen nicht
nur, sondern auch derjenige der Zonen, beruht auf einer viel allgemieineren Grundlage als die
Wissenschaft es lehrt.
Indem wir die Entwickelung der Krystallbildung weiter an der Fläche x verfolgen, gehen
wir nochmals auf die Kegelbildung der Tavetscher Krystalle zurück, und zwar auf solche an
welchen erst einzelne Prismentheile geebnet und geglättet sind. Man wird anfangs an den-
selben weder x» noch s finden, allmälig aber gelingt es im glänzenden Einschimmern eine
grosse Anzahl von Rhombenflächen zu entdecken, und zur Seite derselben eine matte gerundete
Stelle x, welche vielleicht richtiger als u zu bezeichnen wäre. Bei weiterer Untersuchung
werden wir finden dass diese Stelle auf gerundeten seitlich oder horizontal gerichteten Kegel-
ecken auftritt, wie sie in Fig. 8, 17, 23, 25 wiederzugeben versucht worden ist. Es ist da-
selbst eine kleine glänzendere Fläche s und eine matte, gerundete x oder « nebeneinander
liegend; eine sichere Grenze oder Kante fehlt noch. Meist ist dies Vorkommen gruppenweise
gehäuft, wir sehen glänzende Punkte oder Streifen auf den vortretenden Spitzen oder Eckchen
We
gemeinsam einschimmern; gelingt es an irgend einer Stelle die Fläche 2P2 mit Bestimmtheit
zu erkennen, so erhalten wir die Gewissheit dass alle diese glänzenden Spitzchen dieselbe Fläche
3P2 ausgebildet haben, es ist überall die Rhombenfläche, daneben das Trapezoeder. Es ist
zuweilen ungemein schwer, bei dem eigenthümlichen Auftreten dieser Flächen Gewissheit zu
erhalten, denn gar häufig liegen sie reihenweise in einspringenden Winkeln der Krystallober-
fläche, wie es z. B. in Fig. 32 dargestellt ist. Es ist kaum möglich solche Flächenhäufung
mit einspringendem Winkel in einer Zeichnung anschaulich zu machen. Es soll versucht
werden durch Worte die Darstellung zu erläutern. Der Krystall ist ungefähr nach der Haupt-
axe senkrecht aufgestellt, nach oben Kegelgipfel gehäuft, das untere Ende als oP gerundet,
In der Richtung der Hauptaxe zieht durch den mittleren Raum ein einspringender Winkel
welcher die mangelhafte Vollendung des verzwilligten Krystallbaus anzeigt. In ganz gleicher
Weise ist in horizontaler Richtung auf der rechten Seite ein einspringender Winkel, eine
Treppenbildung welche von oben herab beginnt mit einem kleinen R, dann mR, wol -+mR
mit kleinen Wulstbildungen der seitlich nach rechts gerichteten Kegelecken; es folgt ein
schmales »P (in der Zeichnung nicht angegeben), dann zurückspringend über eine matte
Horizontalstreifung ein glänzendes R, wol —R; ganz hinten in der Tiefe der Furche ein sehr
schmales oP, dadurch bestimmbar weil es als schmaler Streifen mit dem oberen »P ein-
spiegelt. Es reiht sich daran das hier breitere, mit R bezeichnete Rhomboeder; auf der
rechten Seite weiter absteigend treffen wir abermals auf ein oP, in den zahlreichen Furchen
einschimmernd mit dem oberen wulstigen -mR, dann spitzt sich die Krystallbildung nach der
unteren Abrundung oP zu. Gehen wir auf der Seite links wieder aufwärts so treffen wir
zuerst auf eine Häufung abgerundeter, nach links gerichteter Kegelformen, auf der Kante der-
selben eine grosse Zahl zugespitzter, glänzender Stellen welche sämmtlich mit «&P rechts ein-
glänzen, wol auch ebenso bezeichnet werden müssen. Darüber folgt das obere Krystallende
in Kegelformen. Zwischen beiden Krystalltheilen, auf der linken Seite des einspringenden
verticalen Winkels, glänzen in blätterartiger Häufung Rhombenflächen s gemeinsam ein. Wir
müssen alles übrige was an der Stufe noch hervorzuheben wäre unberücksichtigt lassen, weil
eine Beschreibung nicht ausreicht, es bedarf einer längeren Zeit bis man an einem solchen
Krystall sich zurechtfindet. ‘Es ist ein unvollendeter Bau, kein Zwilling. Dieselben Flächen
R.oP.s erglänzen hüben und drüben gemeinsam ein, aber in verschiedener Form ünd
Grösse; und in gleicher Weise schimmern die Flächen oder die matteren Stellen mR und «
auf beiden Seiten der Furche in der gleichen Richtung. R ist rechts oben ziemlich gleich-
schenklig ausgebildet; es wechselt in Treppenbildung mit +mR und bildet glänzende Punkte
— lm —
auf den Wulsten dieser Fläche. Auf der linken Seite des vertical einspringenden Winkels
tritt R in Punkten und feinen Streifen zur Seite der Blätterhäufungen s auf, in Treppenwechsel
mit den einzelnen Flächentheilen. ooP zeigt sich auf der rechten Seite langgestreckt zur Seite
und im Hintergrunde der horizontalen Furche; auf der linken Seite als Glättung der links-
gerichteten Kegelhäufungen; in der verticalen Furche aber als schmale Treppenbildung von
s:: s oder in der Zone s: »P : s. Die Rhombenfläche s ist auf der linken Seite der verticalen
Furche zu lamellenähnlichen, in Treppen gehäuften Flächentheilen hergestellt, deren schmale
Seiten einerseits mit +R einglänzen, andererseits durch matte, gerundete x gebildet werden;
auf der rechten Seite der verticalen Furche zeigt sie sich nicht nur in kleinen Pünktchen auf
den Wulsten von +mR, d. h. den rechtsgerichteten Kegelgipfelchen daselbst, sondern auch in
allen Vertiefungen des mangelhaft gebildeten Krystalls überhaupt, namentlich auch rechts auf
dem rauhen Rande von Fig. 32.
Es kann dieses Zurücktreten der Krystallbildung in einspringendem Winkel sicher wol
mit der Bildung verglichen oder zusammengestellt werden, wie wir sie zuweilen an Krystallen
von Brasilien und von Oberstein finden. (Zwillingsbau des Quarzes, Taf. VII, Fig. 5, 8, 9.)
Mag der Krystallograph sie immerhin als Zwillingsbildung preisen, wir haben darin etwas weit
Bedeutenderes zu suchen, nämlich die Verzwilligung des Krystallbaus, ungeschlossen, unvollendet;
die, Flächen weit besser hergestellt als die Kanten, diese nur zwischen R und &P, und in
der Zme s : »P : s. Das Prisma ist nur in kleinen Stellen oder in schmalen Streifen
ausgebildet.
Betrachten wir den Krystall Fig. 32 aufmerksamer, so finden wir um die besprochene
zwillingsartige Furchung verschiedene Systeme gleichsam, von Kegelgruppen an welchen
überall dieselben Flächen gemeinsam einspiegeln, aber in ganz verschiedener Begrenzung und
Nachbarschaft. Abgesehen von den nach der Hauptaxe gerichteten Kegelgruppen sehen wir auf
—+mR kleine gerundete Gipfelchen rechts gerichtet, an diesen glänzende Pünktchen R, s und
kaum bemerkbar, auch oP. Auf der linken Seite der Furche treten: gerundete Gipfel nach
links vor, an diesen am bedeutendsten Flächen s, in spitzen Streifen »P und in Punkten R.
Eine dritte Gruppe scheint aus dem Winkel, aus der verticalen Furche selbst vorzutreten, in
kurzen aber schärferen Gipfelchen mit den Flächen des unteren s, mit: ©P und, wenn eine
kleine streifige Fläche im einspringenden Winkel gegenüber --R so gedeutet: werden kann, mit
—R. Die drei Flächen £R, oP und s kehren allerwärts wieder in gleichem Glanze, Sie haben
stets mattere Flächen zur Seite, die gerundeten Flächen +mR und x oder u; jene rechts der
Furche am deutlichsten auftretend zwischen-R und &P, diese links der Fürche zwischen s und »P.
Albbhandl. d. Senekenb. naturf. Ges. Bd. IX. 28
— 218 —
Während wir auf den rauhen, gerundeten Kegelbildungen das allmälige Glätten bestimmter
Stellen zu bestimmten Flächen verfolgen können, tritt auf den geebneten Krystallflächen bei
eingetretener Störung des Krystallbaus mehr oder weniger deutlich die Kegelform wieder hervor.
Bei der Trapezfläche ist dieselbe ebenso auf derselben, in den mancherlei Erhebungen und
Knickungen derselben zu erkennen, wie auch ihr zur Seite dem Rande entlang. Es ist ins-
besondere die mit Recht als Fläche angezweifelte v — 8P$/ welche am deutlichsten eine Ver-
wachsung von solchen Kegeltheilen aufweist. Fig. 95, 101. Die Häufung von Kegelecken
ergiebt eine Auszackung der Fläche x. Fig. 18, 24, 33. Es ist diese Fläche zuweilen sehr
breit ausgebildet, während “oP daneben nur in kleinen Spitzchen auftritt; Fig. 17, 36, 22.
Da die Trapezfläche in solchen Fällen stets rauh, in den Vertiefungen mit andern Flächen
gruppirt ist, kann eine sichere Bestimmung derselben kaum versucht werden; es bildet dieselbe
den stumpferen Winkel zu «»P von ungefähr 167° auf Krystallen welche bei ungeordneter
Gipfelbildung im Begriffe sind das Prisma in Theilen herzustellen, den Winkel von 161° mehr
bei Krystallen welche die Flächen +#R zum Theil bereits hergestellt. Es ist natürlich auf
solche vereinzelte Messungen gar kein Gewicht zu legen.
Die Kegelformen selbst sind nur als Uebergangsformen aufzufassen aus welchen sich
Flächen entwickeln, ebnen. Wir können den Uebergang, die Entwickelung der Flächen ver-
folgen, wenn wir auch noch nicht im Stande sind, dieselbe aus der Anlage des Krystallbaus zu
erklären. Die verschiedenen Flächen welche in glänzenden Pünktchen oder Streifen aus den
grösseren, stets rauhen Flächen x herausglänzen, herschen am Rande derselben mehr und
mehr vor. So geht zuweilen diese Fläche ganz allmälig in die Prismenfläche über, Fig. 33;
die glänzenden Pünktchen »P mehren sich auf der rauhen Fläche, bis sie weiterhin vor-
herschen, die rauhen Stellen ganz verdrängen. Bei grösserer Vollendung des Krystallbaus
schliesst sich die Prismenfläche, die Trapezfläche weicht zurück nach der Combinationskante zu R.
Wie den Uebergang der Trapezfläche in die Prismenfläche, so kann man auch den Ueber-
gang der Trapezflächen unter sich verfolgen, gleichsam constatiren. Vor allem ist es die
Fläche » dann aber auch y = 5P°jı welche selten oder nur unvollständig zur Fläche sich
ausbilden, und meist dann Spuren des Uebergangs zu x an sich tragen. Ebenso. scheint «
stets in z überzugehen; in solchen Fällen giebt das Zusammenvorkommen von’ mit den zu x
geglätteten Stellen in Punkten und Streifen zuweilen der Trapezfläche ein damascirtes Ansehen.
Unter den Rauchquarzen von Göschenen finden sich ganz vortreffliche Beweisstücke hierzu.
Fig. 84, 111. ;
Je glänzender die Trapezfläche, desto besser meist auch das steilere Rhomboeder aus-
— 219 —
gebildet und das Prisma. Wo auf diesem die Wulstenbildung sich zeigt, ist auch die Trapez-
fläche wellig, geknickt, ungeordnet. Die Kennzeichen derselben, die eigenthümlichen Erhebungen,
Quarz I, Fig. 25, 26, sind dabei keineswegs stets übereinstimmend, wenn sie auch stets auf
die Kegelecken zurückzuführen sein mögen; es tritt bald eine Seitenfliche derselben mehr
geebnet vor, bald zeigt sich die untere Seite mehr herschend. Fig. 81, 84, 91, 95, 102, 108,
106, 108, 111. In den nicht geebneten rauheren Stellen erglänzen zuweilen Streifen von 2P2,
gewöhnlich aber Punkte von R, +mR und »P. Betrifft den Kırystall irgend eine Störung,
wird er z, B. auf seiner Lagerstätte zerbrochen, beschädigt, so sehen wir hundertfältig die
Flächen x und s, zugleich auch das steilere Rhomboeder wieder zur Geltung kommen, es
beginnt in diesen mangelhafteren und Uebergangsflächen der Kıystall in gröberen Umrissen,
unserm Auge erkennbar die Ausbesserung und Herstellung zu bewerkstelligen. Ist es das
Prisma welches beschädigt worden, so breiten sich die Trapezfläche und das steilere Rhomboeder
in unzähligen schmalen Flächen über die mangelhafte Stelle hin, Fig. 85; oder es zeigt sich
entlang der positiven Prismenkante die feine Streifung mit wechselndem Einschimmern einer
steileren und einer stumpferen Trapezfläche erster Ordnung mit dem unteren s und einer
schmalen Rundung zur benachbarten Prismenfläche. Fig. 105, 118.
Wir werden von den Trapezflächen immer wieder auf die Rhombenfläche 2P2 hingewiesen.
Es findet sich an den Tavetscher Kegelbildungen manchmal die Trapezfläche in gitterartiver
Kreuzung. Fig. 17, 23. Es ist dies eine Häufung von Kanten und Eckchen auf welchen bei un-
bestimmter Begrenzung nur die benachbarte Fläche s in glänzenden Streifen heraustritt; ist
stellenweise auch R hergestellt, und “oP, in Abrundung --mR angedeutet, so schimmern und
erglänzen auch diese Flächen auf den Eekchen ein. Hat man das Auge einigermaassen geübt,
so findet man diese Flächen RR ©P.s und -mR auch in der Nachbarschaft überall wieder
auf, wie an den Eckchen von x oder «, so in den Verwachsungsrinnen der Prismenflächen und
des Rhomboeder. Fig. 94, 95, 113. An solchen gestörten Bauten treten dann wol auch
auf der Grenze von x: +®P die Abrundungen auf, welche als v gezeichnet werden, glas-
glänzend gehen sie in die Furchung des Prisma über. Fig. 95, 101.
Die Vertiefungen auf x, ähnlich feinen Einschnitten, Fig. 84 (Quarz I, p. 21, Fig. 26)
hangen auf’s genaueste mit den Erhöhungen, so wie mit der Bildung derselben überhaupt zu-
sammen. Es sind Lücken welche zurückgeblieben, unerfüllter Bau. Es erglänzen darin stets
oder doch meist erkennbar g, R, s und -mR. In Fig. 107 ist eine Fläche x mit grösseren
Vertiefungen dargestellt, diese gebogen, in concaver und convexer Windung, die hier genannten
Wlächen in einander übergehend, dabei ein oberes und ein unteres s zur Seite des einspringenden
— 220 —
Winkels. Aehnliche Vertiefungen mit gebogenen, zum Theil aber bestimmbaren Flächen hatten
wir auch bei anderen Mineralien aufgefunden, so z. B. die Hohlformen des Aragonit auf ®P
s. Fig. 9, 11 daselbst im N. Jahrb. f. Min., 1861, p. 7.
Das Auftreten bestimmter Flächen über den ganzen Krystall hin, so weit er eine Be-
schädigung herzustellen hat, macht uns aufmerksam. auf die Gleichartigkeit des Krystallbaus
an allen Stellen desselben. Es ist nicht diese oder jene Stelle an welcher der Krystall baut,
oder mit welcher er baut, sondern der ganze Krystall ist gleichsam auch das bauende Organ.
Wie die x und &P nicht nur neben sondern auch in einander sich vorfinden, sich allmälig
sondern, zu grösseren Flächen bestimmter übergehen und sich ebenen, so auch andere Krystall-
theile und -flächen. Der Krystall wächst nicht indem Kegelformen oder Kegelsegmente sich
aneinander reihen, lamellenartig sich aufeinanderlagern, sondern aus den Kegelformen erwächst
der Krystall, er bildet an den Gesammtgruppen ebenso, wie an den vereinzelten Kegelbildungen
in gleicher Weise dieselben Formen und Flächen aus. Es liegen die Trapezoeder erster Ord-
nung entweder oben rechts und unten links, oder oben links und unten rechts an der positiven
Prismenkante, sofern dieselbe hergestellt ist, sonst aber begrenzen sich zwei Flächen s und
zwei Flächen & wie solches Hessenberg, Min. Not. Forts. 1858, p. 3 beschrieben, in Fig. 2
dargestellt hat. Vergl. hier Fig. 93. Es gehört das x rechts zur oberen Krystallhälfte, das
x links zur unteren 2P2, seine Zone läuft über diese Fläche weg nach R. Solches Vor-
kommen ist nicht gerade ein seltenes, bei in Ergänzung begriffenen Krystallen ist es ganz
gewönlich. Es schimmern die gleichen Flächen s, x, g, R über den ganzen chloritischen Kern
der Fig. 93 gleichmässig ein mit der in breiteren Flächen hergestellten Krystallhülle.
Die Rhombenflächen.
Der lamellenähnliche Aufbau zeigt sich kaum bei einer andern Fläche so auffallend als
bei der Fläche 2P2 = s. Die Häufung kleiner, vierseitiger Flächen, schuppen- oder auch
treppenartig ist das charakteristische derselben bei dem formlosen Krystall, Fig. 32, 86, 89, 92,
die Rhomboederfläche ist an der gleichschenkligen, dreiseitigen Gestalt zu erkennen, in
Vertiefungen oder auf der rauhen, convexen Rundung. Während die Trapezfläche nur bei
grösserer Ausdehnung oder Flächenentwickelung bemerkbar wird, glänzt die Rhombenfläche bei
dem ergänzenden oder übereilt bauenden Krystall in Hunderten von kleinen Punkten oder
gleichgerichteten Linien aus den rauhen Stellen überall: hervor. Treten diese Streifen mehr
zusammen, stellt die Fläche s eine geeinte Ebene dar, so finden wir das charakteristische
—_— 21 —
Kennzeichen derselben nun in der parallelen Furchung. Es ist bereits früher (Quarz I. p. :!7)
hervorgehoben dass das punctirte Ansehen soleher Flächen stets auf gehemmte Ausbildung, auf
Contactflächen hindeute. Dabei war die Vermuthung ausgesprochen worden, dass die
Streifung von s als das Resultat schmaler Seitenflächen von Lamellen anzusehen seiu möchte.
Vergl. Fig. 17, 18 zu Quarz I. Eine solche Erklärung ist ungenügend. Auf einem schönen
Morion der Wiser’schen Sammlung sind die Erhebungen auf s kegelförmig gerundet; sich er-
gänzende Krystalle aus dem Tavetsch zeigen neben glänzend gerundeten Flächen £R, +mR,
&P, x, die Fläche s mehrfach getheilt; der eine Theil ist als vier- oder dreiflächiges Eck
schwach erhoben, der andere in ähnlichen Ecken gruppirt, gehäuft in der Weise, dass die eine
Kante in die Länge erstreckt, die Furchung von s bildet. Fig. 82, 87. nie, 96 ist. em
ähnlicher Krystall aus dem Maderanerthal dargestellt; die längere Kante der schwach erhobenen
Kegelformen oder Pyramidchen ist parallel der Kante zu -—+-R erstreckt, die gerundeten
Flächen der Kegelformen spiegeln nicht mit den anliegenden Hauptflächen ein, die kleinste,
oberste der drei Flächen, Fig. 96, das Ende des säuligen Wulstes, ist annähernd parallel —R
gerichtet, schimmert ungefähr mit dem Seitenabfall der Erhebungen auf —R, scheint den
Uebergang nach dieser Fläche zu bezeichnen; weit mehr gerundet sind die der längeren Kante
der säuligen Wulsten, oder den Furchen anliegenden Flächen der Erhebungen auf s; .ent-
weder concav, meist aber convex erglänzen sie ungefähr in der Richtung eines oberen Tra-
pezoeders und einer unteren Trapezfläche zweiter Ordnung.
Wir wissen nicht ob das wulstartige Vortreten des Krystallbaus auf einer Fläche dus
Ergebniss einer reichlicher zugeführten Nahrung, oder aber einer grösseren Thätigkeit des
bauenden Krystalls an der betreffenden Stelle ist, oder ob beides sich wechselweise bedingt.
Manchmal scheint die Häufung solcher Erhebungen eine grössere zu sein nahe der Kante zu
<, dann wieder zunächst der Kante s : —R, bei noch andern Krystallen zunächst des Prismen-
ecks SR: — op.
Wenn die Fläche s bei gestörter Krystallbildung‘ des Gottharder Quarzes nie zu fehlen
scheint, musste es auffallen dass einer der gründlichsten Forscher sie am Quärze von: Collo di
Palombaja nicht aufgefunden (vom Rath Elba, p. 619 ff.); es sollen an diesen unvollständig aus-
gebildeten, wol in der Herstellung begriffenen Krystallen nicht nur die gewönlichen Trapezoeder
fehlen, sondern auch die Rhombenflächen s. Es wäre dies ein ganz ungewönlicher Fall, wenn sie
nicht auf den Krümmungen und Streifungen dieser Krystalle noch aufgefunden werden sollten.
Am wichtigsten für das Studium der Fläche s sind die erwähnten Nachbildungen, Er-
gänzungen beschädigter, zerbrochener Krystalle vom Tavetsch, vom Rienzergrat oder auch vom
5
Y
_- 22 —
Maderanerthale. Auf solchen Neubildungen ist diese Fläche, wie auch das Trapezoeder, am
mannigfaltigsten hergestellt oder gehäuft; auf dünnen, tafelförmig nach »P gespaltenen
Stücken zieht s zur Seite von —R lang herab, & aber ist breit hingelagert neben +mR.
Fig. 102, 103. Bei andern vorherschend nach R zerbrochenen Splittern ist s auf der Er-
gänzung gross und breit ausgebildet, die charakteristische Furchung orgelpfeifenähnlich, in
säulig gruppirten Erhebungen. Fig. 82, 96. Es haben dieselben entfernte Aehnlichkeit mit
den Furchenbildungen der Prismenfläche, sind aber anders gerichtet. Wir müssen auch hier
wieder uns hüten solche Erhebungen aus der atomistischen Zusammensetzung der Krystalle
deuten zu wollen. Wir haben kein abgeschlossenes Resultat des Krystallbaus vor uns, nur
einen Uebergangszustand. Die auf der Rhombenfläche vortretenden, zur Furchenbildung lang-
erstreckten Eckchen sind wol mit der Kegelbildung des Quarzes übereinstimmend, aus dem
gleichen Bau hervorgehend. Die kleinere Fläche der Erhebungen verschwindet oder verwächst
sich in den Furchen, oder — wenn man es anders ausdrücken will — es verlieren sich die
Furchen in den kleineren Flächen der Eckehen. Die Krystalltheile verwachsen hier in einander,
wie wir es überall beim Wachsen der Krystalle wieder vorfinden. Selbst die Fläche s erscheint
hier nur als Uebergangsfläche gebildet, wir können nicht bestimmen welcher Theil derselben
(Fig. 82) als 2P2 zu bezeichnen sei, wir können aber ebensowenig andere »echte« Flächen,
obere oder untere Trapezoeder, als Stellvertreter von 2P2 angeben. Wir finden unter diesen
oberen Trapezflächen und den unteren zweiter Ordnung ebenso grosse Mannigfaltigkeit in
Rundung und Treppenbildung, Verwandschaft zur Rhombenfläche, wie bei den steileren
Rhomboedern +mR zur Fläche +R.
Ein sehr grosser Theil der sogenannten Secundärflächen sind nur gleichsam idealisirt vor-
handen, sind eigentlich nur Uebergangsflächen, kommen als echte, ebene Flächen nie vor.
Andere finden sich nur auf diesem, andere auf jenem Fundorte; so besonders steilere Rhombo-
eder wie +3R, +4R, +6R. Es scheint dass die oberen Trapezflächen ebensowenig zur
wirklichen Flächenbildung gelangen, wie die mittleren und wie auch die Basis oP. Dies ist
eine Bemerkung welche bereits Weiss gemacht,
Gerade die Trapez- und Rhombenflächen haben der atomistischen Auffassung des Quarz-
baus ‘stets die grösste Schwierigkeit bereitet, vielleicht der Mineralogie zum Glücke. Wir
finden auf der positiven Prismenkante, ebenso wie auf der .negativen, eine Häufung von
kegelähnlichen Ecken oder Erhöhungen, in der Richtung der Nebenaxen; allein von der
positiven ziehen sich mit dem Auftreten der Trapezoederfläche dieselben auf die Kante,
welche das Trapezoeder mit der Prismenfläche bildet, zurück, oder sie zeigen sich auf
— 223 —
der Trapezoederfläche selbst, mehr oder weniger deutlich. Das Ungeordnete des Krystall-
baus offenbart sich dann meist zugleich auch an dem steileren Rhomboeder. Je mehr
die Trapezoeder abnehmen, die positive Prismenkante sich vergrössert, desto mehr nimmt meist
auch das steilere Rhomboeder an Grösse und Bedeutung ab. Bei ‚vollendetem Bau sind
sämmtliche Uebergangs- und Secundärflächen in die Hauptflächen übergegangen. Quarze welche
Trapezflächen überhaupt nicht herstellen, haben auch sonst keine Secundärflächen. Nur allein
die Rhombenfläche zeigt sich, wenn auch selten an den Quarzen des Taunus, aber sie allein.
Wie das Auftreten der Trapezfläche mit der Rhombenfläche uns Aufschluss darüber giebt
ob ein Krystall oder Krystalltheil rechts oder links baut, so werden wir nur bei diesen
Flächen auch die Deutung finden wie dies geschieht. Beachten wir die grosse Aehnlichkeit
der Herstellung der bedeutenderen Flächen des Quarzes, der Furchung, der Wulstenbildung,
ihrer Uebergangsflächen, der oberen und unteren Trapezoeder und der steileren +Rhomboeder
so liegt der Gedanke nicht fern dass neben dem dreifachen Ausgang der Quarzbildung in den
Prismenkanten, zugleich ein Durchwachsen des Quarzbaus in wiederum verschiedenen Richtungen
aufzusuchen sei. Diese Richtungen würden mit den Hauptzonen des Quarzes zusammenfallen,
der verticalen und der Kantenzone.
Die gewundenen Bergkrystalle,
Bei den sogenannten gewundenen Bergkrystallen ist die Gleichmässigkeit der Ausbildung
nach den verschiedenen Zonen in ganz auffallender Weise gestört. Kenngott, Minerale der
Schweiz, p. 12 ff. hat die Orte angegeben, wo solche gewundene Krystalle hauptsächlich
gefunden werden; es sind dies im wesentlichen die Umgebungen des Gotthard, doch auch am
Mont blanc, Argentiöre-Gletscher und im oberen Wallis sind sie in ansehnlicher Grösse und
Schönheit gebrochen worden. Selten sind sie weiss und wasserhell, wie am Rhonegletscher,
ganz gewönlich sind sie rauchgrau gefärbt, zuweilen auch prächtig glänzende Morione, so vom
Bächlistock. Aus den verschiedensten Gegenden habe ich über 80 Stück zusammengebracht,
aber keinen einzigen Amethysten darunter auffinden können. Diese Färbung scheint nur bei
Bergkrystallen mit bevorzugter Kantenbildung vorzukommen, nicht bei Krystallen mit grossen
Trapezflächen. Die gewundenen Bergkrystalle zeigen fast immer rauhe Trapezoeder mit der
glänzenden Rhombenfläche, +-mR ist auf eine schmale Rundung begrenzt, -mR als sehr
steile Form, etwa —1IR, stets mattglänzend, feingefurcht.
Unrichtig oder ungenau werden solche Krystalle als »schraubenförmig« bezeichnet; der
ee —
— 24 —
Ausdruck passte höchstens, auf. die Hauptaxe, nicht auf die Krystallgestalt. Die Flächen sind
zum Theil eben und gerade, so besonders —R und auch 2P2. Es kommen wol’ aneinander
gewachsene, selbst verschieden gebaute Krystalle z. B. mit zwei. sich gegenüberliegenden
Flächen. —R darunter vor, allein damit, mit einer verschiedenen Axenstellung der Theilkrystalle
ist diese Krystallform nicht erklärt. Die gedrehten Flächen sind. oft durchaus zusammenhängend
gebildet, . ohne jeden Absatz, dagegen ist die Treppenbildung von —mR parallel, nach. der
geraden. Combinationskante des ebenen —R gerichtet!) Auch hier lassen. uns. die Hypothesen
von Adhäsion im Stich. In den. früheren Arbeiten war. auch von der Verwachsung: vieler
Theilkrystalle die Rede; wir sehen wol am Besten von solchen: Vorkommen bei dieser. Arbeit
ganz ab, richten unser Augenmerk allein auf die Störung des Krystallbaus bei den sogenannten
gewundenen Krystallen, nicht auch auf blos zusammengereihte, oder sonst gebogne: Krystalle
wie sie am Calanda z. B. oder bei Dissentis sich finden.
Gewundene Bergkrystalle sitzen oder sassen stets, vielleicht mit wenigen Ausnahmen, mit
einer positiven Prismenkante. auf; es sind nur zwei positive Prismenkanten zur Ausbildung
gelangt,. der Krystall ist tafelförmig nach zwei ungefähr gleichgerichteten Prismenflächen er-
streckt; auffallend gross sind meist die beiden Trapezflächen zur Seite der positiven Prismen-
kante, gewönlich rauh, zerstückt, wol als # zu bezeichnen, manchmal aber, z. B. bei den
schönen Morionen vom Bächlistock vortrefflich glänzend, eben, und bestimmbar als «, y und «.
Die Fläche 2P2 fehlt daneben wol nie, sie spiegelt meist aus der gebrochenen, zerfetzten
Trapezfläche hundertfältig ein, die obere Rhombenfläche wie (die untere und auch die anliegende
Prismenfläche.
Das gewundene Ansehen des Krystalls wird wol bewirkt durch einen ungeordneten Bau;
ob dieser die Veranlassung habe in dem. Fehlen der dritten positiven Prismenkante, in der
mangelnden Gleichmässigkeit des dreitheiligen Baus? Wer vermag dies jetzt schon zu behaupten
oder auch in. Abrede zu stellen? Bei den Tavetscher Kegelbildungen finden sich gewundene
Krystalle oder Krystallflächen auffallend. häufig, aber, wie es scheint, nur dann, wenn. die
Krystalle auf einer Seite nur. hergestellt sind, nur einige subsequente Rhomboeder- oder
Prismenflächen ausgebildet haben. Wo die Prismenkanten und -flächen sämmtlich, wenn auch
rauh, ausgebildet sich finden, sind dieselben eben und gerade.
Bei Spaltflächen solcher gewundenen Bergkrystalle ebenso. wie bei Ergänzungen derselben
auf früheren Contactflächen, scheint die Biegung und Windung auch im Krystall-Innern statt
') In Fig. 51 zu »Zwillingsbau des Quarzes« ist aus Versehen auf der rechten Seite die Prismenfurchung
paralle] der Combinationskante zu +R gerichtet, statt zur oberen Kante. mit —R.
— 25 —
zu.haben; aus: solchen ungenauen Merkmalen lässt sich aber kein sicherer Schluss ziehen. Die
Rhombenfläche dringt bei Ergänzungen in viel hundert glänzenden: Streifchen: vor, die an-
scheinend in einer Ebene liegen; allein die kleinen: Rhomboederflächen spiegeln’ nur allmälig
beim. Drehen. des Krystalls. Die: in der Richtung der Nebenaxen vorstrebenden: Kegelecken
zeigen sehr, häufig: eine Biegung oder Windung, Fig. 8, 10, 11, 25, nach rechts‘ oder nach
links, ebenso: die Wulstenbildungen des Prisma oder des steileren Rhomboeder. Fig. 75: und
Quarz: I, Fig. 15. Wir können: auf solche Thatsachen vorerst. nur aufmerksam machen.
Zwillingsbau.
Wir‘ sind sehr wol’ berechtigt von einem Rechts- und einem Linksbauen des Quarzes zu
reden, oder von:einer verschiedenen Anlage des: Quarzbaus; es ist eine solche nicht nur mit
optischen Mitteln nachgewiesen, sehr häufig giebt darüber die Stellung der Rhomben- oder
Trapezflächen' Ausweis, oder auch: die verschieden gerichtete Furchung der Rhombenfläche. Ein
ähnliches optisches Resultat: erhält man ‚durch Aufeinanderlegen von Glimmerblättehen in be-
stimmter Weise; allein beim Quarz finden sich keine Quarzblättchen, man hat das ähnliche
Resultat in der Anlage des Baues überhaupt zu: suchen. In einem früheren Aufsatze: Ueber
den: Zwillingsbau des Quarzes (p. 544) ist; das Bedenken: geäussert, ob: wir berechtigt seien bei
unregelmässigem Auftreten der Trapezflächen sofort auf eine gesetzmässige Zwillingsverbindung
zu schliessen. Die Möglichkeit ist zugegeben worden, sogar die Wahrscheinlichkeit bei ver-
schiedenen Vorkommen, nicht aber bei’ allen. Herr Dr. Websky hat in einer schönen, äusserst
mühevollen Arbeit über stumpfe Rhomboeder und Hemiscalenoeder (N. Jahrb. f. Min., 1871)
an Krystallen von: Striegau "nachgewiesen dass in einzelnen Fällen ein gesetzmässiges
Zwillingsverwachsen damascirter Bergkrystalle wirklich stattfinde,; bei denselben an einer Ver-
wachsung verschieden gebauter Krystalltheile in geometrisch bestimmbarer Weise nicht zu
zweifeln sei; ob aber das Vorhandensein einer solchen regelmässigen Verwachsung für alle
damaseirten Quarze als Gesetz und Regel anzunehmen sei, ein solches Bedenken bleibt nicht
nur bestehen, es wird sogar verstärkt durch die Hypothesen über: Krystallbau, welche in der
Arbeit aufgestellt sind, und durch die Mittheilung, dass einzelne Theile solcher Verwachsungen
nicht genau parallele Axen haben (s. z. B. p. 23, 33, eit. unten).
Auch: bei dem Studium der Tavetscher Kegelbildungen sind: die Zweifel an: manchem
zwillingsähnlichen Vorkommen des Quarzes geblieben. Es finden bei diesen Vorkommen Ab-
zweigungen des Quarzbaus auf’s mannigfaltigste statt, ebenso auch einspringende Winkel!
Abhandl, der Senekenb. naturf. Gesellsch. Bd, IX, 29
N
— 226 —
Fig. 20, 21, 33, 36, 38. Die Zweige dringen meist von dem Gipfel aus seitlich vor, un-
gefähr nach der Richtung einer Fläche +R, tafelförmig verzerrt, abgerundet, s. z. B. Fig. 100
ein Krystall vom Guttannen, oder es bildet auch die Prismenfläche eine wandartige Erhöhung
und Verlängerung, der Krystall baut von derselben aus nach dem inneren Raume,
auch abwärts Kegelspitze an Kegelspitze gefügt, Fig. 20, 21. Es ist aber stets "dasselbe
Individuum welches baut. Damaseirte Zeichnung ist hier seltener zu bemerken, und nicht im
Wechsel von matt und glänzend, sondern von rauh und weniger rauh. Bei formlos gerundeten
Gruppen-Krystallen von Oberwallis (Senckenberg. Sammlung) zeigt sich die Landkartenzeichnung
bisweilen sehr deutlich; es ist noch keine Fläche geebnet, eine matt glänzende Oberfläche ist
gesprenkelt mit rauhen, glanzlosen Stellen, in gezackter Reihenordnung, oder in Flecken wie
vertieft punktirt. Fig. 109, 110. Es scheinen rechts und links gebaute Stellen zusammen-
gewachsen zu sein, aber von Zwillingen kann nicht die Rede sein, so wenig wie von einem
Flächenwechsel; es sind keine geometrisch bestimmbaren Flächen vorhanden, weder äusserlich
noch im Innern. Ich habe nie an dem Vorkommen von Quarz-Zwillingen gezweifelt aus dem
Grunde »weil man aus dem Innern keine Grenzflächen spiegeln sähe,« allein das angebliche
»Durcheinanderwachsen« der Quarzzwillinge ist doch nur ein Glaubenssatz.
Wenn wir zurückgehen auf die Entstehung und die Verwachsung der Bergkrystalle so
finden wir meist eine grosse Anzahl drusig gedrängter Köpfchen, oder in verschiedener Axen-
richtung aufstrebender Säulchen auf engem Raume. Beim Wachsen müssen sie nothwendig
entweder zu grösserem Krystalle sich einen, oder eines das andere bedrängen, umkleiden, das
weitere Wachsen mehr oder weniger verhindernd. Grosse Krystalle werden meist auch eine
Mannigfaltigkeit von Axenstellungen in sich schliessen oder geschlossen haben, etwa. wie
Fig. 98 a. b. 99, ein Krystall aus dem Maderanerthale. Ist äüsserlich das Zusammenwachsen
mehrerer Krystalle nachweisbar, Fig. 95, 113, 111, dann fehlen selten die Rhomben- und
Trapezflächen, und diese weisen dann einen gemeinschaftlichen Rechts- oder Linksbau nach,
oder auch eine Verschiedenheit der Bauordnung. Deutlicher zeigt sich dieselbe zuweilen in
der verschiedenen Ausbildung der steileren Rhomboeder, oder auch der Prismenflächen, je
nachdem Theile derselben zu +R oder zu —-R gehören, diesen angrenzen; Fig. 115. Werden
solche geeinte Krystalle durchgebrochen, wachsen die Bruchflächen in Ergänzung nach,
so wird wol auch die verschiedene Axenstellung der Krystailtheile sich bemerklich machen;
vielleicht ist dies der hauptsächliche Grund, weshalb auf nachbildenden Bruch- und Contact-
flächen die sogen. Landkartenbildung auffallend häufig 'vortritt; die verschieden gestellten
Theilkrystalle oder Gruppen dringen vor, ergänzen sich in der einem jeden der Krystalle
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eigenthümlich gewesenen Richtung. ‘Es scheint indess dass solche Spuren bei langsamerem
Wachsen allmälig wieder sich verwischen, ganz oder fast gänzlich.
Betrachten wir die wunderbaren Krystalle, die riesigen Morione vom Tiefengletscher
(vergl. ‘die Literatur in Zeitschr. d. deutschen Alp. Ver., Bd. IL, 2, p. 21, 22; sodann
Albr. Müller, Crispalt p. 239 d. Basler Verh.). ‘Die prachtvolle Gruppe in Bern, vielleicht die
schönste in der ganzen Welt, verdient wol nicht minder unser Staunen als die ungeheuren
Coniferen in Californien. Wir haben keinen Maasstab auch nur annähernd das Lebensalter
solcher Krystalle zu ermitteln. Haben sie hundert, oder haben sie zehntausend Jahre gebraucht
zu ihrem Wachsen? Wir wissen es nicht, doch kommt wol die letztere Zahl der Wahrheit
näher als die erstere. Alle diese gewaltigen Krystalle nun, in Bern, in Genf, in Basel, in
Stuttgart, sie zeigen feine Damaseirung der Flächen +R, daneben schwache Spuren von s und
von &. Aehnliche Rauchquarze und Morione im Jahre 1852. aus einer Krystallhöhle am Thier-
berggletscher hervorgeholt, ‚oder 1859 von der Strahleck heruntergebracht, sie waren in ähn-
licher Weise gebildet.
Wir sprechen wol von »Vereinigung« von rechts- und links-Quarz, aber wir suchen ver-
geblich nach einer Deutung wie dieselbe erfolgt, die Verbindung, Verwachsung vermittelt sei.
Die optischen Resultate ergeben nur ein mehr oder weniger allmäliges Uebergehen der Po-
larisationserscheinungen. Bei andern Mineralien können wir in den äusserlich einspringenden
Winkeln ebenso, wie in dem Winkel welchen auf Spaltflächen die Zwillingstheile bilden ganz
sicher. das Vorhandensein von Zwillingsverwachsung nachweisen; der Quarz bietet uns keine
sicheren Beweismittel, die wenigen Fälle ausgenommen, wo der einspringende Winkel ge-
messen werden konnte. Wir haben keine Gewissheit ob der Bau der Fläche +R und —R
ein verschiedener ist, ob die matteren Stellen der Gipfelflächen stets einem —R, die glänzen-
deren einem --R beizumessen seien. Wie ungenügend, wie geringfügig sind die Beobachtungen
welche darüber gemacht worden, welche dies constatiren sollen! Die Wissenschaft soll nicht
mit. vorgefasster Meinung untersuchen. In Fig. 97, einem Krystall von der Fibbia, Tauben-
hausform oder Scepterquarz, ist ein Wechsel ‘von glänzend und matt auf +R zu finden so
überzeugend wie nur möglich; aber er giebt doch keinen Beweis dass ein Zwillingsbau hier
vorhanden. Die grösste der drei rauhen Flächen —R wechselt oben 'an der Krystallspitze in
eine glänzende Stelle. Wir vermögen es nicht mit Sicherheit zu deuten. Ein anderer Krystall von
Dissentis, Fig. 88, scheint ein Zwilling zu sein mit zwei: matteren Flächen —R an derselben
Prismenfläche gegenüberliegend. Aber auch die --R-Flächen haben mattere Stellen aufzuweisen.
Was gewinnt die Wissenschaft wenn Gesetze aufgestellt werden die auf Hypothesen gegründet sind?
_- 22383 —
Wenn rechts und links gebaute Krystalle zusammenwachsen so ist dies in der Regel auf
+R am wenigsten bemerkbar, vielleicht eben weil die Bauweise beider Flächen ‘am meisten
mit einander übereinstimmt. Deutlicher ist die Damascirung auf den Prismenflächen; am aller
entschiedensten auf dem steileren Rhomboeder. Auf +R sind es wirklich mattere und glän-
zende Stellen die wechseln, und bei allem Drehen solche bleiben; auf dem Prisma aber er-
scheinen die glänzenderen Stellen matt, die matteren glänzend bei einem Drehen um die
normale zur Hauptaxe. Es treten bei solchen Verwachsungen die Prismenflächen in ihrer
verschiedenen Ausbildung zu Tage je nachdem sie gegen —R gerichtet sind, in —mR über-
gehen, oder aber gegen +-R, meist in einem Uebergang zu +mR. Die characteristische
Furchung von —mR scheidet sich bestimmter ab, wenn sie in einer gemeinsamen Ebene mit
-+mR liegt. Herr Dr. Weiss hat in Sitz.-Ber. Rheinl. u. Westph. 28, p. 142 aus dem Walli-
thale und von Ruäras einen ähnlichen Wechsel beschrieben welcher durch steile Trapezflächen
und steile Rhomboederflächen bewerkstelligt worden. Es lassen sich dafür nicht allgemeine
Gesetze aufstellen; zeigt sich doch, wie oben angeführt, auch auf der Trapezfläche die Damas-
eirung bei manchem Uebergang von % und «.
Es ist sehr wahrscheinlich dass durch die Zwillingsverwachsung, aber auch schon durch
unregelmässige Verwachsung von rechts und links gebauten Kryscalltheilen, sehr wesentliche
Störungen im Krystallbau sich bemerklich machen müssen. Wir sehen dass der Zwillingsbau
beim Feldspath, beim Kalkspath, beim Gypsspath ganz bestimmte Abänderung der Krystall-
gestalt hervorruft, dass beim Fehlen dieser oder jener Erstreckung auch eine wirkliche
Zwillingsverwachsung nieht vorhanden ist. Beim Quarze haben wir wol auch das Auftreten
der Rhomben- und Trapezflächen, aber bei damaseirten Quarzen von Zinnwald, von Schemnitz,
vom Pfitsch fehlen sie. Dagegen kommen sie vor wo zwar Verwachsung, aber keine gesetz-
mässige stattfindet. Vielleicht ist die vorherschende Erstreckung des steileren Rhomboeders
einer gesetzmässigen Zwillings-Verwachsung beizumessen in welcher vier +R und nur zwei
sich gegenüberliegende —R ausgebildet sind. Quarz I, p. 29, 34. In solchen Fällen scheinen
die steileren Rhomboeder wenigstens nicht ganz zu fehlen. Aber selbst dafür ist keine Sicher-
heit, Bei einem schönen Krystalle vom Tavetsch, mit chloritischem Einschluss, sind die vier
Flächen +R in gleicher Weise landkartenartig gesprenkelt, wie die sich gegenüberliegenden
zwei —R, die steileren Rhomboeder 2R.3R.4R sind sämmtlich matt, und eine Trapezfläche
findet sich theilweise, gebrochen, unter einer der zwei kleineren Flächen R. Dann ist auch zu
erwägen dass die breit erstreckten steileren Rhomboeder sehr häufig auf besonders lang ge-
bauten Bergkrystallen sich finden, z. B. vom Oberwallis, ebenso bei damaseirten Krystallen von
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Airolo, von den Bergen della Cistella; es ist also dies Kennzeichen keinesfalls gewissen
Zwillingskrystallen allein beizumessen. (Ueber die Gestalt der Munziger Zwillinge s. Zwillings-
bau des Quarzes, p. 542.) !
Für Zwfllingsverwachsung bleiben uns am Ende doch nur die unsicheren Kennzeichen
welche auch bei rechts und links Krystallen ohne bestimmtes gesetzliches Verwachsen sich
finden, das Auftreten der Rhomben- und Trapezflächen, die mangelhafte Krystallbildung an
den Kanten der Prismen und steileren Rhomboeder, und die Zusammenlagerung von steileren
+ und —Rhomboedern. Es werden aber stets nur kleinere Krystalltheile sein welche in
Zwillingsverwachsung sich finden, nicht Zwillingshälften; das eine Krystallende wird kaum dem
andern entsprechen. Oft finden sich an einem Gipfel vier +R, und zwei —R, am andern
Gipfel aber sind drei —R zu finden, oder auch nur eines; meist sind mehr +R vorhanden
als —R.
Eine Thatsache ist noch hervorzuheben, dass nämlich zwischen den glänzenden und den
matteren Stellen der steileren Rhomboeder oft eine schwache fransenartige Erhöhung hinzieht; ganz
ähnliches ist auch bei dem Zwillingsbau des Feldspaths bemerkt worden. (Abh. der Senckenb.
Ges. VL, Taf. 20, Fig. 21, 22, 27.) Diese Erhöhungen sind besonders auf der glänzenden
Seite der Naht zu bemerken, weniger deutlich auf den matten Stellen. Fig. 114. Wir können
nicht sagen ob dies ein Beweis für eine gesetzmässige Zwillingsverwachsung sei, oder ob
es nur auf eine Störung überhaupt hindeute. Es sind anscheinend kleine Eckehen der Kegel-
bildung welche auf Veranlassung einer Störung des Krystallbaus vorgetreten sind. Ob ein
solcher Aufbau dem »gegenseitigen Nivellirungsbestreben«e der beiden verbundenen Individuen
zugeschrieben werden könne das ist mehr als zweifelhaft. Auch für die Annahme dass die
matteren Stellen der Damaseirung durch Erosion bewerkstelligt worden, auch dafür findet sich
durchaus kein Anhalt. Wir sehen in den matteren Stellen ganz die gleiche Flächenbeschaffen-
heit wie wir sie auf der frischgebildeten Oberfläche der Krystalle beobachten können. Die
matteren Stellen liegen im allgemeinen nicht tiefer als die glänzenden, oft erheben sich beide
Flächentheile gegen die Verwachsungsnaht hin, wo ein schwäch erhobener glänzend gerundeter
Wulst sich gebildet, Fig. 114, 115; meist aber ist die Verschiedenheit der benachbarten
Flächenbildung kaum zu unterscheiden, es scheint ein allmäliger Uebergang stattzufinden, da-
durch das Landkartenartige der Verwachsung herbeigeführt zu werden, Quarz I, Fig. 36, 37.
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Spaltbarkeit.
Wir können nur langsam, Schritt vor Schritt vorgehend über die Anlage und den inneren
Bau der Krystalle uns Gewissheit verschaffen; es ist ein mühsames Studium, urd die wenigen
gewonnenen Resultate liegen noch weit ab vom Ziele. Ueber die Art und Weise des Ver-
wachsens und Verwebens der Krystalltheile welches dem Krystalle seinen Zusammenhalt, seine
Festigkeit giebt, haben wir kaum mehr als Vermuthungen. Es sind nur wenige Thatsachen
welche in dieser Beziehung hier aufgeführt werden können.
Der glasig glänzende, muschlige Bruch des Quarzes gestaltet sich wol verschieden je
nach der Richtung in welcher der zerstörende Schlag geführt wird, allein auch der mehr oder
weniger vollkommene Bau des Krystalls findet in der Art und Weise dieser Absonderung einen
Ausdruck. Bei grösseren, mannigfach geeinten Krystallen hat der Bruch nicht selten das
guillochirte Ansehen, wie es in Quarz ], Fig. 42, neuerdings auch in verschiedenen Lehrbüchern
der Mineralogie bildlich dargestellt ist. Solche Krystalle hatten sicherlich einen weniger
vollendeten, einen mangelhafteren Bau, es treten’ in der Richtung der verschiedenen äusseren
Krystallflächen auf dem Bruche zuweilen die gleichen Figuren vor, wie auf den entsprechenden
Flächen; so geht auf einem bauchigen Krystall des Maderanerthals der nach einer Prismen-
fläche gerichtete flach muschlige Bruch in eine Spitzenhäufung über, wie solche auf der Kante
o&P : x gefunden wird. Fig. 116. Auf den Gipfeln anderer Krystalle weisst die feine
Zeichnung des Bruches auf ein Gruppiren von Kegelgipfeln oder von Gipfelspitzchen, etwa
wie Fig. 61, 68.
Ein weiteres Anzeichen einer mangelhaften Bildung ist die Spaltbarkeit des Quarzes.
Wir finden sie am häufigsten nach +R, ein Unterschied ist im Allgemeinen dabei nicht auf-
zufinden. Es ist stets ein splittriges Zerreissen einer blättrigen Bildung, nie eine vollkommne
Spaltfläche. Sie findet sich bei aufmerksamem Nachsuchen häufiger als man vermuthen sollte,
besonders bei den gewundenen Bergkrystallen, den Kegelbildungen, den Skelettbauten, den
Mantel- oder Haubenquarzen, bei fremdartiger Zwischenlagerung, ‘bei Einschlüssen, Kernkrystallen
und auch bei damascirten Krystallen. Bei einem grösseren Krystalle dieser Art spiegeln die
Rippen des blättrigen Bruches deutlich als Spaltflächen +R ein.
Bei den Amethysten wie beim sogenannten Citrin von Brasilien (angeblich gebranten
Krystallen) ist nicht nur der guillochirte Bruch in gekreuzter Muschelform sehr häufig, sondern
auch die Spaltbarkeit. Es scheint bei dunklen Amethysten vom Zillerthale der Krystall im
Innern vorzugsweise parallel der Fläche —R zersprengt oder zerrissen zu sein. Die Amethyste
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bieten noch ein reiches Feld für das Studium des Krystallbaus, nicht nur dem Optiker sondern
auch dem Mineralogen. Bei dem Quarze des Taunus, z. B. den grösseren Kappenquarzen von
Kalten-Eschbach zeigt sich unter den Flächen +R eine stenglige oder fasrige Structur, senk-
recht auf den Prismenflächen stehend, zunächst der Pol- und Prismenkanten aber in dunklerer
Färbung ein muschliger Bruch. (Kryst. u. Pflanze, Fig. 19—21.) In ähnlicher Weise ist bei
Aıethysten vom Zillerthal eine verschiedene Vollendung des. Krystallbaus in verschiedener
Richtung aufzufinden, in der Richtung der Nebenaxen muschliger Bruch, in der Flächenrichtung
aber Spaltung nach +R.
Die Spaltfläche nach »P ist wol die seltenste, aber die ebenste und glänzendste der
Spaltflächen. Es ist nicht zu bestimmen ob deshalb auch die Bildung welche ihr Veranlassung
ist oder zu Grunde liegt, die am wenigsten geregelte, geordnete sei. Man findet sie vor-
zugsweise bei Krystallen vom oberen Wallis und der südlichen Seite des Gotthard an denen
das steilere Rhomboeder vorherschend ausgebildet ist, dann auch bei Einschlüssen von Rutil
oder sonst stengligem fremdartigem Mineral.
Dass ausser den genannten Spaltungsrichtungen noch andere vorkommen ist wahrschein-
lich. In der Richtung von « scheint zuweilen der guillochirte Bruch bemerklich, in der
Richtung von s eine blättrige Gruppirung von kleinen Flächen, allein Gewissheit ist darüber
kaum zu erlangen, ebensowenig wie über eine Spaltfläche —mR. Uebrigens sind Spaltflächen
des Quarzes nicht blos äusserlich zu bemerken, sondern gar nicht selten auch im geschlossnen
Innern des Krystalls, wie ein äusserst dünner blättriger Einschluss sich abzeichnend, oder auch
durch Irisiren, oder durch glänzende Spiegelung, zum Theil die eine Spaltfläche eine zweite
kreuzend.
Hiernach dürfen wir wol den glatten, gerundeten Bruch des Quarzes einer vollkommneren
Ausbildung, einer gleichmässigeren Durchwachsung, das guillochirte, höckerige Aussehen des-
selben sowie die Spaltbarkeit einer mangelhafteren Festigung, oder einer ungleich wirkenden,
und einer gestörten Arbeit zuschreiben. Die Spaltfläche nach »P weist auf überwiegendes
Vorstreben des Krystallbaus in der Richtung der Hauptaxe, welches äusserlich in der breiten
Ausbildung des steileren Rhomboeders sich offenbart.
Wir haben beim Quarze überall wenn nicht den gleichen, doch einen ähnlichen Bau, aber
bei den verschiedenen Vorkommen in verschiedener Entwickelung und Ausführung aufgefunden;
keine wesentliche Verschiedenheit »in der krystallinischen Structur« beim Quarz ünd beim
Amethyst. Die gerippte Structur giebt uns keinen gegentheiligen Beweis. Die Quarztheilchen
sind wol (durch den ganzen Krystall dieselben, sie beruhen auf gleicher Anordnung der
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Krystallisation; wo. eine Schichtung, eine Plattenbildung aufzutreten ‚scheint, ist; doch zugleich
ein Verwachsen und Durchdringen des Baus zu. verfolgen, in, dem, geschlossenen; Baw findet sich
der muschlige- Bruch.
Neuerdings hat sich, die Aufmerksamkeit; der, Forscher auf den: Faserquarz gelenkt. Dieser
ist. wol mit dem mangelhaften Bau gewisser Quarze, z. B, von Kalten-Eschbach nicht zu: ver-
wechseln, auch sind, es: schwerlich parallel gewachsene, dichtgedrängte Quarzindividuen, da bei
paralleler Stellung der Individuen der Quarz sich zu einem Gesammtkrystall eint. Der: Faser-
quarz scheint stets eine pseudomorphe Bildung zu sein, so z. B. im Taunus; nach: Epidot.. Bei
gedrängter strahliger Bildung aber findet‘ sich, die Gruppenverwachsung: auch in. gesonderten
Individuen.
Wir haben die Gewissheit dass der Krystall nach erfolgter Zerstückelung in: den: ein-
zelnen Theilen zu selbständigen Individuen sich ergänzt. Die Entwickelung seines Baues, die
eigenthümliche Gestaltung, von ebenen Flächen, und bestimmten Kanten, das Verhalten. bei ein-
getretener. Störung, der schliessliche Uebergang. zu wenigen Hauptflächen schliesst uns ein
reiches Naturleben auf welches nur unpassend als anorganische Natur einer organischen gegen-
über gestellt wird. Der Krystall hat wol Hauptflächen, aber weder eine ursprüngliche, noch
eine Grundform; er ist auch kein starrer Körper, vielmehr ist. er ebensowol' wie die Pflanze in
langsamer aber in, steter Fortbildung, und. Umbildung. begriffen.
Diese. Fortbildung des, Krystalls welche sich. in. dem: Auftreten und: Verschwinden: der
Uebergangsflächen am deutlichsten uns offenbart, sie allein war der Gegenstand dieser Unter-
suchung, Ein. weiterer: Schritt- bleibt noch: übrig, die wichtigste, Untersuchung und auch die
schwerste; welcher Art nämlich die erste. Anlage des: Krystallbaus: sei; die Verstrickung: oder
Verwebung, die Festigung der Krystalltheile, die Ausgleichung; der Flächen, die: Sonderung
derselben. in. der. Schärfe. der geraden Kanten. Die Wissenschaft wird auch. diese Aufgabe lösen.
Bei dem Wachsen. des; Quarzes sind zwei, Erfordernisse, als wesentliche zu bezeichnen:
lange Zeit und Ruhe. Fehlen diese Bedingungen; so ist, der. übereilte oder gestörte Krystallbau
ein mangelhafter. welcher äusserlich in. der Abrundung: der Flächen: und Kanten, in: der Rauh-
heit: derselben und: in. dem; Auftreten. von Secundärflächen sich: offenbart. In der allseitigen
Abrundung ist, wol die unvollkommenste Entwickelung des Baues zu studiren, dazu dienten
Krystalle welche besonders im Tavetsch in grösserer Zahl‘ gefunden worden. An kegelähnlichen
Gruppenbildungen, zugespitzt nach den Axenrichtungen, wurde das: Auftreten einzelner Flächen,
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der Uebergang abgerundeter Flächen in geometrisch bestimmbare ebene Flächen aufgesucht.
Es hatten sich an den Spitzen der Kegelformen durch Häufung derselben, insbesondere in
der Hauptaxenrichtung rauhe Ebenen gezeigt, hier als Basis oder Endfläche oP. Diese verloren
sich aber mit Herstellung ächter Krystallflächen welche zum Theil in Vertiefungen aus rauhen,
gerundeten Stellen hervorglänzen.
: Als ächte, geebnete, glänzende Flächen treten zuerst auf »&P . +R und 2P2; die Fläche
ohne bestimmte Grenze, ohne scharfe Kante, in rauhe oder gerundete Stellen übergehend.
Erst bei. weiter ausgebildeten Krystallen ebenen sich auch steilere Rhomboeder und Trapezoeder
zu messbaren, glänzenden Flächen.
Die Prismenkanten bilden sich verschieden aus an den beiden Enden der Nebenaxen, am
einen Ende glätten sich auf der Kegelspitze kleine Flächen s oder 2P2 mit der rauheren
Trapezfläche, sie reihen sich und Verwachsen in der positiven Prismenkante, am andern Ende
verwachsen die Kegelecken zu einer gezackten, oder sog. negativen Prismenkante, Ebenso ist
die Fläche &P verschieden ausgebildet gegen --R und gegen —R.
‚Unter den Flächen des Quarzes sind nur #R und «P als Hauptflächen zu bezeichnen,
in diese gehen die übrigen allmälig über. Einige der Uebergangsflächen ebenen sich und
werden messbare, echte Krystallllächen; sie können als Secundärflächen von den gerundeten,
unmessbaren Uebergangsflächen wieder geschieden werden.
Die Fläche +R scheint im Bau, in der Structur von —R nicht verschieden zu sein,
vielleicht aber im früheren oder späteren Auftreten, jedenfalls im Verhalten zu den anliegenden
Flächen. Dasselbe Individuum stellt beiderlei Flächen her, -R wie auch —R.
Bei vollendeter Ausbildung des Krystalls schwinden die Anzeichen einer verschiedenen
Ausbildung der Prismenkanten und Prismenflächen, Doppeltgipfelige Krystalle scheinen im
Ganzen leichter zu einer geregelten, gleichmässigen Ausbildung zu gelangen, als mit einem
Ende aufgewachsene.
In Uebereinstimmung mit der verschiedenen Ausbildung der Prismenfläche sind die steileren
Rhomboeder +mR glänzender, aber gerundet, —mR matter, parallel der Combinationskante
treppenartig gefurcht und mit —R einglänzend.
Am beachtenswerthesten ist das Auftreten der Rhombenfläche mit den Trapezoedern.
Anfangs an den horizontal nach den Nebenaxen gerichteten Kegelbildungen sich häufend, treten
sie schliesslich bei mehr ausgebildeten Krystallen an den Enden der positiven Prismenkanten
zu einer Fläche zusammen und zwar rechts und links, oben und unten wechselnd. Die Fläche
s hat in den ungeregelten Erhebungen eine grosse Aehnlichkeit mit den Wulstbildungen der
Abhandl, d. Senckenb. naturf. Gesellsch., Bd. IX, 30
_ 2334 —
Prismenfläche, sie ist so glänzend, eine so ächte Fläche wie —R, aber sie ist doch nur eine
secundäre Fläche.
Es herscht eine grosse Gleichmässigkeit durch den ganzen Bau des Krystalls; jüngere
lamellenähnlich ausgebildete Krystalltheile tragen stets die charakteristischen Eigenthümlichkeiten
des Gesammtkrystalls.
Uebergangsflächen sind entweder gerundet, oder treppenförmig durch vortretende Kanten,
oder rauh durch vortretende Ecken oder Zäpfchen. Sie sind wandelbar in ihrer Flächen-
beschaffenheit und Flächenrichtung. Ein Theil der Uebergangsflächen kann sich zu Secundär-
flächen ebenen und glätten.
Am auffälligsten ist solcher Uebergang in der Richtung der zwei Hauptzonenrichtungen;
Secundärflächen der einen Richtung treten meist in Gesellschaft auf von.Secundärflächen der
andern Richtung, sie wachsen und nehmen ab mit denselben.
Auch das Durchwachsen, Verzwilligen des Krystallbaus scheint mit den zwei Haupt-
zonenrichtungen in engster Verbindung zu stehen, das gewundene Ansehen der Krystalle auf
einen Mangel darin, auf eine Störung hinzuweisen. Rechts und links gebaute Krystalle ver-
danken das optische Verhalten wie auch die Stellung ihrer Rhomben und Trapezflächen wol
einer verschieden gerichteten Anlage des Krystallbaus (der Verzwilligung).
Verschieden hiervon ist der Zwillingsbau des Quarzes bei welchem nicht nur die Art der
Verwachsung sondern auch die Gesetzmässigkeit derselben zu beachten ist. Die Damaseirung
oder Landkartenbildung ist deshalb an und für sich kein absoluter Nachweis desselben, dieser
ist nur durch mathematische Messung zu erbringen, wenn eine solche möglich ist.
Mit den äusseren Kennzeichen eines mangelhaften Krystallbaus stehen die inneren in
engem Zusammenhange. Während der vollendete Bau in der gleichmässigen Rundung des
glasigen Bruches sich offenbart, ist eine mangelhafte Ausführung nicht nur in dem guillochirten,
wellig gerippten Ansehen der Bruchfläche zu erkennen, sondern auch in dem Auftreten einer
Spaltfläche nach +R und nach »P. Je mangelhafter der Bau desto leichter die Spaltbarkeit,
desto schöner und ebener die Spaltfläche.
April 1873,
—_—.
Inhalts -Uebersicht.
Einleitung. Sammlungen. Gestörte Krystallbildung, zerbrochene und ergänzte Kıystalle. Bildungsperioden.
Die Kegelbildungen. Auftreten von Flächen an denselben. Verticale und horizontale Axenstellung
den Kegolfürmens tea. ver RESET RO ez
Der rhomboedrische Bau. Das Ineinanderfügen der Krystalltheile; Hyalith auf Quarz; Combination
zweier Rhomboeder, die Ausbildung von - und von — R. Quarz von Tresztyan. .
Echte .und Uebergangs-Krystallflächen, Kantenbildung des Quarzes und Flächenbildung. Vernachlässigung
der Kantenbildung. . RE I RR
Polyödrische Erhebungen auf + R. Die Amethyste von Rio Pardo. Zweigipfeliche Krystalle. .
Der Prismenbau. Verschiedene Beschaffenheit der Prismenkanten. Die Wulstenbildung auf den Prismen-
flächen. SHARE
Die steileren Rhomboeder. Secundärflächen des Quarzes ]- mR verschieden von — mR. Uebergänge
in R einerseits, in coP andererseits. BE BR EEE RENTE,
Die Trapezflächen. Entwickelung der Krystallflächen und Fortbildung des Krystalls. Die Trapezfläche
auf den Kegel-Gipfeln. Dreifache Richtung derselben. Verzwilligung des Krystallbaues.
Uebergang der Trapezflächen. Die Erhebungen und Vertiefungen auf denselben. 5
Die Rhombenflächen. Lamellenähnlicher Aufbau und parallele Furchung. Quarz vom Collo di Palom-
baja. Verwandschaft mit oberen und unteren Trapezflächen. Rechts und links bauende
Krystalle. Hauptzonen des Quarzes.
Die gewundenen Bergkrystalle. Vorkommen und Gestalt. se
Der Zwillingsbau. Damascirte Krystallllächen. Krystalle von Striegau. Zusammenwachsen der Berg-
krystalle. Morione vom Tiefengletscher. Die matteren und die glänzenderen Stellen der
Damaseirung.
Die Spaltbarkeit. Guillochirter Bruch. Spaltbarkeit des Quarzes nach R, nach »P, nach x.
Faserquarz.
Schluss. .
Seite
193.
198.
199.
202.
204.
207.
211.
214.
220.
223.
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E. Stoehr, die Provinz Banjuwangi mit der Vulkangruppe Idjen Raun in Ost-Jaya. Mit acht Tafeln 1--120
©. Böttger, Reptilien von Marocco und von den canarischen Inseln. Mit einer Tafel. ... . . 121—192
Friedr. Scharff, über den Quarz II. Die Uebergangsflächen. Mit drei Tafeln. . » . . . . 193—236
Far 2% (w1b
06%
ABHANDLUNGEN,
HERAUSGEGEBEN
VON DER
SENOKENBERGISCHEN NATURFORSCHENDEN
GESELLSCHAFT.
NEUNTER BAND.
DRITTES HEFT.
Mit XII Tafeln.
FRANKFURT a. M.
CHRISTIAN WINTER
I
1874.
#
Zur Kenntniss der freilebenden Nematoden, insbesondere der
des Kieler Hafens,
von
®. Bütschli.
(Mit neun Tafeln.)
Seit ich meine »Beiträge zur Kenntniss der freilebenden Nematoden«*) niederschrieb,
sind unsere Erfahrungen über diese, bis jetzt verhältnissmässig so sehr wenig berücksichtigte
und doch so ungemein. reichlich vertretene Abtheilung der Würmer durch die Forschungen
eines französischen Gelehrten, Marion,?2) vermehrt worden. Derselbe hat die freilebenden
Nematoden des Golfes von Marseille einer theilweise sehr eingehenden Untersuchung unter-
worfen und sowohl in systematischer als anatomischer Hinsicht ausführlich beschrieben. Es
wird demnach in den nachstehenden Zeilen die Berücksichtigung seiner Arbeiten zu unsern
Hauptaufgaben gehören. Leider fühle ich mich jedoch genöthigt, hier von vornherein zu
bemerken, dass sich meine Beobachtungen und Erfahrungen nur in den wenigsten Punkten
mit denen Marion’s in Uebereinstimmung befinden. Es muss einen sehr befremdenden Ein-
druck hervorrufen, wenn man bei dem Studium dieser Abhandlungen erfährt, dass der Ver-
fasser, der sich doch, wie er selbst sagt, nicht gelegentlich, sondern mehrere Jahre mit der
Untersuchung der freilebenden Nematoden beschäftigte, die diesen Gegenstand betreffenden
Hauptarbeiten der neueren Zeit gar nicht kennt; so blieb ihm bei der Niederschrift der ersten
Abhandlung die eingehende Bearbeitung eines Theils der freilebenden Nematoden durch Eberth®)
vollständig unbekannt, in der zweiten Abhandlung wird dagegen diese Arbeit eingehend be-
sprochen und eine Reihe von Einwänden gegen dieselbe vorgebracht, die wir späterhin noch
näher zu betrachten haben werden.
1) Nova acta Ac, C. L. C. G. Nat. Cur. Vol. XXXVI
2) Marion, Recherches zoologiques et anatömiques, sur des n&matoides nonparasites, marins. Annales
des sciences naturelles. 5. Serie. Zoologie. T. XTIL., p. 14 und: Additions aux recherches etc. T. XIV., Das
3) Eberth, Untersuchungen über Nematoden. Leipzig 1863.
Abhandl. d. Senckenb. naturf. Ges. Bd. IX, 30 (Zweite Hälfte.)
_— 23 —
Auf die von Marion entworfene Systematik hat jedoch die Kenntniss der Arbeit
Eberth’s keinen Einfluss ausgeübt. Wenn ich nun auch die Eberth’sche Systematik keineswegs
für eine nachahmenswerthe halte, so muss ich doch gestehen, dass es mich einigermaassen
frappirte, wie Marion den Bezeichnungen Eberth’s so gar keinen Werth beilegt, indem es sich
doch in systematischen Angelegenheiten zur Regel herangebildet hat, dass man die von seinen
Vorgängern benutzten Namen, wenn auch vielleicht besser umschrieben und gekennzeichnet,
beizubehalten sucht. Marion hätte sich jedoch die Mühe der Classification etwas zu erleichtern
vermocht, wenn ihm die in dieser Hinsicht eingehende Abhandlung von Bastian nicht völlig
unbekannt geblieben wäre. Fast sämmtliche der von ihm beschriebenen Nematoden sind An-
gehörige der von Bastian mit Einsicht und gutem Tact aufgestellten Geschlechter und es wird
im Verlaufe dieser Abhandlung noch mehrfach Gelegenheit gegeben sein die von Marion be-
schriebenen Thiere in die betreffenden Bastian’schen Genera zu verweisen.
Was nun die anatomischen Ergebnisse der Marion’schen Arbeiten anbetrifft, so haben
auch diese jedenfalls viel dadurch zu leiden, dass der Verfasser mit den in dieser Hinsicht
Epoche machenden Arbeiten Schneider’s und Leuckart’s nur wenig vertraut ist. Die Mono-
graphie Schneider’s kennt er nur dem Titel nach und tröstet sich hierüber auch ohne viel
Mühe, da er durch eine Bemerkung Mecznikoff’s erfahren hat, dass jener Forscher die frei-
lebenden Nematoden nur wenig berücksichtigt habe, was in gewissem Sinne jedoch bekanntlich
gar nicht richtig ist; wir erinnern nur an die Rhabditiden.
Bei diesem Stande der Dinge darf es uns wohl nicht sehr verwunderlich erscheinen, wenn
wir aus dem Munde Marion’s dieselbe Aeusserung hören, die ich in meiner ersten Arbeit über
freilebende Nematoden schon im Gegensatz zu Bastian zu bekämpfen versuchte. Ich meine
nämlich die Behauptung, dass die freilebenden Nematoden von den parasitischen scharf
geschieden seien und eine Abtheilung für sich bildeten, die mit jenen letzteren nicht in näherem
Zusammenhang stände. Ich habe es mir in letzterer Zeit angelegen sein lassen, grade das
Umgekehrte dieser Behauptung zu erweisen. In einem Vortrag!) den ich vor der Sencken-
berg’schen naturforschenden Gesellschaft zu Frankfurt a. M. hielt, habe ich diesen ziemlich
nahe liegenden Gedanken näher ausgeführt und glaube wohl, dass derselbe sich noch besser
und eingehender wird begründen lassen, wenn nur erst unsere Kenntniss von ‘den freilebenden
sowohl als parasitischen Nematoden noch vermehrt und verbessert sein wird. Ich verzichte
deshalb auch an dieser Stelle auf eine nochmalige Erörterung dieser Frage, indem ich auf
erwähnten Vortrag und meine frühere Arbeit verweise.
") Bericht über die Senckenbergische naturforschende Gesellschaft. 1871—72. 8. 57—73.
— 2399 —
Weiterhin kommt Marion auch auf denselben Gedanken wie Bastian, die Nematoden mit
glatter und geringelter Cuticula scharf von einander in zwei besondere Abtheilungen zu scheiden.
Ich habe es in meiner ersten Arbeit versucht, dieses Eintheilungsprineip zu bekämpfen, indem
ich hauptsächlich an dessen praktischer Verwendbarkeit zweifelte, und ich sehe mich auch jetzt
noch genöthigt, die Beschaffenheit der Cuticula höchstens zur Unterscheidung von Gattungen
und eventuell Familien zu verwerthen. Im Laufe dieser Abhandlung werden sich auch hierfür
neue Belege beibringen lassen.
Marion glaubt jedoch auch in den sonstigen anatomischen Verhältnissen dieser vermeint-
lichen beiden Abtheilungen der freilebenden Nematoden Verschiedenheiten gefunden zu haben,
die eine derartig scharfe Trennung rechtfertigen sollen. Es sollen nämlich diejenigen mit
glatter Guticula einen Nervenring um den mittleren Theil des Oesophagus besitzen, wogegen
die geringelten einen aus mehreren Ganglienzellen bestehenden Nervenring am Hinterende des
ÖOesophagus, da wo er sich mit dem Darm in Verbindung setzt, haben sollen. Letzterer Befund
ist nun ganz entschieden unrichtig; es finden sich wohl an der angegebenen Stelle des Ver-
dauungstractus häufig einige Zellen, wie ich dies in meiner früheren Arbeit schon mehrfach
hervorhob; dass jedoch diese Zellen mit einem Nervenring. nicht in Zusammenhang stehen, ist
leicht zu constatiren, wie es denn überhaupt nicht fraglich erscheinen kann, dass sie überhaupt
nicht nervöser Natur sind. Bei fast sämmtlichen geringelten Nematoden, die ich genauer
untersuchte, fand ich auch den Nervenring von derselben Beschaffenheit und Anordnung wie
bei denen mit glatter Cuticula. Bei den parasitischen Nematoden, die ja fast ohne Ausnahme
geringelt sind, hat das Centralnervensystem stets die gleiche Anordnung. . Diese Frage
nach dem Nervensystem und eine Anzahl anderer anatomischer Verhältnisse machen es nöthig,
die Organisationsverhältnisse unserer Thiere hier im Allgemeinen einer Betrachtung zu unter-
werfen, um hauptsächlich die Punkte hervorzuheben, wo meine Auffassung von der Marion’s
abweicht.)
1. Die äussere Haut.
Die Chitindecke des Körpers unserer Thiere besteht wie die der parasitischen Nematoden
aus mehreren Schichten. Ich habe diesen Schichtenbau nicht einem eingehenden Studium
unterworfen, mich jedoch überall, wo ich genauer zusah, von dem Vorhandensein von zwei,
') Wo nicht besonders das Gegentheil bemerkt ist, beziehen sich die in der folgenden allgemeinen Be-
sprechung gemachten Angaben auf die im Laufe dieser Arbeit zu besprechenden Meeresnematoden.
— 40 —
drei, ja auch vier und vielleicht mehr verschiedenen Lagen überzeugt. Zu unterst trifft man
auch-hier häufig die gekreuzten Faserschichten; ich weiss nicht, ob deren Vorkommen bei den
freilebenden Nematoden regelmässig ist, jedoch habe ich mich mehrfach von ihrer Gegenwart
überzeugt. Sehr schön sieht man dieselbe z. B. bei Enoplus commmmis Bast. (= Enoplus
tridentatus Schneider) Taf. VIII, Fig. 35a, bei den verschiedenen Oncholaimusarten etc. Bei
der ersterwähnten Art zeigt sich noch die Eigenthümlichkeit, dass die Faserschichten erst in
einer bestimmten Entfernung hinter dem Kopfende in einer scharfen Querlinie beginnen
(s. Fig. 35a). Marion erwähnt nichts oder fast so gut wie nichts von dem Schichtenbau der
Haut und dies hat seinen Grund wohl darin, wie später erörtert werden soll, dass er nur die
äusserste Schicht für die Cuticula, die inneren dagegen für die Muskulatur genommen hat (s. u.
bei der. Besprechung der Muskulatur).
Die Ringelung fehlt, wie früher erwähnt, entweder vollständig oder sie ist mehr ‘oder
weniger deutlich. In wie weit sich die feineren Structurverhältnisse dieser Bauweise der
Cutieula denen anschliessen, wie sie für die parasitischen Nematoden durch Schneider eingehend
beschrieben worden sind, muss vorerst dahingestellt. bleiben. In meiner ersten Abhandlung
machte ich schon darauf aufmerksam, dass die optische Erscheinung der Ringelung nicht immer durch
die äusserste Schicht der Cuticula hervorgerufen sei; dass demnach im Flächenanblick die Haut
eine regelmässige Querstreifung zeigen kann, während doch die äusserste Hautschicht eigent-
lich glatt ist. Diese Erscheinung habe ich auch bei einigen Meeresnematoden angetroffen, so
namentlich bei den beiden Arten der Gattung Enoplus Bast., die ich fand. Hier ist es eine
mittlere, ziemlich helle Schicht der Cuticula, die geringelt erscheint (Taf. VIII, Fig. 355).
Die interessantesten Erscheinungen zeigt jedoch die Haut bei den mit stärker geringelter
Gutieula versehenen Meeresnematoden. Bei diesen wird die Ringelung nicht selten so bedeutend,
dass die Thiere einen hohen Grad von Undurehsichtigkeit erlangen. Die Ringel umkreisen hier
entweder vollständig den Leib als mehr oder weniger breite, dunkler erscheinende Bänder
(Fig. 27e, Taf. VII), oder sie setzen sich aus einer regelmässigen Anzahl kleinerer Stücke zu-
sammen, so dass die Linien, in welchen dieselben zusammenstossen, als Längslinien über den
Körper des Thieres hinlaufen. Bei Spilophora costata Bast. (Taf. V, Fig. 23) laufen acht, solcher
Längslinien über den Körper. Marion beschreibt ein ähnliches Thier unter dem Namen
Rhabdotoderma Morstaedti, dessen Geschlechtsnamen von dieser Eigenthümlichkeit der Cutieula
hergeleitet ist. Ob die bei parasitischen Nematoden (Strongylen) sich findenden -Längs-
kanten mit der soeben beschriebenen Eigenthümlichkeit der Haut übereinstinnmen, scheint
mir fraglich,
ee
In zwei sehr nahe verwandten Gattungen der Meeresnematoden Spilophora und Chroma-
dora Bast., deren Angehörige sämmtlich eine ziemlich dicke Cuticula besitzen, finden sich recht
interessante Eigenthümlichkeiten der äusseren Bedeckungen. Bastian hat schon darauf auf-
merksam gemacht, dass die Ringelung bei diesen Thieren punktförmig sei. Diese Bezeichnung
ist auch annähernd richtig. Es besitzen diese Thiere nämlich eine äusserlich in gewöhnlicher
Weise geringelte Cutieula, die innere Schicht derselben enthält jedoch reihenweis angeordnete
stark lichtbrechende und daher ziemlich dunkel erscheinende Körperehen, in der Flächenansicht
von rundlicher oder länglicher Gestalt (Fig. 25a, 26«, Taf. VI, Fig. 23d, Taf. V). In der
Profilansicht sieht man, dass diese Körperchen die tiefere Schicht der Cuticula mehr oder
weniger durchsetzen, jedoch nie die Oberfläche der Cuticula erreichen. In Betreff ihrer An-
ordnung zeigen sich Verschiedenheiten, indem sie entweder in vollständigen Ringen um den
Leib herumstehen, wo denn nur in den Seitenlinien eine Reihe grösserer, charakteristisch gestalteter
derartiger Köperchen steht (Fig. 25d, Taf. V), oder die Ringe derselben sind in den Seiten-
linien unterbrochen, und zwei Reihen grösserer laufen längs jeder Seitenlinie herab. In der
Flächenansicht besitzen diese Cutieulargebilde manchmal sehr eigenthümliche Formen, wie dies
namentlich bei Spilophora robusta Bast. (Fig. 295, Taf. VII) zu sehen ist.
Bei den freilebenden Nematoden scheinen im Allgemeinen Seitenmembranen nur sehr
selten vorzukommen, unter den Meeresformen habe ich schwache Andeutungen derselben nur
bei der Gattung Spilophora Bast. bemerkt.
In Betreff der Pupillen, Haare und Borsten der Cutieula habe ich hier kaum etwas
Weiteres von Bedeutung zu erwähnen. Die eigenthümliche Erscheinung, die mir aueh schon
bei einem Nematoden des süssen Wassers auffiel, dass nämlich sowohl die Börstchen um den
Mund, als auch die des Leibes manchmal an ihrem Ende ein matt und- wenig. deutlich er-
scheinendes Tröpfehen oder Scheibchen tragen, ist mir auch bei Meeresnematoden mehrfach
aufgestossen. Die Erscheinung ist nichts weniger als constant und macht manchmal ganz den
Eindruck, als sei ein Seerettropfen aus der Spitze der Borste hervorgetreten. In den grossen
Borsten um den Kopf des Oncholaimus vulgaris Bast. sieht man einen Innenfaden, der bis zur
Spitze der Borste läuft, recht deutlich, Wo man nur Gelegenheit hat genauer zuzusehen, wird
man stets ein Nervenfädchen zu den Borsten herantreten sehen.
Schliesslich bleiben mir noch einige Worte über das eigenthümliche Organ zu sagen
übrig, welches sich am Kopfende vieler freilebenden Nematoden in den Seitenlinien findet. Ich
habe dieses Organ früher das Seitenkreischen genannt (Seitenorgan wäre wohl hierfür der
geeignetere Ausdruck), und die Vermuthung ausgesprochen, dass es ein Sinnesorgan, möglicher-
31
Abhandl. d. Senekenb. naturf., Ges. Bd. IX,
eu. HU.
weise ein Gehörorgan sei. Marion beschreibt dasselbe gleichfalls bei seinen Gattungen
Amphistenus und Acanthopharynx, wo es in der bekannten Gestalt eines Kreischens mit cen-
tralem dunkeln Fleck erscheint oder bei Amphistemıs zwei derartige Flecke enthält. Marion
betrachtet dasselbe als Gehörorgan, sieht in dem Kreischen eine Zelle und den dunkeln Flecken
die Otholithen. Im Gegensatz hiezu muss ich bemerken, dass sich die von mir sleichfalls und
unabhängig ausgesprochene Vermuthung, dass die betreffenden Organe im Zusammenhang mit
dem Gehörsinn ständen, nicht hat bestätigen lassen. ‘Ich kann nämlich an diesen Seitenorganen
nichts von einem Zellenbau wahrnehmen. Es sind, wie dies schon von Bastian hervorgehoben
wurde, vielmehr eigenthümliche Cuticularzeichnungen.
Gewöhnlich ist die CGuticula in dem Umfang des Kreischens oder der Spirale napf-
oder schüsselförmig vertieft (Taf. II, Fig. 15c, 14, Taf. VII, Fig. 3206) und von ziemlicher
Dicke. Den centralen dunkeln Fleck, den man jedoch bei vielen Arten mit derartigen Organen
vermisst, habe ich bei Zinhomoeus hirsutus Bast. deutlich als eine centrale Verdickung des
Bodens der Grube erkannt (Fie. 15e, IM). Nur bei zwei Arten glaube ich noch eine weitere
Complication des Baues dieser Organe gesehen zu haben. Bei dem erwähnten Zinhomoeus sah
ich auf dem Rand der Grube, wie es schien, eine Anzahl sehr zarter und ausnehmend blasser
Härchen stehen (Fig. 15e, III). Bei Sphaerolaimus hirsutus Bast. ferner schien sich von dem
3oden der Grube ein dieselbe fast ausfüllender blasser Körper bis über den Rand zu erheben.
Auch die spiralige Ausbildung dieser Seitenorgane hat Marion gesehen, jedoch sind ihm
dieselben in ihrer Bedeutung ganz unverständlich geblieben; es ist jedoch keine Frage, dass
beide Formen nur verschiedene Bildungsweisen eines und desselben Organs sind. Bei den
Meeresnematoden findet sich die spiralige Form womöglich noch häufiger als die kreisförmige.
Nach Allem, was ich von diesen eigenthümlichen Organen gesehen habe, kann ich dieselben
natürlich nur für eine Art von Sinnesorganen erklären. Morphologisch sind sie jedenfalls nichts
weiter als in besonderer Art modifieirte und complieirte Papillen. Wie Schneider gezeigt hat,
finden sich am Hals vieler parasitischer Nematoden Papillen (Halspapillen), so in der Gattung Asca
Ohne Zweifel sind daher die beschriebenen Seitenorgane der freilebenden Nematoden
nichts weiter als die Homologa dieser Halspapillen.
In der Gattung Spilophora Bast. fehlen derartige Gebilde, dagegen sieht man an ihrer
Stelle kurze sehr blasse Fortsätze, die an ihrem Ende meist etwas gespalten oder gegabelt
sind (Fig. 25a, XVT), wahrscheinlich Hegt hier nur eine besondere Modification dieser Papillen vor.
Ueber die subentane Schicht unserer Würmer fehlen mir genauere Erfahrungen.
_ 2435 —
2. Das Nervensystem.
Obgleich ich vollkommen überzeust bin, dass die immer noch nicht ganz befriedigend
beantwortete Frage nach dem Nervensystem der Nematoden ihre schliessliche Lösung nicht
durch die Untersuchung der freilebenden Vertreter dieser Classe finden kann und ich deshalb
auch schon eine Untersuchungsreihe an grösseren parasitischen Nematoden begonnen habe, so
scheint es mir doch nicht ganz unnütz über das Rechenschaft abzulegen, was ich bis jetzt bei
den freilebenden sah. Schon oben habe ich erklärt, dass ich mich mit der von Marion an-
gegebnen Verschiedenheit des Centralnervensystems bei den geringelten und ungeringelten Ver-
tretern unserer Abtheilung nicht einverstanden erklären kann. Nach meinen Erfahrungen liegt
der Nervenring stets in ähnlicher Weise um den mittleren Theil des Oesophagus, bald etwas
höher bald etwas tiefer, wie sich denn auch um den Oesophagus stets eine beträchtliche An-
zahl Zellen angehäuft findet, von welchen wohl eine Anzahl mit dem Nervenring in Verbindung
stehen und die Function von Ganglienzellen besitzen dürfte. Was Marion bei den geringelten
Nematoden als Nervenring beschreibt, sind nichts weiter als eine Anzahl Zellen (wohl von
drüsiger Natur), die sich häufig da finden, wo der Oesophagus in den Darm übergeht. Nach
Marion entspringen in den Seitenlinien aus dem Nervenring je ein vorderer und ein hinterer
Längsnervenstamm; davon habe ich nichts Deutliches gesehen, ich kann höchstens einzelne
feine Nervenfasern entdecken, die sich in den Seitenlinien von dem Nervenring abzweigen.
Dagegen sah ich ein andres Verhalten, welches mich darüber aufklärte, warum der Nervenring
fast immer, wie ich früher schon erwähnte, eine vom Bauch nach dem Rücken aufsteigende
Lage hat. Bei einer ganzen Anzahl Arten nämlich sieht man den Nervenring auf der Bauch-
seite direet in einen in der Bauchlinie nach hinten laufenden Strang ausgehen (Fig. 29a, VII).
Dieser Strang besitzt ganz denselben faserigen Bau wie der eigentliche Ring und sein ganz
allmäliges Uebergehen in letzteren ist häufig deutlich zu verfolgen (Fig. 365, IX). Dicht
neben seinem Ursprung sah ich nur bei Enoplus paradoxus n.-sp. zwei schief seitwärts und
nach unten laufende Stränge entspringen, die sich nur auf eine kurze Strecke verfolgen liessen
(Fig. 365). Der vom Ring abgehende Bauchstrang lässt sich hingegen über die gesammte
Bauchfläche verfolgen und sieht man ihn z. B. beim Weibchen sehr schön sich um die Vulva
herumbiegen (Fig. 17d, IV und 33a, VII). In dieser Gegend : hat ihn Marion wahrscheinlich
auch gesehen, jedoch eigenthümlicher Weise für einen Muskel erklärt, der sich von der Leibes-
muskulatur abzweige und zum Mechanismus der Vulva gehöre (s. seire Fig. 19, Taf. 23 [H],
wo derselbe jedoch doppelt gezeichnet ist); Es ist dieser Strang nun ohne Zweifel Schneider’s
Nervus ventralis. Aufder Rückseite des Nervenrings sah ich nur einmal bei Oxystoma elongata.n. Sp.
en
einen deutlichen Strang nach rückwärts entspringen (Fig. 18a, Taf. IV), weitere eingehendere
Untersuchungen möchten daher auch den Nervus dorsalis Schneider’s bei unseren Thieren
nachweisen lassen. Ueber die vom Nervenring nach vorn abgehenden Stränge bin ich nicht
klar geworden, man sieht zwar an den Seiten des Oesophagus fast in jeder Lage des Thieres
stets Fasern hinziehen, die mit ziemlicher Gewissheit für Nervenfasern in Anspruch genommen
werden dürfen, auch sieht man in den Seitenlinien wie auch in den Medianlinien derartige
Fasern an den Nervenring von vorn herantreten, jedoch einen stärkeren Strang wahrzunehmen
gelang mir nicht. Hier am vorderen Theil des Oesophagus hat man die beste Gelegenheit
einzelne Nervenfasern zu sehen, dieselben erscheinen als zarte hie und da etwas angeschwollne
Fädchen, die sich dadurch, dass sie in die Papillen oder zu den Börstchen treten, als Nerven
bestimmt charaktrisiren. Marion beschreibt von seinem Thoracostoma setigerum, dass kurz
vor dem Eintritt in das Börstchen in jedes dieser Fädchen eine spindelförmige Zelle ein-
geschaltet sei (s. seine Fig. 1a und 1, Taf. L); ich habe ausser knötchenartigen Anschwellungen,
die mir jedoch kein regelmässiges Vorkommen zu haben scheinen, nichts wahrgenommen, was
sich zu Gunsten dieser Beobachtung deuten liesse,
Den Verlauf des Bauchstrangs am Hinterende des Thieres etwas aufzuklären gelang mir
bei einem Männchen von Thoracostoma globicaudata« (= Enoplus globicaudatus Schn.) (Fig.
34c, VUN). Hier sah ich den Bauchstrang sich etwas vor der unpaarigen Drüsenöffnuug theilen
und je einen Faserzug zu beiden Seiten bis in die Schwanzspitze hinablaufen. Um das,obere
Ende des Afterdarms in der Höhe der Theilung schien sich ein faseriger Ring zu befinden, von
dem ich nicht mit Bestimmtheit sagen kann, ob er mit dem Bauchstrang im Zusammenhang
steht und nervöser Natur ist. Von den Seiten dieses Rings entsprangen Faserzüge nach vorn,
die den ächten Nervenfasern sehr ähnlich sahen und welche, wenn sie wirklich solche sind, die
Bursalmuskeln versorgen dürften. Jederseits neben dem Afterdarm liegen eine ziemliche Anzahl
Zellen, die durch feine Fasern mit dem Bauchstrang in Verbindung stehen, vielleicht liegen
hier Ganglienzellen vor. Ob sich der Bauchstrang über die angebliche Theilungsstelle nicht
doch nach hinten noch fortsetzt, wurde nicht ganz sicher.
. Man sieht aus dieser Schilderung, dass hier die Verhältnisse des Nervenverlaufs viel
Aehnlichkeit mit dem haben, was wir durch Schneider von den grösseren parasitischen Nematoden
vernommen ‚haben. Eines scheint mir aus diesen, wenngleich noch mangelhaften Beobachtungen
über das Nervensystem unserer Thiere doch mit Sicherheit hervorzugehen, nämlich dass die-
selben in der Anordnung ihres Nervensystems keine besonderen Verschiedenheiten von den
= 98 —
parasitischen Nematoden zeigen und dass demnach Marion Unrecht hat, wenn er im Bau dieser
wichtigen Organe einen Grund zu finden glaubt, die parasitischen und freilebenden Nematoden
scharf von einander zu trennen.
3. Die Museulatur und die Längslinien.
Die Leibesmusculatur unserer 'Thiere besteht nach Marion aus »une couche de muscles
longitudinaux formant une enveloppe ininterrompue« und fühlt er sich hiedurch bestimmt, die-
selben den Schneider’schen Holomyariern zuzurechnen. Ich kann nur glauben, dass der Grund
hiefür in einer Missdeutung des Schneider’schen Ausdrucks Holomyarier beruht. Uebrigens
haben unsere Thiere auch gar keine ununterbrochene Muskelschicht, sondern sie ist bei sämmt-
lichen durch deutliche Längslinien in eine Anzahl Muskelfelder getheilt.
Unsere Thiere gehören nicht zu den Holomyariern, sondern fast ausschliesslich zu den
Polymyariern 'Schneider’s. Die einzige Ausnahme macht wohl die Gattung ZLinhomoeus Bast.,
bei weleher die Muskelfelder dureh die reichliche Entwickelung der Längslinien so eingeengt
sind, dass sie sich wahrscheinlich in der Anordnung der ‘Museulatur wie ein Meromyarier
verhält.
Wenn ich Marion recht verstehe, so schreibt er den freilebenden Nematoden quergestreifte
Muskeln zu, ich brauche dies wohl nicht weiter zu widerlegen und kann mich einfach damit
begnügen hervorzuheben, dass dieselben in der Beschaffenheit ihrer Musculatur von den para-
sitischen nicht verschieden sind. Die Fibrillen ihrer Muskelzellen haben dieselbe Zusammen-
setzung aus feinen Körnchen, die ich schon früher beschrieb.
In Betreff der Längsfelder befindet sich Marion in einem grossen Irrthum: er verlegt 5
dieselben nämlich sämmtlich unter die Musculatur und schreibt ihnen eine secretorische Thätig-
keit zu. Hieraus geht hervor, dass er die tieferen Schichten der Cuticula für die Musculatur
genommen hat, womit übereinstimmt, dass er derselben eine dunkle Färbung zuschreibt.
Die Längsfelder unserer Thiere sind fast stets deutlich zellig und zwar finden sich sehr
häufig Zellen verschiedener Grösse und verschiedener Beschaffenheit in mehr oder weniger
regelmässiger Anordnung in denselben vereinigt. Dieses Verhältniss fiel auch Marion auf, wie
ebenso schon früher Bastian die Thatsache, ohne sie richtig zu erklären, kannte. Besonders
auffallend sind diese Zellen bei den Angehörigen der Bastian’schen Gattung Cyatholaimus
—- 246 —
(s. Fig. 30a, VII) ferner bei Oxystoma ete. Es zeichnen sich diese Zellen meist durch eine
sehr körnige Beschaffenheit aus und ist es daher in manchen Fällen schwer zu entscheiden,
ob ein Kern oder eine Zelle vorliegt. Marion will bei seinem Zhoracostoma Zolae gefunden
haben, dass dieselben sich durch einen feinen Canal in der Cuticula nach Aussen öffneten
|, und schliesst namentlich hieraus auf ihre seeretorische Thätigkeit; es war mir nie möglich bei
| den von mir gesehenen Arten etwas von der Ausmündung dieser Zellen wahrzunehmen.
Bei Thoracostoma Schmeideri n. sp. (Enoplus Schnd.) beobachtete ich in den Seitenlinien
jederseits der Vulva, zwischen den dieselben in ihrer Hauptsache constituirenden Zellen, regel-
mässig drei ansehnliche Zellen von durchaus körniger Beschaffenheit (Fig. 33@, VII).
Marion zeichnet bei einem Vertreter dieser Gattung jederseits der Vulva zwei derartige
grosse Zellen (siehe seine Fig. Ig, Taf. H), nimmt dieselben jedoch für Drüsen an der Vulva
in Anspruch; ich muss vermuthen, dass er damit die erwähnten Zellen in den Seitenlinien
meint, da ich bei dieser Gattung nie Drüsen an der Vulva sah. Gerade bei der genannten
Gattung finden sich noch einige Eigenthümlichkeiten, die hier am besten zur Sprache kommen
möchten. Es kommen nämlich bei den Angehörigen derselben entschieden ähnliche Zellen,
wie sie in den Seitenlinien vorhanden sind, auch unter der Muskulatur vor und zwar sind die-
selben meist mehr oder weniger regelmässig in ziemlicher Entfernung von einander in Längs-
reihen geordnet. Nach den Angaben Marion’s sollen diese Zellen durch hyaline Fäden unter-
einander in Zusammenhang stehen. Derartiges wahrzunehmen ist mir nie geglückt und ich
muss daher dieses Verhältniss als sehr zweifelhaft betrachten. Eine ganz sonderbare Erscheinung
habe ich einmal bei jungen Thieren von Thoracostoma globicaudata‘ beobachtet: ich fand
nämlich bei denselben die Leibeshöhle um den Darm mehr oder weniger angefüllt mit körnigen
Massen und dazwischen sehr reichlich vorhandenen Krystallen. Letztere waren sehr regel-
mässig gebaut (Fig. 345, VIII) und wohl zum rhombischen System gehörig; über ihre chemische
“ Zusammensetzung habe ich leider keine Versuche angestellt. Es wäre immerhin möglich, dass
das Vorkommen eines derartigen Ausscheidungsproduets mit der physiologischen Thätigkeit der
erwähnten Zellen in Zusammenhang stünde. Bei reifen Thieren derselben Art vermisste ich
diese Krystalle jedoch.
4, Ernährungsorgane.
Wir beginnen unsere Uebersicht mit, der Betrachtung der sogenannten Mundhöhle. Dieser
Theil der Verdauungsorgane findet in physiologischer Hinsicht jedenfalls hier seine richtige Stelle,
ist jedoch morphologisch grossentheils den eigentlichen Verdauungsorganen nicht zuzurechnen.
a
Die Ausbildung der Mundhöhle ist sehr verschieden, wie dies schon von den verschieden-
sten Forschern, am eingehendsten jedoch von Bastian gewürdigt und zur Bildung der Genera
verwerthet wurde. Wir finden alle Uebergänge von den Fällen, wo dieses Organ vollständig
fehlt, bis zu dem andern Extrem einer sehr tiefen und geräumigen Höhle, deren Bau noch
durch das Vorhandensein verschiedner accessorischen Theile, die zur Aufnahme oder Verkleinerung
der Nahrung dienen, complieirt wird. Bei sämmtlichen freilebenden Nematoden, die ich bis jetzt
genauer studirte, zeigt sich eine Uebereinstimmung in dem allgemeinen Bauplan der Mundhöhle,
die wohl auch mit demselben Organ bei den parasitischen Nematoden vorhanden sein wird.
Wir sind nämlich im Stande an der Grube, Höhle oder dem sonst irgendwie gestalteten
Hohlrasım, welchen wir als Mundhöhle bezeichnen, zwei verschiedne Abschnitte zu erkennen,
die sich in morphologischer Beziehung wohl von einander unterscheiden lassen. Ein vorderer
Abschuitt dieser Höhle liegt nämlich stets zwischen den am Kopfende durch eine Art Abhebung
von einander getrennten oberen und unteren Schichten der Cutieula (vergl. die Fig. 30a, 29a VII,
23a, 224 N ete.). Dieser vordere Abschnitt, mag er auch verhältnissmässig noch 'so tief in
das Kopfende eingesenkt sein, kann deshalb eigentlich nur als ein in bestimmter Weise mo-
difieirter Theil der allgemeinen Cuticularbedeckung des Kopfendes aufgefasst werden.
Der hintere, wo er vorhanden, mehr oder weniger geräumige Theil der Mundhöhle kann
unter Umständen gänzlich fehlen, wie z. B. bei der Gattung Monhysiera, wo. die Oesophagus-
röhre direet an den vorderen Abschnitt anstösst (vergl. z. B. Fig. 6@ und 7a, Taf. II). Dieser
Theil der Mundhöhle kann in vielen Fällen gleichfalls nur als ein eingesenkter Theil der
äussern Qutieula aufgefasst werden, jedoch müssen sich an seiner Bildung wohl die sämmtlichen
Schichten derselben betheiligen, während die Wandungen des vorderen Abschnitts nur von den
äusseren Schichten derselben aufgebaut werden. Nicht immer lässt sich jedoch der hintere
Abschnitt scharf von dem Chitincohr des Oesophagus scheiden, indem dieses in seinem vorderen
Theil nicht selten eine Erweiterung zeigt, die als eine Fortsetzung der Mundhöhle in den
Oesophagus erscheint. Auf ein derartiges Verhältniss habe ich schon früherhin bei den
Gattungen Plectus und Rhabditis aufmerksam gemacht, unter den Meeresnematoden sah ich
dergleichen namentlich bei den Gattungen Spilophora und Ohromadora (VI, 25a, 26a, V, 23a
und 22d).
Die Chitinwandungen der Mundhöhle sind häufig in bestimmter Weise durch Verdickungen
ausgezeichnet, so finden sich Längsriefen hauptsächlich in den Gattungen Spilophora, Chroma-
dora und Oyatholaimus. Besondere zahnartige Gebilde von schwacher Ausprägung in den
en
gleichen Gattungen (V, 23« und 22d); stärker entwickelt sind die Zähne in den Gattungen
— 248 —
Oncholaimus und Enoplus Bast., ihre verschiedene Ausbildung wird späterhin zur Sprache
kommen. Ein einzelnes Stachelgebilde, wie es sich in den Gattungen Dorylaimus und Pylenchus
(Süsswasser- und Landbewohner) findet, wurde bis jetzt bei Meeresnematoden noch nicht bemerkt.)
Lippen um die Mundöffnung sind eine verbreitete Erscheinung unter unseren Thieren,
ohne dass dieselben doch häufig eine besondere Entwicklung erreichten; in ihrer Anordnung
und ihrer Ausrüstung mit Papillen folgen sie den von Schneider entwickelten Gesetzmässig-
keiten. Die gleiche Gesetzmässigkeit zeigen die Kopfborsten in ihrer Zahl und Anordnung. 3
Bei einem sehr eigenthümlichen Thier, das nach seinen allgemeinen Charakteren ein entschie-
denes Mitglied der Gattung Enoplus Bast. ist, liegt die Mundöffnung zwischen drei hohen
halbelliptischen Klappen (s. Fig. 36a, IX); es ist dies ein neuer Beweis dafür, dass die
morphologischen Verhältnisse des Kopfes grosse Modificationen bei nahe verwandten Nematoden
zeigen können.
Die allgemeine Form und die feineren Structurverhältnisse des Oesophagus sind denen
der parasitischen Nematoden vollständig analog. In der Mehrzahl der Fälle schwillt der
Oesophagus gleichmässig und langsam nach hinten an, jedoch findet sich bei einigen Arten
auch ein hinterer Bulbus, ohne dass jedoch ein Thier mit einem Klappenapparat unter den
Meeresformen beobachtet worden wäre. Ueber den feineren Bau des Oesophagus hat Marion
ganz eigene Vorstellungen; es soll sich nach ihm um das Chitinrohr eine Schicht longitudinaler
Muskelfasern finden, weshalb auch die Höhlung des Oesophagus direct keiner Erweiterung
fähig wäre, sondern hiezu dienten Muskelfasern, die sich von der Leibesmusculatur abzweigten
und dem Oesophagus sich äusserlich anhefteten. Hierauf habe ich zu erwidern, dass auch hier
das Oesophagusgewebe aus quer zur Längsaxe desselben gerichteten radiären Fibrillen und hie
und da eingeschalteten körnigen Massen besteht, wie bei den Parasiten. ‘Nur Eines zeigt sich
in der histologischen Structur des Oesophagus unserer Thiere nicht selten, was bei den
Parasiten meist undeutlich geworden ist, nämlich die Andeutung eines zelligen Baues. Ich
hatte schon mehrfach Gelegenheit auf diese Erscheinung hinzuweisen, besonders deutlich sah
ich sie wieder bei den Vertretern der Gattung Zinhomoeus Bast. (III, 15a, 165).
Marion erwähnt noch, dass der Oesophagus hinter dem Nervenring bei einigen Arten von
eirculären Muskelfasern umgeben sei. Nach seinen Abbildungen zu urtheilen, hat er hier die-
selbe Erscheinung gesehen, die Eberth schon von seinem Emoplus tuberculatus beschreibt und
abbildet, auch Bastian erwähnt ein ähnliches Aussehen von seiner Gattung Phanoderma. Ich
!) Dujardin beschreibt eine marine Art yon Dorylaimus hist. nat. des helm. 8. 231.
=
habe kein Thier mit: derartiger Beschaffenheit des Oesophagus gesehen, bezweifle jedoch sehr,
dass die Erscheinung durch eirculäre Muskelfasern hervorgerufen sei und glaube sie eher auf
die noch schärfere' Ausprägung des erwähnten Zellenbaus des Oesophagus zurückführen zu dürfen;
auch Bastian deutet dieses Aussehen nur als eine eigenthümliche Gestaltung des Oesophagus.
Wie schon hervorgehoben wurde, enthält das Oesophagealgewebe ausser fibrillärer häufig
auch noch viel körnige Masse. Letztere ist nicht selten sehr entschieden pigmentirt durch
körnige meist gelbe bis braune Farbstoffe. Eberth und Bastian hatten vielfach Gelegenheit
gehabt dieser Erscheinung zu gedenken und ich würde derselben hier keine besondere Auf-
merksamkeit schenken, wenn nicht Marion in diesem Pigment ganz besondere Organe entdeckt
zu haben glaubte. Es zeigt dasselbe nämlich nicht selten eine recht eigenthümliche Anordnung,
indem es sich hauptsächlich in drei Längsstreifen angesammelt über den Oesophagus hinzieht.
Diese Längsstreifen selbst senden ihrerseits wieder kurze Querstreifen
alternirend nach beiden Seiten aus. In der Profilansicht hat man
häufig Gelegenheit sich zu überzeugen, dass dies körnige Pigment
sich ziemlich tief zwischen die fibrillären Partien des Oesophagus hinein
erstreckt. Diese Kkörnigen Pigmentzüge des Oesophagus nun sieht
Marion für drei Drüsen an, die ihr Secret in den Grund der Mund-
höhle ergiessen sollen. Diese Drüsen zu isoliren dürfte jedoch wohl schwer-
lich jemals gelingen, ich kann in ihnen nichts weiter erkennen als die
erwähnten Pigmentmassen des Oesophagus, und ihre eigenthümliche
Anordnung dürfte wohl in einigem Zusammenhang mit dem bei
reifen Thieren‘ verwischten Zellenbau des Oesophagus stehen. Wahr-
scheinlich fielen die ursprünglichen Zellgrenzen in die körnigen Massen
des: Oesophagus hinein, so dass wir sie uns als von den benachbarten
Abschnitten: der sich berührenden Zellen gebildet denken müssen.
Der nebenstehende schematisch gehaltene Holzschnitt dürfte dazu
dienen meine Ansicht über diesen Punkt aufzuklären. Kerne glaube kin kleiner Theil des Oesophagug
® Y . Bet von Enoplus labiatus, etwas sehr
ich nur sehr vereinzelt in den körnigen Massen des Oesophagus matisirt. a. Könige Bas
wahrgenommen zu haben. ni mA tr RT
Das Pigment der sogen. Augenflecke stimmt manchmal mit dem allgemeinen Oesophagus-
pigment vollständig überein (Enoplus, Thoracostoma).
In Betreff des eigentlichen Darms entwickelt Marion die, schon von Schneider zurück-
gewiesenen, älteren Ansichten. Er betrachtet nämlich das Darmepithel als eine Schicht Leber-
Abhandl. d. Senckenb, naturf. Ges., Bd. IX. 32
ER =
zellen, wonach dann die 'resorbirenden Zellen vollständig fehlten; doch diese Ansicht braucht
hier keine weitere Widerlegung. Dagegen muss ich mich entschieden gegen eine andere von
Marion gemachte Beobachtung erklären, dass sich nämlich am Darm eine Längsmuskelschicht
fände; ich habe hiervon nie etwas gesehen. Auf der Grenze zwischen Darm und Afterdarm
bemerkt man auch bei den Meeresnematoden nicht selten einige (drei?) einzellige Drüsen.
5, Exeretionsorgane
finden sich bei unsern Thieren bekanntlich vorzugsweise in zweierlei Art. Einmal die sogen.
Ventraldrüse und dann die Schwanzdrüsen. Erstere ist gewöhnlich eine einfache einzellige
Drüse von ziemlich ansehnlicher Grösse, die sich in der Bauchlinie in der Oesophagealgegend
nach Aussen öffnet. Ihr Secret ist meist sehr feinkörnig, ungefärbt und fluctuirt bei den
Bewegungen des Thieres häufig lebhaft in dem langen Ausführungsgang. Nach hinten reicht
diese Drüse höchstens bis kurz über den Beginn des Darmes hinaus. Nur bei einer Art glaube
ich mich mit Sicherheit überzeugt zu: haben, dass sich statt einer Ventraldrüse ein Paar der-
artiger Organe finden. Es ist dies nicht unwichtig, da wir wohl in diesen Drüsen unzweifelhaft
die Homologa gewisser Theile des Seitengefäss-Systems vieler parasitischer und freilebender
Nematoden zu erkennen haben. An und für sich ist dies nicht ganz selbstverständlich, da ja
die Seitengefässe gewöhnlich paarig vorhanden sind und sich auch durch ihre Lage in den
Seitenlinien und ihre allgemeine Beschaffenheit von den Ventraldrüsen vieler freilebender
Nematoden sehr unterscheiden. Nun finden sich aber die Seitengefässe einmal nicht 'selten
unpaar, sowohl bei freilebenden als bei parasitischen Nematoden. Ich erinnere hier nur an die
Gattung Tiylenchus Bast., wo dies unpaare Seitengefäss schon von Schneider gesehen ande
und dasselbe findet sich bei vielen Ascariden. Ferner findet man jedoch in der Nähe des
Porus des Gefäss-Systems bei einigen Nematoden zwei grosse Zellen, die ohne Zweifel drüsiger
Natur sind ‚und mit, dem Porus in Zusammenhang stehen, ‘bei anderen (Sclerostomum) eine
grosse einzellige der Ventraldrüse vollständig ähnliche Drüse. Hieraus dürfte sich mit Sicher-
heit ergeben, dass die Ventraldrüse der Meeresnematoden nur eine weitere Ausbildung der
erwähnten grossen Zellen und ein Homologa der Drüse bei Scelerostomum egqwinum ist, während
die eigentlichen Seitengefässe bei unseren Thieren ganz verkümmert sind.
Der allgemeine Bau und die weite Verbreitung der Ventraldrüse wurde schon’ von Eberth
und Bastian erkannt.
— 20 =
Die. Schwanzdrüsen finden ‚sich wohl bei sämmtlichen Meeresnematoden. Es scheinen
ganz. allgemein. drei einzellige Drüsen zu sein, die ‚ihr Secret durch eine Oeffnung in der
Schwanzspitze ergiessen. Es tritt bei diesen Organen, die nach ihrer‘ topographischen Anord-
nung in keine der Symmetrieebnen des Nematodenleibs fallen, die characteristische Bedeutung
der Zahl drei für die Bauverhältnisse unserer Thiere besonders auffallend auf. Marion hat
sich auch hier wieder eines grossen Missgriffs schuldig gemacht: einmal kennt er nur zwei
dieser Drüsenschläuche und dann glaubt er in ihnen die Seitengefässe der parasitischen
Nematoden wiedergefunden zu haben. Die Schwanzdrüsen sind entweder auf den eigentlichen
Schwanz (den hinter dem After liegenden Theil des Körpers) beschränkt, oder erstrecken sich
über diesen mehr oder weniger weit nach vorn hinaus (Thoracostoma, Oncholaimus, Enoplus):
Nie habe ich jedoch gesehen, dass sie bis in die Gegend des Oesophagus reichen, wie dies
nach Marion vorkommen soll, Bei den von mir gesehenen Thieren waren sie wohl stets auf
das hintere Körperdrittheil beschränkt. Dass ihr Secret zum Ankleben dient, was schon Eberth,
Bastian und Schneider hervorhoben, stellt Marion in Abrede; ich, habe mich oft genug: von der
Richtigkeit der Beobachtungen der drei erstgenannten Forscher überzeugt.
Die Beschaffenheit der Ausführungsöffnung der Spinn- oder Schwanzdrüse ist ziemlich
verschieden und bietet Merkmale, die sich zur Charakteristik der Arten und Gattungen ver-
wenden lassen. Mehrfach zeigt sich hier ein ähnliches Verhalten, wie wir es an der Mund-
öffnung wahrgenommen haben. Es sind dann nämlich die tieferen und die höheren Schichten
der Cuticula von einander abgehoben (s. Fig. 35c, VII und 9d, II). Manchmal ist die Oeff-
nung zu einer Röhre ausgezogen, andremale wieder ganz flach,
6. Geschlechtsorgane.
A. Weibliche.
Ich habe mich mit dem Studium der Geschlechtsorgane nicht eingehend beschäftigt,
hauptsächlich aus dem Grunde, weil diese Organe bei, den Nematoden überhaupt verhältniss-
mässig recht. ‚gut gekannt sind und: die freilebenden Nematoden in. Hinsicht auf die Bauweise
derselben 'von den parasitischen kaum verschieden sind.
Als Entgegnung auf Marion’sche Angaben habe ich jedoch hier Einiges hervorzuheben.
Marion glaubt nämlich auch in: dem Bau der weiblichen Geschlechtsorgane einige Besonder-
heiten gefunden zu haben, welche die freilebenden Nematoden von den parasitischen unter-
- 22 —
scheiden sollen. So sollen einmal diese Organe bei den freilebenden Nematoden stets symmetrisch
paarig sein, das Gegentheil hiervon ist schon lange bekannt und durch Bastian vielfach nach-
gewiesen worden. Ferner sollen die Ovarien ‚stets umgeschlagen sein, d. h. nach der Vulva
zu gerichtet. Wenn dies nun auch bei paarigen weiblichen Geschlechtsorganen bei weitem der
häufigste Fall ist, so ist es doch nicht der ausschliessliche, es finden sich auch vollkommen
gestreckte weibliche Geschlechtsröhren ohne jede Umbiegung, so z. B. bei Linhomoeus Bast.
Bei den Beziehungen der paarigen und unpaarigen weiblichen Geschlechtsorgane müssen wir
jedoch noch einige Augenblicke verweilen. Schon in meiner ersten Arbeit habe ich darauf hin-
gewiesen, dass diese beiden Arten der Ausbildung der weiblichen Organe sich bei ganz nahe
verwandten Thieren, die entschieden in eine Gattung gehören, wiederfinden. Für diese Regel
haben sich dann nun auch noch weitere Bestätigungen finden lassen. So findet sich in der
Gattung Oncholaimus, die für gewöhnlich paarige weibliche Organe besitzt, eine Art mit un=
paarem Organ, ferner hat sich eine neue Art von Diplogaster gefunden, die gleichfalls ein
unpaares weibliches Geschlechtsorgan besitzt. Der umgekehrte Fall zeigte sich in der Gattung
Aphelenchus, der späterhin zu beschreibende Aphelenchus foetidus hat paarige weibliche Organe,
sämmtliche übrigen bis jetzt bekannten Arten dieser Gattung unpaare.
Eine höchst interessante Erscheinung zeigte sich bei einer neuen Art der Gattung
Linhomoeus Bast. Bei dieser finden sich nämlich dicht hintereinander zwei Vulven, die jeden-
falls in einen gemeinsamen Uterus führen. Möchte man hierbei auch gerne an eine Miss-
bildung denken, so bliebe diese Erscheinung doch auch in diesem Fall von ziemlicher Bedeutung, |
indem mir dadurch angezeigt erscheint, dass die weiblichen Geschlechtsorgane der Nematoden
in einem früheren Zustand wahrscheinlich durch gesonderte Oeffnungen nach Aussen mündeten.
An der Vulva sieht man häufig Drüschen in verschiedner Zahl und Beschaffenheit und
sowohl bei geringelten als ungeringelten Arten, nicht nur bei letzteren, wie Marion angibt. Ich
habe schon bei der Besprechung der Seitenlinien meine Ansicht in Betreff der Drüsen, die
Marion bei Thoracostoma an der Vulva beschreibt, geäussert. Die Musculatur der Scheide und
Vulva ist in früheren Arbeiten schon vielfach Gegenstand der Untersuchung gewesen, ich hebe
hier nur gegen Marion hervor, dass die radiären Muskeln um die Vulva keine Abzweigungen
der Leibesmusculatur sind und mache darauf aufmerksam, dass ich oben die Vermuthung aus-
gesprochen habe, dass dieser Forscher den Bauchstrang bei T’horacostoma für einen Muskel der
Vulva genommen hat.
Schliesslich noch die Bemerkung, dass unsere Thiere sowohl ovi- als vivipar sind, nicht
nur das erstere, wie Marion angibt.
_— 2133 —
B. Die männlichen Geschlechtsorgane.
Auch bei den nordischen Meeresnematoden "liess sich die von Eberth zuerst gemachte
Entdeckung wiederfinden, dass bei gewissen Arten der Hoden doppelt ist, wiewohl diese Er-
scheinung nicht grade häufig. vorkommt. Ein gutes Beispiel ist ausser dem von mir früher
beschriebenen Tiilobus des süssen Wassers, die Spilophora robusta Bast.
Besonders charakteristische Eigenthümlichkeiten der männlichen Geschlechtsorgane sah ich
weiter nicht.
Die Spermatozoen haben bei Anticoma limalis eine sehr charakteristische Gestalt
(Fig. 19d, IV). Die ovalen Körperchen sind nämlich hier in ein ziemlich ansehnliches Schwänz-
chen ausgezogen. Das dunkle Stäbchen in ihrem Kopf ist ohne Zweifel der metamorphosirte
Kern. Diese Formen haben dadurch ein besonderes Interesse, dass sie fast genau gewisse Ent-
wieklungsstufen der Samenkörper höherer Thiere wiedergeben. Die Spieuli finden sich bei den
Meeresnematoden stets in der Zweizahl, die hinter ihnen gewöhnlich vorhandenen accessorischen
Stücke dienen zur Leitung der Spiculi während deren Bewegungen. Sie haben zu diesem
Zweck gewöhnlich eine Rinne an ihrer Vorderseite und der an ihnen häufig vorhandene nach
hinten und unten sich erstreckende Fortsatz dient zur Befestigung besonderer Muskeln. Ich
wurde nicht recht klar darüber, ob die accessorischen Stücke mit in der Spiculitasche ein-
geschlossen sind.
Von den Organen, welche man gewöhnlich als vordere accessorische Stücke bezeichnet,
habe ich mich in meiner ersten Arbeit bemüht nachzuweisen, dass dieselben wenigstens bei
gewissen Arten die chitinisirten Oefinungen besonderer Drüschen seien. Bei den von mir
beobachteten Meeresnematoden habe ich diese Frage bis jetzt noch nicht eingehend verfolgt,
jedoch habe ich nichts gesehen, was bei ihnen einer gleichen Annahme widerspräche.
Eine Bursa scheint den Männchen der Meeresnematoden gewöhnlich zu fehlen, eine
schwache Andeutung einer solchen findet sich bei Symplocostoma vivipara Bast.
Was die Papillen des männlichen Schwanz-Endes betrifft, so wird hierüber in der Be-
schreibung der Gattungen und Arten das Beobachtete mitgetheilt werden,
B. Zur Systematik.
Obgleich wir nun schon von einer ziemlichen Zahl freilebender Nematoden Kenntniss
haben, so scheint es mir doch immer noch nicht gut möglich eine Unterabtheilung derselben
in grössere Gruppen zu versuchen. In meiner ersten Abhandlung habe ich versucht eine
Uebersicht über die wahrscheinlichen Verwandtschaftsverhältnisse der mir damals bekannten
Gattungen zu geben und glaube auch jetzt noch, dass diese Gruppirung derselben im Ganzen
eine ziemlich richtige war, Einzelnes ist mir jedoch erst späterhin klar geworden. Wie
oben schon bemerkt, finden sich paarige und unpaarige weibliche Geschlechtsorgane bei sehr
nahestehenden Thieren. Diese Eigenthümlichkeit wurde mir in ihrer weiteren Verbreitung
erst durch längere Forschungen auf diesem Gebiet ganz klar; nachdem dieselbe jedoch sicher
nachgewiesen ist, muss es sehr bedenklich erscheinen noch Gattungen unterscheiden zu wollen
hauptsächlich nach der Art der Ausbildung ihrer weiblichen Geschlechtsorgane. So sind z. B!
die beiden Gattungen Plectus und Cephalobus Bast. einander höchst nahe verwandt und unterscheiden
sich hauptsächlich nur durch die erwähnte Verschiedenheit in der Ausbildung der weiblichen
Organe. Ebenso habe ich schon früher auf die nahe Verwandtschaft der Anguillula aceti
(Leptodera oxophila Schn.) mit der Gattung Cephalobus aufmerksam gemacht, so dass es nun
vielleicht am gerathensten erscheinen möchte, diese drei Gattungen zu einer gemeinsamen zu
vereinigen, für welche sich der Name Angwillula als der älteste empfehlen möchte.
So sind mir fernerhin, wie ich dies auch schon früherhin aussprach, über die Umgrenzung
der Bastian’schen Gattung Monhystera Zweifel aufgetaucht, die zu lösen nicht so leicht erscheint.
Bastian hat derselben eine ungeringelte Cuticula und einseitige weibliche Geschlechtsröhre ver-
liehen. Von dem ersten dieser Punkte habe ich schon früher dargelegt, dass er unhaltbar
scheint, jetzt muss auch der zweite aus den wesentlichen Gattungscharakteren gestrichen werden
und der beschreibende Theil dieser Arbeit wird hierfür die nöthigen Beispiele liefern.
In Betreff der Verwandtschaftsverhältnisse. einzelner Gattungen zu einander hat sich im
Laufe der Zeit auch einiges Weitere ergeben, so liess sich z. B. nachweisen, dass die eigen-
thümliche Gattung Diplogaster ein sehr naher Verwandter von Rhabditis ist, indem man
Formen findet, von welchen sich nur mit Mühe entscheiden lässt, ob sie dem einen oder dem
andern Geschlecht angehören.
— 25 —
0. Beschreibung der Genera und Arten.
Landbewohner.
I. Dorylaimus. Dujard., Hist. natur. des helm. p. 230. Bastian, Monogr. p. 104.
Gattungscharaktere: Ziemlich langgestreckte Thiere, meist mit sehr allmälig sich verjüngendem Kopf-
ende; Schwanzende verschieden geformt. Ringelung fehlt der starken Cuticula. Um die Mundöffnung 10 Papillen.
Keine Borsten. Kleine becher- oder röhrenförmige Mundhöhle, in die sich ein hohler Stachel als Fortsetzung.
des Chitinrohrs des Oesophagus erstreckt. Hinteres Drittheil des Oesophagus mehr oder weniger verdickt.
Polymyarier. Seitenlinien breit. Ventraldrüse, Seitengefässe und Schwanzdrüsen fehlen. Spieuli ansehnlich
Accessorische Stücke? Eine mediane Papillenreihe beim ‘%o zuweilen vor dem After.
Zur Kenntniss dieser artenreichen und leicht unterscheidbaren Gattung kann ich einen
kleinen Beitrag liefern durch die Beschreibung einer neuen Art, welche sämmtliche bis jetzt
bekannten Arten an Grösse übertrifft.
1. Dorylaimus maximus n. sp. (Taf. I, Fig. 1a—-c).
Das Kopfende sehr allmälig nach vorn sich verschmälernd, Mundränder sehr deutlich
durch-eine ringförmige Einschnürung der Cuticula abgesetzt. 10 Papillen in der gewöhnlichen
Anordnung um den Mund. Schwanzende sehr kurz stumpf abgerundet, ähnlich wie bei
Dorylaimus obtusicaudatus Bast. und papillatus Bast.
Massverhältnisse eines noch nicht geschlechtsreifen weiblichen Thieres:
Gesammtlänge 11,5 mm.
Oesophagus !ıs (0,78 mm.)
Schwanz Yıao (0,08 mm.)
Grösste Breite 0,096 mm.
Die Vulva liegt etwas vor der Körpermitte. Es sind hauptsächlich die eigenthümlichen
der Gesammtlänge.
Grössenverhältnisse, welche diese Art, die ich bis jetzt leider nur in einem Exemplar sah,
charakterisiren. Von dem Grube’schen Doryl. linea*), der unsere Art vielleicht noch an Grösse
übertrifft, unterscheidet sie sich durch die ausnehmende Kürze des Schwanzes und dessen
stumpfe Gestalt, sowie ihren Aufenthalt in der Erde.
Da ich diese Art nicht -in mehreren Exemplaren studiren konnte, so lege ich keinen
besonderen Werth auf die Besonderheiten, die ich weiter noch beobachtete, will dieselben jedoch
hier kurz erwähnen.
!) Wiegmann’s Arch. f. Naturgesch. 1849, pag. 367.
— 2156 —
Die Cuticula ist sehr dick und lässt deutlich drei Schichten unterscheiden, zwei dunkler
erscheinende äussere und eine sehr helle innere. Letztere zeigte längs der Bauchseite ein
eigenthümliches An- und Abschwellen, wodurch eine optische Erscheinung hervorgerufen wird,
die sich darin äussert, dass in der Gegend: der Anschwellungen dieser hellen Innenschicht helle
Ringe über die Bauchseite des Thieres hinziehen. Die Hautpapillen stehen lateral und durch-
setzen die innere helle Schicht der Cuticula breit, die beiden äussern hingegen in Gestalt sehr
feiner Fäden. Die Seitenlinien sind ansehnlich breit (Fig. 15, 1I) und deutlich zellig, längs
ihrer Mittellinie sieht man eine Reihe grösserer Zellen (oder Kerne?). Nach vorn lässt sich
die Seitenlinie nicht bis zum Kopfende verfolgen, sondern endet etwa am Beginn des zweiten
Drittheils des Oesophagus. Medianlinien finden sich entschieden nicht. Um die Vulva finden
sich eine ziemliche Anzahl einzelliger Drüschen (Fig. lc). Die weiblichen Geschlechtsorgane
zeigen denselben Bau, wie die der übrigen Arten.
Es war mir nicht möglich darüber ganz klar zu werden, ob sich hinter dem Kreis der
10 Papillen auf den Mundrändern noch ein zweiter Papillenkreis finde.
2. Dorylaimus longicaudatus n. sp.
Auf diese Art erlaube ich mir hier nur hinzuweisen, da ich nicht im Stande bin, dieselbe
in ihren Eigenthümlichkeiten genau zu beschreiben. Sie zeichnet sich durch die bedeutende
Länge ihres haarfein auslaufenden Schwanzes aus. Da ich von ihr nur unreife Thiere sah, so
bin ich über ihre Gesammtlänge ungewiss, jedoch scheint dieselbe nicht unbeträchtlich zu sein,
da ein Thier von 2,9 mm. noch keine weitere Entwicklung seiner bohnenförmigen Geschlechts-
anlage zeigte. Die Länge des Schwanzes betrug bei demselben 0,78 mm. (%—!ı der Körper-
länge). Der Oesophagus maass !5 der Körperlänge. Die übrigen Charaktere waren sämmtlich
wenig verschieden von denen der übrigen Arten dieser Gattung.
Das Thier fand sich mit der vorhergehenden Art in derselben Gartenerde.
U. Aphelenchus. DBast., Monographie, pag. 121.
Aphelenchus foetidus n. sp. (Taf. I, Fig. 5a—b, Taf. II, Fig. 5c.)
Mundpapillen sehr deutlich (6?). Mundstachel ansehnlich. Zwei gut entwickelte Bulb
des ÖOesophagus, der vordere mit stark verdickter Chitinintima. Seitengefäss paarig. Weibliche
Geschlechtsorgane symmetrisch paarig. Männchen ohne Bursa, mit zwei seitlichen und einer
medianen Papillenreihe in der Aftergegend.
Maasse des 2: Gesammtlänge 0,9— 1,0 mm.
Oesophagus. . . !r—!le
Schwanz etwas mehr als Y, den: Gesamtlänge,
Grösste Breite 0,03 ınm.
= N. =
Vulva etwas vor der Körpermitte.
Fundort: in Kuhmist.
Diese eigenthümliche Art weicht von den beiden von Bastian begründeten Gattungen
Tylenchus und Aphelenchus der freilebenden Nematoden, die mit einem soliden Stachel in der
Mundhöhle ausgestattet sind, ab. Von der Gattung Tylenchus unterscheidet sie sich haupt-
sächlieh durch das Fehlen der Bursa am männlichen Schwanz; von der Gattung Aphelenchus
durch das Vorhandensein des hinteren Bulbus des Oesophagus, der bei dieser Gattung sonst
verkümmert ist. Von beiden Geschlechtern ist sie fernerhin unterschieden durch die sehr
deutliche Ausprägung der männlichen Schwanzpapillen; bei Zylenchus scheinen dieselben gänz-
lich zu fehlen, während ich bei den eigentlichen Aphelenchen früherhin nur einige in einer
ınedianen Reihe stehende Papillen beobachtet habe.
Die Abwesenheit der Bursa und das Vorhandensein deutlicher Papillen am männlichen
Schwanz bestimmen mich unser Thier der Gattung Aphelenchus zuzurechnen, deren Charaktere
demnach entsprechend verändert werden müssen.
Die Papillen an der Mundöffnung sind hier deutlicher als bei irgend einer anderen Art
der Gattungen Tylenchus und Aphelenchus, wahrscheinlich sind deren sechs vorhanden. Der
vordere Bulbus des Oesophagus ist deutlich fibrillär und kuglig, der hintere hingegen scheint
sich aus wenigen grossen Zellen aufzubauen. Um den Oesophagus finden sich reichlich Gang-
lienzellen und dicht hinter dem vorderen Bulbus der Nervenring, in derselben Lage, die er
z. B. auch bei Rhabditis und Diplogaster besitzt, wodurch es mir, wenn ich die Ueberein-
stimmung des Baues des Oesophagus in diesen drei Gattungen in Betracht ziehe, ziemlich
wahrscheinlich wird, dass sich auch zwischen Zylenchus und Rhabditis eine nähere Verwandt-
schaft herausstellen wird, wie dies in ähnlicher Weise für jene letztere Gattung und Diplogaster
gelungen ist. Auch durch die Beschaffenheit des männlichen Schwanzendes nähert sich diese
Art den eigentlichen Rhabditiden, indem sie nämlich seitliche Papillreihen besitzt, wie jene.
Wir finden beim Männchen am Hinterende den Seitenlinien genähert je drei Papillen, eine
vor, eine zweite etwa in derselben Entfernung hinter dem After und eine dritte am Beginn
des sehr verschmälerten Schwanzendes (Fig. 55, D. In gleicher Höhe mit jener letzten Papille
stehen in der Bauchlinie des Schwanzes vier zarte Papillchen dicht zusammengedrängt; in
einiger Entfernung vor dem After stehen zwei grosse Papillen dicht zusammen in der Bauch-
linie (Fig. 5e, I). Die Spieuli sind gross und elegant geschwungen, ein verhältnissmässig
schwach entwickeltes accessorisches Stück von eigenthümlicher Gestalt liegt hinter ihnen
(s. Fig. Be).
Abhandl. d. Senekenb. naturf. Ges. Bd. IX. 33
— 28 —
Die Ovarien, sowie das blinde Ende des Hodens sind umgeschlagen.
Eigenthümlich ist die Längsstreifung der Outicula (s. Fig. 55), die sich ganz in derselben
.
Weise wie bei Diplogaster zeigt; hie und da glaubte ich an den einzelnen Längsstreifen wieder
eine feine Querstreifung zu sehen.
Diplogaster M. Schultze. (V. Carus, Icones zootomicae. Taf. VIII, 1). Bastian,
Monogr., pag. 116. .
Gattungscharaktere. Körper langgestreckt, das Hinterende gewöhnlich sehr verschmälert und fein
zugespitzt. Cuticula geringelt, jedoch auch mehr oder weniger deutlich längsgestreift. Um den Mund sechs
Papillen mit kurzen Börstchen, ähnlich wie bei Rhabditis. Mundhöhle weit und gewöhnlich recht tief mit
stark chitinisirten Wandungen. Ein grosser beweglicher Zahn vom Boden derselben aufsteigend, oder ein
ähnlicher begleitet von zwei kleinen, oder es sind drei kleine Zähne vorhanden. Oesophagus mit zwei deut-
lichen Bulbi, nur der vordere Abschnitt mit Einschluss des vordern Bulbus fibrillär, der hintere Bulbus stets
ohne Klappenapparat. Gefässystem unpaar oder paarig (?). Weibliche Geschlechtsorgane paarig oder unpaar.
Spieuli doppelt, accessorisches Stück einfach. Einige haarförmige Papillen hinter dem After beim Männchen,
ohne regelmässige Anordnung, wie es scheint. Schwanzdrüse fehlt.) Seitenorgane (Halspapillen) gleichfalls.
1. Diplogaster inermis n. sp. (Taf. I, Fig. 3).
Diese Art zeichnet sich im Gegensatz zu den übrigen durch die geringe Tiefe der Mundhöhle
aus; dieselbe trägt am Boden zwei (vielleicht jedoch auch drei) schwache Zähnchen. Wenn diese
Zähnchen ganz hinwegfielen, so wäre die Mundhöhle der vieler Rhabditiden vollständig ähnlich,
wie ja auch der übrige Bau sich an den der letztgenannten Gattung sehr innig anschliesst. Die
Gesammtlänge unseres Thierchens ist nicht beträchtlich, sie beträgt etwa !’» mm., der Oesophagus
erreicht 1/s—!/s, der sehr fein zugespitzte Schwanz hingegen nur Ys-—!/ der Gesammtlänge,
Bei der Untersuchung des Nervenrings dieser Art schien mir eine Verbindung der vielen
Zellen um den hinteren Theil des Oesophagus mit den Fasern des Ringes deutlich zu werden.
Fundort: An den Wurzeln von durch Insektenlarven angefressnem Knoblauch.
2. Diplogaster filicaudatus n. sp. (Fig. 4, Taf. I).
Kopfende sehr wenig verschmälert, die äusserste Kopfspitze erscheint deshalb recht breit;
Schwanz sehr lang, nicht viel weniger als 's der Körperlänge und sich sehr allmälig bis zum
Verschwinden zuspitzend. Mundhöhle ansehnlich tief mit einem grossen beweglichen Zahn und
zwei kleinen, die sich kaum über den Boden der Höhle erheben.
Gesammtlänge des @ 0,9--1,0 mm.
Oesophagus !/s — !r RR 3
a 1a ie der Körperlänge.
Grösste Breite 0,03 mm.
!) Bastian gibt sowohl das Vorhandensein der Schwanzdrüse als der Seitenorgane an.
— 2539 —
Männchen nicht gesehen.
Die Vulva liegt etwas vor der Mitte des Körpers; die umgeschlagnen Ovarien erstrecken
sich soweit wieder zurück, dass sie sich kreuzen, Die Production der Eier scheint sehr
allmälig zu geschehen, da ich stets nur ein Ei im Uterus fand. Darm stark körnig und braun.
Fundort: im Kuhmist.
3. Diplogaster monhysteroides n. Sp.
Steht der vorhergehenden Art sehr nahe, unterscheidet sich von ihr jedoch durch die
einseitige weibliche Geschlechtsröhre. Das Vorderende des Thieres ist mehr zugespitzt als bei
der vorhergehenden Art und, die Mundhöhle enger; die Vulva liegt in der Mitte der Körper-
länge, das weibliche Geschlechtsorgan erstreckt sich nach vorn, das Ovarium ist umgeschlagen.
Ein hinterer Ast des Uterus reicht nahe bis zum After. Der Schwanz erreicht wie bei der
vorherigen Art nahe die Hälfte der Körperlänge und läuft haarfein aus.
Maase eines 9. Gesammtlänge 0,79 mm.
Oesophagus
der Gesammtlänge.
Schwanz nahe "je .
Breite 0,03 mm.
Männchen nicht gesehen.
Fundort: Fand sich mit der vorhergehenden Art in Kuhmist.
Ich schliesse hier an die Aufzählung der von mir neuerdings gefundenen Nematoden, die
ihren Aufenthalt in der Erde oder faulenden Substanzen haben, die Beschreibung einer kleinen
Nematodenlarve an, die ich im Verein mit den beiden soeben beschriebenen Diplogasterarten
sehr häufig in Kuhmist fand.
Dieses Thierchen (s. Fig. 2, Taf. I) erreichte in dem Stadium, in welchem ich es auffand, nur
die geringe Länge von 0,4 mm., wovon auf den Schwanz nicht weniger als 0,09 mm. kommen. Das-
selbe ist so charakteristisch gebaut, dass seine Wiedererkennung keine Schwierigkeiten haben kann.
Einmal zeichnet sich seine Cuticula durch einen Ueberzug von feinen rückwärts gerichteten
Stacheln oder Häkchen aus, die in gedrängten Ringen um den Leib unseres Thieres herum-
stehen (s. Fig. 2 und 2a). Diese Beschaffenheit macht die Erkennung des inneren Baues
unsres Thiers nicht grade leicht. Eine ähnliche Beschaffenheit der Chitinhaut des Körpers findet
sich bei parasitischen Nematoden mehrfach, so bei Filaria radula Schnd. (wahrscheinlich identisch
mit Cheiracanthus robustus Dies.) und bei Filaria denticulata, sehr viel Aehnlichkeit in Betreff der
Bestachelung scheint auch der Zecanocephalus spinulosus Dies. mit unserem Thierchen zu haben.
— 260 —
Der Oesophagus zeigt die allgemeinen Bauverhältnisse der Rhabditiden, es findet sich an
ihm ein, wenngleich nur schwach entwickelter vorderer und ein hinterer Bulbus mit deutlichem
Klappenapparat. Ueber die Beschaffenheit des Mundendes wurde ich nicht ganz klar und ver-
weise deshalb auf die Abbildung; es schien mir manchmal als fände sich ein stachelartiges
Gebilde im Vordertheil des Oesophagus. Der Darm ist stark körnig und läuft gestreckt durch
die Leibeshöhle. Hinter dem vorderen Bulbus sieht man schon den fasrigen Nervenring deut-
lich. Etwas vor dem hinteren Bulbus scheint sich die Andeutung. des Porus eseretorius zu
finden. Das Eigenthümlichste an unserem Thier sind aber zwei lange Drüsenschläuche, die
vom Mundende ab jederseits in der Leibeshöhle hinablaufen, bis sie in einiger Entfernung vor
dem After blind endigen. Die Anlage der Geschlechtsorgane sah ich als eine langgestreckte
Zellenmasse ungefähr in der Mitte des Leibs. Am fein zugespitzten Schwanz sieht man in der
Mitte jederseits ein dunkles Strichelchen, vielleicht zwei Papillen bedeutend, wie sie sich am
Schwanz der Rhabditiden gewöhnlich finden.
Obgleich diese Thierchen in dem untersuchten Kuhmist von sämmtlichen darin vorhandnen
Nematoden sich am reichlichsten fanden, so kam mir doch nie eine weitere Entwicklungs-
stufe derselben zu Gesicht. Es kann daher kaum fraglich-sein, dass wir es hier mit der Larve
eines parasitischen Nematoden zu thun haben.
Welchem parasitischen Nematoden diese rhabditisförmige Larve jedoch angehört, dürfte
sich bis jetzt noch nicht mit einiger Sicherheit entscheiden lassen.
Meeresbewohner.
Monhystera. Bast. Monogr. pag. 97.
Tachyhodites. Bast. Monogr. pag. 155.
Theristus. Bast. Monogr. pag. 156.
Gattungscharaktere: Langgestreckte bis sehr lange Thiere; beide Körperenden sehr verschmälert,
meist sehr allmählig. Cuticula geringelt oder glatt von unbeträchtlicher Dicke. Mundhöhle nur schwach
entwickelt, nach hinten sich gewöhnlich etwas erweiternd; der vordere Theil des Chitinrohrs des Oesophagus ist
gewöhnlich etwas trichterförmig erweitert und bildet eine Fortsetzung der Mundhöhle. Mund gewöhnlich von
vier, sechs oder zehn Borsten umstellt, von welchen die submedianen am constantesten sind. Innerhalb dieses
Borstenkranzes manchmal noch kurze Borstenpapillchen um die Mundöffnung. Zuweilen Andeutung von Lippen.
Stets kreisförmige Seitenorgane an den Seiten des Halses, gewöhnlich ohne centralen Fleck. Ocellen hie
und da vorhanden. Meist Borsten über den gesammten Körper zerstreut, gewöhnlich in den Submedian-
linien stehend. Oesophagus nach Hinten stets sehr allmälig anschwellend, ohne Bulbus und deutlich,
a
jedoch schwach fibrillär. Zwischen dem Hinterende des Oesorhagus und dem Darm häufig eine Anzahl (wahr-
scheinlich drüsiger) Zellen. Darm gewöhnlich nur aus wenigen Zellen im Umfang gebildet. Ventraldrüse
scheint meist zu fehlen. Schwanzdrüse stets vorhanden aus drei grossen einzelligen Drüsen bestehend,
immer auf den eigentlichen Schwanz beschränkt. Ihr Ausführungsgang meist röhrenförmig verlängert. Weib-
liche Geschlechtsorgane am häufigsten unpaar und die Vulva dann hinter der Körpermitte, jedoch finden
sich auch symmetrisch paarige weibliche Organe. Spiculi doppelt, meist mehr oder weniger schlank gekrümmt.
Accessorisches Stück einfach, häufig mit einem schief nach hinten gerichteten Fortsatz. Besondere
Papillen scheinen dem männlichen Schwanzende stets zu fehlen.
Ich vereinige hier mit der Gattung Monhystera Bastian’s zwei weitere Geschlechter des-
selben Forschers, die derselbe auf eine verhältnissmässig kleine Zahl von Meerösnematoden
gründete. Es mag in letzterem Umstand für ihn vielleicht ein besonderer Grund gelegen
haben, dieselben von Monhystera zu scheiden, da er überhaupt die Meeresformen von den
Süsswasserformen sehr scharf trennt. Dem Umstand, dass die beiden Gattungen Tachyhodites
und Theristus Ringelung zeigen, während die Monhysteren des süssen Wassers und des Landes
häufig ungeringelt sind, dürfte wohl keine zu grosse Tragweite zuzuschreiben sein. Fernerhin
sollen sich die Männchen der beiden erstgenannten Geschlechter noch dadurch von denen des
letzteren unterscheiden, dass sie zwei accessorische Stücke besitzen. Die Entscheidung der Paarig-
keit oder Einfachheit der accessorischen Stücke ist jedoch häufig recht schwer, so dass hier leicht
ein Irrthum eintreten kann und dann sind häufig die beiden accessorischen Stücke theilweis ver-
wachsen wo dann die Entscheidung über diese Frage noch schwieriger wird. Ich kann deshalb
der aus der Uebereinstimmung des gesammten sonstigen Baues sich ergebenden sehr nahen Ver-
wandtschaft der Angehörigen dieser drei Gattungen nur dadurch ‚ihre richtige Würdigung zu-
kommen lassen, dass ich dieselben vereinige und hiezu den Namen wähle, unter welchem die
hierhergehörigen Thiere auch in meiner ersten Arbeit beschrieben worden sind.
Bastian hat in seiner Gattung Monhystera vorläufig auch zwei Meeresnematoden unter-
gebracht, von welchen er glaubt, dass dieselben bei genauerer Kenntniss wohl zu einer beson-
“deren Gattung erhoben würden. Es sind dies M. ambigua und M. disjumeta, die beide nur
in männlichen Formen beobachtet worden sein sollen. Letztere Art ist nun ohne Zweifel ein
in diese Gattung gehöriges Männchen, das von der ersteren hingegen beschriebene Männchen
soll keine Spieuli besitzen und sein Hoden eine kurze Strecke vor dem After ausmünden; es dürfte
wohl wenig Zweifel unterliegen, dass Bastian hier ein Weibchen für ein Männchen genommen
hat, da sich ja der FaH nicht selten findet, dass die Vulva bis fast zum After zurückgerückt ist.
In unserer Gattung Monhystera ist die Unsymmetrie der weiblichen Geschlechtsorgane
fast zur Regel geworden, ich kenne bis jetzt nur eine hierher gehörige Art mit paarigen weib-
lichen Geschlechtswerkzeugen.
—_ 22 —
1. Monhystera elongata n. sp. (Fig. 9a—d, Taf. I).
Auffallend durch ihre sehr bedeutende Länge bei ziemlich gleichem Körperdurchmesser in
fast der gesammten Körperlänge. Beide Körperenden ziemlich gleichmässig und verhältniss-
mässig wenig verschmälert. Kopf mit vier ziemlich langen Borsten in den Submedianlinien;
in denselben Regionen stehen mässig lange Börstchen über den gesammten Leib hin, Ringelung
sehr deutlich. Weibliche Geschlechtstheile symmetrisch paarig. ‚Die gelblichen Spieuli nicht
sehr gross mit kurzer hakenförmig umgebogener Spitze. Accessorisches Stück mit ansehnlichem
hinterem Foftsatz zur Anheftung von Muskelfasern.
Maasse eines Z': Oesophagus. . . 0,156 mm.
Schwanz. . . .. 0,215 mm.
Breiter 2 zu 003mm
Gesammtlänge etwa 3 mm.
Die eigenthümlich schlangenförmige, langgestreckte Gestalt macht dieses Thier sehr kennt-
lich; wie eine Schlange rollt es sich auch bei irgend welcher Reizung gleich zu einem Knäuel
auf und dies erschwert seine Untersuchung sehr. -Seiten- und Medianlinien vorhanden, die
ersteren ansehnlich breit und mit vielen körnigen Kernen ausgestattet. Eine Ventraldrüse
scheint vorhanden zu sein und dicht hinter der Kopfspitze auszumünden.
Fundort: In feinem Sand der Strandzone der Kieler Bucht häufig, kommt jedoch auch
in der Nordsee vor, da ich es zu Arendal an der Südküste Norwegens unter ähnlichen Ver-
hältnissen mehrfach auffand.
2. Monhystera velox Bast. (?) (Taf. II, Fig. 6a—b).
Theristus velow Bast. (Monogr. S. 156, Taf. 13, 189-191).
Körper mässig lang gestreckt, beide Enden, vorzüglich aber das Schwanzende verschmälert.
Cuticula sehr fein geringelt. Seitenorgan sehr hell. Um den Mund 10 ziemlich grosse, un-
gefähr unter 45° nach vorn gerichtete Borsten.
Ein Kreis von sechs kurzen haarförmigen Papillen unmittelbar um die Mundöffnung. In
den Submedianlinien stehen sehr zarte Börstchen über den gesammten Körper hin. .Das
hinterste Ende des Oesophagus von dem vorhergehenden Theil etwas abgesetzt und sein
Chitinrohr spaltartig erweitert. Darm stark körnig, aus zwei bis drei Zellenreihen zusammen-
gesetzt, gelb bis braun. Weibliche Geschlechtsorgane'„unpaar; an der Vulva einige körnige
Drüschen. Spiculi mässig gebogen, das oberste Ende derselben etwas knopfförmig erweitert.
Das accessorische Stück besitzt etwa die halbe Länge der Spieuli und keinen hinteren Fortsatz,
— 263 -—
ES blieb mir einigermaassen fraglich, ob ich die hier beschriebenen Thiere mit der von
Bastian nach einem weiblichen Exemplar geschaffnen Art Theristus velox für identisch halten
sollte, jedoch glaube ich dies wegen der Uebereinstimmung der Maasse und der allgemeinen
Bauweise versuchen zu dürfen.
Maasse des @. Gesammtlänge 1,4 mm.
OBsophagush Tee ee |
Schwanzsr as RT ee er Rt der Gesammtlänge.
Entfernung der Vulva von der Schwanzspitze 1%
GrössterBreite m, 7 Pr 7 a 00 Zn:
Das Männchen scheint etwas grössere Dimensionen zu erreichen, ich mass ein solches von
1,67 mm. Gesammtlänge.
Neben der grossen Borste in den Seitenlinien am Kopf sah ich mehrfach noch eine kleine
stehen. Die Seitenlinien erreichen !Js der Körperbreite, sind stark körnig und wenigstens am
Schwanz aus grossen Zellen zusammengesetzt. Die Entwicklung der ungefähr 0,036 mm.
langen Eier beginnt schon im Uterus.
Fundort: Strandzone der Kieler Bucht, sowohl im Sande als auch an Algen.
Ich fand mehrmals ein Thier, welches der soeben beschriebnen Art höchst ähnlich sieht
und dennoch specifisch verschieden von ihr zu sein scheint. Der Bau desselben ist nämlich
fast vollständig übereinstimmend mit dem der Monh. velox, nur unterscheidet es sich von
letzterer durch viel bedeutendere Länge und ein damit in Zusammenhang stehendes viel
schlankeres Aussehen. Ich sah nur Weibchen, die ungefähr 2,5—2,7 mm. lang waren. Der
Oesophagus maass etwa !/s, der Schwanz Yo —'% der Gesammtlänge; die Vulva lag sichtlich
weiter nach hinten als bei Monhystera velox, nahe am Beginn des hinteren Viertels des
Körpers. Eine neue Art zu begründen scheint mir bis jetzt noch nicht gerathen. Die Thiere
fanden sich an einem abgestorbenen Polypenstock aus dem Kieler Hafen.
3. Monhystera ambiguoides n. sp. (?) (Fig. Ta—b Taf.)
Körper mässig langgestreckt, beide Enden allmälig verschmälert. Cuticula anscheinend
ungeringelt. Am Kopf deutlich sechs kurze zarte Börstchen, sonst kein Börstchen am Körper
beobachtet. Um die Mundöffnung selbst scheinen schwach entwickelte Papillen zu stehen.
Mundhöhle sehr unbedeutend. Oesophagus ohne hintere Anschwellung oder Absatz. Darm
zweireihig, stark körnig und gelb. Weibliche Geschlechtsorgane einseitig; Vulva sehr weit
nach hinten. Ventraldrüse mündet auf gleicher Höhe mit dem Seitenorgan. Schwanzdrüse
deutlich dreizellig, ihre Mündung etwas zugespitzt. Ovipar.
_ 264 —
Maasse des Q Gesammtlänge 1 mm.
Desopbagusent SIR ‚Nannaasn. udn aT
Schwanzesit: Seukregeld]37 sep, magew “lo ben Gesammtlänge.
| Entfernung der Vulva von der Schwanzspitze "/s
| Grösste Breite 0,03—-0,035 mm.
Wenn die Maassverhältnisse der Bastian’schen Monhystera ambigua nicht etwas andere
wären als die unseres Thieres, so hätte ich nicht gezögert, in dem vermeintlichen Männchen
Bastian’s das von mir eben beschriebene weibliche Thier wiederzuerkennen.
1 In der Oesophagusmitte deutlicher Nervenring.
Ovar nicht umgeschlagen, reicht nur bis zum hinteren Ende des ersten Körperdrittels.
Ventraldrüse mit geschlängeltem Ausführungsgang, der an seinem Hinterende in eine (oder 2?)
grosse Drüsenzellen ausläuft.
Fundort: Strandzone der Kieler Bucht an Algen.
4. Monhystera socialis n. sp. (Fig. 8«—d Taf. II).
Beide Körperenden mässig verjüngt, vorzüglich das hintere. Mund mit Andeutung von
| 6 schwachen Lippen, von welchen jede ein sehr kurzes, jedoch recht deutliches Börstchen trägt.
| Die kleine Mundhöhle ist eigenthümlich becherförmig gestaltet, von der bei dieser Gattung ge-
| | wöhnlichen Form etwas abweichend. Cuticula glatt. Körper ohne Borsten. Seitenorgane ver-
hältnissmässig klein und dicht hinter der Kopfspitze stehend. Schwanzdrüse deutlich dreizellig,
ihre Mündung ein wenig zugespitzt. Ventraldrüse? Weibliche Geschlechtsorgane unpaar; Vulva
dicht vor dem After. Spiculi ziemlich lang und schmal, gleichmässig gekrümmt; accessorisches
Stück klein mit schwachem hinterem Fortsatz. Vivipar.
Maasse des @ Gesammtlänge 1,9—2,2 mm.
1 lg
Oesophagus p—
Sehwaiz ji 2ER u DEE, 8 Rn, der Gesammtlänge.
Entfernung der Vulva von der Schwanzspitze 19
Seitenorgan von der Kopfspitze 0,015 mm.
Der Schwanz des .S erreicht nur etwa !ıı der Gesammtlänge.
Die Seitenlinien erreichen in der Körpermitte mehr als die Hälfte der Körperbreite und
sind nur schwachkörnig. Eine gewisse Strecke weit liegen in der Bauchlinie vor der Vulva
| zwei Reihen grosser gekernter Zellen, die eine nur theilweis entwickelte Bauchlinie darzustellen
scheinen (s. Fig. 8c).
Am Hinterende des Oesophagus einige Zellen (Fig. 8a).
ee
Der Nervenring liegt beim © weit nach hinten, beim .S etwa in der Mitte des
Oesophagus.
Fundort: Diese Art findet sich ganz ungemein häufig in dem sogenannten kleinen Kiel,
einem brackisches Wasser enthaltenden Bassin in der Stadt Kiel.
Hier leben diese Thiere hauptsächlich zwischen Oscillarienmassen, die in der Sommerzeit
in diesem sehr stark fauligen Gewässer aufsteigen. Bringt man solche Klumpen mit Wasser
in ein Glasgefäss, so sieht man eine Unmasse unserer Thiere häufig wie Spinnweben zwischen
den einzelnen Klumpen und an den Wänden des Gefässes hinziehen; andere ballen sich zu
Klumpen zusammen, in welchen sich viele Hunderte der Thierchen umeinander herumwinden.
Diese Gewohnheit, sich zu Knäueln zusammenzuballen, haben übrigens eine ganze Anzahl der
freilebenden Nematoden und man sieht diese Erscheinung gewöhnlich stattfinden, wenn man
eine grössere Anzahl derselben in eine verhältnissmässig kleine Wassermenge bringt.
5. Monhystera ocellata n. sp. (Fig. 10a—Db Taf. I. und Fig. 10c Taf. VI).
Sehr langgestreckt. Vorderende verhältnissmässig wenig, der Schwanz hingegen in einiger
Entfernung hinter dem After plötzlich sehr verschmälert und in einen schmalen, sehr langen
und fein zugespizten Endtheil auslaufend. Cuticula fein geringelt (2). Um den Mund einige
feine Börstchen beim @ gesehen. Mundhöhle wie gewöhnlich. Seitenorgane verhältnissmässig
gross; in geringer Entfernung hinter denselben zwei kleine rothe Ocelli auf der Rückseite des
Oesophagus. Körper fast borstenfrei, nur am Schwanz des Q liessen sich einige sehr feine
Börstchen bemerken. Darm zweireihig, ‘gelblich und ziemlich körnig. Weibliche Geschlechts-
organe -unpaar. Spiculi gleichmässig gebogen mit oberer knopfförmiger Anschwellung, accessori-
sches Stück nur kurz mit ansehnlichem hinterem Fortsatz. Vor dem After des Ö' eine, hinter
demselben drei kurze Borstenpapillen.
Maasse eines noch nicht ganz reifen 9:
Gesammtlänge 0,7 mm.
Oesophagus . . 1%
| i &
N der Gesammtlänge.
1
Schwanz . 0 a
Vulva nur wenig hinter der Körpermitte.
Grösste Breite 0,02 mm.
Fundort: Strandzone der Kieler Bucht.
6. Monhystera setosa n. sp. (Fig. 11a Taf. V. und 11 Taf.)
Verhältnissmässig langgestreckter Körper; beide Enden, vorzüglich jedoch das Schwanzende
verschmälert. Cuticula mässig dick und ziemlich scharf geringelt. Verhältnissmässig sehr an-
Abhandl. d. Senckenb. naturf. Ges. Bd. IX. 34
—_ 266 —
sehnliche Borsten über den gesammten Körper zerstreut, sowohl in den Submedian- als auch den
Medianlinien. Um den Mund zwölf Borsten paarweise gestellt, je eine grosse und eine etwas
kleinere zu einem Paar vereinigt. An der Schwanzspitze zwei ziemlich ansehnliche nach hinten
gerichtete Borsten. Unmittelbar um die Mundöffnung noch einige zarte Borstenpapillen. Mund-
höhle mässig entwiekelt. Oesophagus nach hinten sich nur sehr wenig verdickend. Darm ge-
wöhnlich tief braun. Schwanzdrüse drei grosse Zellen von vielen kleinen umhüllt. Weibliche
Geschlechtsorgane unpaar, Ovarium nicht umgeschlagen, reicht bis zum Oesophagus hinauf.
Körniges Drüschen hinter der Vulva. Spiculi fast im rechten Winkel umgebogen. Accessorisches
Stück mässig gross, mit: kolbenförmigem kurzem oder, wie es scheint, zuweilen auch längerem
gestrecktem hinterem Fortsatz.
Maasse des ©: Gesammtlänge 1,7—2 mm.
Oesophagus . !k—Ys |
Schwanz . . %-!h J
Grösste Breite 0,07 mm.
» der Gesammtlänge.
Entfernung der Vulva von der Schwanzspitze. etwas mehr als !/; der Körperlänge.
Masse des g: Gesammtlänge 1,5 mm.
N N 1
Baier deöhenN. der Gesammtlänge.
Schwanz 2... Ir —!e
Der Nervenring liegt etwas vor der Mitte des Oesophagus. Darm stark körnig und aus
zwei Zellreihen bestehend. Seitenlinien ziemlich breit und deutlich zellig. Medianlinien scheinen
vorhanden zu sein. Muskelzellen verhältnissmässig gross und deutlich, vielleicht Meromyarier.
Das Männchen scheint grössere Borsten zu. besitzen als das Weibchen, Ovipar, Eier
mässig gross.
Fundort: Strandzone der Kieler Bucht, jedoch auch in brackischem Wasser. Die Thiere
leben von Diatomeen, Euglenen etc. -
Comesoma Bast. Monogr. p. 158.
Gattungscharaktere: Körper nach beiden Enden, vorzüglich jedoch das Schwanzende verschmälert.
Cuticula schwach geringelt. Unmittelbar um die Mundöffnung einige Borstenpapillchen. Am Kopf 4 (bis 6?)
Borsten. Seitenorgane spiralig, dieht am Kopfende stehend, taschenförmig. Oesophagus am Hinterende
inehr oder weniger verdickt. Darm aus mehr als drei Zellreihen bestehend. Ueber den Körper nicht sehr
ansehnliche Borsten zerstreut. Weibliche Geschlechtsorgane paarig. Spiculi sehr lang und schmal,
accessorische Stücke fehlend oder, wenn vorhanden, klein, einfach und undeutlich (nach Bastian). Mündung
der Schwanzdrüse eine einfache Oeffnung zwischen zwei Börstchen. Seitenlinien ziemlich breit, körnig.
Ventraldrüse einfach, mündet in der Mittelgegend des Oesophagus.
Bis jetzt mit Sicherheit nur marin beobachtet.
— BE —
Ob sich diese Gattung späterhin erhalten wird lassen, scheint mir’ sehr fraglich; die Aehn-
lichkeit mit der vorhergehenden ist so gross, dass sie vielleicht mit derselben vereinigt
werden dürfte. Da ich nur eine hierher gehörige Art und diese auch nicht besonders ein-
gehend studiren konnte, so erlaube ich mir bis jetzt hierüber noch kein definitives Urtheil.
Comesoma profwndi Bast. (Fig. 14. Taf. IL), Monogr. p. 159.
Kopfende mässig verschmälert, abgestutzt, nur vier ziemlich ansehnliche Borsten am Kopf
in den Submedianlinien (Bastian gibt sechs an, zeichnet jedoch in seiner Abbildung nur vier).
Dicht um die Mundöffnung in jeder Submedianlinie zwei kleine Borstenpapillchen. Mundhöhle
klein, becherförmig. Oesophagus nach hinten allmälig sich verdickend. Darm aus vier oder
mehr Zellreihen bestehend, braun. .Ventraldrüse mündet in der Mittelgegend des Oesophagus.
Ringelung sehr fein. Seitenorgan spiralig. Nervenring um die Mitte des Oesophagus, reichlich
Zellen um letzteren. Ovarien nicht umgeschlagen. Die Seitenlinien erreichen etwa !s der
Körperbreite.
Spieuli nach Bastian sehr lang und wenig gekrümmt; das accessorische Stück klein und
undeutlich. (Ich habe nur das Q@ gesehen.)
Fundort: Kieler Bucht in Mud aus etwa zehn Faden Tiefe; Austernbänke bei Sylt.
Linhomoeus Bast. Monogr. p. 154.
Gattungscharaktere: Körper ansehnlich langgestreckt und fast durchweg von gleichem Durch-
messer. Kopf- und Schwanzende nur wenig verschmälert. Das erstere mehr oder weniger abgerundet. Cuti-
cula glatt oder doch nur eine tiefere Schicht mit schwacher Ringelung. Um das Mundende ein Kranz von
sechs bis acht Borsten. Mundhöhle stets schr klein und der vorderste Theil der Oesophagusintima ge-
wöhnlich etwas spaltförmig erweitert. Seitenorgane nahe dem Mundende, kreisförmig mit centralem Fleck,
in den Körper eingesenkt. Das Vorderende mehr oder weniger reichlich mit Börstchen besetzt. Oesophagus
nach hinten immer etwas, mauchmal kolbig angeschwollen. Darm aus vielen Zellreihen zusammengesetzt.
Seiten-, Median- und Submedianlinien sehr entwickelt. Wahrscheinlich Meromyarier. Weibliche
ssorisches Stück mit zwei hinteren ziem-
Geschlechtsorgane symmetrisch. Spiculi mässig lang; acc
lich ansehnlichen Fortsätzen. Keine Papillen am männlichen Schwanz. Ventraldrüse einfach in der
Mittelgegend des Oesophagus mündend, manchmal ist der Ausführungsgang dicht vor. der Mündung ampullär
erweitert. Schwanzdrüse dreizellig, auf den Schwanz beschränkt.
1. Linhomoeus hirsutus Bast. (Fig. 15a—b Taf. III.) Monogr. p. 154.
Der gesammte Körper fast überall von gleichem Durchmesser, nur das Schwanzende ein
klein wenig verschmälert. Kopf- und Schwanzende fast halbkreisföormig zugerundet. Mundhöhle
sehr klein; sechs Borsten um das Kopfende; eine ziemliche Anzahl ähnlicher Borsten, die nach
hinten an Grösse abnehmen, am Vordertheil des Körpers. Oesophagus hinten nur schwach
verdickt, die vordere Hälfte gelb pigmentirt. Seitenlinien aus drei Zellreihen bestehend
— 268 —
(Fig. 15d), die Submedianlinien aus einer Zellreihe. Muskelfelder sehr schmal. Sämmtliche
Längslinien stark körnig. Weibliche Geschlechtsorgane sehr lang gestreckt, die Ovarien nicht
umgeschlagen.
Maasse eines @: Gesamnitlänge 4,2 mm.
Oesophagus . . !/ıo | 3
‘ der Gesammtlänge.
Schwanziili.ein “lie J
Grösste Breite 0,38 mm,
Die Vulva liegt in der Körpermitte.
Männchen nicht gesehen.
Von den von Bastian beobachteten sieben Saugwärzchen vor und hinter der Vulva habe
ich nichts gesehen. Unter den Muskelfeldern unseres Thiers bemerkt man in ziemlich regel-
mässigen Abständen grosse, ovale Zellen. Der Oesophagus lässt in seinem Hinterende noch
ziemlich deutliche Anzeigen eines zelligen Baues wahrnehmen. Die Körnchen in den Längs-
linien sind sämmtlich auf die äusserste Region der Zellen beschränkt (s. Fig. 15c. Taf. II).
Fundort: Austernbänke bei Sylt.
9. Linhomoeus tenwicaudatus n. sp. Fig. 160a—d. Taf. IIL.)
Kopfende nur sehr wenig verschmälert und stumpf abgerundet; das Schwanzende hinter
dem After allmälig ansehnlich verjüngt. Am Kopf ein Kranz von zehn kurzen Börstchen.
Wenige kurze Börstchen am Leib. Mundhöhle sehr klein. Seitenorgan dicht am Kopfende.
Oesophagus am Hinterende etwas verdickt, gelblich pigmentirt. Darm aus vielen Zellreihen
zusammengesetzt, braun, jedoch der vorderste Abschnitt eine kleine Strecke weit nicht pigmen-
tirt. Längslinien ähnlich wie bei Linh. hirsutus. Ventraldrüse mit Ampulle. Ovarien nicht
umgeschlagen. Hoden paarig.
Masse des Q: Gesammtlänge 2,84 mm.
Schwanz. . . . Yız (0,264)
der Gesammtlänge.
Oesophagus. . . !ıs (0,19)
Vulva in der Körpermitte.
Grösste Breite 0,096 mm.
Eilänge 0,108 mm,
Fundort: Kieler Bucht in ungefähr sechs bis zehn Faden Tiefe in Gesellschaft des
Oncholaimus vulgaris. Nicht häufig.
— 269 —
3, Linhomoeus mirabilis n. sp. (Fig. 17a—d. Taf. IV.)
Die allgemeinen Gestaltsverhältnisse bis auf das Schwanzende denen des L. tenwicaudatus
sehr ähnlich. Letzteres sehr kurz und gleichmässig abgerundet, nicht verjüngt. Kopf mit zehn
kurzen Börstchen, einige sehr kurze Börstchen am Leib. Hinterende des Oesophagus etwas
angeschwollen. Porus etwas hinter dem Nervenring. Ampulle. Schwanzdrüse? Längslinien
wie bei den übrigen Arten. Weibliche Geschlechtsorgane symmetrisch ; Ovarien nicht umge-
schlagen; der Uterus öffnet sich durch zwei dicht bei einander liegende Vulven nach aussen.
Maasse des @: Gesammtlänge 3,2 mm.
Oesophagus. . . Yır \ ;
der Gesammtlänge.
Schwanz. . . . on (0,036) *
Die beiden Vulven sehr wenig vor der Körpermitte. Obgleich ich nur ein hierhergehöriges
Weibchen sah, so kann ich doch nicht anstehen, dasselbe, nach den so charakteristischen Merk-
malen, für eine besondere Art zu halten.
Das höchst eigenthümliche Vorkommen zweier Vulven kann ich nicht für etwas Zufälliges
oder Abnormes halten, da ja auch das Schwanzende sehr characteristisch ist und diese Art von
den übrigen scharf scheidet. Die Seitenlinien sind auch ‚hier recht breit und führen randstän-
dige Reihen dunkler körniger Zellen (?). Die Ovarien sehr schmal und langgestreckt, so dass
sich fast bis ans blinde Ende nur eine Reihe von Keimzellen findet.
Fundort: Kieler Bucht in etwa sechs bis zehn Faden Tiefe, vergesellschaftet mit der
vorhergehenden Art.
Tripyla, Bast. Monogr. p. 115.
Gattungscharaktere: Körper nach beiden Enden hin verschmälert, hauptsächlich jedoch das
Schwanzende. Nicht allzu sehr gestreckte Gestalt. Ringelung nicht sehr deutlich, vielleicht zuweilen fehlend.
Eine eigentliche Mundhöhle fehlt. Um den Mund drei mehr oder weniger entwickelte Lippen mit oder
ohne Borsten und Papillen. Seitenorgane fehlen. Oesophagus nach hinten nur unbedeutend und ganz all-
mälig anschwellend. Darm vielreihig. Weibliche Geschlechtsorgane paarig symmetrisch. Männ-
liche Papillen fehlend (Tr. glomerans Bst) oder eine mediane Reihe vom After bis zum Kopfende (Tr. setifera
Bütschli). Spieuli verhältnissmässig kurz und plump. Accessorisches Stück klein ohne hinteren Fort-
satz. Längslinien reichlich entwickelt. Ventraldrüse fehlt. Schwanzdrüse vorhanden, ihre Mündung
nicht besonders ausgezeichnet, eine einfache Oefinung,
Süsswasser-, Land- und Meeresthiere.
Tripyla marina n. sp. (Fig. 124—c. Taf. IIL)
Vorderende allmälig, jedoch nur wenig verschmälert; das Schwanzende hingegen ziem-
lich plötzlich mehr verjüngt. Um den Mund drei wenig deutliche Lippen, jede mit zwei mässig
a
langen, jedoch kräftigen Börstchen. Der Leib borstenlos, Ringelung scheint zu fehlen. Eine
eigentliche Mundhöhle ist nicht vorhanden, hingegen der vorderste Abschnitt des Oesophagusrohrs
in eigenthümlicher Weise trichterförmig erweitert und hinten seitlich mit zwei taschenartigen Er-
weiterungen versehen. Der hintere Theil des Oesophagus ohne einen besonders abgetrennten
Abschnitt. Spieuli klein, fast gerade. Accessorisches Stück klein, wie es scheint, "mit einer
hinteren schwachen Verdickung.
Maasse des @: Gesammtlänge 1,5 mm.
Oesophagus . . !a—!s .
je} x u.
der Gesammtlänge.
Schwanz . . . Yno—1o]
Vulva in der Mitte des Körpers,
Das Männchen wird vielleicht noch etwas grösser, der Schwanz desselben misst nur Yıa
der Gesammtlänge.
Seiten- und Medianlinien sind bei unserem Thier sehr ansehnlich ausgebildet und gleich-
mäs körnig. Dicht hinter dem Kopfende finden sich auf eine kurze Strecke auch
sehr schmale Submedianlinien. Sämmtliche Längslinien vereinigen sich in der Umgebung des
Kopfendes zu einem gemeinsamen Feld, indem die Muskelfelder schon etwas hinter der Kopf-
spitze endigen. Die Cuticula bleibt sehr dünn.
Fundort: Strandzone der Kieler Bucht in feinem Sand.
Oxystoma, nov. gen. (Fig. 180—d. Taf. IV.)
Gattungscharaktere:Kopf- und Schwanzende sehr beträchtlich verjüngt, das letztere etwas
Börstchen um die Mundöffnung nur angedeutet
mehr wie das erstere. Die Mundhöhle fehlt fast vollständ
am Leib fast vollständig fehlend. Cuticula mässig dick und ungeringelt. Oesophagus sehr allmälig
nach hinten anschwellend. Ventraldrüse doppelt, reicht fast bis zum Hinterende des Oesophagus. Sch wanz-
drüse vorhanden, ihre Mündung ist eine einfache Oeffnung. Seitenlinien gut entwickelt mit vielen grossen
körnigen Zellen. Hoden einfach. Spiculi mässig gross und gleichmässig gekrümmt. Accessorisches
Stück klein und schwach ausgebildet. Männliche Papillen fehlen. „‚Veibliche Geschlechtsorgane ?
Oxystoma elongata n. sp. (Fig. 180—d. Tat. IV.)
Der Schwanz ist anfänglich fast so breit wie der übrige Körper, verschmälert sich jedoch
gegen seine Mitte ziemlich beträchtlich und läuft ziemlich fein und stumpf abgerundet aus.
Das Kopfende ist nicht viel weniger verjüngt als das Hinterende. Die Ventraldrüse mündet
in geringer Entfernung vor dem Nervenring. Im Uebrigen sind die Gattungscharaktere für
diese bis jetzt einzige Art maassgebend.
ne
Maasse des g': Gesammtlänge 3,7 mm.
Oesophagus . . . Yıs ) 2%
i ‘ der Gesammtlänge:
Schwanz . . 2. 1m J =
Grösste Breite 0,06 mm.
Die Börstchen um die Mundöffnung sind kaum sichtbar. Das Seitenorgan hat einen cen-
tralen Fleck und ist nur sehr wenig in die Quticula eingesenkt. Der Ausführungsgang der
Ventraldrüse ist ein wenig chitinisirt. Der Darm ist stark braun und schien sich aus wenigen
Zellreihen aufzubauen. Der Oesophagus zeigte an seinem hinteren Ende noch deutliche Spuren
von Zellstructur, die einzelnen Zellen enthielten in ihren äusseren Theilen viel körnige Masse.
Das vorderste Darmende bildete eine kurze Schlinge. In der Bauchlinie standen in geringer
sntfernung vor dem After einige kurze Härchen,
Weibchen nicht gesehen.
Fundort: Austernbänke bei Sylt.
Anticoma Bast. Monogr. S. 141.
Gattungscharaktere: Beide Körperenden, vorzüglich jedoch das hintere, stark verschmä-
ler. Cuticula mässig dick, ungeringelt. Mundhöhle recht klein, trichterförmig (nach Bastian fehlend).
In einiger Entfernung hinter der Kopfspitze ein Kranz von sechs (ob immer?) Borsten; etwas weiter nach
hinten in den Seitenlinien eine Längsreihe von fünf bis sechs dicht gedrängt stehenden kurzen Börstchen, zu
welchen sehr deutliche Nervenfasern laufen. Ueber den Leib in den Submedianlinien sehr kurze Börstchen
zerstreut. Der Oesophagus verdickt sich nach hinten sehr allmälig etwas. Ventraldrüse einfach,
vor dem Nervenring mündend. Schwanzdrüse dreizellig, ihre Mündung eine einfache Oeffnung in der
Schwanzspitze. Längslinien gut entwickelt. Weibliche Geschlechtsorgane paarig symme-
trisch. Spiculi mässig gross, gekrümmt; accessorischeStücke doppelt (nach Bast. zuweilen fehlend).
Jederseits des Afters beim Männchen eine Reihe stärkerer Härchen.
Anticoma limalis Bast. (Fig. 19a—e. Taf. IV.) Monogr. p. 141.
Schwanzende ansehnlich verjüngt und lang ausgezogen. Mundhöhle klein trichterförmig
(Fig. 19a). Sechs nicht grosse, jedoch ziemlich starke Borsten in geringer Entfernung hinter
der Kopfspitze. Sehr kleine undeutliche Seitenorgane (?) dicht dahinter. Jederseits in den
Seitenlinien, etwa in der doppelten Entfernung des Porus von der Kopfspitze, fünf bis sechs
kurze, dieht zusammenstehende Härchen (Fig. 195). In den Submedianlinien über den Körper
hin kurze, dieke Börstchen zerstreut. Darm aus etwa drei Zellreihen bestehend. Oesophagus
gelb pigmentirt, Seitenlinien ansehnlich; Medianlinien schmal mit einer Kernreihe. Polymyarier.
Vulva ein ansehnlich breiter Spalt, davor und dahinter ein körniges Drüschen. Radiäre Muskel-
—_— 212 —
fasern an der Vulva. Ventraldrüse einzellig und ‚dicht hinter der Kopfspitze mittels eines be-
sonderen, sehr feinen und chitinisirten Ausführungsganges ausmündend.
Spiculi rinnenförmig; zwei (?) accessorische Stücke mit kurzen hintern Fortsätzen zur
Befestigung von Muskeln (Fig. 19c). Jederseits neben dem After beim Männchen eine Reihe
von etwa sechs grösseren Härchen. Davor in der Medianlinie die stark chitinisirte Oeffnung
einer Drüse.
Maasse: Gesammtlänge 2—2,5 mm.
Oesophagus . . !/ | =
der Gesammtlänge.
Schwanz . . . 1 J
Grösste Breite 0,08 mın.
Vulva in der Körpermitte.
Es scheint mir nicht unmöglich, dass der von Eberth in Triest beobachtete Odontobius
acuminatus, den Bastian mit Recht zu seiner Gattung Anticoma stellt, mit der hier beschriebenen
Species identisch sei. ‘Die allgemeinen Körperdimensionen stimmen bis auf die Länge des
Oesophagus, die bei der Antic. acuminata Eberth’s !;s der Gesammtlänge betragen soll, recht
gut überein.
Fundort: Kieler Bucht in mehreren Faden Tiefe; Sylter Austernbänke.
Anoplostoma n. 8.
Symplocostoma Bast. pr. p. Monogr. S. 132.
Gattungscharaktere: Körper nach beiden Enden hin ziemlich ansehnlich verschmälert, vor-
züglich nach hinten. Cuticula ungeringelt. In geringer Entfernung hinter der Kopfspitze ein Kranz von
sechs ansehnlichen, starken Borsten (kleine Börstchen daneben vorhanden). Am Körper zuweilen noch weitere
3örstchen in den Submedianlinienr. Mundhöhle ansehnlich tief und weit, sechsseitig, ihre Wände stark
chitinisirt; ohne weitere Auszeichnung, Oesophagus nach hinten sehr allmälig etwas anschwellend.
Nervenring etwas vor der Oesophagusmitte. Ventraldrüse? Mündung der Schwanzdrüse eine ein-
fache Oeffnung in der Schwanzspitze. Weibliche Geschlechtsorgane paarig. Spiculi schlank
gekrümmt; ein accessorisches Stück, von der Seite betrachtet dreieckig, mässig gross. Jederseits des
Atters beim Männchen eine Reihe Papillen und Borstenpapillen.
Bastian bemerkt schon zu seiner Gattung Symplocostoma, dass er die drei Arten 8.
vivipara Bast., Enoplus coronatus Eberth und Urolabis barbata Carter nur als zweifelhafte Mit-
glieder derselben betrachten könne. Ich glaube, dass man die $. vivipara Bst. als Typus eines
besonderen Geschlechts betrachten muss, dem ich mir den obigen Namen zu geben erlaubt
habe. Was den Enoplus coronatus Eberth’s anbetrifft, so hat derselbe wohl weder zu der in
meinen Sinne beschränkten Gattung Symplocostoma Bast., noch zu der neu geschaffenen Gattung
Anoplostoma eine nähere Verwandtschaft.
- 273 —
1. Anoplostoma vivipara Bast. Monogr. p. 133 (Taf. V. Fig. 21a—b).
Beide Körperenden ziemlich verschmälert, vorzüglich das Schwanzende, welches in einen
fadenförmigen, an seinem Ende jedoch stumpf abgerundeten Schwanz ausläuft. Mundhöhle tief
pokalförmig, sechsseitig. Vulva in der Körpermitte. Spiculi mässig lang, schlank gekrümmt,
ohne besondere Eigenthümlichkeiten; accessorisches Stück von der Seite betrachtet dreieckig,
breit, so dass die Spitzen der Spiculi ansehnlich weit von einander entfernt sind (Fig. 21).
Jederseits vor dem männlichen After zwei kleine Papillen, hinter demselben an dem Beginn
des fadenförmigen Schwanztheils zwei ziemlich ansehnliche Borstenpapillen. Es hat den An-
schein, als wenn die Cuticula seitlich und hinter dem After jederseits in Gestalt einer nur sehr
schwach entwickelten Bursa etwas vorspränge (Fig. 21).
Maasse des g': Gesammtlänge 1,7 mm.
Oesophagus Yc— Ys
San der Gesammtlänge.
Breite 0,05 mm.
Nach Bastian soll das @ 2 mm, Körperlänge erreichen.
Fundort: Strandzone der Kieler Bucht in feinem Sand.
2. Anoplostoma spinosa n. sp. (Fig. 20a—b. Taf. V.)
Allgemeine Körpergestalt sehr ähnlich der der Anopl. vivipara, jedoch die beiden Körper-
enden nicht in so hohem Maasse verjüngt. Die Mundhöhle viel tiefer als bei der zuerst be-
schriebenen Art; die sechs Borsten hinter dem Kopfende fast doppelt so lang als bei A. vivipara.
Ueber den Leib einzelne Börstchen zerstreut. Oesophagus nach hinten gleichmässig, jedoch nur
sehr wenig an Dicke zunehmend, seine Länge beträgt etwa "/s—"s der Körperlänge. Schwanz
etwa Yıo der Gesammtlänge. Die Vulva in der Mitte. Die Seitenlinie aus grossen Zellen
gebildet. Schwanzdrüse dreizellig. Obgleich ich nur ein hierher gehöriges Weibchen zu studiren
Gelegenheit hätte, so zögere ich nicht auf dasselbe eine besondere Art zu gründen, da die
beiden Merkmale der sehr tiefen Mundhöhle und der sehr ansehnlichen Borsten um den Mund
dieselbe unschwer wieder erkennen werden lassen.
Fundort: Strandzone der Kieler Bucht in feinem Sand.
Oncholaimus Dujard. hist. nat. des helm. p. 235. Bastian, Monogr. p. 134.
Gattungscharaktere: Körper meist ziemlich langgestreckt, Vorderende nur sehr wenig ver-
jüngt, das Hinterende entweder stumpf abgerundet oder mehr oder weniger zugespitzt. Cuticula von an-
sehulicher Stärke, glatt. Um den Kopf ein Kranz von zehn mehr oder weniger entwickelten Borsten; feine
Börstehen in den Submedianlinien über den gesammten Leib zerstreut. Dicht um die Mundöffnung noch
Abhandl. d. Sencekenb. naturf. Ges. Bd. TX. ‘ 35
—_— 274 —
sechs feine Borstenpapillchen. Mundhöhle sehr tief und weit, in ihrem Innern drei nach vorn gerichtete
mehr oder weniger ausgebildete zahnartige, unbewegliche Vorsprünge. Oesophagus nach hinten sehr all-
mälig anschwellend; Darm aus vielen Zellreihen zusammengesetzt. Ventraldrüse einfach, ihre Mündung
liegt dicht bei oder vor dem Nervenring. Letzterer stets sehr deutlich. Ocelli meist fehlend. Die drei ein-
zelligen Schwanzdrüsen erstrecken sich stets ein ziemliches Stück jenseits des Afters in der Leibeshöhle
nach vorn. Ihre Mündung ist eine einfache Oeffnung in der an der Schwanzspitze beträchtlich verdickten
Cuticula. Seitenlinien sehr gut entwickelt, deutlich zellig. Weibliche Geschlechtsorgane paarig und un-
paarig. Die Spiculi schlank, wenig gekrümmt; accessorisches Stück vorhanden von nicht sehr beträchtlicher
Grösse. Hoden einfach. Vor dem After beim Männchen zuweilen in der Bauchlinie eine Papillenreihe.
Angehörige dieser Gattung sind bis jetzt nur im Meere beobachtet worden, der sog.
Onchol. rivalis Leydig’s ist, wie wir schon früher gezeigt haben, ein Diplogaster und ohne
Zweifel identisch mit dem D. fictor Bastian’s.
1. Oncholaimus vulgaris Bast. (Fig. 37a—b. Taf. IX.) Monogr. p. 135.
Körper sehr langgestreckt, nach beiden Enden nur sehr wenig verschmälert,ü der
Schwanz conisch auslaufend. Kopfende breit abgestutzt. Die Mundöffnung von sechs niederen
klappenartigen Gebilden umschlossen. An dem Kopfrand in den Submedianlinien je zwei
sehr kleine zarte Börstchen. Etwas dahinter in den Submedianlinien je zwei starke Borsten,
in den Seitenlinien je eine. Die sehr weite und tiefe Mundhöhle ist schwach sechsseitig;
die beiden ventralwärts stehenden Zähne sind gleichmässig ausgebildet, ansehnlicher und
bedeutend weiter nach vorn stehend als der dorsale Zahn. In den Submedianlinien stehen in
ziemlich regelmässigen Abständen kurze Börstchen über den gesammten Leib. Weibliche Ge-
schlechtsorgane symmetrisch paarig. Spiculi ansehnlich lang und schlank, in der Mittelgegend
etwas angeschwollen. Accessorisches Stück etwa halb so lang als die Spiculi. In der Bauch-
linie stehen dicht vor dem männlichen After zwei Papillen, die mehrere kurze starke Börstchen
tragen, eine dritte etwas ansehnlichere Papille von gleicher Beschaffenheit steht ein ziemliches
Stück weiter nach vorn (Bastian’s sucker).
Maasse: Gesammtlänge der @ bis zu 20 mm. und mehr.
Oesophagus "ıı—!ıo der Körperlänge.
Schwanz cc. Yızo.
Grösste Breite 0,25—0,29.
Die Männchen bleiben etwas kleiner als die Weibchen.
Gesammtl. 17—19 mm.
Oesophagus '/.
Schwanz. cc. Yıao.
= 25 —-
Fundort: Kieler Bucht, ausserordentlich häufig in mehreren Faden Tiefe auf Mud-
grund. Am reichlichsten findet er sich zwischen den Klumpen von Mytilus edulis. In einem
Schwamme von W. Grönland. ?
2. Oncholaimus viscosus Bast. (Fig. 38. Taf. IX.) Monogr. p. 136.
Körper mässig langgestreckt, nach vorn etwas, hauptsächlich jedoch das Hinterende ver-
jüngt, welches in einen fadenförmigen Schwanz von nicht sehr beträchtlicher Länge ausläuft,
zehn Börstchen um den Kopf. Mundhöhle mässig weit, jedoch ziemlich tief, einer der ventral-
wärts stehenden Zähne sehr ansehnlich entwickelt, fast bis zum oberen Ende der Mundhöhle
reichend, die beiden anderen unansehnlich. Am Vorderende des Körpers einige zerstreute
Börstchen. Weibliche Geschlechtsorgane symmetrisch paarig. Spieuli (nach Bastian) einfach
(solitary), von langgestreckter, keilförmiger Gestalt. Die Thiere haben die Eigenthümlichkeit,
dass ihnen äusserlich gewöhnlich feine Sandpartikel anhaften, jedoch ist dies nicht immer der Fall.
Körperlänge des @ bis über 2 mm.:
Oesophagus !
SO ELLPR der Gesammtlänge.
Die Vulva liegt in der Körpermitte.
Fundort: Kieler Bucht in feinem Mud aus etwa zehn Faden Tiefe mit Onchol. vulgaris
zusammen. Auch häufig in Arendal.
3. Oncholaimus fuseus Bast. Monogr. p. 136.
Ich bemerke zu der Bastian’schen Beschreibung des Männchens nur, dass sich ein kleines
accessorisches Stück von etwa Ys der Spieuliläinge findet. Einer der ventralwärts stehenden
Zähne der Mundhöhle ist auch hier verlängert, jedoch nicht so ansehnlich als bei O. viscosus.
Die Ventraldrüse mündet in geringer Entfernung hinter der Kopfspitze. Der Schwanz des
von mir gesehenen Männchens erreichte etwa nur die Hälfte der von Bastian angegebenen
Länge, sonst sind die Maasse übereinstimmend.
Fundort: Kieler Bucht, Strandzone in feinem Sand.
4. Oncholaimus albidus Bast. (Fig. 39a—c. Taf. IX.). Monogr. p. 137.
Körper ansehnlich langgestreckt; Vorderende kaum, Hinterende mehr, jedoch nur auf eine
sehr kurze Strecke verschmälert. Um das Kopfende zehn Börstchen von mässiger Grösse.
Sechs Borstenpapillchen. Mundhöhle mässig weit und tief. Der rechte der ventralwärts stehen-
den Zähne ist ansehnlich verlängert, die Zähne sind dunkel gefärbt. Börstehen in den Sub-
medianlinien deutlich. Oesophagus gelblich pigmentirt. Seitenlinien und Medianlinien deutlich
— 26 —
letztere mit ziemlich weit von einander entfernten Kernen. Weibliche Geschlechtsorgane un-
paarig; das Ovar umgeschlagen.
Maasse des @: Gesammtlänge 6,5 mm. .
Oesophagus !/s
der Gesammtlänge.
Schwanz 1100
Die Vulva liegt ein wenig hinter dem Beginn des letzten Körperdrittels.
Die Maasse der von mir gesehenen Thiere stimmen mit den von Bastian angegebenen
nicht vollständig überein, nach ihm soll der Oesophagus nur Yıo, der Schwanz weniger wie
!/aoo der Gesammtlänge betragen, dennoch muss ich an die Identität der von uns gesehenen
Thiere glauben. Bei meinen Thieren lag die Mündung der Ventraldrüse etwas weiter von der
Kopfspitze entfernt, als dies Bastian angibt.
Vor dem After findet sich an jeder Seitenlinie eine Anhäufung von Zellen, über deren
Bedeutung ich nicht klar wurde.
Fundort: Kieler Bucht in etwa acht bis zehn Faden Tiefe in Gesellschaft des O. vul«
garis und Enoplus commumis Bast.
Enoplus Dujard. hist. nat. des helm. p. 233.
Enoplus Bast. Monogr. p. 147.
Enoplus Schneider pr. p. Monogr. p. 50.
Enoplostoma Marion. l. ce. p. 22.
Gattungscharaktere: Körper langgestreckt, das Vorderende nur sehr wenig, hingegen das
Hinterende ansehnlich verjüngt und in einen mehr oder weniger langen, fadenförmigen Schwanz ausgezogen.
Cuticula mässig stark, äusserlich glatt, eine innere Schicht zart geringelt. Um die Mundöffnung
sechs Papillen, dahinter ein Kranz von zehn (zwölf), Borsten. Lippen angedeutet oder sehr ansehnlich aus-
gebildet. Körperborsten nicht besonders entwickelt, stehen hauptsächlich in den Submedianlinien. Mund-
höhle unansehnlich, enthält drei ziemlich grosse, langgestreckte Chitinstücke, von welchen jedes an seinem
Vorderende zwei nach Innen gerichtete spitzige Zähne trägt. Der Oesophagus verdickt sich nach hinten
nur sehr wenig, gewöhnlich reichlich pigmentirt. Besondere ocellenartige Anhäufungen desselben Pigments
gewöhnlich jederseits in der Halsgegend am Oesophagus. Darm aus vielen Zellreihen aufgebaut. Ventral-
drüse vorhanden. Die Schwanzdrüse erstreckt sich hie und da eine kleine Strecke vor den After; an
ihrer Mündung eine lokale Abhebung der äussern von der innern Schicht der Outicula (Fig. 35 c. Taf. VIII). Nerven-
ring Stets sehr deutlich. Seitenlinien gut entwickelt. Polymyarier. Weibliche Geschlechts
organe paarig, Spiculi ansehnlich, zwei accessorische Stücke. Jederseits neben und vor dem
After gewöhnlich eine Reihe borstenförmiger Papillen beim Männchen; in einiger Entfernung vor demselben in
der Bauchlinie die stark chitinisirte Mündung einer Drüse (?).
1. Enoplus communis Bast. (Fig. 35@—b). Monogr. p. 148.
Er
Enoplus cochleatus Schneider, Monogr. p. 57.
— BT AT
Ich habe den Beschreibungen Bastian’s und Schneider’s kaum etwas zuzufügen. Ich er-
laube mir hier nur eine Abbildung des Kopfendes und der Schwanzspitze zu geben; an ersterem
ist hauptsächlich die scharfe Grenze auffällig, in welcher die Schicht der gekreuzten Fasern in
einiger Entfernung von dem Kopfende aufhört. Es scheint sich hier eine schwache Einfaltung
der äusseren Cuticularschicht zu finden.
Fundort: Kieler Bucht in Gesellschaft des Oncholaimus vulgaris in einigen Faden Tiefe.
2. Enoplus labiatus n. sp. (Fig. 36a—b. Taf. IX.)
Körper ansehnlich langgestreckt, Vorderende fast nicht, das Hinterende ansehnlich ver-
jüngt, ähnlich wie bei E. communis. Cuticula mässig dick, eine tiefere Schicht sehr fein ge-
ringelt. Die Mundöffnung ist von drei sehr hohen, klappenartigen Lippen umstellt, von welchen
jede auf ihrer Aussenseite etwa in halber Höhe zwei kürzere und in der Nähe ihrer Basis zwei
ansehnlich lange Borsten trägt. Am gesammten Körper stehen kürzere Borsten, dieselben
sind jedoch ansehnlicher als bei E. communis. Die zahnartigen Chitinplatten der Mundhöhle
sind ähnlich entwickelt wie bei E. communis. Der Oesophagus ziemlich regelmässig wellen-
förmig aus- und eingebuchtet, enthält viel gelbe körnige Masse. Seiten- und Medianlinien vor-
handen. Ventraldrüse?
Maasse eines @: Gesammtlänge 5,5 mm.
Oesophagus | i e
; der Gesammtlänge.
22 j
&
Schwanz etwa
Vulva etwa in "s der Körperlänge vor der Schwanzspitze.
Fundort: Austernbänke bei Sylt.
Ein ähnliches Thier fand sich auch in der Kieler Bucht, ich bin jedoch nicht ganz gewiss,
ob es dieselbe Art ist.
Thoracostoma Marion. 1. c. p. 25.
Leptosomatum, Bast. pr. p. Monogr. p. 144.
Enoplws, Schneider pr. p. Monogr. p. 50.
Hemipsilus, Leuckart. Arch. f. Naturgesch. 1849. Bd. 1, p. 157.
Gattungscharaktere: Körper ansehnlich langgestreckt, beide Körperenden nur wenig verschmälert,
das Hinterende stumpf abgerundet. Cuticula glatt und von ansehnlicher Stärke. Dieselbe ist am Mund-
ende in eigenthümlicher Weise verdickt und dunkel gefärbt, so dass dasselbe gewissermaassen wie von einer
Kappe bedeckt ist. Um den Kopf ein Kranz von sechs bis zehn nicht sehr ansehnlichen Borsten. Kurze
Börstchen finden sich hauptsächlich am Vorder- und Hinterende, jedoch auch sonst über den Leib spärlich
zerstreut. Oesophagus langgestreckt, nach hinten nur sehr allmälig sich etwas verdickend, stark braun
pigmentirt. In einiger Entfernung hinter dem Kopfende findet sich jederseits am Oesophagus eine ocellenartige
Anhäufung dieses Pigments, die zuweilen einen lichtbrechenden Körper enthält. Darm aus vielen Zellreihen
aufgebaut. Ventraldrüse nicht sichtbar. Schwanzdrüsen zu ansehnlichen, weit vor den After nach vorn
reichenden Schläuchen entwickelt. Weibliche Geschlechtsorgane paarig symmetrisch. Spiculi
ansehnlich, röhrenförmig ; accessorische Stücke doppelt, zuweilen in der Mitte verwachsen, mit hinterem Fort-
satz. Vor dem After beim Männchen eine mediane Reihe von Papillen und die chitinisirte Oeffnung einer
Drüse, Dahinter zuweilen zwei Reihen stärker entwickelter Borsten.
Bastian deutet schon darauf hin, dass in seiner Gattung Leptosomatum wahrscheinlich
verschiedene Typen vereinigt seien; ich glaube daher, dass eine Trennung der durch die eigen-
thümliche Beschaffenheit: ihres Kopfendes so charakteristischen ‚Thiere von den übrigen in
Bastian’s Gattung Leptosomatum vorhandenen Arten nur von Vortheil sein dürfte, zumal dieser
Typus, wie wir durch die Arbeiten Eberth’s und Marion’s erfahren haben, eine nicht geringe
Zahl von Vertretern besitzt. Durch ersteren Forscher haben wir ein entschieden hierher ge-
höriges Thier, seinen Enoplus coronatus, kennen gelernt; Marion beschreibt vier Arten dieses
Typus unter dem Gattungsnamen Zhoracostoma, welchen ich für die in ähnlicher Weise ge-.
bildeten Thiere beibehalte.
1. Thoracostoma globicaudata Schnd. Monogr. p. 58.
Leptosomatum figuratum Bast.? Monogr. p. 146 (Fig. 34a—. Taf. VIIL).
Ich habe der trefflichen Beschreibung Schneider’s kaum noch etwas hinzuzufügen und gebe
hier nur eine Abbildung des Kopfendes, dessen Verschiedenheit von dem der folgenden Art
sehr in die Augen fällt. Eine deutliche Linse habe ich an den seitlichen Pigmentanhäufungen
nicht gesehen. Die Spiculi sind bei dieser Art gleich lang und die accessorischen Stücke haben
einen hinteren kolbigen Fortsatz, der jedoch lange nicht die Entwickelung des entsprechenden
Fortsatzes bei Th. Schneideri n. sp. erreicht.
Bei unreifen Thieren dieser Art habe ich mehrfach die Leibeshöhle ganz mit körniger
Masse und hellen Krystallen angefüllt gefunden.
Ob Leptosomatum figuratum Bast. mit dieser Art identisch ist, muss fraglich bleiben; die
allgemeinen Grössenverhältnisse sind annähernd übereinstimmend, jedoch ist der Oesophagus
unseres Thieres bedeutend kürzer, als dies Bastian angibt, und die Beschaffenheit des männ-
lichen Schwanzendes eine andere. Die Verschiedenheit in Betreff des letzteren Punktes könnte
jedoch auch leicht in einer unvollständigen Beobachtung Bastian’s ihren Grund. haben.
2. Thoracostoma Schneideri.n. sp. (Fig. 334—d. Taf. VII).
Das Kopfende etwas schlanker als bei der vorher beschriebenen Art, namentlich sind auch
die hinteren Ausbuchtungen der Outicularverdickung des Mundrandes viel schlanker und ge-
streckter. Die zehn Borsten am Kopf sind viel länger als bei 7%. globicaudata, wie denn
— 279 —
auch die Körperborsten am Vorderende bedeutend grösser sind als bei der letztgenannten Art,
sie sind jedoch spärlicher vorhanden. Die Pigmentanhäufung am Oesophagus deutlich. Der
Schwanz des Männchens ist wie bei 7%. denticaudata Schnd. gestaltet, mit welcher Art unser
Thier überhaupt viel Aehnlichkeit hat. Es findet sich nämlich dicht vor der abgerundeten
Schwanzspitze auf der Bauchseite ein zahnartiger Vorsprung. Am äussersten Schwanzende wie
bei TA. globicaudata jederseits vier kurze Börstchen. Spiculi mehr oder weniger ungleich,
röhrenförmig (Fig. 33e). Die accessorischen Stücke sind in der Mitte auf eine kurze Strecke
verwachsen, hinterer Fortsatz derselben ansehnlich, kolbenförmig. Jederseits hinter dem After
vier bis fünf stärker entwickelte Borsten, vor demselben etwa fünfzehn Papillen, deren gegen-
seitige Entfernung nach vorn an Grösse zunimmt und die allmälig in die Hautpapillen der
Bauchseite übergehen.
Körperlänge 10 und mehr Millimeter. Oesophagus etwa !/s, Schwanz Yıoo der Gesammt-
länge. Die Verschiedenheit der Körperlänge und des männlichen Schwanzendes bestimmen
mich, die hier beschriebenen Thiere für eine besondere, wiewohl Th. denticaudata Schn. nahe
verwandte Art zu halten.
Fundort: Austernbänke bei Sylt, in Gesellschaft der vorher beschriebenen Art, wohl
sehr häufig.
Sphaerolainmns Bast. Monogr. 8. 157.
Man vergleiche die Bastian’sche Gattungsbeschreibung.
Sphaerolaimus hirsutus Bast. (Fig. 32a—b. Taf. VID.
Von dieser interessanten Art habe ich nur Weibchen und auch diese nur flüchtig gesehen.
Die Fig. 320 sucht die interessanten Verhältnisse des Kopfendes, namentlich der Mundhöhle,
wiederzugeben. Der vordere sich nach vorn verengernde Abschnitt der Mundhöhle ist längs-
gestreift, hierauf folgt ein mittlerer stark chitinisirter Abschnitt, der granulirt und ziemlich
dunkel erscheint. Der hinterste Abschnitt scheint auf seinem Grunde einige Verdickungen zu
tragen. Um den Kopf stehen zwei Borstenkränze, der hintere aus sehr langen Borsten zu-
sammengesetzt. Ein ziemliches Stück hinter dem Kopfende finden sich kreisförmige Seiten-
organe (Fig. 324 und 325), dieselben sind tief in die Cuticula eingesenkt und vom Grunde
der Einsenkung erhebt sich ein blasser Körper. Der Nervenring liegt etwa um die Mitte des
Oesophagus. Ansehnlich breite Seitenlinien sind vorhanden.
Fundort: Kieler Hafen, Strandzone.
Spiülophora Bast. Monogr. p. 165.
Gattungscharaktere: Körper mässig langgestreckt; die beiden Enden meist ansehnlich verjüngt
(das Vorderende nicht immer). Cuticula dick, entweder gleichmässig und stark geringelt, oder die tieferen
Schichten enthalten Querreihen dunkler Körperchen, so dass die Cuticula ein punktirtes Aussehen erhält. Die
Seitenlinien werden häufig durch Längsreihen stärkerer Punkte bezeichnet oder es sind die Ringel der Cuticula
durch eine Anzahl Längslinien in einzelne Querstücke getheilt. Um die Mundöffnung sechs zarte Borsten-
papillen, dahinter vier stärkere Borsten. Die Leibesborsten zeigen grosse, Verschiedenheit in ihrer Entwicke-
ächlich in den Submedianlinien. Mundhöhle bald
lung, sind jedoch gewöhnlich vorhanden und stehen haup
tiefer, bald flacher, bis flach schüsselförmig, erweiterungsfähig; eigenthümlich längsgerippt, an ihrem Grunde
auf der Rückseite gewöhnlich ein kurzer, schwer bemerkbarer Zahn. Die Chitinintima ist auf eine kleine
Strecke hinter der Mundhöhle häufig verdickt und dieser Abschnitt des Oesophagus überhaupt stärker ent-
wickelt. Der fibrilläre Oesophagus schwillt nach hinten meist zu einem Bulbus an; letzterer enthält nie
einen Klappenapparat. Seitenorgane wenn- vorhanden, spiralig. “Wo sie fehlen findet sich jederseits
an ihrer Stelle ein kurzes, papillenartiges Gebilde auf der Cuticula. Darm aus zwei oder mehr Zell-
reihen zusammengesetzt. Längslinien häufig gut entwickelt. Polymyarier (ob sämmtliche?). Ventral-
drüse fehlt gewöhnlich. Schwanzdrüse dreizellig, auf den eigentlichen Schwanz beschränkt; ihre Mün-
dung ist gewöhnlich röhrenförmig verlängert. Weibliche Geschlechtsorgane symmetrisch paarig.
Spieuli doppelt, gekrümmt. Zwei accessorische Stücke entweder getrennt oder verwachsen, ohne
hinteren Fortsatz, Vor dem After beim Männchen entweder eine mediane Reihe von Drüsenöffnungen oder
zwei seitliche Papillenreihen.
Es scheint sehr wahrscheinlich, dass die Arten, welche ich hier in der Bastian’schen
Gattung Spilophora unterbringe, bei einer späteren ausgebreiteteren Kenntniss schärfer getrennt
werden müssen. Marion hat für eine Anzahl hierher gehöriger Thiere auch schon, wie wohl
ohne Kenntniss der Bastian’schen Arbeit, neue Namen geschaffen. Ich fühle mich jedoch vor-
erst nicht bewogen, dieselben zu adoptiren und ziehe einstweilen die Zusammenfassung der
immerhin nahe verwandten Thiere unter dem Bastian’schen Gattungsnamen vor.
1. Spilophora inaegwalis Bast.(?) Monogr. p. 166 (Fig. 230—d. Taf. V. und VI.)
Vorderende verhältnissmässig nur wenig, das Hinterende hingegen ansehnlich zu einem
fadenförmigen Schwanz verschmälert. Cuticula ansehnlich dick; Ringlung punktförmig; jeder-
seits längs der Seitenlinien zwei Reihen etwas grösserer Punkte. Sehr schwache Seitenmem-
branen. Körperborsten kurz, jedoch zahlreich. Am Kopfende vier grössere, jedoch nur wenig
über die Kopfspitze hervorragende Borsten. Mundöffnung von sechs zarten Borstenpapillchen
umgeben. Mundhöhle je nach ihrem Erweiterungsgrad bald flacher, bald tiefer, ihr vorderer
Abschnitt sehr deutlich strahlig gezeichnet. Am Grund der Mundhöhle auf der Rückseite ein
niedriger Zahn. Die Oesophagusintima in der vorderen Anschwellung des Oesophagus etwas
verdickt und die Röhre erweitert. Hintere Anschwellung des Oesophagus deutlich, jedoch nicht
sehr ansehnlich. Darm aus vielen Zellreihen zusammengesetzt. Spieuli schlank gekrümmt.
Accessorische Stücke mässig gross, in ihrer unteren Hälfte verwachsen. Vor dem After
des Männchens in der Bauchlinie 21 bis 22 stark chitinisirte Bauchdrüsenöffnungen (nach
Bastian nur 15).
Die von mir gesehenen Thiere erreichen eine etwas beträchtlichere Körperlänge, als die
von Bastian gesehenen; sie maassen etwa 1,3 mm., der Oesophagus erreichte !/s, der männ-
liche Schwanz !ıo der Gesammtlänge.
Nur eine Revision der englischen Spiloph. inaequalis Bast. dürfte mit Sicherheit ent-
scheiden lassen, ob die hiesigen Thiere mit den englischen wirklich identisch sind.
Fundort: Kieler Bucht in der Strandzone, scheint sich jedoch auch in sehr salzarmem
Wasser zu finden.
2. Spilophora setosa n. sp. (Taf. VI. Fig. 25«—b.).
Beide Körperenden, hauptsächlich jedoch das hintere, verschmälert. Cuticula_ ansehnlich
dick. Ringelung punktförmig, jederseits längs der Seitenlinien zwei Reihen grösserer Punkte.
Die vier Kopfborsten sehr ansehnlich, ragen weit über die Kopfspitze hinaus. Die Leibes-
borsten sind gleichfalls zum Theil recht gross. Beschaffenheit der Mundhöhle und des vorderen
Endes des Oesophagus ist so ziemlich wie bei der vorher beschriebenen Art. Die hintere An-
schwellung des Oesophagus viel beträchtlicher als bei Sp. inaequalis. Der Darm scheint sich
nur aus wenigen Zellreihen zusammenzusetzen.
Fundort: Kieler Bucht, Strandzone.
Spilophora costata Bast. Monogr. p. 166. (Taf. V. Fig. 22a—d.).
Körper nach beiden Enden hin ohne Unterbrechung verschmälert, das Hinterende läuft in
den ziemlich langen röhrenförmigen Ausführungsgang der Schwanzdrüse aus. Cutieula ansehnlich
dick, durch die stark entwickelten Ringel sehr verdunkelt, so dass das Thier schon durch diese
Eigenthümlichkeit leicht auffällt. Diese Ringel sind auf jeder Körperseite in vier Längslinien unter-
brochen und zwar scheint sich an diesen Stellen jeder Ringel mit einem der zunächstliegenden
Reihe durch eine zarte schiefe Linie zu verbinden. Am Kopf vier mittellange Borsten. Die
Beschaffenheit der Mundhöhle ist sehr ähnlich der der beiden zuerst beschriebenen Spilophoren
(Fig. 22d). Am Hals manchmal einige Borsten. Sechs schwache Lippen, jede mit einer Borsten-
papille. Hinterer Bulbus des Oesophagus recht ansehnlich.
Spieuli nach Bastian leicht gekrümmt und eher breit als lang. Accessorische Stücke?
Fundort: Kieler Bucht in mehreren Faden Tiefe in Gesellschaft des Onchol. vulgaris,
ebenso in Arendal unter ähnlichen Verhältnissen.
Abhandl. d. Senckenb. naturf. Ges. Bd. IX. 36
—_— 232 —
4. Spilophora robusta Bast. Monogr. $. 166. (Taf. VII. Fig 29a—b.)
Vorderende nur sehr wenig verschmälert? stumpf abgerundet; der Schwanz hinter dem
After plötzlich sehr verjüngt, läuft in einen ansehnlichen röhrenförmigen Ausführungsgang der
Schwanzdrüse aus. Cuticula mässig diek mit punctirter Ringelung der tieferen Schicht. Die
Punkte haben hie und da sehr merkwürdige Formen (Fig. 295). Besonders ausgezeichnete
Längsreihen von Punkten fehlen. Mundhöhle tief, längsgestreift; drei eigenthümlich gestaltete
starke Chitinstücke setzen sich hinten an sie an, liegen jedoch schon im eigentlichen Oesophagus
(Fig. 29a). Das Vorderende des letzteren ist leicht angeschwollen und in der Gegend des
Hinterendes der erwähnten Chitinstücke etwas ringförmig eingeschnürt. Der gesammte hierauf
folgende Theil des Oesophagus von ziemlich gleichem Durchmesser. Besondere Kopfborsten
fehlen. Ueber den gesammten Leib stehen kurze feine Börstchen. Spiralige Seitenorgane in
der Höhe der Mundhöhle. Um die Mundöffnung sechs Borstenpapillen, jede mit zwei Börstchen,
innerhalb dieses Papillenkreises vielleicht noch ein zweiter. Darm vielzellig, tief braun. Die
Ventraldrüse mündet ungefähr der Mitte des Oesophagus gegenüber. Seitenlinien aus zwei bis
drei Zellreihen bestehend, von etwa !/s der Körperbreite. Polymyarier. Weibliche Geschlechts-
organe symmetrisch paarig, Ovarien umgeschlagen, verhältnissmässig sehr klein. Spiculi mässig
gross, gekrümmt, zwei accessorische Stücke von halber Spieulilänge (vielleicht verwachsen ?).
Zwei Reihen von ungefähr je sieben Papillen vor dem After des 3. Hoden paarig.
Gesammtlänge etwa 2,5 mm.
Oesophagus . . Yr—!s ;
der Körperlänge.
Schwanz! #75 var Ya0
Fundort: Kieler Bucht in einigen Faden Tiefe.
5. Spilophora commwunis n. sp. (Taf. VI. Fig. 27«—b. Taf. VII. Fig. 27c—d).
Beide Körperenden, vorzüglich jedoch das hintere, verjüngt; Kopfende ziemlich abgerundet,
vier Kopfborsten (dahinter jedoch zuweilen noch vier ähnliche grosse). Cuticula dick; sehr
stark geringelt, daher ist das gesammte Thier sehr dunkel bräunlichgrün. Die Ringelung nimmt
von beiden Enden nach der Mitte des Körpers an Feinheit zu. Der Körper des Weibchens
ist vor und hinter der Vulva auf eine nur kurze Strecke ziemlich angeschwollen, was davon
herrührt, dass die Geschlechtsorgane sich über eine verhältnissmässig nur sehr kurze Strecke aus-
dehnen. Ueber den gesammten Leib stehen sehr feine kurze Börstchen. Mundhöhle klein,
von ähnlicher Beschaffenheit wie die der früher beschriebenen Spilophoren, indem sie in ihrem
vorderen Abschnitt eine strahlige Beschaffenheit besitzt und in ihrem Grund ein Zähnchen trägt.
_- 283 —
In der Höhe der Mundhöhle ein spiraliges, sehr hell ’erscheinendes Seitenorgan. Seiten- und
Medianlinien mit körnigen Kernen sind vorhanden. Ventraldrüse? Schwanzdrüse dreizellig, ihr
Ausführungsgang röhrenförmig. Hoden einfach, nicht umgeschlagen. Spieuli bläulich, gekrümmt,
mässig gross, oberes Ende etwas knopfförmig erweitert. Accessorische Stücke halb so lang als
die Spieuli (ob verwachsen?). Männliche Papillen nicht beobachtet.
Maasse: Gesammtlänge bis 2,5 mm.
Ossopnagus.,. ©. > 10
} der Gesammtlänge.
DEHWARZET. 0
Fundort: Kieler Bucht, häufig in Gesellschaft des Oncholaimus vulgaris in mehreren
Faden Tiefe.
6. Spilophora oxycephala.n. sp. (Taf. VII. Fig. 28a—c).
Das Kopfende ist mehr als bei den sämmtlichen übrigen Arten verjüngt, das Schwanzende
gleichmässig zugespitzt. Cuticula von mässiger Stärke, bräunlich gefärbt, einfach geringelt.
Am Kopf vier grössere submediane Borsten, je eine kleine in den Seitenlinien; einige kurze
Börstchen am Körper. Kleine spiralige Seitenorgane dicht hinter der Kopfspitze. Mundhöhle
klein und undeutlich. Oesophagus hinten zu einem ansehnlichen Bulbus anschwellend. Darm
braun, aus drei Zellreihen bestehend. Seitenlinien breit, drei Zellen in der Quere, Medianlinien
vorhanden. Polymyarier. Weibliche Geschlechtsorgane symmetrisch paarig; Ovarien sehr lang,
scheinen nicht umgeschlagen. Hoden einfach, nicht umgeschlagen. Spiculi fast in einem rechten
Winkel gekrümmt, oben mit einem etwas hakenförmigen Ansatz, über der Mitte etwas ange-
schwollen, tief braungrün. Accessorische Stücke etwa halb so lang wie die Spieuli (ob
verwachsen ?).
Fundort: Kieler Bucht in einigen Faden Tiefe in Gesellschaft des Onchol. vulgaris.
Chromadora Bast. Monogr. S. 167.
Die Angehörigen dieser Gattung unterscheiden sich von den typischen Spilophoren nur so wenig, dass
es wohl nicht ungerechtfertigt sein würde, beide Gattungen zusammenzuziehen. Da jedoch die Gattung Spilo-
phora selbst, wie erwähnt, noch näherer Sichtung bedarf, so lasse ich vorerst die Gattung Chromadora in der
Begründung, die ihr Bastian gab, bestehen. Die unterscheidenden Merkmale von Spilophora sind. eigentlich
nur das Vorhandensein von drei kleinen Zähnchen auf dem Grunde der Mundhöhle, die in ihrer sonstigen Be-
schaffenheit wie bei Spilophora sich darstellt und ferner die gewöhnlich vorhandenen paarigen,
rothen Ocelli.
Ich irabe früherhin schon gezeigt, dass diese Gattung sowohl marine als auch Süsswasser-
Thiere einschliesst.
_ 284 —
Chromadora germanica n. sp. (Taf. VI. Fig. 25a—b).
Körper nach beiden Enden nur wenig verschmälert. Cuticula mässig dick, gut geriugelt,
in die einzelnen Ringel sind kleine längliche dicke Körperchen eingelagert, Vier Kopfborsten,
welche das Kopfende nur wenig überragen. Ueber die vordere Leibeshälfte sind kleine Börst-
chen zerstreut. Ausführungsgang der Schwanzdrüse röhrenförmig. Spiculi ziemlich lang, gleich-
mässig gekrümmt. Accessorische Stücke halb so lang wie die Spieuli. In der Bauchlinie stehen
vor dem After des .S' achtzehn chitinisirte Drüsenöffnungen (?), zwischen den beiden vordersten
ein viel bedeutenderer Abstand als zwischen den übrigen.
Fundort: Kieler Bucht in Mud aus einigen Faden Tiefe..
Die Chromadora natans Bastian’s habe ich in Arendal mehrfach im Auftrieb gefunden.
Oyatholaimus Bast. Monogr. p. 162.
Gattungscharaktere: Körper mässig langgestreckt, hauptsächlich das Hinterende verjüngt.
Cuticula von mässiger Stärke, fein geringelt oder mit Punktreihen, ähnlich wie bei Spilophora, ausgestattet.
Kopfborsten vorhanden (sechs deutlich, vielleicht jedoch auch zehn). Leib mit oder ohne Borsten.
Mundhöhle mässig gross, ungefähr so tief wie breit, längs gerippt, zuweilen im Grunde ein zahnähnlicher
Vorsprung, ähnlich wie bei Spilophora. Oesophagus nach hinten nur sehr allmälig etwas anschwellend
(immer ohne Bulbus). Seitenorgane zuweilen vorhanden. Ocelli nicht immer anwesend. Längslinien
reichlich entwickelt, grosse körnige Zellen enthaltend. Nervenring deutlich. Ventraldrüse? Schwanz-
drüse dreizellig, auf den eigentlichen Schwanz beschränkt; ihre Mündung mehr oder weniger röhrenförmig
ausgezogen. Weibliche Geschlechtsorgane paarig, symmetrisch Hoden einfach, Spiculi
mässig gross, wenig gekrümmt; ein oder zwei Paar accessorische Stücke. Am männlichen Schwanz
keine deutliche Papillen.
1. Oyatholaimus dubiosus n. sp. (Fig. 31a-—-b).
Vorderes Körperende mässig, hinteres ansehnlich verjüngt in den röhrenförmigen Aus-
führungsgang der Schwanzdrüse auslaufend; sechs bis zehn (?) mässig lange, nach vorn gerichtete
Kopfborsten. Mundhöhle mit zahnartigem Vorsprung am Grunde. Sechs niedere Lippen um den
Mund angedeutet. Ringelung fein. Keine Börstchen am Körper, nur vor dem After des .S zu-
weilen einige (etwa vier) sehr kurze Börstchen in einer Längsreihe. Spiculi mässig, nur ein
Paar hinterer accessorischer Stücke.
Maasse: Gesammtlänge 1,3 mm.
a Oesophagus . !r i
der Gesammtlänge.
Schwanz . . !ıo
Grösste Breite 0,04—0,045 mm.
Vulva in der Körpermitte.
Fundort: Kieler Bucht, Strandzone und in einigen Faden Tiefe.
— 285 —
2. Cyatholaimus proximusn. sp. (Taf. VII Fig. 30«—b.)
Kopfende weniger verschmälert als bei der vorherigen Art; Hinterende ähnlich gestaltet,
jedoch stumpfer als bei ©. dubiosus. Cuticula mässig dick und fein geringelt. Kopfbörstchen
sehr klein, sechs deutlich. Mundhöhle ähnlich wie bei O. dubiosus (ob ein zahnartiger Vor-
sprung?). Oesophagus viel kürzer. Kurze Börstchen in den Submedianlinien am gesammten
Leib. Längslinien ähnlich entwickelt wie bei der vorherigen Art. Spieuli und accessorische
Stücke fast in gleicher Weise wie bei O. dubiosus gebildet. Auch hier vor dem männlichen
After einige kurze, dicht beisammen stehende Börstchen.,
Maasse: Gesammtlänge 1,4 mm.
ÖOesophagus. . Ye j
der Gesammtlänge.
Schwanz. . . Yız
Vulva in der Mitte des Körpers.
Fundort: Strandzone der Kieler Bucht in Gesellschaft der vorhergehenden Art.
Odontophora n. G.
Gattungscharaktere: Körper nach beiden Enden hin, hauptsächlich jedoch nach hinten, ver-
Jüngt. Mundhöhle ansehnlich trichterförmig. Um die Mundöffnung stehen in den Seiten des bekannten
Dreiecks drei ansehnliche spitzige, stark chitinisirte Zähne, die nach Innen zusammengeklappt werden können,
Am Kopf und Leib Borsten. Oesophagus mit hinterer bulböser Anschwellung. Weibliche Geschlechts-
organe symmetrisch paarig. Männliche Geschlechtsorgane?
Odontophora marinan. sp. (Taf. II Fig. 13).
Die einzige bis jetzt gefundene hierher gehörige Art. Die leider schon in sehr schlechtem
Zustande befindlichen Thiere schienen eine ungeringelte Cuticula zu besitzen. Ein Thier mit
noch unentwickelten Geschlechtsorganen hatte eine Gesammtlänge von 1,6 mm.,
einen Oesophagus von etwa "la
f der Gesammtlänge.
einen Schwanz u Us
Grösste Breite 0,035 mm.
Fundort: Austernbänke bei Sylt.
. Mund.
. After.
. Mundhöhle.
. Oesophagus.
. Nervenring.
. Bauchnervenstrang.
. Nervenfädchen.
. Seitenorgan.
. Mündung der Schwanzdrüse.
. Seitenlinie.
. Medianlinie.
. Bauchlinie.
. Rückenlinie.
. Ventraldrüse.
. Schwanzdrüse.
. Bursalmuskeln des Männchens.
. Vulva.
. Vas deferens.
. Spiculum.
. Accessorisches Stück.
. Ocellus.
. 1.2
Fig. 1. Dorylaimus maximus Bütschli. Q
Fig. 2. Larve
Erklärung der Abbildungen.
Bedeutung der Buchstabenbezeichnung.
Zahn in der Mundhöhle.
Porus der Seitengefässe oder der Ventraldrüse,
Darm.
Muskel.
Papille.
1a. Vorderende in seitlicher Ansicht.
1b. Hinterende in seitlicher Ansicht.
le. Vulva mit dem sie umgebenden Drüschen von der Seite gesehen. vg. Vagina.
eines parasitischen Nematoden aus Kuhmist.
2a. Ansicht von der Bauchfläche. g. Drüsenschlauch.
2b. Stacheln der Cuticula stärker vergrössert.
Fig.
Fig.
Fig.
Fig.
Fig.
Fig.
Fig.
Fig.
Fig.
Fig.
Fig.
Fig.
5.
N)
„
(en)
Abe
— 237 —
. Diplogaster inermis Btli. Vorderende in seitlicher Ansicht.
. Diplogaster longicaudatus Btschli. Kopfende in seitlicher Ansicht.
Aphelenchus foetidus Btli.
5a. Kopfende in seitlicher Ansicht. a
5b. Schwanzende des g' von der Bauchfläche gesehen.
5c. Schwanzende des g' in seitlicher Ansicht.
. Monhystera veloxw Bast.
6a. Kopfende des @ in seitlicher Ansicht.
6b. Schwanzende des Q in seitlicher Ansicht.
. Monhystera ambiguoides Btli. Kopfende des @ in seitlicher Ansicht.
. Monhystera socialis Btli.
8a. Kopfende des © in seitlicher Ansicht.
8b. Kopfspitze stärker vergrössert, seitliche Ansicht,
8c. Hinterende des @ in seitlicher Ansicht.
8d. Hinterende des J' in seitlicher Ansicht.
. Monhystera elongata Btli.
9a. Kopfende in seitlicher Ansicht.
9d. Schwanzende in seitlicher Ansicht.
9e. Hinterende des g’ in seitlicher Ansicht.
9b. Hinterende des © in seitlicher Ansicht.
. Monhystera ocellata Btli.
10a. Kopfende des Z in seitlicher Ansicht.
10b. Spieuli und accessorisches Stück von der Bauchseite gesehen.
10e. Hinterende des S' von der Seite gesehen.
. Monhystera setosa Btli.
1la. Kopfende des 5° von der Seite gesehen.
115. Hinterende des g.
. Tripyla marina Btli.
12a. Vorderende in seitlicher Ansicht.
12b. Kopfspitze von der Bauchseite gesehen.
12c. Hinterende des © in seitlicher Ansicht.
12d. Spieuli und accessorisches Stück in seitlicher Ansicht.
. Odontophora marina Btli.
Vorderende in seitlicher Ansicht (die Borsten sind, da das Thier schon in defectem Zu-
stand war, nur. zum Theil angegeben).
. Comesoma profundis Bast.
Kopfspitze des @ von der Bauchseite gesehen.
. Linhomoeus hirsutus Bast.
15a. Vorderende des Q in seitlicher Ansicht.
15b. Hinterende des © in seitlicher Ansicht.
15c. Seitenorgan im optischen Durchschnitt.
15d. Ein Stück des Leibes von der Seite gesehen.
15e. Längslinie im optischen Längsschnitt.
. Linhomoeus tenwicaudatus Btli.
16a. Ein Weibchen in seitlicher Ansicht.
165. Vorderende in seitlicher Ansicht.
16e. Aftergegend des g’ in seitlicher Ansicht.
Linhomoeus mirabilis Btli.
17a. Vorderende des @ in seitlicher Ansicht.
175. Hinterende des @ in seitlicher Ansicht.
17c. Die beiden Vulven im optischen Längsschnitt.
17d. Die beiden Vulven von der Fläche gesehen,
Fig.
Fig.
Fig.
Fig.
Fig.
1%
. 22.
27.
. 29.
‘je. 30.
. Oxystoma elongata Btli.
= 288 —
18a. Vorderende des g' in seitlicher Ansicht.
185. Hinterende des 5’ in seitlicher Ansicht.
18c. Seitenorgan im optischen Längsschnitt.
18d. Gesammtansicht des g'.
Anticoma limalis Bast.
19a. Kopfspitze von der Bauchseite gesehen.
19b. Die Halsborsten mit den zugehörigen Nervenfäden.
19e. Hinterende des g’ in halb seitlicher Ansicht.
19d. 2 Spermatozoen.
19e. Hinterende des 9.
. Anoplostoma setosa Btli.
20a. Ein Weibchen in seitlicher Ansicht.
20b. Kopfspitze in seitlicher Ansicht.
20e. Hinterende des @ von der Bauchseite gesehen.
21. Anoplostoma vivipara Bast.
21a. Hinterende des 5’ in halbseitlicher Ansicht.
215. Hinterende des ' von der Bauchseite gesehen.
Spilophora costata Bast.
22a. Vorderende eines Q von der Seite gesehen.
22. Hinterende eines @ von der Seite gesehen.
22c. Ein Weibchen.
22d. Kopfspitze vom Rücken gesehen.
Spilophora inaequalis Bast.
23a. Kopfende vom Rücken gesehen.
23b. Optischer Längsschnitt der Cutienla in der Gegend der Seitenlinie.
23c. Die punktförmige Zeichnung der Cuticula.
23d. Hinterende des ' von der Rückseite gesehen.
. Spilophora setosa Btli.
25a. Vorderende des @ von der Bauchseite geschen.
(&. Die papillenartigen Körperchen an Stelle der Seitenorgane.)
255. Hinterende des @ von der Bauchseite gesehen.
. Chromadora germanica Btli.
26a. Kopfspitze von der Seite gesehen.
26b. Hinterende des 5’ von der Seite gesehen.
(Die Ringelung ist nicht angegeben.)
Spilophora communis Btli.
spitze von der Seite gesehen.
27b. Börstchen über den Längslinien.
27e. Vorderende in seitlicher Ansicht.
27d. Hinterende des g' in seitlicher Ansicht.
. Spilophora owycephala Btli.
28a. Vorderende in seitlicher Ansicht.
28b. Seitenorgan.
28c. Hinterende des 5 in seitlicher Ansicht.
Spilophora robusta Bst.
29a. Vorderende in seitlicher Ansicht.
29. Einige der dunkeln Körperchen der Cuticula in der Flächenansicht (vom Hinterende).
Cyatholaimus proximus Btli.
30a. Vorderende in seitlicher Ansicht.
305. Hinterende des in seitlicher Ansicht.
Fig. 31. Cyatholaimus dubiosus Btli.
31a. Vorderende in seitlicher Ansicht,
31. Hinterende des g' in seitlicher Ansicht.
Fig. 32. Sphaerolaimus hirsutus Bast.
52a. Vorderende in seitlicher Ansicht.
325. Seitenorgan im optischen Längsschnitt.
g. 33. Thoracostoma Schneideri Btli.
3a. Vulva und Umgebung in der Flächenansicht.
db. Vorderende in seitlicher Ansicht.
ce. Hinterende des 5’ in seitlicher Ansicht.
33d. Accessorisches Stück von der Bauchseite betrachtet.
33e. Die Spieuli.
Fig. 34. Thoracostoma globicaudata Schnd. \
34a. Kopfende in seitlicher Ansicht.
34b. Körnige Masse und Krystalle in der Leibeshöhle junger Thiere.
34e. Hinterende des g’ von der Bauchseite betrachtet.
Fig. 35. Enoplus communis Bst.
35a. Kopfspitze in seitlicher Ansicht.
35b. Cutieula im optischen Längsschnitt.
E Schwanzspitze.
. 36a. Kopfende von Enoplus paradoxus Btli. in der Ansicht von der Rückseite.
365. Nervenring von der Bauchseite geschen.
Fig. 37. Oncholaimus vulgaris Bst.
37a. Kopfende in seitlicher Ansicht.
375. Hinterende des g’ in seitlicher Ansicht.
38. Kopfende von Onchol. viscosus Bast. in seitlicher Ansicht.
Fig. 39. Oncholaimus albidus Bst.
39a. Kopfende des @ in seitlicher Ansicht.
395. Ein Weibchen.
=
®
Abhandl. d. Senckenb. naturf. Ges. Tsd. IX. 37
Zur Erläuterung der Verwandtschaftsverhältnisse der von mir beobachteten
Gattungen der. freilebenden Nemateden.“)
Ss
TRIPYLA
CHROMADORA__ 7
I TRILOBUS
COMESOMA
LINBOMO\EUS
MONHYSTERA
/
TYLENEHUS - i
DORYLAIMUS ' [ /
ANGUILLULA / DIPLOGASTER
{RHABDITIS
ANOPLUSTO MA
ANTIGOMA
/ \ ENOPLUS
ONGHOLAIMUS \ THORACOSTOMA
MONONOHUS
Eine Anzahl parasitischer Nematoden,
nämlich: Die parasitischen Rhabditiden,
Nemaltoxys
Oxyuris
und diejen
sen mit rhabllitisförmigen Larven.
Diese Anordnung der mir bekannten Geschlechter der freilebenden Nematoden ‘in Form eines Stamm-
die wirklichen Abstammungsverhältnisse unserer Thiere verdeutlichen, denn zur Con-
zt noch die nöthigen Bedingungen,
mes soll nicht etwa
ruction eines derartigen Stammbaumes fehlen meines Erachtens nach bis j
hen Beobachtungen. Durch obige Anordnung will
Ss
hauptsächlich die in dieser Hinsicht wichtig
ich daher nur die Verwandtschaftsverhältnisse der Geschlechter, wie sie sich auf Grund der anatomischen
'
i
ten embryologise
ichkeiten der reifen Thiere bis jetzt herausgestellt haben, erläutern und dies scheint mir immerhin
sines Stammbaumes am fasslichsten. Im Speciellen muss es natürlich für jetzt unentschieden
ealogie der Geschlechter en der Wahrheit sich
sehr fraglich erscheinen muss,
in Form «
eiben, ob durch diesen Stammbaum auch die wirkliche Gen
es vorerst noch
ihernden Ausdruck gefunden hat, namentlich deshalb, we
an
welche Formen für die ältesten angesprochen werden dürfen.
*) Einige Gattungen haben in dieser Zusammenstellung keine Aufnahme gefunden, weil sie bis jetzt noch zu mangel-
haft bekannt sind.
2)
Synopsis der mir persönlich bekannt gewordenen Gattungen der freilebenden
Nematoden.
Hinterer Bulbus mit Klappenapparat, meist mit
kreisförmigen Seitenorganen. 5 stets ohne
Bürsan..., EUER BER . Anguillula.
(Plectus, Cephalebus , Anguillule.)
> Hinterer Bulbus mit Klappenapparat, 5 mit
papillenführender Bursa; oder ohne Klappen-
apparat und dann das Z ohne Bursa. Kein
Stachel oder Zahn in der Mundhöhle. Keine
BEIBEHOTEBNGRTS 2.0 SE RTNBdRS
Mit papillenfreier
A. Oesophagus mit Mit 2 Bulbi.*) - Bursa . ... . Tylenchus.
2 Bulbi oder das 5
hintere Drittel des- Mundhöhle
selben ‘ansehnlich mit 1 soliden
verdickt. Stachel.
Hinterer Bulbus
ohne Klappen-
apparat.
Ohne Bursa, der
hintere Bulbus
häufig undeutlich Aphelenchus.
Mit Zähnen in der meist recht
weiten und tiefen Mundhöhle . Diplogaster.
Hinteres Drittel des Oesophagus stark verdickt. (Ein hohler Stachel
ragt 1n-die Mundhöhle) MS ans Fin BURN U aan» Dosylarmus;
gerippt, meist mit einem schwachen Zähnchen am
EN ar BETA NSPRERHOHER
Mundhöhle lär
Boden; keine Oc
B. Oesophagus mit
einem hinteren Bul-
bus ohne Klappen-) Mundhöhle läı
apparat. **)
gerippt mit 3 Zähnchen, fast immer Ocelli. . . . Chromadora.
Mit 3 zahnartigen beweglichen Fortsätzen um die Mundöffnung . . "Odontophora.
*) Bei dem Genus. Aphelenchus ist der hintere Bulbus gewöhnlich nicht ausgebildet, sondern der diesem entsprechende
Absehnitt des Mn dem eigentlichen Darm ähnlich: entw It.
**) Bei der Art Spilophora robusta Bast. fehlt der Bulbus, e
ist die am meisten abweichende Art dieser Gat
Absatz).
Mundhöhle ohne
Zähne, in einem
Genus 3 vorn zwei-
zähnige Chitinplat-
ten in derselben.
Mundhöhle tief
und weit, sechs-
seitig mit 1 bis 3
Zähnen, die durch
Hervorragungen
der Chitinwände
€. Oesophagus ohne Bulbus (nur zuweilen
MännlichesSchwanz-,
ende ohne Papillen,
Zwei Reihen Papillen
oder Borstenpapil-
len beim vor
oder neben dem
After.
vor den After
gebildet werden.
Mundhöhle mit einem rückens
eigentlichen Schwanz beschr
Mundhöhle mit 3 Zähnen;
292
am Hinterende ein kleiner, nicht besonders angeschwollener
Mundhöhle längs gerippt, mässig gross, schüssel-
förmig- - . ER ee
schüsselförmig,
Mundhöhle klein, becher- bis
örmige
ohne jede weitere Auszeichnung ; kreis
Seitenorgane IE ERORERLT?:
en Seitenorganen
Mit spiralförm
Mundhöhle sehr klein, Kopfende fast nicht ver-
jüngt, Seitenorgane kreisförmig; accessorische
Stücke mit hinterem Fortsatz
klein, becherförmig, Seitenorgane
Mundhöhle
3lappiger hinterer Absatz des Oeso-
fehlen;
phagus
Mundhöhle fehlt, Seitenorgane gleichfalls .
Mundhöhle sehr klein, an den Seiten des Halses
eine Reihe kleiner Börstehen dicht beieinander;
einige Borstenpapillen vor dem After des J'in
zwei Längsreihen;,; eine Drüsenöffnung
Chitinkappe auf der Kopfspitze, Mundhöhle klein;
zwei Längsreihen von Papillen vor dem After
des 5, eine Drüsenöffnung; accessorische Stücke
mit hinterem Fortsatz
Drei starke Chitinplatten mit je zwei vorderen
Zähnen in der Mundhöhle; vor und hinter dem
After des g' zahlreiche Borstenpapillen in 2
Längsreihen; eine Drüsenöffnung . . 2. »
Tiefe sechsseitige Mundhöhle ohne weitere Aus-
zeichnung, jederseits neben dem After des J'
eine Papillenreihe (nur wenig Papillen)
indigen Zahn; Schwanzdrüse auf den
1 las (0) os n D e e Ee
Schwanzdrüse reicht weit
Ventraldrüs
Cyatholaimus.
Monhystera.
Comesoma.
Linhomoeus.
Trilobus.
Tripyla.
Anticoma.
Thoracostoma.
Enoplus.
Anoplostoma.
Mononchus.
Oncholaimus.
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\
Ueber Entwicklung der Allantois, der Müller’schen Gänge
und des Afters.
Von
Dr. E. Gasser.
Mit 3 Tafeln.
Einleitung.
Die Entwicklung der Allantois, die Entstehung, Ausbildung und das Vergehen der
Müller’schen Gänge sind schon so vielfach Gegenstand der gründlichsten wissenschaftlichen
Untersuchungen von Seiten der bedeutendsten Forscher auf dem Gebiete der Entwicklungs-
geschichte gewesen, dass es schon mit Rücksicht auf die grosse Zahl und umfassende Aus-
führlichkeit der früheren Beobachtungen überflüssig erscheinen möchte, von Neuem dieselben
Gegenstände zu behandeln. Wenn man indessen genauer die Geschichte unserer Kenntniss
der Entwicklung genannter Organe verfolgt, so wird man gestehen müssen, dass gerade die
neuesten Arbeiten theilweise so vollständig mit den bis vor kurzer Frist geltenden Anschauungen
gebrochen haben, dass es schon deshalb geboten erscheint, gestützt auf die jetzt üblichen
besseren Untersuchungsmethoden, eine genaue Controle der neuen Arbeiten vorzunehmen, um
zu ergründen, ob denn die alten Darstellungen ganz und gar unbegründet, vollständig falsch
gewesen sind, und ob die an ihre Stelle getretenen neuen Auffassungen erschöpfend und un-
antastbar ihren Gegenstand erledigen. Nur die Entwicklung des Afters ist bis jetzt so wenig
behandelt worden, dass erst mit vorliegender Arbeit dieser Punkt der Entwicklungsgeschichte
der allgemeinen Kenntniss näher gebracht, in die Reihe der weiterhin zu erörternden Fragen
eingeführt wird. In den folgenden Gapiteln sollen getrennt besprochen werden:
1. Die Entwicklung der Allantois.
2. Die Entwicklung der Müller’schen Gänge.
3. Die Entstehung des Afters.
Bei jedem einzelnen Capitel werde ich nun wiederum in erste Reihe stellen die Literatur
des Gegenstandes, dann meine eigenen Beobachtungen im Anschluss an die Abbildungen unter
Beschreibung derselben folgen lassen, nebst einer präcisen Schilderung der Entwicklung der
betreffenden Organe und zum Schlusse eingehen auf die Controversen, eine Vertheidigung meiner
Abhandl. d. Senckenb. naturf. Ges. Bd. IX. 37 (Zweite Hälfte.)
— 294 —
Beobachtungen gegen allenfalls im Vergleich mit den jüngst vorausgegangenen Angaben Anderer
auftauchende Zweifel geben, das Unrichtige der früheren Ansichten darthun und bestrebt sein,
die Gründe aufzufinden, welche bewährte Forscher in der Entwicklungsgeschichte in diesem
oder jenem Punkte zu einem unrichtigen Resultate führen konnten.
Die historische Auseinandersetzung, die ganz vorwiegend den Vogel und das Säugethier
berücksichtigt, soll streng chronologisch gehalten sein, um dem Leser ein Bild zu geben, in
welcher Weise nach und nach von den ersten Anfängen an die Erkenntniss der in Rede
stehenden Organe und ihrer Entwicklung wuchs, in welcher Weise die Forschung oft auf Um-
wegen zur richtigen Ansicht gelangt ist. Durch die genetische Darstellung wird zugleich das
Verdienst der früheren Arbeiten gegenüber den späteren, ausführlicheren und genaueren in
genügender Weise gewahrt werden, indem man erkennt, wieviel Richtiges schon in den ältesten
Beobachtungen gelegen war und wieso dieselben die Anregung zu erneuter gründlicher- Forschung
gegeben haben. Schliesslich wird dann noch die historische Betrachtung es rechtfertigen, dass
ich es unternahm, von Neuem dieselben Stoffe als Gegenstand der Untersuchung zu wählen,
weil sich ergeben wird, dass trotz der zahlreichen Beobachtungen doch noch Grund genug
zu Zweifeln der mannigfaltigsten Art blieb. Die hier aufgeführte Literatur macht durchaus
keinen Anspruch auf Vollständigkeit; es kann das nach dem voraus Gesagten auch gar nicht
der Zweck derselben sein; es sind nur die nothwendigen und in die Lehre des betreffenden
Organes besonders eingreifenden Arbeiten, soweit mir dieselben zügängig waren, in erster
Linie berücksichtigt, namentlich sind die älteren Arbeiten, z. B. über Allantois, gänzlich un-
erwähnt geblieben, weil sie eben über die Entwicklung des Organes noch gar keinen Aufschluss
geben, vielmehr eine endlose Reihe von widersprechenden Darstellungen das einzige Resultat
der literarischen Untersuchungen aus so frühen Zeiten sein würde.
Die Schilderung meiner eigenen Beobachtungen stellt sich fast durchgängig als eine zu-
sammenhängende Erläuterung der beigegebenen Figuren dar. Meine Untersuchungen sind vor-
zugsweise an Hühner-Embryonen angestellt; die von mir gewonnenen Resultate sind deshalb
auch nur auf das Huhn zu beziehen. Soweit es mir möglich war, habe ich zur Controle und
zur Vervollständigung meiner eigenen Erfahrungen auch Untersuchungen an Säugethieren zu Hülfe
genommen. Das Detail der Behandlung der als Untersuchungsobjecte verwandten Embryonen
wird bei jedem einzelnen Capitel nachzulesen sein. Eines möchte ich jedoch hier ein für
allemal hervorheben. Ich habe mich nicht gescheut, in bisher üblicher Weise die Bebrütungs-
dauer bei den einzelnen Embryonen anzugeben, obwohl auch meine Erfahrungen in der misslioh-
sten Weise die bekannte Unzuverlässigkeit solcher Zeitbestimmungen bestätigt haben. Scheinbare
— I
Ungenauigkeiten in der Angabe der Zeit des Auftretens bestimmter Vorgänge finden hierin
ihre Erklärung.
Ueber die Methoden der Behandlung und Zerlegung der Embryonen schicke ich noch
folgende allgemeine Bemerkungen voraus. — Zu Anbeginn der entwicklungsgeschichtlichen Unter-
suchungen begnügte man sich damit, entweder den unzerlegten Embryo mit blossem Auge oder
unter der Loupe zu betrachten, durch Maceratiön in seine einzelnen Theile zu zerlegen oder
auch, ihn in anatomischer Weise zu zerstückeln. Späterhin fertigte man dünne Schnitte durch
den Embryonalieib an, nachdem man vorher das Objeet erhärtet hatte, und untersuchte diese
Schnitte bei durchfallendem Lichte mit dem Mikroskope. Ohne Zweifel ist letztere Untersuchungs-
methode vorzüglich für Erkenntniss der feineren Structurverhältnisse unerlässlich. Dass jedoch
für viele Fälle diese durchweg in querer Richtung den Embryo zerlegenden Schnitte namentlich
zur Darlegung schwieriger räumlicher Verhältnisse des Embryokörpers nicht ausreichend sind, ergibt
die seit längerer Zeit geübte Herstellung schematischer Längsschnitte, die aus einer Reihenfolge
von Querschnitten combinirt waren. — Unausbleiblich war es, dass solche »ideale Längsschnitte«
fehlerhaft wurden. — In neuerer Zeit machte sich daher das Bestreben geltend, auch bei Unter-
suchung des hinteren Endes des Embryo feine Längsschnitte zu gewinnen. Es liegen indessen
noch sehr wenige solcher wirklich naturgetreuen Abbildungen vor. Im Laufe meiner Unter-
suchungen wollte es mir scheinen, als ob auf diesem Wege noch Resultate zu gewinnen seien,
die durch noch so sorgfältige Combination von Querschnitten nur unvollkommen zu erreichen
sind. Ich habe deshalb beide Arten von Schnitten nebeneinander angefertigt in Verbindung
mit der Betrachtung der Formen des unzerlegten Embryo unter schwacher Vergrösserung.
Dass auch die erhärtende Flüssigkeit für die Erkenntniss der feineren Structurverhältnisse von
nicht zu unterschätzender Bedeutung ist, leuchtet ein. Vorzüglich in neuerer Zeit sind deshalb
auch die. verschiedensten Reagentien zu dem angegebenen Zwecke verwendet worden. Mit
lebhaftem Bedauern habe ich aber in mehreren gerade der neuesten Arbeiten, wie auch an ein-
zelnen Stellen weiterhin noch besonders hervorgehoben werden. soll, bemerkt, dass bei der
Publication der gewonnenen Resultate ganz versäumt wurde, sowohl die Erhärtungsmethode als
die bisher üblichen Altersbestimmungen beizufügen. In gar manchen Fällen muss die Vernach-
lässigung solcher Angaben angeschuldigt werden, wenn scheinbare Verschiedenheiten der ge-
lieferten Beobachtungen, die in Wirklichkeit nur auf Anwendung verschiedener Methoden
basiren, zu weitläufigen Auseinandersetzungen führen, die der Förderung der Erkenntniss geradezu
schaden. Die meisten meiner Embryonen wurden direct in Alcohol eingelegt. So gut nun auch
der Alcohol sich. für ältere Stadien und überhäupt für die Untersuchung der allgemeinen Leibes-
— 296 —
formen mir bewährt hat, so muss ich doch gestehen, dass ich von seiner Wirkung auf die
Gewebselemente des hinteren Körperendes des Embryo nicht sehr zufrieden gestellt bin. Die
nebenher angewandte Chromsäure und das doppeltchromsaure Kali lieferten mir aber ebenso-
wenig Rühmenswerthes in den ersten Entwicklungsstadien der Hühner-Embryonen. Neuerdings
ging ich deshalb zur Ueberosmiumsäure über; die mit ihm behandelten, danach im Alcohol
gehärteten Objecte gaben mir besonders in der Allantoisentwicklung Aufschlüsse über einzelne
Punkte, welche bei der Alcohölbehandlung allein noch im Unklaren hatten bleiben müssen. Ich
kann die Schönheit der durch Ueberosmiumsäure gewonnenen Bilder in den frühesten Stadien
der Bebrütung beim Fuhn nur rühmen. Bei Besprechung der Controversen werde ich unter
vorzüglicher Berücksichtigung der jüngsten Arbeiten die älteren Leistungen unberücksichtigt
lassen können, weil fast durchweg durch die späteren Forscher die in ihnen berührten noch
zweifelhaften Punkte schon ihre endgültige Erledigung gefunden haben.
I. Entstehung der Allantois.
1. Literatur.
Die Kenntniss einer Eihaut, die mit dem Namen Allantois beim Säugethier belegt wurde,
datirt aus sehr früher Zeit. Es ist jedoch auffallend und höchst charakteristisch für die Beur-
theilung der Kenntniss der Allantois in früheren Zeiten, dass selbst bis in die Tage der exacten
entwicklungsgeschichtlichen Forschung der Begriff der Allantois ein sehr schwankender war,
dass häufig mit demselben Namen ganz verschiedene Eihäute bezeichnet wurden, dass man über
das Vorkommen der Allantois in den verschiedenen Thierclassen noch durchaus im Unklaren
sich befand. Aus den später angeführten historischen Auseinandersetzungen Valentin’s und
K.E. von Baer’s wird sich zur Genüge diese Unsicherheit erkennen lassen; diesen beiden Forschern
gebührt das Verdienst, Klarheit in die Bezeichnung gebracht zu haben. Es wird statt einer nutz-
losen. Wiederholung auf die weiterhin angeführte Stelle in dem Werke Baer’s über Entwicklungs-
geschichte der Thiere,. II. Theil, ebenso auf Valentin’s Entwicklungsgeschichte verwiesen. —
Somit können wir ruhig die früheren Zeiten übergehen und ich glaube hinreichend weit
zurückzugreifen, wenn ich mit C. Fr. Wolff die Betrachtung beginne. Selbst mit diesem
Forscher anfangend, bewegt man sich zunächst in einer Zeit, in der es sich lediglich um
Nachweis und Deutung der Allantois handelt; denn erst in späterer Zeit beginnen die
Versuche, die Entstehung der Allantois zu erforschen.
— 297 —
1768 findet sich bei C. Fr. Wolff in dessen Werke »Ueber die Bild ungdesDarm-
kanals im bebrüteten Hühnchen« die Allantois in Bezug auf ihre Entwicklung gar nicht
berücksichtigt, bei der Tafelerklärung aber sind die Worte Allantois und Nabelbläschen offenbar
. als gleichbedeutend nebeneinander gestellt. Schwankte bei Wolff noch derart die Bezeichnung,
welche Unklarheit müssen wir dann bei noch früheren Forschern, wie Haller, Kuhlemann, Denmann,
Langly, Harvey und Anderen erwarten!
1806 und 1807, Oken und Kieser »Beiträge zur vergleichenden Zoologie, Ana-
tomie und Physiologie. Bamberg und Würzburg.« — Diese Arbeit beschäftigt sich wesent-
lich mit Beantwortung der Frage, was bei einem schon weiter entwickelten Embryo überhaupt
Allantois zu nennen sei, nicht wie sie entstehe und sich entwickele. Im I. Theil pag. 31 erkennt
Oken die bestehende Unsicherheit in der Bezeichnung des Organs an. Er schildert sehr anschaulich,
wie man die verschiedensten Dinge mit diesem Namen belegt habe. Besonders die wechselnde
Gestalt der Allantois bei verschiedenen Thieren begründet die Schwierigkeit der richtigen Er-
kenntniss. Oken nun stellt eine scharfe Trennung auf zwischen Tunica erythroides wie man
die Vesicula umbilicalis bei den Säugethieren nannte, die er in den richtigen Zusammenhang
mit dem Darm bringt, und der Allantois, deren Fortsetzung in den Urachus er untersucht; den
Inhalt der Allantois will Oken aber durchaus nicht ‚als Harn gelten lassen. Das Verhalten
der Allantoisgefässe ist zur Zeit noch ganz dunkel; die Allantois wird als gefässlos dargestellt;
die Umbilicalarterien sind indessen schon bekannt.
1808. J. Fr. Meckel, »Beiträge zur vergleichenden Anatomie.« Leipzig,
II. Heft. I. B. V. Beiträge zur Geschichte des menschlichen Foetus.
Das Vorhandensein einer Cloake als Entwicklungsstadium ist bei dem menschlichen
Embryo richtig erkannt, aber die Entstehung der Allantois ist falsch geschildert, indem sie
von der äusseren. Haut abgeleitet wird; die Elemente dieser werden denen der Harnblase ganz
gleichgesetzt.
1812. J. Fr. Meckel in der Vorrede zu der oben eitirten Arbeit von. Wolff wirft Oken
vor, er habe die Nabelblase für die Allantois angesehen. Man verlangte damals als Beweis
dafür, dass man wirklich Allantois vor sich habe, dass dieselbe sich von der Harnblase aus
aufblasen lasse; aber schon de Graf hatte mit diesem Experimente schlechte Erfahrungen
gemacht; beim Kaninchen gelang dasselbe nicht, weil nach Meckel bei diesem Thiere sehr früh
der Zusammenhang der Höhlung der Harnblase mit der der Allantois durch Verwachsung schwin-
den soll. Auch die zur Deutung verwendeten Gefässe vermehrten theilweise noch die Verwirrung,
weil ihr Verlauf noch nicht genügend erforscht war. — Meckel kennt die Vasa umbilicalia.
Abhandl. d. Senekenb. naturf. Ges. Bd. IX. 38
— 298 —
Es folgen nın Emmert und Höchstetter, »Ueber das Nabelbläschen« Reils
Archiv Band X. Heft 1, pag. 52. Sie vergassen in Folge der Schwierigkeit der Deutung der
Allantois bei verschiedenen Thieren die gewonnenen Resultate und kehrten wieder ganz auf
den alten unrichtigen Standpunkt in der Erkenntniss der Eihäute zurück.
Emmert in seinen »Bemerkungen über die Harnhaut« in Meckel’s Archiv S. 537
beschreibt das Vorkommen der Allantois bei den Nagethieren.
1817. Pander, »Beiträge zur Entwicklungsgeschichte des Hühnchens im Eie.
Würzburg.« Beim Huhn hat hier Pander die Entstehung der Allantois vom Beckenende ganz richtig
gesehen, wie auch seine Abbildungen bestätigen, nennt das Organ aber nicht Allantois, sondern
Chorion. Es scheint zu der Zeit üblich gewesen zu sein, beim Huhn Chorion das zu nennen,
was man als Analogon der Allantois der Säugethiere betrachtet wissen wollte. Die richtige
Erkennung der Beziehung der Allantois zur Ernährung des Embryo lag wohl dieser Gleich-
stellung zu Grunde; die klare Unterscheidung der Eihäute litt indessen gewiss unter der leicht
verwirrenden Benennung.
1820. J. Fr. Meckel in dem »Handbuche der menschlichen Anatomie« IV. Band,
pag. 726 fl. nimmt auch beim Menschen eine Allantois an, will ihr aber keine Beziehung zum
Harnsystem, speciell auch nicht zur Harnblase zugestehen; einen Zusammenhang mit Urachus
und Harnblase nachzuweisen gelang ihm eben nicht; man darf jedoch nicht vergessen, dass
Meckel die Allantois beim Menschen nicht als eine isolirte Blase beobachtet hat.
Es beginnt jetzt die zweite der erwähnten Perioden: man beschäftigt sich mit der Ent-
stehung der Allantois. Der Erste ist hier
1827. C. E. v. Baer, »De ovi mammalium et hominis genesi. Lipsiae.« Er gibt
pag. 5 den Ort des Auftretens der Allantois ganz richtig an und lässt sie als Ausstülpung des
Darmes entstehen; in Uebereinstimmung mit seiner Figur VII“. Den Namen Tunica erythroides
gibt er dem Darmsack.
1828. C. E. v. Baer, »Entwicklungsgeschichte der Thiere, Beobachtung
und Reflexion« Königsberg. I. Band. Pag. 62 dieses Werkes sagt Baer, dass mit 2",
Tagen beim Huhn als eine blasenförmige Ausstülpung die Allantois, der Harnsack, erscheine;
beim Vogel werde sie gewöhnlich Chorion genannt; ferner betont er, dass sie aus zwei Blättern
bestehe, dem Schleimblatte und dem Gefässblatte.
Pag. 127 spricht er dann von einer nachträglichen Erweiterung des Theiles der Allantois,
welcher in die Leibeshöhle zu liegen kommt. Auf den beigegebenen Figuren findet sich die
— 29 —
Allantois auf schematischen Längsschnitten ungefähr an der richtigen Stelle, aber natürlich
mehr in ihren groben Umrissen dargestellt.
1830. Joh. Müller, »Bildungsgeschichte der Genitalien aus anatomischen
Untersuchungen an Embryonen des Menschen und der Thiere.<
Müller nimmt pag. 103 an, dass die Allantois von Anfang an ein Bläschen sei, welches
aus dem Darm hervorsprosse.
1830, also in demselben Jahre, gibt Joh. Müller in »De glandularum secernentium
structura penitiori etc.« auf Taf. XI, Fig. 1 f. eine Abbildung von der Allantois des Huhnes
von der Seite betrachtet; es ist jedoch hier nicht das erste Entwicklungsstadium abgebildet, in-
dessen das erste nicht schematische Bild von der Allantois in der Totalansicht des jungen Embryo.
1832. Rathke, »Abhandlungen zur Bildungs- und Entwicklungsgeschichte
des Menschen und der Thiere.< I. Theil (II. Theil 1833), Leipzig.
Pag. 56 beschreibt er beim Säugethier die Allantois, ihr Verhältniss zum Urachus, ebenso
dessen Umwandlung zur Harnblase genauer; die Trennung von Harnblase und Darm stellt er
dar, entstanden durch starkes Wachsthum der Falte, welche die untere Abgrenzung des Darmes
und die obere Wand des Allantoisstieles bildet, und zweier seitlich von der Cloakenwand her-
kommender Falten. Durch weiteres Wachsthum der Querfalte nach aussen soll die ursprüng-
lich einfache Geschlechts- und Darmöffnung in zwei Abtheilungen geschieden werden. Auf die
erste Entstehung der Allantois ist nicht eingegangen. e
1834 spricht Joh. Müller, »BeschreibungeinesEiesmit Allantois,« Müller’s
Archiv pag. 8 und Müller’s Physiologie B. 2. 1840. pag. 712 ff. von der Allantois
beim Menschen und erwähnt somit im Anschluss an Meckel das Vorkommen dieser Haut bei
dem Menschen, meint aber natürlich nur die späteren Stadien, nicht die Entstehung, da er
ebensowenig wie Meckel die Allantois als deutlich isolirte Blase gesehen hat.
1835. Valentin, »Handbuch der Entwicklungsgeschichte des Menschen etc.«
Berlin. Pag. 116 beklagt er die Unsicherheit der früheren oft ganz sinnlosen Angaben und Be-
schreibungen von Allantois, indem -»für verschiedene Gegenstände derselbe Namen gegeben, mit
verschiedenen Namen derselbe ‚Gegenstand bezeichnet worden sei.« Von seinen historischen
Angaben möge es mir gestattet sein, ‘Folgendes hervorzuheben. Nedham soll zuerst eine aus-
führliche Zusammenstellung von Thieren mit Allantois gegeben haben. Haller hat die Allantois
schon als zweiblätterig bezeichnet, soll sie aber nach Valentin’s Angabe öfters mit dem Nabel-
bläschen verwechselt haben. Später wurde wieder geläugnet, dass die Allantois aus mehreren
— 5300 —
Lamellen bestünde, auch wurden ihr die Blutgefässe abgesprochen. Cuvier hat bei verschiedenen
Thieren die Gestaltveränderungen der Allantois verfolgt; nach ihm besitzt sie Blutgefässe.
Mit besonderer Schärfe hebt Valentin die Unsicherheit‘ der Erkenntniss der Allantois
beim Menschen hervor; sie wurde ganz geläugnet, mit anderen Häuten verwechselt, die Nabel-
blase mit der Allantois der Thiere identifieirt. J. Fr. Meckel und Joh. Müller nehmen eine
Allantois beim Menschen an und lassen sie sich später zu einer Membran umwandeln. Nach
Burdach dagegen soll sie beim Menschen bald wieder verschwinden (?). Die Verwirrung er-
reichte ihren Höhepunkt, als, wie Valentin mittheilt, Pockels (Isis 1825, pag. 1342—-50) beim
Menschen als ein Gebilde ohne Analogie die Vesicula erythroides beschrieb; dieser Name war
sonst bei Säugethieren gleichbedeutend mit Vesicula umbilicalis; was aber Pockels gesehen und so
beim Menschen genannt, soll nach Valentin die Allantois. gewesen sein; schlimmer konnte die
Verwirrung nicht werden.
Erst nach dieser Zeit, also nach 1830, war man so weit gekommen, wenigstens bei einer
grösseren Reihe von T'hieren, darüber sich klar zu werden, was Allantois genannt werden solle.
Das Wenige, was für die Entstehung dieses Organes bis zu dieser Zeit geleistet war, ist oben
bei Baer und Müller erwähnt. — pag. 548, 427 und a. a. OÖ. beschreibt Valentin die Ent-
stehung der Allantois folgendermaassen: zwischen dem dritten und vierten Tage soll beim
Huhn die Allantois als eine membranöse Ausstülpung des primär gebildeten Darmes im Bereiche
des Hinterdarmes an dessen vorderer Wand entstehen, bald kugelig werden und weiter in den
saum zwischen Chorion und Amnion hervorwachsen; diese Entstehungsart passe ebenso für
das Säugethier.
1837. K. E. v. Baer, Ueber Entwicklungsgeschichte der Thiere, Be-
obachtung und Reflexion I. Theil. Königsberg.
Man muss zugestehen, dass das, was Baer pag. 52 und 170 Historisches über die Allan-
tois beibringt, wesentlich dazu beitrug, endlich einmal Sicherheit in den Gegenstand, wenigstens
in Bezug auf die Bezeichnung, zu bringen. Baer spricht ausführlich von der Nomenclatur,
erwähnt, dass die Allantois ihren Namen von der wurstförmigen Gestalt habe, die sie bei den
Hufthieren zeigt, bei welchen sie schon lange gekannt war, dass sie bei den Vögeln Chorion
genannt wurde; als man in der Folge ihren Ursprung aus dem Beckenende sah, erhielt sie auch
bei diesen Thieren den Namen Allantois oder Allantoides. Um allen Undeutlichkeiten der
Bezeichnung aus dem Wege zu gehen und zugleich im Namen die Function der Blase anzu-
deuten, nannte sie Baer Harnsack, Saccus urinarius; indessen ist doch. bei allen folgenden
Autoren der alte Name in erster Linie in Geltung geblieben. Pag. 193 nun bespricht Baer
—_ 301 —
die Entstehung der Allantois gerade so, wie er sie früher vom Huhn angegeben hatte und wie
sie oben eitirt wurde, Er trennt die Allantois in zwei Blätter, ein äusseres, gefässhaltiges,
und ein inneres, gefässloses, welch: letzterem er speciell den Namen Allantois zuschreiben will.
Beim Menschen soll diese Eiblase nicht zur vollständigen Ausbildung kommen. — Weiter geht
er über zur Deutung der Eihäute in späterer Zeit, in der sich nach einer allmälig eingebür-
gerten Anschauung die Allantois in zwei Blätter theilen soll. — Diesen Punkt erörtere ich hier
nicht näher; ich überlasse die Aufklärung darüber der Lectüre der Schriften, die in den fol-
genden Decennien erschienen. Ich übergehe somit auch die weiterhin folgende Darstellung des
späteren Schicksals der Allantois als ausserhalb des Bereiches meiner Aufgabe gelegen. — Die
Gefässe des Harnsackes leitet auch Baer von den Arteriae umbilicales ab, gibt ihm aber ur-
sprünglich nur eine Vena umbilicalis.
In Burdach’s Physiologie, II. Band, 1837, wird vollständig dieselbe Darstellung der Ent-
wicklung der Allantois gegeben, auch die weiteren Schicksale derselben in gleicher Weise
besprochen.
1839. Rathke, Entwicklungsgeschichte der Natter. Königsberg.
Pag. 10 wird die Allantois als eine birnförmige Blase beschrieben, die mit dem Darme
in Verbindung stehe und einen ziemlich lang ausgezogenen Stiel besitze; das ist das jüngste
von Rathke bei der Natter gesehene Stadium; die erste Entstehung scheint er demnach nicht
beobachtet zu haben; weiterhin spricht er über die von diesem Punkte aus fortschreitende
Entwicklung der Allantois.
1840. K. B. Reichert, Das Entwicklungsleben im Wirbelthierreiche. Berlin.
Durch diese Arbeit wird eine ganz neue Auffassung der Allantoisentwicklung begründet,
eine Auffassung, die von jetzt an, weiter ausgebildet von den nächsten Forschern, die herr-
schende zu werden bestimmt war. £
Pag. 186 gibt er an, dass die Allantois beim Huhn aus zwei soliden Höckern entstehe,
dass die beiden Höcker miteinander verwachsen und erst später hohl werden. L
Pag. 136 wendet sich Reichert gegen die von Baer früher aufgestellte Entwicklungsart
der Allantois.
Pag. 188 sagt er deutlicher, dass die Allantoishöhle ihre Communication mit dem End-
darme erst später erhalte. — Ausserdem muss man vermuthen, dass Reichert, nach der hier
gegebenen Auseinandersetzung zu schliessen, auch irgend eine Art von Zusammenhang zwischen
der Entwicklung der Allantois und der des unteren Endes des Urnierenganges angenommen
habe. Die von Reichert gegebenen Abbildungen sehen den früher von Baer gelieferten nicht
— 30 —
unähnlich; es sind ebenfalls schematische Längsschnitte, wie er selbst angibt; auf vollständige
Richtigkeit können sie deshalb keinen Anspruch machen.
1842. Bischoff, Entwicklungsgeschichte der Säugethiere und des Menschen.
Leipzig (v. Sömmering, Vom Baue des menschlichen Körpers, VII. Band).
Pag. 115 recapitulirt er zunächst die früheren Ansichten von Baer, Rathke, Valentin,
.nach denen die Allantois eine Ausstülpung des Darmes mit zwei Blättern sei, erwähnt, dass
Reichert eine solide doppelte Anlage annehme, die später mit dem Darme in Verbindung trete
und tritt dieser Auffassung nach seinen Erfahrungen beim Kaninchen bei, weiss aber nicht
anzugeben, wie später die Verbindung mit dem Darme entstehe, Er sagt, er habe die
Allantois vor Entwicklung des Darmes gesehen. Im weiteren Verlaufe schildert er sodann
die Veränderungen, welche der ausserhalb des Bauches gelegene Theil der Allantois durch-
macht. Beim Menschen soll die Allantois in derselben Weise und an derselben Stelle ent-
stehen, aber bald in der Entwicklung stehen bleiben und verschwinden, so dass die Allantois
weiterhin beim Menschen fehle.
1842. Bischoff, Entwicklungsgeschichte des Kanincheneies. Braunschweig.
Pag. 126 ff. hebt er dieselben Momente, die eben erwähnt wurden, hervor, gibt die Ent-
stehung der Allantois aus einem soliden, gestielten Höcker an, bestreitet die Angabe Reichert’s,
dass ihre Entstehung in Zusammenhang stünde mit dem Urnierengange. Zwei Blätter will er
nicht an der Allantois gesehen haben. Ueber die Aushöhlung macht er dieselben Angaben
wie oben. * Die Gefässe der Allantois kannte er. Die Abbildungen zeigen nur spätere Ent-
wicklungsstadien.
1843. Reichert, Beiträge zur Kenntniss des Zustandes der heutigen
Entwicklungsgeschichte. Berlin.
Pag. 131 verwahrt er sich dagegen, dass man ihm andichte, er habe die Allantois aus
dem Wolff’schen Körper entstehen lassen; sie entstehe vielmehr aus dem zweiten Stratum dicht
unterhalb des Wolff’schen Körpers. Diese Angabe ist allerdings dem, wahren Sachverhalt viel
näher; aber man muss zugeben, dass man bei der Lectüre der detaillirten Beschreibung der
Entwicklung der Allantois in dem oben citirten Werke von Reichert auf den Gedanken kommen
kann, Reichert habe wenigstens einen innigen morphologischen Zusammenhang zwischen den
beiden entstehenden Organen vermuthet.
1845. Bischoff, Entwicklungsgeschichte des Hundeeies. Braunschweig.
Pag. 100 widerruft der Autor für den Hund seine für die Entwicklung des Kaninchens
Reichert gegenüber aufgestellten Behauptungen. Er erklärt jetzt die Allantois als doppelt und
— 303 —
solid angelegt, hält auch einen Zusammenhang mit dem Wolff’schen Körper für wahrscheinlich,
weil derselbe gleichzeitig vorhanden ist. Im übrigen sind die Angaben gerade wie oben. Die
von Bischoff gegebenen Abbildungen zeichnen sich vor den vorhergehenden dadurch aus, dass
sie das Verhalten der Allantois bei unzerlegtem Embryo von der Bauchseite her gesehen treu
und deutlich wiedergeben; er ist der Erste (neben Johann Müller beim Huhn), der in nicht
schematischen Figuren die Allantoisentwieklung, allerdings nicht an Durchschnitten, abgebildet
hat. (Fig. 394 und B, 40.B.) — Besonders die Duplieität der Anlage ist sehr klar ersichtlich.
1845. Erdl, Entwicklung des Menschen und Hühnchens im Eie. Leipzig.
Es befindet sich in diesem bewundernswerthen Bilderwerke im I. Theile, Taf. XI, Fig. 1
in vollendeter Weise die doppelte Allantoisanlage abgebildet, aber die Erklärung der Figur ist
unrichtig; die Allantoisanlage ist gar nicht erkannt. Nach der Tafelerklärung zu Fig. 6,
Taf. XI scheint es, als ob Erdl überhaupt in Bezug auf Allantoisentwicklung der Ansicht
Baer’s noch anhinge.
1851. R. Remak, Untersuchungen über die Entwicklung der Wirbel-
thiere. Berlin. Von diesem Werke ist wiederum ein wesentlicher Fortschritt in der Er-
kenntniss der Allantoisentwicklung zu datiren.
Pag. 57. Remak beschreibt die Allantoisanlage als eine doppelte, solide Wucherung an
der Uebergangsstelle der Beckenbucht zu den Eihäuten. Beide ursprünglich getrennten Theile
sollen bald miteinander verschmelzen; nachdem ein einfacher Höcker sich gebildet, soll alsdann
vom Darme her eine Röhre in denselben hineinwachsen; ausserdem hebt er wieder das Be-
stehen der Allantois aus zwei Wänden hervor. Remak hält zunächst, wie es scheint mit Recht,
Baer vor, dass er offenbar die frühesten Entwicklungsstadien der Allantois nicht gesehen‘ habe,
weil er’ die Allantois nur als Blase beschreibt; gegen Reichert bemerkt er, wie auch Bischoff
in seiner Entwicklungsgeschichte des Kaninchens gethan, dass er die Entstehung der Allantois
mit den Urnieren in Verbindung gebracht, ferner, dass er so wenig wie Bischoff die Art der
Aushöhlung der Allantois und ihre Verbindung mit dem Darme näher angegeben; ausserdem
dass diese beiden Autoren die Betheiligung des Darmdrüsenblattes vernachlässigt, also einen
Rückschritt gegen die alte Baer’sche Ansicht in diesem Punkt gemacht hätten. Die Gefässe
beschreibt Remak ebenso, wie die früheren Autoren.
Pag. 64 spricht er von Zotten, besonders am Stiele der Allantois, welche Gefässe hätten
und zur Athmung dienten, später wieder verschwänden. — Die Beschreibung des Ortes der
entstehenden Allantois und die weitere Ausbildung des einmal gebildeten Höckers ist so scharf,
dass man nur auf die betreffende Stelle der Remak’schen Arbeit verweisen kann.
— 304 —
1852. Bischoff, Entwicklungsgeschichte des Meerschweinchens. Giessen.
Pag. 33 ff. Wie so manches Andere bei diesem Thiere in den ersten Tagen der Ent-
wicklung von dem gewöhnlichen Modus abweiche, so zeige auch die Allantois ein ganz eigen-
thümliches Verhalten. Sie soll nämlich gleichzeitig mit der Primitivrinne entstehen, als besonderer
Theil der Embryonalanlage, nicht zusammen mit dem eigentlichen Embryokörper. Eine doppelte
Anlage ist hier nicht beobachtet; die Allantois trete später mit dem Enddarme in Verbindung. Die
Art der Verbindung ist jedoch nicht näher angegeben. Der ganze Darm soll sich von hinten
nach vorn entwickeln. Die Angaben über Allantoisentwicklung sind hier sehr ausführlich.
Die ausserordentlich frühe Entstehung des Höckers ist als das Wesentliche beim Meerschweinchen
hervorzuheben. Die Figuren entsprechen der Beschreibung und lassen nichts Neues entnehmen.
1854. Bischoff, Entwicklungsgeschichte des Rehes. Giessen.
Pag. 16 beschreibt Bischoff das Auftreten der Allantois bei dem Reh-Embryo schon vor
der Herzanlage als doppelten, soliden, sehr grossen Höcker. — »Das untere Körperende des
Embryo war nach rechts und links ankerartig in zwei kleine Zapfen ausgebildet.« — Eine
Verbindung mit dem Enddarm war nicht zu beobachten, weil überhaupt noch kein Enddarm da
war. Die Höcker wachsen bald und höhlen sich zu Blasen aus, die dann mit dem Darm in
Verbindung sind. Die Allantois wächst von nun an sehr schnell weiter und verdrängt sehr
bald die Nabelblase. Mit dem frühen Verschwinden der letzteren scheint das frühe Auftreten
der Allantois zusammenzuhängen. Die Nabelblase- scheint auch keine Verbindung mit dem
Uterus einzugehen, sondern erst die Allantois. Die Trennung der Allantois von dem Enddarme
scheint sehr früh einzutreten; Bischoff beobachtete ausserdem noch eine Trennung beider Blätter
dieser Eiblase, so dass das innere Blatt als seröse, mit Flüssigkeit gefüllte Blase sich vollständig
vom äusseren Blatte geschieden hatte. — Demnach scheint der Reh-Embryo sich in seiner eigen-
thümlichen Art der Allantoisentwicklung an den des Meerschweinchens anzureihen.
Damit tritt, besonders seit Remak, ein Stillstand in der fortschreitenden Erkenntniss der
Allantoisentwicklung ein. Man scheint so gut wie allgemein die von Remak gegebene Art
der Entstehung als die richtige anzunehmen.
1861. A. Kölliker, Entwicklungsgeschichte des Menschen und der höheren
‚Thiere. Leipzig.
Pag. 106 wird das Auftreten der Allantois nach Abschluss des Amnion gesetzt. (also
nach neueren Erfahrungen etwas zu spät). Die Allantois soll, wie auch Remak angibt, aus
zwei soliden Höckern entstehen, die miteinander verschmelzen. Der gemeinsame Höcker ist
anfangs solid, »bald jedoch bemerkt man eine Höhle«. — Kölliker theilt der Allantois zwei
— A —
Häute, zwei aa. umbilicales und ursprünglich zwei vv. umbilicales zu. Es ist einfach eine
Wiederholung der Angaben Remak’s, und Kölliker sagt, an der Darstellung Remak’s sei kein
Zweifel.
Pag. 124 gibt er an, dass bis jetzt beim Menschen eine freie, mit dem Chorion noch
nicht verbundene Allantois noch nicht beobachtet, worden sei; die früheren derartigen Beschrei-
bungen gäben nicht die nöthige "Sicherheit.
1866. Kupffer, Untersuchungen über die Entwicklung des Harn- und
Geschlechtssystems. Archiv für mikroskopische Anatomie von Max Schultze. II.
Pag. 473. Kupffer beschreibt bei den Knochenfischen eine Blase, die über dem noch
nicht entwickelten Enddarme geschlossen auftritt, nicht mit dem Darme zusammen entsteht,
auch nicht mit ihm in Zusammenhang tritt, nach vorn zu mit den im unteren Abschnitte ver-
schmolzenen Urnierengängen in Verbindung ist, und deutet das Organ als Analogon der Allantois
der höheren Thiere. Diese Auffassung wird später von Rosenberg, Götte und Oellacher be-
stritten.
1867. Bornhaupt, Untersuchungen über die Entwicklung des Urogenital-
systems beim Hühnchen. Inauguraldissertation. Riga.
Bis jetzt hatte nach der Remak’schen Arbeit: der Fortschritt in der Forschung über Al-
lantois geruht; ein solcher Fortschritt ist in der Arbeit Bornhaupt’s, die nach allen Seiten
höchst sichere Resultate lieferte, nicht zu verkennen. Indessen erschwert die nicht ganz
übersichtliche Darstellung das Verständniss der geschilderten Vorgänge sehr. Aus den Quer-
schnitten sich ein richtiges Bild über die Entstehung der Allantois zu machen, ist aus mannig-
fachen Gründen schwierig. Offenbar in dieser Einsicht hat Bornhaupt versucht, die aus seinen
Querschnitten gewonnenen Resultate in »idealen Längsschnitten« darzustellen, ist auch bis zu
einem nicht geringen Grade glücklich gewesen, ohne indessen das Richtige vollständig zu er-
reichen. Er hat offenbar pag. 21 fl. den später von His beschriebenen »unteren Röhren-
schenkel« schon gekannt, aber seine Bedeutung nicht vollständig erfasst. Demgemäss bleiben
auch die Erklärungen der schematischen Figuren unverständlich, während dagegen bei genauer
Kenntniss des Verhaltens auf dem Längsschnitte die im Texte gegebene Darstellung als voll-
ständig richtig anerkannt werden muss. — Auch Bornhaupt nimmt eine doppelte, solide Anlage
an, er scheint aber das Verwachsen der Höcker untereinander etwas weit hinauszuschieben, da
er es vom Schlusse des Darmrohres abhängig macht. Sein wesentliches Verdienst besteht
darin, dass er angibt, das geschlossene Darmrohr brauche keine Fortsetzung in die Allantois-
anlage hinein zu erstrecken, sondern die Allantoishöhle sei gewissermaassen schon in der Darm-
Abhandl. d. Senekenb. naturf. Ges. Bd. IX. 39
— 306 —
bildung selbst begriffen. Auf die Schwierigkeit der Deutung von Querschnitten aus dem hinteren
Körperende des Hühnerembryos ist es zu schieben, dass die Frage nach der Allantoisentstehung
nicht mit dieser Arbeit ihren Abschluss gefunden hat.
1867. A. Rosenberg, Untersuchungen über die Entwicklung der Teleostier-
Niere. Inauguraldissertation. Dorpat.
Pag. 66 schliesst sich Verfasser in der Auffassung der Entwicklung der Allantois des
Huhnes an Remak an. Beim Hecht hat er die von Kupffer vom Stichling beobachtete Blase
nicht in derselben Weise gesehen und sagt, er würde sie, auch wenn er sie ebenso gesehen
hätte, nicht als Analogon der Allantois der höheren Thiere gelten lassen; er glaubt mit Rathke,
dass die Harnblase dieser Fische aus den ursprünglich unten verschmolzenen Wolff’schen Gängen
entstünde. (Wie es scheint mit Recht, macht er auf die Analogie der Entwicklung der
Wolff’schen Gänge bei den Teleostiern mit der Entwicklung der Müller’schen. Gänge der
höheren Thiere aufmerksam.)
1867. Götte, Beiträge zur Entwicklungsgeschichte des Darmcanals
im Hühnchen. Tübingen.
Pag. 55 lässt Götte die Allantois am 3.—4. Tage entstehen, doppelt angelegt sein, das
Darmblatt sich hineinstülpen, also ganz die Auffassung Remak’s; er gibt auch den Ort der
Entstehung ebenso an. Anfänglich sei die Allantois doppelwandig, später erscheine sie einfach
dünn. Er hebt aber gegen Remak hervor, dass die Allantoishöhle auf Querschnitten nicht
herzförmig erscheine. Es ist das jedoch unwesentlich und kann die von Remak angegebene
Figur annähernd herauskommen, wenn man den Schnitt etwas weiter nach hinten legt, als
Götte Tafel L Fig. 15 gethan hat. Diese kleine Differenz wird sich zur Genüge aus dem
später über die doppelte Anlage zu Sagenden erklären. Die Figuren liefern nichts Neues, da
sie die Allantois theils nur auf Querschnitten zeigen, theils die beigegebenen Längsschnitte sich
nur auf ein späteres Stadium beziehen.
1868. Kupffer, Beobachtungen über die Entwicklung der Knochenfische.
Archiv für mikroskopische Anatomie von Max Schultze.
Pag. 267. Kupffer hält in dieser Arbeit die Deutung der in seiner früheren Publication
geschilderten Blase als Allantois aufrecht, gibt aber doch zu, dass bei den Fischen vielleicht
keine eigentliche Allantois, sondern direct eine Harnblase gebildet werde; das Entstehen des
Urnierenganges von der Blase aus nach vorn nimmt er zurück, In Bezug auf die Deutung
der Allantois tritt er Rosenberg (siehe oben) entgegen. Kupffer schliesst mit der Bemerkung,
— 30 —
die genauere Entwicklung der Allantois bei diesen Thieren müsse noch der weiteren Beobach-
tung überlassen bleiben.
1868. W. His, Untersuchungen über die erste Anlage des Wirbelthierleibes.
Es tritt mit dieser Arbeit von His eine ganz andere Auffassung der Allantoisentstehung
in den Vordergrund ; seit Bornhaupt ist diese die erste wesentliche Aenderung. Baer, Reichert,
Remak, Borphaupt waren die Repräsentanten der verschiedenen früheren Ansichten über Allantois-
entstehung; ihnen schliesst sich His jetzt als Vertreter einer vollständig neuen Auffassung an.
Pag. 159 beschreibt er im Bereich des Beckenendes des Embryo zwei Röhrenschenkel,
von denen der obere zum Enddarm, der untere zur Allantois werde. Da jede nähere Aus-
führung des Entwicklungsplanes der Allantois fehlt, so muss auf die betreffende Stelle selbst
verwiesen werden. Es liegt in dieser Angabe noch nichts wesentlich Neues, weil man aus den
Bornhaupt’schen Angaben dasselbe entnehmen kann; von der doppelten Anlage der Allantois
scheint sich His in gewisser Beziehung noch nicht ganz losgesagt zu haben; denn pag. 160
liest man: »Es erhält dadurch der vordere Abschnitt der ersten Allantoisanlage jenes zwei-
zipflige Ansehen, welches von allen Embryologen als charakteristisch hervorgehoben wird.« —
Das wesentlich Neue liegt einmal darin, dass er gar nicht von Allantoishöckern spricht; er
läugnet sie nicht, aber erwähnt sie auch nicht; man kennt also gar keinen Ursprung der
Allantoiswand. Dann aber vorzüglich darin, dass er die ersten nicht schematischen Durch-
schnitte durch den hinteren Embryonalabschnitt in der Längsrichtung liefert. In der Figuren-
erklärung zu Taf. X. Fig. VIII. 3 bezeichnet er den später näher zu beschreibenden Cloaken-
höcker mit S und leitet ihn von der einspringenden Seitenwand ab, welche Allantois und
Enddarm trenne, während er diesen Höcker, der doch für die Kenntniss dieser Gegend von
grosser Wichtigkeit ist, im Texte gar nicht erwähnt.
1869. A. Götte, Untersuchungen über die Entwicklung des Bombinator
igneus. Archiv für mikroskopische Anatomie von M. Schultze. V. pag. 90.
Pag. 115: »Die Harnblase endlich sah ich in den frühesten Stadien als eine zweihöckerige
Ausstülpung der Cloake, welche später an der Oberfläche traubig wird, so dass ich lebhaft an
die ähnliche Entwicklung der Allantois bei den Amphibien erinnert wurde.«
1871. Dr. Peter von Dobrynin, Ueber die erste Anlage der Allantois.
LXIV. Band der Sitzungsberichte der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften.
U. Abth. Juliheft 1871.
Diese Arbeit schliesst sich direct in Zeit und Inhalt an die Publikation von His an; in
ihr wird auf Grund der His’schen Beobachtung eine ganz neue Entstehungsart der Allantois
— 0 —
ausführlicher gelehrt; sie ist es gewesen, die mich vorzüglich bewogen hat, die Genese der
Allantois in sorgfältigster Weise zu untersuchen und ich werde deshalb später ausführlich auf
diese Arbeit zurückkommen. Die von His gemachten Andeutungen sind von Dobrynin weiter
ausgeführt, ob vollständig im Sinne von His, muss dahingestellt bleiben. — Als wesentlich ist
hervorzuheben, dass Dobrynin seine Untersuchungen an Längsschnitten, und zwar ausschliesslich
an solchen anstellte, er also im Anschluss an His die ersten Längsschnitte nicht idealer Natur
aus verschiedenen Entwicklungsstadien der Allantois lieferte.
Pag. 3 beschreibt er näher das Verhältniss des Cloakenhöckers (w in seinen Figuren),
der den Enddarm im Entstehen nach hinten und unten begrenzt. Unterhalb dieses Wulstes
findet er eine Falte, die schon nicht mehr im Bereich des Embryonalkörpers liege und die
erste Anlage der Allantois sei. (His »unterer Röhrenschenkel«.) Die Auskleidung dieser Falte
mit Darmdrüsenblatt hebt er pag. 4 hervor. Weiter gibt er an, dass er nie eine doppelte
solide Allantoisanlage auf. seinen Durchschnitten gesehen habe. Die angeführte Falte soll
während ihres Wachsthumes eine Richtungsveränderung gegen den Embryonalleib hin durch-
machen. His soll nach Dobrynin’s Angabe die ersten Stadien nicht gesehen haben. Aus der
Arbeit ist nicht zu ersehen, woher die Allantois ihre Wand bekommt; ferner namentlich nicht,
wie sie sich in die später doch allgemein angenommene Form einer Blase umwandelt.
Pag. 6 gibt Dobrynin allerdings an, dass die Allantois in diesem Stadium noch keinen
Stiel besitze, aber er lehrt auch nicht, wie aus der von ihm abgebildeten Form eine Blase mit *
Stiel entstehen soll, und wenn man die Abbildungen betrachtet, fällt die Schwierigkeit, diesen
Schritt zu erklären, sofort in die Augen.
1872. A. Götte, Zur Entwicklungsgeschichte der Wirbelthiere: vor-
läufige Mittheilung. Gentralblatt für medicinische Wissenschaften. Nr. 25.
Pag. 405 bezeichnet er die von Kupffer als Allantois beim Stichling gedeutete Blase mit
einem Fragezeichen.
1873. J. Oellacher, Beiträge zur Entwicklung der Knochenfische.
Zeitschrift für wissenschaftliche Zoologie vonSiebold und Kölliker. I. Heft.
Pag. 94 ff. bezweifelt er ebenfalls die von Kupffer gegebene Deutung der Blase als Allantois
und hält es nicht für unmöglich, dass sie von Kupffer mit dem Enddarme verwechselt worden sei.
1873. Gasser, Ueber Entwicklung der Allantois. Inauguraldissertation.
Marburg.
Es enthält diese Abhandlung die von mir gewonnenen Resultate, mit Ausnahme der
frühesten Stadien, in der Kürze dargestellt, und soll die hier vorliegende Arbeit in ihrem ersten
— 309 —
Abschnitte die weitere detaillirte und begründete Ausführung meiner dort entwickelten Angaben,
gestützt auf die jetzt beigegebenen Figuren, darstellen.
2. Entwicklung der Allantois.
Die hier ausführlich zu schildernden Resultate meiner Untersuchungen über die Entwick-
lung der Allantois wurden im Sommer 1871 und 1872 und im Frühjahr 1874 auf der Mar-
burger Anatomie gewonnen.
Ich werde in Nachfolgendem unternehmen, auf Grund meiner Untersuchungen und unter
Zuhülfenahme der beigegebenen Zeichnungen Tafel I, Figur 1—8 ein Bild zu entwerfen von
der Entwicklung der Allantois beim Huhn, wie dieselbe sich nach meiner Ansicht darstellt;
von vornherein betone ich indessen, dass die Abbildungen besser im Stande sein össen, als
eine noch so sorgfältige Beschreibung, die richtige Anschauung von der Entstehung des Organes
zu erwecken. Die Abbildungen ihrerseits wiederum haben nicht den Zweck, die Entstehung
und Entwicklung der Allantois nach ‚allen Richtungen hin klarzustellen, sondern sie geben
nur, naturgetreu nach den von mir angefertigten Längsschnitten gezeichnet, eine fortlaufende
Reihenfolge von Entwicklungszuständen der Allanteis, die wohl im Stande sein wird erkennen
zu lassen, in welcher Art Höhle und Wand der Allantois bei der Entwicklung wechselsweise
sich betheiligen, welchen Antheil die umgebenden Gewebe und Höhlen nehmen.
Die hier Tafel I gegebenen Figuren sind Längsschnitte einer den Nummern entsprechend
im Alter aufsteigenden Reihe von Embryonen, von denen der jüngste, Fig. 1, am zweiten Tage
der Bebrütung steht, der älteste, Fig. 8, auf dem Uebergang des dritten zum vierten Tage,
resp. am Anfang. des vierten Tages sich befindet. Die Altersunterschiede zwischen den ein-
zelnen Embryonen sind ziemlich gleichmässig.
Die Schnitte sind von 8 verschiedenen Embryonen genommen, die ausgewählt wurden
aus einer Serie von gegen 80 Embryonen, die alle in derselben Weise in Längsschnitte zerlegt
waren. Es sind nur diejenigen der gewonnenen Serien aufbewahrt, welche eine ununterbrochene
Reihenfolge von Schnitten von der einen Seite des Embryo zur anderen ergaben. Die Schnitte
wurden in genauester Reihenfolge geordnet in Canadabalsam eingelegt. Die Embryonen stammten
aus der Brütmaschine zum grössten Theil, -theils waren sie auch von der Henne ausgebrütet.
Die im Sommer 1871 und 1872 verwendeten Embryonen wurden in Alkohol erhärtet, darauf
mit Carminlösung gefärbt, in Wachs eingeschmolzen und sodann in Schnitte zerlegt. Vorher
wurden dieselben sämmtlich mit blossem Auge und wit der Loupe genau betrachtet, zum Theil
auch in der Totalansicht; von der Bauchseite her gezeichnet und dann erst zu mikroskopischen
a0
Schnitten verwendet. Die Schnitte wurden durch Nelkenöl aufgehellt und alsdann in Canada-
balsam dauernd eingeschlossen. Im Frühjahr dieses Jahres vervollständigte ich die schon
ungefähr 60 Serien betragende Sammlung durch Anfertigung von 17 Serien von Ueberosmium-
präparaten. Die betreffenden Embryonen wurden in Ueberosmiumsäure kürzere Zeit eingelegt,
in Alkohol gehärtet und dann weiterhin ebenso behandelt, wie die eben erwähnten. Im An-
schluss an meine vorläufige, oben erwähnte Publikation, welche indessen die frühesten, gleich
zu beschreibenden Stadien nicht berücksichtigt, stelle ich mir die Entwicklung der Allantois
folgendermaassen vor:
Am zweiten Tage beim Huhn ist das hintere Ende des werdenden Embryonalleibes deut-
lich bezeichnet durch eine auffällige Verdickung desselben (x Fig. 1). Diese Verdickung er-
scheint als eine mächtige Wucherung des II. Stratums und ist oben und unten überzogen von
einer dünnen Lage des I. resp. III. Stratums. Dieses verdickte Ende des Embryoleibes setzt
sich charakteristisch gegen die sich anschliessenden Eihäute ab. Zuerst erscheint nämlich auf
der Bauchseite eine Falte, die quer hinter dem Embryo herläuft, in Fig. 1 bei Ab auf dem
Durchschnitte gezeichnet ist, bei noch jüngeren Embryonen (ich besitze Schnitte von solchen)
natürlich noch viel flacher als hier erscheint. Darnach entsteht eine ähnliche, ebenso verlaufende
Falte, direct über der vorerwähnten, auf der Rückenfläche Fig. 1 Af. Diese beiden Falten
geben uns die Grenze des Embryoleibes nach hinten gegen die Eihäute. Gleichzeitig hervor-
heben möchte ich hier (auf diesen Punkt gedenke ich in späterer Zeit ausführlich zurückzukommen),
dass auf der Bauchseite auch nach vorn die erwähnte Verdickung sich durch eine anfänglich
sehr seichte Einschnürung absetzt; man sieht dieselbe in Fig. 1 bei Zd. Der Vergleich mit
den folgenden Figuren ergibt, dass diese Einziehung die erste Anlage des Enddarms darstellt.
Wie allgemein bekannt, finden sich die drei Blätter "des embryonalen Körpers in dessen
nächster Umgebung auch noch auf den Eihäuten getrennt. So erkennt man in Fig. 1 auch
leicht, dass neben dem I. und III. Stratum auch noch das I. sich ausserhalb des Leibes des
Embryo deutlich verfolgen lässt. Man erkennt auch eine Spaltung des II. Stratums in seinem
peripheren Theile, ähnlich wie es sich im Embryo selbst in Hautplatte und Darmfaserplatte
zerlegt. An dem Schnitte, der ziemlich durch die Mittellinie gegangen ist, erkennt man keinen
deutlichen Zusammenhang zwischen dem Theile des II. Stratums, der dem Embryo, und dem
der den Eihäuten angehört; die seitlich gelegenen Schnitte dagegen zeigen diesen nothwendigen
Zusammenhang in voller Klarheit. Esist das ein Punkt, der sowohl für die doppelseitige An-
lage der Allantoiswand, als auch für die Entstehung des Afters von Wichtigkeit ist und deshalb
bei Gelegenheit des 3. Abschnittes besonders hervorgehoben werden soll.
= 3l —
Die mit Ab bezeichnete Falte stellt nun die erste Anlage der Allantois dar und zwar
wenn man genau sein will, der Höhlung der Allantois, während dagegen in dem peripheren, °
den Eihäuten angehörigen Theile des II. Stratums (in Fig. 1 deutlich sichtbar) der Ursprung
der Allantoiswand zu suchen ist. Die Betrachtung der folgenden Figuren erspart eine ausführ-
lichere Vertheidigung dieser Annahme.
Fig. 2. Der Schnitt ist einem Embryo vom Ende des zweiten Tages entnommen. Die
Bezeichnungen sind dieselben, wie in Figur 1. Dieser Schnitt unterscheidet sich von dem in
Figur 1 gezeichneten vorzüglich dadurch, dass beide Falten, sowohl die bei A/, als auch die
bei Ab sich bedeutend vertieft haben; ausserdem muss man nicht übersehen, dass in Begleitung
der hier beginnenden, im folgenden Stadium schon deutlichen Schwauzkrümmungen des Embryo
die Falte Ab ihre senkrechte Richtung hinter dem Embryonalkörper aufgegeben hat und sich
anschickt, eine schräge Richtung nach vorn zu anzunehmen. Denkt man sich, wie das die
nächsten Figuren illustriren, diese Richtungsveränderung fortgesetzt, so muss allmälig die Falte
Ab horizontal unter das Schwanzende des Embryo zu liegen kommen. — Noch möchte ich
das Augenmerk auf den Theil des II. Stratums lenken, der in den Eihäuten gelegen die er-
wähnte Falte von hinten her umgibt und bitte, ihn mit der entsprechenden Stelle in der vor-
hergehenden und in den folgenden Figuren zu vergleichen.
Fig. 3. Die Bezeichnungen der ersten Figuren sind hier und in allen folgenden bei-
behalten. Der Embryo befand sich am Ende des zweiten bis Anfang des dritten Tages der
Bebrütung. Man erkennt, wie jene Falte, A/, die sich auf der Rückenseite des Embryo fand,
sich bereits bedeutend vertieft hat; sie stellt jene Stelle dar, an welcher sich vom Schwanzende
des Embryo aus das Amnion erhebt. Zd ist ebenfalls leicht wieder zu erkennen, ebenso Ab,
die Allantoisbucht; auch die Verdickung des Schwanzendes des Embryo tritt noch als etwas
deutlich Markirtes hervor. Der unterste Theil dieser Verdickung schiebt sich in der Figur,
ähnlich wie in der vorhergehenden, zwischen Ed und Ab etwas weiter vor, erscheint noch
deutlicher, als im vorigen Stadium als die Trennung zwischen der Anlage des Enddarmes und
der Allantoisbucht;,; wir bezeichnen diesen vorgeschobenen Theil der Verdickung x, welcher die
untere Wand des Enddarmes zu bilden beginnt, einstweilen mit C7 als Cloakenhöcker, erkennen,
dass er in seiner Hauptmasse aus II. Stratum besteht (wie die ganze Verdickung x, von der
er ja nur einen Theil darstellt) und einen Ueberzug vom IIL Stratum besitzt, weil eben das
II. Stratum sich eontinuirlich von Ed nach Ab und weiter auf die Eihäute fortsetzt; allerdings
ist das III. Stratum hier viel weniger mächtig entwickelt, als weiter nach vorn und als in der
Allantoisbucht.
— 312 —
Wesentlich ist in der .3. Figur, dass die Allantoisbucht Ab sich der Bauchseite in Folge
der beginnenden Krümmung des Schwanzendes bedeutend genähert hat; sie erscheint jetzt nicht
mehr so einfach als eine den Embryonalleib nach hinten abgrenzende Furche. Der Theil. des
II. Stratums, welcher den Eihäuten angehört, ist mit voller Deutlichkeit in der Figur zu schen;
die eine Hälfte desselben geht mit dem I. Stratum zur Bildung des Amnion in die Höhe, die
andere geht unter der Allantoisbucht her und auf die Dotterblase über; auf letzterer trägt sie
die Gefässe. Die Figur lässt ‚alles dieses ohne Schwierigkeit erkennen.
Fig. 1—3 sind von Embryonen genommen, die mit: Ueberosmiumsäure behandelt wurden
die folgenden sind Alkoholpräparate.
Fig. 4 ist vom Anfang des dritten Tages der Bebrütung. Man sieht zunächst, dass im
Bereich des Beckenendes die Darmhöhle, oder wie sie an dieser Stelle auch genannt wird, die
Beckendarmbucht sich eine kleine Strecke weit in das Schwanzende des Embryo hinein erstreckt.
Dieser Theil, den man passend mit den früheren Autoren Enddarm nennen kann, der von His
als »oberer Röhrenschenkel« bezeichnet wurde, wird ausgekleidet vom III. Stratum, hat. über
diesem nach oben in der Mittellinie die Chorda, nach unten zu die mit C7 als Cloakenhöcker
bezeichnete Zellmasse als Wand; auf dem Cloakenhöcker konnte ich, wie auch die Figuren
4—8 lehren, an den Alkoholpräparaten keine deutliche Trennung von II. und II. Stratum
durchführen; es ist das Verhalten des Epithels an diesem Punkte indessen durch die Ueber-
osmiumsäurepräparate genügend festgestellt. Die Abstammung des Höckers, resp. seine Beziehung
zu den Nachbargeweben ergibt sich aus der Betrachtung der Figuren und ist weiter oben schon
berührt worden.
Unterhalb dieses Cloakenhöckers findet sich eine zweite kleine Vertiefung, ähnlich dem
Enddarm an Gestalt, aber weniger lang; sie ist in der Figur mit Ab bezeichnet und erscheint
hier fast wie ein abgesonderter Theil der gemeinsamen Beckendarmbucht; das Verhalten dieser
mit, Ab bezeichneten Allantoisbucht zu dem Darme und ihre Abstammung ist durch das weiter
oben Gesagte genügend auseinandergesetzt. Die Auskleidung der Allantoisbucht besteht aus
dem III. Stratum, welches hier besonders mächtig entwickelt ist, über den Cloakenhöcker aus
dem Enddarm hieher gelangte, um sich weiter auf die Eihäute zu begeben. Das, was wir mit
dem Namen Allantoisbucht belegten, wurde von His »unterer Röhrenschenkel« genannt; wir
“ erkennen in ihm die bereits weiter vorgeschrittene Anlage der Allantoish öhle. — In meiner
Figur 4 ist, wie der Vergleich mit den vorausgehenden Zeichnungen lehrt, die Bucht in Folge
der mehr zunehmenden Schwanzkrümmung des Embryo ganz nach vorn gerückt und verläuft
von nun an parallel mit dem Enddarm unterhalb desselben, rechtfertigt somit in diesem Stadium
— 313 —
die Bezeichnung »unterer Röhrenschenkel«. -- Ungefähr würde meine Figur 4 der von His
Tafel X Fig. 8, 3. abgebildeten entsprechen. Noch mehr Aehnlichkeit hat sie mit den von
Dobrynin gelieferten. — Meine Beobachtung beschränkt sich indessen nicht auf die vorerwähnte
Allantoisbucht. Bei Ah Fig. 4 erkennt man eine Verdickung der unteren Wand dieser Bucht;
sie findet sich genau an der Stelle, an welcher Remak das Auftreten der Allantois beobachtete
und beschrieb; die Verdickung findet auf Kosten des Theiles des II. Stratums statt, der in
den Eihäuten liegt, aber nicht zum Aufbau des Amnion verwendet wurde. In der Verdickung
erkennt man leicht die Anlage der Allantoiswand. Es ist das hier abgebildete Stadium eines
der. frühesten, ‚auf, dem man die Allantoiswand in der eben beschriebenen Form als etwas
Eigenthümliches auftreten sieht. Ich muss nun gleich hinzufügen, was allerdings aus dem von
mir gegebenen Bilde nicht ersehen werden kann, dass dieser Höcker am wenigsten in. der Mittel-
linie hervorspringt, vielmehr aus zwei seitlich von der Mittellinie gelegenen Höckern sich zusammen-
setzt, welche untereinander durch eine Verbindungsbrücke zusammenhängen, die immerhin noch
eine relativ bedeutende Dicke besitzt. Dies Verhalten ergibt sich mit Leichtigkeit ‚aus‘ der
Betrachtung der seitlich fallenden Schnitte. Es stimmt (diese Beobachtung ganz mit der am
unzerlegten Embryo leicht zu wiederholenden, wie. sie. von früheren Forschern wie Reichert,
Remak, Bischoff. gemacht wurde, dass äusserlich. eine doppelte solide Allantoisanlage zu sehen
sei. (allerdings nur sehr ‘kurze Zeit); nur muss man sich nicht vorstellen, ‚als ob die beiden
Höcker vollständig. von. einander getrennt, seien. Ferner stimmt sie mit der bei Besprechung der
Figur 1. gemachten Angabe, dass der Zusammenhang des peripheren und des dem Embryo selbst
angehörigen Theiles des II. Stratums weniger in der Mittellinie, auf das Deutlichste dagegen zu
beiden Seiten der Mittellinie beobachtet wird.
Fig. 5 stellt ein.an das vorige sich eng anschliessendes Stadium dar; man erkennt an
der Zeichnung, leicht, dass der Schnitt von einem wenig älteren Embryo genommen ist. Als
wesentliche Veränderungen gegen ‚das eben‘ geschilderte Stadium sind hervorzuheben : einmal
die relativ bedeutende Massenzunahme des Allantoishöckers,, mit anderen Worten, es sammelt
sich mehr und. mehr Material zum Aufbau der Allantoiswand: (die Vergrösserung des Höckers
geschieht in den Zwischenraum zwischen Amnion und. Dotterblase hinein); daneben die zu-
nehmende Vergrösserung und Erweiterung der Allantoishöhle. Man sieht aus der Figur, dass
beide Theile gleichzeitig nebeneinander in der Entwicklung fortgeschritten sind, Der den
Enddarm von der Allantois trennende Cloakenhöcker verhält ‚sich noch ähnlich wie in Fig. 4.
Eine kleine Formveränderung der Allantoishöhle ist, hier schon angebahnt, wird aber erst im
nächsten Stadium ganz. deutlich und soll deshalb dort gleich besprochen werden.
Abhandl. d. Senekenb. naturf. Ges. Bd. IX. 40
Fig. 6. Der Embryo ist wiederum um weniges in der Entwicklung weiter fortgeschritten.
Der Enddarm hat seine Gestalt nicht wesentlich geändert, der Allantoishöcker dagegen an
Masse bedeutend zugenommen. ‘Bei der äusseren Betrachtung des Embryo würden sich jetzt
die beiden Allantoishöcker zu einem einzigen verschmolzen zeigen. Dem entspricht der Durch-
schnitt, der, sehr nahe der Mittellinie fallend, den ganzen Höcker trifft. Wir haben also hier
das Stadium, in dem, wie das ja schon längst angenommen ist, die doppelte seitliche Anord-
nung des zum Aufbau der Allantoiswand bestimmten Zellmaterials durch vorwiegendes Wachs-
thum in gerader Richtüng nach vorn zu sich zu einem einfachen Allantoishöcker umwandelt.
Auch die Allantoishöhle ist nicht unverändert geblieben; auch sie ist weiter gewachsen
und hat an Ausdehnung bedeutend zugenommen. Vergleicht man die drei letzten Figuren
miteinander, so sieht man, dass anfänglich (Fig. 3 und 4) die Allantoishöhle erscheint als eine
kleine Tasche, die nach hinten zu ihre stärkste Vertiefung erreicht, nach vorn,schief aufwärts
verläuft; dann Fig. 5 existirt noch deutlich die hintere Vertiefung, aber auch nach vorn zu
senkt sich die schräg aufsteigende Contour etwas mehr und 'scheint sich anzuschicken, auch
hier mehr in die Tiefe zu gehen. In Figur 6 nun erkennt man mit vollster Deutlichkeit,
dass ausser der hinteren Vertiefung auch nach vorn die Allantoishöhle sich auszudehnen be-
ginnt. Es ist hier das Stadium getroffen, in dem man .gewissermaassen die wachsende Höhle
auf diesem Wege überrascht, noch ehe sie dazu gelangt ist, den Allantoishöcker selbst aus-
zuhöhlen. — In den weiteren Figuren soll noch ausdrücklich demonstrirt werden, wie die
ursprünglich allein vorhandene hintere Vertiefung der Allantoisbucht im Laufe der Entwicklung
nicht weiter sich ausbildet, sondern im Gegentheil ganz zurückbleibt.
Fig. 7. Der vorliegende Embryo ist um wenige Stunden älter, als der sechste. Die
Allantoisanlage hat hier an Grösse so weit zugenommen, dass sie äusserlich als kleines birn-
förmiges Höckerchen leicht sichtbar erscheinen würde. Die Allantoiswand ist noch mehr an
Masse gewachsen, auch die Allantoishöhle hat sich vergrössert. Man erkennt jetzt, dass die
Allantoishöhle nach vorn in den Höcker hineinwächst, während gleichzeitig noch der Höcker
selbst sich vergrössert; man sieht ja trotz der bedeutenden Grössenzunahme der Höhle, dass
die sie umkleidende Wand, besonders an der Spitze, nicht nur nicht abgenommen, sondern im
Gegentheil noch energisch sich verdickt hat; die Höhle ist noch weit entfernt, den ganzen
Höcker ausgehöhlt zu haben. — Noch sind zwei Veränderungen sehr in die Augen fallend
und deshalb besonders anzuführen. Die bei Fig. 3 und 4 so deutliche hintere Vertiefung der
Allantoishöhle ist fast vollständig geschwunden; das Bild hat sich jetzt gerade umgekehrt; das
bedeutende Wachsthum der Höhle nach vorn tritt so in den Vordergrund, dass die zuerst vor-
handen gewesene Vertiefung nach hinten ganz zurücktritt. — Ausserdem möchte ich die Auf-
merksamkeit noch auf den von mir als Cloakenhöcker bezeichneten Theil lenken. Wenn man
die Reihenfolge der Figuren durchmustert, erkennt man unschwer, wie dieser Höcker mehr
und mehr im Vergleich zu den umgebenden, sich schnell entwickelnden Organen verschwindet;
nur die nach dem Embryonalkörper stark vorspringende Amnionfalte in ihrem tiefsten Theile
$cheint überhaupt noch die Stelle als etwas im Bereiche des Becken-Endes besonders Markirtes
zu bezeichnen. Die Bedeutung und die Umwandlung des Cloakenhöckers muss vor der Hand
noch etwas ungenügend Aufgeklärtes bleiben (auch His und Dobrynin geben über sein Schicksal
keine Auskunft), wenn man sieh nicht seine Bedeutung als untere Wand des Enddarms ge-
nügen lassen will. Bei Untersuchung der Afterentwicklung ist aber in erster Linie auf den
Gloakenhöcker Rücksicht zu nehmen.
Fig. 8 schliesslich, bedeutend weiter entwickelt als das vorhergehende Stadium, zeigt
uns zu Anfang des vierten Tages die Allantoisanlage in einer Weise, wie sie schon seit langer
Zeit bekannt ist, nur hier in einem naturgetreuen Längsschnitte dargestellt. Noch ist ‚die Wand
der Höhle sehr dick; im Laufe des weiteren Wachsthums verdünnt sie sich bald und erhält
dann ihre bleibende Gestalt; die. Communication der Allantoishöhle mit dem Darme, speciell
mit der Cloakenstelle hebt schon an, sich etwas zu verengern, so dass. man hier bereits die
Bildung eines Allantoisstieles eingeleitet sieht.
Resume:
Sehr früh, schon am zweiten Tage beim Huhn, erkennt man die Allantoisanlage als eine
Falte, welche auf der Bauchseite den Schwanztheil des Embryonalkörpers gegen "die Bihäute
abgrenet. Diese Falte ist ausgekleidet vom III. Stratum und ist von unten hereingestülpt in
das LI. Stratum und zwar so, dass sie in der Mittellinie des Körpers fast das I. Stratum
direct erreicht und demnach auf den seitlichen Theilen der Falte, wo dieselbe weniger hoch
heraufgestülpt ist, das II. Stratum vom Embryokörper auf die Eihäute gelangt; so wird die
Falte vorwiegend von hinten und von beiden Seiten vom peripheren Theile des II. Stratums
umgeben. Diese Falte oder Allantoisbucht verändert ihre Richtung zum Embryonalleibe bald,
so dass sie, nachdem sie ursprünglich senkrecht hinter demselben gestanden, sich allmälig nach
vorn bewegt und durch eine Reihe von Zwischenstufen wagrecht unter das Schwanzende zu
stehen kommt. Gleichzeitig mimmt der vorerwähnte periphere, den Eihäuten angehörige Theil
des II. Stratums, soweit er nicht zur Bildung des Amnion verwendet wurde, in der Umgebung
dieser Falte zu und stellt am Anfange des dritten Tages zwei rechts und links von der Mittel-
linie gelegene kleine Höcker dar, die untereinander durch eine Verbind ‚gsbrücke zu
hängen. Die beiden Höcker vereinigen sich, von hinten seitlich nach vorn wachsend, sehr schmell
unterhalb der Allantoisbucht zu einer gemeinsamen Masse, zu einem Höcker und. dieser wächst
in den Zwischenraum zwischen Ammion und Dotterblase weiter linein. Gleichzeitig entwickelt
sich die Allantoisbucht in den vereinten Höcker hinein nach vorn; allmälig überholt die Höhle
den Höcker am Schnelligkeit der Entwicklung; dadurch wird die Wand immer dünner und
erhält so ihre spätere Form. Der ganze Vorgang von der ersten Anlage bis zur Ausbildung
einer deutlichen, nicht zu verkennenden Blase mit Wand, Höhle wid angedeutetem Stiel der
Blase vollendet sich im Verlaufe von ungefähr zwei Tagen.
3. Kritik.
In dem Vorausgehenden wurde vorwiegend die Entwicklung der Allantois in der Mittel-
linie des Embryonalleibes berücksichtigt und es mag das auch genügen; denn einmal sind die
Längsschnitte, ohne zu grosse Häufung der Zahl der Abbildungen, nicht geeignet, die Entwick-
lung der seitlichen Theile gleichzeitig darzustellen, dann sind auch schon die Formverhältnisse
der Allantoishöhle von verschiedenen Autoren zur Genüge besprochen und können leicht in
ergänzenden Zusammenhang zur gegebenen Schilderung gebracht werden; ausserdem sind: die-
selben auch für den Vorgang der Entstehung und Entwicklung der Allantoisblase selbst von
untergeordneter Bedeutung. Leicht lässt sich eine allmälige Abflachung und ein Zurückweichen
der Allantoishöhle in den seitlichen Theilen, entsprechend der grösseren Anhäufung des Zell-
materials der entstehenden Allantoiswand von den Seiten und hinten her beobachten.
Wirft man nun einen Blick auf das Schicksal, welches die Erkenntniss der Allantois-
entwicklung gehabt hat, so muss man folgende Hauptgesichtspunkte aufstellen: Nachdem: in
früherer Zeit der Streit nicht um die Entstehung der Allantois geführt worden, sondern es sich
nur darum handelte, bei einer grösseren Reihe von Thieren die Allantois als vorhanden nach-
zuweisen, nachdem man sich bestrebt hatte, über das, was man Allantois bei den verschiedenen
Thieren nennen wolle, ins Reine zu kommen, begann das Forschen nach ihrer Entstehung mit
Baer, welcher angibt, sie sei eine aus dem Darm hervorwachsende Blase. Ihm folgte Reichert,
der die Allantoisanlage in einem doppelten soliden Höcker erkannte; er liess den Höcker sich ‘
selbstständig aushöhlen und dann seine Höhle mit dem Darme in Verbindung treten.
Remak nahm ebenfalls einen doppelten soliden Höcker als Allantoisanlage an, liess dessen
Höhle aber dadurch sich bilden, dass eine Ausstülpung des Darmes in ihn hereinwachse. Es
folgte Bornhaupt, der eine Darstellung gab, die der meinigen fast vollständig gleicht, indessen
rl
nieht in so frühe Stadien zurückreicht und leider leicht unverständlich bleiben musste. His
und Dobrynin schienen die alte Lehre ganz über den Haufen zu werfen, indem sie von einer
doppelten soliden Allantoisanlage ganz absahen und eine Falte als diese Anlage betrachteten.
Es ergibt sich aus dieser Uebersicht, dass es wünschenswerth erscheinen musste, von
Neuem zu untersuchen, einmal ob die Angaben von Dobrynin richtig seien und zweitens, ob
die früheren Beobachter sich sämmtlich getäuscht hätten. Von dieser Ueberlegung gingen
meine detailirten Untersuchungen aus, deren Resultate ich soeben mitgetheilt habe.
Die Darstellungen aus früheren Zeiten "beschränkten sich fast ausschliesslich auf die
äussere Gestalt der Allantois; meine Untersuchungen über diesen Punkt haben nichts wesentlich
Neues ergeben; ich kann also den Gegenstand auf sich beruhen lassen. Die Höhle der Allantois
kam früher schlecht weg, weil die zu ihrer Untersuchung nöthigen Hülfsmittel noch nicht üblich
waren. Es wird sich aus diesem Grunde in ‘den älteren Ansichten kein: Widerspruch gegen
die hier gegebene Art der Höhlenentwicklung finden und so kann ich auch’ in diesem Punkte
die älteren Autoren übergehen. Anders nun ist es mit den Angaben von Dobrynin, der theil-
weise auf His fusst. Hier bedarf meine Untersuchung, weil sie einer mit gleichen Hülfsmitteln
gelieferten neueren Untersuchung gegenübersteht, einer ausführlicheren Vertheidigung und Er-
klärung. — Dobrynin ist, wie oben gesagt, in die Fussstapfen von His tretend, zu der von ihm
aufgestellten Ansicht gekommen; ich lasse jedoch hier ‚eine weitere Erörterung der von His
gemachten Angaben fort und verweise nur aufdie in meiner Dissertation gegebene Besprechung
derselben; ich betone hier, dass His selbst Keinen Anspruch darauf macht, eine vollständige
Entwicklungsgeschichte der Allantois zu geben. Ausserdem sind die von ihm veröffentlichten
Resultate so kurz gefasst, dass man nicht ‘weiss, wie er sich in späterer Zeit den Entwick-
lungsgang vorstellte, ob er die richtige Anschauung hatte oder nicht. Nach Allem kann man
ihm wenigstens nicht den Vorwurf einer falschen Darstellung machen; hervorzuheben ist noch-
mals, dass His die ersten naturgetreuen Längsschnitte lieferte.
Dobrynin ist der hauptsächlichste Vertreter der jüngsten Auffassung der Allantoisentwick-
lung; nicht nur dass er die Allantois aus einer Falte sich bilden lässt, wie His, bestreitet er
auch noch auf das bestimmteste alle früher gemachten Angaben über einen doppelten soliden
Ursprung, .den er nie gesehen haben will. Darin liegt das Wesentliche seiner Ansicht. —
Ich erhielt die Arbeit Dobrynin’s Ende des Jahres 1871, nachdem ich schon im Laufe des
Sominers bei Gelegenheit anderer Untersuchungen eine Reihe von Längsschnitten durch die
Allantoisanlage hergestellt hatte; ich war damals im Wesentlichen schon zu denselben Resul-
taten gelangt, die ich noch heute vertrete; deshalb musste mich die von der meinen abweichende
ee
Ansicht Dobrynin’s auffordern, meine Untersuchungen mit grösster. Sorgfalt auf alle Stadien
auszudehnen; es ist das denn auch im Laufe des Sommers 1872 und Frühjahr 1874 nach
Kräften geschehen.
Ich möchte vor näherer Besprechung der von Dobrynin gelieferten Arbeit nur hervor-
heben, dass es mir, nachdem ich den Text durchgelesen und die Abbildungen angesehen hatte,
sehr schwer erschien, unter Zuhülfenahme selbst des spätestens der von Dobrynin gezeichneten
Stadien, eine Blase, so wie sie Jeder mit blossem Auge oder unter der Loupe bei einem Hühner-
embryo von 4—5 Tagen sehen kann, aus der Figur sich weiter bilden zu lassen.
Dobrynin bespricht pag. 3 näher, als es His gethan, den Wulst, der von mir Cloaken-
höcker genannt wurde; er lässt ihn bestehen aus Darmdrüsenblatt und Stratum intermedium.
Er bespricht dann die Bedeutung jenes Wulstes als die Trennung zwischen Enddarm und jener
Falte, die auch ich mit dem Namen Allantois, aber speciell Allantoisbucht belegt habe. So weit
finde ich mich in Uebereinstimmung mit Dobrynin. Nun sagt er aber ferner pag. 4—5: »Anderer-
seits können wir die Duplieität der Allantoisanlage nicht annehmen, da ich sämmtliche auf-
einanderfolgende Durchschnitte durch das Schwanzende gewonnen habe und ich hätte gewiss,
entsprechend der paarigen Anlage in der Medianlinie keinen Durchschnitt der Falte finden
sollen, während ich an den seitlichen Schnitten die Vertiefung finden sollte. Viel weniger ist
es zulässig, eine solide Zellmasse, die paarig angeordnet wäre, anzunehmen, da von einer solchen
bei meiner Behandlungsweise nichts zu finden war.« — In diesem Punkte nun muss ich mich
auf Seiten der früheren Forscher stellen. Nicht nur die untrügliche Beobachtung, die von
vielen Seiten gemacht ist und jeden Tag wiederholt werden kann, zeigt mit grösster Deutlich-
keit, dass eine solide Zellenmasse an der Stelle sich vorfindet, wo nach Aller, auch Dobrynin’s
Annahme die Allantois sich entwickelt, sondern auch die Querschnitte, die früher gemacht
wurden, weisen einen soliden Höcker ohne Zweifel auf. Es könnte höchstens noch fraglich
sein, ob dieser Höcker nicht allenfalls etwas sei, was auf die Allantoisentwicklung gar keinen
Bezug hätte und somit die Ansicht Dobrynin’s sich rechtfertigte. Betrachtet man aber meine Figuren
die so naturgetreu wie möglich nach den Schnitten gezeichnet sind, die ich in derselben Weise,
mit Berücksichtigung derselben Vorschriften wie Dobrynin angefertigt habe, so muss man auch
‚diesen Gedanken fallen lassen. — Es ist aber nun doch unmöglich, anzunehmen, dass Dobrynin
in den von ihm abgebildeten Schnitten eine solche solide Zellmasse, wenn sie vorhanden war,
übersehen hätte; es ist deshalb meine Aufgabe, seine Figuren mit den meinigen in Einklang
zu bringen oder sie wenigstens zu erklären. Einen Versuch der Erklärung habe ich in meiner
oben angeführten Dissertation gemacht, so gut es mir damals möglich war. Da Dobrynin
— 319 —
weder die übliche ungefähre Altersbestimmung, noch auch seine Behandlungsweise, angibt, so
muss man entschuldigen, wenn dieser Versuch nicht vollständig glücklich gewesen ist. Viel-
faches Bemühen, die doch sicher nicht ungenauen Figuren Dobrynin’s mit den meinigen in
Einklang zu bringen, liessen mich den Gegenstand in diesem Frühjahre nochmals aufgreifen
und jetzt bin ich in den Stand gesetzt, die Abbildungen Dobrynin’s besser zu würdigen. Dobrynin
macht His den Vorwurf, er kenne nicht die frühesten Stadien; ich greife noch weiter zurück,
als Dobrynin, denn meine Figur 1 ist noch jünger, als die erste von Dobrynin, und ausserdem
erwähnte ich schon oben, dass ich die ersten Andeutungen der Allantois in noch früheren
Stadien schon beobachten konnte. Die Figur 1 von Dobrynin entspricht der 2. meiner Ab-
bildungen ungefähr. Obgleich mir noch andere Figuren, die im histologischen Detail noch
instruetiver waren und sich besser an die erste anschlossen, zur Verfügung standen, wählte ich
gerade diese, weil sie am meisten mit der von Dobrynin abgebildeten übereinkommt.
Der zweite Schnitt Dobrynin’s scheint mir weniger glücklich im Detail zu sein, als Fig. 1;
Fig. 3 endlich ist in offenem Widerspruch mit meinen Figuren. Wenn man auch die Form
der Allantoisbucht in gewisse Uebereinstimmung mit der aus meinen Abbildungen ersichtlichen
bringen kann, so fehlt doch offenbar die von mir gezeichnete verdiekte Allantoiswand, der
Allantoishöcker; nach dem oben Gesagten könnte man einwerfen, der dritte Schnitt Dobrynin’s
sei gerade durch die Mittellinie gegangen; ich habe aber ausdrücklich bemerkt, dass auch hier
eine Verdickung als Verbindung beider Höcker existirt; dann aber gibt Dobrynin noch besonders
an, er habe sämmtliche Schnitte durch den ganzen Embryo gewonnen; auf den seitlich gelegenen
Schnitten muss aber unter allen Umständen eine deutliche Verdickung in dem Stadium er-
scheinen, welches Dobrynin Fig. 3 abbildet. Der Autor hat vielleicht in Folge schlechterer
Conservirung des Präparates die solide Allantoisanlage hier übersehen, obgleich sie unzweifel-
haft vorhanden ist. Vielleicht besass auch Dobrynin nur diese eine Serie aus dem in Rede
stehenden Alter; seine Arbeit weist wenigstens keine gegentheilige Angaben auf.
Zur Erklärung der Frage, wie man sich nach Dobrynin’s Figuren die Entstehung einer
Allantoisblase aus den Abbildungen weiter entwickeln lassen müsse, bedarf es der Annahme,
dass das Stück zwischen « und m in Fig. 3 Dobrynin’s bestimmt sei, die Allantoiswand zu
liefern und die Allantois durch stärkere Erhebung dieses Stückes, also gerade nach den beiden
Buchstaben pp hin sich in Form einer Blase ausstülpe; auf jeden Fall fehlt, wie eben aus-
einandergesetzt, hier eine deutliche Verdickung der unteren Wand der Allantoisbucht.
Pag. 5 und 6 hebt Dobrynin hervor, dass die als Allantois bezeichnete Falte allmälig ihre
Richtung gegen den Eimbryonalleib ändere; früher legte ich diesem Punkte weniger Werth bei,
— 320 —
befinde mich aber jetzt, wie aus meinen oben gemachten Auseinandersetzungen hervorgeht, ‘in
diesem wie so manchem anderen Punkte in Uebereinstimmung. mit Dobrynin und unterlasse
deshalb hier die weitere Besprechung des Details der: Dobrynin’schen Arbeit und verweise auch,
statt noch längere Erläuterungen an meine Figuren anzuknüpfen, auf die Betrachtung der
Figuren selbst.
Es würde sich nun zum Schluss fragen, in welchem Verhältniss die von mir vorgetragene
Entstehungsart der Allantois zu der der früheren Autoren steht. — Wenn ich in Vorausgehendem
die frühere Ansicht, die Allantois zeige zu einer gewissen Zeit eine solide, vorübergehend doppelte
Anlage in Form eines Höckers an der vorderen Wand des Einganges zur Beckenbucht, ver-
theidigte und diesen Höcker auf Bildung der Allantoiswand bezog, daneben mit neueren
Forschern die unterhalb des Enddarmes befindliche Ausstülpung, die getrennt ist vom Enddarme
durch den Cloakenhöcker, gesehen habe und ihre Bedeutung als Allantoish öhle betone,. so
vereinige ich damit gewissermaassen die alte Ansicht mit der neueren, führe daneben die Beob-
achtung des ersten Erscheinens auf eine frühere Zeit, als bisher geschah, zurück; die früheren
Ansichten ermangelten noch der Vollständigkeit, erst ihre Vereinigung ergibt. das richtige Bild
von der Entstehung des in Rede stehenden Organes.
Es ist nach der von mir hervorgehobenen so frühzeitigen Entstehung; ‚der ‚Allantois nicht
mehr wie früher auffallend, dass bei einigen Thieren, wie beim Meerschweinchen ‚und Reh,
nach der Angabe von Bischoff die 'Allantois zu einer 'anscheinend. ganz’ ungewöhnlich frühen
Zeit auftritt. Bei allen Thieren scheint die Allantoisanlage schon mit der Trennung ‚des. Eies
in Embryonalkörper und Eihäute gegeben zu sein; von einer. vielleicht nur. kleinen Zeitdifferenz
abgesehen, würde vorzüglich die ‘schneller eintretende Weiterentwicklung ‘der ersten. Anlage
zur Allantoisblase die beiden genannten Thiere von den meisten. übrigen unterscheiden. —
Obgleich bis jetzt die Allantoisentwicklung bei den Säugethieren noch nicht in derselben Weise
wie beim Huhne gründlich untersucht: ist, so liegt: doch einstweilen kein zwingender Grund vor,
wesentliche Abweichungen der Entstehungsart ‘bei erstgenannten. Thieren anzunehmen.
II. Die Müller’schen Gänge des Huhnes.
1. Literatur.
Lange Zeit schwebte die Genese der ausführenden Geschlechtsgänge beim männlichen und
weiblichen Geschlecht in der Classe der Säugethiere und der Vögel: in vollständigem. Dunkel.
Es trug die uugenaue Kenntniss des embryonalen Urogenitalapparates ' überhaupt . wesentlich
— 9 —
dazu bei, die Einsicht in die Entstehung von Eileiter und Samenleiter so lange zurückzuhalten.
Erst als durch ©. Fr. Wolff die Urnieren richtig beschrieben und ‚erkannt worden waren,
ebenso ihre, Ausführungsgänge aufgefunden, deren Zusammenhang mit dem Darme festgestellt
war, begann man daran zu denken, die bei den entwickelten Thieren bekannten Geschlechts-
canäle aus den in den früheren Stadien beobachteten abzuleiten. Es drehte sich jedoch auch
hier noch lange Zeit die Sache nur um die nähere Beschreibung der beim männlichen und
weiblichen Embryo sichtbaren Canäle; die erste Entstehung aufzusuchen, war einer späteren
Zeit vorbehalten. :
Wolff und die ihm zunächst Folgenden kannten nur einen Canal an der Urniere, aus dem
die beiden späteren Geschlechtscanäle abgeleitet wurden. Es ist jedoch schwer, bei den einzelnen
Autoren herauszufinden, welchen Canal sie vor sich gehabt haben; denn sicher haben die einen
nur den Wolff’schen Gang, die anderen nur den Müller’schen Gang gekannt.
1806—1807 deutet Oken in der Arbeit: Oken und Kieser, Beiträge zur ver-
gleichenden Zoologie, Anatomie und Physiologie, Bamberg, noch beim Säugethier
die Urnieren mit ihren Ausführungsgängen als Geschlechtsdrüse und Geschlechtscanal, weist
den Verlauf eines Ganges über die ganze Oberfläche des Wolff’schen Körpers durch Injection in
denselben richtig nach (aus der Beschreibung geht indessen nicht sicher hervor, welchen Canal
er eigentlich gefüllt hat) und scheidet namentlich beim Säugethier die Urniere vollständig von
den wahren Nieren und den Nierendrüsen (Nebennieren), für welch letztere die Urnieren bis
dahin meist erklärt worden waren.
1808. J. Fr. Meckel, Beiträge zur vergleichenden Anatomie. Leipzig,
I. Band. II. Heft. V. Beiträge zur Geschichte der menschlichen Frucht.
Pag. 100 geht dieser Forscher weiter zurück, als bis dahin geschehen war, um die Ent-
stehung der Geschlechtscanäle zu erkennen. Er beschreibt die Trompeten als blind und kolbig
endigend, gibt jedoch nicht an, wie sie entstehen. Er kennt ausserdem die Insertion des
Ligamentum uteri rotundum, welches Trompete und Uterus trenne und scheint den Sinus uro-
genitalis in die Scheide sich umwandeln zu lassen. Er kennt auch die Verschmelzung des
unteren Verlaufes der embryonalen Geschlechtscanäle; Meckel beobachtete aber die Canäle erst
in einer Zeit, in der schon das Geschlecht deutlich ist.
1810 beschreibt J. Fr. Meckel in Cuvier’s vergleichender Anatomie IV. Seite 530 die
Tuben in der Anmerkung ebenfalls als anfangs oben geschlossen.
1815. I. Müller, eo praeside J. Fr. Meckel de genitalium evolutione, Dissertatio.
Hier ist der erste Versuch gemacht, die embryonalen Canäle in Beziehung zu den späteren
Abhandl, d. Senckenb. naturf. Ges. Bd. IX. 41
= 32 —
Geschlechtsgängen zu bringen. Aus dem Ausführungsgang des Wolff’schen Körpers soll sowohl
Ei- als Samenleiter werden.
1820. J. Fr. Meckel, Handbuch der menschlichen Anatomie, IV. Band.
Pag. 597 gibt der Autor an, dass beim Menschen das Hymen erst in der zweiten Hälfte
der Schwangerschaft erscheine und zwar zuerst als zwei kleine Vorsprünge zu beiden Seiten des
Scheideneinganges. Die beiden Vorsprünge vereinigen sich dann nach hinten, vorn bleiben sie
getrennt, und behalten auch diese Oeffnung weiterhin.
1825. Rathke, Beiträge zur Geschichte der Thierwelt, III. Abtheilung, Be-
obachtungen über die Entwicklung der Geschlechtswerkzeuge bei den Wirbelthieren (I. Band.
1V. Heft der Schriften der naturforschenden Gesellschaft zu Danzig). Halle.
Rathke versucht, bis auf die Entstehung der Geschlechtscanäle selbst zurückzugehen.
Pag. 151 beschreibt er die Entstehung der Geschlechtscanäle beim Huhn folgendermassen :
Am, fünften Tage soll ein Faden auf der Aussenseite des Wolf’schen Körpers erscheinen, der
in die Cloake ausmündet und später wenigstens einen Theil der Gänge des Wolf’schen Körpers
aufnimmt. Beim Weibchen verschwinde dieser Faden bis zum zwölften Tage in seinem Ver-
laufe über die Urniere; der Theil von dieser bis zur Cloake vergrössere sich und münde
mit dem Harnleiter zusammen in die Cloake. Beim Männchen schwinde dieser Canal voll-
ständig. Der wahre Ei- und Samenleiter nun erscheine erst am siebenten Tage, auch auf der
Aussenseite der Urniere als deutlicher Vorsprung, höhle sich aus, gehe in die Cloake über;
am neunten Tage soll er beim Weibchen oben kolbig und lappig werden, aber keine Oeffnung
haben, beim Männchen diese Gestaltveränderung nicht machen. Beim Weibchen verschwinde
allmälig dieser Gang wieder auf der rechten Seite; der Trichter, die obere Oeffnung des Ei-
leiters erscheine erst mit dem zwölften bis dreizehnten Tage; im unteren Theile schwellen die
Eileiter blasig an. — Beim Männchen soll der zuletzt entstandene Canal in seinem Verlaufe
auf der Urniere schwinden, der Rest zwischen Cloake und Wolff’schem Körper mit letzterem
in Verbindung treten und den Samenleiter darstellen; also erklärt er Ei- und Samenleiter als.
aus demselben Canal durch verschiedene Umgestaltung entstanden.
Pag. 90 spricht Rathke von der Verschmelzung der Eileiter beim Säugethier, aber in
einer nicht ganz verständlichen Weise. Auch hier- leitet er die beiden Canäle, Samen- und
Eileiter, aus demselben Gefäss ab, glaubt, dass möglicherweise das obere Ende des Eileiterg
sich aus dem Canale entwickle, der von Oken vom unteren Theile des Wolff’schen Körpers
nach der Cloake geht, oder dass dieser obere Theil des Eileiters im ‘Anschluss an den eben
— 9 —
erwähnten Canal aus dem Wolff’schen Körper selbst sich bilde. Der. Trichter entstehe erst,
später. Das von Oken gesehene untere Stück soll beim Männchen zum Samenleiter werden.
1828. K. E. v. Baer, Ueber Entwicklungsgeschichte der Thiere, Be-
obachtung und Reflexion. Königsberg, I. Band.
Pag. 81 beschreibt er an der äusseren Seite der Urniere; eine blattförmige Verdickung,
in der nach pag. 97 am sechsten bis siebenten Tage er einen Canal bemerkt, der auf dem
Wolff’schen Körper verläuft, und, wie er vermuthet, oben offen endet; er betrachtet ihn als
Ausführungsgang der Drüse, lässt aber auch die Möglichkeit offen, dass es ein Blutgefäss sei,
erklärt selbst die Sache für noch unklar.
Pag. 133 nun lässt er diesen Ausführungsgang in seinem untersten Theile zum Samen-
leiter werden beim Männchen, beim Weibchen soll der. Canal der rechten Seite in die Cloake
gehen, aber nicht mehr nach dem Wolff’schen Körper heraufreichen, während der linke oben
ein trichterförmiges Ende bekommt und dabei etwas nach aussen vom Wolff’schen Körper sich
entfernt. — Obgleich Baer die Sache selbst nicht klar erschien, obgleich er sicherlich nicht
zwei Canäle nebeneinander bemerkte, so passt dach seine Beschreibung so gut auf den Müller’schen
Gang, dass man hier die erste nähere Kunde von diesem Gange zu suchen hat, obwohl Baer
ihn für den Ausführungsgang der Urniere hält.
1830. J. Müller, Bildungsgeschichte der Genitalien aus anatomischen
Untersuchungen an Embryoren des Menschen und der Thiere. Düsseldorf,
Es tritt mit dieser Arbeit eine ganz andere Auffassung in die Entwicklung der Geschlechts-
gänge. Von jetzt an kennt man wenigstens bei einem Theile der Thiere nicht mehr allein den
Ausführungsgang der Urniere, den Wolff’schen Gang, sondern, auch noch einen von ihm ge-
trennten, neben ihm bestehenden. Es hören damit die Bestrebungen auf, bei allen Thieren
aus dem einen vorhandenen Canal alle späteren ableiten zu wollen.
Pag. 19 kennt er bei der. Eidechse einen vom Wolff’schen Gange und Körper gesonderten
Canal, der, ganz allein entstanden, den Eileiter liefert.
Pag. 33 findet er beim Männchen vom Huhn keinen besonderen Gang neben dem Aus-
führungsgange der Urniere; er lässt diesen Ausführungsgang zum Samenleiter werden.
Pag. 36. beim Weibchen des Huhnes kennt Müller dagegen beide Gänge; er ist der. erste,
welcher sie beschreibt: »Der Eileiter ist keine Metamorphose des Ausführungsganges vom
Wolf’schen Körper, sondern er ist deutlich neben diesem Ausführungsgange zu sehen als eine
ziemlich dünne, anfangs oben blinde, später offene Röhre, welche an der äusseren Seite des
Wolff’schen Körpers ‚hergeht und mit ihrem bald deutlichen Trichter über dieses Organ hinauf-
— 324 —
reicht, überhaupt aber in gar keinem Zusammenhang mit demselben steht. — Diese Organe
(die von Müller entdeckten Gänge) erscheinen als weisse Cylinder zuerst in ihrer ganzen
Länge auf beiden Seiten; sie wachsen nicht von unten herauf, sondern sind in ihrer ganzen
Länge vom ersten Anfang an vorhanden; sie entstehen auch nicht durch Zusammenrollen eines
Blattes, wie es sich Albert Meckel gedacht hatte, sondern, im Anfang solid, werden sie
allmälig in ihrem Inneren ausgehöhlt zu Röhren; so entsteht also auch die Oeffnung des
Trichters in der Bauchhöhle.«e — Dann erkennt Müller an, dass von Baer sehr genau und
richtig das Erscheinen der Eileiter beschrieben worden, derselbe liess aber die Samenleiter gleichen
Ursprung nehmen mit jenen. — Auch das Verschwinden des rechten Canals schildert Müller,
Pag. 48 beschreibt er beim Säugethier zuerst den nach ihm genannten Faden, erkennt
ihn beim Weibchen für den Eileiter, beim Männchen aber lässt er ihn fälschlich zum Samen-
leiter werden. Die Entstehung des Fadens leitet er vom unteren Ende des Wolff’schen Ganges
ab. Die Verdickung des Fadens ist ebenfalls geschildert.
Pag. 60 gibt er an, dass der Eileiter erst später eine obere Oeffnung bekomme.
Pag. 64 stellt er den Nebenhoden als entstanden aus der Fortsetzung des Müller’schen
Ganges nach der Geschlechtsdrüse dar. :
1830. Jacobson, Die Oken’schen Körper oder die Primordialnieren. Kopen-
hagen. -- Er beschreibt pag. 9 eine erhabene Leiste auf dem Wolff’schen Körper.
Pag. 10 und 11 lässt er den Eileiter und Uterus von “unten herauf entstehen und gibt
den Ursprung derselben, sowie auch des Samenleiters aus einem vom Ausführungsgange des
Wolffschen Körpers verschiedenen Gange an.
1832. Rathke, Abhandlungen zur Bildungs- und Entwicklungsgeschichte des
Menschen und der Thiere. I. Theil. Leipzig. (TI. Theil 1833 enthält nichts Neues, was
hier aufzuführen wäre.)
Pag. 18 widerspricht Rathke zunächst den von Johannes Müller in dem oben angeführten
Werke gemachten Mittheilungen. Das was Joh. Müller als neuen Gang beschrieben, nehme die
Gefässe der Urmniere auf, sei also Ausführungsgang; das dagegen, was er als Ausführungsgang
bezeichnet, sei nicht Ausführungsgang, weil es nur in das untere Ende der Urniere eindringe.
Pag. 53. Beim Säugethier leitet Rathke den Samenleiter vom Ausführungsgange des
Wolff’schen Körpers ab und lässt auch den Eileiter durch eine Umwandlung aus demselben
entstehen. Es ist jedoch zu bemerken, dass das, was er als Ausführungsgang des Wolff’schen
Körpers beschreibt, der von Müller entdeckte Faden zu sein scheint, so dass er fast bis auf
den Namen mit Müller in der Ableitung beider Canäle übereinkommt, Beim Vogel gibt er zu,
— 325 —
dass neben dem Ausführungsgange noch ein zweiter Canal existire, der nun nach ihm sowohl
Ei- als Samenleiter wird; darin stimmt er nicht mit Müller, macht also gegen denselben einen
Rückschritt. — Das Ostium abdominale bei Säugethieren hat Rathke bei beiden Geschlechtern
gesehen; daraus geht hervor, dass, wie oben angegeben, er den von Müller beschriebenen
Faden als Ausführungsgang der Urniere bezeichnet. — Beim Männchen lässt er den Trichter
sich’ wieder oben schliessen. Bei Injectionen in den Urachus hat er die Flüssigkeit jedoch nie
durch den Canal bis in’ die Bauchhöle dringen sehen (sie wird wahrscheinlich in den Wolf
schen Gang geflossen sein). Er nimmt zur Erklärung dieses Umstandes eine Klappe im oberen
Theile des Canales an. Beim Verschwinden des Wolff’schen Körpers beschreibt er die Trennung
des Eileiters von demselben. N
1832. Rathke, Ueber die Bildung der Samenleiter, der Fallopischen Trompete
und der Gartner’schen Canäle in der Gebärmutter und Scheide der Wiederkäuer.
Meckel’s Archiv pag. 379.
Zunächst erklärt sich Rathke mit den von Jacobson veröffentlichten, oben angeführten
Untersuchungen einverstanden. s
Pag. 381 kennt er auch bei diesen Thieren jetzt zwei Canäle, den Ausführungsgang der
Urniere, der oben öffen sein soll, und den Müller’schen Faden; aus letzterem lässt er den Ei-
und Samenleiter werden. Er glaubt, dass der Faden auf einmal in der ganzen Länge entstehe
und anfangs solid sei. Uterus und Vagina entstünden aus den unten verwachsenen Eileitern.
Er befindet sich jetzt also in Uebereinstimmung mit Johannes Müller und erkennt pag. 389
auch an, dass er seine Polemik gegen denselben zurücknehme, dass Müller beide Gänge auf
dem Wolff’schen Körper zuerst gekannt, Jacobson das Verständniss dadurch gefördert habe,
dass er den Ausführungsgang nicht unten in den Wolff’schen Körper eintreten liess, sondern
weiter hinauf verfolgte. Die von Gartner gegebene, von Jacobson bestätigte Deutung der
Gartner’schen Canäle bei Schwein und Wiederkäuern nimmt auch Rathke an und erklärt auch
den Uterus masculinus als Ueberrest‘der Müller’schen Gänge beim Männchen.
1835. Valentin, Handbuch der Entwicklungsgeschichte des Menschenetc. Berlin.
Nach einer historischen Uebersicht des vor ihm Geleisteten bekennt er sich nach eigenen Unter-
suöhängeh: zu den Erfahrungen von J. Müller. Die Entstehung des Müller’schen Fadens wird
beschrieben als eine dunkle Linie, die eine vom Bauchfell überzogene Furche sein soll, dann
zur Leiste wird und sich später aushöhlt, noch später oben eine Oefinung bekommt. Bis dahin
lässt sich’ kein Unterschied der Geschlechter nachweisen; weiterhin entwickle sich aus dem
Gange beim Männchen Samenleiter, beim Weibchen Eileiter und Uterus. (Die Scheide aus
er
dem Sinus urogenitalis.). Beim Vogel schwinde der rechte Eileiter. (Dass das Vas aberrans
Halleri aus dem verkümmerten Ausführungsgange des Wolff’schen Körpers entstehe, hält er
für. noch‘ nieht hinreichend begründet.)
1837. K..E. v. Baer, Ueber Entwicklungsgeschichte der Thiere. Beobachtung
und Reflexion. J1. Theil. . Königsberg.
Pag. 152 beschreibt er beim. Huhn wie im ersten Theil der Arbeit einen besonderen
Gang auf dem Wolf’’schen Körper, der in der ganzen Länge auf einmal vorhanden ist, beim
Weibehen zum Eileiter wird, beim Männchen zum Samenleiter, wie er mit Rathke gegen-
über Joh. Müller annimmt, welcher letzteren vom: WolfPschen. Gange ableitet. Beim Säuge-
thier soll nach pag. 222, entsprechend der Angabe Rathke’s, der Samenleiter und der BEileiter
aus, einem Gange entstehen, der vom: Ausführungsgange der Urniere getrennt ist und nach
oben und unten offen in die Bauchhöhle resp. Cloake mündet.
1839. Rathke, Entwicklungsgeschichte der Natter. Königsberg.
Pag. 48 gibt Rathke an, dass bei diesem Thiere jederseits auf dem Wolf’schen Körper
neben dem Ausführungsgange sich noch ein Faden entwickle, der auf dem: Ausführungsgange
liegt und vom oberen Ende des Wolff’schen Körpers bis zur Cloake reicht.
Pag; 96. beschreibt er die Verdickung der Wand des Fadens und sagt, dass man gleich-
zeitig auch eine Höhlung in dem ‚Faden nachweisen könne. Das obere, Ende des Ganges soll
aber auch jetzt noch blind enden; nach unten soll er neben dem Ausführungsgange der
Urnieren und neben den Ureteren in den Darm einmünden; aus ihm wird der weibliche Ge-
schlechtsgang.
Pag. 154 gesteht er- selbst zu, dass seine früheren Auseinandersetzungen von der Ent-
wicklung der Geschlechtsgänge der Schlangen zum Theil unrichtig gewesen seien.
Pag. 160 sagt Rathke: Beim Weib nimmt der sich entwickelnde Eileiter an Grösse zu,
trennt sich mehr vom Wolff’schen Körper und bekommt jetzt erst oben eine Spalte als Anlage
des Trichters.
Nach den pag. 207 gemachten Angaben schwinden: die Urnieren und deren Ausführungs-
gänge sehr spät bei den Schlangen.
Pag. 210 erwähnt er, dass bei der Natter der rechte Eileiter länger sei als der linke,
ferner bespricht ‘er dort die Entwicklung. der Geschlechtsgänge beim männlichen Geschlecht.
Er beobachtete, bei demselben die nämlichen Gänge, die gerade so auftreten wie diejenigen,
welche beim Weibe den Eileiter liefern ; dieselben entwickelten sich bis zur Trichterbildung;
sie gingen dann'aber, wie das auch bei dem rechten Eileiter des Vogels bekannt.sei, in der
Men
Entwicklung zurück und zwar von ‚unten anfangend. Er betont, dass also nicht, wie er früher
gemeint, aus diesem Faden der Samenleiter werde; derselbe nehme seinen Ursprung aus dem
Ausführungsgange des Wolft’schen Körpers. — Er vermuthet dann weiter, ‘dass es vielleicht ebenso
von den Säugethieren gelten möge und verspricht die Verhältnisse bei diesen weiter zu untersuchen.
1842. Bischoff, Entwicklungsgeschichte der Säugethiere und des Menschen.
leipzig. (v. Sömmerring, Vom Baue des menschlichen Körpers. VII. Band.)
Pag. 368 ff. hebt er zunächst hervor, dass Rathke in der Entwicklungsgeschichte
der Natter zu anderen ‚Resultaten gekommen sei als Joh. Müller, dass er die Bedeutung von
Wolff’schem Gange und Müller’schem Gange bei beiden Geschlechtern trenne. Nach seiner
eigenen Anschauung nun soll sich der erst als solider Faden in der ganzen Länge des
WolfP’schen Ganges vorhandene Müller’sche Gang in späterer Zeit oben eröffnen, dann weiterhin
aushöhlen und beim Weib zum Eileiter, beim Mann zum Samenleiter werden. (Pälschlich gibt
Bischoff von Joh. Müller an, dass er aus dem Wolfl’schen Gange beim Vogel Eileiter und
Samenleiter werden lasse; nur der Samenleiter geht nach Müller aus demselben hervor.)
Pag. 374 erwähnt er die Angabe Valentin’s, die Müller’schen Gänge seien von Anfang
an unten verschmolzen.
Pag. 376 leitet Bischoff die Scheide aus dem Sinus urogenitalis ab; der untere Theil
des Uterus soll sich aus einer Ausstülpung der gemeinschaftlich mündenden Eileiter in «en
Sinus urogenitalis hinein bilden.
! Pag. 378 ist angegeben, dass das Hymen erst in der zweiten Hälfte der Schwanger-
schaft auftrete.
1845. Bischoff, Entwicklungsgeschichte des Hundeeies. Braunschweig.
Pag. 113 beschreibt Bischoff eine auf dem Wolff’schen Gange aufliegende Verdickung,
jene Verdickung, von der später Waldeyer ausführlich handelt, und lässt aus ihr den Müller’schen
Gang entstehen, ohne indessen näher ins Detail zu gehen.
1846. Bidder, Vergleichend anatomische und histologische Unter-
suchungen über die männlichen Geschlechts- und Harnwerkzeuge der nackten
Amphibien. Dorpat.
Er läugnet den von Joh. Müller und Rathke angenommenen Samenleiter bei den Am-
phibien und. lässt den Ureter als Samenleiter fungiren.
1847. Kobelt, Der Nebeneierstock des Weibes etc. Heidelberg.
In Bezug auf die Entstehung des Müller’schen- Ganges nimmt er an, dass (derselbe
ursprünglich oben geschlossen sei und folgert daraus, ‘dass das gestielte Bläschen , welches
— 328 —
häufig an den Fimbrien gefunden wird, dieses ‘obere blinde Ende’ sei, welches sich oberhalb
der später entstehenden Oeffnung erhalte. Er lässt aus dem Müller’schen Gange nur den Ei-
leiter werden, nicht auch Uterus und Scheide. Der Müller’sche Gang verschwinde bis auf sein
unteres Ende, welches sich noch erhalte. Bei manchen Thieren könne der persistirende
Müller’sche Gang später noch als Gartner’scher Canal beobachtet werden. Er ist sonach der
Erste, welcher nicht, wie. früher Joh. Müller, aus dem Müller’schen Gange beim Säugethier auch
den Samenleiter entstehen lässt. Sein Vorgänger in dieser Auffassung ist Rathke bei der Natter.
1848. H. Meckel, Zur Morphologie der Harn- und Geschlechtswerk-
zeuge der Wirbelthiere.
Die Schrift war mir nicht im Original zugänglich. Meckel lässt beim Wirbelthiere,
wie früher Müller beim Vogel, aus dem Müller’schen Gange Eileiter, aus dem Wolff’schen
Gange Samenleiter werden, berichtigt somit; die Anschauung Joh. Müller’s für das Säugethier
und schliesst sich an Kobelt an.
1848. Rathke, Entwicklung der Schildkröten. Braunschweig.
Pag. 246 beschreibt er eine Verdickung auf dem Wolff’schen Körper, die als blendend
weisser Faden in die Augen fällt, und obgleich Rathke keine Höhle in demselben sah, so
glaubt er doch, dass aus ihm der Müller’sche Gang entstehe; bei dem einen beobachteten
Exemplare war derselbe sehr gut gebildet, beim anderen in Rückgang begriffen. ‘Er nimmt
an, dass derselbe beim Weibchen zum Eileiter wird, beim Männchen dagegen verschwindet
und dass bei diesem der Wolff’sche Gang dem Samenleiter zum Ursprung diene.
1851. Remak, Untersuchungen über die Entwicklung der Wirbelthiere,
Berlin.
Pag. 60 beschreibt Remak den Müller’schen Gang als am zweiten Tage entstehend,
aussen und hinten vom Wolff’schen Gange gelegen; er soll von vorn herein ein hohler Cylinder
sein; er glaubt ihn ebenso oft gesehen als vermisst zu haben, ebenso wie Joh. Müller, der
wohl aus diesem Grunde glaubte, er fehle beim Männchen. Remak betont selbst, dass die
Untersuchungen über diesen Punkt von seiner Seite nicht zum Abschluss gediehen seien.
1852. Bischoff, Entwicklungsgeschichte des Meerschweinchens. Giessen.
Bischoff verbreitet sich in dieser Arbeit nicht über die Entstehung des Müller’schen
Sganieh gibt dagegen das Verhältniss des Müller’schen und Wolff’schen Ganges zu Ei- und
Samenleiter in derselben Weise an, wie es heute noch angenommen wird; das Verschwinden
des Müller’schen Ganges beim Männchen, die Kreuzung des Müller’schen Ganges mit dem
Wolff’schen im Bereiche des Genitalstranges hebt er ebenfalls hervor.
_ 39 —
1852, Thiersch, Bildungsfehler der Harn- und @eschlechtswerkzeuge eines
Mannes. Ilustrirte medieinische Zeitung. I. Band. Heft I. Jahrgang 1852.
Thiersch lässt den Müller’schen Gang als eine Verdickung der ‘Wand des Wolff’schen
entstehen; der Müller’sche Gang soll erst später oben eine Oeffnung erhalten. Aus demselben
leitet er den Eileiter ab. Sehr ‘schön beschreibt Thiersch die Entwicklung der Müller’schen
Gänge innerhalb des Genitalstranges beim Säugethier.
1852. Leukart, Das Weber’sche Organ und seine Metamorphosen. IHlustrirte
medicinische Zeitung. Band I, Heft II, Jahrgaug 1852.
Leukart. lässt ebenfalls beim Säugethier den Müller’schen Gang Eileiter ete. werden, den
Wolff’schen Gang Samenleiter. Die Lage des embryonalen Müller’schen Ganges zum Urnieren-
gang gibt er nicht‘ ganz genau an; er zeichnet ihn zu weit nach innen statt auf den Wolff’schen
Gang. Er weist darauf hin, dass Rathke Uterus und Vagina aus einer Ausstülpung des Sinus
urogenitalis herleite; seine Ansicht ist, dass dieselben aus einer Verschmelzung der beiden
Müller’schen Gänge entständen, wie ‚schon J. Fr. Meckel und Bischoff es darstellten. Sehr
schön sind seine Auseinandersetzungen über das Verschwinden der Müller’schen Gänge; das
oberste iinde soll mit; dem Verschwinden den Anfang machen, der unterste, persistirende Theil
Vesicula prostatica werden. Bleibt auch der oberste Abschnitt auf eine "gewisse Strecke hohl,
so entsteht die Morgagni’sche Hydatide. Ferner betont er, dass die Vesicula prostatica nicht dem
Uterus des Weibes entspreche, sondern der Vagina. ' Er gibt dann noch eine Uebersicht der
verschiedenen Stufen, auf denen der zurückgehende Müller’sche Gang stehen bleiben kann.
1856. Lilienfeld, Beiträge zur Morphologie und Entwicklungsgeschichte
der Geschlechtsorgane und Beschreibung einer interessanten Missbildung.
Dissertation. Marburg. Eigene Untersuchungen hat der Autor nicht gemacht, aber eine
sehr genaue Zusammenstellung und kritische Uebersicht findet sich in der Arbeit.
Pag. 21. bezweifelt er die, Angabe von Thiersch, «dass auch die Scheide aus den ver-
schmolzenen unteren Enden der Müller’schen Gänge hervorgehe. Aus dein Vorkommen einer
doppelten Scheide will er keinen Schluss auf die doppelte Anlage derselben erlauben. Zur
Stütze seiner. Ansicht bringt er bei, dass bei den Leporinen die Vasa (deferentia in das
Weber’sche Organ, die Vesicula prostatica einmündeten und zwar 1‘ über der Oeffnung
desselben, Da nun nie der Wolfl’sche Gang in den Müller’schen Gang münde, müsse dieser
unterste Theil Sinus urogenitalis (später Scheide) sein. Dagegen ist Folgendes zu bemerken:
Zur Feststellung dieser Beobachtung ‚an Leporinen müsste eine Untersuchung des Verhältnisses
der beiden Gänge zu einander bei den Embryonen der Leporinen vorausgehen. Hymen und
Abhandl, d. Senekenb. naturf. Ges. Bd. IX. 42
— 30 —
Saput gallinaginis, oder wenigstens den untersten Theil desselben, stellt er als die bei beiden
Geschlechtern einander entsprechenden Theile dar. Ganz deutlich ist diese Auseinandersetzung
nicht. Nach ihm wäre beim Embryo der Sinus urogenitalis durch eine Falte verschlossen,
die mitsammt dem unteren Ende. des Sinus urogenitalis oder dem ganzen Sinus sich zum
Caput gallinaginis umwandelte. Es lässt sich diesen theoretischen Betrachtungen Lilienfeld’s
nachfolgende, ebenso theoretische entgegen halten: wo bleibt beim Mann der Sinus
urogenitalis, wenn das Caput gallinaginis dessen Ende darstellt, die Vasa deferentia aber vor
dem Caput gallinaginis ausmünden, während sie beim Embryo doch im Sinus urogenitalis
ihre Eröffnung finden und vor den Wolff’schen Gängen doch in früherer Zeit noch der
Müller’sche Gang?
1856. Dr. W. Merkel, Beiträge zur pathologischen Entwicklungsgeschichte
der weiblichen Genitalien. Inauguraldissertation. Erlangen.
Merkel beschreibt einen Fall von doppelseitigem Vorkommen einer zweifachen Tuben-
öffnung, beide Oeffnungen mit Fimbrien besetzt; rechts 6 vom wahren Tubenende fand sich
die abnorme Oefinung, links in nächster Nähe. 6° war überhaupt in den Fällen, die er
beobachtete, der weiteste Abstand; das Vorkommen solcher Nebenöffnungen scheint nicht selten
zu sein; denn er beobachtete in kurzer Zeit vier weitere ähnliche Fälle. Eine entwicklungs-
geschichtliche Erklärung versucht Merkel nicht.
1861. A. Kölliker, Entwicklungsgeschichte des Menschen und der höheren
Thiere. Leipzig. |
Pag. 441 sagt Kölliker, dass der Müller’sche Gang in seiner ganzen Länge auf einmal
entstehe und zuerst ohne Höhlung sei; er liege oberhalb des Wolff’schen Ganges und sei oben
leicht kolbig angeschwollen. Er entwickle sich beim Weibchen zu Tube, Uterus und Vagina,
während Wolf’scher Körper und Wolfl’scher Gang schwinden. Der oberste Theil des
Müller’schen Ganges bekomme einen Längsschlitz, das Ostium abdominale. Im Bereiche des
Genitalstranges verschmelzen die beiden Müller’schen Gänge und zwar zuerst in der Mitte des
Stranges, so dass nach oben und unten der Canal sich alsdann noch doppelt in Eileiter und
in den Sinus urogenitalis fortsetzt;; bald verschmelze er vollständig, aus den verschmolzenen
Gängen würden Uterus und Vagina, aus dem Sinus urogenitalis das Vestibulum, Der Müller’sche
Gang münde nach unten in den Sinus urogenitalis; letzterer stelle beim Embryo denjenigen
Theil der Harnblase vor, welcher den Müller’schen und Wolff’schen Gang und den ÜUreter
aufnehme. Ueber die Ausmündung der Müller’schen Gänge in den Sinus urogenitalis konnte
er. nicht. ins Klare kommen.
— 831 —
Beim Männchen bilde sich auch eine Tubenöffnung, ferner verschmelzen die Müller’'schen
Gänge ebenfalls im Genitalstrang, schwinden aber später und bilden unten die Vesicula prostatica,
oben die gestielte Morgagni’sche Hydatide; der Samenleiter entstehe aus dem Wolff’schen Gange.
Pag. 453 sagt Kölliker, das Hymen sei eine Umbildung des ursprünglich vorhandenen
Wulstes, mit dem die Müller’schen Gänge in den Sinus urogenitalis einmündeten.
1865. His, Beobachtungen über den Bau des Säugethier-Bierstockes.
Archiv für mikroskopische Anatomie von Max Schultze I.
Pag.- 158 kennt er den Müller’schen. Gang in der ausgebildeten Form »mit einem breiten
Stromaring umgeben«.
Pag. 161 leitet er denselben in der ersten Entstehung ebenso wie den Wolff’schen Gang
aus dem I. Stratum als eine Einstülpung nach aussen von dem genannten Gange ab. Tafel XI,
Fig. III A zeigt bei $/ die betreffende Stelle, welche mit einem Fragezeichen versehen ist.
Damit ist die Entstehung auf den zweiten Tag ungefähr gelegt.
1865. Dursy, Ueber denBau der Urnieren des Menschen und der Säuge-
thiere. Vorläufige Mittheilung. Zeitschrift für rationelle Mediein von Henle und Pfeuffer,
III. "Reihe. XXIII. Band 1865. pag. 257.
Die ausführliche Arbeit ist mir nicht bekannt geworden.
Er sagt, dass der Müller’sche Gang in seiner Entstehung nichts mit dem Wolff’schen
Gange zu thun habe, dass er als Strang sich in der Peritonealhülle des Wolff’schen Körpers
bilde; neben dem Müller’schen Gange liege in der Hülle eine Vene, die gewöhnlich mit dem
Wolff’schen Gange verwechselt würde, weil dieser meist zusammenfalle.
Ferner sagt er, die Angabe, der Müller’sche Gang erscheine plötzlich in seiner ganzen
Länge, sei unrichtig; er erscheine zuerst oben, im Zusammenhang mit der Geschlechtsdrüse,
trenne sich aber später wieder von ihr. Einmal will er den linken Müller’schen Gang eines
Rindsembryos von 3‘ Länge unten sich in zwei Fäden haben spalten sehen.
Das Parovarium stellt er dem Giraldes’schen Organe gleich, nicht dem Kopfe des
Nebenhoden.
1866. Henle, Handbuch der Eingeweidelehre.
Pag. 470 erwähnt er das Vorkommen von Nebenöffnungen im Eileiter, die mit Fimbrien
versehen sind und entweder direct oder vermittelst eines Stieles dem Eileiter aufsitzen (also
Verdoppelungen des Eileiters!); sie finden sich gewöhnlich in der Nähe des Ostium abdominale,
manchmal aber auch bis zur Mitte der Tube.
a
1867. Hensen, Embryologische Mittheilungen.: Archiv für mikroskopische Ana-
tomie von Max Schultze. 1867.
Pag. 502 sagt Hensen: »Die von His angenommene Einstülpung des Urnieren- und
Müller’schen Ganges aus dem Hornblatte habe ich direct nachweisen können.« Ausführlichere
Mittheilung darüber fehlt.
1867. Th. Bornhaupt, Untersuchungen über die Entwicklung des Urogenital-
systemes beim Hühnchen. Riga. Inauguraldissertation.
Pag. 37 ff. Bornhaupt bestreitet zunächst das von Remak und His behauptete Auftreten
des Müller’schen Ganges am zweiten Tage, hebt dann hervor, dass nicht nur beim Weibchen,
wie Joh. Müller angenoinmen, sondern auch beim Männchen des Huhnes der Müller’sche Gang
existire.
Der Müller’sche Gang entsteht nach Bornhaupt in einer Verdickung des Peritonealepithels
am oberen Ende des Wolff’schen Körpers in Form einer Rinne, die trichterförmig nach unten
weiter wächst, in engem Zusammenhang mit der Peritonealverdickung; als solide Spitze dringe
das untere Ende zwischen Wolff’schem Gange und Peritonealepithel vor, aber ohne Zusammen-
hang der soliden Spitze mit dem einen oder anderen. Vielmehr sei immer eine scharfe Grenze
zwischen der soliden Spitze und Epithel sowohl als Wolff’schem Gange vorhanden. Die Aus-
höhlung des Ganges nach unten folge nach. »Dadurch, dass das Peritonealepithel vom
Wolff’schen Gange abgehoben wird, bildet sich an der äusseren Wand des Wolf®’schen Ganges
eine vorspringende Leiste, an der das Peritonealepithel bedeutend verdickt ist; diese Ver-
dickung besteht aus mehrfachen Lagen von Zellen.« Er findet diese Verdickung sehr auf-
fallend, sagt, sie verschwinde nachdem der Müller’sche Gang angelegt sei und gleichzeitig er-
halte der Müller’sche Gang eine dicke Hülle von concentrisch geordneten Zellen. Die Be-
deutung dieser Verdickung kennt er nicht. Die erste Anlage des Müller’schen Ganges hat
Bornhaupt genau verfolgt, nicht aber die weitere Entwicklung, wie er sagt. Die Ansicht von
Thiersch, dass der Müller’sche Gang aus dem Wolff’schen entstehe, verwirft er. Beim Weibchen
verschwinde der rechte Müller’sche Gang, beim Männchen beide. Ueber das Verschwinden der
Gänge fehlen die Abbildungen. Die Ausmündung des Müller’schen Ganges in die Cloake er-
folge am achten Tage oder etwas später. Es ist noch hervorzuheben, dass sein Citat von Rathke
(Abhandlung zur Bildungs- und Entwicklungsgeschichte des Menschen und der Thiere 1832 1.
pag. 53) nicht richtig ist. Es findet sich dort von Rathke keine ursprünglich freie Einmündung
in die Bauchhöhle angegeben, abgesehen von der falschen Ableitung vom Wolff’schen: Gange.
— 333 —
1868. W. His, Untersuchungen über die erste Anlage des Wirbelthierleibes.
Pag. 127 hebt His zunächst hervor, dass seine Untersuchungen über Anläge des Müller’schen
Ganges keinen Anspruch auf Vollständigkeit machen.
Pag. 167. Die von ihm früher gegebene, : von Hensen angenommene Deutung der Ent-
stehung des Müller’schen Ganges aus dem Hornblatte lässt er fallen. Auch das frühe Auftreten
bestreitet er jetzt gegen Remak. Vor dem vierten Tage fand er auf Durchschnitten nie einen
zweiten Gang über dem Wolff’schen und glaubt, der Müller’sche Gang habe sich dann noch
nicht vom Wolff’schen Gang emaneipirt.
Pag. 161 sagt er, die Trennung des Sinus urogenitalis vom Mastdarme geschehe beim
Säugethier durch Vorspringen der inneren Nahtfalten. 3
1868. Dohrn, Zur Kenntniss derMüller’schen Gänge und ihrer Verschmelzung.
Schriften der Marburger naturforschenden Gesellschaft.
Die Arbeit behandelt weniger die Entwicklung als die Verschmelzung der beiden Müller’schen
Gänge im ‚Bereiche des Genitalstranges ; sie ist in Bezug auf diesen Punkt so vollendet, dass
ich nur ausdrücklich ‚auf sie verweisen kann. Die Untersuchung ist an einer sehr vollständigen
Reihe von Säugethieren ‘und menschlichen Embryonen angestellt. — Auch Dohrn nimmt an,
dass aus dem Müller’schen Gange Tube, Uterus und Vagina entstünden. Die Müller’schen
Gänge münden getrennt 'auf einer Prominenz in den Sinus urogenitalis, dicht über ihnen die
Wolf®schen Gänge. — Im Genitalstrange bemerkte Dohrn eine concentrische Schichtung der
Gewebselemente und eine bedeutende Reichhaltigkeit an Gefässen. -— Die Verschmelzung der
beiden Müller’schen Gänge beginnt etwas oberhalb der unteren Mündung und geht von da an
nach. unten und nach oben weiter, nach unten meist sehr rasch. Der linke Müller’sche Gang
liegt bein Embryo etwas mehr nach vorn (Druck durch den Mastdarm).
Beim Menschen erfolgt in der letzten Hälfte des zweiten Monats die Verschmelzung; erst
nach ihrer Vollendung wird die Trennung in Uterus und Vagina deutlich. Beim männlichen
Embryo: vom Menschen. verschwindet schnell der obere Theil des Müller’schen Ganges; lang-
samer bei den Säugethieren.
1870. Waldeyer, Eierstock und Ei. — Leipzig.
Die ‚sehr ausführliche und genaue Arbeit von Waldeyer schien den Schlussstein in der
Lehre von der Entwicklung der Geschlechtsorgane zu setzen; er bestätigte grossentheils ältere
Ansichten, griff‘ aber in manchen Punkten die älteren Anschauungen, die bis dahin als gesichert
gegolten, ‚an und so. wurde die Arbeit für mich die Anregung, einzelne der schon vielfach
tractirten Punkte von Neuem zu untersuchen. ‘Meine Arbeit wird sich also vorzugsweise mit
334 —
der Beleuchtung der Waldeyer’schen Angaben über die Entwicklung der Müller’schen Gänge
zu befassen haben und ich ‚werde deshalb weiter unten speciell auf dieselbe zurückkommen. —
Hier nur kurz die von Waldeyer gefundenen Resultate.
Pag. 106 hebt Waldeyer vor Allem die Bedeutung der von Bornhaupt gemachten An-
gaben hervor.
Pag. 117 betont er besonders die schon früher bekannte Beziehung der Auskleidung der
Pleuroperitonealhöhle zur Entwicklung der Müller’schen Gänge und Geschlechtsdrüse. Neu sind
seine Angaben über die Ausdehnung dieser Auskleidung, die er näher im Detail beschreibt und
die an gewissen Stellen das von ihm sogenannte Keimepithel darstellt. ;
Pag. 121 nennt er denjenigen Theil der Pleuroperitonealhöhle, der am deutlichsten mit
verdicktem Epithel ausgekleidet ist und den Mittelplatten angehört, Regio germinativa, den
Rest Regio Iymphatica. Gekannt war, wie gesagt, das Keimepithel schon früher; eine verschie-
dene functionelle Bedeutung vor der übrigen Auskleidung der Pleuroperitonealhöhle schrieb
ihm aber erst Waldeyer zu; die Entstehung des Müller’schen Ganges aus dem Keimepithel
hat auch schon Bornhaupt dargethan. — Auf dem Theile der Regio germinativa, die Waldeyer
als Geschlechtswall oder Mittelwall bezeichnet, entsteht der Müller’sche Gang und die Geschlechts-
drüse und zwar an den Abhängen des Walles, während besonders später durch Wachsthum
des Wolff’schen Körpers das Epithel auf der Spitze des Walles atrophirt.
Vom Keimepithel leitet ‚also Waldeyer wie Bornhaupt den Müller’schen Gang ab und
hebt Waldeyer pag. 124 hervor, dass nur das Epithel des Müller’schen Ganges daher stamme.
Den Zeitpunkt der Entstehung des Ganges aus dem Keimepithel setzt Waldeyer auf die 88. Be-
brütungsstunde fest. In Form einer Rinne senkt sich der Müller’sche Gang allmälig in die
Tiefe und gelangt bald weiter unten zu einem vollständigen Abschluss seines Canals, der als-
dann deutlich getrennt ist von dem über ihm verlaufenden Keimepithel. Der Canal wächst
nach abwärts mit solider Spitze, die deutlich in ihren Elementen zu unterscheiden ist von denen
ihrer Umgebung. Diese solide Spitze nun soll im Vorrücken nach abwärts in Verbindung mit
dem Keimepithel sein, aus demselben ihre Existenz ableiten. Es ist dieser letzte Punkt das
wesentlich Neue der Ansicht Waldeyer’s. Waldeyer hat jedoch auch noch abwärts von dieser
‚Communicationsstelle der soliden Spitze des Müller’schen Ganges mit dem 'Keimepithel noch
eine Fortsetzung des Epithels des Müller’schen Ganges in Form einer kleinen Zellanhäufung
gesehen. Waldeyer stimmt demnach in der Auffassung der Entstehung des Müller’schen Ganges
ganz Bornhaupt bei, nur glaubt er, wie er pag. 126 noch einmal ausdrücklich bemerkt, dass
die Einstülpung nicht blos im Bereiche des Ostium abdominale sich finde, sondern auch noch
— 3383
weiter nach unten die Einstülpung in der Richtung »a capite ad calces« fortschreite. Den
Einwand, welchen Waldeyer gegen den Längsschnitt Bornhaupt’s vorbringt, muss man gelten
lassen, Waldeyer’s neue Ansicht finde ich nur durch einen Schnitt gestützt; ob er dasselbe
Verhältniss bei allen Embryonen von passendem Alter gesehen, gibt er nicht an.
Pag. 126 bis 127 sagt nun Waldeyer, dass die Einstülpung nicht senkrecht anf den
Müller’schen Gang erfolge, sondern nach seiner Ansicht schräg nach abwärts; das müsse
besonders für den unteren Theil des Ganges angenommen werden, weil sich im Beckentheile
gar kein Keimepithel vorfinde. Er nähert sich durch diese Annahme bis zu einem gewissen
Grade der Ansicht Bornhaupt’s wieder.
Pag. 127 erklärt Waldeyer die Morgagni’sche Hydatide als obersten Theil des Ostium
abdominale, welches sich zu einem Rohr abschliesst.
Die Nebenöffnungen der Tube erklärt Waldeyer als unvollständige Abschnürungen des
Keimepithels vom Müller’schen Gange und gibt an, dass ihre Entstehung sowohl nach der
Auffassung Bornhaupt’s als nach seiner eigenen erklärt werden könne. Die Cysten der Liga-
menta lata führt Waldeyer nicht auf das Parovarium zurück, sondern auf abgeschnürte Theile
des Keimepithels, auf partielle locale Einstülpungen des Epithels.
Pag. 142 sagt er indessen auch, dass er glaube, aus dem Urnierentheil des Wolff’schen
Körpers entstünde ein grosser Theil der Oysten.
Während der weiteren Ausbildung des Müller’schen Ganges soll nun nach pag. 128 das
Grundgewebe des Wolff’schen Körpers wuchern und den Müller’schen Gang umgeben (Anlage
der Muskulatur), ihn vom Wolf’schen Gange und Keimepithel abdrängen und dadurch gleich-
zeitig das Keimepithel zum Atrophiren bringen. Schon am zwölften Tage sei alles Keimepithel
verschwunden mit: Ausnahme der Ovarien und der Tubenöffnung.
Pag. 127 erwähnt Waldeyer dann noch, dass der Müller’sche Gang die äussere Wand
des Wolff’schen Ganges eindrücke, wie auch schon Bornhaupt hervorgehoben habe, dass
dadurch allmälig eine Verschmelzung der beiden Gänge eingeleitet werde, die in dem unteren
Theile erfolge; die beiden Gänge, Müller’scher und Urnierengang, mündeten also gemeinsam aus.
Ueber das Verschwinden der Wolff’schen Gänge beim Weibchen, der Müller’schen Gänge
beim Männchen und des rechten Eileiters gibt Waldeyer nichts Näheres an.
Pag. 133. »Der Müller’sche Gang, welcher in der Plica urogenitalis die oberste Stelle
einnimmt, liegt bei der Einmündung in die Cloake, welche gegen das Ende des siebenten
Tages erfolgt, in der Mitte, so dass der Wolf’sche Gang und der Nierencanal ihn zwischen
— 1.886
sich nehmen und kommt auf diese Weise, indem er sowie der Wolf’’sche Gang einen bauch-
wärts concaven, weit gespannten Bogen beschreiben, bei der Einmündung auch unmittelbar an
die Uebergangsstelle des Wolff’schen Ganges in die Cloake zu liegen; vielleicht kann man noch
ein kleines Stück des letzteren als gemeinschaftlichen Geschlechtsgang betrachten und annehmen,
dass anfangs nur der Wolff’sche Gang in die Cloake selbst mündet.« — Es ist diese Angabe un-
bestimmter gehalten, als die von pag. 127 ceitirte. — Zu betonen ist, dass Waldeyer der Erste
ist, der die Ausmündung des Müller’schen Ganges wenigstens bis zu dem eben angeführten
Grade genauer bespricht. Meine Erfahrungen über diesen Punkt sind allerdings wesentlich
andere.
Ueber die Entwicklung der Gänge beim Säugethier und Menschen hat Waldeyer nichts
Näheres angegeben. Es sollen die Verhältnisse in allem Wesentlichen indessen denen des
Huhnes gleich sein. Die Entstehung des Müller’schen Ganges namentlich ist gar nicht erwähnt;
ebensowenig die Verschmelzung und das Verhältniss des Müller’schen Ganges zu dem späteren
Geschlechtscanal in seinen einzelnen Abschnitten.
1872. Gasser, Ueber die Entwicklung der Müller’schen Gänge, Sitzungs-
berichte der Gesellschaft zur Beförderung der gesammten Naturwissenschaften zu Marburg.
Nr. 1. Januar. Jahrgang 1872.
Es ist das der Auszug eines kürzeren Vortrages, den Verfasser dieses über die Ent-
"wicklung der Müller’schen Gänge im Januar 1872 hielt und in dem er in den Hauptzügen
dieselbe Ansicht vertreten hat, die hier weiter auseinander gesetzt werden soll: unter Bezug-
nahme auf diese kürzere Notiz verweise ich im Uebrigen auf das Weitere der vorliegenden
Arbeit.
9. Die Entstehung des Müller’schen Ganges, sein Wachsthum und
Verschwinden.
a. Beim Huhn.
Die vorliegenden Untersuchungen über die Müller’schen Gänge wurden zum grössten
, Theile im Sommer des Jahres 1871 von mir auf dem anatomischen Institut zu Marburg
gemacht und deren Resultate in einem kürzeren Vortrage in der naturforschenden Gesellschaft
zu Marburg im Januar 1872 zusammengefasst. Zu meinen Studien über die Müller’schen Gänge
habe ich eine grosse Zahl von Hühnerembryonen verwendet, die theils mit der Brütmaschine,
theils durch die Henne ausgebrütet waren; dieselben wurden zum grössten Theile in Alkohol
Ze
gehärtet, ein kleinerer Theil in Chromsäurelösung. Dann wurden die kleineren Embryonen in
toto in einer Lösung von karminsaurem Ammoniak gefärbt, nochmals in Alkohol gelegt und
zum Zwecke des Schneidens in eine Wachsmischung eingeschlossen. Die Schnitte wurden
sämmtlich in Glycerin aufbewahrt. Ich habe 24 vollständige, genau geordnete Serien von
Querschnitten conservirt, welche die verschiedensten Stadien der Entwicklung darstellen, vom
ersten Auftreten des Müller’schen Ganges bis zum Auskriechen des Hühnchens. Ferner besitze
ich 26 Serien von Längsschnitten, welche neben anderen Zwecken auch den hatten, die Resul-
tate der Querschnitte zu controliren und zu ergänzen. Im Frühjahre dieses Jahres fertigte ich
nochmals drei Serien an, welche von Embryonen gewonnen wurden, die mit Ueberosmiumsäure
behandelt waren. Der Zweck derselben war lediglich eine erneute Feststellung der wichtigsten
Ergebnisse meiner früher gewonnenen Resultate. In keiner Weise wurden dieselben durch. diese
Serien geändert. Von Säugethierembryonen besitze ich 12 Serien, meist Querschnitte. Es
wurden theils Schweine-, theils Schafembryonen verwendet. Das beschränkte Material, besonders
die Unmöglichkeit, die jüngsten Stadien in passend frischem Zustande zu erlangen, lassen diese
Serien kein vollständiges Bild von den hier in Rede stehenden Verhältnissen liefern. Die Säuge-
thierembryonen sind in den Zeichnungen nicht vertreten.
Die hier beigegebenen Abbildungen, Tafel II und III, haben den Zweck, einmal die Ent-
stehung des Müller’schen Ganges und sein Schicksal bis zu dem Momente zu verfolgen, wo der
Eintritt des Geschlechtsunterschiedes über sein weiteres Loos entscheidet; besonders die Um-
wandlung und die genaueren histologischen Verhältnisse des Keimepithels sind hier berück-
sichtigt. (Fig. 1—6). — Die Figuren 6—11 ferner stellen die Entwicklung der Gänge beim
Weibchen dar und zwar 6, 7, 8 im Bereiche des oberen Endes und in der Mitte;
9, 10, 11 das Schicksal im unteren Abschnitte und vor der Cloake auf beiden Seiten. — Die
drei letzten Figuren geben die Veränderungen wieder, welche der Müller’sche Gang beim
Männchen durchmacht, sie zeigen das Verschwinden des grössten Theiles des Ganges, das
Zurückbleiben eines kleinen Ueberrestes desselben vor der Cloake.
Wie es auch schon in meiner vorerwähnten kürzeren Mittheilung geschehen, will ich auch
hier die Entwicklungsgeschichte des Müller’schen Ganges in zwei Abtheilungen bringen, von
denen die erste jene Zeit umfasst, in welcher der Gang entsteht und bei beiden Geschlechtern
gleichmässig sich weiter entwickelt, während die zweite die Entwicklung nach dieser Zeit bis
zum Auskriechen des Hühnchens behandelt und wieder in zwei Unterabtheilungen zerfällt, die
Entwicklung beim Weibchen und die beim Männchen. Als Anhang werde ich alsdann einige
Worte über den Müller’schen Gang beim Säugethier anfügen.
Abhandl. d. Senckenb. naturf. Ges. Bd. IX. 43
— 338 —
I, Stadium, Entstehung und Entwieklung des Müller’schen Ganges beim Huhn in der geschlechtslosen
Zeit. Vom 5. Tage der Bebrütung ungefähr bis zum 8. Tage. Taf. II. Fig. 1—6.
Die ersten Spuren des Müller’schen Ganges, wie ich sie auf Taf. I. Fig. 1 dargestellt
habe, finden sich in einer Zeit, die ungefähr dem fünften Tage der Bebrütung entspricht. Man
sieht hier ein noch etwas jüngeres Stadium, als dasjenige, welches Bornhaupt und Waldeyer
abbilden. Meine Zeitangabe stimmt mit der Waldeyer’s nicht; derselbe will schon in der
achtundachtzigsten Bebrütungsstunde das erste Auftreten beobachtet haben. Im Februar 1874
habe ich zur Controle meiner Zeitangabe nochmals die erste, Entstehung der Müller’schen
Gänge untersucht und erst mit dem fünften Tage die hier geschilderten Erscheinungen beob-
achtet. In dem Winkel zwischen Wolff’schem Körper und der Hautplatte findet sich um diese
Zeit in dem von Waldeyer näher charakterisirten, etwas verdickten Epithel der Pleuroperitoneal-
höhle eine Rinne, die umgrenzt wird durch etwas mehr hervortretende Partien eben dieses
Epithels. Die Rinne ist in der Figur mit M bezeichnet. Man kann diese deutlich sich mar-
kirende Rinne auf 2—-3 Schnitten verfolgen; sie erreicht nicht ganz das oberste Ende des
Wolff’schen Körpers, nach unten zu läuft sie, seichter werdend, aus und weiter nach dem
Schwanzende findet sich nur die einfach glatte Lage des verdickten Pleuroperitonealepithels.
— Dieser Zustand dauert nur sehr kurze Zeit.
In dem von einem nur sehr wenig älteren Embryo in Figur 2 dargestellten Schnitte er-
kennt man schon die seit Bornhaupt und Waldeyer bekannte Einstülpung des Keimepithels in
die vordere, äussere Wand des Wolff’schen Körpers; es ist nicht schwer, die seit der im ersten
Schnitte dargestellten Anlage eingetretenen Veränderungen zu verstehen. Von nun an wächst
der Müller’sche Gang weiter nach abwärts; er verfolgt genau den Verlauf des Wolff’schen
Ganges, dessen äussere Wand er etwas einzudrücken pflegt; über dem Müller’schen Gange
erscheint das Keimepithel besonders stark verdickt; der Müller’sche Gang stellt einen Trichter
dar, der am oberen Ende des WolfPschen Körpers often in die Bauchhöhle mündet, nach
unten zu mit solider ‚Spitze der Cloake zuwächst. In Figur 3 der Tafel II ist dieses untere
Ende des nach abwärts wachsenden Müller’schen Ganges gezeichnet. Man sieht die solide Spitze
zwischen Wolfschem Gang und Keimepithel liegen, erkennt, dass dieselbe weder mit dem einen
noch mit dem anderen in Berührung steht, sieht auch, dass die Gestalt der Spitze eine etwas
platte ist, ähnlich als ob sie sich zwischen zwei beengenden Organen durchdrängen müsse,
namentlich ist ersichtlich, dass dieselbe nicht nach dem Keimepithel hin eine Verlängerung
ihrer Gestalt zeigt. Es ist das ein Punkt, auf den ich Waldeyer gegenüber besonders auf-
merksam machen möchte, und ich werde diesen Punkt weiterhin noch gebührend hervorheben,
— 339 —
In den von demselben Embryo gewonnenen, weiter nach oben gelegenen Schnitten konnte
ich überall eine vollständige Unabhängigkeit des Müller’schen Ganges vom Keimepithel nach-
weisen; ich habe demnach hier kein Stadium getroffen, wie es Waldeyer Fig. 50 seines citirten
Werkes abbildet. — Dasselbe Bild, welches hier erscheint, findet sich auch bei noch älteren
Embryonen im Bereiche der nach abwärts wachsenden Spitze und bleibt stets dasselbe,
bis der Gang endlich gegen den achten Tag, immer in gleicher Weise fortschreitend die
Gegend der Cloake erreicht. Die Aushöhlung folgt dem vorwärts dringenden soliden Zapfen
nach. Vor.der Cloake angelangt, bleibt der Gang am Ende dieses Stadiums einstweilen vor
ihr stehen, ohne in sie einzumünden; eine dünne Scheidewand trennt den Gang noch von
derselben. Die Höhlung des Ganges ist bis zur Cloake am Ende des ersten hier geschilderten
Stadiums ausgebildet. Noch möchte ich auf das Verhalten des Keimepithels aufmerksam
machen. Aus meiner Figur 3 ersieht man im Vergleich mit Figur 4 z. B., oder mit den von
anderen Autoren wohl bekannten Abbildungen, dass das Keimepithel, wenn auch deutlich über
dem Müller’schen Gange mehr als im übrigen Bereiche der äusseren und vorderen 'Seite des
Wolff’schen Körpers entwickelt, doch noch nicht den Grad der Ausbildung erlangt hat, den es
später erreicht, zur Zeit, wo der Müller’sche Gang schon mit vollendetem Lumen unter ihm
sich vorfindet; besonders die Abgrenzung durch zwei scharf einspringende Falten nach oben
und unten, auf die Waldeyer besonders hiuweist, ist nur theilweise vorhanden. Man könnte
schon durch dieses Verhalten vielleicht auf den Gedanken gebracht werden, dass das Keim-
epithel in seinem weiteren Verlaufe über dem Müller’schen Gange eine andere Bedeutung haben
möge, als eine besondere Rolle zur Epithelauskleidung des Müller’schen Ganges zu spielen und
dann zu verschwinden.
In Fig. 4 und 5 habe ich mich bemüht, die histologischen Verhältnisse und die Um-
wandlungen des Keimepithels mehr im Detail darzustellen. — Zu dem Zwecke sind die Schnitte
stark vergrössert und stellen nur einen kleinen Abschnitt des Wolff’schen Körpers vor, die
Stelle nämlich, wo an der äusseren Seite desselben der Wolff’sche Gang, Wg in den Figuren,
und auf ihm der Müller’sche Gang, Mg, und über diesem das Keimepithel Ke liegt. Der Ver-
gleich mit den bekannten Durchschnitten von Bornhaupt und His lehrt die Stelle richtig auf-
fassen. Leider muss ich hier bekennen, dass ich trotz aller Mühe. nicht zu einem vollständig
sicheren Resultate gekommen bin; einstweilen will ich deshalb einfach meine Präparate
beschreiben. Fig, 4 zeigt einen vollständig entwickelten Müller’schen Gang mit Lumen; das
Keimepithel ist sehr stark gewuchert und zeigt, besonders nach vorn zu eine scharfe Falte,
durch die es sich von der Ueberkleidung der Spitze des Wolff’schen Körpers absetzt. Man
— 340 —
sieht, dass das Epithel ebenso wie in Fig. 3 aus mehreren übereinander gelagerten cylindrischen
Zellschichten besteht, dass es sich gegen das den Müller’schen Gang umgebende Gewebe
deutlich absetzt; indessen bemerkt man auch, besonders in der erwähnten einspringenden Falte,
dass sich hier eine Sonderung des Epithels einleitet; die oberste, einschichtige Lage beginnt
hier sich gegen die übrigen Zellen des Keimepithels abzugrenzen, die Grenzlinie ist bereits
eine Strecke weit zu verfolgen; es bildet sich das Verhältniss heraus, wie es für die nächsten
Entwicklungstage lange bekannt ist, dass auch der Müller’sche Gang nicht mehr von einem
verdickten Epithel, sondern von einer einfachen Zelllage, wie der ganze Wolff’ssche Körper,
umhüllt wird. Vergleicht man hiermit die Figur 5, vom achten Tage der Bebrütung genonimen,
so fällt in die Augen, dass sich hier diese einschichtige Zelllage vollständig ausgebildet hat;
sie ist hier an beiden Enden von der Unterlage abgerissen und lässt deutlich ihre Bestand-
theile und ihre Dicke erkennen. Wo aber nun ist der Rest des Keimepithels geblieben ?
Darüber weiss ich keine genügende Auskunft zu geben. Obwohl ich die hierher gehörigen
Altersstufen auf das Genaueste untersuchte, gelang es mir nicht, ein allmäliges Atrophiren,
wie es doch wohl nach Waldeyer’s Vorgang fast allgemein angenommen wird, zu beobachten; -
plötzlich verschwinden kann es doch wohl auch nicht; was aber aus ihm wird, falls es wirklich
nicht einfach atrophirt, weiss ich nicht.
Damit schliesse ich die Betrachtung der geschlechtslosen Zeit der Entwicklung der
Müller’schen Gänge, die auf beiden Seiten bei männlichen und weiblichen Embryonen voll-
ständig gleichmässig vor sich geht.
II. Stadium. Entwioklung der Müller’schen Gänge nach der geschlechtslosen Zeit.
1. Beim Weibchen. (Taf. II. und II. Fig. 6—11.)
Fig. 6 ist einem Hühnerembryo von etwas über acht Tagen entnommen; der Schnitt
fällt ungefähr in“ die Mitte des Wolff’schen Körpers. Der Müller’sche Gang hat sich von seiner
Unterlage, dem Wolff’schen Gange durch stärkeres Wachsthum des ihn umgebenden Gewebes
abgehoben und sitzt in Form einer starken Leiste dem Wolff’schen Körper auf. Die Vorgänge,
welche sich zu Ende des I. Stadiums einleiteten, sind weiter gediehen; noch ist auf beiden
Seiten des Embryo der Gäng in derselben Weise gestaltet. In gewisser Beziehung beginnt
indessen jetzt sofort die rechte Seite sich von der linken zu unterscheiden. Auf der rechten
Seite hat zwar der Gang dieselbe Dicke, wie auf der linken, aber seine Länge ist rechts eine
geringere. Links reicht er so ziemlich zum obersten Ende des Wolff’schen Körpers, sein Ende
findet sich dicht unter der Zwerchfellanlage, rechts hört er etwas früher auf.
_— 34 —
Fig. 7, Embryo von 15 Tagen, gibt aus einer bedeutend späteren Zeit das Bild des
Ganges an seinem oberen Ende auf der linken Seite wieder. Der Gang liegt neben dem nach
oben an Umfang abnehmenden Wolff’schen Körper und ist mit jenem durch ‚einen Bindegewebs-
streifen verbunden, der von ziemlich bedeutender Länge ist. Diese Trennung des Ganges vom
Wolff’schen Körper, die 'hier ja viel auffälliger ist als in Figur 6, beginnt über ‚der Mitte des
Müller’schen Ganges und nimmt nach oben bis zum Tubenende stetig zu. Diese ausgiebige
Trennung ist ganz charakteristisch für den linken Müller’schen Gang. — Man erkennt in der
Abbildung das Ostium abdominale des Bileiters.
Anders gestaltet sich das Verhältniss auf der rechten Seite. Fig. 8 gibt aus späterer Zeit
ein Bild des Ostium abdominale der rechten Seite, ebenfalls von einem weiblichen Embryo. Der
durchschnittene Wolf’sche Körper lässt sofort erkennen, dass man sich nicht im Bereiche des
obersten Endes desselben befindet, sondern weiter nach unten, da wo der Wolff’sche Körper
noch einen bedeutenderen Umfang besitzt. Der Gang hat sich auch hier von dem Wolff’schen
Körper weiter isolirt als in Fig. 6; er hängt mit der Urniere durch eine Art Stiel zusammen,
der indessen durchaus nicht so lang und dünn ist, wie auf der linken Seite.
Die Figuren illustriren demnach die Gestalt des Müller’schen Ganges in seinen mittleren
und oberen Abschnitten beim weiblichen Embryo: in der Mitte die starke Zunahme der Wan-
dung, oben seine allmälig zunehmende Entfernung vom Wolff’schen Körper nach aussen,
links mehr als rechts, seine grössere Länge links, rechts erreicht der Gang nicht die Zwerch-
fellsgegend. An diesen Kennzeichen ist der weibliche Hühnerembryo nach dem achten Tage der
Bebrütung leicht vom männlichen zu unterscheiden.
Ich gehe über zur Beschreibung des Müller’schen Ganges in seiner unteren Hälfte bei
dem weiblichen Embryo.
Fig. 9, derselbe Embryo wie Fig. 8, zeigt uns das Bild eines Querschnittes durch die
Cloakengegend. Man sieht bei Wg die Einmündung der WolfP’schen Gänge in die Cloake CI;
der Ureter U ist ebenfalls auf seinem Wege zur Cloake zu sehen; die Allantois A ist in
Communication mit der Cloake ‘getroffen, der Darm D ist dicht vor seinem Uebergang zur
Cloake durchschnitten. Bei Mg sieht man die beiden Müller’schen Gänge 'vor der Cloake
angelangt, ihre Gestalt ist auf beiden Seiten dieselbe, aber auf beiden Seiten trennt den Gang
- noch eine Scheidewand von der Cloake. Das Verhalten, welches die Müller’schen Gänge zu
Ende des I. Stadiums zeigten, hat sich noch in keiner Weise geändert; der Müller'sche Gang
reicht mit ausgebildeter Höhlung bis an die Cloake, ohne in sie einzumünden. Ein Unterschied
— 32: —
zwischen der rechten und der linken Seite ist, wie die Figur überzeugend lehrt, noch nicht
vorhanden. So: ist der Zustand in der früheren Zeit des II. Stadiums.
Aus späterer Zeit ist Fig. 10 (von demselben Embryo wie Figur 7; 15. Tag der Bebrütung).
Der Schnitt ist durch die Stelle gelegt, wo der Wolff’sche und Müller’sche Gang die Urniere
verlassen haben, um in einer besonderen Falte mit, dem Ureter zusammen zur Cloake zu ziehen.
Hier sieht man die beiden Seiten sich wesentlich von einander unterscheiden. Ureter und
Wolff’scher Gang erscheinen auf beiden Seiten. D stellt einen Theil des durchschnittenen Darm-
rohres vor; dasselbe hängt durch ein Mesenterium an der Wirbelsäule fest. Auf der rechten
Seite sieht man bei Mg den Durchschnitt des Müller’schen Ganges; er hat im Wachsthum
nicht zugenommen, seine Höhlung ist nicht grösser geworden, er ist auf der früheren Stufe
der Entwicklung stehen geblieben, eher zurückgegangen. Er lässt sich in derselben Form weiter
nach abwärts verfolgen bis zur Cloake, ohne irgendwie seine Proportionen zu ändern. Nach
aufwärts erkennt man noch eine kleine Strecke das Lumen in der hier gezeichneten Gestalt,
dann hört es einfach blind endigend auf; von einem deutlichen Ostium abdominale ist nichts
mehr zu bemerken. Wir sehen demnach, dass am 15. Tage der rechte Müller’sche Gang soweit
hinter dem linken in der Entwicklung zurückgeblieben ist, dass er schon nicht mehr bis zum
Wolff’schen Körper herauf reicht; was von dem Gange auf dem Wolf’schen Körper verlief,
ist unter Verlust des Lumens, wie der Vorgang gedacht werden kann, atrophirt;‘ der Gang
ist dem Wachsthum der übrigen Organe nicht gefolgt, also auch schon relativ geschrumpft.
Links dagegen erkennt man bei Mg, dass der Müller’sche Gang in colossalem Maassstabe
sich erweitert hat; er erscheint in Form eines grossen Sackes auf dem Durchschnitte. Im
weiteren Wachsthum während des II. Stadiums hat also beim Weibchen der linke Müller’sche
Gang im Bereiche des unteren Endes des Wolff’schen Körpers und von da nach der Cloake
zu an Lumen sehr stark zugenommen, der linke Gang lässt sich deshalb auch leicht vom
rechten hier unten unterscheiden. In der Mitte seines Verlaufes wuchs besonders die Wand
des Müller’schen Ganges; von da nach abwärts die Liehtung desselben.
Nun der Müller’sche Gang auf beiden Seiten vor der Cloake gegen Ende des II. Sta-
diums beim Weibchen. Fig. 11 zeigt einen Durchschnitt von demselben Embryo wie Fig. 10,
- also vom 15. Tage, aus der Cloakengegend. Es ist hier nicht mehr wie zu Anfang des II. Sta-
diums. Die Erweiterung des Lumens linkerseits hat sich bis zur Cloake erstreckt; die Scheide-
wand, welche den Gang in Fig. 9 von der Cloake trennte, besteht, indessen noch fort. Man
sieht in der ‚Abbildung bei U die Ureteren beiderseits, bei Wg die Wolff’schen Gänge, .B Bursa
Fabrici, D Darm, A Allantois in (die Cloake Cl einmünden,
— 345 —
Auch auf der rechten Seite ist der Müller’sche Gang bei Mg zu sehen, auch hier ohne
Communication mit der Cloake. Man ersieht aus dieser Figur und der vorigen, dass der
Müller’sche Gang auf der rechten Seite (in seinem unteren Theile) am 15. Tage mit einem
verhältnissmässig ausserordentlich kleinen Lumen vor der Cloake zu finden ist, dass der
Müller’sche Gang demnach an diesem Tage nur noch ein kurzes, enges Röhrenstück mit stark
geschichteter Wandung darstellt, das, in derselben Leiste mit dem Wolf’schen Gange und dem
Ureter verlaufend, an der Cloake blind beginnt und bis in die Gegend des unteren Endes des
Wolf’schen Körpers aufsteigt, während im Bereiche der Urniere selbst so gut wie keine Reste
desselben mehr zu finden sind. Nach dem 15. Tage verschwindet auch das erwähnte kurze
Röhrenstück noch, man findet zuletzt nur noch eine kleine Höhle vor der Cloake und von dem
höher oben gelegenen Theile des Müller’schen Ganges, der durch dauerndes Stehenbleiben im
Wachsthum seinen Untergang einleitete, bei gleichzeitigem Schwund des Lumens, nur. noch
unbedeutende Spuren in der Richtung seines früheren Verlaufes.
Links hat der Müller’'sche Gang beim Weibchen in seinem unteren Theile bis zur Cloake
an Lumen stark zugenommen, ohne in die Cloake einzumünden, rechts blieb er in der Ent-
wicklung stehen, verschwand allmälig unter Verlust des Lumens und nur der unterste Abschnitt
findet sich nach dem 15. Tage noch vor der Cloake als eine kleine Höhle, ebenfalls ohne
in die Cloake eingemündet zu haben.
2. Beim Männchen. (Taf. III. Fig. 12—14.)
In diesen drei Abbildungen ist das Schicksal der Müller'schen Gänge beim Männchen im
U. Stadium vor Augen geführt; das Verhalten der Gänge ist auf beiden Seiten vollkommen
dasselbe. Die hier in voller Ausbildung gezeichneten Verhältnisse sind allmälig entstanden;
es sind etwas ältere Embryonen gewählt, um den Bildern mehr frappante Deutlichkeit zu geben.
— Fig. 12 ist ein Schnitt von einem Embryo von 22 Mm. Länge und dem obersten Theile
des Wolff'schen Körpers entnommen. Man sieht hier noch bei Mg den Müller’schen Gang in
Form einer deutlichen Leiste dem Wolff’schen Körper anhängen; es ist auch nicht schwer, zu
erkennen, dass man es hier mit dem früheren Ostium abdominale zu thun hat; indessen hat
sich hier die Communication mit der Bauchhöhle verschlossen, der Gang hat kein Lumen mehr;
auch reicht der Gang, ähnlich wie der auf der rechten Seite beim Weibchen, nicht mehr bis
zum obersten Ende des Wolff’schen Körpers. Der Gang bleibt nach dem achten Tage in
seiner Entwicklung stehen, während die ihn umgebenden Organe weiterwachsen. — Ein ähn-
liches Verhalten wie am oberen Ende zeigt der Müller’sche Gang im Verlaufe über den unteren
Theil des Wolff’schen Körpers.
— B44 —
Fig, 13 stellt einen Schnitt aus dieser Gegend von einem Embryo. von 40 Mm. Länge
dar. Auch hier ist die Leiste, welche den Müller’schen Gang enthielt, noch. zu sehen, selbst
der in ihr verlaufende Gang ist noch kenntlich, hat aber auch hier sein Lumen verloren und
die ganze Leiste ist ganz erheblich dünner geworden. So erscheint beim Männchen der
Müller’sche Gang auf beiden Seiten gleichmässig, im späteren Theile des II. Stadiums. — Nun
das. Cloakenende.
Fig. 14 von einem Embryo von 15 Tagen gibt einen Schnitt-durch die Cloakengegend. Darm,
Allantois, Wolff’sche Gänge sind zu erkennen, bei Mg sieht man auch noch die beiden Müller’schen
Gänge; sie zeigen ein Lumen, ähnlich wie der rechte Müller’sche Gang des Weibchens in Fig. 11.
Eine Communication mit der Cloake ist auch hier nicht eingetreten. — Demnach sind beim
Männchen vom Beginne des II. Stadiums an allmälig die Müller’schen Gänge auf beiden Seiten
in der Entwicklung zurückgeblieben, an Länge haben sie nicht mehr zugenommen, ihr Lumen
ging verloren und zwar fast gleichzeitig im ganzen Verlaufe des Ganges bis zum unteren Ende.
Auch die Leiste, die früher den Müller’schen Gang barg; nimmt ständig an Dicke ab, ent-
schwindet mehr und mehr den Blicken und enthält in späteren Zeiten nur hin und: wieder
deutliche Ueberreste des jetzt obliterirten Ganges. Nur das untere Ende behielt ein Lumen,
das selbst noch zu Ende der Entwicklung des Hühnchens im Ei noch sichtbar ist und in Form
einer kleinen Höhle persistirt, ähnlich wie der rechte Gang beim Weibchen. — Die Scheide-
wand, welche den entwickelten Eileiter des weiblichen Huhnes von der Cloake trennt, wurde
nun noch weiter bei Hühnern untersucht, welche schon seit mehreren Tagen ausgekrochen waren
und ferner bei solchen bis, zum Alter von einem halben Jahre; stets fand sich noch, makroskopisch
schon leicht nachweisbar, die Scheidewand vor; zur Controle wurden endlich Hühner zerlegt,
die Eier gelegt hatten, und bei diesen dann natürlich die eingetretene Communication beider
Hohlräume mit Leichtigkeit erkannt.
b. Beim Säugethier.
Meine Untersuchungen an Säugethieren konnten sich leider nicht auf die ersten Ent-
wicklungsstadien des Müller’schen Ganges erstrecken, weil mir Embryonen in genügend jungen
Stadien nicht zur Hand waren. Es liegt indessen auch kein zwingender Grund einstweilen vor,
“einen anderen Modus der Entstehung des Ganges bei den Säugethieren anzunehmen, als bei
den Hühnern. — Meine Untersuchungen verbreiteten sich deshalb vorzugsweise über die Ver-
schiedenheit der Entwicklung bei beiden Geschlechtern, über das Verhältniss der Gänge zum
Genitalstrange und auf die Ausmündung in den Sinus urogenitalis. Ich habe in Bezug auf
_ 34
die beiden zuerst erwähnten Punkte keine nennenswerthen Abweichungen von früheren Autoren
eonstatiren können und bescheide mich deshalb: mit einfacher Zustimmung zu den früher ge-
wonnenen Resultaten. Besonders für die Entwicklung der Müller’schen Gänge im Bereiche des
Genitalstranges verweise ich auf die oben citirte Arbeit von Professor Dohrn, welche den
Gegenstand in ebenso umfassender als klarer Weise abhandelt. — Weiter richtete ich mein
Augenmerk auf die Ausmündung der Gänge in den Sinus urogenitalis. Es sind über diesen
Punkt die Angaben der früheren Autoren wenig belehrend; es wird allgemein nur von einer
Ausmündung gesprochen, ohne dass deren Zustandekommen, die Zeit, die näheren Umstände
angegeben werden. Die vollständigsten Angaben und die einzige Abbildung verdanken wir
Dohrn. — Das Verhalten beim Huhn musste auf den Gedanken leiten, es sei auch hier viel-
leicht ursprünglich eine Scheidewand zwischen Geschlechtsgang und Sinus urogenitalis da, die
bis ins spätere Leben fortbestehe. Eine solche Analogie würde an und für sich nichts gegen
sich haben. Indessen gelang es mir nicht zur Genüge, durch Beobachtung die Analogie fest-
zustellen. Die Embryonen waren meist nicht in dem Zustande der Erhaltung, der bei dieser
schwer zu lösenden Frage nothwendig gewesen wäre, und dann zeigt das Epithel des Müller’schen
Ganges beim Säugethier besonders im unteren Abschnitte eine besondere Neigung sich vonder
Wand des Ganges zu trennen, so dass gar leicht besonders auf den letzten und für die Ent-
scheidung dieser Frage allein interessanten Schnitten vor der Cloake dasselbe herausfällt. Es
sprechen zwar meine Präparate — ich habe kein einziges Mal einen vollständigen Uebergang des
Epithels der Müller’schen Gänge in das des Sinus urogenitalis beobachtet — nicht gegen eine
bestehende Trennung; es schien mir sogar in glücklichen Fällen, als ob das herausfallende
Epithel noch die Form einer abschliessenden Platte zeigte, indessen fehlt an der vollen Sicher-
heit darüber noch viel und ich überlasse es der Beobachtung an genügendem und günstigerem
Material, die Frage endgültig zu lösen. Vielleicht würde, angeregt durch die geschilderten
Verhältnisse beim Huhn, beim Säugethier die Ansicht widerlegt werden können, dass die
Scheidewand der ausführenden Geschlechtsgänge von den äusseren Genitalien, das Hymen, erst
in der zweiten Hälfte der Schwangerschaft entstehe.
Resume.
Am fünften Tage sieht man beim Hühner-Embryo die Auskleidung der Pleuroperitoneal-
höhle auf beiden Seiten im Bereiche des oberen Endes des Wolff’schen Körpers etwas verdickt
(Keimepithel Waldeyer’s). — Am genannten Tage erscheint in diesem Keimepithel der Müller'sche
Gang als eine Rinne, die eine kleine Strecke in dem Winkel zwischen Wolff’schem Körper und
Abhandl. d. Senekenb. naturf. Ges. Bd. IX. 44
—_— 36 —
Bauchwand nach abwärts verläuft. — Zunächst beginnt nun das Keimepithel auf der äusseren
Seite des Wolff’schen Körpers gerade über dem Wolff’schen Gange derart sich zu verdicken,
dass es die Gestalt einer Leiste annimmt. Diese Leiste wächst langsam der äusseren Wand
des Wolff’schen Ganges entlang bis zum unteren Ende des Wolff”’schen. Körpers. Die vor-
erwähnte Rinme sinkt, nach dem Schwanzende zu wachsend, derart in die Tiefe unter das Keim-
epithel, dass sie den Eingang zu einem Camale bildet, der zwischen. dem. leistenförmig. vor-
springenden Keimepithele und dem Wolff’schen Gange, genau deren Lauf ‚folgend, entsteht.
Der Canal ist nicht gleich hohl, sondern sein unterstes Ende ist, sumächst solide angelegt und
höhlt sich erst später aus. Man’ sagt deshalb, der Müller’sche Gang habe in der ersten Zeit
die Gestalt eines Trichters, der nach oben rinmenförmig ausmündet, nach unten. mit solider
Spitze vorwärts dringt. — Während das Keimepithel als Leiste allmälig bis zum unteren Ende
des Wolff’schen Körpers vorrückt, folgt ihm. der unter ihm liegende Canal in der eben beschrie-
benen Weise langsam mach, hört aber nicht, wie das Keimepithel, mit dem unteren Ende der
Urniere auf, sondern. kommt bis zur Cloake, so dass am achten Tage ungefähr der Müller’sche
Gang (auf dem Wolff’schen Gange, dessen äussere Wand sogar etwas eindrückend und. unter
dem Keimepithele gelegen) mit ausgebildetem Lumen bis zur Cloake reicht, von derselben noch
durch eine Scheidewand getrennt ist, nach oben offen in die Pleuroperitonealhöhle mündet. Die
vorerwähnte solide Spitze des nach abwärts wachsenden Canals bahnt sich den Weg zwischen
Wolff’schem Gange und Keimepithel, ohme mit denselben in Zusammenhang zu treten. — Das
leistenförmig verdickte Keimepithel über dem Wolff’schen Gange erreicht den Höhepunkt seiner
Entwicklung erst, nachdem der Müller’sche Gang mit Lumen unter ihm erschienen ist und
verschwindet alsdann in der Weise, dass nur die oberste Zellenlage desselben den Charakter
des Epithels behält; was aus den darunter liegenden Schichten desselben wird, ist noch nicht
genügend erwirt. — Das ist die Entwicklung des Müller’schen Ganges der rechten und linken
Seite, wie. sie beiden Geschlechtern gemeinsam ist.
Beim Weibchen wächst der Vinke Müller'sche Gang in der Länge. weiter, reicht fast bis
zum obersten Ende des Wolff’schen Körpers, unterhalb des Zwerchfelles und trennt sich zu-
gleich in seinem oberen Theile vom Wolff’schen Körper, mit dem er nur noch durch ein Band
in Zusammenhang bleibt. Sein oberstes Ende bleibt verhältnissmässig dünn; in seinem mitt-
leren Abschnitte dagegen verdickt sich die Wand ganz erheblich und springt in Form einer
starken Leiste über den Wolff’schen Körper vor. Das untere Ende erweitert sich blasig und
behält diese Gestalt bis vor die Oloake, mit der es in keine Verbindung tritt; diese Communi-
cation fehlt selbst bei Hühmern von einem halben Jahre noch. Die Aenderung der Durch-
— Mi —
messer des Müller'schen Ganges in seinen verschiedenen: Abschmitten beginnt deutlich hervor-
zutreten mit dem zwölften Tage. 5
Der rechte Müller’sche Gang des Weibchens dagegen bleibt bald nach dem achten Tage
in der Entwicklung zurück; wenm er sich in seinem oberen Abschnitte auch, ähnlich wie der
Gang der linken Seite, etwas vom Wolff’schen Körper entfernt, so geschieht dies doch nur in
untergeordnetem Maasse; er verkürzt sich allmälig immer mehr von oben nach unten unter
gleichzeitigem Schwunde des Lumens, so dass sein oberstes Ende immer weniger weit am
Wolf schen Gange hinaufreicht; am zwölften Tage findet man ihm schon nicht mehr in der
Gegend der Geschlechtsdrüse, am 15. Tage überhaupt nicht mehr im Bereiche des Wolff’schen
Körpers. $o bleibt zuletzt nach dem 15. Tage ausser sparsamen Resten in der Richtung
seines früheren Verlaufes nur noch eine kleine Höhle dicht an der Cloake übrig; auch der
rechte Gang mündet nicht in die Oloake ein.
Beim Männchen bleiben beide Müller’sche Gänge gleichmässig nach ‚dem achten Tage in
der Entwicklung stehen. Ziemlich gleichzeitig schwindet in der ganzen Länge des Ganges mit
Ausnahme des untersten Endes das Lumen; durch diesen Vorgang wird auch das noch deutlich
7: ‚2
er e Ostium abd
le verschlossen; die Leiste, in welcher der Gang gelegen ist, bleibt
dem Wolff’schen Körper dicht anliegen, nimmt allmälig an Durch ab und lässt sich
noch eine Zeit lang auf der äusseren Seite des Wolff’schen Körpers erkennen. Man sieht in
ihr zu verschiedenen Zeiten in den verschiedensten Graden noch Ueberreste des Müller'schen
Ganges ohne Lumen als dunkle Zellanhäufungen. Nur der Theil dicht oberhalb der Cloake
behält sein Lumen, ganze ähnlich wie der rechte Gang des Weibchens. Eine Ausmündung
in die Cloake findet auch bei dem Müller'schen Gange des Mämnchens zu keiner Zeit statt.
835 Kritik
Ich gedenke hier nicht einzugehen auf nochmalige Erörterung derjenigen Punkte, welche
früher in der Entstehung und Entwicklung der Müller’schen Gänge streitig gewesen sind, aber
durch die übereinstimmenden Angaben zweier Forscher wie Bornhaupt und Waldeyer hin-
reichend gestützt erscheinen dürften und auch meinen Erfahrungen nicht widersprechen. Es
soll hier vielmehr nur meine Aufgabe sein, Meinungsdifferenzen, die zwischen Bornhaupt und
Waldeyer aufgetreten sind, mit Bezugnahme auf meine Untersuchungen zu beleuchten und die
von mir gewonnenen abweichenden oder neuen Resultate nochmals zu betonen.
Zwei Punkte sind es im Wesentlichen, die sich'nach den heutigen Angaben anders ge-
stalten, als nach den früheren. Es ist das 1. der Eintritt der Communication des ausführenden
BE —
Geschlechtsganges beim Weibchen mit der Cloake und 2. das Verhalten des Keimepithels
“in seinem Verlaufe über den Wolff’schen Körper auf dem Müller’schen Gange, die Beziehung
desselben zu dem genannten Gange und seine weiteren Schicksale.
Ueber den ersten der erwähnten Punkte kann ich mich kurz fassen; ‚die von mir ge-
gebene Darstellung ist neu und widerspricht, weil bis dahin alle irgendwie genauen Angaben
über die Einmündung des Müller’schen Ganges in die Cloake fehlen, auch keiner früheren
Angabe direct; die allgemeinen Notizen, die sich bei Bornhaupt und Waldeyer an den oben
in der Literatur angeführten Stellen finden, stützen sich weder auf Abbildungen, noch, wie es
scheinen möchte, überhaupt auf directe Beobachtung; sie tragen mehr den Charakter der Ver-
muthung. Es ist das namentlich von der Ansicht zu sagen, die Waldeyer 1. c, über das Ver-
hältniss des unteren Endes des Müller'schen Ganges zu dem Wolff’schen Gange aufstellt ‚und
der er selbst weiterhin nicht ganz treu zu bleiben scheint; wenigstens drückt er weiter unten
im Text sich viel unbestimmter über eine gemeinschaftliche Ausmündung beider Gänge, ein
Uebergehen des Müller’schen Ganges in den Wolff’schen aus. Die Sachlage wird durch meine
Beobachtungen und die beigegebenen Figuren hinreichend festgestellt, und fällt damit von
selbst die Vermuthung Waldeyer’s.
Der zweite Punkt betrifft das Keimepithel' Waldeyer’s und zwar an der Stelle, wo sich
unter ihm der Müller’sche Gang entwickelt, das Epithel selbst, gleichzeitig stärker als in der
nächsten Umgebung in Form einer Leiste auf der äusseren, vorderen Seite des Wolff’schen
Körpers hervorspringt; über die Bedeutung und Ausbreitung des verdickten Pleuroperitoneal-
epithels, Keimepithel genannt, beabsichtige ich nicht zu sprechen, sondern nur über das Ver-
hältniss des Keimepithels zum Müller’schen Gang in erster Linie und in zweiter über das Loos
jenes Epithels.
Seitdem man erkannt hat (Bornhaupt), dass der Müller’sche Gang von oben herab nach
unten wachse, oben als eine Rinne entstehe, die sich nach unten zu in eine Röhre umwandelt,
oben offen bleibt, nahm man auch an, dass die Epithelauskleidung der so. entstandenen Röhre
abzuleiten sei von dem Pleuroperitonealepithele, welches an der Stelle, wo jene Rinne entsteht
(oberes Ende des Wolff’schen Körpers), durch seine Mächtigkeit sofort 'auffiel. Dieser Punkt
ist nicht streitig. Waldeyer hat die betreffende Beobachtung Bornhaupt’s nur. bestätigt und
ausserdem die Bedeutung des verdickten Pleuroperitonealepithels als Keimepithel gewürdigt.
Anders ist es mit dem Verhalten des Keimepithels im weiteren ‘Verlaufe über den ‚Müller’schen
Gang, also an den Stellen, wo späterhin eine offene Communication des Müller’schen Ganges
mit der Bauchhöhle sich nicht vorfindet, sondern derselbe als: eine geschlossene Röhre erscheint.
— 349 —
Bornhaupt hatte; angegeben, ’ die Einstülpung; des verdiekten Epithels zur Bildung: der
Epithelröhre des Müller’schen Ganges finde nur, im Bereiche der, oflen bleibenden Tuben-
öffnung statt ; von dieser Stelle aus wachse die Röhre. nach unten weiter, unter Vorausgehen
einer soliden Spitze; es finde weiter nach unten kein Zusammenhang des Keimepithels mit dem
Müller’schen Gange mehr statt.
Waldeyer behauptet, in der. ganzen Länge. des Müller’schen Ganges von der. Tuben-
öffnung bis zum. unteren, ‚Ende..des Wolff’schen : Körpers, also mit Ausschluss des Stückes,
welches 'von hier zur Cloake zieht, stülpe sich das Keimepithel in das darunter liegende Ge-
webe ein und bilde oben eine offene Röhre, weiter unten dagegen einen soliden. Strang, der
dureh Abschnürung vom Keimepithele und später eintretendes Hohlwerden sich zum Müller’schen
Gange umwandle ; diese. Einstülpung unterhalb der Tubenöffnung, die sich also nach Waldeyer’s
Angabe dadurch von der im. Bereiche der Tubenöffnung entstehenden unterscheidet, dass
erstere solid ist, ‚soll in schräg nach abwärts gewendeter Richtung von der einspringenden
Falte an der vorderen Seite des Keimepithels aus erfolgen; dieser schräge Verlauf der Ein-
stülpung scheint hauptsächlich deshalb angenommen zu sein, ; weil sonst mit der Ansicht
Waldeyer’s unvereinbar wäre, dass unterhalb des Wolff’schen Körpers bis zur. Cloake der
Müller’sche Gang sich auch entwickelt, obwohl an dieser. Stelle doch das Keimepithel voll-
ständig fehlt. Diese Annahme stimmt indessen nicht recht nit der von Waldeyer gegebenen
Abbildung, die doch ein genauer Querschnitt zu sein scheint.; der vermuthete schräge Verlauf
der Einstülpung scheint also auch gar. nicht auf directer Beobachtung zu beruhen. Durch
welche Beobachtungen Waldeyer überhaupt zur Annahme einer successiv von oben nach unten
fortschreitenden Einstülpung gekommen ist, wird aus seinem oben. citirten Werke überhaupt
nicht recht. ersichtlich. Er. ‚gibt. ‚nicht an, wie oft er. im weiteren Verlaufe des: Müller’schen
Ganges eine solche Einstülpung gesehen, überhaupt ‚nicht, dass, er sie öfters beobachtet
hat, damit natürlich auch nicht, ob man sie in allen Stadien sehen kann, in denen die solide
Spitze des Ganges die Cloake noch nicht erreicht hat; ferner fehlt, das Genauere darüber,
in welcher Weise die Lösung zwischen dem zum Müller’schen Gang abgeschnürten Theile
des Keimepithels und dem später bekanntlich doch deutlich isolirt über, dem, Müller’schen
Gange als ‚Leiste verlaufenden Reste des Keimepithels stattfindet; in. dem in jenem Werke
abgebildeten Schnitte sieht ‘man allerdings mit voller Deutlichkeit einen Zusammenhang
des Keimepithels mit: einem; ' darunter ‚liegenden soliden Strange, der doch wohl der
Müller’sche Gang ist.
Um die ‚Sache mit genügender Gründlichkeit zu, ‚erörtern, ‚gehe ich zunächst auf das
— Bl
Erscheinen des Keimepithels in Form einer Leiste über/dem Wolff’schen Gange, damit also auch
weiterhin über dem Müller’schen Gange, zurück.
Schon seit längerer Zeit ist bekannt, dass dem Auftreten des Müller’schen Ganges eine
Verdickung des Pleuroperitonealepithels vorhergeht. Ich habe diese Erscheinung leicht be-
obachten können. Waldeyer hat diese Verdickung näher in ihrer Ausdehnung beschrieben und
wegen der Beziehung zur Entstehung des Geschlechtsapparates als Keimepithel bezeichnet.
Das Keimepithel wächst, vom oberen Ende des Wolf’schen Körpers beginnend, nach dem
Schwanzende des Embryo zu, und zwar findet man es dem unteren Ende des entstehenden
Müller’schen Ganges etwas voraneilend. Man könnte so auf den Gedanken kommen, es habe
eine Beziehung zu der Entstehung jenes Ganges auch nach abwärts vom Ostium abdominale
tubae. Daneben zeigen aber meine Figuren, dass das Epithel nicht wieder sofort schwindet,
nachdem unter ihm der Müller’sche Gang erschienen ist, sondern im Gegentheil, dass das
Epithel erst seine höchste Entwicklung erreicht, nachdem der Müller’sche Gang unter ihm sich
bereits deutlich isolirt mit einem Lumen versehen vorfindet; bis zu einem gewissen Grade
widerspricht das der vorerwähnten Annahme; beweisender allerdings ist, dass es mir nicht
gelingen wollte, bei einer so bedeutenden Zahl von Embryonen einen wirklichen sichtbaren
Zusammenhang zwischen Keimepithel und dem Müller’schen Gange abwärts vom Ostium ab-
dominale aufzufinden. Die solide Spitze, die nach Waldeyer sich mit dem Keimepithel ver-
binden soll, zeigt in meinen Präparaten nie eine Gestalt, die auch nur darauf hindeutet, dass
beide in Beziehung zu einander treten wollten; die Spitze ist eher abgeplattet und auf das
deutlichste von dem Keimepithel in allen Schnitten getrennt. Demnach bin ich nun gezwungen,
anzunehmen, um der Figur Waldeyer’s gerecht zu werden, dass die in derselben gezeichnete
Communication nicht das normale Verhalten darstellt, sondern eine abnorme, wenn auch hin
und wieder zu beobachtende Verbindung ist.
Für diese Deutung weiss ich Folgendes anzuführen. In dem oberen Abschnitte des
Müller'schen Ganges habe ich, besonders in späteren Stadien beim Huhn, nicht selten kleine
Canäle gefunden, die als eine Art Verdoppelung des Ganges erschienen, eine Zeit lang neben
dem Müller’schen Gange in derselben Richtung verliefen, dann aber früher als der Hauptcanal
in die Bauchhöhle ausmündeten; ferner findet man im Bereich des obersten Theiles des Bileiter
beim Vogel öfter Ausbuchtungen desselben, die blinde Taschen: bilden und den Eindruck her-
vorrufen, als ob sie Receptacula seminis seien. Beide Arten können doch wohl nur so ent-
standen gedacht werden, dass das Epithel des Müller’schen Ganges nach der Seite zu wucherte
oder das Keimepithel an ungewohnter Stelle mit dem Müller’schen Gang in Verbindung trat,
—' 851 —
und so entweder eine abnorme Communication mit der Bauchhöhle bewerkstelligte, oder, wenn
eine solche Communication nicht erreicht wurde, eine Buchtenbildung in der Wand des Ei-
leiters hervorrief.
Bei Säugethieren konnte ich diese Erscheinung nicht beobachten; dass sie aber dort
ebenso gut wie beim Vogel vorkommen möge, scheint mir aus der Beobachtung von Neben-
öffnungen hervorzugehen, die sich an der Tube finden; sind dieselben gestielt, so entsprechen
sie der zuerst geschilderten Erscheinung beim Huhn; es sind Gänge, die eine Zeitlang eine
ähnliche Gestalt bewahren, wie die Tube selbst, um dann früher als diese in die Bauchhöhle
zu münden. Sind sie nicht gestielt, so stellen sie weniger entwickelte Aussackungen des Canals
dar, die späterhin mit dem Cavum abdominis in Verbindung treten. Namentlich das Vor-
kommen solcher Nebenöffnungen der Tube nur im oberen Theile derselben scheint mir sehr für
ıneine Annahnıe zu sprechen; es sind hier bei den Säugethieren weiter entwickelte Ausstülpungen
des Eileiters, die bei anderen Thieren in Form von Receptaculis seminis erscheinen können.
Waldeyer’s Annahme von der Bedeutung des Keimepithels in seinem Verlaufe über die
äussere Seite des Wolff’schen Körpers hatte, wie es schien, eine vollständig genügende Er-
klärung von dessen Schicksal gegeben; es würde nun meine Aufgabe sein, nachdem ich diese
Deutung bestritten, eine andere an die Stelle zu setzen. Wie oben angeführt, ist mir dies
trotz des besten Bemühens nicht gelungen. Ich habe nur beobachten können, dass die oberste
Lage des Epithels sich in eine Zellschicht umwandelt, die sich in nichts von der Auskleidung
des übrigen Peritonealraumes zu unterscheiden scheint; was aus den tiefer gelegenen Zellen
des Keimepithels wird, bleibt unerledigt.
II. Entstehung des Afters.
1. Literatur.
Die Geschichte unserer Kenntniss der Afterentwicklung kann man zerlegen einmal in die
Zeit, in der man die äusserlich sichtbaren Veränderungen, welche zur Afterbildung führen,
beobachten und richtig deuten lernte, und dann in die Zeit, in welcher man sich mit der
Frage nach der wahren ursprünglichen Anlage der Communication des Mastdarmes mit der
Körperoberfläche beschäftigte; letztere tritt gegen erstere sehr an Ausdehnung zurück.
1825. Rathke, Beiträge zur Geschichte der Thierwelt. III. Abtheilung. Beobach-
tungen über die Entwicklung der Geschlechtswerkzeuge bei den Wirbelthieren. I. Band. IV. Heft
der Schriften der naturforschenden Gesellschaft zu Danzig. — Halle.
— 3552 —
Rathke ist der Erste, welcher pag. 70 dieses Werkes die Entstehung des Afters beim
Huhn folgendermassen angibt: am 6. Tage erkennt man eine ringförmige Erhabenheit an der
Bauchseite der Schwanzspitze, welche in Form eines Walles einen Querspalt umgibt; an der
vorderen Lippe des Spaltes sei eine kegelförmige Erhabenheit, welehe‘ der Gestalt nach an den
eben angelegten Penis, resp. Clitoris der Säugethiere erinnere, ihrer Lage wegen aber nicht
als deren Analogon aufgefasst werden könne.
1829. Rathke, Untersuchungen über die Bildung und Entwicklung des Fluss-
krebses. Leipzig.
Rathke geht in dieser Arbeit genauer auf die Afterentwicklung ein.
Pag. 19 und 20 bezeichnet er den After als eine Einstülpung der äusseren Haut, die
mit dem Darme weiterhin in Verbindung trete. Er zuerst hebt also hervor, dass eine von
aussen kommende Einstülpung das Wesentliche sei, indem diese Einstülpung dem Enddarm
entgegen wachsen müsse, um eine Communication beider zu erzielen. Pag. 27 beschreibt er
die Lageveränderung des Afters während des Wachsthums bei diesem Thiere. Pag. 30 erwähnt
er einen Durchbruch des Afters von beiden Seiten her.
1828 und 1837. Karl Ernst von Baer, Ueber Entwicklungsgeschichte der
Thiere, Beobachtung und Reflexion. Königsberg. I. und II. Band.
I. Band pag. 111 wird die Afterspalte vom 8. bis 10. Tage als von einem Wulst um-
geben geschildert.
II. Band pag. 220 ff. wird von einer doppelten Ausmündung der Cloake gesprochen, eine
für Blase und Geschlechtsapparat, eine für den Darm. Die äusseren Geschlechtstheile entstünden
als Zapfen aus der Cloake.
1832. Rathke, Abhandlungen zur Bildungs- und Entwicklungsgeschichte des
Menschen und der Thiere. I. Theil.
Pag. 56 ff. und besonders pag. 63 sagt Rathke, dass bei den Säugethieren und dem
Menschen ursprünglich eine gemeinschaftliche Anlage für den ausmündenden Geschlechts- und
Darmcanal vorhanden sei, anfangs als einfache Vertiefung, die aber bald von einem Wulste
umgeben werde, an dessen vorderer Lippe eine Wucherung des Gewebes in Form eines Zapfens
entstehef erst später werde durch zwei von den Seiten her wachsende Falten die bis dahin
gemeinschaftliche Ausmündung in zwei gesondert. Die äusserlich sichtbar werdende Scheide-
wand, entstanden aus beiden Falten, stelle die erste Anlage des Perinaeums dar. Die Trennung
habe anfangs nur den Charakter der Verklebung, später erst den einer wirklichen Verwachsung.
— 353 —
Auf den angeführten Seiten bespricht Rathke auch ausführlicher die Trennung von Harnröhre
und Geschlechtscanal.
1835. Valentin, Handbuch der Entwicklungsgeschichte des Menschen etc.
Berlin.
Valentin drückt sich über die Entstehung des Afters in einer mir 'etwas unverständlichen
Weise aus. Er spricht von einem vorausgegangenen Schluss des Afters und wieder eintretender
Eröffnung desselben; es soll sich vorzugsweise das seröse Blatt betheiligen, sonst finde sich
aber der Ort der Entstehung ganz im Bereiche des Schleimblattes. Eine Einstülpung von
aussen komme dem Darm entgegen.
Pag. 419 soll der After gleich von Anfang von der Geschlechtsöffnung getrennt sein.
1839. Rathke, Entwicklungsgeschichte der Natter. Königsberg.
Pag. 148 wird der After bei diesem Thiere als eine ursprünglich runde Oeffnung be-
schrieben, wie er auch sonst im Wirbelthierreiche sich darstelle. Die hintere Wand verdecke die
Oeffnung in Form einer Klappe und erzeuge so den Schein eines Querspaltes.
1842. Bischoff, Entwicklungsgeschichte der Säugethiere und des Menschen.
Leipzig. (Sömmering, Vom Bau des menschlichen Körpers. VI. Band.)
Pag. 302 wird angegeben, dass der After dem Enddarm von aussen entgegen wächst.
Weiterhin: »Auch dieser (der After) soll sich später für eine Zeit lang wieder verschliessen,
bis er sich bleibend eröffnet; doch gestehe ich, dieses Stadium bis jetzt noch nicht beobachtet
zu haben.«
Pag. 378 sagt Bischoff, dass After- und Geschlechtsöffnung ursprünglich gemeinschaft-
lich seien.
1861. A. Kölliker, Entwicklungsgeschichte des Menschen und der
höheren Thiere. Leipzig.
Pag. 98 ff. ist angegeben, der After entstehe nicht durch Durchbruch des blinden Darm-
endes nach aussen, sondern dadurch, dass eine Einstülpung von aussen komme und mit dem
Enddarm sich vereinige; von dieser äusseren Einstülpung soll die untere Hälfte des Mastdarmes
ihren Ursprung nehmen.
Pag. 367 heisst es: Vom Enddarme ist nichts zu sagen, als dass er sich in den Mast-
darm umwandelt. ‘Der Anus entstehe durch eine Einstülpung von aussen; indessen fehle bis
dahin der genauere Nachweis der dabei stattfindenden Vorgänge.
Pag. 459 gibt Kölliker an, dass die Ausmündung für Darm- und Geschlechtscanal
ursprünglich gemeinsam sei, dann aber weiterhin durch einen noch nicht näher ermittelten
Abhandl. d. Senckenb. naturf. Ges. Bd. IX. 45
— 354 —
Vorgang eine Trennung eintrete. — Hier findet man also zum ersten Male hervorgehoben, dass
eigentlich das Wesen der Anlage der Oefinungen im Bereiche des hinteren Körperendes noch
nicht untersucht und ergründet sei, dass alle früheren Angaben, grade wie die von Kölliker
selbst wiederholten, nur die gröberen, äusseren Verhältnisse betreffen.
1867. Dr. A. Götte, Beiträge zur Entwicklungsgeschichte des Darm-
canales im Hühnchen. Tübingen.
Pag. 31 wird angegeben, dass das I. Stratum dem Hinterdarme sich entgegenstülpe und
so anfänglich eine quere, später rundliche Oeffnung hergestellt würde. Götte hebt hervor,
dass die Cloake ihr Epithel vom III. Stratum ableite, dass es also bei der Afterbildung anders
zu sein scheine, als bei der des Mundes.
Anmerkung 16 betont Götte gegenüber Kölliker, der pag. 99 sagt, das Ende des Darm-
canals bekomme einen Theil des Epithels vom I. Stratum beim Säugethier, dass dies beim
Huhn nicht möglich sei, weil die Cloakenanlage schon vor der des Afters existire. In Figur
16 und 17 gibt Götte die Afteranlage auf dem Längsschnitte aus den späteren Stadien in einer
mehr schematischen Weise. Es sind das neben den gleich zu erwähnenden F iguren Bornhaupt’s
die ersten, welche im Durchschnitte auf die Anlage des Afters eingehen.
1867. Th. Bornhaupt, Untersuchungen über die Entwicklung des Uro-
genitalsystems beim Hühnchen. Riga. Inauguraldissertation.
In dieser in allen Theilen vorzüglichen Arbeit, die nur vielleicht in Folge der etwas
schwer verständlichen Darstellung in Verbindung mit den nicht sehr deutlichen Figuren weniger
durchgedrungen ist, als wünschenswerth wäre, finden wir die ersten genaueren Angaben über
die Entstehung des Afters und müssen daher mit dieser Arbeit das vorerwähnte zweite Stadium
in der Geschichte der Afterentwicklung beginnen, dasjenige, in welchem man auf die genaueren
histologischen Verhältnisse näher einging; es ist dies ausserdem auch die einzige Arbeit, welche
den Gegenstand ausführlicher behandelt.
Pag. 32 hebt Bornhaupt hervor, dass im Bereiche der entstehenden Afteröffnung eine
Berührung des Hornblattes mit dem Darmdrüsenblatte eintrete unterhalb der Schwanzkrümmung
des Embryo und zwar beim Huhn am vierten Tage. Bornhaupt betont dann aber weiter aus-
drücklich, dass dies durchaus nicht die Afteranlage sei. Weil die Allantois an die Be-
Tührungsstelle dieser beiden Strata heranreicht, schreibt er auch ihr einen Theil an dieser
Bildung zu. Die von Rathke und Baer angegebene Spalte soll nach Bornhaupt fälschlich als
Afterspalte: bezeichnet worden sein. Im weiteren Verlaufe schildert Bornhaupt sehr ausführlich
und klar die Vorgänge bei der Afterentwicklung, wie dieselben, von aussen betrachtet, sich
= 39 =
darstellen. Eine kegelförmige Hervorragung erscheine an der beschriebenen Stelle unterhalb
der Schwanzkrümmung, in welche sich eine Höhle von oben her hereinsenke, die als Ver-
einigung von Allantois und Darmende zu betrachten sei. Weiterhin zeige sich an der hin-
teren Fläche des Kegels, der vom Schwanz durch eine Furche getrennt sei, eine mediane
Spalte; während dessen sollen die Wände der im Kegel gelegenen Höhle untereinander ver-
wachsen; durch Zellenschwund innerhalb dieser aus Epithel gebildeten Verwachsung entstehe
der After am 7!/.. Tage. Die äussere Oeffnung des Afters entspricht aber nicht dem medianen
Spalte in dem Kegel (welcher Anlage des Kitzlers sein soll), sondern die Umgebung des Kegels,
die fast kreisförmig als Furche denselben umgrenzt, werde zur äusseren Oeffnung. Ursprüng-
lich soll die Afterspalte nur mit der Bursa Fabricii communiciren, mit dem’Darme nur die
erwähnte, noch- nicht gelöste Epithelverbindung bestehen.
Pag. 35. Am achten Tage soll die Bursa Fabricii erscheinen; ihr Epithel entwickle sich
aus den dem blinden Hinterdarmende ursprünglich angehörigen epithelialen Elementen. Zwischen
dem Epithel der Cloake und dem Epithel der Furche an der hinteren Seite der kegelförmigen
Erhabenheit bestehe ein Zellenzusammenhang. Von dieser Communication wachse nach oben
zuerst die Epithellage in Form eines kegelförmigen Körpers aus, der durch Zellschwund sich
zur Bursa Fabricii umwandle, — Die Bedeutung und Entwicklung der äusseren Geschlechts-
theile beim Huhn ist sehr schön vor Augen geführt. Die endgültige Verbindung von After
und Cloake soll erst am fünfzehnten Tage entstehen.
1868. W. His, Untersuchungen über die ersteAnlagedes Wirbelthier-
leibes.
Pag. 156 gibt der Autor an: An der Bauchfläche des Beckens bleibt zwischen beiden
Perinealfalten eine Spalte, die den Zugang zur Cloake darstellt und in welche sich diese bald
öffnet.
Dann pag. 163: Im Bereiche der Cloake, unterhalb derselben, wo später der After ent-
steht, sollen von Anfang an sich die beiden seitlichen Theile des animalen Blattes nicht ver-
einigen, zwischen sich eine Lücke lassen, die, äusserlich sichtbar, umgrenzt wird von. den
Perinealfalten, so dass also der Durchbruch nur auf Kosten der äusseren Bedeckung und des
Darmdrüsenblattes stattfinde.
Es ist sehr zu bedauern, dass His keine Figuren, welche die von ihm gemachten Angaben
erläutern, beifügt; dann ausserdem, dass er durchaus nicht näher seine Beobachtungen beschreibt,
die ihn dazu geführt haben, eine solche ursprünglich vorhandene Communication des I. und
— 356 —
III. Stratums anzunehmen. Nimmt man die Quintessenz aus der Darstellung. Bornhaupt’s
heraus, so wird ersichtlich, dass er mit den von ‘His präcis gemachten Angaben übereinstimmt.
Also vorzüglich diese beiden Forscher, an die sich in gewisser Weise Götte anschliesst, sind
es, welche den histologischen Vorgang bei der Entstehung des Afters klar zu legen begannen. i
Aus der Zusammenstellung der Literatur ersieht man ferner auch, dass das ganze Capitel
der Afterentwicklung bis jetzt wenig berücksichtigt worden ist, dass es also schon deshalb ge-
rechtfertigt erscheinen muss, das Augenmerk auf diese Verhältnisse zu lenken. Was man bis
dahin kannte, war ein mehr vermuthetes, als mit hinlänglicher Sicherheit und Klarheit nach-
gewiesenes eigenthümliches Verhalten des I. Stratums zum III. im Bereiche des Schwanzendes
des Embryo; vorzüglich war es wünschenswerth, die Genese. des Afters in übersichtlichen
Figuren vor Augen geführt zu sehen.
3. Die Entstehung des Afters.
Meine Untersuchungen über die Afterentwicklung begannen im Sommer 1871. Ich stellte,
nachdem ich aus früheren Arbeiten und meinen eigenen Untersuchungen ersehen, dass Quer-
schnitte nicht die wünschenswerthe Klarheit gaben, wenn sie auch manche Verhältnisse, die
für die Afterentwicklung von Interesse sind, schön zeigten, dieselben an Längsschnitten an und
berücksichtigte dabei zunächst Embryonen vom vierten Tage an aufwärts, stellte eine voll-
ständige Reihe von solchen Schnitten aus den verschiedensten Stadien bis zum Ende der Be-
brütung dar. Ich verwendete, ebenso wie ich das bei Untersuchung der früher besprochenen
Punkte gethan, Hühner-Embryonen, die theils künstlich, theils von der Henne bebrütet waren,
in Alkohol gehärtet wurden und nachdem sie, theilweise mit Carminlösung gefärbt, zerlegt
waren, in Glycerin ihre Aufbewahrung fanden. Eine Serie von 26 Embryonen stand mir damals
zur Verfügung. Bald erkannte ich jedoch, dass, wenn auch die Entwicklung des Afters
klar sich ergab, so doch das erste Auftreten seiner Anlage mir noch entgangen sei. Einen
Schritt weiter wurde ich nun geführt durch Betrachtung der Schnitte, die ich zur Untersuchung
der Allantoisentwicklung aus etwas späteren Stadien anfertigte. Ich sah in ihnen regelmässig
einen eigenthümlichen Streifen von Gewebe vom III. Stratum nach dem Hornblatte in der
‚ Richtung von der Cloake nach der unteren Seite der Schwanzkrümmung ‘des Embryo, dicht
hinter der Stelle, wo das Amnion hier den Embryonalkörper verlässt, hin verlaufen, dessen
Bedeutung und Abstammung mir nicht ganz klar war. Weiter sah ich dann in früheren Stadien,
dass offenbar im Bereiche der auftretenden Schwanzkrümmung des Embryo das Hornblatt ein
eigenthümliches Verhalten zum Darmdrüsenblatte haben müsse und zwar dicht hinter der Stelle,
—_— 357 —
wo aus der Schwanzkrümmung des Embryo sich das Amnion erhebt. Ich vervollständigte des-
halb im folgenden Jahre meine Untersuchungen über diesen Punkt in Zusammenhang mit dem
Studium der Allantoisentwicklung an weiteren Alkoholpräparaten vom Huhn aus der Zeit vom
dritten Tage an aufwärts. Im Frühjahr dieses Jahres nun unternahm ich die Zerlegung von
noch jüngeren Embryonen, mit dem Alter von zwei Tagen beginnend, die zuerst mit Ueber-
osmiumsäure behandelt und dann in Alkohol gehärtet wurden; ich schloss die Schnitte dann
in Canadabalsam ein. Es stehen mir jetzt: über 80 vollständige Serien von Längsschnitten zur
Verfügung, an denen ich durch alle Stadien vom zweiten Tage der Bebrütung bis zum fünf-
zehnten die Entstehung und allmälige Weiterentwicklung des Afters verfolgen kann. — Im
Folgenden will ich die Resultate, die sich aus der Betrachtung der gewonnenen Serien ergaben,
mittheilen; ich bemerke noch voraus, dass die Abbildungen, welche zu einer klaren Anschauung
der hier in Rede stehenden Verhältnisse ‚helfen sollen, theilweise dieselben sind, die der Aus-
einandersetzung über Allantoisentwicklung beigegeben sind (ich werde deshalb vorläufig jene
Figuren zur Erläuterung meiner Beschreibung benutzen), theils erst später veröffentlicht werden
können, weil sie die Zahl der Tafeln zu sehr vermehren würden und ausserdem sich‘ noch
einzelne Beobachtungen anderer Entwicklungszustände des Beckenendes ergeben haben, die erst
später eine eingehende Schilderung erfahren sollen.
Am zweiten Tage der Bebrütung beim Huhn erkennt man auf dem Längsschnitte (man
vergleiche hier Figur 1 der Allantoisentwicklung), dass im Bereiche des hinteren Endes der
Chorda, da wo das IL. Stratum zu dieser Zeit als ausserordentlich deutlich markirte An-
schwellung die Embryonalanlage an dem Schwanzende begrenzt, sowohl das I. als auch das
II. Stratum nur mit einer dünnen Lage über, resp. unter dieser Anschwellung hinwegziehen,
ferner, dass dieselben an der Stelle, wo sie die Anschwellung. verlassen, um auf die Eihäute
überzutreten, sich plötzlich in ganz. erheblichem Maasse wieder verdicken und den Anschein
eines stark entwickelten Epithels bedingen. Man ersieht aus der Figur, dass sowohl oben als
unten auf der Uebergangsstelle von der Embryonalanlage auf die Eihäute eine kleine Vertiefung
die Grenze beider bildet. Die obere, noch sehr seichte Vertiefung ist die erste Anlage der
späteren Amnionfalte, die untere wird bekanntlich Allantoishöhle. Ich will hier einstweilen
die obere Vertiefung ausser Acht lassen und nur näher von der unteren sprechen. Das Auf-
treten der letzteren in noch früherer Zeit als das vorliegende Bild habe ich ebenfalls verfolgt,
verschiebe die betreffende Beschreibung aber auf. später. In dem hier abgebildeten Stadium
nun findet sich die Falte nur im Bereiche der: Mittellinie des Embryo erheblich vertieft, während
sie nach den Seiten zu sich sehr: bald verflacht, um dann dem Blicke ganz zu entschwinden,
ee
Der vorliegende Schnitt ist fast genau in die Mittellinie gefallen, also durch die tiefste Stelle
der Falte. Man bemerkt ferner, dass das II. Stratum zwar auch jenseits des Embryonalkörpers
im Bereiche der Eihäute sich findet (es liefert dort bekanntlich die äussere Wand des Amnion,
ferner Allantoiswand und einen Theil der Dotterblase), indessen fehlt im Bilde der Zusammen-
hang beider Abtheilungen des II. Stratums fast vollständig und genau in der Mittellinie würde
derselbe noch deutlicher fehlen. Man muss sich demnach vorstellen, dass nur auf den Seiten das
II. Stratum des Embryonalkörpers seinen Weg zu den Eihäuten findet, ein Verhalten, welches
die Betrachtung der seitlich gelegenen Schnitte sofort bestätigt. In der Mittellinie berühren
sich demnach hinter dem Schwanzende des Embryo das I. und III. Stratum. Dieselben bleiben
auch ferner in Berührung. In der nächsten Zeit der Entwicklung vertiefen sich die erwähnten
beiden Falten mehr. Ein solches Uebergangsstadium ist in Fig. 2 abgebildet; auch hier fehlt
in der Mittellinie — der Schnitt ist nahe derselben gefallen — der Zusammenhang zwischen dem
peripheren Theile des II. Stratums und dem, welcher dem Embryokörper selbst angehört, bis
auf Spuren. An der in Rede stehenden Stelle sind das I. und III. Stratum nur durch eine künst-
liche Lücke, wie die Figur zeigt, von einander geschieden ; dass eine trennende Zellenschicht fehlt,
lässt gerade die Lücke um so leichter beobachten. Auch der’ dritte Schnitt ist ziemlich nahe
der Mittellinie gefallen; man erkennt auch hier, dass das I. Stratum da, wo sich das Amnion
erhebt (in der sogenannten Amnionfalte, die mit einem sehr mächtigen Epithel ausgekleidet
ist) auf der Figur in fast vollständigem Contacte mit dem II. Stratum sich befindet und zwar
mit jener Falte, welche die Allantoisanlage darstellt. Das Wesentliche der hier zu schildernden
Vorgänge besteht nun darin, dass dieser Contact auch in den weiteren Entwicklungsstadien
verfolgt werden kann.
Fig. 4 ist nicht genau in die Mittellinie gefallen; deshalb erkennt man hier eine schmale
Lage von Gewebe des II. Stratums zwischen das I. und III. an der in Rede stehenden Stelle
eingeschoben. Untersucht man aber einen Schnitt durch die Mittellinie von einem gleich alten
Embryo (ich besitze solche Schnitte), so ist auch hier die innige Berührung beider Strata un-
verkennbar. So lässt sich nun dasselbe Verhalten weiterhin verfolgen bei älteren Embryonen;
Fig. 7 und 8 zeigen, wenn auch in einer durch störende Einwirkung des Alkohol weniger voll-
. kommenen ‘Weise, einen directen Zusammenhang beider Blätter; viel deutlicher ersieht man
dies Verhalten aus den in diesem Frühjahre von mir angefertigten Ueberosmiumsäure-Präparaten;
der Contact ist ein so unmittelbarer, dass man die Elemente des Epithels von aussen nach
innen in directer Fortsetzung verfolgen kann. Man sieht dort auch, dass der Berührungspunkt
in den späteren Zeiten jener Stelle entspricht, die als Ueberrest des bei der Allantois-
a
entwicklung als Cloakenhöcker bezeichneten Theiles aufzufassen ist. Der Cloakenhöcker ist
im Wachsthum nicht fortgeschritten, wie die umliegenden Theile, sondern hat sich als be-
deutend vorspringender Höcker fast vollständig dem Blicke entzogen und persistirt nur noch
als kleine Hervorragung auf dem Boden des Cloakentheiles des Darmes. Das Schicksal dieses
Höckers gedenke ich später ausführlicher zu behandeln. Mit Bezug auf die Allantoisentwicklung
will ich hier nochmals betonen, dass in der Zeit, wo sich ein deutlicher Allantoishöcker findet,
nach dem oben Gesagten natürlich in der Mittellinie ebenfalls der directe Zusammenhang
zwischen. dem Theil des II. Stratums fehlt, der innerhalb der Embryonalanlage sich findet und
dem, der den Eihäuten angehört; damit scheint sich gewissermassen zu erklären, wie die An-
lage der Allantoiswand in Form von zwei ziemlich vollständig getrennten, seitlich von der
Mittellinie hervorspringenden Höckern anfänglich zu beobachten ist.
Damit verlasse ich die Stadien der Entwicklung, welche bei Gelegenheit der Allantois-
entwicklung. betrachtet und abgebildet wurden. — Wächst ferner das hintere Körperende des
Embryo, so entfernen sich mehr und mehr das I. und III. Stratum von einander; ‘damit löst
sich ihr Zusammenhang jedoch nicht vollständig; bei Hühner-Embryonen von 4 bis 5 Tagen
sieht man vielmehr stets noch einen deutlichen Streifen eines besonderen Gewebes von der
Cloake nach der Amnionfalte hinziehen. Die Berührungsstelle scheint gewissermaassen in die
Länge gezogen. — Durch stets zunehmendes Wachsthum des I. Stratums an dieser Stelle
erleidet nun der Faden im Laufe des sechsten bis achten Tages insofern eine Umwandlung,
als er nicht mehr eine ununterbrochene Reihe von regelmässig nebeneinanderliegenden Zellen
bildet; die Elemente des Fadens ordnen sich vielmehr zu einzelnen, scheinbar unregelmässigen
Haufen, die jedoch stets noch in der früheren Richtung verlaufen; in diesen Zellenanhäufungen
bilden sich im Laufe der nächsten Tage kleine Höhlen aus, ähnlich wie sie Bornhaupt in einem
Längsschnitte (Taf. III, Fig. 13) schon abgebildet hat. Dieses Bild erhält sich nun bis zum
zwölften Tage.
Während der eben geschilderten Vorgänge treten auch an der Bauchfläche des Embryo
Veränderungen auf, welche die äussere Anlage des Afters darstellen. Dieselben sind von
Früheren sehr ausführlich beschrieben; ich übergehe deshalb hier eine umfassende Auseinander-
setzung. Der Höcker, welcher sich an der Bauchfläche des Embryo vor der Schwanzkrümmung
bildet, markirt die Stelle des Zusammenhanges des I. Stratums mit dem IIL.; sein Grundgewebe
besteht aus dem II. Stratum. — Das Nächste, was nun zwischen dem 6. und 7. Tage beobachtet
wird, ist ein Längsspalt in dem Höcker, der auf der Vorderseite beginnt und vom Höcker
aus aufwärts dem Rücken des Embryo zustrebt, aber nicht dem Darm direct entgegenwächst,
— 360 —
sondern hinter demselben sich erhebt; die Spalte ist entstanden auf Kosten eines Theiles jener
Zellhaufen, der Rest derselben sitzt der vorderen Seite des länglichen Spaltes an und stellt
jetzt eine Verbindung zwischen diesem und dem Darmende her, immer noch in der angegebenen
Weise als Zellenanhäufungen mit einzelnen Lücken. — Das obere Ende des erwähnten Spaltes
bildet nun sich zur Bursa Fabrieii bei den Vögeln aus, am 6. Tage nach meiner Beobachtung,
nicht am 8. Tage, wie Bornhaupt annimmt. Dieselbe erreicht bald ihre volle Grösse und
steht nach dem eben Gesagten durch den Spalt in der kegelförmigen Erhabenheit an der
Bauchseite des Embryo vor der Schwanzkrümmung mit der Körperoberfläche in Verbindung.
Die Vereinigung mit dem Darme, damit also auch die Ausmündung des Darms selbst, fehlt
noch in dieser Zeit.
Bei Embryonen vom 15. Tage der Bebrütung hat sich nun das Verhältniss insofern
geändert, als jetzt an Stelle der Zellanhäufungen zwischen Darm und Stiel der Bursa Fabricii
eine Reihenfolge von Falten, entstanden durch Zusammenfliessen der Lücken in jenen Zellhaufen,
getreten ist, die sowohl vom Darme als von dem erwähnten Stiel der Bursa Fabrieii ausgehen,
sich wiederum mit ihrer epithelialen Auskleidung. direct berühren, aber noch nicht einen un-
mittelbaren Uebergang der beiden Höhlungen ineinander darstellen; erst nach dem 15. Tage
löst sich die letzte Trennung und der Enddarm sammt Stiel der Allantois verschmilzt jetzt mit
dem Stiel der Bursa Fabricii, gelangt so zur Ausmündung.
Eine zusammenfassende, übersichtliche Darstellung der Entwicklungsvorgänge bei der
Entstehung des Afters verschiebe ich auf die Gelegenheit der Publication der speciell die
Afterentwicklung erläuternden Abbildungen.
3. Kritik.
Bei der Rechtfertigung der hier aufgestellten Entstehungsart des Afters sind von früheren
Arbeiten nur die von Bornhaupt und His zu berücksichtigen. Vergleicht man die in der
literarischen Zusammenstellung gemachten Angaben Bornhaupt’s mit meinen Befunden, so erkennt
man unschwer eine bedeutende Uebereinstimmung der Beobachtungen. Auch Bornhaupt be-
° schreibt anfänglich nur eine Ausmündung der Bursa Fabricii nach aussen; ferner einen eigen-
thümlichen Zusammenhang des Darmes mit der Furche jenes kegelförmigen Höckers; er kennt
vorher eine unmittelbare Berührung des I. und III. Stratums im Bereiche der Amnionfalte am
vierten Tage beim Huhn; indess hebt er ausdrücklich hervor, dass in diesem Zusammenhange die
Anlage des Afters durchaus nicht zu suchen sei. Auch aus den weiteren Auseinandersetzungen
es
ergibt sich, dass seine Beobachtungen fast vollständig richtig gewesen sind, nur hat er die einzelnen
derselben nicht in einen ergänzenden Zusammenhang zu einander gebracht. Seinen Angaben gegen-
über hebe ich vorzüglich hervor, dass die von ihm schon gesehene Berührungsstelle des I. und
II. Stratums wirklich die Anlage des Afters ist; weshalb sich Bornhaupt so entschieden gegen diese
Auffassung verwahrt, ist mir nicht recht klar. Diese Afteranlage muss weiterhin aber noch mannig-
fache Veränderungen durchmachen, um schliesslich zu einer Eröffnung des Darmes nach aussen zu
führen. Meine Beobachtungen lassen die hier wichtigen Vorgänge in bedeutend früherer Zeit beginnen.
His nun sagt mit deutlichen Worten, dass anfangs an der Stelle, wo später der After
sich entwickle, das II. Stratum nicht zwischen dem I. und III. sich vorfinde; deshalb brauche
auch der Durchbruch des Afters nur auf Kosten dieser beiden letzteren Gewebe zu geschehen.
Ich weiss nun nicht, welches die Beobachtungen waren, die His zu diesem Resultate führten,
ferner fehlt namentlich jede weitere Auseinandersetzung über die Vorgänge, welche zwischen
dem als erste Anlage geschilderten Zustande und dem wirklich eingetretenen Durchbruch doch
in reichlichem Maasse sich vorfinden. — Nach der Arbeit von His und besonders von Born-
haupt muss ich deshalb die von mir gegebene Auseinandersetzung für die erste halten, die
eine ununterbrochene Reihenfolge der hier eintretenden Entwicklungsvorgänge liefert und
den Gegenstand somit einer weitergehenden Prüfung näher bringt. — Zum vollständigen Ver-
ständniss sämmtlicher allmälig einander folgenden Entwicklungsphasen fehlt indessen noch die
genauere Kenntniss der Formveränderungen des Enddarmes und im Anschlusse an weitere Be-
obachtungen über das Beckenende des Embryo gedenke ich die Afterentwicklung’ im Zusammen-
hang etwas genauer zu besprechen, die nöthigen Abbildungen dann gleichzeitig beizugeben.
Nachtrag
zur Entwicklungsgeschichte der Müller’schen Gänge.
Von Dr. Gasser.
Als ich in genannter Arbeit die Literatur zusammenstellte, war mir eine Publication ent-
gangen, die ich jetzt nachträglich besprechen will, weil sie zu den neusten zählt und neben
anderen interessanten Resultaten auch Angaben enthält, welche sich speciell auf die von mir unter-
suchten Punkte beziehen. Die betreffende Abhandlung ist unter der Leitung und zum Theil mit
Beihülfe des Herrn Professor-Dursy angefertigt und mit einer Vorrede desselben versehen:
H. Kapff, Untersuchungen über das Ovarium und dessen Beziehungen zum
Peritoneum, Inauguraldissertation. Tübingen. (Berlin 1872, Archiv von Reichert und Du
Bois-Reymond.)
Abhandl, d. Senckenb. naturf. Ges., Bd. IX, 46
—
pag. 37. Beim Säugethier soll sich die erste Anlage des Müller’schen Ganges als eine
Verdiekung des Epithels der Pleuroperitonealhöhle und weiterhin als muldenförmige Vertiefung
auf der äusseren Seite des Wolff’schen Körpers zeigen.
Beim Huhne lege sich der Müller’sche Gang nach dem vierten Tage als eine Einsenkung
an, die von zwei Wülsten umgeben ist, und wandle sich durch Ueberwucherung von Seiten des
vorderen Wulstes in eine Spalte um.
pag. 38. »An verschiedenen Embryonen konnte ich mich von der Waldeyer’schen An-
gabe überzeugen, dass die Einstülpung des obigen Ganges nicht in der ganzen Länge zugleich
geschieht, sondern dass dieselbe, oben beginnend, nach unten langsam fortschreitet etc.«
pag. 43. »Was aber die temporäre Epithelverdickung anbetrifft, welche der Entstehung
der Geschlechtsdrüse sowohl als der des Müller’schen Ganges vorhergeht, so glaube ich, dass
dieselbe nichts Anderes bedeutet, als eine Ansammlung epithelialen Materials, dazu bestimmt, in
späterer Zeit die Ausbreitung des Epithels auf die im Wachsthum begriffene Fläche zu ermöglichen.«
Kapff beobachtete beim Säugethier die Entstehung des Müller’schen Ganges auf der
äusseren Fläche des Wolff’sschen Körpers. Aus eigener Erfahrung kann ich das nicht bestätigen,
weil mir so junge Säugethierembryonen nicht zur Verfügung waren. Es scheint mir indessen
auch nur eine unbedeutende Abweichung von der Entstehung beim Huhne zu sein, bei dem
ich zeigte, dass der Müller’sche Gang in dem Winkel zwischen Wolff’schem Körper und der
Bauchwand, also nur um weniges weiter nach aussen, als beim Säugethier, nach Kapff, zuerst
erscheint. — Vom Huhne gibt Kapff an, dass der Müller’sche Gang sich abschliesse durch
Ueberwuchern des vorderen der beiden Wülste, welche ursprünglich die Rinne bilden. Mir ist
es nicht so erschienen, als ob ausschliesslich der vordere Wulst durch stärkeres Wachs-
thum die Rinne in einen Kanal umwandle. Von einem Verschwinden des dorsalwärts liegenden
Wulstes zeigen meine Präparate nichts. —
Die Angabe, dass der Müller’sche Gang allmählich von oben nach unten sich einstülpe, wie
auch Waldeyer annimmt, glaube ich schon in oben genannter Arbeit widerlegt zu haben.
Uebrigens treffen Kapff’s Worte pag. 38 gar nicht die eigentliche Streitfrage. (Entsprechende
Abbildungen fehlen bei Kapff.) Ausserdem verweise ich auf das unten folgende Citat. —
Die Erklärung, welche Kapff von der Bedeutung jener Epithelverdickung über dem
Müller’schen Gange gibt, ist allerdings die plausibelste; er stützt dieselbe noch durch die Analogie
bei Anlage der Extremitäten und eitirt einen gleichbedeutenden Ausspruch Remak’s; der Be-
weis ist natürlich damit noch nicht geliefert. Die Erklärung passt vorzüglich für den von
Bornhaupt und mir vertretenen Entwicklungsgang; bei der von Kapff im Anschluss an
— 7363, —
Waldeyer vertretenen Ansicht würde es indessen wohl noch einfacher sein, mit Waldeyer
die Bedeutung in der angenommenen successiven Einstülpung zu suchen. — Nähere Angaben
über die Veränderungen jenes Epithelwalles vermisse ich. —
Im verflossenen Monate ging mir nun ferner eine weitere Arbeit zu, welche die Ent-
stehung des Müller’schen Ganges behandelt. Es ist dies eine Originalmittheilung von
Dr. D. Sernoff, Zur Frage über die Entwicklung der Samenröhrchen des
Hodens und der Müller’schen Gänge. — Centralblatt für die medicinischen Wissen-
schaften. No. 31; 27. Juni 1874.
pag. 483. »Eine Menge Schnitte aus dem Wolf’schen Körper verschiedener Reifegrade,
vom 3, ‚Tage an, durchmusternd, war ich erstaunt, kein einziges Mal diejenige Entwicklungs-
stufe zu treffen, in welcher nach Waldeyer der Müller’sche Gang eine Rinne auf der äusseren
Oberfläche des Wolff’schen Körpers darstellt, von aussen also noch nicht geschlossen ist. Bei
aufmerksamer Betrachtung einer Reihe Schnitte von 5—7 Tage alten Embryonen überzeugte
ich mich, dass von den beiden jüngsten Beschreibungen der Entwicklung Müller’scher Gänge,
der Bornhaupt’schen und der Waldeyer’schen, erstere die richtige sei. Die Müller’schen
Gänge beginnen ihre Entwicklung von oben her, wobei eine trichterartige Einstülpung des den
Wolf’schen Körper deekenden Epithels in’s Stroma dieses Organes stattfindet. Diese Einstülpung
verlängert sich allmählich nach unten, indem ihr blindes Ende zwischen der äusseren Epithel-
schicht des Wolff’schen Körpers und dem Epithel des Wolff’schen Kanales, wie dieses Bornhaupt
beschrieben, zu liegen kommt. Was die Einstülpung des Epithels (Keimepithel) zur Bildung
des Müller’'schen Ganges der ganzen Länge des Wolf’schen Körpers nach betrifft, wie sie
Waldeyer beschrieben und abgebildet hat (Taf. V. Fig 48 und 50)*), so habe ich in mehreren
Hunderten vollkommen gelungener Präparate aus den verschiedensten Entwicklungsstufen nie-
mals etwas seiner Beschreibung Aehnliches gesehen.« —
Ich lege einen besonderen Werth auf diese Mittheilung, die nach den meinigen, aber ganz
und gar unabhängig von denselben, wie es scheint, erschienen ist und mit der grössten »Ent-
schiedenheit die Ansicht Waldeyer’s und Kapff’s zurückweist, sich vielmehr völlig der von
mir in Uebereinstimmung, mit Bornhaupt gegebenen anschliesst. (Das falsche Citat scheint
auf einem Uebersehen zu beruhen.) — Somit scheint endgültig Bornhaupt’s Darstellung
von der Entwicklung der Müller’schen Gänge als die richtige anerkannt werden zu dürfen. —
Marburg, August 1874.
*) Soll doch wohl nur Fig. 50 heissen. G.
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| I. Theil 1837. Königsberg.
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und Harnwerkzeuge der nackten Amphibien. Dorpat 1846.
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Dr —_ Entwicklungsgeschichte der Säugethiere und des Menschen. Leipzig 1842. (v. Sömmering.
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6. —_ Entwicklungsgeschichte mit besonderer Berücksichtigung der Missbildungen. Handwörterbuch
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— 2
Leukart, Das Weber’sche Organ und seine Metamorphosen. Illustrirte medieinische Zeitung. Band I.
Heft 2. Jahrgang 1852.
Lilienfeld, Beiträge zur Morphologie und Entwicklungsgeschichte der Geschlechtsorgane und Beschreibung
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J. F. Meckel, Beiträge zur vergleichenden Anatomie. Leipzig 1808. I. Band 2. Heft. V. Beiträge
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Merkel, Beiträge zur pathologischen Entwicklungsgeschichte der weiblichen Genitalien. Inaugural-
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Meyerstein, Ueber die Eileiter einiger Säugethiere. Zeitschrift für rationelle Mediein von Henle und
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Oken und Kieser, Beiträge zur vergleichenden Zoologie, Anatomie und Physiologie. Bamberg und
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Pander, Beiträge zur Entwicklungsgeschichte des Hühnchens im Eie. Würzburg. 1817.
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_ Untersuchungen über die Bildung und Entwicklung des Flusskrebses. Leipzig 1829.
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—_ Abhandlungen zur Bildungs- und Entwicklungsgeschichte des Menschen und der Thiere. I. Theil.
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C. Fr. Wolff, Ueber die Bildung des Darmcanals im bebrüteten Hühnchen. 1768. Uebersetzt und mit
einer einleitenden Abhandlung und Anmerkungen versehen von J. Fr. Meckel. Halle 1812.
Tafelerklärungen.
Entwicklung der Allantois.
Tafel] I. Sämmtliche Figuren stellen Längsschnitte in sagittaler Richtung durch die hintere Hälfte
des Embryonalleibes dar. Dieselben fallen entweder durch die Mittellinie selbst oder dicht neben dieselbe;
sie stammen sämmtlich von Hühnerembryonen, die am 2. bis 4. Tage der Bebrütung sich befanden und zwar
so, dass der in Figur 1 dargestellte der jüngste, der von Figur 8 der älteste ist, ersterer befindet sich am
2. Tage der Entwicklung, letzterer auf der Grenze des 3.—4. Tages. Figur 1—3 sind Ueberosmiumpräparate
4—8 Alkoholpräparate. Alle Durchschnitte sind in einer fünfzigfachen Vergrösserung mit einem Instrumente
von Schieck in Berlin unter Anwendung eines Zeichenprismas entworfen und bei bedeutend stärkerer Ver-
grösserung ausgezeichnet. Die Buchstabenbezeichnung ist durchweg dieselbe.
TafelI. Fig. 1. I. Erstes Stratum.
II. Zweites Stratum. & Hinteres angeschwollenes Ende desselben.
III. Drittes Stratum.
Pp. Pleuroperitonealhöhle.
Ed. Enddarm,
Ab. Allantoisbucht, Anlage der Allantoishöhle.
Af. Amnionfalte,
Eih. Eihäute.
Gf. Gefässe.
Fig. 2. Ebenso. Zwischen Ab und Af ist durch Zerrung eine Lücke entstanden; dadurch wird
das Verhalten des II. Stratums an der Stelle besonders deutlich.
Fig. 3. Ebenso. Ferner Ch Chorda.
C1. Cloakenhöcker.
Am. Amnion.
.Dbl. Dotterblase.
Fig. 4. Uw. Urwirbel.
Ah. Allantoishöcker, Anlage der Allantoiswand. Sonst ebenso.
Fig. 5. Ebenso. In der Allantoishöhle liegen einige Dotterkugeln.
Fig. 6. Ebenso.
Fig. 7. Ebenso.
Fig. 8. Ebenso.
4Ao. Aorta.
Entwieklung der Müller’schen Gänge.
Die hier vorliegenden Figuren stellen Querschnitte von Hühnerembryonen vom 5. Tage der Bebrütung
bis zum 15. Tage dar. Sie wurden in derselben Weise angefertigt, wie die vorausstehenden, theils mit einem
Instrument von Schieck, theils mit der Loupe. Die Figuren 3, 4, 5 stellen die allbekannte Stelle auf dem
Wolf’schen Körper dar, wo unter einer Verdickung des Waldeyer’schen Keimepithels der Müller’sche Gang
gefunden wird. — Die Altersbestimmungen sind bei den einzelnen Figuren angegeben, soweit sie mir selbst
genau bekannt waren. Zu Anfang meiner Untersuchung verwendete ich indess auch Embryonen, die mir im
erhärtetem Zustande, theilweise ohne Angabe der Bebrütungsdauer übergeben wurden; ich füge von denselben
die Grössenbestimmung hinzu. Indessen lässt sich ihr Alter leicht aus den in den Figuren selbst ersichtlichen
Entwicklungszuständen ermessen. — Die Buchstaben wiederholen sich zum grossen Theile, —
= 61 —
Tafel II. Fig. 1. Vergrösserung 80. Querschnitt von einem Hühnerembryo von ungefähr 5 Tagen; linke
Seite des obersten Endes des Wolff’schen Körpers. —
Hb. Hornblatt.
Ch. Chorda dorsalis.
4Ao. Aorta.
Pp. Pleuroperitonealhöhle.
Gf. Gefässe.
Wg. Wolff’scher Gang.
GI. Glomerulus.
M. Leicht vorspringende Verdickung der Auskleidung der Pleuroperitonealhöhle (Waldeyer’s
Regio germinativa). Erste Andeutung der Einstülpung des Müller’schen Ganges.
Fig. 2. Vergrösserung 80. Querschnitt von einem Hühnerembryo von 5 bis 6 Tagen. Rechte
Seite; oberstes Ende des Wolff’schen Körpers.
3ezeichnung ebenso.
Mg. Einstülpung des Müller’schen Ganges; Tubenende des Ganges.
Fig. 3. Vergrösserung 220. Alter 6 Tage ungefähr. Die Stelle auf der Aussenseite des Wolf’-
schen Körpers, wo der Müller’sche und Wolff’sche Gang verlaufen. — Unterstes
Ende des wachsenden Müller’schen Ganges; ungefähr Mitte des Wolff’schen Körpers
o. Nach dem Rücken zu.
w. Nach dem Bauch zu.
Wg. Wolft’scher Gang.
Ke. Keimepithel.
Mg. Nach unten sich vorschiebende solide Spitze des Müller’schen Ganges ohne Ver-
bindung mit den Keimepithel. (Ebenso in den höheren Schnitten.)
Fig. 4. Vergrösserung 220. Alter ungefähr 6 Tage; derselbe Embryo wie in Fig. 3, etwas weiter
oben; dieselbe Stelle.
o. Nach dem Rücken zu.
ua. Nach dem Bauch zu.
Gf. Rand, der durch eine Gefässwand dargestellt wird.
Ke. Keimepithel. Man sieht bei x eine Sonderung der mehrschichtigen Lage von Zellen
in eine oberflächliche einschichtige und eine tiefe mehrschichtige eintreten.
Mg. Müller’scher Gang.
Wg. Wolff’scher Gang.
Fig. 5. Vergrösserung 220. Alter ungefähr der 8. Tag.
Das Keimepithel der vorigen Figur ist verschwunden bis auf eine einschichtige Lage, welche den
ganzen Wolff’schen Körper und überhaupt die Pleuroperitonealhöhle in derselben Weise auskleidet und die
sich hier an den freien Enden von dem darunter liegenden Gewebe abgehoben hat. An dem Müller’schen
Gang sieht man eine concentrische Schichtung der Zellen eintreten.
In den 6 nächsten Figuren ist die Entwicklung des Müller’schen Ganges beim Weibchen auf beiden
Seiten dargestellt.
Fig. 6, 7 und 8. Die Entwicklung im Bereiche des obersten Endes und aus der Mitte.
Fig. 6. Vergrösserung 50. Alter etwäs über 8 Tage. Linke Seite; ungefähr die Mitte des
Wolff’schen Körpers.
N. Anlage der bleibenden Nieren.
UV. Ureter. — Wk. Wolf’scher Körper. — Gf. Gefässe.
Mg. Der Müller’'sche Gang umgeben von einer dicken Lage von Zellen, Anlage der
Wandung des Eileiters.
Fig. 7. Vergrösserung 6; Loupenzeichnung. Alter 15 Tage; linke Seite; oberstes Ende des
Wolff’schen Körpers. :
E. Eierstock.
W.K. Der verschwindende Wolff’sche Körper.
Fig. 8.
In Figur 9,
Verlaufe und vor der
Tafel IH. Fig. 9.
Fig. 10.
Se:
Mg. Der Müller’sche Gang hat sich von dem obersten Ende des Wolf’schen Körpers
weit lateral entfernt und hängt nur durch eine Peritonealfalte noch mit demselben
zusammen.
Vergrösserung 40. 15mm lang, oberstes Ende des rechten Müller’schen Ganges. Be-
zeichnungen ebenso. Man sieht das Tubenende und erkennt, dass rechts der
Müller’sche Gang sich weniger weit vom Wolff’schen Körper entfernt hat, als links,
ferner, dass rechts das Tubenende nicht am obersten Ende des Wolff’schen
Körpers, sondern tiefer unten zu suchen ist.
10 und 11 ist das Verhalten des Müller'schen Ganges beim Weibchen in seinem unteren
Cloake abgebildet.
Vergrösserung 50. Derselbe Embryo wie in Fig. 8, Cloakengegend.
B.F. Falten der Bursa Fabricii.
D. Darm,
4. Allantoisstiel in Vereinigung mit der Cloake.
Cl. Cloake. — U. Ureter.
Wg. Einmündung der Wolf’schen Gänge in die Cloake.,
Mg. Das untere Ende der beiden Müller’schen Gänge vor der Cloake, ohne in dieselbe
auszumünden; die trennende Schicht ist relativ bedeutend.
Vergrösserung 30. Alter 15 Tage (derselbe Embryo wie Fig. 7); unterhalb des
WolfP’schen Körpers, also in dem Theile,‘ der bei den Säugethieren den Genital-
strang bildet. e
1. Mg. linker Müller’scher Gang, hier bedeutend erweitert.
+. Mg. rechter Müller’scher Gang im Verschwinden.
M. Mesenterium.
Vergrösserung 8. Loupenzeichnung. Derselbe Embryo wie Fig. 10 u. 7. Cloakengegend.
1. Mg. linker Müller’scher Gang, noch von der Cloake getrennt.
r. Mg. rechter Müller’scher Gang, der Theil, welcher am längsten hohl bleibt.
Die drei letzten Figuren zeigen den Müller’schen Gang beim Männchen. Unterschiede zwischen
beiden Seiten sind nicht vorhanden.
Fig. 12.
Fig. 13.
Fig. 14.
Vergrösserung 50. Länge 32mm. Oberer Theil des Wolff’schen Körpers.
Mg. Man erkennt eben noch das Tubenende des Müller’schen Ganges, besonders an der
noch sichtbaren Epithellage; das Lumen hat sich aber verschlossen,
Vergrösserung 80. Länge 40wm- Mitte des Müllev’schen Ganges.
Mg. Man erkennt noch die Leiste, in der der Müller’sche Gang lag; dieselbe atrophirt,
sie ist merklich weniger gross als früher und besonders schwächer als bei gleich
alten weiblichen Embryonen. Der Müller’sche Gang hat kein Lumen mehr; Reste
der früheren Epithelauskleidung sind noch zu erkennen.
Vergrösserung 30. Alter 15 Tage. Cloakengegend.
Wg. Die Wolff’schen Gänge in Verbindung mit der Cloake.
Mg. Die Müller’schen Gänge vor der Cloake, noch ebenso wie am 8. Tage. Ein Lumen
des Ganges existirt in dieser Zeit nur noch an dieser Stelle, also vor der Cloake.
Gasser.
Werner & Winter, Frankfurt ®M.
Werner & Winter, Frankfurt M.
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Inhalt.
/ E Seite
2 O. Bütschli, zur Kenntniss der freilebenden N. ( lere der des Kieler Hafens.
Mit: nenn Dateien ee ee ee 237—292
E. Gasser, über Entwickelung der Allantois, der Müller’schen Gänge und des Afters. Mit
rer Tata 0. a ee 293—:368
ABHANDLUNGEN,
HERAUSGEGEBEN
VON DER
SENGKENBERGISCHEN NATURFORSCHENDEN
GESELLSCHAFT,
NEUNTER BAND.
VIERTES HEFT.
Mit XVII Tafeln,
FRANKFURT ı.M.
CHRISTIAN WINTER.
RSS
1875.
Die Robbe und die Otter in ihrem Knochen- und
Muskelskelet.
Eine anatomisch-zoologische Studie
von
Dr. Johann Christian Gustav Lucae,
Professor der Anatomie.
2.
.
Muskelgerüste der Phoca vitulina.
Das Skelet der Robbe zeigte uns 1. einen langen, in dem Thorax ziemlich breiten, in dem
langgestreckten Becken aber sehr schmalen Rumpf, 2. sehr kurze Extremitäten, mit steigender
Verlängerung der Glieder gegen das terminale Endglied, 3. sehr winklig gestellte, an der Seiten-
wand des Rumpfes anliegende Vorderextremitäten mit einer zwischen Pronation und Supination
gelagerten Vorderflosse, 4. horizontal nach hinten gestreckte Hinterextremitäten mit sehr stark
supinirter Hinterflosse. Dass unter solchen nur den Phoken eigenthümlichen Verhältnissen der
Skeletbildung auch das Muskelgerüste manche Besonderheiten besitzen muss, ist zu erwarten.
Namentlich werden die Muskeln der Extremitäten manches Eigenthümliche zeigen, aber auch
“ die Rumpfmuskeln gestatten durch ihre Prävalenz den Extremitätenmuskeln gegenüber manchen
neuen Einblick in das. Muskelgerüste der Säugethiere überhaupt.
Unter der dicken, festen Haut und dem grobmaschigen und fettreichen Unterhautzellgewebe
mit derber Fascia ‚superficialis finden wir eine Lage von Hautmuskeln, welche in breiter
und mächtiger Lage von dem Tarsus und dem Carpus bis zur Schnauze hin, fast den ganzen
Körper überdeckt und welche an mehreren Stellen mit der unter ihnen liegenden Muskellage
und mit Skelettheilen ‚sich verbindet. .
Unter diesen Hautmuskeln begegnen wir wieder einer Muskelschicht in. breiter Fläche.
Es sind verschiedene Theilstücke, die in gleicher Ausdehnung, wie die über ihnen liegenden
Hautmuskeln, den Rumpf und die Extremitäten einhüllen und an einzelnen. Stellen fast ohne
Abhandl. d. Senckenb. naturf. Ges., Bd, IX. 47
— 370 —
Gränze in einander übergehen. Sie lassen sich als Cucullaris, Latissimus dorsi, Pectoralis,
Obliquus extern. abdominis etc. unterscheiden.
Ich nenne diese Lage Hüllenmuskeln oder Muskelhüllen, da sie den Rumpf sowie
die Extremitäten fast ganz einhüllen, dabei aber von den innerhalb ihrer Lagerung sich ent-
wickelnden Extremitäten anfangs ausgezogen und endlich durchbrochen scheinen. Dieser Durch-
bruch geschieht aber nicht von mehreren Abtheilungen der Extremität, sondern nur von dem
Endglied, nämlich von der Hand und dem Fuss. Es bleiben daher Ober- und Vorderarm sowie
Ober- und Unterschenkel in den Muskelhüllen verborgen. Was aber hier mit den Hüllen-
muskeln geschieht, das vollzieht sich auch an den Extremitäten selbst, denn wie die Theile
eines Fernrohrs sich auseinander schieben, so finden wir auch hier die unter den Muskelhüllen
an dem Schulter- und Beckengürtel befestigten Muskeln die nächstfolgenden Gliedertheile und
deren Muskeln überlagern. Endlich erscheint die tiefinnerste Schicht mit ihren Muskeln als
Endglied der Extremität,
Will es’ doch scheinen, als hätten wir hier Resultate von Vorgängen vor uns, wie wir sie
bei manchen Pflanzen vor unseren Augen sich entfalten sehen. Gleichwie die Blattscheide,
nachdem sie von den im Innern liegenden Theilen durchbrochen ist, scheinbar zur Oberfläche des
Stammes wird, und wie dann jene im Innern liegenden Pflanzentheile heraufsteigend nach und
nach das gleiche Endziel erreichen, endlich aber in der Spitze der Pflanzenaxe die innersten
und höchsten Gebilde sich entfalten, so dürften auch hier für die aus dem Rumpf des Embryo
hervorbrechenden Extremitäten analoge Vorgänge zu vermuthen sein. Doch überlassen wir hier-
für dem Embryologen den Nachweis.
An diese Haut-, Hüllen, und Extremitäten-Muskeln reiht sich nun eine weitere
Abtheilung, welche den Schultergürtel mit dem Rumpf verbindet, also die Rumpf-Schulter-
muskeln, an welche sich die Rumpf-Kopf, und Rumpf-Schwanzmuskel anschliessen.
Als Mittelpunkt sehen wir die eigentlichen Rumpfmuskeln, welche sich in vertebrale und
viscerale Muskeln, wie Arnold gethan, theilen lassen.
Nach der soeben geschehenen Entwicklung dürften wir daher die Muskeln der Phoca in
vorstehender Reihenfolge betrachten. Da jedoch diese Reihe nur bei der Phoca sich recht-
fertigt, indem zu den Hüllenmuskeln Muskeln zu rechnen sind, die bei den anderen Thieren
“den Extremitäten oder den Bauchmuskeln zufallen und nicht mehr als Hüllen erscheinen, indem
bei diesen und namentlich bei dem Menschen die Extremitäten sich mehr und mehr aus dem
Rumpfe entwickeln und sich durch grösseres Wachsthum von ihren Hüllen vollkommen befreien,
hier aber es sich nicht allein um die Muskeln der Robbe, sondern um eine Vergleichung mit
— . 31ls —
anderen Thieren handelt, so werde ich die Hüllenmuskeln zwar beibehalten, allein der leichteren
und gewöhnlicheren Auffassung wegen zwar unter den Hüllen erwähnen, dagegen aber in ihrer
specielleren Beschreibung auf die sonst geläufige Stelle verweisen.
Ich schlage aber diesen Weg um so lieber ein, als es für eine Nachuntersuchung von
Werth ist von Aussen nach Innen die Muskellagen zu verfolgen. Wir werden daher folgenden
Gang einhalten:
S$. Hautmuskeln.
U. Muskelhüllen (Pectoralis, Cucullaris, Latissimus dorsi, Obliquus abd. extern.,
Sartorius, Tensor fascialis, Glutaeus max., Biceps femor., Semitendinosus und Gracilis).
II. Rumpf-Schulter-Muskeln.
IV. Rumpfmuskeln (Rumpf-Schwanz-, Rumpf-Kopf-Muskeln), a) Spinale
Muskeln, b) Viscerale Muskeln.
V. Muskeln der Hinterextremität.
VI. Muskeln der Vorderextremität.*)
Die als Vergleichungsobjecte für die Robbe und Otter angeführten Thiere stammen aus
unserem zoologischen Garten und wurden alle von mir präparirt und theilweise auch geometrisch
gezeichnet. Aufbewahrung in doppel-chromsaurer Kali-Lösung gestattete mir ihre vollständige
Benutzung.
I. Hautmuskeln.
Nach Wegnahme der Haut und des dicken, grossmaschigen und netzartig geordneten
fettreichen Unterhautzellgewebes findet man den xörper fast in seiner ganzen Ausdehnung von
Hautmuskeln eingehüllt. Die ganzen Rücken- und die Seitentheile bis zum Nacken umhüllt ein
grosser Rückenhautmuskel, auf der Bauchseite breitet sich von den Hinterextremitäten und dem
Becken bis zu den Vorderextremitäten eine Bauchhautmuskel. Beide enden in der Umgebung
*) Die Bezeichnung: Oben, Unten, Vorn, Hinten beziehen sich auf die Lage des auf Tafel I abgebildeten
Skelets. Rücksichtlich der Bezeichnung der Muskeln habe ich zu erwähnen, dass bei der Präparation der
ersten Robbe mir öfter die Analogie einzelner Muskeln mit anderen Thieren und namentlich dem Menschen
fehlten. Ich sah mich daher genöthigt, die Ansatzstellen bei der Benennung zu berücksichtigen, und so finden
sich manche Muskeln auf den Tafeln bezeichnet. Erst bei folgender Präparation anderer Raubthiere und
einiger Affen fand ich durch Uebergänge eine Analogie mit dem Menschen hergestellt. Da nun der Mensch
als der am genauesten durchforschte Muskelkörper Jedem am lebendigsten gegenwärtig ist, und ich selbst
empfunden habe, welche Schwierigkeit für uns die Nomenclatur der Thierärzte veranlasst, so behielt ich die
Muskelbezeichnung der menschlichen Anatomie bei, mochten auch die Thiermuskeln in Form und Verrichtung
mit den menschlichen übereinstimmen oder nicht. Ich glaube so das Verständniss, so wie die Vergleichung
mit dem Menschen vielfach erleichtert. Nur wo keine Analogie zu finden war, jbehielt ich die Bezeichnung
nach dem Ansatze bei,
— 3172 —
der Vorderextremität. Nicht weit von dem Rückenhautmuskel beginnt ein Nackenhautmuskel
und begegnet an den Seitentheilen des Halses einem von der Kehlgegend heraufstrahlenden
und mit dem vorhergehenden sich durchkreuzenden unteren Halshautmuskel. Die Ausläufer
beider breiten sich über Kopf und Gesicht. Die jetzt allein noch übrig gebliebene Lücke, unter
und seitlich dem Brustbeine und dem Seitentheile des Rippenraumes bis zur Schulterhöhe, füllt
nur der Pectoralis aus. 3
1. Cutaneus ventralis. Kommt von der vorderen Oberfläche des Ober- und unteren
Unterschenkels, von den Seitentheilen und der Symphyse des Beckens und sehnig von der
Linea alba. Seine Fleischfasern laufen, eine dicke Lage an der Seite des Bauchs und der
Brust bildend, von hinten und unten nach vorn und oben, werden in der seitlichen unteren
Brustgegend an ihrem oberen Rande von dem folgenden überdeckt; empfangen neuen Zuwachs
aus der Gegend der Knorpel der falschen Rippen, treten immer mehr zu einem dickeren ‚Körper
zusammen und heften sich unter dem Latissimus und über dem Pectoralis an die innere Seite
des Oberarmes an die Spina tubereuli majoris.
9. Cutaneus dorsalis. Beginnt sehnig an den Dornfortsätzen der Schwanz-, Kreuz-,
Lenden- und Brustwirbel. Seine Fleischfasern laufen schräg vorwärts und abwärts. Vom Kreuz-
und Schwanzbein gehen sie über den Unterschenkel und das Knie gegen die Symphyse zu.
An dem Seitentheile der Brust verflechten sie sich mit dem vorhergehenden Muskel und in der
Schultergegend heften sie sich, als flacher Muskel, an die Fascia, welche die Schulter und die
äussere Seite des Oberarms bis zum Ellenbogen hin überzieht.
3. Cutaneus colli superior. Entspringt als dünner Muskel fleischig am Nacken,
seine hinteren Fasern steigen schräg nach vorn und unten an den Seitentheilen des Halses und
kreuzen sich daselbst mit dem nächstfolgenden. Seine vorderen Fasern nehmen dagegen eine
mehr sagittale Richtung und verbreiten sich über die Seiten des Kopfes, über die Stirn und
bis zur Nase. ’
4. Cutaneus colli inferior. Beginnt etwas vor der vordersten Spitze des Pectoralis in
der Mittellinie der Kehlgegend. Seine Fasern laufen auf- und vorwärts und kreuzen sich an der
Seite des Halses mit dem vorigen, indem sie unter ihn treten. In ihrem vorderen Theile laufen
. sie über die Seitenränder des Unterkiefers.
Vergleichung.
Bei Delphinus phocaena hat der Hautmuskel eine sehr ausgedehnte Ausbreitung,
Er erstreckt sich am Rücken und Bauch sowie an den Seitentheilen vom Kopf bis in die Gegend
— 373 —
; des Beckens. Alle seine Fasern ‘haben aber von vorn, oben, hinten und von den Seitentheilen
eine Richtung’ gegen die Vorderextremität, welche sie bis zum Carpus hin einhüllen. Nur.an
der Brust sowie an dem Schwanze fehlt’ der Hautmuskel. An erster Stelle‘ wird er ‚aber. ersetzt
durch den Pectoralis, ‘welcher freilich ohne scharfe ‚Gränze in seinem peripherischen Theil in
den Hautmuskel überzugehen ‘scheint und nur an seiner. Ansatzstelle, an dem Kopfe des
Humerus, von jenem sich schärfer trennt. Dass der Hautmuskel für die Bewegung der Extre-
mität, sowohl nach ‘hinten als auch nach aussen und vorn, nicht ohne grosse Bedeutung sein
kann, ist einleuchtend.
Auch die Fischotter zeigt zwei grosse fast über den ganzen Körper sich verbreitende
Hautmuskeln. Der eine Muse. eutaneus dorsalis kommt von der oberen Seite des
Schwanzes von dem Kreuzbein und der äusseren Seite der "hinteren Extremitäten’ in einer
sehnigen Ausbreitung, erhält auf der oberen Seite des Beckens Fleischfasern, begibt sich über
den Rücken und die Seitentheile der Brust und verliert sich sehnig über ‘den Schulterblättern
und der äusseren Seite der Vorderextremitäten bis zur Hand. Der zweite Hautmuskel, Musc.
“cutan. ventralis, kommt als sehniger Ueberzug von der unteren Seite des Beckens (auch
von der Dorsalseite, woselbst er vom Dorsalis bedeckt ist), zieht an der Bauchseite als eine
sehr dünne Muskellage nach vorn, ist seitlich mit dem Dorsalis verwachsen und zieht sich über
die ganze innere Seite der Vorderextremitäten. Beide Muskeln vereinigt helfen , indem sie
die darunter liegenden Muskeln überziehen, Falten bilden, welche vom Becken bis zur. Ferse
und von der Seitenwand der vorderen Brust zum Oberarm gehen. Diese Falten scheinen mir
für das Schwimmen dieselbe Bedeutung zu haben wie die hinteren und vorderen Flügelfalten
an der Vorderextremität der Vögel.
Bei der wilden Katze finde ich den Cutaneus dorsalis an die innere Seite des Ober-
arms angeheftet. Der Ventralis ist weniger vollkommen ausgebildet. Ferner haben wir hier
einen Cutaneus cervieis sowie einen Qutaneus colli, ein Analogon des Patysmamyoides Hominis.
II. Muskelhüllen der Phoca vitulina.
a) an der Vorderextremität.
1. Pectoralis (Taf. II. d, Taf. I. a, Taf. IV., Fig. 2.9),.der einzige, der nicht ganz, yon
den Hautmuskeln bedeckt ist, entspringt in der ganzen Länge, des Brustbeines ‚und von der
Mittellinie des Halses verwebt mit dem Cucullaris. Von hier laufen seine, Fasern. steil schräg
rückwärts, die vom vordern Theile des Brustbeines gehen auswärts und die hinteren vorwärts.
— 374 —
Alle diese Fasern heften sich an die Spina des Tubereulum majus humeri (gleich hinter dem
Cucullaris) in dessen ganzer Länge an. Die von der hinteren Seite der Brust kommenden
Fasern ziehen sich in eine Fascie aus, welche auf der medianen Seite des Vorderarms sich
ausbreitet und an der Leiste des Radius befestigt in der Fascie des Carpus und der Hand sich
verliert. — Eine tiefere Muskellage, welche von dem Ansatz der fünf vorderen Rippenknorpel
(an dem Brustbein) kommt, setzt sich mit starker Sehne mit der Sehne des Cutan. ventralis
vereinigt median von den vorigen an das Tubere. majus. Der Pectoralis zieht den Oberarm
nach Innen und hinten, wirkt aber auch bei der Pronation des Vorderarms.
2. M. cucullaris (Taf. II. a, Taf. II. d) liegt unter dem Cutaneus dorsalis. Er ent-
springt mit der Fascie des Latissimus dorsi vereinigt an den Dornfortsätzen der Lenden- und
fleischig von den Dornen der vorderen Rückenwirbel; von der Mittellinie des Nackens und
der Linea semicireularis des Hinterhauptes. Die hinteren Fasern laufen nach vorn und setzen
sich an das obere Ende der Spina scapulae; die mittleren laufen abwärts und setzen sich an
die übrigen Ränder derselben, die vorderen rückwärts und abwärts und heften sich mit dem
Pectoralis verbunden an das Tub. majus des Humerus und dessen Spina bis zur Hälfte des
Armes. Von hier aus breiten sich Sehnenhäute gegen den Vorderarm und verweben sich mit
denen des Pectoralis.
- An das obere Ende des Humerus heften sich nun aber auch dünne Lagen von Muskel-
fasern, welche von dem Seitentheile des Gesichtes und von dem Unterkiefer über den Hals
herkommen und welche mit dem Hautmuskel sowie mit der vorderen Spitze des Pectoralis
verwachsen sind. Von dem Proc. xyphoideus des Brustbeines scheint er Fasern zu bekommen,
doch ist auch hier eine Gränze zwischen ihm und dem Pectoralis nur künstlich herzustellen.
3. Musc. latissimus dorsi (Taf. 11. d). Hinter und theilweise unter dem vorigen.
Er entspringt von den Dornfortsätzen aller Lenden- und den neun hinteren Brustwirbeln sehnig,
von den Seitentheilen der vier hinteren Rippen aber fleischig. Die Muskelfasern laufen gegen
den Arm hin zusammen. Die von den Lendenwirbeln kommenden vereinigen sich hier mit
denen des Pectoralis und des Cutaneus ventralis und begeben sich an das Tuberculum majus
und dessen Spina median vom Pectoralis, und gehen an den Ellenbogen in die Fascie der
. innern Seite des Vorderarms. Die vordere Partie tritt über den hinteren Winkel des Schulter-
blattes und befestigt sich, nachdem sie sich mit der Sehne des Teres major vereinigt, an die
Spina tuberculi minoris des Humerus. Beide Ansätze schliessen den Biceps Bachii von medianer
und lateraler Seite ein.
— 315 —
b) an der Hinterextremität.
4. Musc. obliquus externus (Taf. II und VIII, Fig. 1a.) entspringt von der vordern
Fläche und dem hintern Rande der 4. bis 15. Rippe, ferner vor der Fascia lumbo-dorsalis der
Lendengegend. An seinem vorderen Ende ist er durch den Scalenus III vom Transversus costor.
getrennt (Taf. VI, Fig. 1 — e, !, n), weiter nach hinten liegt er zwischen den Zacken des
Serratus magn. und des Latissim. dors. In der Brust und Bauchgegend laufen seine Fasern
schräg nach hinten abwärts und setzen sich, den Rectus umhüllend, an das Brustbein und die
Linea alba. Der Theil aber, welcher von den Lenden kommt, steigt nach hinten, überschreitet
das Hüftbein wie den Oberschenkel, setzt sich an das Schambein und verliert sich in der
Fascie des Oberschenkels und des Glutaeus maximus. An der Spina ilei anter. und der Aus-
trittstelle des Nerv. cutaneus extern. erhält diese Abtheilung eine Spaltung. Der laterale Theil
läuft, nachdem er eine sehnige Anheftung an der Spina ilei erhalten, über die äussere, vordere
Fläche des Schenkels, ist hier mit dem Glutaeus ext. in seiner ganzen Länge bindegewebig
verbunden, geht nun dünner werdend von Aussen über das Knie bis zur Tuberositas tibiae und
setzt sich in die oberflächliche Faserschicht des Unterschenkels. Dieser ist der Tensor fa-
sciae latae. Der mediane Theil wendet sich wieder nach zwei Richtungen. Die eine geht
lateral mit starken Fleischfasern gegen die innere Seite des Kniees und verliert sich, auch hier
dünner werdend, in die bindegewebigen Hüllen des Unterschenkels. Dieses ist der aus dem
Obliquus hervorragende Sartorius. Von der inneren Seite des Kniees wendet sich nun
ein sehniger Strang gegen die Symphyse und heftet sich an das Schambein zwischen Symphyse
und For. obturatorium. Dieses ist das Ligamentum Poupartii, vor welchem in starkem
Bogen die mächtigen Muskelfasern des untersten medianen Theils des Obliquus als Columna
interna gegen die Symphyse sich begeben und so die vordere Oeffnung des Inguinalcanals
abschliessen. Vid. Taf. II.
Auf der Tafel VII, Fig. 1 ist der Obliquus ext. von seiner Anheftung am Ober-
schenkel gelöst und von der Spina anter. superior an nach der Mediane zurückgeschlagen.
a (linker Seits) ist die Columna externa, welche gegen die Symphyse hin in den scharfen Rand
des sehnigen Lig. Poupartii ausläuft. «a (rechts) sind die kräftigen Muskelfasern, welche nach
unten in die Columna interna übergehen. B ist Pecten pubis und d ist Musc. oblig. internus,
wie er am mittleren Drittel desselben ansitzt, weiter oben aber von dem Faserbogen, welcher
über die Schenkelmuskeln und die Vasa crurulia (23) weggeht, entspringt.
Anmerkung. Auf dieser Tafel sind f in Fig. 1 und e in Fig. 2 und 3 sowie d in Fig. 2 nur ein
Reststück der Muskelfasern des Oblig. exter., welche zu dem Tensor fasce. und Sartorius gehören.
— 1376 —
So sehen wir also hier drei. in der Säugethierreihe typisch getrennt vorkommende Muskeln
in einem Muskelkörper vereinigt, welcher nun nicht blos seine Wirkung auf die Brust und
Bauchhöhle und auf die ventrale Beugung der Wirbelsäule ausdehnt, sondern auch auf Flexion,
Abduction und Adduction des Schenkels von grossem Einfluss ist.
In einem Fall glaube ich eine Andeutung einer Trennung von Tensor fasc. und Oblig.
gefunden zu haben, immer aber entspringt dieser mit dem Obliq. von der Fasc. lumbo-dorsalis
der Lenden. Was aber den Sartorius betrifft, so ist dieser ganz und gar’ eine Fortsetzung der
Muskelfasern des Oblig. Stannius sah dieses auch beim Faulthier.
Doch auch noch andere Muskeln glaube ich als Muskelhüllen für die Hinterextremität
ansehen zu dürfen, da sie nicht blos bei der Robbe, sondern auch bei den anderen Säugethieren
in breiter Fläche den Unter- und Oberschenkel einhüllen und vom Becken bis zur Ferse hin
sich ausbreiten. Es sind dieses: Musc. glutaeus maximus (Taf. VII, Fig. 2 c?), der
mit dem Tensor fasc. des Obliquus und dem Biceps durch Bindegewebsscheiden sich verbindend
an die ganze äussere Seite des Femur sich ansetzt. — Musc. biceps femor. (Taf. VII,
Fig. 2 f), welcher in dreieckiger Fläche vom Becken zum Condyl. fem. extern. zu der Fibula und
zur Calx sich ausbreitet. — Semitendinosus (Taf. VII, Fig. 2«) in breiter Fläche zwischen
Becken und Tibia. — Endlich der Muse, gracilis (Taf. VIU, Fig. 1c) zwischen Symphyse
Tibia und Calx. — Diese Muskeln finden sich bei der Hinterextremität ausführlicher behandelt.
Vergleichung.
Bei der Phoca sahen wir die vollkommenste Verbindung zwischen Haut-, Brust-,
Rücken- und Mönchskappenmuskel. Schon bei der Zutra sieht man wie diese Hüllen
sich zu trennen beginnen, Betrachten wir zuerst den Brustmuskel der Zutra.
Pectoralis. (Taf. XIN, Fig. 3, ı4.) Er entspringt längs dem ganzen Brustbein und
setzt sich wie immer an den Humerus. An ihm haben wir aber drei Partien zu unterscheiden.
1. Die unterste (also oberflächliste) Schicht ist sehr dünn, entspringt von dem vorderen Theile
des Brustbeines und verläuft neben dem Deltoideus unten nach dem Humerus und heftet sich
mit dessen Sehne zwischen Biceps und Brachialis spitz zulaufend, etwas über das untere Ende
des Humerus. 2. Die mittlere Partie kommt von der vorderen Hälfte des Brustbeines und
heftet sich mit horizontal nach Aussen laufenden Fasern unter dem Deltoideus wegtretend und
über den Biceps weggehend an die Spina tubereuli majoris in deren ganzer Länge. 3. Die
oberste (tiefste) Partie läuft vom hintersten Theile des Brustbeines nach vorn, ist an ihrer
Aussenseite ‚mit den lateralen. Muskelfasern des Latissimus .dorsi verwachsen, und heftet sich,
— Im =
steil vorwärts gehend, in der Tiefe über die vorhergehenden weglaufend und sich mit ihnen
kreuzend, an den obersten Theil des Humerus, nämlich an das Tubereulum majus, selbst. Wir
sehen also in dem Faserverlauf dieses Muskels eine vollkommene Durehkreuzung, denn die
vordersten steigen am tiefsten am Arme herunter, dann folgt die zweite Abtheilung, die stärkste,
diese nimmt fast die Länge des Humerus ein, die am hintersten Ende des Brustbeines jedoch
entspringenden gehen an das oberste Ende desselben, nämlich an das Tub. majus. Ueber dem
Pectoralis liegt eine Faseie, welche vom Manubrium sterni zum Tubereulum minus humeri sich
ausbreitet, den Plexus axillaris, die Gefässe und Nerven einhüllt und in die Fascia brachialis
übergeht. Auch an dieser Fascie finden wir das vordere Ende des Peetoralis angelehnt. Die
Fascie enthält an_dem Tub. minus ein kleines festes Knötchen, welches ich für eine verküm-
merte Clavicula ansehe. Da sich an dieses Knötchen die mediane untere Ecke des Cueullaris,
sowie der Musc. cleidomastoideus und die lateralen Enden der vordersten Fasern des Pectoralis
anheften, so glaube ich zu dieser Deutung berechtiet.
Bei Felis catus ferus sind die Verhältnisse der Otter ähnlich. Hier finden. sich vier
Schichten. Vid. Taf. XVII. (Lynz cervarius.)
1. Die vordersten vor der Spitze des Brustbeines aus einer Linea alba und an dem
Manubrium entspringenden Fasern gehen verbunden mit dem Deltoideus clavieularis in die
Fascie des Vorderarms und zwar unterhalb des Condylus internus humeri und an diesen selbst (@).
2. Ist diese dünne Muskellage weggenommen, so sehen wir ebenfalls aus jener vorderen Linea
alba (die Vereinigungsstelle der Muskelfasern beider Seiten) und der ganzen vorderen Hälfte
des Bristbeines, Muskelfasern entspringen, welche an den oberen zwei Drittel des Humerus am
'Tub. majus und an dessen Spina abwärts sich ansetzen (b). Von den hintersten Fasern laufen aber
einige gleichfalls in die Fascie des Vorderarms. 3. Der grösste und stärkste Theil (ec). Dieser
entspringt in der ganzen Länge des Brustbeinkörpers und heftet sich nur in der oberen Hältte
des Humerus an das Tub. majus und dessen Spina, Die Fasern des vorhergehenden laufen
unter ihm weg und heften sich mehr lateral. - Dieser Muskel ist nun wie bei Zutra mit dem
Latissimus dorsi nach vorn hin verwachsen. Ebenso mit den Fasern, welche von 2 in die
Fascie des Vorderarms gehen. 4. Kommt von dem Proc. xyphoid. und der Linea alba des Bauchs
eine schmale Partie, d, welche mit den Fasern 3 sich vereinigt.
Bei zwei Löwen fand ich das Verhalten des Pectoralis ganz ähnlich der Katze. Auch
hier war der mittlere Theil mit dem Latissimns dorsi verwachsen. Die Verbindung des ersten
jedoch mit dem Deltoideus clavienlaris war nur ganz oberflächlich und heftete sich an die Spina
tubereuli majoris.
Abhandl. d. Senekenb. naturf. Ges., Bd. IX.
48
=. 1 —
Bei Lynx cervarius sind die Verhältnisse ebenso wie bei der Otter, nur mit dem
Unterschied, dass ich keine Verwachsung mit dem Latissimus vorfand. Der hinterste Theil
entspringt vom oberen Theil der Linea alba zwischen den Rectis abdominis,
Auch bei den Hundearten ist das Verhältniss ein ähnliches wie bei Katze und Otter.
Auch hier gehen die vorn von der Brust entspringenden Muskelfasern am weitesten nach
abwärts und die von den hinteren Rippen kommenden am weitesten nach aufwärts an den
Humerus. Beim Fuchs verknüpft sich der vorderste Theil an der verkümmerten Clavicula mit
dem zusammentreffenden Cucull. clavicularis, Deltoideus und Cleidomastoideus. Der hinterste
und äusserste Theil des Pectoralis entspringt nur vom Proc. xyphoid. und nicht mehr von der
Linea alba abdominis wie bei den Katzen.
Gehen wir noch zu den Affen über, so tritt mit dem gut entwickelten Schlüsselbein ein
Pectoralis major und minor auf, Bei ersterem finden wir eine Pars clavicularis, sternalis
und costalis, bei letzterem einen Ansatz an einen Proc. coracoideus. Immer zeigt sich
aber auch hier wieder jene vorhergehend erwähnte Durchkreuzung des Muskelverlaufes. Bei
Inuus findet sich noch eine Verbindung des Pectoralis mit dem Deltoideus, die Vereinigung
zwischen Latissimus und Pectoralis jedoch hört auf. Der Orang zeigt uns als Pectoralis major
drei Abtheilungen. Von diesen ist die Pars costalis (7. und 8. Rippe) die tiefste. Sie begibt
sich am weitesten nach oben an den Spina Tub. maj. Humeri. Die Pars sternalis posterior
(vom hinteren Brustbeinstück kommend) bedeckt jenen nach aussen und setzt sich hinter
jenen an den Humerus. Der oberflächlichste Theil ist die Pars sternalis anterior, von dem vor-
deren Brustbeinstück kommend. Diese steigt wieder tiefer am Arm herab. Eine Pars clavicularis
fehlt bei dem Orang ganz. Peectoralis minor aber liegt von jenen bedeckt und heftet sich an
die Basis des Proc. coracoid.
Diese einem jungen Orang entnommene Schilderung entspricht ganz der von G. Sandifor
Taf. 3, Fig. 2 gegebenen Abbildung (Verhandlingen over de naturligke Geschiedenis der neder-
landische overzeesche bezittingen dor C. J. Temminck 1839— 1844) von einem alten Orang.
Da wir bei der Robbe, Otter und den Raubthieren den Pectoralis tief unten an den
Humerus sich ansetzen schen, bei den Affen aber dieser Muskel mit dem Deltoideus weit am
Arm hinauf gerückt sich findet, so lag es sehr nahe auch zu prüfen, ‚wie sich dieser Muskel
bei dem Mensch, den Affen gegenüber, oder bei niederen und höheren Affen verhalte. Die
Messungen an einem jungen Orang und Chimpanse sowie an zwei Meerkatzen zeigten
die Länge des ganzen Humerus zur Länge zwischen Humeruskopf und Ansatzstelle des
Pectoralis in Procenten 39 %, 28, 39 %%, 42%. Bei sieben erwachsenen Menschen
a nl) a
ergab das Mittel 36%. Das Mittel von zwei Neugeborenen gab 34 % sowie das aus
5 Embryonen verschiedener Grösse 33%. Achnlich ist es mit dem Deltoideus. Bei dem
jungen Orang und Chimpanse erhalte ich 52 %, bei den beiden älteren Inuus eynomolgus
54 % und 48°. Bei fünf menschlichen Embryonen war die Mittelzahl der Procente
für den Ansatz des Deltoideus 47 °o, bei den zwei Neugebornen 48 °o und bei den neun
Erwachsenen 52%. Wenngleich ich auf diese Ergebnisse wegen der geringen Zahl und
der Unsicherheit der Messungen, indem die Sehne das eine Mal früher, das andere Mal später
in dem Periost verschwindet, kein grosses Gewicht lege, so ist doch so viel wohl sicher, dass
weder zwischen den niederen und den höheren Affen, noch zwischen den Affen und den
Menschen eine Sicherheit über das Herauf- oder Herabsteigen dieser Muskeln am Humerus sich
finden lässt. IEher sprechen vielleicht die Messungen an den menschlichen Embryonen und an
den Erwachsenen für ein weiteres Herabsteigen des Deltoideus und Pectoralis.
erhält, belehren uns die Experimente Lieberkühn’s
g der gesammten Naturwissenschaft zu Mar-
nach welchen bei jungen Hunden im Verlauf
ltoideus um 7mm., des
Das heisst, der Muskel
Anmerkung. Dass sich die Sache doch auch anders vi:
(Sitzungsberichte der Gesellschaft zur Beförderun;
burg, März 1872, pag. 47 und März, 1874 pag. 37),
mehrerer Monate eingeschlagene Silberstifte vom unteren Ende des De
Sartorius um 27mm. und des Quadriceps um 21mm. sich entfernt hatten.
hat sich zurückgezogen, denn der Stift blieb ja an seiner Stelle.
Augenscheinlich begründen die höheren Ansatzpunkte dieser Muskeln bei den Vierhändern
und dem Menschen die freiere Bewegung der Oberextremität, während der tiefe und breit aus-
gedehnte Ansatz des Peetoralis am Arm der Raubthiere eine sichere aber beschränkte Befestigung
des Oberarms an dem Thorax bedingt. Das tiefe Herabsteigen des Deltoideus aber und seine
Verwachsung mit dem Oucullaris und dem Pectoralis bei den Raubthieren dürfte der Extremität
in der Richtung nach vorn beim Lauf und beim Sprung eine grössere Sicherheit und Stütze
geben. Zu berücksichtigen wäre auch noch, dass das Tub. majus bei diesen Thieren mehr in
sagittaler Richtung zur Körpermediane steht, bei den Affen aber vom Inuus ete. zum Orang
mehr lateral rückt und erst bei dem Menschen ganz zur Seite kommt.
Latissimus dorsi (Taf. XI, 4. 5. 6). Dieser Muskel hat bei der Otter seinen Ur-
sprung von der Fasc. lumbo-dorsalis, den hinteren Rippen und von den Dornen der 12 hinteren
Rückenwirbeln. Ansatz: 1. Die hintere Partie, vereinigt mit dem Pectoralis II, setzt sich an die
Sp. tuberculi majoris. (Taf. XIH, 14, 21 der rechten Seite.) 2. Die mittlere Partie vereinigt
sich mit der Sehne des Teres major und geht zwischen Biceps und Humerus an die Sp. tub.
minoris. Beide Ansätze haben also den Biceps zwischen sich und bilden in der Vereinigung
ihrer Muskelfasern von hintenher einen Bogen um diesen Muskel. 3. Die vordersten Fasern
— 3880 .—
ziehen sich gegen die innere untere Seite des Oberarms und heften sich an das Olecranon.
Ganz ebenso ist es mit der wilden Katze und dem Löwen. Bei dem Luchs sah ich jenen
Theil, welcher an das Oleeranon geht, ebenso wie die Verbindung mit dem Pectoralis.
Bei Canis vulpes verbindet sich der Latiss. an seinen Ausläufern 1. mit dem Teres
major und verläuft lateral vom Biceps zum Humerus, 2. da wo Latiss. und Teres in ihrer
Sehne sich vereinigen, entspringt ein Muskelstrang, der an der inneren Seite des Oberarms
herabläuft und sich an die mediane Seite des Olecranon begibt, 3. besteht eine Vereinigung
mit dem vom Proc. xyphoid. kommenden Theile des Pectoralis, dieser geht median vom Biceps
an den Oberarm. In dem Winkel, wo Pect. und Latissim. zusammentreffen, findet eine Ver-
bindung mit dem Cutaneus statt. So bilden denn diese Muskeln mit ihren Sehnen eine Schlinge
um den Plex. brachialis und den Biceps.
Bei Hyaena striata zeigen sich die Verhältnisse ganz gleich den vorhergehenden.
Gehen wir nun zu den Vierhändern, so finde ich nur bei Imuus eynomolgus ausser dem
gewöhnlichen Ansatz mit dem Teres noch den zweiten Fortsatz an die Spina tub. majoris über
die mediane Seite des Biceps tretend, sowie die Abzweigung eines Muskelkörpers an das Olecranon,
aber keine Verbindung mit dem Pectoralis. Dasselbe ist auch bei dem Chimpanse und dem
Orang der Fall. Auch hier ist der Muskelbauch, welcher an den Triceps brachii geht, vorhanden.
Dass die schlingenförmig den Biceps umgebende Befestigung des Latissimus am Oberarm
sowie der an der inneren Seite des Arms herablaufende Muskelstreif die Vorderextremität zu
ihren Aufgaben, den Körper zu stützen und zu tragen, oder bei den Affen zum Klettern ge-
schickter macht, als e$ der menschliche Arm sein würde, ist einleuchtend. — Rücksichtlich der
Trennung des Peetoralis und Latissimus bei Vierhändern und dem Menschen will es mir scheinen,
dass die im Verhältniss zur Tiefe stark in die Breite ausgedehnte Brust ein mechanisches
Moment abgibt. Bei einem grossen Hund betrug die Tiefe oder Höhe der Brust 10 Cm und
die Breite nur 6 Cm Bei einer wilden Katze finde ich 8! und 5, C"- Bei Inuus beträgt die
Breite 7, die Tiefe 8 C”- und bei dem jungen Chimpanse erstere 12 und letztere 10 Cm
Es verhält sich demnach die Tiefe zur Breite:
beim Hund wie 100 zu 50
bei der Katze » » » 64
beim Inuus ER) /
beim Chimpanse » » » 120.
Der Cucullaris (Taf. XI, 1, 2, 3) entspringt bei der Otter 1. von der Fasc. lumbo-
dors. und den Dornen der 10 vorderen Brustwirbel, 2. von den Halswirbeln. Ein viereckiger
’
— 331 —
Sehnenfleck findet sich zwischen diesen beiden Theilen! 3. Von.der Crista semieircularis oceipitis.
Die beiden ersten Theile setzen sich an die Spina scapulae und Acromion. Der von den vorderen
Halswirbeln und von dem Hinterhaupt kommende Theil setzt sich in den Deltoideus (elavieu-
laris) fort und heftet sich vereinigt, mit der oberflächlichsten Lage des Pectoralis an die unterste
Stelle des Humerus. Der lateral an dem Hinterhaupt entspringende Theil geht aber an das
Sternum. Die letzte Abtheilung verwächst längs dem Halse in der Mediane mit dem ent-
sprechenden Theil des entgegengesetzten Cucullaris sowie mit dem Pectoralis. Zwischen die
Ansatzstelle der Pars scapularis und elavicularis oder deltoidea schiebt sich der Levator scapulae
(zwischen 2 und 13). _
Bei den Felinen (Taf. XIX) scheidet sich der Cueullaris in einen Theil, welcher zur Spina
scapulae, einen zweiten, welcher zur verkümmerten Clavicula und einen dritten, welcher an das
Sternum geht. Die Pars clavieularis setzt sich jedoch nur an die Clavicula und durch letztere ge-
trennt beginnt erst der Deltoideus clavicularis. Unter dem Oucullaris setzt sich von oben herab-
tretend der Oleido-mastoideus an die Clavieula und ist an dieser theils mit dem Cucullaris, theils
mit dem Deltoideus clavicularis verschmolzen. Unter der Pars sternalis des Cucullaris und öfter
mit ihm verwachsen ist der Sterno-mastoideus gelagert. An dem Sternum selbst sind aber beide
in ihrem Ansatz getrennt, denn der Cueullaris geht an die untere (äussere) Fläche dieses Knochens,
der Sterno-mastoideus aber an die obere (innere). Ersterer vereinigt sich unter dem Sternum
mit dem Cucullaris der entgegengesetzten Seite, sowie auch mit den medianen vorderen Spitzen
des Pectoralis. So fand ich es-bei den beiden Löwen, den wilden Katzen und dem Luchs.
Bei den Hunden ist der Ansatz des Cueullaris an Rumpf, Schulter und Kopf, wie bei
der Otter und den Felinen, doch fehlt der Ansatz an dem Sternum. Der von der Crista occi-
pitis entspringende Theil steigt an der Seite des Halses herab und verwächst in der Gegend
der Tuber. Humeri mit dem unter ihm liegenden Cleido-mast. Er scheint mir hier zu enden
und nur die Fasern des Cleido-mäst. in den Deltoideus clavicularis sich fortzusetzen, welcher
sich, verwachsen mit dem (vorderen Theil des) Pectoralis tief unten an dem Humerus ansetzt.
An der Vereinigungsstelle dieser vier Muskeln liest nun, bedeckt vom Pectoralis, ein Analogon
der Fasc. coraco-clavicularis des Menschen zwischen dem Tub. minus humeri und dem Sternum
ausgebreitet, in welcher der Plex. brachialis sowie die Art. und Vena subelavia verlief und eine sehr
rudimentäre Clavicula eingehüllt war. Auch hier bricht zwischen der Port. acromialis und cla-
vicularis der Levator scapulae durch. Obige Untersuchung machte ich an einem Fuchs. Noch
zu bemerken habe ich, dass ich hier ein sehr starkes Nackenband fand, welches zwischen dem
langen Dorn der ersten Brustwirbel und dem zweiten Halswirbel ausgebreitet war.
— 382 —
Bei einer Hyaena striata zeigt sich der Cucull. als ein dünner schmächtiger Muskel,
welcher erst in der Gegend des siebenten Halswirbels fleischiger wird.
Zwischen dem Hals und Rückentheil liegt aber ein sehr mächtiges breites und dickes
Sehnenfeld, welches an dem oberen Ende der Spina scapulae sich anheftet. Bei seiner Durch-
schneidung knirscht es unter dem Messer; es bildet daher eine mächtige Stütze für die
Schulterblätter. Das Nackenband fehlt hier ganz. Uebrigens geht hier der Cucullaris auch
wieder an das Brustbein wie bei der Katze und der Otter, nachdem er dem Levator scapulae
zum Durchbruch eine Lücke geöffnet. Die von der lateralen Seite der Crist. oceipt. kommenden
Fasern umhüllen den Sterno-mastoid., den Gleido-mastoid. und den Levator scapulae, jene
“überkreuzend, gleichsam wie ein Mantel.
Anmerkung. Ueberhaupt fand ich die Faserschichten zwischen den Muskeln bei diesem Thiere
äusserst fest, so dass die Messer jeden Augenblick stumpf wurden,
Bei den Vierhändern zeigt sich nun der Cucullaris vollkommen verändert. Er hat
hier ganz die Verhältnisse wie beim Menschen.
Ueberblicken wir nun nochmals den vorliegenden Befund, so sehen wir bei’der Robbe
eine vollkommene Verknüpfung von Haut-, Brust-, Rücken- und Kapuziner-Muskeln zu einer
Hülle, welche den grössten Theil des Rumpfes sowie die Muskeln der Vorderextremität bis
zum Carpus umhüllt. Von einem Schlüsselbein ist keine Spur.
Anmerkung. Bei Delphinus phocaen« findet sich ein Cucullaris, sowie Latissimus dorsi sehr ver-
kümmert und nur der Pectoralis dürfte als eine den Körper theilweise umhüllende Lage anzusehen
sein. Murie (On the Organization of the caaing Whale. — Transact. of the zoological Society.
Vol. VIII) und Rapp (Die Cetaceen zoologisch-anatomisch dargestellt. Stuttgart 1837) erwähnen
eines Cucullaris gar nicht. Nichts destoweniger muss ich eine sehr dünne Muskelschicht, welche
unter dem Hautmuskel im Nacken sich findet und von welcher eine Fascie sich über das Schulter-
blatt wegzieht, als solche ansehen. Auch Meckel (»System der vergleichenden Anatomie« Bd. IH.
pag. 468) sieht ihn an dem Hals des Schulterblattes in den vorderen Theil des Pectoralis übergehen.
Cuvier erwähnt in seinen Vorlesungen diesen Muskel beim Delphin gleichfalls. Murie gegen-
über möchte ich mir nur ganz bescheiden die Frage erlauben: Ob der von ihm Fig. 63 abgebildete
und als Splenius bezeichnete Muskel nicht vielleicht der Cucullaris ist, da jener typisch nicht
über sondern unter dem Rhomboideus liegt?
Rapp lässt den Latissimus von der 4. 5., 6. Rippe entstehen. Auch ich finde den
verkümmerten Muskel, welcher sich am hinteren unteren Rande des Humerus ansetzt, von diesen
Rippen entspringen, sehe aber von seinen vorderen Strahlen eine Fascie gegen die Dornen des
Rückens gehen. Jener Ursprung an den Rippen würde also nur den hinteren Theil des Latissimus
der anderen Säugethiere darstellen.
—. 383. —
Bei Zutra fangen die Gebilde an sich zu differenziren und ein Schlüsselbein findet sich
als feiner Knochenkern in der medianen Seite des Tuberc. humeri. Die Muskeln vereinigen
sich nur an einigen Stellen, namentlich in der Gegend der Oberextremität. Immer aber steigen
dieselben noch weit an derselben herab. Der Pectoralis geht bis zum Ellenbogengelenk.
Ebenso der Cucullaris mit dem noch nicht abgeschiedenen Deltoideus clavieularis. Er setzt
sich ferner an das Brustbein, der Latissimus schickt aber einen Fortsatz bis an das Olecranon.
Wenn auch im Ganzen diese Verhältnisse bei den Katzen, Hunden und der Hyäne sich
gleichbleiben, so werden doch die Trennungen schärfer. Ks entwickelt sich mehr und mehr ein
Schlüsselbein, allein der Ansatz des Cucullaris an das Sternum, durch welchen der vordere
Rumpftheil wie durch einen Mantel wenn auch nur noch lückenhaft (Levator scapulae) umhüllt
wurde, verschwindet schon bei den Hunden. Immer aber sehen wir die Muskelfasern des
Cucullaris, Pectoralis, Cleido-mastoideus und Deltoideus elavicularis an der Einlagerungsstelle
des tief im Fleische verborgenen Schlüsselbeines miteinander verknüpft. Bei den Vierhändern
aber, bei welchen ein Schlüsselbein vollkommen mit Brustbein und Schulterblatt verbunden ist,
hört nicht allein die Verknüpfung von Pectoralis, Latissimus und Cucullaris vollständig auf, sondern
es trennt sich auch ein Deltoideus clavicularis von dem Cucullaris und von Cleido-mastoideus.
Dagegen entsteht eine Vereinigung zwischen Deltoideus clavicularis, acromialis und scapularis.
Der breite Schultergürtel hat die Muskelhüllen gesprengt, die Endpunkte des Cucullaris an das
äusserste Ende der Clavicula verlegt und eine Vereinigung am Brustbein unmöglich gemacht.
Der Latissimus aber hat bei Inuus cynomolgus immer noch seine zweite Anheftung am Humerus
und schickt noch seinen Fortsatz ans Olecranon. Die Orangs und Chimpanses behalten nur
letzteren.
Die tief unten an dem Ober- und auch an dem Vorderarm sich befestigenden Haut- und
Hüllenmuskeln müssen bei den eines vollkommenen Schultergürtels entbehrenden Thieren einen
Ersatz für ein die Schulter mit dem Rumpf verbindendes Schlüsselbein abgeben. Der bis zum
Brustbein herabsteigende Cucullaris, sowie die in grosser Ausbreitung den Rumpf von allen
Seiten umziehenden Fasern des Pectoralis und Latissimus befestigen die ganze Oberextremität
in hinreichend labilen Verschiebungen an dem Rumpf. Dass aber auch die beiden letzten
Muskeln zum Fortziehen des Rumpfes durch die, sei es auf festem Boden, sei es in dem Wasser,
fixirte Vorderextremität ermöglicht wird, ist schr leicht einzusehen. Ebenso scheint der
Sehnenflex in dem Cucullaris über den Knorpelscheiben des Schulterblattes einen wenig nachgiebigen,
aber sicheren Stützpunkt für den zwischen den steil gelagerten Schulterblättern federnd aufge-
hängten Rumpf der Landsäugethiere abzugeben.
— 384, —
So wie aber die Clavicula sich mehr und mehr entwickelt und endlich zwischen Sternum und
Schulterblatt einen Strebepfeiler abgibt, wird auch der Thorax breit’und weniger tief. Er verliert
seine keilförmige Form. Mit dem breiter und platter gewordenen Brustbein und dem nach den
Seiten erweiterten Thorax wendet sich das bisher sagittal gelagerte Schulterblatt in die Frontale
Mit dieser Veränderung im Schultergürtel nehmen nun auch die Extremitätenknochen an Länge
zu und der 12,4% lange Olecranon der Robbe streckte sich zu 21,1% bei der Otter, erreichte
bei dem Fuchs 34,1% und steigerte sich endlich auf 74,2% beim Orang. — Nicht ohne Interesse
ist num aber die Wahrnehmung, dass mit dem’ Längerwerden des Ober- und Unterarmes die
Ansatzpunkte der Muskeln sich mehr und mehr dem Rumpfe zu nähern suchen. Während bei
der Robbe Brust- und Rücken-, Haut- und Mönchskappenmuskeln bis zum Carpus vordrangen,
finden wir sie bei der Otter, den Hunde- und Katzenarten am unteren Ende des Oberarms an-
sitzen. Bei den Vierhändern aber zieht sich der Cueullaris über die Sehulter zurück und
enthüllt den Deltoideus, welcher neben seinem benachbarten Pectoralis nicht mehr am unteren
Ende, sondern im oberen Drittel des Humerus Platz greift. Dass mit diesen Veränderungen
in dem Knochengerüste, sowie in dem Ansatz der Muskeln die Bewegungen nach allen Seiten
hin freier werden mussten, ist einleuchtend. Während bei der Robbe die Vorderextremität noch
wenig von dem Rumpf zu entfernen war, und bei der Otter schon ungleich mehr Freiheit zeigt,
ist sie bei der Hyäne wegen ihrem kielförmigen schmalen Thorax wieder beschränkter; bei den
Vierhändern aber hat sie den höchsten Grad der freiesten und ausgedehntesten Beweglichkeit erlangt.
b) Muskelhüllen für die Hinterextremität.
Bei der Robbe sehen wir den Muse. obliquus externus über der äusseren Seite des
Beckens ausgebreitet und den ganzen Oberschenkel bis über das Knie einhüllen. Das was
wir soeben bei den Vierhändern und dem Menschen durch eine vollkommenere Entwickelung
des Schultergürtels vollbracht sahen, das scheint nun bei der Otter und den übrigen Thieren
durch die grössere Entwickelung des Hüftbeines und die grössere Länge der Oberschenkel
veranlasst worden zu sein. Wir meinen nämlich eine Trennung des Musculus obliquus extern. von
einem Tensorfasciaelatae und von einem Muse. sartorius. Diese beide letzten Muskeln,
welche bei der Robbe durch die untere Ausbreitung des Obliquus vertreten. wurden, erscheinen
“von nun an als selbstständige Muskelkörper und bilden für die Folge Hüllen für die Hinter-
extremität. Der Obliquus extern. aber bleibt von jetzt an auf die obere Oeffnung des Beckens
beschränkt und hat. mit der Extremität nichts weiter zu schaffen.
Nur bei der Otter scheint eine leise Andeutung des früheren Zustandes vorhanden zu
— 385 —
sein, denn bei ihr finde ich die äussere Oberfläche des Obliquus zwischen Symphyse und Spina
anter. sup. ilei nach aussen und hinten umgeschlagen und durch Bindegewebe an die Hülle des
oberen Endstücks des Sartorius, die Fascia iliaca und pectinea geheftet, (Taf. XV, ı4 ist der
Obliquus extern. zurückgeschlagen). Indem ich hier nur bemerke, dass ich diese Wahrnehmung
bei den andern Raubthieren etc. nicht zu machen Gelegenheit hatte, verweise auf die- nähere
Beschreibung dieses Muskels bei der Robbe pag. 375. — Was nun die übrigen Muskel-
hüllen betrifft, welche wir gleichfalls nur oberflächlich behandeln wollen, so genüge vor-
läufig Folgendes:
Bei allen hier in Betracht kommenden Raubthieren entspringt die Fascia lata gleich-
wie bei dem Menschen von der Crista ilei, von dem Kreuz- und Schwanzbein, von dem Ischium
und von dem Os pubis. Die Fase. läuft an der äusseren und inneren Seite des Ober- und
Unterschenkels abwärts, heftet sich als Fasc, cruralis an die Cristen der Tibia und Fibula
und endigt an den Knöcheln. An dem Oberschenkel ist sie gleichwie bei dem Menschen an
der lateralen Seite des Schenkels viel stärker als an der medianen. In der oberflächlichen und
tiefen Schichte dieser Fascien eingehüllt, und theils von den Knochen des Beckens, theils von
den ihnen zugekehrten Fascienflächen entspringend, zum Theil auch in ihr endigend, sehen wir
nun folgende Muskeln als Hüllen für die Unterextremität.
Auf der äusseren Seite finden wir den Tensor fasc. latae mit dem Glutaeus
maximus vereinigt von der Crista ilei, dem Kreuz- und Schwanzbein herkommend an der
ganzen Länge des Femur sich festsetzend, in der Faseie des Kniees sich verlieren (Taf. XVI,
Fig. 7, 2, 5). Hinter und unter jenem letzten liegt der Biceps femoris (Taf. XVI, Fig. 7, s
und Taf. XV, ı0), welcher von Kreuz- und s8itzbein kommend, in die Fascie des
Kniees und des Unterschenkels bis zu den Knöcheln sich ausbreitet. Dieser in breiter
dreieckiger Fläche, ähnlich der Flughaut der Vögel, sich zwischen Becken und Ferse
ausbreitende Muskel schliesst in scharfer Kante die Oberfläche des Beines nach aussen
und hinten ab. Ihm parallel verläuft nun auf der inneren Seite und durch eine Ein-
stülpung der Fasc. cruralis von ihm getrennt der Semitendinosus (Taf. XV, >), der gleich-
falls sich in die Kuöchel sowie in die Faseie an der Tibia verliert und so von innen und hinten
die scharfe hintere Gränze des Beines abschliesst und die Tendo Achillis einhüllt. Die Fascienhüllen
des Semitendinosus gehen nun in den von der Symphyse herabkommenden und in der oberen
Gränze der Tibia hinter der Spitze des Sartorius sich verlierenden Gracilis (Taf. XV, s) über.
Von diesem letzteren aber folgt der Schluss nach oben und innen an der Spina ant. sup. ilei
durch den Sartorius (Taf. XV, ı).
Abhandl. d. Senckenb. naturtf. Ges., Bd. IX. 49
— 386 —
Während alle diese am Becken entspringenden Muskeln bei allen Säugethieren das
Gemeinsame haben, dass sie in breiter Fläche in mehr oder weniger grosser Ausdehnung an
den Schenkelknochen sich ausbreiten, geben sie der ganzen Hinterextremität die dreieckige
hinten zwischen Sitzbein und Ferse in einen scharfen Rand auslaufende Gestalt, welche mit der
Streckung des Kniees unten sich vermehrt, gegen das Sitzbein aber stumpfer wird. Diese bei
fast allen Säugethieren stets sich wiederholende eigenthümliche Gestalt verschwindet bei den
Vierhändern mehr und mehr und macht an dem Bein des Menschen einer abgerundeten
Form Platz.
Es möge mir erlaubt sein, auch hier einige Bemerkungen über die in diesem Abschnitt
betrachteten Hüllenmuskeln anzureihen. Wie wir schon aus der Einleitung sahen, steigert
sich bei den Robben die Länge der Glieder der Unterextremität von dem Oberschenkel zum
Unterschenkel und von hier zum Fuss, bei den Raubthieren ist es anders. Die Länge der
Wirbelsäule zu 100 angenommen, gab bei einer Robbe der Oberschenkel 10,4%, der Unter-
schenkel 27,9%; bei einer Otter 22,0, 22,6°0; bei einem Fuchs 38,2, 38,30; bei einem Orang
58,1, 47,6%, und bei einem Neger 84, und 69,2%. Wir sehen also bei der Robbe den
Oberschenkel sehr klein dem Unterschenkel gegenüber, während bei der Otter und dem Fuchs
beide fast gleich, der Oberschenkel aber mehr als noch einmal so gross als bei der Robbe ist;
bei dem Orang und ganz besonders bei dem Menschen aber werden die Oberschenkel im Ver-
hältniss zum Unterschenkel sehr bedeutend grösser, aber auch die beiden Schenkelknochen
ungleich länger als bei den andern Thieren. Betrachten wir nun dagegen die Muskelhüllen,
welche zu diesen Knochen gehören, so zeigt sich uns dasselbe Verhältniss, wie wir es bei den
Vorderextremitäten zu beobachten Gelegenheit hatten. Es scheinen nämlich, und zwar noch in
höherem Grade als bei der Vorderextremität, mit dem Längerwerden der Knochen die Muskeln
mehr und mehr ihre Ansatzstelle dem Rumpf näher zu verlegen. So heftet sich z. B. der
Psoas maj. (oder Ilio-femoralis) bei der Robbe an die innere Seite des Condylus intern. femor.,
der Glutaeus max. heftet sich an den Condylus extern. Der Gracilis aber und der Semi-
tendinosus gehen bis herunter an die Knöchel. Während bei der Otter der erstgenannte Muskel
seine Stelle am Trochanter minor einnimmt, steigt der Glutaeus fleischig am Schenkel abwärts,
der Graeilis aber zieht sich mit seinen Fleischfasern wenigstens an die obere Seite der Tibia
und der Semitendinosus begibt sich in deren Mitte. Die Fleischfasern des Biceps jedoch
— 3897 0 —
laufen wie bei der Robbe nach abwärts zu der Ferse. Im Ganzen bleibt es ebenso bei den
Katzenarten, bei Hunden und der Hyäne. Doch verliert hier der Biceps früher sein Muskel-
fleisch. Wie es aber mit dem Obliquus externus ist und wie sich Sart. und Tensor fasc. zu
ihm verhält, das haben wir schon vorher erwähnt,
Versuchen wir einige Messungen an den Muskeln, welche sowohl an der medianen als
auch an der lateralen Seite des Schenkels den tiefsten Ansatz zeigen. Es sind dieses innen
der. Semitendinosus und aussen der Biceps. Suchen wir die Ansatzstelle des Biceps an der
Länge der Fibula in Procenten zu bestimmen, so zeigt die Phoca vitul. 100°, denn der Muskel
steigt fleischig bis zum Knöchel. Ebenso ist es bei der Otter. Beim Fuchs und der wilden
Katze erhalten wir für den fleischigen Ansatz 44%. Die Sehne aber verläuft bis zur Ferse.
Bei zwei Inuus cynomolgus finde ich 20% für den fleischigen Muskelansatz; auch hier läuft
die sehnige Ausbreitung noch weiter. Beim Chimpanse geht das Muskelfleisch zum Köpfchen
der Fibula. Beim Menschen aber geht die Schne an die Fibula, der fleischige Theil endet
aber noch im Bereich ‘des Oberschenkels. — Ebenso ist es mit dem Semitendinosus;
die Robbe zeigt 100%, die Otter 55°, die Hyäne 27°, der Fuchs und die Katze 25%,, die
vier Affen freilich ec. 40%. Bei dem Menschen aber, bei welchem das Muskelfleisch schon am
Oberschenkel endet, finden wir die Sehne 15° an der 'Tibia herabsteigen.
Ich konnte mir nicht versagen, hier eine kleine Tabelle anzubringen, die, wenn meine
Messungen Vertrauen verdienen und sich noch weiter bestätigt finden, zur Freude der denken-
den Physiologen den Satz: »die Ontagenie ist eine Recapitulation der Phylogenie«
unterstützen würden. Leider sind nur Messungen an den Embryonen wohl nicht hinreichend
Scharf zu bestimmen,
Länge der Ansatz des
Tibia. Semitendinosus,
MET RER REN 7 mm. 23%
> euer, BD$ 8» 22 %/0
> Re bei a 25 0
Neugeborenero.. . 85» 18 > 22 00
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» AR EHE ODAN 50 >» 170
> 3n02,8894% 60,» 17%
Dass nun mit der verschiedenen Länge der Knochen und mit dem höheren oder tieferen
Ansatz der Muskeln sich nicht blos die Form, sondern auch die Function ändern muss, ist
einleuchtend.
— 388 —
Eine Phoca, welche gerade ebeu präparirt wird, zeigt bei unverletztem Obliquus extern.
abdominis die Knochen des Ober- und Unterschenkels in einem kaum rechten Winkel liegen.
Versuchen wir nun aber eine Streckung des Kniees, so erreichen wir kaum mehr als einen
Rechten.
Die Horizontalprojeetion dieser auf dem Rücken liegenden Robbe zeigt den durch Ver-
längerung der Femuraxe gegen die Mediane entstehenden Winkel unter 80°, während die Zutra
in gleicher Lage projieirt 150° hat. Ebenso kann man bei der Zutra die Knie der adducirten
Schenkel zur gegenseitigen Berührung bringen. Bei der Robbe ist dieses wegen der Kürze
der Femuren nicht möglich.
Prüfen wir in dieser Hinsicht verschiedene Thiere und blicken wir dabei auf die mensch-
liche Extremität, so finden wir die Streckung immer mehr vermehrt. Bei der Robbe haben
wir das Knie bis zu 90° gestreckt, bei Lutra gibt es 100°, bei Felis Iyn& und Herpestes, Felis
catus und Canis vulpes 120—130°. Bei dem jungen Orang 128 und dem Chimpanse 125°.
Streckt sich aber das menschliche Bein, so fehlt nicht viel an 180°.
Wenn wir aus vorstehender Zusammenstellung die Ansicht gewinnen, dass der Ansatz der
Muskeln es ist, der die Stellung des Unterschenkels zum Oberschenkel oder die grössere oder
geringere Streckung des Kniees bedingt, so ist diese jedoch nicht der einzige Grund, sondern
auch die Bildung der Knochen an ihren Gelenkenden ist noch von besonderer Be-
deutung. Schen wir auch diese noch einmal genauer an,
Wenn man die untere Gelenkfläche des Femur bei einem Löwen, Dachs, Wolf etc. be-
trachtet, so sieht man, dass die bedeutend über die Epiphyse hervortretende gleichmässig
scharf gekehlte, sagittal verlaufende Ineisura patellaris mit zwei scharfkantigen Rändern bis
zur Incisura poplitea geht, Jene scharfen Ränder verschwinden erst‘ da, wo die rollenartigen
Condylen beginnen. Erst mit der Endigung jener scharfen Ränder und dem Beginn der
Condylen beginnt aber auch erst die Gelenkfläche für den Femur und Tibia. Vorher hatte
nur die Patella mit dem Femur ihren Verkehr. Die Gelenkflächen der Tibia, zwei frontal
vertiefte, sagittal aber flach gewölbte und nach hinten geneigte Teller nehmen nur die beiden
sagittal stehenden Rollen des Femur auf. Die zwischen beiden Tellern liegende Eminentia ist
durch eine grosse Fossa intercondyloidea anter. von der Tuberositas Tibiae, dem Anfangstheil
der Crista Tibiae getrennt, wodurch diese weit vor die tellerförmigen Gruben der Tibia zu
liegen kommen. So ist es mehr oder weniger bei allen Raubthieren.
Schon anders ist es bei dem erwachsenen Orang. Hier sind jene Ränder an der Ineisura
patellaris sehr stumpf und letztere ist weit und flach, lateral nach oben ausgezogen. Die
210 DE u
Ineisura poplitea ist weit weniger vertieft und die Gelenkrollen weniger gross und nach hinten
tretend. Zwischen den schwachen Rändern und den Rollen findet sich nur ein sehr kurzer
ebener Raum. Auch hier liegen die Gelenkflächen der Tibia etwas nach hinten schnieben-
förmig ausgezogen und namentlich die mediane ist etwas sagittal gewölbt.
Ganz anders ist es bei der menschlichen Tibia. Hier bilden die Gelenkflächen und
namentlich die mediane, tellerförmige Gruben, welche mitten über der Diaphyse stehen, der
Femur aber hat vor den Gelenkrollen, und hinter der Ineisura patellae zwei mehr ebene
grosse Flächen, welche den Namen Superficies tibiales verdienen. Sie sind die Stellen,
auf welchen sich Femur und Tibia beim aufrechten Stehen begeenen. Bei den Raubthieren
fehlen diese Flächen ganz und hier artieuliren nur die Rollen des Femur
auf den flachen Gruben der Tibia. Hier ist eine senkrechte Stellung des Femur zur
Tibia unmöglich. Die scharfen Ränder der Ineisura Patellae würden ausserdem die Semilunar-
knorpel verletzen. — Die Verhältnisse bei dem Orang zeigen nach diesem mehr eine bedeutende
Annäherung an den Menschen, ermöglichen aber immer noch keine vollkommene Streckung des
Beines. So sehen wir also auch von Seiten der Knochen ein Hinderniss für eine grössere
Streckung des Kniegelenks bei den Säugethieren.
Diese Bildungsverhältnisse der Knochen wirken nun aber auch wieder auf die Gestalt
und die Form der Muskeln zurück. Für den Menschen würden die mit breiter Fläche an der
Länge des Unterschenkels sich ausbreitenden Muskeln der Säugethiere eine Unmöglichkeit
Sein. Hier können die Sehnen nur schmale, runde Ansätze an dem Unterschenkel erhalten.
Damit der Muskel aber nicht an Kraft verliere, müssen seine Fasern, da sie nicht in der Fläche
neben einander liegen können, sich za runden Muskelkörpern verbinden. In Verbindung mit
der senkrechten Stellung der Röhrenknochen steht aber auch eine Verschiebung der Sehnen.
Der Gracilis, Semitendinosus, sowie der Sartorius muss beim aufrechten Stehen hinter den
Starken Condylus internus femoris des Menschen gedrängt werden.
Und so sehen wir denn bei dem Menschen jene drei Muskeln mit runden Sehnen den
Condylus internus femoris und die Epiphyse der Tibia, um den Ansatz an der Crista Tibiae
zu erhalten, in gewundenem Verlaufe umgehen. Bei den Thieren wirkten sie früher als
Rotatoren und Flexoren des Kniegelenkes, hier bei dem Menschen bleibt ihnen erstere Function
bei vorhandener Beugung des Kniees bei, allein sie haben jetzt die wichtigere Aufgabe, beim
Gehen, sowie beim Stehen die Lage des Beckens über den Beinen als vordere und hintere
Ankerstricke schwebend zu erhalten und das Lig. ileo-femorale, dessen Bedeutung uns H. Meyer
zuerst gezeigt hat, sowie verschiedene Gangarten zu unterstützen. Auch der Biceps hat sich
— 3% —
seinen wichtigsten Angriffspunkt bei dem Menschen bewahrt. Er zog sich an der Fibula herauf
und befestigte sich mit um so stärkerer Sehne an deren Köpfchen.
Sollten aber jene Muskeln durch diesen ihren veränderten Ansatz bei dem Menschen
gegenüber dem Ansatz bei den Thieren nicht Einbusse nach anderer Richtung erlitten haben ?
Allerdings ist dieses der Fall. Die Winkelstellung des Kniees begünstigt die Angriffspunkte
der Muskeln. Sie werden durch diese in Stand gesetzt, in günstigerer Richtung in weniger
spitzen, ja fast rechten Winkeln die Knochen anzugreifen. Schon die stärker hervortretende
Tuberositas tibiae veranlasst günstigere Ansatzstellen für den Quatriceps der Raubthiere und
dadurch günstigere Kraftmomente für den Sprung und den Lauf.
Durch den breiten Ansatz dieser flachen Muskeln längs dem Unterschenkel bis zur Ferse
wird (selbst noch beim Chimpanse setzt sich namentlich der kurze Kopf des Biceps in breiter
flacher Sehne längs dem Unterschenkel an) bei den Säugethieren jene hintere scharfe Kante
und dreieckige Seitenfläche des Beines gebildet, welche erst durch die Länge und Stellung: des
Oberschenkels beim Menschen vollkommen verschwindet. Sie lässt hier die Wadenmuskeln
frei zur Erscheinung kommen und ermöglicht den dem Menschen allein zukommenden auf-
rechten Gang, während selbst die höchsten Affen nur eine gebogene Kniestellung behalten.
Vorstehende Untersuchungen lassen sich wohl in Folgendem zusammenfassen:
1. Die den Körper der Phoke umhüllenden Muskelschichten finden sich.bei einer weiteren
Entwickelung des Skelettes der höheren Thiere mehr und mehr. zerklüftet und in
einzelne Gruppen zerlegt.
9. Mit der weiteren Entwickelung und Entfaltung der Extremitäten und ihrer Gürtel
ziehen sich die Muskelhüllen (weder phylogenetisch noch ontogenetisch
sei es gesagt, sondern nur bildlich!) mehr und mehr von den terminalen
Enden gegen den Rumpf zurück und gestatten den bisher von ihnen verhüllten
Muskellagen einen freien Durchtritt zur Oberfläche.
3, Dieser Vorgang zeigt sich zwischen Robbe und Otter und den anderen Raubthieren
schon sehr auffallend, tritt aber in noch bei weitem grösserer Entfaltung bei den Vier-
händern zu Tage und zeigt sich in noch weit erhöhterem Grade bei dem Menschen.
III, Muskeln zwischen Rumpf und Schulter,
Phoca vitulina.
Von den oben betrachteten Muskelhüllen waren es gerade die grössten und am weitesten
am Rumpf verbreiteten, welche. wir an die Vorderextremität angeheftet sahen. Durch diesen
&
N
= 391, =
ihren Ansatz an der Vorderextremität zeigten sie sich besonders geeignet, nicht blos die Extremi-
tät an den Rumpf zu befestigen, sondern durch das Uebergreifen des Cucullaris bis zum Brust-
bein einen noch sehr mangelhaften Schultergürtel zu ersetzen. Eine Wiederholung jener Mus-
keln sowohl in Hinsicht der Befestigung an den Rumpf, als auch hinsichtlich einer detaillirteren
Function, finden wir nach Entfernung jener in den Muskeln, welche von dem Rumpf zu der
Schulter gehen.
Wenn der Cucullaris entfernt ist, so erscheinen zunächst zwei dünne flache Muskeln,
welche dem Hinterhauptsbein an der Mittellinie des Nackens und den Dornfortsätzen der Brust
sich anheften, und nur durch eine schmale Bindegewebslage (Nackenband) von ihren Gegnern
der anderen Körperhälfte getrennt, zu dem Schulterblatt herabsteigen. Der vorderste dieser
Muskeln ist der Rhomboideus oceipitalis, der hintere der Rhomboideus cervicis.
Rhomboideus capitis (Taf. IV. Fig. 1au.b und Taf. Va). Ursprung: an dem
mittleren Theil der Linea semic. oceipitis und vom Nackenband. Ansatz: an die innere obere
Fläche der Scapula. Er ist ein langer schmaler Muskel, der an dem Nackenband eine Continui-
tät mit dem folgenden bildet und an der Scapula unmittelbar unter demselben sich ansetzt.
(Dieser und der folgende haben am Nackenband eigentlich keine sichtbare Trennung und
dürften daher wohl trotz dem Ansatz an der Schulter als Ein Muskel zu betrachten sein.)
Rhomboid:us cervicis (Taf. IV. 6). Ursprung: Nackenband. Ansatz: an die innere
obere Randfläche der Schulter. Er ist ein breiter flacher Muskel, welcher am Nackenband
unmittelbar hinter dem vorigen angeheftet ist und an der Scapula seinen Ansatz über und
neben jenem hat.
Rhomboideus dorsi (Taf. IV. Fig. 1c. Taf. Ve). Ursprung: die Dornfortsätze
der vier vorderen Brustwirbel. Ansatz: fleischig am hinteren Rand des hinteren oberen Win-
kels der Scapula. Er ist ein flacher Muskel, der an seinem vorderen Ursprung von dem
vorhergehenden Muskel, an seinem hintersten aber vom Latissimus bedeckt wird. Seine Ansatz-
stelle wird von den Fasern des Serratus nach unten kreisförmig umgeben.
Levator anguli scap ulae (Taf. IV. Fig. 1:. Fig. 2e Taf. Vg.). Ein langer schmaler
Muskel. Entspringt vom Querfortsatz des Atlas und heftet sich an den oberen vorderen
Rand der Fossa supraspinata und zwar sowohl auf der medialen als auch lateralen Seite. Ich
möchte diesen Muskel als vorderen Theil des Serratus ansehen.
M. Serratus anticus major (Taf. V f). Entspringt von dem Proc. transversus
des 3. bis 7. Halswirbels und von der äusseren Fläche der 10 vorderen Rippen und setzt sich
an den hinteren Rand und die innere Fläche des Schulterblattes. Die von den hinteren
— 3a
Rippen kommenden Muskelfasern setzen sich an den oberen Rand der Scapula (entspricht dem
Rand der Fossa infraspinata), die von den vorderen Rippen kommenden an den Rand des
sichelförmigen Schulterblattwinkels, und von da nach vorn an der medianen Seite der Schulter ;
die von den Halswirbeln kommenden Muskelfasern aber setzen sich innen an den hinteren Rand
der Fossa supraspinata. So bildet also die Ansatzstelle dieses Muskels, indem sie von dem
oberen Rand bis zum Winkel herabsteigt und von hier um den unteren Schenkel des Winkels
auf der inneren Fläche nach vorn geht, einen Bogen, welcher die Ansatzstellen des Rhomboideus
umkreist. Die hinteren an den oberen Schenkelrand des Winkels sich anheftenden Fasern
schlagen sich um und wenden (an ihrem Schulterblattansatz) ihre mediane Seite lateral, was
bei den ‘anderen, von den vorderen Rippen und Halswirbeln kommenden Muskelfasern nicht
der Fall ist.
Hier am Schlusse muss ich jedoch noch einen Muskel erwähnen, der zwar nicht zwischen
Wirbelsäule und Schulterblatt, aber zwischen Wirbelsäule und Oberarın vorkommt. Es ist
dieser der
Musculus atlanto-humeralis (Taf. IV. Fig. 1%), ein langer schmaler Muskel,
welcher vom Querfortsatz des Atlas entspringt und sich an das Tubereulum majus des Ober-
arms anheftet.
Vergleichung,
Lutra.
Die Rumpfschulter-Muskeln der Zutra zeigen uns sogleich eine Verschiedenheit von der
Robbe. Diese bildet der selbständig entwickelte Musc. eleido-mastoideus (Taf. XI und
XI. 8). Dieser liegt unter dem Cueullaris und Sterno-mastoideus. Er entspringt von dem
Proc. mastoideus und geht als langer schmaler Muskel an die innere Seite des Cucullaris und
verwebt sich an der Stelle der Clavicula (Taf. XII. 6 und 11) mit den Fasern dieses Muskels,
welche zum Oberarm (Deltoid. clavicularis) treten (Taf. XII. 8 und 12):
Rhomboideus capitis, cervieis et dorsi (Taf. XIL 3 und 4). Der R. capitis ist ein
langer schmaler Muskel, welcher von dem Seitentheile der Crista oceipitis zum oberen Rande
des Schulterblattes geht und, mit dem folgenden verbunden, an die Stelle, an welcher die
Crista scapulae endigt, sich anheftet. — Der R. cerv. und dorsi entspringt nicht von einem
sogen. Nackenband, wie bei der Phoca, sondern vom dritten Dornfortsatz des Halses bis zum
dritten Dornfortsatz des Rückens.
Levator anguli scapulae (Taf. XII, Fig. 6). Wie bei der Robbe vom Querfortsatz
des Atlas in der Fossa supraspinata an den oberen Theil der Crista,
Levator scapulae (Taf. XIT. Fig. 7) fehlt der Robbe. Seine Stelle scheint bei dieser der
Atlanto-humeralis einzunehmen. Cuvier hält diesen Muskel für den vorgerückten Heber
des Schulterblattwinkels. Meckel hält ihn, nach der Otter zu urtheilen, für einen Theil des
Cueullaris, Er kommt gleichfalls vom Querfortsatz des Atlas und heftet sich an die Crista
scapulae nahe ihrem unteren Ende.
Serratus anticus magnus (Taf. XIL Fig. 5undXIIL Fig.23). Entspringt vondem Querfort-
satz des 3, bis 7. Halswirbels und der Aussenfläche der 7 vorderen Rippen und befestigt sich
an den oberen Rand des Schulterblattes median vom Rhomboideus. Auch setzen sich die
hinteren Zacken an die laterale :Seite des Angulus scapulae, alle anderen aber an die me-
diane Seite des oberen Randes. — Am Halse liegen seine Zacken zwischen dem Scalenus und
den Zacken des Longissimus dorsi — an der Brust aber median vom Scalenus und Oblig.
externus abdominis.
Die soeben bei Phoca und Zatra im Einzelnen betrachteten Muskeln überzeugen uns, dass
die hier vorkommenden Verschiedenheiten sehr unwesentlich sind. Schon mehr jedoch zeigen
sich diese zwischen Lutra und anderen Raubthieren.
Delphinus phocaena.
Ehe wir jedoch zu den Raubthieren übergehen, mögen hier noch die bei Delphinus
phocaena sich findenden Rumpf-Schulter-Muskeln erwähnt sein. — Der Rhomboideus lässt
sich hier nicht trennen in einen R. capatis, cervicis und dorsi. Er entspringt als dünner
schmächtiger Muskel von den Dornen der vorderen Rückenwirbel, ist eine Strecke weit sehnig,
wird dann erst fleischig und geht an den Schulterrand. -— Levator anguli scapulae ist
kurz und dick und liegt zwischen Proc. transversus Atlantis und der Fossa supraspinata.
_ Einen Levator scapulae dagegen finde ich nicht. — Statt einen Musc. Atlanto-humeralis der
tobbe finde ich hier einen Gephalo-humeralis (Murie), welcher lateral vom Sterno-mastoideus
am hinteren Theil des Arcus zygomaticus entspringt und an das Tubereulum des Oberarmes
sich anheftet. — Endlich ist M. Serratus anticus magnus zu erwähnen, welcher von der
äusseren Fläche der 5 vorderen Rippen entspringt (namentlich die von der hintersten Rippe
entspringende Zacke ist sehr stark und tritt unter dem Latissimus dorsi hervor) und sich an
die mediane Seite und den Knorpel der Scapula ansetzt.
Raubthiere etc.
Der Muse. Rhomboideus capitis (von Gurlt Levat. anguli scapulae bezeichnet) fehlt
bei der Hyäne, findet sich aber bei der wilden Katze, beim Luchs, Fuchs und bei Inuns eyno-
Abhandl. d. Senekenb, naturf. Ges. Bd. IX. 50
molgus, ganz wie bei der Robbe und der Otter. Dagegen fehlt der Atlanto-Humeralis der
Robbe bei allen diesen Thieren. — Der Levator scapulae der Otter (also zwischen Atlas
und Spina scapulae in der Nähe des Acromion) findet sich bei den Katzenarten, dem Fuchs,
der Hyaena striata und bei Inuus cynomolgus. Er fehlt dem Menschen. — Der Levator
anguli scapulae fehlt den Hunden und der Hyäne, findet sich aber bei Felis catus, Lynx,
sowie bei /nuus und dem Menschen. — Den Cleido-mastoideus finde ich von der Otter
an bei allen Thieren an der rudimentären Clavicula mit dem Cucullaris und dem Deltoideus
clavicularis verwachsen. Bei dem Löwen und der wilden Katze und der Fischotter sind
Sterno- und Cleido-mastoid. an ihrem Ansatz am Proc. mastoid. mit einander verbunden.
Bei Immus eynomolgus ist der Sterno-Cleido-mastoideus vollkommen ausgebildet, und besonders
ausgebreitet an der Clavicula, ist aber durch diese von dem Deltoideus getrennt. — Der
Serratus antic. hatte bei der Phoca seinen Ansatz vom 3. Halswirbel bis zur 10. Rippe,
bei der Zutra bis zur 7. Rippe, ebenso bei der Hyäne; bei dem Fuchs setzt er sich schon
am 2. Halswirbel an und bei Zehs Iyn« vom 3. Halswirbel bis zur 8. Rippe. Ganz anders
ist es bei /mwus. Hier geht er nur, wie bei dem Menschen, an die ersten 9 Rippen und
hat mit den Halswirbeln gar nichts zu schaffen. Sollte nicht vielleicht sein vorderer Theil
durch den Levator anguli scapulae, welcher bei den Vierhändern, wie bei dem Menschen, an
die Querfortsätze (transversi nicht costarii) geht, ersetzt werden ?
Thätigkeit der Muskeln,
Die Thätigkeit dieser Muskeln betreffend, dürfte wohl Folgendes zu bemerken sein.
Die im vorhergehenden Abschnitt erwähnten Muskeln: Cucullaris, Peetoralis und Latissi-
mus umhüllten einen grossen Theil der Vorderextremität, befestigten sie an den Rumpf und
setzten sie in Bewegung. Die hier besprochenen Muskeln haben eine gleiche Function, wiewohl
auf einen kleineren Raum beschränkt. Sie haben es nur mit der Schulter und nicht mit der
Extremität zu thun; sie arbeiten mehr im Detail und sind Wiederholungsmuskeln, wie sie
H. Meyer nennt, für die Schulter. Namentlich sind es die Rhomboidei und die Levatores
scapulae, welche eine Wiederholung für den Cucullaris abgeben, indem sie neben dem Andrücken
der Schulter an den Rumpf, letztere auch nach hinten, oben und vorn verschieben. Als ein
Antagonist dieser ist der Serratus anzusehen, der freilich auch nach hinten, sowie nach vorn,
aber auch nach unten das Schulterblatt verschiebt, Durch den Ansatz seiner vom Hals
kommenden Muskelfasern dreht er das Schulterblatt aber auch, an dessen hinterem Winkel,
nach unten und vorn.
Haben nun diese Muskeln bei den im Wasser lebenden Thieren nur die Aufgabe, die
Extremität am Rumpf zu befestigen und zu bewegen, so ist ihre Aufgabe für die auf dem Land
sich aufhaltenden Thiere eine weit schwierigere. Hier müssen sie umgekehrt den Rumpf an
die beim Stehen und Gehen stützenden Extremitäten befestigen und schwebend erhalten. Von
oben fasst der Cucullaris, gleich einer Spange, die beiden Schulterblätter aussen an ihrer Spina
und hilft den Raubthieren den Rumpf auf den Schulterblättern schwebend tragen. Aehnlich
die. Rhomboidei. Von unten her aber fassen die Zacken des Serratus und tragen (gleich
einer Hängematte) den Rumpf ‚gleichfalls und schützen ihn bei rascheren Bewegungen vor Stoss
und Druck. Hier kommt dem Serratus eine schwierigere Aufgabe als dem Cucullaris ete. zu.
Gehen wir nun aber zu dem Menschen, so ist dem Serratus die Aufgabe wieder erleichtert.
Hier hat dagegen der Cucullaris und der Levator angul. scapulae etc. die Last des ganzen
Schultergürtels und seiner Extremitäten zu tragen. Es ist denn auch hier der Nackentheil
des Cucullaris weit stärker als der Rückentheil.
Nicht ohne Interesse ist es daher, die Gewichtsverhältnisse dieser Muskeln zu vergleichen.
Mittel Mittel CH Mittel aus
aus aus v Kr 2 Inuus Mann
2 Robben | 2 Ottern wpes \oynomolgus
Bhombordensisn war DI Sit: .n ei Dr 29, ö 20 18 83
OD EUGRISS 1 R e e 80 23 20 16 347
Summa . . 109 28 40 24 430
Levator angul. 'scapul.. » » Ten 0 1,6 6 8 AT
SEITAHHORNER INNE en ee ee at 40 11,6 34 15 276
Summa . . 47 13,8 40 18 323
Dividiren wir die untere Summe in die obere, so erhalten wir für die Robben den
Quotienten 2,3, für die Ottern 2,1, für den Fuchs 0, für die Meerkatzen 1,33 und für
den Mann 1,33. Wir finden daher den Serratus im Verhältniss zum Cueullaris etc. am leich-
testen bei den Robben, dann Ottern, am schwersten bei dem Fuchs. Bei den Affen und
dem Menschen aber wird der Serratus wieder schwächer und zwar um so .-mehr, als nun
hier der Levator scapulae sich nicht mehr dem Serratus, sondern dem Cucullaris in seiner
Wirkung zugesellt.
IV. Rumpfmuskeln,
Wir werden nun in dem Folgenden zuerst die spinalen Muskeln an der oberen und unteren
Seite der Wirbelsäule, nebst ihren Fortsetzen nach Kopf und Schwanz betrachten. Alsdann
gehen wir zu den visceralen Muskeln der Rumpfwand über,
Spinale Muskeln.
a) Muskeln an der oberen Seite der Wirbelsäule.
Eine mächtige Scheidewand für die tiefen Rückenmuskeln und die darüber liegenden
höheren Rumpf-Schulter-Muskeln bildet an der grösseren Hälfte des Rumpfes die Fascia lumbo-
dorsalis, welche vom Schwanz aus über das Kreuzbein, die Lenden und einen grossen Theil
des Rückens nach vorn schreitet und dann nach und nach dünner wird, ihre Fortsätze nach
der Tiefe verliert und vornhin verschwindet. — Ueber der Fascie und den grossen Extensoren
des Rückens und unter dem Rhomboideus begegnen wir zuerst noch einem dünnen platten
Muskel, dem
| Musc, serratus post. Dieser entspringt sehnig von den Dornfortsätzen des 2. bis
5. Rückenwirbels und setzt sich an den vorderen Rand der 7. bis 10. Rippe, gerade an der
Stelle, wo die Fascia lumbo-dorsalis endet. Seine Wirkung scheint weniger auf die Rippen,
als vielmehr (spannend) auf die unter ihm liegenden Muskeln gerichtet.
Fascia lumbo-dorsalis. Diese Fascia hat bei dem Seehund an dem Schwanze ihren
Ursprung. An der Spitze dieses beginnend, heftet sich die Faserlage an die Querfortsätze
der falschen Wirbel. Indem sie nach vornen zu den wahren Wirbeln übertritt, findet man sie
an den Quer- und Dornfortsätzen und an den Gelenkfortsätzen angeheftet. So zeigen sich
jederseits zwei Muskelräume von ihr umschlossen: 1. Der Raum zwischen den Quer- und
Gelenkfortsätzen und 2. zwischen den Gelenkfortsätzen und Dornen. Da nach vornen die
Entfernungen zwischen Dorn- und Gelenkfortsätzen immer grösser und weiter werden, so ver-
grössern sich auch die Räume der Fasc. lumbo-dorsalis auf dem Rücken des Kreuzbeines.
- Die Fascia, welche bisher an den Querfortsätzen der Schwanz- und Kreuzbeinwirbel angeheftet
war, tritt jetzt an die Spina Ilei post. sup.; die Anheftung an den Proc. oblig. geht über
auf die gleichen Fortsätze der Lenden, und die Anheftung der Fascia an den Dornen des
Kreuzbeines setzt sich auf die Dornen der Lendenwirbel fort.
a
Wenn wir nun diese Fascia lumbo-dorsalis auf dem Schwanze der ganzen Länge nach
zwischen den Dorn- und Schrägenfortsätzen öffnen, so überzeugen wir uns, wie von ihrer Innen-
fläche theils sehnige, teils fleischige Muskelfasern entspringen und, vorwärtsschreitend, median-
wärts schräg gegen die Dornfortsätze und deren Bogen sich anheften. Indem nun der Raum
weiter wird, so sehen wir auch die Muskelfasern vermehrt und läuger werdend über das Kreuz-
bein hinaus auf dem Lendenwirbel fortlaufen. In diesen Muskelfasern erkennen wir nach hinten
den Heber des Schwanzes und nach vorn den hinteren Anfang des Multifidus
spinae.
:
Oefinen wir nun die zweite Hülle zwischen den Proc. obliquis und transversis, so sehen
wir auch hier von der Innenfläche der Fascia und den Knochentheilen theils sehnig, theils
fleischig, Muskelfasern entspringen, deren innere Partie gegen den Proc. oblig. laufen, deren
mittlere gerade nach vorn durch die Fossa sacro-iliaca in die Lenden sich fortsetzen und deren
äussere Abtheilung an das Ieum hinter der Spina ilei post. sup. sich anheften.
Aber auch an der lateralen Aussenseite dieser Fascia sieht man Muskelfasern entspringen,
welche sich nach hinten gegen die Schwanzwirbel wenden. Erkennt man in den letzteren den
Seitwärtszieher des Schwanzes, so bilden die über die Fossa ilio-sacralis tretenden
Fasern den Anfang des Longissimus dorsi.
Diese zwei auf dem Kreuz- und Schwanzbein erwähnten Sehnenhüllen finden sich also
auch über die Lenden fortgesetzt. Doch ist hier folgende Veränderung vorgegangen. Von
dem Dornfortsatz des letzten Lendenwirbels begibt sich die Fascia auf die Spina ilei post.
und anter.; von den folgenden Lendenwirbeln geht sie aber von dem Proc. spin. auf den
Proc. transversus (costarius), und von der Spina des ersten Lendenwirbels begibt sie sich an
das äussere Ende der letzten Rippe. Dieser also vorn und hinten weitere, in der Mitte aber
schmälere Raum wird gleichfalls wieder durch eine an die vorderen (äusseren) Proc. oblig.
der Lendenwirbel sich anheftende Scheide in zwei Abtheilungen gebracht, in deren medianen
der Multifidus spinae, in deren lateralen der gemeinsame Körper des (Sacro-lum-
balis) Ilio-costalis und Longissimus dorsi liegt.
Doch auch diese laterale Abtheilung zeigt in ihrem Innern eine Scheidewand, welche
freilich mit der Fascia lumbo-dorsalis nicht einen vollkommenen Raum abschliesst, wie es bei
der medianen Abtheilung der Fall ist. Diese Scheidewand besteht in einer starken, sehnenartigen
Faserlage, welche von der Spina ilei post. sup. entspringt und im Innern der Fleischmasse
parallel der Wirbelsäule ein Stück weiter gegen die letzte Rippe läuft und dann verschwindet.
eg
Auch diese Scheidewand ist die Ansatzstelle vieler nach vorn verlaufenden Muskelfasern
welche den gemeinsamen Körper des Sacro-lumbalis bilden helfen.
Können wir daher in der Lendengegend statt der vorhergehenden zwei nun drei Abthei-
| » Jungen annehmen, so verschwinden mit dem weiteren Verlaufe der Fascia lumbo-dorsalis auch
die Rückenwirbel und die Rippen, und mit dem frontalen Umlegen der vorher sagittal gestellten
Gelenkfortsätze die vorher so deutlich ausgesprochenen scheidenartigen Fortsätze. Die Fascie
breitet sich jetzt als einfache Decke über die Dorn- und Querfortsätze aus, ‘wird immer
schwächer und verschwindet endlich nach vorn in der Gegend des 10. Wirbels ganz. - Nichts-
destoweniger finden wir von der Innenfläche dieser Faseie, sowie von ihrem vorderen Ende
median und lateral nach vorn ausstrahlende Muskelfasern.
Multifidus (Taf. VII, fig. 1, d). Betrachten wir zunächst die in dem median ver-
laufenden Scheidenraum eingeschlossenen Muskelfasern des Multifidus. In der Lendengegend
liegen diese zwischen den Dorn- und Gelenkfortsätzen, in der vorderen Rückengegend aber,
wo die Gelenkfortsätze eine frontale Richtung angenommen haben, zwischen den Dorn- und
Querfortsätzen, in der Halsgegend dagegen wieder zwischen den Dorn- und Gelenkfortsätzen.
In der Lendengegend kommen die Muskelfasern von der hinteren Fläche des Kreuzbeines,
von der sie deckenden Faserhülle, ganz besonders aber von der den Gelenkfortsätzen anliegenden
Wand derselben. Die Muskelfasern laufen steil vorwärts und heften sich, mehrere Wirbel
überspringend, an die Dornfortsätze. — In der vorderen Rückengegend entspringen sie
gemeinsam mit den Fasern des Longissimus von der Innenfläche, sowie aus dem vorderen Ende
der Fascia lumbo-dorsalis und verfolgen die gleiche Richtung. Oberflächlich gelagert, entfernen
sie sich immer mehr von den neben ihnen lateral verlaufenden Fasern des Longissimus, wenden
sich steil nach vorn und innen gegen die Dornen und heften sich mit langen Sehnen an die
Proc. spinosi der fünf letzten Halswirbel (Spinalis dorsi und cervicis), In der Tiefe, unter
ihnen laufen nun aber Muskelfasern in kurzen abgesonderten Bündeln von den Querfortsätzen
zu den nächsten Dornen. Eben so ist es in der Lendengegend. Auch hier sieht man
gleichfalls unter den steil von hinten nach vorn lateral-medianwärts verlaufenden Fasern
deutlich abgesonderte Bündel, welche von den Gelenkfortsätzen zum Wirbelbogen des vorher-
gehenden Wirbels, von Gelenkfortsatz zum Gelenkfortsatz des nächsten, sowie von Dornfortsatz
zu Dornfortsatz verlaufen. Ebenso gruppiren sich in der Dorsalgegend von Wirbel zu Wirbel
die tiefen Schichten. Durch den breiteren Raum zwischen Proc. transversus und Spinosus
laufen die schrägen Muskelfasern hier mehr in querer Richtung. — Kommen wir nun in die
Halsgegend, so treten, wie in den Lendenwirbeln, die schrägen Fasern noch stärker
u nn
getrennt hervor. Sie überspringen einen oder auch mehrere Wirbel. Auch hier sind Fasern
von Dorn zu Dorn, von Gelenkfortsatz zu Gelenkfortsatz gehend. Letztere entspringen von dem
Gelenkfortsatz des 6. bis 3. Wirbels und heften sich an den Gelenkfortsatz des Epistrophaeus.
Sacro-lumbalis. Die den beiden Muskeln Ileo-costalis und Longissimus dorsi gemeinsame
Muskelmasse, welche den Namen sacro-lumbalis führt, erhält ihre Fasern von der hintern
Fläche des Kreuzbeines zwischen den Quer- und Schrägenfortsätzen, welche durch die Fossa sacro-
iliaca herauftreten, ferner von der dorsalen und medianen Innenfläche der lateralen Abtheilung
der Fascia lumbo-dorsalis, von der unteren und vorderen Fläche des Ileums und von der schon
vorhin erwähnten im Innern des Muskelfleisches verlaufenden sehnigen
Faserlage. Die an diesen Theilen entspringenden Muskelfasern laufen einestheils nach innen
zu den Gelenkfortsätzen der Lendenwirbel, theils nach unten zu den Querfortsätzen (Proc. costarii)
und den dorsalen Flächen der Rippen. In der Gegend der letzten Rippe ist die erste deutliche
Abzweigung in zwei Muskelkörper äusserlich sichtbar.
M. Ileo-costalis (Taf. VII, Fig. 1u.2 d) breitet sich lateral von den Angulis costarum
über die Seitentheile der Rippen aus. Während er an jeder Rippe median einen Fleischzipfel
erhält und lateral eine (vorn sehnige, hinten an den letzten Rippen fleischige) Zacke abgibt, wird
er immer dünner und endigt zuletzt am Proc. transversus des letzten Halswirbels. Verfolgt.
man die Muskelfasern in der Tiefe, so sieht man, wie die median in den Muskel hereintretenden
Muskelfasern schräg nach aussen und vorn abwärts laufen und weiter vorn in der lateralen
Sehne enden.
M. Longissimus dorsi (Taf. VII, Fig. 1 u. 2 c). Nach Abzweigung des Ileo-costalis
gehen die Fleischfasern auf dem oberen Theil der Rippen median von den Angulis costarum,
und auf den Querfortsätzen vorwärts. Die wichtigste Ursprungstelle ist vor allem die innere
Fläche der Fascia lumbo-dorsalis. Die hier entspringenden Fasern laufen nach vorn und heften
sich 1. lateralwärts mit fleischigen Zacken an die fünf hinteren Rippen und mit sehnigen an
alle vorderen, 2. medianwärts mit Sehnen an die laterale Seite der Querfortsätze aller Rücken-
wirbel. Da aber nun weiter nach vorn die Fascia lumbo-dorsalis zu Ende geht, so sieht man
von der lateralen Seite dieser Querfortsätze Faserbündel entspringen, welche sich in dem
Muskelfleisch des Longissimus nach vorn begeben, dasselbe verstärken und an weiter nach vorn
liegenden Querfortsätzen enden. Er endigt einerseits am Querfortsatz des ersten Brustwirbels
andererseits am Muse. transvers. cervicis.
So hätten wir denn hier ein sehr schönes Paradigma für die Erklärung der tieferen Lage
der Rückenmuskeln. Der Multifidus umfasst demnach alle die Muskeln, die wir als Spinales,
— - 400
Semispinales, Interspinales bezeichnen. Da aber der Longissimus dorsi keine Fasern zu den
oberen Dornfortsätzen schickt und von den unteren Dornfortsätzen empfängt, so fanden wir die
Charakterisirung in spinale, transversale und costale Fasern, welche H. M eyerin
seinem Lehrbuch der Physiologischen Anatomie für das System des Musculus sacrospinalis
anführt, nur mit dem Vorbehalt, dass auch der Multifidus darin begriffen sei, für die Phoce
gerechtfertigt.
Mehr als reine Streckmuskeln des Rückens zeigen sich die Fasern des Longissimus dorsi,
die oberflächlichen Lagen des Multifidus und die Interspinales, als Rotatores jedoch die in der
Tiefe dieses Muskels liegenden. Der Ileo-costalis hilft ebenfalls strecken, einseitig jedoch wirkend
zieht er den Brustkorb nach oben und der Seite. Neben dieser Wirkung dieser Muskeln im
Ganzen, sehen wir auch die einzelnen kleineren Abtheilungen in Verkehr gebracht.
Wie nun der Longissimus in die Dorsalmuskeln des Schwanzes sich fortsetzt, so schen
wir auch diesen Muskel an beiden Seiten des Halses aufwärts steigen.
Musc. transversalis cervicis (Taf. VII, Fig. 1 e) ist eine Fortsetzung des
Longissimus dorsi, welche medianwärts von diesem Muskei beginnt und lateralwärts vom
Trachelomastoideus und median vom Serratus antic. am Halse hinaufsteigt. Er entspringt
fleischig von den Querfortsätzen der oberen Brustwirbel, sowie von den Gelenkfortsätzen der
unteren Halswirbel und heftet sich sehnig an die Proc. transversi des 3. bis 6. Halswirbels.
Einen Muse. cervicalis descendens habe ich nicht gefunden.
An den Seitentheilen des Halses zwischen den Proc. obliq. und transversis kommt eine
Lage kleiner Muskeln vor, welche gleichfalls als Fortsetzung des Longissimus angesehen
werden kann. — 1. Obliquo-transversalis major entspringt vom Proc. oblig. des 3.,
4. und 5. Halswirbels und heftet sich an den Querfortsatz des Atlas. — 2. Obliq.-trans-
versalis minores cervicis liegen zwischen dem Quer- und Schrügenfortsatz des 2. und 3.,
3. und 4. 4. und 5., 5. und 6. Halswirbels. i
Inter-Transversales cervicis zwischen je zwei Querfortsätzen vom 1. Brust- bis
1. Halswirbel.
Nackenmuskeln,
Indem wir zu den Muskeln übergehen, welche die Wirbelsäule mit dem Schädel ver-
binden, haben wir zunächst die Muskeln an der hinteren Seite der beiden obersten Halswirbel
zu erwähnen, welche, wie die inneren dorsalen Schwanzmuskeln, zu dem System des Multifidus
wohl zu rechnen sind. Es sind dieses die Recti capitis postici und die Obliqui.
Rect. capit. post. major, (Taf. I, Fig, 1.d. Taf. VII, Fig. 1 z.) Entspringt an der
Kante des Proc. spinalis des Epistroph. und setzt an die Linea semieire. oceipit. in ihrer Mitte.
Lage unter dem Complexus. — Rect. capit. post. minor. (Taf. I, Fig. 2 d.) Entspringt
an der Sp. des Atlas und an der L. semieire. oceipit. in ihrer Mitte (also gleich entfernt von
Aussen und Innen). — Oblig. infer. (Taf. I, Fig. 1 e. — Fig. 2 e. — Taf. VII, Fig. 1%.)
Dornfortsatz des Epistroph. an den Querfortsatz des Atlas. — Obliq. super. (Taf. I,
Fig. 2 ce. — Taf. VII, Fig. 1 1.) Von der vorderen Spitze des Proc. transvers. des Atlas au
die äussere Seite der Lin. semieirc. sup. oceipit. — Rect. capit. lateral. (Taf. I, Fig. 1 f.
— Fig. 2 d. — Fig. 3 e) Vom Proc. transv. des Atlas in der ganzen Breite setzt sich an
äusserste Stelle der L. semic. oceip. neben den vorigen.
Aus den, am oberen Theil der Brust durch das Auseinandertreten des Longissimus dorsi
und der Gruppe des Multifidus entstehenden Lücken erheben sich zwei längere und stärkere
Muskeln, welche an den Halswirbeln aufwärts steigend an dem oberen und seitlichen Theile
des Hinterhauptes sich ansetzen. Es ist dieses der M. complexus und Trachelo-mastoideus.
Ueber diesen beiden aber liegt gleichfalls als Fortsetzung der
Muse. splenius. (Taf. IV, Fig. 1d.) Er liegt unter den beiden vorderen Rhomboideis.
Entspringt von dem Dornfortsatz des ersten Brustwirbels und in seiner‘ ganzen Länge vom
sog. Nackenband. Die Fasern dieses dreieckigen Muskels laufen lateralwärts nach vorn und
heften sich an den äusseren Theil der Linea-semieirc. oceipitis bis zum Proc. mastoid. An
letzter Stelle ist er am stärksten.
Musc. complexus. (Taf. VII, Fig. 1 f.) Liegt unter dem Splenius und über dem Rect.
cap. post. m, Er entspringt an der inneren Seite der Proc. oblig. der fünf hinteren Halswirbel
und dem Proc. transv. der vier vorderen Brustwirbel und setzt sich an den medianen Theil der
Linea semie. occip.
Muse. trachelo-mastoid. (Taf. VI, Fig. 1 m.) Liegt seitlich neben dem vorigen. Er
entspringt von dem Proc. obliq. (lateralwärts neben dem vorigen) der vier unteren Halswirbel
und heftet sich an die Pars mastoid. neben dem Splen.
Muskeln des Schwanzes.
Wir müssen an dem Schwanze zwei Hauptgruppen unterscheiden, nämlich eine Muskelmasse,
welche zwischen den Dorn- und Querfortsätzen, von der Fascie umhüllt, auf der Dorsal-
seite des Kreuzbeines und des Schwanzes liegt, und eine zweite, welche seitlich der Wirbel-
körper auf der unteren Fläche der Querfortsätze an der ventralen Seite des Kreuz-
beines und des Schwanzes vorkommt.
Abhandl, d. Senckenb. naturf, Ges. Bd, IX. 51
— 4202 —
\
Die erste Gruppe (Taf. VI, Fig. 2) zerfällt in zwei Abtheilungen, je nach den zwei
Hüllen, welche die Fascie bildet, indem sie sich von den Dornen- zu den schrägen Fortsätzen
und von diesen zu den Querfortsätzen begibt. (Siehe über den Strecker des Rückens.)
Die erste Abtheilung (a) zeigt vorwiegend Muskelfasern, welche von den Dornfortsätzen
zu den schrägen Fortsätzen rückwärts laufen, aber auch solche, welche von Dorn zu Dorn
übergehen. Diese erste Abtheilung, welche nach vorn in den Multifidus spinae übergeht, endet
hinten am letzten Kreuzbeinwirbel, also da, wo die Dorn- wie die schrägen Fortsätze enden.
Die zweite Abtheilung, welche von der Scheide zwischen den Schrägen- und den Quer-
fortsätzen eingeschlossen wird, zeigt Muskelfasern, welche gleichfalls median von vorn lateral
nach hinten laufen und sich in dicken Sehnen nach hinten befestigen. Ein anderer Theil (b)
kommt von der hinteren Wand des. Hüftbeins und von der äusseren Innenwand der Scheide.
Diese laufen gleichfalls nach hinten und verbinden sich mit starken Sehnen. Diese Sehnen
haben aber immer mehr eine mediane Richtung und so kommt es, dass sie hinter dem Ende
des Kreuzbeines (wo also die Dorn- und Gelenkfortsätze nicht mehr vorhanden sind) (Osteolog.
Taf. U, Fig. 2), auf dem Rücken des Schwanzes mit denen der anderen Seite in einem spitzen
Winkel zusammentreffen und so die Rückenseite des Schwanzes bis zu dessen Ende voll-
kommen einhüllen. Dass hierbei die Sehnen, welche mehr lateral ihren Ursprung haben, auch
mehr median verlaufen, ist einleuchtend.
Die Wirkung der ersten Abtheilung dieser Muskeln ist offenbar nur eine dorsale Flexion,
die der zweiten Abtheilung flectirt den Schwanz gleichfalls mit ihren medianen Fasern dorsal,
mit den lateralen aber nach der Seite und oben.
Die zweite Muskelgruppe (Taf. VI, Fig. 3 u. 4), welche an der unteren Seite
des Beckens und des Schwanzes liegt, ist weniger stark als die des Rückens. Sie kommen
von vier Seiten aus dem Innern des Beckens. Die erste Abtheilung entspringt von den Seiten-
theilen der Wirbelkörper. des Kreuzbeines vom 2, Kreuzbeinwirbel an (a), die zweite Ab-
theilung kommt von der unteren Fläche der Querfortsätze (b), die dritte entspringt von der
inneren Wand der Pfanne und dem vorderen Umfange des For. obturatorium (ec) und endlich
die letzte Abtheilung kommt von der inneren Wand des Schambeines und dem hinteren Um-
fang des For. obturatorium (d). Alle diese Muskelfasern vereinigen sich nach hinten in mehrere
starke Sehnen, welche sich an der unteren Fläche der Schwanzwirbel, wie die auf der Rücken-
seite, ausbreiten. Die Wirkung dieser Muskel ist, den Schwanz nach unten und nach der Seite
zu beugen,
— 403: —
b) Muskeln an der ventralen Seite der Wirbel.
Musc. longissim. colli. (Taf. I, Fig. 4.) 1. Pars post. (c). Entspringt von den
Körpern der sieben vorderen Brustwirbel und des letzten Halswirbels und setzt sich an den
Proc. costal. des 3. 4. und 5. Halswirbels. — 2. Pars anterior (b). Die Muskelfasern ent-
springen von der inneren Seite der Proc. cost. vom 6. bis 2. Halswirbel und heften sich an
die Mitte der ventralen Fläche der Körper der vorhergehenden Wirbel bis zum Atlas. —
M. Reetus capit. anticus major. (Taf. I, Fig. 4 « und Fig. 3 e.) Entspringt von dem
Proc. costal. der mittleren Halswirbel (2. bis 6.) und heftet sich an die Basis des Schädels. —
M. Rectus capit. antie. minor. (Taf. I, Fig. 3 d.) Vom vorderen Seitenrand des Atlas
an die Schädelbasis.
An den vier hinteren Brust- und allen Lendenwirbeln bis hinten in das Becken liegt
eine starke Muskelmasse und füllt den ganzen Raum von der Spitze des rechten Querfortsatzes
bis zu der des linken aus. Bei dem näheren Eingehen in diese Masse lässt sich ein Psoas
minor, major und Ileo-lumbalis (Meyer) unterscheiden.
Psoas minor (Taf. VII, Fig. 3 «) in seinem vorderen Theile mit dem Ileo-lumbalis
verwachsen, entspringt an den Körpern der hinteren Brust- und aller Lendenwirbel. Indem er
sich dem Becken nähert, trennt er sich von dem Ileo-lumbalis und setzt sich mit starker
Sehne an die Tuberositas ileo-pectinea.
Ileo-lumbalis (ibid. b). Kräftige Muskelfasern, welche lateral vom Psoas minor und
Tleo-psoas liegen, von den vier hinteren Brust- und den Lendenwirbel-Körpern wie Psoas minor
entspringen und sehnig sich an die Spitzen der Querfortsätze (Proc. costarius) der Lendenwirbel
heften. Die hinterste Sehne geht an die Spina ilei anter. infer.
Somit hätten wir denn die Spinalmuskeln der Phoca betrachtet und kämen nun
an die visceralen. Ehe wir jedoch mit diesen beginnen, möchte es sich besser eignen eine
Vergleichung obiger Muskeln mit denen des Delphin, der Otter etc. vorzunehmen.
Vergleichung.
Muskeln der oberen und unteren Seite der Wirbelsäule.
Delphinus phocaena,. Dass bei dem nur in der See lebenden Delphin mit seinem lang-
gestreckten Körper, den in hohem Grad verkümmerten Halswirbeln und mangelndem Dens
epistrophaei, mit der verhältnissmässig sehr kurzen aber sehr breiten Brust, dem breiten Brust-
bein, den knöchernen Rippenknorpeln, und nur sieben, an den Wirbelkörpern artieulirenden
EEEETUEEENE TIEREN
m nn
= ii =
Rippen, ferner mit nur 13 durch Gelenkfortsätze sagittal verbundenen Wirbelbogen, dagegen
16 mit sehr langen Dorn- und (Querfortsätzen versehenen Lendenwirbeln, mit einem. nur
rudimentär angedeuteten Becken und einer mangelnden Hinterextremität, endlich einem langen
mit mehr und mehr nach hinten sich verkleinernden, dann. verschwindenden Ober-, Unter-
Dornen und Querfortsätzen versehenen Schwanz — auch die Muskeln der Wirbelsäule ganz
einfach und sehr verschieden von denen der Robbe sein müssen, versteht sich von selbst.
Die Rückenmuskeln des Meerschweins zeigen eine grosse und mächtige Muskelmasse,
welche sich vom Kopf bis zum Schwanz zwischen den Dornen und den’ Querfortsätzen aus-
breitet. Sie ist von einer Faserhaut umhüllt, welche sich von den Spitzen der Dornen bis
zu den Winkeln der Rippen und allen Spitzen der Querfortsätze anheftet. Vom Hinterhaupt
bis zur 7. Rippe ist diese Muskelmasse in zwei Theile geschieden, der mediane Theil läuft
neben den Dornen hin und befestigt sich an diese und an das Oceiput über dem For. magnum.
Der laterale Theil, welcher Sehnenstreifen an den Winkel jeder Rippe abgegeben, setzt sich
an die Zitzengegend des Hinterhauptes und an den Proc. transversus des Atlas. Sucht man
jene beiden Theile in ihrer Verschmelzung nach hinten mit dem’ Messer zu trennen, so findet
man in der Tiefe die mediane Fleischmasse von ‚der lateralen dadurch getrennt, dass hinten
von den Wurzeln der letzten Dornen, dann. weiter nach vorn von den nur’ verkümmert sich
zeigenden Proc. oblig. spuriis, endlich veris, sich.starke Sehnenstreifen erheben, in die Ober-
fläche der Muskelmasse aufsteigen und in der lasc. superficialis sich verlieren. Murie nennt
diesen Muskel Longissimus dorsi (Fig. 63.5 d), Rapp aber Spinalis dorsi.
Der laterale Theil, welcher keine solche Sehnenfasern hat, liegt auf den Querfortsätzen
und Rippen und heftet sich an erstere mit Fleischfasern, an letztere mit Sehnen. — Sehen
wir uns nun nach dem hinter der Rückenflosse liegenden Körper um, so finden wir, dass sich
auch hier wieder die Muskelmasse theilt und zwar in drei, Theile. Der obere oder mediane
läuft längs den Dornen nach hinten und endet in Sehnen, welche sich auf der oberen Fläche
der Schwanzflosse anheften. Es ist dieser schon oben erwähnte mediane Muskel (Murie nennt
ihn Spinalis dorsi et levator caudae internus (Fig. 59), — Rapp Longissimus dorsi). Unter
ihm zweigt sich ein kleinerer Theil ab, welcher mit vielen Sehnen sich mit dem ersten ver-
bindet und auch gegen die obere Fläche der Flosse verläuft. (Murie nennt diesen Muskel
Levator caudae extern. Fig. 63.) ‘Nun kommt noch eine dritte Abtheilung, welche unmittelbar
auf den Querfortsätzen fleischig angeheftet aufliegt und ihre Sehnen an die Spitzen der letzten
Proc. oblig. und die Körper der Schwanzwirbel schiekt. (Murie nennt diesen Muskel: Supra-
caudalis, — Rapp aber Transversarius superior.)
Die Muskeln an der ventralen Seite der Wirbelsäule sind gleichfalls sehr einfach und
analog denen der dorsalen.
Zunächst haben wir einen Muskel, der ganz analog dem Transversarius superior an der
unteren Seite der Querfortsätze der Schwanzwirbel entspringt und sich mit Sehnen an die
hinteren Querfortsätze oder, wo diese fehlen, an die Seitentheile der Wirbelkörper des Schwanzes
anheftet, Murie nennt ihn: Infracaudalis, Rapp: Transversarius inferior.
Unter diesem liegt nun ein mächtiger Muskel, welchen Rapp als Psoas major, Murie
(Fig. 63) als Sacrocaudalis bezeichnet. Er: bildet eine starke Fleischmasse auf beiden Seiten
unter dem Schwanz. Er entspringt fleischig an der inneren Seite und dem hinteren Rande der
vier letzten Rippen, sowie an den Seitentheilen ihrer Wirbelkörper. Er läuft, schmäler werdend,
rückwärts, setzt sich an die Querfortsätze und die unteren Dornfortsätze sowie, mit starken
Sehnen, an die Körper der Schwanzwirbel und endet an der unteren Seite der Schwanzflosse
mit langen dicken Sehnen. — Zwischen und unter den beiden eben erwähnten Muskeln erscheint
nun ein kleines Muskelpaar, welches von den Beckenbeinen entspringt, das Orificium ani
zwischen sich hat, sich nach hinten zuspitzt und sehr bald fleischig an den unteren Dornen und
der unteren Seite der vorderen Schwanzwirbel endet. (Pubo- und Ischio-coceygeus. Murie.)
Zu erwähnen bleiben nun noch trennbare Muskeln zwischen dem unteren Theil der Hinter-
hauptschuppe unter den Dornen des ersten Hals- nebst ersten und zweiten Brustwirbels, sowie
zwischen der Basis Cranii, dem unteren Bogen des Atlas und der vorderen Brustwirbel. Wenn
Murie und Rapp diese Rect. cap. antic. und post. nennt, so darf man ihnen wohl beistimmen.
Wenn aber Ersterer auch obliquus annimmt, so finde ich dieses schon dadurch nicht gerecht-
fertigt, als der Epistrophaeus keinen Zahnfortsatz hat, und mir daher eine Drehung des Kopfes
auf dem Atlas nicht .ausführbar scheint und namentlich der Verlauf und die Richtung dieser
Muskeln keineswegs dem Obliquus entspricht.
Ueberblickt man nun die Skeletbildung sowie die Ansatzstelle der Muskeln, so ist es
einleuchtend, dass der Lenden- und Schwanztheil dieses Thieres nach oben, unten und nach den
Seiten sowie nach der Diagonale bewegt werden kann. Nimmt man aber die Ansatzstellen der
am Schwanz sich concentrirenden Sehnen ins Auge und beachtet man das Umschlingen der
Sehnen-Enden um einander, wie es uns Murie in seinem Durchschnitte (Fig. 60 und 62) zeigt,
"so wird man zu der Ueberzeugung geführt, dass die Rotation der Schwanzflosse als Schraube
das wichtigste Moment für die Schwimmbewegung abgibt. Wenigstens zeigt der Versuch, dass
die Schwanzflosse durch Drehung an den Schwanz- und hinteren Lendenwirbeln mit Leichtig-
keit um weit mehr als 180% gedreht werden kann. Dass die platten Intervertebralia, die
— 406 —
mangelnden Gelenkfortsätze sowie die Unter- und Ober-Dornfortsätze dieses begünstigen, ist
einleuchtend.
Mit spitzer Schnauze theilt der rasche Segler das Wasser und die weit nach vorn be-
ginnende Torsion der Lend- und Schwanzwirbel treibt den breiten, grossentheils feststehenden,
Rippenkasten vorwärts. Die Brustflossen aber mit ihren schwachen Muskeln, sowie die Rücken-
flossen erhalten das Thier im Gleichgewicht.
Finden wir nun auch hier eine Uebereinstimmung mit dem Seehund in der Fortbewegung
im Wasser, so spricht sich doch hier noch deutlicher die Grundform der Rückenmuskeln bei
dem Delphin aus. Hier finden wir in einfachster Weise die Pars spinalis, transversalis sowie
costalis Extensoris communis dorsi vorgebildet. Die verkümmerten Halswirbel und der stark
entwickelte Lendentheil sowie das mangelnde Becken vereinfachen die Anschauung und erleich-
tern den Ueberblick.
Wirbelsäule,
Indem wir nun zur Betrachtung der tieferen Rückenmuskeln der auf dem Land leben-
den Thiere übergehen, dürfte es zum Verständniss dieser Muskeln gerechtfertigt sein, hier
noch einige Bemerkungen über die Wirbelsäule nachträglich anzufügen.
Ein Wirbel nämlich, der gar nicht die hinreichende Berücksichtigung gefunden und der
doch für die mechanischen Verhältnisse in dem Thierskelet von hoher Bedeutung ist, bedarf
einer eingehenden Beachtung. Ich meine das Analogon des letzten menschlichen Brustwirbels,
welcher eine sowohl den Gelenkflächen der Brustwirbel als auch den Gelenkflächen der Lenden-
wirbel adaptirte Gelenkbildung zeigt. Es ist dieses der Wirbel, der bei der Robbe als der
11. Rückenwirbel in den Proc. obliquis nach vorn mehr horizontal liegende, nach hinten mehr
senkrecht stehende Gelenkverbindungen besitzt. Bei den Raubthieren ist es meist der
viertletzte Rückenwirbel, an welchem dieses Verhältniss sich kundgibt. Da nun dieser Wirbel
eine Trennung hinsichtlich der Gelenkbildung zwischen den vor und hinter ihm liegenden
Wirbeln abgibt, so erlaube ich mir ihn der Kürze halber Vertebra intermedia zu nennen.
Mit ihm hört nach hinten die Verbindung der Rippen durch zwei Halbgelenke auf, und mit
ihm ändert sich die Gestalt der Dornen. Die Gelenkflächen, vorher mehr frontal liegend,
bekommen eine mehr sagittale Richtung. Es treten zugleich Processus accessorü auf, welche
gleichsam ein Schutzmittel für die normale Verschiebung dieser Gelenkflächen abzugeben
scheinen. Nicht blos die hinteren Wirbeikörper werden länger und stärker, auch ihre Dorn-
fortsätze bekommen stärker ausgezogene Flächen, sowie auch nach vorn aufsteigende Kanten
— #077 —
mit vorn endender Spitze. Auch die Gelenkfortsätze erheben sich aus den Bogenstücken
beträchtlich und die Proc. accessorii an ihrer Seite, vorn noch stark, verschwinden an den
hinteren Lendenwirbeln. — Anders ist es mit den Gelenkflächen an den Brustwirbeln vor der
Vertebra intermedia. Hier sind eigentliche Gelenkfortsätze verschwunden, die Gelenkfläche aber
liegt in der Wand des Wirbelbogens. Die Dornfortsätze, bei der Otter und dem Dachs mehr
stumpf, bei den Hunden- und den Katzenarten aber mehr scharf modellirt, werden bis zum
ersten Brustwirbel immer höher und sind alle nach hinten, also den vorhergehenden entgegen,
gerichtet.
Durch die lang nach vorn ausgezogenen Bogen und Dornen und durch die steil auf-
steigenden Gelenkfortsätze der Lendenwirbel entsteht läugs der Lenden- und hinteren Brust-
wirbel eine zwischen beiden hinlaufende Furche (Sulcus dorsalis medianus). Diese hinten tiefer
und breiter, nach vorn schmäler und niederer, findet an der Vertebra intermedia ihr Ende.
Diese Furche setzt sich aber über den Kreuz- und den Schwanzwirbeln nach hinten fort und
endet hier an dem letzten Dornfortsatz, woselbst sie mit der entsprechenden Furche der anderen
Seite zusammenfliesst.
Doch auch an der äusseren Seite der Gelenkfortsätze wird durch diese und die langen
Querfortsätze der Lendenwirbel eine zweite seitliche Furche gebildet (Suleus dorsalis lateralis),
welche gleichfalls nach vorn immer schwächer wird und an der Vertebra intermedia ihre Selbst-
ständigkeit verliert, nach hinten aber mit dem letzten Gelenkfortsatz am Schwanz in die ent-
sprechende Furche der anderen Körperhälfte übergeht.
Gehen wir nun von der Vertebra intermedia nach vorn über die Brustwirbel hin, so
sehen wir durch das Umlegen der Gelenkflächen aus der senkrechten in die horizontale Lage
und die mangelnden aufsteigenden Proc. obliqui, jene beiden hinteren Furchen zu Einer ver-
einigt, welcher erst an dem.letzten Halswirbel zwischen den deutlich wieder ausgeprägten Proc.
obliquis und Transversis in zwei Theilen über den Hals läuft. Die mediale Furche, auf den
breiten frontal liegenden Bogenstücken des Halses, wird wieder von den kürzeren Dornen der
Halswirbel, dem hohen und lang ausgezogenen Dorn des Epistrophaeus und den flach liegenden
Gelenkfortsätzen begränzt, die laterale aber liegt sagittal und hat an ihrer unteren Gränze die
Querfortsätze.
Diese soeben erwähnten Bildungsverhältnisse finden sich nun mehr oder weniger bei allen
Raubthieren, Sie erscheinen weniger scharf bei der Otter und dem Dachs, am schärfsten aber
bei den Katzen, Hunden und Hyänen.
— 408 —
Die Muskellagen auf der dorsalen Seite der Wirbelsäule.
Nicht sehr verschieden von der Robbe verhalten sich die Rückenmuskeln der Raubthiere.
Sie richten sich nach ihrer Unterlage, also nach der Gestalt der Bogenstücke und deren Fort-
sätzen. Da diese aber, wie soeben erwähnt, in ihrer typischen Form bei den Raubthieren
übereinstimmen, so wird es auch möglich diese im Allgemeinen zu schildern.
Während die Wirbel mit ihren Bogen und Fortsätzen eine noch lückenhafte Grundlage
für die Rückenmuskeln abgeben, bildet das tiefere Blatt der Fascia lumbo-dorsalis, indem es
die noch fehlenden Lücken des für diese Muskeln dienenden Raumes ausfüllt und abschliesst,
die andere Hälfte der Grundlage. Das Knochengerüste sowohl als auch die Faseia lumbo-
dorsalis bilden die Ausgangs- sowie die Ansatzstellen für die Muskelfasern.
Die Fascia lumbo-dorsalis, vom Becken ausgehend, breitet sich nach vorn von
der Crista ilei über die Querfortsätze der Lendenwirbel und bildet hier einen festen Boden
(mittleres Blatt der Fasc. lumbo-dorsalis) zwischen Becken, Querfortsätzen, Lendenwirbeln und
der letzten Rippe. Indem sie nun von den Spitzen der Querfortsätze senkrecht in die Höhe
steigt, heftet sie sich, median gewendet, an die Lenden-Dornen. Ein Gleiches geschieht von der
Spina ilei post. sup. gegen die Dornen des Kreuzbeines. Nachdem so die Muskeln in den Lenden
von Unten, Oben und von der Seite eingehüllt sind, schreitet die Fascie in ihrem die Rücken-
muskeln deckenden Blatt noch eine Strecke weit über die hinteren Brustwirbel und Rippen hin,
und endet endlich, dünner werdend und spitz auslaufend, in der Gegend der Vertebra
mediana. — Doch nicht blos nach vorn, auch nach hinten hat diese Fascie ihre Ausbreitung.
Vom Kreuzbein geht sie über die Schwanzwirbel an die Dorn-Quer- und Gelenkfortsätze
befestigt und weiter hinten die verkümmerten Wirbelkörper einhüllend. Indem nun aber die
Fascie an den Spitzen jener Fortsätze sich anheftet, schickt sie auch Fortsätze zwischen je zwei
Dornen, zwei Process. oblig. und Transversi. So entstehen die längs dieser Fortsätze nach
vorn gehenden, schon bei der Phoca erwähnten beiden Muskelräume (zwischen Dorn- und Ge-
lenkfortsätzen sowie zwischen Gelenk- und Querfortsätzen), welche über das Kreuzbein und den
Lendenwirbeln in dem Suleus dorsalis medianus und lateralis fortgesetzt sind. Jenseits dem
Becken aber haben wir noch eine Scheidewand zu erwähnen, welche ich bei Löwen, Luchs,
"Katze und besonders stark bei der Hyäne, weniger deutlich jedoch bei dem Fuchs fand. Es
ist dieses eine Faserschicht, welche von der Spina ilei post. sup. in den Raum des Suleus late-
ralis nach vorn steigt und gegen die Rippen hin immer mehr und mehr sich verdünnt.
Von diesen die Muskelgruppen umschliessenden Räumen entspringen nun sowohl von den
4096 —
Knochen- ‚als ‚auch von den Sehnenhüllen, theils anfangs schnig (wie aus der Fascie des
Schwanzes), theils gleich fleischig, Muskelfasern, welche, nach vorn steigend, durch die sie um-
gebenden drei Räume "genöthigt sind in verschiedene Gruppen sich zu theilen. — In dem
Sulcus medianus ziehen lateral: von hinten von den Gelenkfortsätzen median nach vorn zu den
Dornen,’ oder sagittal von Dorn zu Dorn, Muskelfasern über das Kreuzbein und die Lenden-
wirbel hin und füllen den Raum dieses Suleus (in ‘den Lendenwirbeln in mehr gestrecktem
Verlaufe) ‚aus, verlieren ‚aber ihre Abgeschlossenheit an der Vertebra intermedia —
In dem Suleus Jateralis der Schwanzwirbel ist es ebenso. In schräger Richtung von den
Proc. transversis treten die Muskelfasern zu den Proc. obliquis und ziehen in’ dem Raum
zwischen Deum und Saerum über das Becken. Allein hier ändert sich ‘das Verhältniss. Aus
der. ‘inneren: Seite des leum steigt‘ nämlich die vorerwähnte Fascie und nun wird diese
die Ursprungsstelle der median zu den Proe. obliquis und accessoriis und ‘den Bogen der
Lenden gehenden Muskelfasern. — Von der lateralen und unteren Seite dieses Faserblattes
aber ‚steigen dagegen die Muskeln abwärts und heften sich an die Proc. transversi und das
mittlere Blatt der Fascia lumbo-dorsalis. — So haben wir hier also die Ausgänge des Multi-
fidus (Spinalis), des Longissimus (Transversalis) und des lleo-costalis.
Der Ileo-costalis schreitet über die Rippen und findet an diesen Ergänzung für sein
im. Weiterschreiten verwendetes Material. Er endet bekanntlich mit dem Cervicalis descendens.
— Auch der Longissimus dorsi hat noch Material nöthig, indem er ans Ende seines
Suleus lateralis gelangt. "Er bekommt jetzt mächtige Muskelmassen aus der inneren Wand der
Fasc. lumbo-dorsalis, welche von da ausgehen, wo sie über das Becken gestiegen. Diese Massen
ergiessen sich, über einander gelagert, über die Wölbung des Rückens und steigen in die Tiefe,
um, sich an die Processus transv. der Brustwirbet und den Anfang der Rippen zu heften. Seine
Muskelfasern laufen aber jetzt in entgegengesetzter Richtung als früher, da sie jetzt median
und "hinten aus der Fascia lumbo-dorsalis Kommend, lateral zu den Proc. transv. der Brust ge-
langen. . Er endet: im Transversalis cervieis der Halswirbel. — Aber auch der Multifidus
hat seine Muskeln verbraucht. Er ist bis an das Ende des Sulcus medianus vorgedrungen und
steigt nun in breiterer Kläche (jetzt aber von der Innenseite der Proc. transversi entspringend),
in dem einfachen Suleus der vorderen Brustwirbel, zwischen Querfortsätzen und Dornen, über
die flach liegenden ' Gelenkfortsätze. Ferner wird ihm Ersatz geboten durch Muskelfasern,
welche’ aus der Fascia dorsalis, etwas hinter der Vertebra intermedia, entspringen und sich
an die mächtigen Dornen der vorderen Brustwirbel ansetzen und am 3. bis 4. Halswirbel
enden (Spinalis der Autoren). ‘Zwischen dieser Gruppe und der Gruppe des -Longissimus
Abhandl. d. Senekenb. naturf. Ges. Bd. IX, 52
— 0
kommen Verwachsungen vor. Die Fasern des Multifidus, die in den Lenden gestreckt liefen,
steigen jetzt von aussen und unten nach innen und oben an den Dornen aufwärts, greifen
aber diese in rechten Winkeln an. Ebenso ist es mit den Interspinales dieser Dornen.
Da es mir ganz besonders darum zu thun war Klarheit über die Verhältnisse der Rücken-
muskeln zu erhalten, so habe ich nach den Muskeln der Otter und Felinen auch diese Muskeln
beim Fuchs, Dachs, sowie bei der Hyäne sehr sorgfältig präparirt. Ich glaube es gerecht-
fertigt meine Notizen auch über diese Präparation nieder zu schreiben, da sich zu dem Vorher-
gehenden noch Manches hier ergänzt findet. ;
An dem Schwanze des Fuchses liegen zunächst hinten zwei verkümmerte Gelenkfortsätze
und neben diesen Andeutungen von Querfortsätzen. Die Dornfortsätze beginnen erst an dem
Os sacrum. Gehen wir den Muskeln nach, so finden wir zwischen den beiden Gelenkfortsätzen
zwei Muskelstränge liegen, die sich weiter vornen an den letzten Dornfortsatz anheften. Wir
haben hier den Musc. levator caudaeinternus, i
Seitlich von diesen Strängen entspringen an den Gelenkfortsätzen der vorderen Schwanz-
wirbel Sehnen, ER schräg nach vorn zu den Spinosis hinlaufen und, begränzt von den
Reihen dieser Knochenfortsätze, über das Kreuzbein und über die Lenden gehen uud in der
Gegend der hinteren Rückenwirbel als besondere Muskelstränge undeutlich werden. Sie sind nach
Aussen von der Fascie umgeben. Hier haben wir den Uebergang der lateralen oberen Schwanz-
muskeln (Levator caudae medius) in den Multifidus spinae.
Seitlich wieder von diesen entspringen von einer Fascienwand, welche an den Querfort-
sätzen des Schwanzes hinläuft, sowie von den Querfortsätzen selbst, Sehnen, welche fleischig
werden, über das Kreuzbein und die Lendenwirbel seitlich der Gelenkfortsätze hinlaufen und
ihr Muskelfleisch an die Basis dieser letzteren setzen. Hier haben wir wieder einen Levator
caudae externus, welcher nach vorn in den Longissimus dorsi übergeht.
Doch noch ein Abduct. caudae super. ist. hier an dem Schwanze zu erwähnen. Eine
von dem absteigenden Ast des Sitzbeines entspringende Fascienwand hüllt die eben erwähnten
Muskellagen nach Aussen ein. An die äussere Seite dieser Faseia setzen sich aber auch Muskeln,
welche oben und innen vom Becken kommen und sich an die Proc. transversi des Schwanzes
‚heften.
Es treten, wie gesagt, zwei Stränge, der eine zwischen Dorn- und Gelenkfortsätzen als
Anfang des Multifidus und der andere zwischen den Gelenk- und Querfortsätzen als Anfang
des Longissimus dorsi, über das Kreuzbein. Jetzt aber tritt an die laterale Seite dieses
letzten Stranges eine mächtige Gruppe von Muskelfasern, welche von der vorderen Seite des
— 411 —
Kreuzbeines und der inneren Wand des Ilium ihren kräftigen fleischigen Ursprung nimmt, und
zwischen den Proc. obliguis und transversis der Lenden verläuft. In dieser den Longissimus
dorsi und Lumbocostalis darstellenden Fleischmasse finde ich nun aber beim Fuchs nicht den
Sehnenstrang, welcher bei der Phoca, den Felinen ete. seinen Ursprung von der Spina ilei post.
sup. nahm. Der mediane Theil’ der hier entspringenden Fleischmasse schickt seine Fasern nach
vorn an die Seitentheile der Proc. obliqui und accessorii und die Seiten der Lendenwirbelbogen.
Der laterale Theil steigt ebenfalls nach vorn aber abwärts, und geht an die Proc. transversi.
Diese mächtige Muskelmasse, welche ihren Ursprung an dem Becken genommen, wird ferner durch
die in der Rückenwand der Fascia lumbo-dorsalis entspringenden Fasermassen mehr und mehr
verstärkt und bildet mächtige über einander liegende und von hinten nach vorn abwärts in
die Tiefe steigende Lagen. Aus diesem Sacrolumbalis entwickeln sich nun an der letzten
Rippe der Longissimus dorsi und Lumbocostalis, welcher letztere am Proc. trans.
des letzten Halswirbels endet.
In der Gegend der 10. Rippe läuft die Fascia Jumb. dorsalis spitz aus und hier ist es
auch, ‘wo die bisher steil stehenden Proc. obliqui sich niederlegen. Aus der hier endenden
Fascie ergiessen sich in ihrer ganzen Breite Massen von Fleischfasern. Von diesen geht der
mediane Theil an die Dornen (Spinalis), der laterale aber an die Querfortsätze (Transversalis).
Die hier ihnen begegnenden Ursprünge des Complexus und Trachelomastoideus nöthigen diese
Theile sich zu trennen, und nun endigt der mediale Theil zum Multifidus tretend am Lig. nuchae
und dem Dorn des letzten Halswirbels, der laterale Theil aber geht mit starken Sehnen bis
zum Querfortsatz des 3. Halswirbels (Transversalis cervieis) weiter.
Entfernt man den Complexus et Trachelomastoid., so sieht man, dass der zwischen den
Proc. spinosis und obliquis verlaufende Theil bis zum 2. Halswirbel an dem Lig. nuchae sich
fortsetzt und man so den Musc. multifidus spinae, welcher nur eine Strecke weit von dem
Longissimus dorsi verdeckt (oder besser gesagt wegen der mangelnden aufrechtstehenden Proc.
obliquis mit jenem verwachsen) war, in seinem oberen Ende vor sich hat.—Zu bemerken ist noch, dass
das bei den Katzenarten und den übrigen Thieren kaum wahrnehmbare Lig. nuchae bei den
Hunden sehr stark ist und zwischen dem ersten Brustwirbel und dem Epistrophaeus sich
ausbreitet. Auch bei dem Dachs fehlt das Nackenband, dagegen entsteht auch hier in der
Gegend der Vertebra intermedia die Trennung in Spinalis und Transversalis.
Bei der Hyäne sind die Verhältnisse den eben behandelten fast vollkommen gleich, aber
freilich noch derber ausgebildet. Zu bemerken wäre nur, dass die von der Spina ilei post. sup.
ausgehende Faserschicht, von welcher bei dem Fuchs wenig wahrzunehmen war, hier sehr stark
— 412 —
entwickelt gegen die hintere Rippe hinläuft und von ihrer medianen Seite Muskeln an die Proc.
oblig. und accessorii der Lendenwirbel, von ihrem lateralen Theil gegen die Proc. transversi sendet.
Ferner ist zu bemerken, dass hier das Lig. nuchae fehlt, dass aber statt dessen eine sehr starke
Muskelschicht zwischen den Dornfortsätzen vom 1. Brust- bis 2. Halswirbel verläuft.
Doch auch über den Extensor dorsi communis des Inuus muss ich berichten. Auch
hier finde ich analoge Verhältnisse. In der Lendengegend sehen wir wieder die zwei Gruppen,
die zwischen den Dorn- und Gelenkfortsätzen ‚und. die zwischen Gelenk und Tuber ilei über
das Becken heraufsteigen. _ Erstere gehen als. Multifidus mit ihren Fleischfasern vom Gelenk-
fortsatz schräg, nach vorn zum Dorn. Diese Abtheilung ist durch eine sehnigfaserige Scheidewand
von der zweiten Abtheilung geschieden. Die gleichfalls über. das Becken heraufsteigende zweite
Abtheilung. geht mit ihren Fasern schräg nach vorn und ‚innen an die Wand der Wirbelbogen
und die Gelenkfortsätze und wird gegen die vorderen Lendenwirbel: immer. schmäler. ' Nun
kommt aber die schon mehr erwähnte hier sehr starke Faserschicht von der Spina: ilei, post.
sup. und ‚diese sendet von ihrer, medianen und lateralen Fläche Muskelfasern aus. Erstere
gehen nach vorn und innen gegen die Proe. obliqui ete., letztere gehen nach vorn gegen die
Rippen und besonders nach, unten an die Proc. transversi der Lendenwirbel: — Es beginnt
die Theilung, im Longissimus und, Lumbocostalis unter. den. bekannten Verhältnissen, indem
Verstärkungsfasern aus der: Dorsalwand der Fasc. lumbodorsalis zu ihnen hinkommen. Für den
Longissimus ist, nur noch, das, zu.bemerken, dass da, wo die Fascie als solche ihr. spitzeres
Ende an der Oberfläche ‚erreicht, hat und wo. die Proc. obliqui aus ihrer sagittalen Stellung in
die frontale sich umlegen und die oberflächlich: liegenden Fleischfasern median zu den Dornen
und lateral zu den Querfortsätzen ausgesendet werden, in der Tiefe. eine sagittal liegende Sehnen-
schicht ausgeht, welche gleichsam als eine Ergänzung: jener - vorher sagittal stehenden Proc.
obliq. von ihrer, medianen und lateralen. Fläche Fleischfasern für die Dorn- und Querfortsätze
ausschickt.
Musc. serratus post. Ist bei, der Otter, und den Katzen ‚ein sehr ‚ausgebreiteter
Muskel und viel grösser ‚als bei der ‚Phoca. Eine Trennung in: einen superior und inferior
kommt, ‚hier nicht, vor, sowie auch. .bei der .Phoca nur ‚ein einziger, Muskel vorlag. Bei der
Otter entspringt er sehnig vor der Fase, lumbo-dorsalis: von den. ‚Dornen der 12 hinteren
"Rückenwirbel und. heftet sich mit Zacken an die äussere Fläche der, 12, hintern Rippen.
Hinten liegt er, zwischen Latissimus dorsi und den Extensores dorsi, vornen zwischen. letztern
und dem Rhomboideus dorsalis. — (Ganz ‚so fand ich diesen Muskel bei dem Luchs, dem
Löwen und dem Dachs. Die vorderen Zacken laufen von vorn abwärts nach hinten, die hinteren
En
laufen von ‚hinten abwärts nach vorn. ‘Die ‚hinterste Zacke setzt sich‘ an den. hinteren Rand
der letzten Rippe. Die vordersten Zacken ziehen daher die vorderen Rippenkörper nach. vorn,
die hinteren ziehen nach aussen und nur die letzte nach hinten. In der Richtung, der Fasern
und Zacken dürften wir daher schon einen Serrat. post. sup., sowie infer. angedeutet finden.
Nackenmuskeln der Lutra.
Splenius liegt unter dem Rhomboideus. Er ist dreieckig und entspringt von den
Dornfortsätzen der vier vorderen Brustwirbel und der ganzen Länge des schwachen Lig. nuchae
und heftet sich an die Crista oceipitis in ihrer ganzen Ausdehnung bis zum Proc. mastoideus.
Complexus liegt unter dem vorigen. Er entspringt von den Proc. oblig. des 4.—7.
Halswirbels und heftet sich an die laterale Seite des Crist, oceipitis,
Biventer liegt neben diesem median und auch unter dem Splenius. Er entspringt von
den Proc. ‚obliquis des 1.—5. Brustwirbels und von dem Nackenband und heftet sich an
die Crista oceipitis, an dieser ihrer Ansatzstelle den vorigen wie bei dem Menschen etwas
überlagernd. i
Trachelo-mastoideus liegt neben dem Complexus lateral. Er entspringt von den
Proc. obliquis des 4.7. Halswirbels und 1. und 2. Brustwirbels und setzt sich an den Proc.
mastoideus.
Alle diese, wie bei der Robbe, von dem Splenius bedeckten Muskeln werden lateral und
median von dem Multifidus (spinalis) und dem Longissimus dorsi (transversalis) umfasst.
Obliqu. capit. infer. entspringt wie bei der Robbe von dem ganzen Grath und der
äusseren Fläche des Bogens des Epistrophaeus und geht zum Querfortsatz der hinteren Fläche
des Atlas. Ein kleiner Theil geht zu dem vorderen Gelenktheil des Atlas.
Rectus capitis sup, (major) entspringt am ganzen Rande des Grathes des Epistro-
phaeus und setzt sich neben die Mitte des Oceiput.
Rectus capitis post. medius. Von der vorderen Spitze des Grathes des Epistro-
phaeus und setzt sich an das Hinterhaupt lateral neben den Vorigen. (Dieser Muskel gehört
sicher zu dem vorhergehenden.)
Obliquus capitis sup. Er setzt sich etwas unter die Crista oceipitis. Von .der
Mitte bis zum Proc. mastoid. und hat seinen Ursprung vom Proc. transversus Atlantis.
Nach ‚einer sorgfältigen Prüfung der Ergebnisse vorliegender Untersuchung glaube ich
mich nun zu der Ansicht berechtigt, dass die Muskelmasse, welche von dem äussersten Schwanz-
wirbel über Kreuzbein, Lenden, Brust, Hals bis zum Hinterhaupt geht, am übersichtlichsten
— EM —
sich in drei Gruppen theilen lässt, welche nur durch die Knochengebilde in den verschiedenen
Regionen modifieirt werden.
1. Multifidus (Spinalis), welcher sich an die Proc. spinosi heften. Zu dieser ersten
Gruppe rechne ich die medianen Schwanzmuskel, die Spinales und Semisp. Interspinales.
Anmerkung. Henle’s Benennung statt Multifidus Transverso spinalis, welche von H. Meyer und C. Langer
acceptirt wird, finde ich deshalb nicht gerechtfertigt, weil am Schwanz, an dem Hals, sowie in
der ganzen Lendengegend seine Muskelfasern von den Prac. oblig. herkommen.
9. Longissimus (transversalis), welcher noch weiter hinten als der Multifidus seinen
Anfang am Schwanz nimmt und den Transversalis cervicis, die Intertransversales, den Levat.
caudae externus in sich schliesst.
3. llio-costalis, welcher am Ilium beginnt und mit dem Cervicalis descendens endet. —
Was nun die Nackenmuskeln betrifft, so scheinen mir der Splenius, Biventer, die Rect.
et oblig. infer. capitis zu der ersten Gruppe zu gehören, der Complex. Tragelomastoid. aber
zur zweiten.
Anmerkung. Die Eintheilung, welche Henke (Studien und Kritiken, Zeitschrift für rationelle
Medicin, Reihe III. Bd. 33) vorschlägt, ist allerdings sehr einfach will mir jedoch zu gewaltsam
und den wirklichen Verhältnissen wenig entsprechend scheinen. N
Muskeln an der ventralen Seite der Wirbel. -
Auch diese Muskeln stimmen mit denen der Robbe meist überein.
Rectus capitis antic. major. entspringt z. B, vom Proc. costarius des 2,—6. Hals-
wirbels und setzt sich in der Basis des Schädels an das Hinterhaupt und Keilbein etc.
Aehnlich wie bei der Phoca verhalten sich Psoas minor und lio-lumbalis, Bei den Katzen
liegt diese verwebte Muskelmasse vor den zwei letzten, bei, den Hunden vor den vier letzten
Rückenwirbeln unter den Körpern, sowie zwischen den Proc. costariis aller Lendenwirbel bis
zum Becken ausgebreitet. Zu bemerken ist noch, dass bei diesen Thieren von der Spitze des
obersten Querfortsatzes eine flache Muskelschicht breit an die letzte Rippe sich anheftet. Man
kann diese aussen an dem Psoas liegende, zwischen Ilium, Proc. costariis und letzter, Rippe
‚sich verbreitende Muskelschicht als Analogon des Quadratus des Menschen ansehen. Auch kann
man sie, wie H. Meyer gethan, in einen Musculus Ilio-lumbalis und Scalenus lumborum zer-
legen. Hier tritt nur der Unterschied ein, dass z. B. bei den Katzen dieser Scalenus lumborum,
d. h. der Theil, der sich an die letzte Rippe setzt, nicht wie bei dem Menschen unter dem
Ligamentum arcuatum externum des Diaphragma hervortritt, sondern dass er selbst mit dem
— 45 —
inneren Schenkel des Zwerchfells und dessen Rippentheil ein Ligament. arcuatum intern., welches
die Psoasmuskeln überbrückt, bildet. Daher fehlt ein Ligament. arcuatum extern. ganz. Doch
auch mit dem Subcostalis vertebralis der Phoca lässt sich dieser Scalenus lumborum in eine
Analogie bringen. Bei der Robbe breitet sich jedoch die breite Muskelfläche an den hinteren
Rändern einer grossen Zahl von Rippen aus, während bei Zutra, Canis, Felis nur die hinterste
Rippe zum Ansatz dient.
Zur Statik und Mechanik der Wirbelsäule und ihrer Muskeln,
Will man sich eine Anschauung über die statischen und mechanischen Verhältnisse der
Wirbelsäule verschaffen, so ist es vor allem nöthig, die Lage des Schwerpunktes für den
thierischen Körper aufzusuchen. Ich habe diesen nach Weber’s Methode zu bestimmen ver-
sucht und finde denselben bei der Robbe, Otter und anderen Raubthieren gerade in der Gegend
der Vertebra intermedia. Gegen diesen Punkt hin scheint bei dem Stehen von der vordern sowie
von der hintern Körperhälfte ein gegenseitiger Druck stattzufinden, woher wohl auch, gerade in
dieser Gegend, die grösste Wölbung der Wirbelsäule nach oben entstanden ist. H. Meyer hat in
seinen trefflichen Arbeiten (Statik und Mechanik) uns gezeigt, wie die Krümmungen der Wirbelsäule
bei dem Menschen erst durch das aufrechte Stehen sich ausbilden. Ebenso zeigt er an einigen Bei-
spielen, wie bei den Säugethieren der Bogen der Wirbelsäule, vom Becken zu den ersten Brustwirbeln,
eine ähnliche Entstehung kund gibt. Er macht uns aufmerksam, wie das noch nicht geschulte
Pferd beim Besteigen des Reiters den Rücken nach oben krümmt, um der plötzlich begegnen-
den drückenden Last eine sichere Stütze entgegenstellen zu können. — Bleiben wir bei diesem
Beispiele, und fragen wir; wodurch vollbringt das Pferd diese Krümmung des Rückens? Es
stellt sein Becken steil, indem es mit seinem Hintertheil sich zurücklegt, und bekommt dadurch
günstigere Angrifispunkte für die über das Becken zu den Lenden laufenden Muskeln. Die Folge
hiervon ist, dass die Muse. interspinales gedehnt, die Spitzen der Dornfortsätze aus einander
gezogen und das Lig. nuchae, welches sich über den ganzen Rücken ausbreitet, in Spannung
versetzt wird. Liegt nun die Last auf dem Rücken, so nähern sich alle Dornen gegen einander,
und bei zu grossem Druck entsteht an ihren Spitzen eine gegenseitige Berührung, welche ein
weiteres Einsinken der Wirbelsäule verhindert. Durch die Lig. longitud., den Long. colli, Psoas
minor, den Ileo-lumbalis, die Recti und Obliqui abdominis und durch die auf den Boden sich
stemmenden Extremitäten wird aber der sogenannte Horizontalschub verhindert. Dieses
Gegeneinanderstemmen der Spitzen der Proc. spinales wird aber besonders durch die entgegen-
Alb
gesetzte Richtung ‘der "hinteren und vorderen Dornen erleichtert und ein Einbrechen der
Wirbelsäule durch das stark gespannte Lig. longitudinale antieum unmöglich gemacht.
Nach Vorstehendem dürfen wir daher die Structur der Wirbelsäule mit der Construction
einer eisernen Brücke vergleichen, welche durch einen über sie hin gespannten Bogen und von
diesem. nach der Brücke gehende und gegen einander geneigte Stangen schwebend getragen
wird. Der Bogen der Brücke ist an seinen beiden Endpunkten an feste Endpfeiler befestigt.
Diese werden bei dem Thierskelett durch die gegen einander aufwärts geneigten Hauptknochen
des Schulter- und Beckengürtels, durch Schulterblatt und Hüftbein ersetzt, welche. wieder durch
zwei gegen einander abwärts geneigt liegende Knochen, durch den Humerus und Femur getragen
werden. Der Humerus aber federt auf einem nach vorn, der’ Femur auf einem ‘nach hinten
offenen Ellnbogen- und Kniegelenk. ‘Wir finden hier eine hinreichende Befestigung der Rumpf-
wirbel an. beiden Enden mit Vorrichtungen vereinigt, welche jedem gewaltsamen, durch die
Bewegung des Körpers veranlassten Anstoss entgegenwirken. Im Innern dieser 'Wirbelkette
sind ‚aber, als Ligamenta intervertebralia noch elastische Glieder eingefügt, welche, gleich den
Puffern unserer Eisenbahnwagen, jede störende Einwirkungen solcher Art in der verschiebbaren
Wirbelreihe selbst beseitigen.
Robbe.
Nach der in der ‘ersten 'Abtheilung pag. 61 (337) aufgestellten Tabelle sehen wir so
viel wenigstens mit Gewissheit, ‘dass die dorsale, ventrale und laterale Beugung, sowie die
Torsion bei den dort vorgeführten Thieren in der Brustregion viel grösser ist, als in den
Lenden, — eine Wahrnehmung, welche den bei dem menschlichen Skelet gemachten Beobachtungen
vollkommen widerspricht. *) Ferner sehen wir, dass sowohl in der Brust- als auch in der
Lendengegend bei der Robbe sowie bei der Otter, den übrigen Thieren gegenüber, sich die
grössten Bewegungsexcursionen finden. Dass diese Erscheinung auf grösseren Lig, intervertebralia,
kürzeren nach hinten geneigten Dornen, kürzeren Bogenstücken und daher resultirenden
grösseren Lücken zwischen letzteren beruhet, ist schon früher erwähnt. Dass diese Bildungen
der Lenden-Wirbel der Robbe die Eigenschaft verleiht, die im Beginn dieses Aufsatzes
(pag. 278) ‚geschilderten Schwimmbewegungen auszuführen, ist wohl zu verstehen, weniger
*) Berücksichtigen wir aber, dass hier bei diesen Thieren ein langes, durch eine Reihe von Knorpel-
stücken durchsetztes gertenartiges, rundes Brustbein, nebst drehrunden langen Knorpeln und dünnen, runden
Rippen, sowie eine grössere Zahl von Wirbelkörpern und Bandscheiben, nebst weniger gedrängt auf einander
gelagerten Dornen vorkommt, so dürften wir schon hierin einige Anhaltspunkte für diese Erscheinung finden.
— 417 —
verständlich möchte jedoch ihre Fortbewegung auf dem Lande sein. Prüfen wir
daher die Spinalmuskeln in dieser Richtung. — Wenn wir die Muskeln an der unteren und oberen
Seite der Wirbelsäule rücksichtlich ihrer Wirkung auf die Knochen überblicken, so finden wir
drei Gruppen: 1) den Ileo-lumbalis und Psoas minor, 2) den Longus colli und 3) den
Extensor dorsi. Die Wirkung des Psoas und Ileo-lumbalis kann nur die sein, eine
Contraction und ein Aufeinanderpressen der vier hinteren Brustwirbel, der Lendenwirbel
und des Beckens zu vollbringen, denn dass diese Muskeln eine ventrale Beugung bewirker.
sollten, ist um so weniger denkbar, als die breiten Epiphysenflächen dieser Wirbel in flachen
Ebenen sich begegnen. — Der Longissimus colli, welcher von den Wirbelkörpern der sieben
vorderen Brustwirbel und dem letzten Halswirbel entspringt und dann an die Proc. costärii
des dritten bis fünften Halswirbels sich ansetzt, scheint in seinem Brusttheil eine dem vorigen
ähnliche Wirkung auf die vorderen Brustwirbel auszuüben, denn auch hier begegnen sich diese
Wirbel mit ziemlich ebenen Flächen. — Im Halstheil dieses Muskels jedoch begegnen sich
die Halswirbel mit gegenseitig convex gewölbten Gelenkflächen, und hier ist dieser Muskel
ein Strecker des nach hinten gebogenen Halses. Der Longus colli ist also besonders
Antagonist der Nackenmuskeln, des Complexus, Trachelomastoideus ete. — Die Bedeutung der
so eben an der hinteren und vorderen Unterseite der Wirbelsäule sich befindenden Muskeln
als Compressoren ihrer Wirbel und als Momente zur Feststellung einer Wirbelstrecke in den
Lenden und der Brust, wird für die Fortbewegung der Robbe auf dem Land deutlicher werden,
wenn wir erst die Arbeit der Streckmuskeln des Rückens betrachten. — Die Wirkung des
Extensor dorsi communis erkennt man aber am deutlichsten bei der Fortbewegung
der Robbe auf dem Lande. — Die Hinterextremitäten an einander gelegt und ins Freie
gerichtet, der nach hinten gestreckten Schwanzflosse des Fisches vergleichsam, und oft ohne
alle Theilnahme der Vorderextremität sieht man das Thier den Rumpf von dem Becken
aus in die Höhe schnellen und dann auf die Brust niederfallen. Diese Bewegung folgt in
kleinen, rasch sich folgenden Sätzen. Nur zum Erhalten des Gleichgewichtes oder zur
Unterstützung der Fortbewegung breitet die Robbe öfter die Vorderextremitäten aus und
stemmt sich mit der ausgebreiteten Flosse und eingehackten Krallen auf den Boden. Bei
dieser Bewegungsart kommt dem Extensor dorsi communis die wichtigste Aufgabe zu. Der
Rectus abdominis sowie die Obliqui unterstützen aber dieses Vorschnellen des Rumpfes, indem
sie durch Verkürzung der unteren Rumpfseite eine stärkere Wölbung des Rückens veranlassen,
und dem über diesen ausgespannten Extensor günstigere Ansatzpunkte geben. Mit der Con-
traction der Bauchmuskeln contrahirt sich aber auch der Extensor dorsi sowie die an der
Abhandl, d. Senekenb. naturf. Ges. Bd. IX. 53
— 418 —
unteren Seite der Wirbel liegende ‚Psoas und Neo-lumbalis. Auf diese Weise „werden die
Lenden. mit den hintersten Brustwirbeln von oben und ‚unten, zusammengepresst. _ Die so
mit dem. Becken ‚befestigte hintere Gegend der ‚Wirbelsäule ‚bleibt von der, Contraction der
Bauchmuskeln. in ihrem Zusammenhang unberührt, während die zunächst vorliegende, Brust-
gegend, welche keine Muskeln, an ‚ihrer ventralen Seite hat, dieser unterworfen ist und daher
‚sieh „biegt., An dem. festen Wirbelstab der Lendengegend wird nun der Vorderrumpf
gleichsam wie an einem Hebel in, die Höhe gehoben. _ Bei solcher Wölbung nimmt aber
die Vertehra, intermedia entschieden den Scheitelpunkt ein. , Es ist, daher die Lage dieses
Wirbels nicht nur im Schwerpunkt des ganzen Körpers, sondern auch im Mittelpunkt der
ventralen Beugung, höchst wichtig für die ‚Extensores dorsi. — Entschieden der, wichtigste
dieser Muskeln für die Streekung_ des Rückens ist der ‚Spinalis. In, ‚der Tiefe steigen seine
Fasern zuerst von .den Gelenkfortsätzen, und später von den Querfortsätzen längs der ganzen
Wirbelsäule vom Schwanzbeine bis. zum ‚Epistrophaeus, in der Oberfläche aber beginnt er
erst in. der, Gegend ‚des letzten ‚Lendenwirbels aus der Fascia lumbodorsalis. Während
nun von dieser seiner neuen Ursprungsstelle ‚bis zur Vertebra. intermedia, neue Sehnen
von den Gelenkfortsätzen, schiehtweise, über einander liegend, in ihn hinein ‚treten „ erhält er
von den diese Sehnen trennenden ‚und von ihnen ausgehenden Muskelfasern mächtigen Zuwachs.
Die Muskelstränge.‚steigen nach. vorn ‚und setzen sich oben an die Dornen, der vorderen Brust
und des Halses, . Hier ‚liegt ‚nun der, ‚zweite Muskel, nämlich der Longissimus ,colli, welcher
durch seinen Brusttheil die vorderen Brustwirbel auf einander presst. ‚Diese Pressung wird
durch die soeben erwähnten. Muskelstränge, vermehrt und findet dann der Extensor dorsi an
dieser Stelle einen festen Angriffspunkt zur Erhebung des Vorderrumpfes. — Die zweite Stelle
als Strecker des Rückens nimmt. der Transversalis ein. In der, Tiefe läuft sein Fleisch
gegen. die, Gelenkfortsätze, ‚sowie ‚an ‚die Seitentheile der Lendenhogen und, weiter vorn
an die. Proe.' accessorii..., Diese ‚scheinen eine, ‚laterale Bewegung zu vollführen,. zugleich aber
auch die Wirkung des -Ileo-lumbalis zu unterstützen, Erst an dem Querfortsatz der Vertebra
intermedia gibt er die erste Schne an die ‚Querfortsätze, ‚welche in minder hohem Bogen und
mit geringeren Hebelarmen als der ‚Spinalis über den Rumpf nach vornen steigt und erst vorn
in.dem Transyersalis, günstige Ansätze für den Hals gewinnt, Die günstigsten Verhältnisse haben
aber .die-Fasern, die oberflächlich aus der, Fascia_lumbo-dorsalis, sich entwickeln und zu der
Tiefe. des Proc. transversus der Vorderbrust herabsteigen. — Der schwächere Antheil der
Rückenstreekung kommt jedoch dem Lumbo-costalis zu. Nur in der Lendengegend, wo er
zu den Querfortsätzen. der Lendenwirbel, und zu, der Schicht des Fasc. lumbo-dorsalis zwischen
—. 419 —
diesen, herabsteigt, sowie vorn, wo er seine Sehnehansätze den 'Rippenhülsen nähert, muss
er besonders als Stiecker und seitlicher Beuger wirken, im Uebrigen aber beurkundet er sich
durch seinen Ansatz, lateral von dem Angulis Costarum, als bei der Exspiration betheiligt.
Berücksichtigen wir die Lage des Spinalis in der Mediane und sein Aufsteigen über den
höchsten Scheitelpunkt des Rückens längs der Mediane, ferner die Ansätze seiner Fleisch- und
Sehnenfasern an die Spitzen der gleich Hebel wirkenden Dornen und sehen wir daneben den
seitlich, _ an den tieferen Stellen der Wirbelsäule, sich dahinziehenden Longissimus, so dürfen
wir dem Spinalis, trotzdem er weit geringer an Masse ist, gewiss den wichtigeren Antheil bei
der Streckung des Rückens zuschreiben.
Raubthiere.
Nach Betrachtung der Muskelthätigkeit der Robbe kommen wir zu den Raubthieren.
"Fanden wir nun auch den Verlauf der Muskelstränge dieser mit denen der Robbe überein-
stimmend, und ist die" Wirkung, dieser Muskeln"dieselbe,‘'so müssen wir jedoch bei näherer
Untersuchung der mechanischen Verhältnisse einsehen,. ‚dass hier die Aufgabe der Extensores
dorsi eine weit leichtere ist, indem die mächtigen Muskeln an der oberen Seite des Beckens
und an..der hinteren des Oberschenkels für die Fortbewegung dieser Thiere und namentlich
für den‘ Sprung (der bei der Robbe ja allein nur in ‘Frage kam) von hoher. Bedeutung sind.
Doch nöch andere Punkte sind es, die ein näheres Eingehen auf die Bewegung dieser Thiere
mir abnöthigen.
Ich habe schon bei den Rumpf-Schultermuskeln erwähnt, wie der Cucullaris und die
khomboidei von oben her "das Schulterblatt von aussen"an"der Spina und oben an dem medianen
Rand anpacken, der Serratus aber von der unteren Seite vom Hals und der Brust aufsteigt
und ancdie obere undoinnere Seite des Schulterblattes sich anheftet. Durch .diese»Muskeln
wird der Rumpf bei dem Stehen des Thieres wie in einer Wiege schwebend von dem inedianen
(oberen) Rand der Schulter getragen. Da nun die Vorderextremität beim Gehen abwechselnd
bald schwingt und dann wieder sich aufstemmt, das jetzt tragende Bein das vorher beim
Schwingen schräg'nach hinten herabgesunkene Schulterblatt senkrecht aufrichtet, so wird der
Seitentheil dieser Brusthälfte durch jenes Senkrechtstellen der Schulter. gehoben, die entgegen-
gesetzte Brustwand aber, an welcher das Bein schwingt, ist gesenkt.: Auf diese Weise bekommt
der Thorax bei der wechselnden Thätigkeit beider Vorderbeine abwechselnd, eine Drehung in
frontaler- Richtung. Während dieses nun an den Vorderbeinen geschieht, "schieben: die Hinter-
extremitäten abwechselnd stemmend und schwingend den Rumpf nach vorn. Wir sehen hierbei
— 20 —
das Becken, die Lendenwirbel und die hinteren Brustwirbel stets von der stemmenden Ex-
tremität nach entgegengesetzter Seite nach vorn geschoben und dabei die schwingende Seite
anfangs etwas gesenkt, dann aber gehoben. Indem nun die Bewegungen zwischen vorn und
hinten sich kreuzen, so sehen wir rechts und links abwechselnd eine seitliche Beugung,
sowie eine frontale Verschiebung zwischen den vorderen und hinteren Theilen
des Rumpfes. Die Stelle nun, in welcher diese entgegengesetzte Rotation
und die seitliche Beugung des Rumpfes vorkommt, ist die Vertebra intermedia.
Anmerkung. Am leichtesten werden diese soeben geschilderten Bewegungen bei Mastschweinen
beobachtet, welche nur mit Mühe sich fortbewegen können, sowie an Hunden.
Nicht ohne Interesse ist es, einige Gewichtsverhältnisse der Rückenmuskeln zu den Nacken-
muskeln und zu dem Rumpfskelet, sowie der Nackenmuskeln zu dem Schädel hier beizufügen.
Zu bemerken sei nur, dass die Knochen in trockenem Zustande gewogen sind und daher die
Zahlen für die Muskeln den Knochen gegenüber sehr im Vortheil sich befinden.
A. Der gemeinsame f. F den Kopf-
Strecker des Rückens u Nacken-Muskeln wie 100 zu x
Gramm ö Gramm
1) Mittel aus 2 Robben . . 752 199 26
2) Mittel aus zwei Ottern . 102 66 64
a N 168 50 29
2) Buchbschstt rarfad or 4 380 108 28
5) Hyaena striata . .» ... 760 1000 132
6) Mittel aus zwei Inuus . . 140 38 27
RL SER ERS 1480 "238 16
B. Der Schädel zu den Kopf-Nacken-Muskeln wie 100 zu x
Gramm Gramm
1) Mittel aus zwei Robben . 230 199 98
2) Mittel aus zwei Ottern. . 44 66 155
SuHuchssih- Houm ala 80 108 135
4), Hyaena striata .. ..... 542 1000 184
5) Mittel aus zwei Inuus . . 113 38 34
ee 1100 238 21 :
©, Das Rumpfskelet zu dem ei EL ASS
Gramm Gramm
1)uRobbejlll.nadaras .soaln. 945 968 481
DERR NE a uf 148 192
8). Katze, ra. Arne nes 48 i 168 350
4) Hyaena striata. . . . . 645 760 123
5) Inuus cynomolgus U : . 249 t 224 8
6). Mann ar en 4104 1480 35
ae
Die Tabelle A. zeigt uns die Gewichtsverhältnisse der Nackenmuskeln (Splenius, Trachelo-
mastoid., Complex., Recti und Obliqui) dem ‚gemeinsamen Strecker des Rückens (Lumbo-spinalis
transversalis et costalis) gegenüber, Bei dem Menschen sind Erstere im Vergleich zu den
Thieren am schwächsten. Es wird wohl gerechtfertigt sein, diese Wahrnehmung mit dem auf-
rechten Gange des Menschen, sowie mit der Unterstützung seines Schädels durch die Wirbelsäule
in Verbindung zu bringen, Das entgegengesetzte Verhältniss zeigt die gestreifte Hyäne.
Auch dieses dürfte nicht auffallen, wenn man den langen Hals, den schweren Kopf, den
kurzen steilen Rücken und die scheinbar kreuzlahme Haltung dieses Thieres im Leben beobachtet.
Dass die Nackenmuskeln der Meerkatze so schwer wie die des Fuchses und der Katze sind,
möchte eher auffallen. Doch dürfte die Schwere des Kopfes, sowie die verhältnissmässig
schwachen Rückenstrecker vielleicht auch hier zur Erklärung beitragen.
Aus der Tabelle B. sehen wir das Gewicht der Näckenmuskeln im Verhältniss zum
Schädel in der ganzen Reihe am grössten bei der Hyäne, dagegen das des Affen und des
Menschen am kleinsten. Dass die Nackenmuskeln des Fuchses, den Ottern und. der Hyäne
gegenüber, schwach sind, ist wohl dadurch zu verstehen, als hier ein sehr starkes Nackenband
sich findet, welches den Ottern eigentlich fehlt.
Die Tabelle ©. führt uns endlich das getrocknete Rumpfskelet, dem gemeinsamen Rücken-
strecker gegenüber, vor. Wenn hier wieder der Mensch die schwächsten Rückenmuskeln hat,
so liegt das wohl wieder in seiner aufrechten Haltung. Der Affe, welcher zunächst folgt, zeigt
wenigstens darin ein ähnliches Verhältniss, als er meist aufrecht sitzt. Dass die Katze so
eine grosse Verhältnisszahl zeigt, beruhet wohl auf dem so leichten Rumpfskelet, während der
Seehund bei seinen starken Rückenmuskeln, trotz seiner günstigen Wirbelverbindung, eine sehr
schwierige Aufgabe beim Vorwärtsschnellen seines Körpers zu vollbringen genöthigt ist.
Ich denke, dass sich obige Gewichtsverhältnisse mit der Function der Thiere, in obiger
R
Weise, weitere Untersuchungen vorbehalten, vereinigen lassen.
Viscerale Muskeln.
Phoca vitulina.
Muskeln der Kiefer.
Musc. biventer (Taf. L, Fig. 1 c, Fig. 3 a) entspringt als dicker Muskel an dem
Querwulst (Proc. mastoid.) über dem Tympanum und von letzterem selbst, Er steigt schmäler
werdend abwärts und heftet sich an den Winkel des Unterkiefers und den Körper desselben.
—_— 42° —
Musc. masseter (Taf. L, Fig 1 b) entspringt von dem unteren Rande des Jochbogens
von der Gelenkhöhle an bis zu dem unteren Winkel des Jochbeines, heftet sich mit schräg
nach hinten absteigenden Fasern an die äussere Grube des Unterkiefers und, mit den hintersten
Fasern um den aufsteigenden Ast des Unterkiefers sich herumschlagend, an die Fascia des
Pterygoideus.
Musc. temporalis (Taf. L, Fig. 1 u. 2 a) entspringt in dünner Lage vom Planum
semicircul. längs dem wenig erhabenen Margo orbitalis und von der Fascia temporalis. Die
lateralen Fasern setzen sich an den oberen Rand des Jochbogens, die hinteren und inneren
E laufen vor- und abwärts und heften sich schräg an die Spitze des Kronenfortsatzes längs
dem vorderen Rande und längs der inneren Fläche (der Grube) desselben.
Muse. pterygoideus (Taf. L, Fig. 3 b) entspringt von der oberen Fläche des Gaumen-
beines und dem Proc. pterygoid. des Keilbeines und setzt sich an die ‘innere Seite des auf-
steigenden Astes des Unterkiefers,
Muse. buccinator ist sehr schwach und zeigt sich’nur als eine sehr dünne Faserlage
auf der Schleimhaut der Wangen.
Hals- und Brustmuskeln.
Sterno-mastoideus (Taf. IV. Fig. 11, Taf. VI. Fig. 1 a). Ein langer, schmaler
Muskel. Er entspringt an der Pars mastoidea oss. temp. unter dem Muse. trachelomastoid. und
setzt sich längs der Mittellinie an das spfessföormige Ende (Manubrium) des Brustbeines auf
der inneren Seite des Musc. pectoralis.
Costo-thyreo-hyoideus (Taf. IV. Fig. 2 c,— ‚Taf. VI. Fig. 1 i) entspringt. breit
an dem Knorpel der ersten Rippe, spaltet sich in zwei Theile und heftet sich an den Seiten-
theil der Cart. thyreoidea und mit einem zweiten Kopf an das Horn des Zungenbeines.
Scalenus primus (Taf. VI. Fig 1,g) entspringt: von’ dem Querfortsatz des sechsten
und siebenten Halswirbels und heftet sich an die erste Rippe.
Scalenus secundus (Taf VI, Fig. 1 f) entspringt von dem Proc. transv. des vierten
und fünften Halswirbels und heftet sich gleichfalls oben an die erste Rippe unter den vorigen.
Er ist mehrfach mit dem folgenden verwachsen.
Scalenus tertius (Taf. VI., Fig. 1 d) entspringt vom Querfortsatz des dritten Hals-
wirbels und heftet sich an die äussere Fläche der dritten und vierten Rippe. Neben ihm nach
vorn und unten liegt der Transversus costar. ()) und hinter ihm der Obliquus abdominis (n).
Oberflächliche Rippenmuskeln,
Transversus costarum (Gurlt) latus (Taf. VL, Fig. 1 k) entspringt vonder äusseren
Fläche der Rippe und des Rippenknorpels (gerade hinter der’ Ansatzstelle’ des Scalen. 'medius
und des’ costo-hyoideus und heftet sich an die unteren Knorpelenden der ‚zweiten‘ bis vierten
Rippe. ' Die Sehne dieses dünnen, breiten Muskels'ist mit der unter ihm liegenden ‘Sehne des
Rectus abdominis" (m) verwachsen.
Transversns 6 08t. (Gurlt) tenuis (Taf. VI., Fig. 1 ]) entspringt mit zwei langen Zacken
vondem hinteren Ränd der zweiten und dritten Rippe und heftet sich an die Knorpelenden
der 'sechsten und 'siebenten Rippe. Auch er überzieht den Rectus (m) und ist mit dessen
Sehne verwachsen.
Diese beiden Muskeln sehen fast aus, wie verkümmerte Reste des Obliquus externus, welche
auf dem vorderen Theile der Brust lagerten.
Bauchmuskeln.
M. obliquus abdominis externus. Siehe Hüllenmuskeln p. 109 (Taf. III).
M. rectus abdominis (Taf. II. g, Taf. VI., Fig. 1,m). Er entspringt mit schmaler, flacher
Sehne an den Knorpeln der fünf vorderen Rippen und läuft nun fleischig, stärker und breiter
werdend, ohne Inscriptiones tendineae zur Symphyse. Er wird in der Brustgegend von dem
Transversalis costarum (Taf. VI, Fig, 1 m, k u. ]), sowie hinten in der Nähe des Beckens
von den Fleischfasern des Obliq. externus bedeckt. Der Oblig. intern. stösst in der vorderen
Bauchgegend mit seinen Fleischfasern bis an ihn, weiter hinten aber laufen dieselben absteigend
unter ihn und hüllen ihn in seinem ‚hinteren Viertel beinahe ganz ein.
Musc. oblig. internus (Taf. II. h, Taf. VIIL, Fig. 1 b. Die Muskeln sind vom
Schenkel abgelöst und ‚median, gelegt.) entspringt fleischig_ von dem Pecten, pubis, von der
Crista ilei. von der. oberen und ‚unteren Scheide, der ‚grossen Rückenstrecker und von den
Rändern. der sechs hinteren Rippenkvuorpel. Seine vorderen, Fasern laufen schräg nach ‚vorn,
seine mittleren, gerade. abwärts bis zum, lateralen Rande des Rectus, woselbst, sie in einer
Faseja zur Linea alba übergehen (b). Seine hinteren Fleischfasern, welche von der Orista ilei,
von einem: Sehnenschenkel ‚welcher. ‚die ‚Lücke, für, die Schenkelgefässe überspringt (Fig. I.
zwischen. f und b),, ‚dann von ılem mittleren Drittel des ‚Pecten pubis kommen (b), an ihrer
äusseren Fläche aber durch Bindegewebe an die ‚vordere innere Seite, des Oberschenkels, die
innere Seite der Patella und des Condylus internus femoris angelöthet sind, begeben sich, dem
\
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)
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— 424 —
Verlauf des Obliq. externus folgend, die Decke des Inguinaleanals bildend und den Rectus über-
schreitend, zur Linea alba.
Musc. transversus entspringt mit breiten Zacken,, welche zwischen die Zacken des
Zwerchfells eintreten, an der inneren Seite der Knorpel der fünf unteren Rippen, an der unteren
Fascia der grossen Rückenstrecker, an einem Sehnenstreifen, welcher brückenartig, von. der
Spina ilei anterior zur Tuberositas ileo-pectinea die Schenkelgefässe ete. überspringt, und an
den hinteren zwei Dritteln des Pecten pubis. Die Fleischfasern laufen vom Obliquus intern, lateral
bedeckt und im hinteren Theile, mit, ihm verwachsen ‚ gerade abwärts und heften sich, unter
dem Rectus wegtretend, mit einer Sehne in die Linea alba. Im hinteren Theile verläuft er,
ganz dem internus folgend, wie jener.
Tiefe Brustmuskeln.
Levatores costarum. Es sind 15 an der Zahl, Sie entspringen an den Querfort-
sätzen der Rückenwirbel und strahlen auf den vorderen oberen Rand nächst dem Halse jeder
Rippe aus.
Intercostales. (Taf. VII. d. e.) Es finden sich interni, und externi. Ihr Verlauf
ist ganz derselbe wie bei dem Menschen. Besonders stark sind die externi, weshalb sie auch
über die äussere Fläche der Rippen wegtreten.
Musculus subcostalis vertebralis (Scalenus lumborum H. Meyer? Taf. VIII.
fig. 30v). Eine flache breite Muskelschicht, welche an den Querfortsätzen der vier vorderen
Lendenwirbel, und den Köpfchen der sieben hinteren Rippen entspringt. Alle Fasern laufen
lateralwärts nach vorn und heften sich, je eine Rippe überspringend, an den hinteren Rand
der Rippen. Die Fasern, welche vom 4. Lendenwirbel kommen, befestigen sich, von ihrer
Insertion fächerförmig ausstrahlend, an den ganzen hinteren Rand der letzten Rippe. Die
Fasern des 3. Wirbels liegen nun nach innen von jenen und heften sich, die letzte Rippe über-
springend, an die vorletzte, allein ohne den ganzen Rand der Rippe zu besetzen, sondern
ein kleines Stück nach dem Brustbein zu freilassend. Bei dem folgenden Querfortsatz ist das
Verhältniss der Fasern ebenso, allein der unbesetzte Theil der Rippe ist grösser, Bei den
Fasern, welche vom Kopf der letzten Rippe entspringen, ist der freie Rand wieder grösser,
indem nun auch die mediale Hälfte der 11. Rippe besetzt ist. So vergrössert sich der frei-
gelassene Theil von Rippe zu Rippe mehr. Auf diese Weise bekommt diese Muskellage die Gestalt
eines gesägten und nach vorn schmäler werdenden Blattes, dessen hinterste Zacke 100 Mm.
und dessen vorderste 20 Mm. breit ist,
= 425 —
Musculus subecostalis sternalis (Triangularis sterni hominis). Gleich wie der vorigen
auf der inneren Seite der Rippen, so liegt dieser innen auf den Rippenknorpeln ausgebreitet
und zwar vom Brustbein an lateralwärts bis zur höchsten Krümmung des Knorpels und von
der Scheibe des Process. xyphoid. an bis zum 3. Rippenknorpel. Die Fasern entspringen von
der lateralen Seite des Sternum zwischen zwei Rippenknorpeln und laufen lateralwärts von
hinten nach vorn und heften sich, eine oder mehrere Rippen überspringend, an den hinteren
Rand des Knorpels und zwar nur bis zur höchsten Beugung desselben. Hierdurch wird also
noch dieser Muskel gezackt und von Knorpel zu Knorpel schmäler.
Diaphragma. Es ‚entspringt mit den inneren Schenkeln an der Protuberantia des
ersten Lendenwirbelkörpers. Diese Schenkel bilden den Meatus aorticus. Die mittleren Schenke
entspringen an der Spitze des Querfortsatzes desselben Wirbels. Die dritte, aber breite Ur-
sprungsstelle bilden die beiden letzten Rippen. Dem Zwerchfell der Robbe fehlt fast ganz ein
Centrum tendineum und es besteht dasselbe fast nur aus Muskelsubstanz, welche von den
beiden Ansatzstellen des ersten Wirbels ihren Ursprung nehmen. Der Ansatz an den Rippen
ist aber sehnig und von hier laufen zwei sehnige Schenkel gegen die Durchtrittstelle der Vena
eava, welehe von einem Annulus tendinosus ringförmig umgeben ist.
Anmerkung. M. J. Weber. Beschreibung nebst Abbildung des Zwerchfelles einer Phoca vitulina. —
(Müller’s Archiv 1840.)
Wenden wir. uns nun zu den visceralen Muskeln der Zufra und der andern Raubthiere.
Vergleichung.
Lutra vulgaris.
Die Kaumuskeln finden wir übereinstimmend mit der ‚Phoca.
Musc. biventer (Taf. XL, Fig. 1, 21, Taf. XII., Fig. 3, 2) entspringt von der
Fläche nach aussen von dem Proc. mast., wird sehr stark und setzt sich, flacher werdend, um
den unteren Rand (Winkel) des Unterkiefers.
Muse. masseter (Taf. XL, Fig. 1, 20, Taf. XIIL, Fig. 3, ı). An dem unteren Rand
des Jochbogens befestigt und an die äussere Fläche des Unterkieferastes (Grube an den Rand
des Unterkiefers bis über den Winkel) gehend, ist verhältnissmässig stärker als bei der Phoca.
Musc. temporalis (Taf. Xl., Fig. 1, ı»). Der Temporalis zeigt zwei Fascien. Eine
oberflächliche, die hinten oben und median unmittelbar auf der tieferen Fascia aufliegt, dann
aber nach vorn, unten und lateral von dieser durch Muskelmassen, welche weiter abwärts in
stets diekerer Lage, getrennt wird. Diese Muskelmasse entspringt von der inneren Oberfläche
54
Abhandl, d. Senckenb. naturf. Ges. Bd. IX.
a
der oberen und dann, auch von der äusseren Fläche der unteren Faseia, ‚Diese oberflächliche
Fascia, ‚welche gleich der tieferen von der Orista. sagittalis nnd. oceipitalis entspringt, heftet.
sich ‚unten; an den oberen Rand des Jochbogens und an.ein Ligament, welches.von dem Proc.
zygomaticus des Os frontis und ‚Proc. frontalis ‚des Os zygomat. ausgespannt ist. Die, wie
vorher erwähnt, entspringenden Muskelfasern setzen sich an den oberen vorderen Rand des Ramus
maxillaris, die von. der tieferen Fascia und der Oberfläche des Schädels (von der Crist. oceipit.
bis zum, Proc. zyg., Os frontis, dem ganzen, Planum) entspringende Muskelmasse. setzt sich an
die Spitze und die innere Seite des ‚Unterkieferastes. Auch dieser Muskel ist weit, mächtiger,
als der der, Phoca.
Pterygoideus entspringt von der lateralen Seite des Proc. pterygoid. und heftet sich
an die innere Seite, des Astes und des Winkels des ‚Unterkiefers,
Muse. mylohyoideus (Taf. XIIL, Fig. 3, 3) entspringt an ‘der Basis des Zungenbeines
und ‚heftet ‚sich an die Linea obliqua des. Unterkiefers.
Musc. geniohyoid. liegt, über dem vorigen. wie ‘beim Menschen.
Musc. genioglossus über dem: vorigen ganz ‚wie beim Menschen,
Musc. hyoglossus; wie bei,dem, Menschen zur Seite des vorigen. ‚Zerfällt in. 1) Basio
gloss., 2) Chondrogl,, 3) Oeratoglossus. Letzterer entspringt von dem weit nach hinten laufen-
den Horn.
Muse. stylohoid. von der 'vorderen Fläche vor dem Proc. mastoid. entspringt ein
kleiner platter Muskel und heftet sich an die Spitze des Horns des Zungenbeines.
Scaleni (Taf. XIII, Fig. 3,.24,'26) finden sich drei bei der Otter, welche von den Quer-
fortsätzen des sechsten und siebenten Halswirbels kommen und zu den Rippen gehen. Der
Scalenus primus geht an ‚die erste Rippe. .Scal, seeundus ist länger und heftet: sich an
die dritte Rippe. Der Scal. tert. aber, der längste und oberste, ‘geht. an die äussere’ Fläche
der ‚fünften Rippe. Die beiden letzten liegen lateral der Zacken des Serratus anticus. Der
Plexus brachialis läuft vor (unter) ihnen nach der Extremität.
Musc.transversaliscostarum (Taf. XUL, Fig. 3, 97) findet sich bei der Otter als ein
ziemlich breiter Muskel, welcher, an der unteren Fläche und dem. hinteren Rande der ersten
tippe entspringt, an der Brust über die zweite und dritte ‚Rippe.nach "hinten läuft und, flache
Sehnen, median ‚über, den Rectus ‚abdom;, schickend, in der Gegend des vierten und fünften
Rippenknorpels sich an. das Brustbein setzt.
Musc.sternomastoideus(Taf. XIL, Fig. 2 9) ist,wie.bei.der. Robbe ein schmaler Muskel,
unmittelbar an der lateralen Seite, des Oucullaris liegend. Von.der. Seite des Sternum und der
— 2T—
oberen Seite der Rippe 'entspringend, geht er an den Proc. 'mastoid. oberhalb dem‘ Cleido-
mastoideus.
Musc, cleido-mastoideus (Taf: XIL, Fig.'2, s) ist weit‘schwächer als der vorige. Er
kommt von der Clavicula (dem oben’ erwähnten an. der inneren Seite. des Tubereul. ‚minus und
der. .Fascia coraco-elavicularis Knochenkern) und: dem Tub.. minus, des Humerus' und geht 'an
den Proc. mastoid, median: vom: Sterno-mastoid.
Bauchmuskeln.
Muse. obliquus externus (Taf. XIV., XV., Fig. 6, ı5 u. ı4) beginnt an der vierten Rippe,
über dem hinteren Ende des Scalenus magn. und entspringt von der äusseren Oberfläche aller übrigen
Rippen mit den vier vorderen Zacken zwischen den Serratus eingreifend. In der Lendengegend
kommt er von der Fasc,. lumb. dorsalis.und an dem Becken vom Kamme des Hüftbeines und dem
unteren Hüftbeinrand zwischen Spina ilei anter. sup. et infer,, nach aussen mit dem Sartorius ver-
einigt. Von der Spina anterior abgehend, setzt er sich mit einem sehnigen Streifen, in einem Bogen
den mittleren Theil des Pecten pubis überspringend, an den unteren Theil desselben (Columna
extern.) etwas oberhalb der Symph. und mit einem medianen Theil unmittelbar an die Symphyse,
wodurch ein Inguinalcanal gebildet wird; dieser sehnige Bogen, welcher lateralwärts eine Strecke
weit mit der den Muse. sartor. überziehenden Fascia verbunden ist, schickt in seinem Verlaufe
abwärts eine dünne Faserschicht ab, welche’ sich an die Fascia für die Schenkelgefässe anheftet.
In der Bauch- und selbst hinteren Brustgegend umhüllen die median und abwärts laufenden
Fasern den Muse. reetus und heften sich an die Linea alba und den Seitentheil des Brustbeins.
Musc. obliq. intern., welcher im Uebrigen die gewöhnlichen Verhältnisse (wie bei dem
Menschen) zeigt, entspringt an dem Hüftbeinkamme, jedoch auch an der unteren Seite des
Hüftbeines von der Sp. ant. sup. bis infer. (und ist hier mit dem Sartorius an dessen Ursprung
vereinigt), geht dann, an die innere Fläche der Fascia des Obliquus extern. befestigt, in einem
Bogen über den Samenstrang (diesem den Cremaster abgebend) an die Symph. Nach vorn
heftet er sich fleischig an die drei letzten Rippen und nach unten in die Linea alba.
Musc. rectus (Taf. XII, Fig. 28) entspringt schmal, zuweilen mit zwei Zacken, an der
vordersten Rippe und dem Seitentheile des Brustbeines, läuft vom Transvers. costar., hinten
vom Oblig. externus bedeckt, ‚unter den Rippenknorpeln her, und ‚setzt. sich, breiter werdend,
von den schrägen Bauchmuskeln eingehüllt, mit ‘schmaler ‘Sehne an das Becken.
Musc. tranversus abd. zeigt die bei dem Menschen und dem. Seehund vorkommenden
Ansätze.
—_ 2a —
Was die Muskeln in der Brustwand betrifft, so wäre zu erwähnen, dass die Muse. inter-
costales sich als innere und äussere wie bei der Robbe finden. Diese scheinen jedoch in der
Nähe der Wirbelsäule, sowie in der Nähe des Brustbeines verstärkt.
Die Subcostales dorsales finde ich bei der Otter nicht. Es könnte vielleicht der Scalenus
lumbor. (H. Meyer) der Otter als eine analoge Bildung anzusehen sein. Dieser Muskel ent-
springt von den Querfortsätzen der vier vorderen Lendenwirbel, begibt sich aber nur an
den Rand der letzten Rippe.
Vergleichen wir nun noch die übrigen Thiere mit der Otter, so finden wir nur
Weniges zu erwähnen. Die beiderseitigen Sterno-mastoidei bei Hunden, Katzen, Dachs und der
Hyäne sind schon im unteren Drittel des Halses mit einander verwachsen. Erst bei dem
Inuus sehen wir beide getrennt an das Sternum gehen, dagegen finden wir nun hier die Ver-
einigung mit dem Cleido-mastoid. am Proc. mastoid.
Der Scalenus post. steigt wie bei der Otter weiter an dem Thorax herab, als es bei
dem Menschen der Fall ist. Bei dem Fuchs geht seine letzte Zacke bis zur fünften Rippe.
Ebenso beim I/nuus von der dritten bis fünften Rippe. Dieser Scalenus endigt hinten
zwischen Obliq. ext. abd. und Serratus anticus einer- und Transversus costar. und Rectus
abdominis andererseits ganz wie bei der Otter.
Der Musc. transversus costarum findet sich bei Hunden, Katzen, Dachs und
Inwus gleich der Otter ausgebildet. Ich kann mich des Gedankens nicht entschlagen, dass
dieser Muskel eine losgelöste Zacke des Obliquus extern. ist. Bei allen diesen Thieren schlägt
sich dieser Muskel mit seinen sehnigen hinteren Fasern gegen die Mitte des Sternums und hüllt.
hierbei die an die erste Brustrippe sich heftende Schne des Rectus abdominis ein. In seinem
Ansatz, seiner Richtung und seiner Umhüllung des Rectus zeigt er ganz die Eigenthümlich-
keiten der vordersten Zacken des Obliqg. abd. extern. und scheint nur durch die hinterste
Zacke des Scalenus von jenen getrennt,
Anmerkung. Betrachten wir bei dem Delphin diese Muskeln, so beginnt sowohl der Rectus als
auch Obliquus mit der ersten Rippe. Von einem Transversus costarum ist hier nichts wahrzunehmen
und der Scalenus post. sitzt ganz breit an dem Rand der ersten Rippe. Der in schmaler Sehne
auslaufende Rectus setzt sich bei dem Delphin an das in dem Fleisch verborgene verkümmerte
Becken. Dieser Muskel /ohne Inseriptiones bildet hier mit seiner Sehne sowie mit der Fasc. lumbo-
dorsalis die Gränzpunkte für den Rumpf und die Stützen für die Schwanzmuskeln.
—. 29 —
Der Rectus abdominis, welcher bei den Raubthieren mehr oder weniger Inscriptiones
‚zeigt, setzt sich bei Inuus sehr breit an das Schambein und hat neben sich einen sehr ent-
wickelten grossen Pyramidalis. Bei der Katze finde ich den Rectus der einen Seite mit dem
der andern verwachsen und fleischig vom Internus bedeckt, — Bei Inwıs geht, wie bei der
Otter, das Crus extern. des Obliquus extern., nachdem es die Vasa cruralia überbrückt, in
ganzer Breite auf den Kamm des Schambeines. Nur ein. kleines Bündel löst sich median
von ihm ab und dieses ist das Crus internum, welches den Inguinalcanal median abschliesst.
Auch Inuus unterscheidet sich von dem Menschen in dem Ansatz des Obliquus int. am
Ileum dadurch, dass dieser von der Spina ilei ant. sup. bis zur Spina ant, infer. noch
ansitzt, und dass seine untersten Mukelfasern nicht von der inneren Seite des Lig. Poupartii
entspringen, sondern in einer selbstständigen Fascia an die Symphyse sich ansetzen. Der Muse.
transvers. abdominis ist auch bei Inuwus in seinem hinteren Theil mit dem Obliquus intern.
verwachsen.
Was Ileo-lumbalis, Psoas minor etc. betrifft, so finde ich nichts von der Zutra Ver-
schiedenes.
n Zur Mechanik der Visceral-Muskeln,
Wenngleich die Kiefermuskeln bei Robbe, Otter und den übrigen Raubthieren überein-
stimmende Ansätze an dem Schädel zeigen und daher von dieser Seite eine weitere Be-
sprechung überflüssig ist, so bietet es doch kein geringes Interesse, die mechanischen Ver-
hältnisse dieser Muskeln bei den verschiedenen Thieren zu prüfen.
Zunächst habe ich die Resultirende der Muskelfasern für den Muse. temporalis und
masseter, so gut es ging, zu bestimmen versucht und dann ihren theoretischeu Hebel gemessen.
Die sorgfältig abgelösten Muskeln wurden alsdann gewogen und das erlangte Gewicht zur
Gewinnung des Kraftmomentes mit der Länge des theoretischen Hebels multiplieirt. Zuletzt
wurde der skelettirte Unterkiefer in getrocknetem Zustande gewogen und dessen Gewicht mit
dem Gewichte der Muskeln in Proportion gebracht,
Mechanische Verhältnisse der Kaumuskeln.
— 430° ° —
Gewicht des Unterkiefers
Gewicht des
Musculus temporalis
Gewicht des
Musculus masseter
Gewicht des
Musculus Pterygoideus
Theoretischer Hebel des
Museulus temporalis
Theoretischer Hebel des
Musculus masseter
Kraftmoment des
Musculus temporalis
Kraftmoment des
Musculus masseter
Das Gewicht des Unter-
kiefers zu dem Gewicht der
drei Kiefermuskeln=100:x.
R
Obgleich diese Thiere verschiedenster Grösse und Alters sind (die Robbe I, der
obbe I Robbe II) Otter | Katze | Luchs | Löwe.) Wolf |Hyäne
Grm. Grm. Grm. | Grm. | Grm. Grm. | Grm. | Grm.
30 32 al 6 37 285 37 210
20 26 12 8 48 18768 36 148
10 16 3 5 20 124 14 44
4 g 1 2 8 96 8 14
Mm. Mm. Mm. Mm Mm Mm. Mm. | Mm.
28 28 22 15 20 40 30 48
35185 25 15 30 40 40 50
|
Grm. | Grm. Grm Grm Grm Grm. Grm. | Grm.
560 7128 264 120 720 150720 | 1080 6660
350 560 75 75 600 4960 560 2000
113% \ 159°/o , 128°) | 250° | 205°/o.|1364%/o | 157%/0 | 98%
65°/0
Affe
Mann
55
Grm.
1120
1430
95°/o
Löwe
und der Wolf sind junge Thiere; beide letztere noch ganz im Zahnen begriffen), neben schon
angeführten anderen Umständen auch die Sicherheit der Messung, wiewohl ‚mit, aller Aufmerk-
samkeit vorgenommen, noch Manches zu wünschen übrig lassen. mag, so kann man doch so viel
mit Sicherheit entnehmen:
1. Der Temporalis ist überall weit schwerer, als der Masseter; der Pterygoideus aber
am leichtesten.
2. Dagegen ist der theoretische Hebel des Masseter meist um einige Millimeter. länger
als der des Teemporalis.
bei diesem der theoretische Hebel des Masseter sehr bedeutend überwiegt.
Nur bei dem Menschen findet sich ‚eine Ausnahme, indem
3. Das Kraftmoment des Temporalis ist dagegen überall, den Menschen ausgenommen,
grösser, als das des Masseter.
4. Für beide Muskeln ist das Kraftmoment bei dem Löwen und der Hyäne am grössten,
dann aber kommt der Mensch,
— 431 —
5. Die 'Verhältnisszahlen der Muskeln dem Unterkiefer. gegenüber werden von den
Robben zu den Katzen grösser. Sie erreichen bei dem Löwen das Maximum,
sinken aber bedeutend herab bei der Hyäne, dem Menschen und Affen.
6. Sehen wir durch die neben einander stehenden Robben, dass alle diese Verhältnisse
doch gar sehr der Individualität unterliegen. ’
Den mächtigen Muskeln allein verdankt der Löwe sein so hervorragendes Kraftmoment.
Obgleich der Hebel von der Hyäne bedeutend grösser ist, so steht diese doch dem Löwen
bezüglich jenes Momentes in hohem Grade nach. Ferner dürften wir hervorheben, dass
die menschliche Kiefer trotz der relativ schwachen Muskeln gerade durch ihre grossen Hebel-
arme (der Hebelarm für den Masseter ist, der grösste der ganzen Reihe) ein sehr hohes
Kraftmoment zeigt. Berücksichtigen wir nun. aber hier noch die bis dahin ganz aus dem
Auge gelassene Länge des Lastarmes, so möchte das Gebiss des Menschen mit zu den
günstigsten gerechnet, werden können.
Doch nun noch Einiges über den Thorax.
Bei Gelegenheit der Formverhältnisse des Rumpfes und seiner Bewegungen in der ersten
Abtheilung (pag. 57 etc.) haben wir gefunden, dass die Robbe und Otter nicht nur die grösste
Zahl der Brustwirbel und Rippen, sondern auch eine T'haroxlänge besitzen, welche bei der
Otter gleich der Länge des Halses plus der Lenden, bei der Robbe grösser als beide zu-
sammen Sei.
Wir sahen ferner, dass die Beugungen der Brustwirbel bei allen in der Tabelle pag. 61
(337) angeführten Thieren im Vergleich zu den Lendenwirbeln besonders gross waren. Neben
der grossen Zahl von Gliederungen in den Brustwirbeln, der Bildung der Wirbelbogen, der
Höhe der Bandscheiben, ist es das Brustbein und die Länge der Rippenknorpel im Verhältniss
zu den Rippen, welche die grosse Beweglichkeit der Robbe begründen.
Bei der Robbe z. B. zeigt die erste Rippe 28 Mm. und ihr Knorpel 50 Mm.
» .» Otter > » » » 16 » ih» » 12 20
» .». Fuchs » » » » 30, & ».» > 20»
» >» Katze a Er Br 2 > » 12 >»
» >». Inuus » EIN ee: » IicH Bor > 6 >»
Während nun die letzte wahre Rippe bei Allen einen ihr ziemlich gleichlangen Knorpel
besitzt, ist jedoch bei dem Inuus eine grosse Difterenz. (Rippe 80 Mm., Knorpel 50 Mm.)
Das schmale, schwanke, durch eingeschaltete Knorpelstücke sehr biegsame Brustbein, und
die im Verhältniss zu den runden Rippen längeren Knorpeln erlauben eine grössere Beweg-
— 1432 —
lichkeit. ‘Bei den Landthieren ist der, zwischen den Vorderextremitäten aufgehängte Thorax
hinreichend unterstützt und in statischer Hinsicht sicher gelagert. Umgekehrt ist es bei dem
Menschen. Hier fällt dem Thorax die Aufgabe zu, die Vorderextremitäten zu stützen und zu
tragen. Um dieses zu ermöglichen, ist ein "breites, ungegliedertes Brustbein, in sagittaler
Richtung hohe und breite Rippen und sind dickere, kräftigere, aber kurze Knorpel nothwendig.
Die Bewegung ist hier allerdings im Vergleich zu den Thieren sehr beschränkt, die statischen
Verhältnisse jedoch vermehrt. Ganz entgegengesetzt finden wir wieder die Verhältnisse bei
den im Wasser lebenden Thieren. Hier sind die statischen Verhältnisse des Thorax zu Gunsten
der Bewegung in Hintergrund getreten. Hier findet der ganze Körper im Wasser eine sichere
Unterstützung. Hier dienen nicht mehr die Extremitäten zum Tragen des Rumpfes, sie sind
jetzt allein nebst dem Rumpfe den Schwimmbewegungen zugewendet.
Wie mit den Wirbeln verhält es sich ‘auch mit der Beweglichkeit der Rippen. Auch
hier sind die im Wasser lebenden Thiere vor den Landthieren bevorzugt. Bei der Robbe be-
schreibt die erste Rippe in ihrer Bewegung von hinten nach vorn ein Winkel von 135°, die
letzte wahre Rippe 102° und die letzte falsche Rippe 6°. Bei der Otter zeigen die ent-
sprechenden Rippen 130°, 118°, 90°. Ein grosser Abstand besteht jedoch zwischen diesen
Thieren und anderen. Bei der wilden Katze zeigt die erste wahre Rippe 22° und die letzte 30°,
Inuus dagegen 25° und 29°. Will ich nun auch auf die Sicherheit dieser Zahlen gerade
keinen so unbedingten Werth legen, aus Gründen, die schon öfter angeführt sind, so ist doch
wenigstens so viel sicher, dass die Differenz zwischen ersteren und letzteren sehr beträchtlich
ist, H. v. Meyer findet in seinem Werke »Die Statik und Mechanik des menschlichen
Knochengerüstes« bei der Drehung der ersten Rippe den Winkel 84,° und für die
neunte Rippe 4'4°. Bei der Verschiebung der ersten Rippe nach oben sieht dieser sorgfältige
und gründliche Beobachter das Brustbein um 1 Cm. nach vorn geschoben. Eine solche Ent-
fernung des Brustbeines von der Wirbelsäule konnte ich bei der Katze und dem Affen, trotz
aller angewandten Aufmerksamkeit, nicht deutlich wahrnehmen; um so mehr aber trat mir
eine Drehung der Rippenkörper um eine in dorsal-ventraler Richtung gestellte Axe vor
Augen, welche sich mit der Verschiebung nach vorn verband. Eine erfolgreiche Erweiterung
‚des Thorax in die Breite war die Folge. Zwischen der ersten Rippe der Robbe nahm die
Ausdehnung von 60 Mm. auf 78 Mm. zu und an der ‘zehnten von 172 Mm. auf 186 Mm.
Auch diese Erscheinungen glaube ich durch die schon vorher erwähnte Beschaffenheit des
Brustbeines und der Rippen begründet. Das steife feste Brustbein des Menschen kann sich
durch die Winkelstreckung zwischen festeren Knorpeln und Rippen leichter in seiner Totalität
— 1433 —
von den Wirbeln entfernen, als das in seiner ‘Länge, durch ‘eine’ Menge‘ Zwischenglieder
biegsame Brustbein der Robbe (dieses biegt sich 128° nach unten, 137° nach ‘oben und 116°
nach der Seite), welches zugleich dureh schlaffe, nicht elastische, in ihrem Mitteltheil sehr
verdünnte und daher nach hinten scharf gebogene Knorpel an die Rippe befestigt ist.
Während also bei der Robbe die-wahren Rippen, indem sie nach vorn sich bewegen, eine
Drehung um die Axe ihres Körpers machen, wobei ihr 'hinterer Rand mehr nach aussen ge-
wendet wird, bekommen die falschen Rippen zwar eine Richtung nach vorn, allein zugleich
auch nach aussen. ‘Hier ist mehr eine Charnier-Bewegung' und keine Rotation. Es bewegt
sich daher die mediane Fläche der Rippe nach innen und hinten’und''die laterale nach vorn
und aussen. Ebenso finde ich es nun auch beiden anderen Thieren.
E. H. Weber sagt in seinen Bemerkungen über den Bau des Seehundes 1. c. pag. 116:
»Die grosse Beweglichkeit der Rippen und des Brustbeines und die Einrichtung ,. dass die
Rippen leicht in ihrer erhobenen Lage erhalten werden können, weil sie nicht federn und also
nicht mit beträchtlicher Kraft in die Lage. der,Exspiration zurück zu kehren streben, hat
wahrscheinlich den Nutzen, dass die Rippen, wenn''der Seehund schwimmt, fortwährend erhoben
gehalten werden und dass also der Thorax nicht in den Zustand einer vollkommenen Exspiration
übergeht, sondern fortwährend in einem gewissen Grad der Inspiration sich befindet, der beim
Ein- und Ausathmen nur zu- und abnimmt. Hiedurch scheint ‘bewirkt zu werden, dass die
Lungen auch während der Exspiration von einer viel grösseren Menge Luft ausgedehnt sind,
als bei dem Menschen der Fall ist. Dadurch erhält der Seehund unstreitig die zum Schwimmen
nöthige specifische Leichtigkeit, die er nach Bedürfniss abändern kann, je nachdem er tauchen
oder einen Theil: des Körpers aus dem Wasser herausragen lassen will. Die Lunge leistet
ihm dadurch, dass sie immer sehr ausgedehnt ist, die Dienste einer Schwimmblase und zugleich
eines sehr vollkommenen Athmungsorganes; wodurch 'eine' sehr reichliche Oxygenation des
Blutes bewirkt und die Entwiekelung einer'grossen Wärme möglich gemacht wird.«
Doch auch ‘über die Muskeln zur Bewegung der Rippen habe ich einige Bemerkungen
zu machen. }
Die Rippen werden nach vorn gezogen ‘oder in ihrer Lage erhalten durch ‘den Sterno-
mastoid. und die Scaleni, durch den Serratus antic., die Levatores costar. und unter Umständen
vielleicht: auch ‘durch 'den Costo-Hyothyrioideus. ' Zum Unterschied vom Menschen sehen wir
bei den Thieren die Scaleni viel weiter 'an der Brust herabsteigen, wodurch der Einfluss dieser
für die Rippen’ von weit höherer Bedeutung als bei dem Menschen ist. Namentlich ist dieses
bei der Robbe mit mangelnder Elasticität und Schlaffheit der Knorpel der Fall.
Abhandl. d. Senekenb. naturf. &es. Bd, IX.
55
ee
— 434 —
Als ‚ein\ besonderer. Ersatz. für die mangelnde Elastieität der‘ Rippenknorpel und ‘das
Zurückspringen der Rippen in die Exspiration ‚scheinen mir ausser den gewöhnlich vorkommen-
den Muskeln (Obliquus. extern., Rectus etc.) ganz besonders. die bei der Robbe so auffallende
starke Triangularis sterni (Subcostalis sterni) und der nur hier ‘von mir wahrgenommene
Subcostalis. vertebralis. zu. sein. Dass durch diese Muskeln ein mächtiger Einfluss auf das
Zurückziehen der. Rippenringe stattfinden muss, lässt sich ‚aus dem Verlauf der Fasernlagen
erwarten.
Zur. Verengerung des Brustramer ‚scheinen aber auch die lateral von den Rippenwinkeln
liegenden Zacken des Ileo-costalis: und die Transversi costarum, welche bei der Robbe als
zwei flache Muskeln von ..den vorderen Rippen zu dem Sternum gehen (Taf. VI., Fig. 1 ku. |)
und welche, den Reetus abdominis (ebd. m.), der. bis zur ersten Rippe fortläuft, bedecken, bei-
zutragen.
V, Muskeln der Hinterextremität
(Phoca vitulina.)
a) Am. Becken und Oberschenkel.
Zur‘ Betrachtung. dieser Muskeln übergehend, erinnere ich an (die. Bemerkungen , welche
die Untersuchung des Obliquus externus der Phoca (vid. oben Muskelhüllen) ergeben: hat. Diese
belehrte uns über ‚die vollkommene. Abwesenheit eines selbstständigen Muse. sartorius: Wir
konnten ‚als ein Analogon für. denselben nur eine Abtheilung ‚des Obliquus: erkennen, welche
von. der Spina. ilei anterior ausgehend, an der-innern Seite des Ober- und Unterschenkels ab-
wärts ‚steigend, in einer. gegen .den:Condylus intern. der. Tibia verlaufenden Fascia 'endigte. —
Ebenso. zeigte sich ein Analogon für..den Tensor fase. elator. Es war eine Abtheilung
von Muskelfasern , ‚welche. von den. Fase. 'lumbo- dorsalis ausgehend , über die COrista des
Beckens in. ‚deren. ‚ganzer Ausbreitung herabsteigt und über den Oberschenkel sich fort-
setzend, auf.der lateralen Seite des. Knies verschwindet. — Da wir nun an obiger Stelle uns
des Weiteren über die Muskelhüllen der 'Hinterextremität ausgesprochen haben, so‘ gehen wir
zur Beschreibung der anderen Muskeln über.
Muse. ilio-psoas, (Taf. VIIL, Fig. 38.49 — als Ileo-femoralis bezeichnet) entspringt
zwischen Psoas minor und .Iio-lumbalis an: dem Körper der hintersten ‚Lendenwirbel und
"Lig. intervertebrale, ‚von den Querfortsätzen des Kreuzbeines und wird verstärkt von Fasern,
welche von der Tuberositas ileo-pectinea kommen und. setzt sich, an der innern Seite des
Schenkels 'herabtretend, an den. Condylus internus des Femur. Er: wirkt mehr als Adductor,
weit weniger als Flexor.
— 5 —
Musc. Glutaeus maximus (Taf. VIU., Fig. 2 02). Eim (dreieckiger Muskel. Er
entspringt von den Dornfortsätzen der hinteren Kreuzbeinwirbel, sowie von den Dorn- und
Querfortsätzen der hinteren Schwanzwirbel. Die Fasern von "hinten "laufen gerade abwärts
und setzen sich an die ganze äussere und hintere ‚Seite des Femur vom Trochanter bis zum
Condylus externus. Seine Fasc. vereinigt sich nach vorn und gegen das Knie hin mit dem
Obliquus extern. abd.
Musc. Glutaeus medius (Taf. VIM., Fig. 2 c!) kommt von der Fasc. lumbo-dorsalis,
den Dornen des Kreuzbeines, aussen von dem ganzen Kamm des Hüftbeines und heftet sich
mit gegen einander genäherten Fasern aussen an den Trochanter major.
Glutaeus minimus (Taf. X, Fig. lade, Fig. 2cde) ist gleichfalls dreieckig.
Von der untern Fläche des Proc. transversus des Kreuzbeines und von der ganzen äusseren
Fläche des Iiums entspringend, setzt sich dieser Muskel um den Kopf des Trochanter major
herum. Die hinteren vom Kreuzbein entspringenden Fasern (wahrscheinlich Pyriformis Fig. 1b)
laufen von oben nach unten und aussen (Fig. 1 b, Fig. 2 c), seine vordern vom Ilium kom-
menden treten nach hinten (Fig. 1 e a). Erstere rollen den Schenkel nach aussen, letztere
nach vorn. Unter dem Pyriformis tritt der Nerv. ischiadieus aus dem Becken.
Rectus (Sartorius fälschlich auf der Tafel genannt) (Taf. VIU., Fig. 1 /, Fig. 2 und 3 e,
— Taf. X, Fig. 1 f) entspringt von der äussern Fläche des Hüftbeines, zwischen Sp. ilei
ant. sup. und infer. und setzt sich, mit dem von der äussern und vordern Seite des Schenkels
herkommenden Cruralis bis zur Hälfte des Schenkels vollkommen verbunden, an die Patella.
Cruralis und Vastus externus (Taf. X., Fig. 1 e u. d) ist mit dem vorhergehenden
nach unten verbunden. Er entspringt von der ganzen seitlichen, sowie vorderen Fläche des
Schenkels vom Trochanter bis zum Condylus externus und heftet sich, mit dem Rectus ver-
einigt, in grosser Ausdehnung an die vordere Fläche und den lateralen und medianen Rand
der Patella. Er endigt in der Kapsel, sowie in dem Lig. patellae.
Pectinaeus (Taf, VIIL, Fig. 3 %) liegt ‚zwischen Ilio-'psoas und, Obturator externus.
Ein. dreieckiger Muskel, welcher vom Kamm des Os pubis neben der. Tuberositas ilio-pectinea
entspringt und sich an. der hintern Fläche des Oberschenkels, ausbreitet.,, Er adducirt den
Oberschenkel.
Obturator externus (Taf. VIIL, Fig. 3 i) ein starker, Muskel, entspringt, von dem
Lig. obturator., ‚dem äusseren Umsatz des For. obtur., und ‚setzt sich mit starker Sehne an
den hinteren Rand des Trochanter. major. Er rollt den Oberschenkel nach hinten.
— 436 —
Obturator.internus (Taf. X., Fig. 1’g, Fig. 2 b). An der inneren Fläche des
Beckens, ‘am Umfang des For. obturator. und: vor. dessen Ligament. angeheftet, geht er als
starker Muskel sehnig durch die Ineisura ischiadica minor. heraus und begibt sich, verwachsen
mit. dem O. extern.) an die. Spitze. des Trochanter. ‘Er rollt den Oberschenkel nach aussen
und hinten. Medianwärts von dieser Muskel liegt der M. levator ani. —
b) Muskeln zwischen Unterschenkel und Becken.
Music. Gracilis (Symphysio-tibialis ‚auf ‚der Tafel bezeichnet). (Taf. VIIL, Fig. 1: e,
Fig. 3 2). Ein an dem. Rande. der‘ Symphysis. angehefteter flacher Muskel, welcher breit an
der, hinteren, Hälfte der Tibia an. der Crista fleischig. angeheftet ist. An seiner Ansatzstelle
vereinigt er sich mit, den beiden folgenden. Muskeln Coceygo- und Pubo-tibialis in einer ge-
meinsamen Sehne, welche. an dem medianen Fussrand herabsteigt und sich in. die Fascia
plantaris ausbreitet.
Muse. Pubo-tibialis, (Semimembranosus H.) (Taf. VIIL, Fig. 1 d, Fig. 3 m). Un-
mittelbar vor und, über -dem vorigen liegend, entspringt dieser Muskel an der Seite. der
Symphyse am ganzen. hinten aufsteigenden ‚Rande des Schambeines und des Sitzbeines bis zum
Tuber ischii. Die platte, aber breite Lage von Muskelfasern setzt sich fleischig vom Knie bis
zum oberen Rand des Gracilis an der Crista tibiae. Die Sehne dieses Muskels ist mit der
des vorhergehenden Muskels gemeinsam und geht am Condylus internus in die Planta. Seine
Fasern kreuzen sich mit dem vorigen.
Muse. Coccygo-tibialis, (Semtendinosus H.) (Taf. VIIL, Fig. 2a, Fig. 3%). Er
entspringt von den Quer- und Dornfortsätzen der vordersten Schwanzwirbel, steigt hinter dem
Tuber ossis ischii aus dem Becken heraus, ist flach viereckig und heftet sich in breiter Sehne
an die Tibia, indem er an die Sehne der vorigen Muskel sich anheftet. Es schliesst dieser
Muskel mit den vorigen den Anus ein.
Setzten sich die vorhergehenden Muskeln an die Tibia, so heften sich die beiden folgenden
Muskeln an die laterale Seite des Unterschenkels und verschwindet ihr Muskelfleisch über der
Fibula, indem es in die Fascia übergeht, welche die äussere Seite des Unterschenkels einhüllt.
Der erste dieser Muskeln ist dreieckig breit und der andere ist lang und schmal und liegt
unter jenem. Es sind diese Muskeln mit dem Biventer Hom. (nach Vergleichung mit anderen
Thieren) in Analogie zu 'bringen.
Ischio-tibialis (Biventer,caputlong.H.) (Taf. VIH., Fig. 2 f) liegt am oberflächliehsten
und kreuzt sich mit dem vorhergehenden, Er entspringt spitz am Tuber ischii und setzt sich, die
_-— 131 —
Fibula und den Muse. Peronei umgehend, mit seiner breiten, über die ganze Länge des Unter-
schenkels ausgebreiteten Sehne in die Fascia des Unterschenkels an der Tibia. Seine Fasern
kreuzen sich mit denen des vorhergehenden Muskels.
Sacro-fibularis, (Biventer, caput brev. H.) (Taf. VIIL, Fig. 2 d) ist ein langer Muskel,
welcher vorn am Seitenrand und der unteren Fläche des Kreuzbeines entspringt, schräg nach
hinten herab, median vom vorigen Muskel, in die gleiche Fascia wie der vorige Muskel und
zwar an dessen hinterem Ende, in der Gegend der Epiphyse der Fibula sich festsetzt.
Die drei ersten dieser Muskeln Gracilis, Semimembranosus und Semitendinosus rollen
den Unterschenkel nach innen und adduciren ihn an dessen hinterem Theil. Gracilis zieht
dabei den Unterschenkel nach vorn und der in seinem Faserverlauf sich mit ihm kreuzende
Semimembr. zieht ihn nach hinten. Der erste hilft daher das Knie beugen, während letzter
es streckt. Biventer I rollt den Unterschenkel nach aussen, und Biventer II beugt zugleich
das Knie, indem er den Unterschenkel nach vorn zieht.
e) Muskeln am Unterschenkel und Fuss.
Die Muskeln des Unterschenkels zeigen im Ganzen kleine Abweichungen von denen
anderer Thiere.
1. Tibialis anticus (Taf. X, Fig. 3 a — Fig. 1 ;) liegt an der äussern Fläche
der Tibia. Er‘ entspringt von dem vorderen und ‘unteren Rande dieses Knochens und am
Lig. interosseum. Seine Sehne geht in einer Furche an der unteren Seite der hinteren
Epipkyse auf den Rücken des Fusses über und setzt sich an die mediane Seite der Basis
des Metatarsus I. Dieser Muskel stellt den Fuss in eine supinirte Stellung zum Unterschenkel.
Zugleich aber naht er auch dem medianen Fussrand jenem.
2. Extensor hallucis (Taf. X. Fig. 3 db). Entspringt, bedeckt vom vorhergehenden
“und von dem folgenden Muskel, vom Lig. inteross. und der inneren Crista fibulae, läuft mit
der Sehne des Tibialis an dem inneren medianen Fussrand hin, steigt dann über den Meta-
tarsus L und heftet sich an die dorsale Seite des oberen Endes der Phalanx I. digit. I.
3. Extensor quatuor digitorum (Taf. X, Fig. 3 c. Fig. 5 a), liegt lateral neben
dem vorigen und ist an seiner vorderen Ursprungsstelle mit dem Tibialis verwachsen. Er ent-
springt vom Condylus externus (in der Zeichnung nicht deutlich) ‘des Femur und der äfbseren
Fläche der Tibia und setzt sich, indem seine Sehne zwischen Tibia und Fibula und in einem
Suleus der Tibia auf den Tarsus übergeht, auf den Metatarsen in vier Sehnen gespalten an
die vier lateralen Zehen.
une nn uern n
— 48 —
4. Peronaeus primus (Taf. X., Fig 1.1, Fig. 3 d, Fig. 5 b) entspringt vom Con-
dylus externus des Femur,. von dem äusseren Rande der Fibula und setzt sich, mit seiner
Sehne in einer Furche auf den Tarsalrand übertretend, durch den Sulcus. ossis cuboidei in
die Planta des Fusses gelangend, und ferner durch ‚eine Furche am Cuneiforme III. tretend,
an die Basis des Metatarsus I.
5. Peronaeus secundus (Taf. X., Fig. 5.0), ist von dem vorhergehenden und
dem folgenden Muskel bedeckt und entspringt an dem Capitulum und der vorderen Hälfte ‚der
Fibula, geht mit (dem Peronaeus III. unter dem Faserband des Sulcus. der Fibula ‚hin und
heftet sich aussen an die Basis des Metatarsus V., Er abdueirt den Fuss, An seinem Ursprung
ist 'er mit dem Flexor quatuor digit. und Peronaeus Ill. verwachsen.
6. Peronaeus tertius (Taf: X., Fig. 5.d,. Fig. 3 e) entspringt ‚vom Capitulum
Fibulae, nimmt den gleichen Verlauf wie der vorige und heftet ‘sich an die Basis des ersten
Gliedes der fünften Zehe.
7. Extensores digitorum breves (Taf. X., Fig. 3 9), sind zwei Muskeln, welche
auf dem Fussrücken der dorsalen Seite des Calcaneus und 'Talus fleischig entspringen und
mit langer schmaler Sehne über den Metatarsus an die mediane Seite der Phalanx 1. der‘ zweite
die laterale Seite derselben Phalanx der vierten Zehe hin laufen, und an das obere; Ende des
zweiten Gliedes sich anheften.
Wir gehen jetzt zu den Muskeln der (hinteren) medianen Seite des Unterschenkels über.
8. Musc. gastrocremius (Taf. X., Fig. 4 a). Entspringt mit dem inneren Kopf
am. Condylus internus femoris und an dem oberen Drittel der inneren Kante. der Tibia; mit
dem äusseren Kopf verwachsen mit dem Plantaris am Condylus extern. fem. und heftet‘ sich
mit starker Sehne an die Calx.
9, Muse. plantaris (Taf. X., Fig. 4 e), ein langer runder Muskel, welcher am Con-
dylus extern. femor. mit dem äusseren Kopf des Wadenmuskels entspringt und auf der. Sehne
des Flex. hallucis (Fig. 4b) in der Furche zwischen Calx und hinterem Fortsatze des Talus zur
Planta läuft; hier verwächst seine Schne mit der Sehne des eben: genannten Muskels und
mit der Caro quadrata.
i 10. M. Poplitaeus. Bedeckt von den beiden Köpfen des Wadenmuskels und oberhalb
dem Flex. quatuor digit. internus, entspringt (dieser Muskel sehnig an der lateralen Seite
des Condylus externus fem,, breitet sich über die obere Fläche der Tibia aus und heftet sich
an den medianen Rand und die Oberfläche des vorderen Drittels' dieses Knochens unmittelbar
neben den inneren Kopf des Wadenmuskels. Er rotirt die Tibia nach aussen,
=. A
11. Caro quadrata (Taf. X., Fig. 4 f), ein dünner aber breiter‘ Muskel, welcher an
der lateralen Seite des Fussgelenkes liegt. Er entspringt an der äusseren Seite des Calcaneus
und heftet sich in der Planta an das gemeinsame Sehnengeflecht der Flex. quatuor digit.
und Piantaris. (In der Zeichnung ist der Plantaris mit dem ihm anhängenden Caro von dem
Extens. digit. getrennt auf die innere Seite geschlagen.)
12. Flexor quatuor digitor. (Taf. X., Fig. 4 c.) entspringt an der oberen Seite
der Epiphyse der Tibia, an deren medialem Rande und deren Grube und am Capitulum fibulae.
Er. geht mit seiner rundlichen ‚Sehne nach der inneren Seite des Talus und ist hier von einer
Scheide, welche mit der Sehne der Rollmuskeln des Unterschenkels (Symph. tibialis ete.) ver-
wachsen ist, umhüllt. Er verwächst alsdann in der Planta mit der Sehne des Flexor hallueis
und läuft nach den Zehen. i
13. Flexor hallueis (Taf. X., Fig. 4 b) ist weit stärker als der vorige. Er entspringt
an der ganzen Fläche der Crista fibulae und dem Lig. inteross. Er ist bis, zum Talus dick-
fleischig, geht alsdann in einer flachen starken Sehne, von einer Scheide umhüllt über den
oberen Fortsatz des Talus und verwächst in der Planta mit der vor ihm liegenden Sehne des
Flex, digit. mit der über ihm liegenden des Plantaris und endlich der nach aussen liegenden
Jaro quadrata.
Aus diesem in der Gegend des unteren Tarsus liegenden, platten und starken, vereinigten
Sehnenstrang treten nun: die Sehnen für die verschiedenen Phalangen der Zehen und deren
Scheiden ab. - Die Sehne für die dritte Phalanx geht durch die gespaltene für die zweite und
die Sehne für die erste Phalanx bildet die gemeinsame Sehne für jene beiden Vorhergehen-
den, indem die äussersten Fasern jener Hauptstränge sich gespalten an die beiden: Seiten der
Phalanx anheften. Sie ersetzen also hier die Lumbricales.. Nur die erste Zehe hat für das
erste und zweite Glied einzelne Sehnen, von denen die erstere von einer Sehnenscheide um-
hüllt ist, welche mit der Sehne der Rollmuskeln des Unterschenkels (Graeilis) im innigsten
Zusammenhange steht. — Die gesammte Wirkung aller in eine gemeinsame Sehne verwachsenen
Muskeln ist 1. die Zehen gegenseitig zu addueiren und zu beugen (hierdurch entsteht so zu
sagen eine hohle Hand); aber 2) den Fuss nach der Mediane zu rollen, d. h. sehr stark
zu proniren.
14. Tibialis posticus (Taf. X., Fig. 4 d) liegt an der oberen Seite der Tibia neben
dem vorigen Muskel und wird von dem Flex. quat. digitor. bedeckt. Er entspringt an der
Tibia, am Lig. interosseum und am Kopfe der Fibula. Die dicke starke runde Sehne läuft
in einer Furche des inneren Knöchels über den Talus und heftet sich an das Os naviculare
— 407° —
und Cuneiforme I. sowie an den Metatarsus I. bis zur Phalanx I. Hier ist sie von der Sehne
der Rollmuskeln umhüllt. Die Wirkung dieses Muskels ist eine Adduetion des medianen Fuss-
randes gegen den Unterschenkel sowie eine Pronation des Fusses,
Zum Schluss haben wir nun noch die in der Tiefe der Fusssohle unter den, früher bei
den Bändern der Fusssohle erwähnten, Faserlagen der Planta unmittelbar zwischen den Me-
tatarsen liegend Musculi interossei zu erwähnen, welche als sehr dünne Muskelkörper von dem
Tarsus entspringen und sich an die innere und äussere Seite der mittleren Metatarsen ansetzen.
Die Muskeln und Knochen der Hinterextremität der Robbe in ihrem
Gewichtsverhältnisse in Grammen.
Robbe V. Robbe II. Robbe III. Robbe IV.
Grm. Grm, Grm. Grm.
a. Muskeln.
1. Sart. u. Tens. fasc. at, 22030 „DE 0E _ _ _ —
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m) Gars. 1a omellagesn alle DyuD -1- 16 34 297. 42
Or SAD a ne ae a 6 12 10 19
13. Semitend. Sea ee a Fer a 8 22 20 25
19, Bieepe: ITS ibn IE EURER 6 16 16 21
15. Poplitaeus KEN 1 6 3 6
Io AUUUCHORES RE Be ee en ee _ _ —_ ER
FAR HE ENT, ph 6 17 12 20
18. Extens. hallueis . ES RZ 1 4 2 3
NUR -BIKtEnSK Qua gr ee ne u ee re 6 12 10 22
20." PELDDREH TS BL NER NEIN 9 26 21 41
21. Gastroenem. Ri re a ne re 12 56 32 52
9 PIENANIS > Dec ee TER 2 6 6 9
23. Flexor quat. dig. . - - - MARI: NEE: RAN 4 12 12 20
24. habe de a 14 44 34 63
ET Te RANG ER. 4 16 11 15
b. Knochen.
IK} 1131 ualenr Beer a län ae 16 32 29 49
BibissjFibula,-Patellare. odail- ll. egladt- 40 60 63 100
N ee 67 104 78 | 137
Ze ae
Vergleichung.
Lutra vulgaris.
a) Muskeln zwischen Becken und Oberschenkel.
Gleichwie bei den Vögeln die Haut zwischen dem oberen Theile des Oberarmes und
dem unteren Ende des Vorderarmes eine mächtige Hautfalte bildet, in welcher ein Muskel
Muse. plieae alaris sich befindet, so finden wir an der Hinterextremität der Otter gleichfalls
eine Falte, deren äusserster Rand von dem Tuber ischii zur Calx geht und welche eine drei-
eckige Fläche zwischen der Hinterseite der Schenkelknochen bildend, und in ihrem Inneren
flache Muskeln enthält.
Die in ihrer Sehnenausbreitung vereinigten Muskeln des Tensor fasc. latae und des Sar-
torius dürften als die Ausgangsstellen der Fascia an der medianen und lateralen Seite des
Schenkels anzusehen sein.
Auf der medianen Seite geht die Fase. vom Sartorius auf das Knie über die Adductören etc.
hinweg zum Gracilis, von hier steigt sie über dem Semitendenos. an der Tibia herab und schlägt
sich nun, an der Ferse angekommen, um den Biventer minor, steigt an der äusseren Seite
mit der Fase. des Biventer major verbunden zum Glutaeus maximus und geht in den Tensor
fase. latae über. (Taf. XV. rechte Seite.)
M. Sartorius (Taf. XV. 1 — XVL, Fig. 7. ı) entspringt 1. von der Sp. ilei post. sup.,
bedeckt: hier den Tensor fasc., 2. von der Sp. ant. sup. bis zur Spina ant. infer. Nach
aussen ist, seine Sehne mit der des Tensor fase. vereinigt. Er heftet sich an die medianen
Condylen des Ober- und Unterschenkels und die Patella. Nach hinten geht seine Fascie in die
des Gracilis über. An seinem Ursprung am Ileum ist er eine Strecke weit von dem Oblig. externus
überdeckt, indem die Ueberzüge beider Muskeln durch Bindegewebe aneinander geheftet sind.
(Taf. XV.a—).)
M. Tensor fasc. latae (Taf. XVL., Fig. 7. 2). Es entspringt dieser Muskel von der
Sp. ant. infer. an bis zur Sup. und von der Fasc. lumb. dorsalis. Das Muskelfleisch ist nach
hinten mit dem Glut. max. und nach vorn mit dem Sart. verbunden. Die breite Sehne heftet
sich, indem sie mit den Sehnen jener beiden Muskeln verwachsen ist, an das Knie und an die
äussere Fascie für den Unterschenkel (Biceps).
Gehen wir nun an der lateralen Oberfläche des Beines weiter, so begegnen wir. zunächst
dem Musc. glutaeus maximus (Taf. XVL, Fig. 7. 3). Er entspringt von der Fase, lumbo-
dorsalis und caudalis, verbindet sich nach vorn mit der Fasc. des Tensor. fasc. latae und schickt
Abhandl. d. Senekenb. naturf. Ges. Bd. 56
— 42 —
seine Muskelfasern nach hinten und abwärts über den Trochanter. Es heftet sich unter diesem
an die hintere Seite des Femur in dessen ganzen Länge bis zum Condylus.
Von den soeben aufgeführten Muskeln werden nun bedeckt: der Musc. glutaeus medius,
der Quatriceps, der Pectineus, Psoas und die Adductores.
Glutaeus medius entspringt auf der ganzen äusseren Fläche des Hüftbeines von der
Sp.'anterior bis zu Inceis. ischiadica major. Ein zweiter Theil kommt aus dem Becken und
zwar von der unteren Fläche des letzten Kreuz- und ersten Steissbeinwirbels. Die Fasern
heften sich an die 'mediane Seite des Trochanter major. — Ich halte übrigens diese letzte
Abtheilung für den Muse. pyriformis, und zwar um so mehr, als unter ihm der Nerv. ischiadicus
aus dem Becken hervortritt.
Unter diesen finden sich nun um den Kopf des Oberschenkels herum gelagert Glutaeus
ininimus und Obturator internus, externus und quadratus fem. Der letzteren Ursprung und
Ansatz ist der gewöhnliche.
Biceps I. (Taf. XVI. Fig. 7, s, Taf. XV. ı0) ist ein breiter dreieckiger Muskel, welcher
mit seinem vorderen Rand an den Glut. max.’ stösst und dessen vordere Sehnenausbreitung
mit dem Tensor fase. in Verbindung steht. Er entspringt von dem Tuber ischi, läuft mit
seinem oberen Rände längs dem’ Oberschenkel, heftet sich dann an die äussere Seite des Lig.
patellae, umgeht mit seiner Fascie die Fibula in deren ganzer Länge, breitet sich über die
Crista tibiae aus, und endet unten mit der Tendo Achillis an dem Fersenfortsatz.
Von‘ diesem "breiten Biceps I. bedeckt finden sich nur zwei lange schmale Muskeln,
welche in ihren oberen Theilen durch den Nerv. ischiadicus getrennt werden. Es sind dieses
Muse. coceigo-femoralis (Taf. XVI., Fig. 7, 5), (Parameralis Strauss — Caput long.
bieipitis Gurlt). Er entspringt vor dem Querfortsatz des zweiten Schwanzwirbels, schlägt
sich um das Becken herum und heftet sich, auf der medianen Seite des Ischiaticus vorbeigehend,
an die untere Hälfte und untere Seite des Femur hinter dem spitzen Ende des Glut. max.,
nahe an der unteren Epiphyse. \
Musculus Biceps IL (Taf. XVL, Fig. 7, ı, Taf. XV. 11), (Tensor plicae natalis),
ist ein schmaler, sehr langer Muskel, welcher vom Biceps I. verdeckt in der Falte der Fascie
zwisehen: Sitzbein und Ferse sich‘ findet. Er entspringt von der Fase. sacro-coceygea in der
Gegend der vordersten Schwanzwirbel unter dem Glutaeus, zieht sich lateral vom vorigen und
dem Nerv. ischiadicus in jener Falte vom Biceps I. bedeckt zur Calx herab und verliert sich hier
mit dem unteren Ende jenes und mit der Tendo Achillis an dem Fersenfortsatz.
— 443 —
Indem wir nun an. der medianen. Seite des Beckens von hinten nach vorn weiter gehen,
begegnen wir zunächst
Musc. semitendinosus (Taf. XV. Fig. 6, »), welcher von dem Tuber ischii und der
Fascia lumbo-caudalis entspringend, sich in die Mitte der Tibia an. deren mediane, Seite heftet.
Musc. semimembranosus (Taf. XV. Fig. 7). Dieser starke und.lange Muskel entspringt,
unten vor dem vorhergehenden, in. grosser Ausbreitung ander Vereinigung von Schambein
und Sitzbein. Er läuft nach vorn und abwärts und heftet sich ‚breit an den Condylus internus
der Tibia und des Femur, so dass er das ganze. Knie innen bedeckt.
In der Tiefe weiter nach vorn gelegen kommen wir zum Musculus adducto
magnus (Taf. XV. Fig. 6.6). Dieser entspringt am ganzen Rand des Pecten pubis, an der Aussen-
seite desselben und an dem absteigenden Schambogenast, ist dick und stark und. heftet sich
an den Femur in der ganzen Länge der Linea ‚aspera. Nur künstlich scheint mir seine Tren-
nung in mehrere Muskeln. An einem älteren weiblichen Exemplar ‘konnte ich folgende Muskel-
körper unterscheiden:
1. Adductor magnus entspringt ‚als grosser starker Muskel in grossem Umfang unter
dem Semimenmbr. und heftet sich an die laterale Seite des untersten Viertels des Oberschenkels
und, an. den ganzen Condylus internus.
2. Adduetor longus entspringt von der Symphyse. des Beckens, unmittelbar über ‚dem
Gracilis und von dem Adductor magnus und heftet sich in ganzer Länge an die hintere Seite
der Femur an den Raum zwischen Trochanter ‚und untere Epiphyse. : Die oberen. Fasern sind
kurz, die unteren aber lang. (Liegt. vor dem Obturator externus.)
3. Adductor brevis liegt vor dem vorigen, entspringt, vor der vorderen Spitze der Sym-
physe..bis ‚zur Mitte des. Pecten pubis (unter dem Pectiuaeus) und. heftet, sich. vor ‚und, median
dem vorigen an. den Oberschenkel in fast gleicher Ausbreitung und. in gleichem Verhältniss
der Fasern. h
Pectinaeus (Taf. XV. Fig. 6. 5.) entspringt ‚am ‘Pecten bis. zur. Tuberositas.ileo-pect.
und heftet' sich median. vor. jenen an die hintere'‚obere Hälfte des Oberschenkels.. ‚Die längsten
Fasern vom Peet. an das untere Drittel des Oberschenkels, die kürzeren von, Tuber. ilio-pect.
unter ‚dem. Trochanter ‚sich anheftend.
Quatriceps. (Taf. XV. Fig. 2 u. 3). Rectus aussen ander Tub./ilio-pect. ‚entspringend,
mit dem Vastus extern. durch eine Sehne aussen verwachsen. Vast., extern., internus, und Cruralis
verhalten sich ganzwie bei dem Menschen; sie gehen in- die Patella und von den unteren seit-
lichen Enden: des Femur an ‚die Kapsel des Kniees.
— 4 9 —
Nachdem wir die Muskeln in der Tiefe der medianen Schenkelseite, von hinten nach
vorn vorschreitend geschildert haben, ist uur noch der Gracilis zu erwähnen, welcher in seiner
Fascienausbreitung nach vorn mit dem Sartorius, nach hinten mit der Fascie des Semi-
tendinosus und der Plica natalis vereinigt die ganze innere Seite des Beines einhüllt.
Muse. gracilis (Taf. XV. Fig. 6. s) ein breiter platter Muskel, entspringt oberflächlich
an der Symphysis pubis und heftet sich flach an das obere Drittel der Tibia.
Anmerkung. Zur übersichtlichen Betrachtung und Klarstellung der aussen und innen an der Hinter-
extremität liegenden Muskeln dürfte Fig, 9, Taf. XVI. dienen.
b) Muskeln an der vorderen Seite des Unterschenkels, }
Tibialis anticus“(Taf. XVII. Fig. 11.4) entspringt an der ganzen lateralen Seite
der Tibia und an dem Lig. inteross., seine Sehne tritt durch eine Scheide über den Tarsus und
heftet sich an den Metatarsus primus (Basis). Lateral von diesen liegt der Extens. hallucis.
Extensor hallucis (ibd. 3). Ein kleiner Muskel überdeckt von dem vorigen, läuft
durch seine Scheide auf den Tarsus und geht in die grosse Zehe. Er entspringt von dem
Lig. inteross. 3
Extensor quatuor digitor. longus (ibd. 5). Entspringt von der innern und vor-
deren Seite der Fibula, der vorderen Fläche des Condylus externus des Femur, läuft durch
seine Scheide und geht an die Zehen.
Extensores quatuor digitor. breves (ibd. 2). 3-4 Muskelkörper entspringen an
der vorderen Fläche des Talus und Calcaneus und setzen’sich mit ihren Sehnen an die laterale
Seite der ersten und vierten Zehe.
Peronaeus longus (Taf. XVL, Fig. 8.7) liegt auf der Fibula. Entspringt von dem
Condylus externus des Femur und dem oberen Theil der Fibula, läuft unten durch eine Scheide
an der äusseren Seite dieses Knochens. Die Sehne schlägt sich um das Os cuboid. herum und
heftet sich an den Metatarsus I. und Cuneiforme 1.
Peronaeus II. (ibid. 5), bedeckt von jenem. Entspringt in der oberen Hälfte an der
lateralen Seite der Fibula. Die Sehne läuft in der vorderen Furche des unteren Fibularandes
durch eine Scheide (oberhalb der Sehne des Peron, II. und setzt sich an ‘die äussere Seite der
Phalanx I. des Digit. V. Abducirt die Phalanx I.
Peronaeus Il. (ibid. 6). Der stärkste dieser Muskeln ist bedeckt von den vorigen.
Entspringt von der ganzen hinteren und äusseren Fläche der Fibula, geht mit seiner Sehne
durch die grosse hintere Furche der Fibula und heftet sich an die Basis des Metatarsus V,
e) Muskel an der hinteren Seite des Unterschenkels.
Gastrocnemii haben den gewöhnlichen Ursprung und Ansatz. Die beiden Muskel-
körper sind in ihrer ganzen Länge fleischig und erhalten nur über ihrem Ansatz an der Ferse
eine Sehne.
Plantaris und Flexor quatuor digitorum brevis (Taf. XVL 8. ı und Taf. XVII.
Fig. 12) °). Der Körper dieses Muskels liegt vor den Wadenmuskeln an der hinteren Seite des
Unterschenkels in ganzer Länge. Er ist an seinen Ursprung mit dem lateralen Theile des Gastro-
cnemius vollständig verwachsen. Er wird vom oberen Drittel des Unterschenkels an selbständig,
wird an der Ferse sehnig und tritt an der medianen Seite der Achillessehne gerade über die
Spitze des Proc. calcanei. Er ist hier von einer Scheide in der Lage erhalten. In die Fusssohle
gelangt, breitet sich die Sehne aus, wird wieder fleischig und entsendet nun zu der zweiten
Phalanx der fünf Zehen ihre für den Durchtritt des Flex. longus gespaltenen Sehnen.
Soleus (Taf. XVI. Fig. 8 5.) scheint nicht constant. Ich fand ihn nur einmal. Er
ist ein langer flacher Muskel an der Seite des vorhergehenden herablaufend. Er entspringt
mit einer feinen langen Sehne an der hinteren Fläche der Epiphyse der Fibula, wird dann
fleischig und geht in die Achillessehne.
Demnach treffen in der Achillessehne und dem Tub. calcanei vier Muskeln (Gastrocnemii,
Biceps I., Biceps I. und Plantaris) neben dem Soleus zusammen. — Nimmt man diese Muskel
weg, so erscheint auf der hinteren Fläche des Unterschenkels der Poplitaeus, der Flexor
quatuor dig. longus, Tibialis post. und Flexor hallucis.
Poplitaeus entspringt vorn am Condylus externus des Femur mit starker Sehne,
schlägt sich unter dem Lig. laterale extern. um das Gelenk nach hinten, steigt median in
schräger Richtung bis in die Hälfte der Tibia herab und heftet sich an die Orista.
Musc. flex. quatuor digit. longus liegt oberflächlich an der lateralen Seite des
unteren Endes des vorigen Muskels. Er entspringt von der Tibia und tritt mit seiner Sehne
median von der Sehne des Muse. flex. hallucis in die Planta. Hier verbindet sich seine Sehne
mit der grossen platten Sehne des Flex. hallucis und geht zu dem dritten Glied der vier
lateralen Zehen.
') Meckel, Straus und Gurlt nennen diesen Muskel Soleus. Ich schliesse mich Bischoff’s
Ansicht an.
— 446 —
Musculus tibialis post. liegt unter ihm und dem folgenden. Es ist ein schwächerer
Muskel. Er entspringt von der Tibia, dem Lig, inteross, und der Fibula und heftet sich an das
Os navieulare. Lateral von ihm und oberflächlich liegt
Musc. flexor hallueis, welcher als mächtigster Muskel an der ganzen hinteren Seite
der Fibula fleischig entsprivgt und unter dem Sustentaculum Tali in die Planta herabsteigt. —
Während die Ursprungsstellen aller dieser Muskeln die des Menschen sind, so ist jedoch nur
für die Flexoren das zu bemerken, dass sie in der Planta zu einer gemeinsamen glatten
Sehne zusammen wachsen, auch noch mit der Caro quadrata, welche von der äusseren Seite
des Calcaneus quer in die Planta hereintritt, verschmelzen und nun, durch die Sehne des Flex.
brevis durchtretend, wieder getheilt sich an die dritte Phalanx (an die zweite des Hallux) der
fünf Zehen ansetzen. Aus den Theilungswinkeln dieser Schnen entspringen vier Lumbricales
und heften sich an die mediane Seite der Phalanx prima.
Auch die tiefen Muskeln der Planta zeigen die gewöhnlichen Verhältnisse. Nach Ent-
fernung der breiten Sehne der Flexoren findet man zwei kleine Muskeln, welche in der Mitte
der zweiten Reihe der Tarsalen entspringen und auseinander tretend an die Seite der Phalanx I.
der ersten und der fünften Zehe sich ansetzen, Der zu der fünften Zehe gehende ist der stärkere.
Wir dürfen sie als Contrahentes (Bischoff) dieser Zehen ansehen. Nun folgen die Museuli
interossei, welche von der zweiten Reihe der Tarsalen, sowie von den Seitentheilen der
Metatarsalen entspringen, als starke Muskelkörper nach vorn gegen die Ossa sesamoidea und
die Phalanx 1. laufen und sich an die laterale und mediale Seite des ersten Gliedes aller Zehen
ansetzen. Ihre Wirkung ist die der Abductoren und Adductoren.
Vergleichung der Hinterextremität der Robbe und Otter.
Die in vorstehendem- Abschnitt im Einzelnen vorgeführten Muskeln der Hinterextremität
der Robbe und der Otter setzen uns jetzt in den Stand eine Vergleichung derselben vor-
zunehmen.
Zunächst dürften wir uns erinnern, dass das Becken der Phoca von dem der Otter und
dem der anderen Raubthiere sich ganz besonders unterscheidet.. Sehr kurze: frontal gelagerte
Hüftbeinschaufeln, sehr lang nach hinten ausgezogene aber schmächtige Sitz- und Schambeine,
sowie eine schmal nach hinten auslaufende Symphyse zeichnet dieses Becken aus. Bei der Otter,
bei den andern Raubthieren liegt die Pfanne mehr nach hinten, die Hüftbeine stehen mehr
sagittal gestreckt und sind länger, die Theile des hinteren Beckens sind kürzer aber derber
— 47 —
und bilden einen breiteren Beckenausgang. Eine weitere Berücksichtigung aber verlangt die
Extremität bezüglich der Grössen- und Lagerungsverhältnisse der ‘Glieder. Der kurze Femur der
Robbe liegt in seiner Mittelstellung rechtwinkelig zur Tibia, sowie zur Fibula und zur Körperaxe.
Letztere Knochen aber strecken sich horizontal neben dem langgezogenen hohen Schambein
hin. Endlich muss die in grösster Supination auslaufende breite und lange Flosse, mit kurzen
Metatarsen aber langen Phalangen, berücksichtigt werden. Anders ist es bei der Otter. Hier
ist die Länge des Ober- und Unterschenkels fast gleich und diesem Verhältniss entsprechend zeigt
sich die Länge des Fusses, dessen Metatarsen länger als die Zehen, mit geringerer Abductions-
fähigkeit, zwischen Pronation und Supination die Mitte halten. Die Hüft-, Knie- und Fuss-
gelenke befinden sich hier in einer stärkeren Flexion und bilden dadurch spitzere Winkel.
Auf der unverhältnissmässigen Kürze der Extremitäten zur Höhe und Länge des Beckens,
sowie auf der Lagerung ersterer, nicht unter oder hinter, sondern neben demselben, beruht
nun bei der Phoca die Länge der Muskeln, welche zum Ober- sowie zum Unterschenkel
gehen. Da nun aber ausserdem manche dieser Muskeln sich an weit tieferen Stellen der
Knochen ansetzen, als man es bei der Otter und anderen Thieren findet, so ist die Möglichkeit
den Ober- und Unterschenkel vom Rumpfe der Robbe zu entfernen, bei weitem beschränkter
als bei der Otter. In gleicher Weise stehen mit diesen Verhältnisserössen der Knochen, die
Ansatzwinkel mancher Muskeln, sowie die Grösse der theoretischen Hebel in Verbindung. So
setzt sich z. B. bei der Phoca der Rectus fem. mit der Axe des Femur, in einem Winkel
von 50—55° an die Patella. Bei der Otter aber, welche einen längeren Oberschenkel, aber auch
ein längeres Hüftbein hat, mit einem Winkel von 30°. Im ersten Fall ist der theoretische
Hebel 4 Cent. lang, im letzteren 3 Cent. Ferner aber scheint mit den Skelettverhältnissen der
Robbe die Thatsache in Verbindung zu stehen, dass sich manche Muskeln, welche am Becken
ihren Ursprung haben und zum Unterschenkel gehen, sich an diesen weit tiefer abwärts
ansetzen als bei der Zutra. So finden wir es z. B. bei dem Gracilis, dem Semitendinosus
und Semimembranosus, welche fast bis zur Ferse herabtreten, während diese Muskeln bei der
Lutra mehr in der Mitte oder dem oberen Drittel des Unterschenkels sich anheften. Ebenso
setzt sich der Ilio-psoas bei der Phoca an den Condylus intern. fomoris. — Wir haben ge-
sehen, dass die Bauchmuskeln die ganze innere und äussere Seite des Oberschenkels bis über
die Patella hin überziehen. Die Bindegewebsschicht, welche die äussere Fläche des Obliquus
externus einhüllt, geht gleich auf den Glutaeus über, daher sehen wir auch von einem selbst-
ständigen Sartorius und Tensor bei der Robbe, im Verhältniss zur Otter nichts. Mit. der
Grösse des For. obturatorium und seiner Umgebung stehen auch bei der Robbe sehr starke
— ME —
Musc, obturatorii in Verbindung. Der Obturator internus und externus der Otter ist dagegen
klein. Auf weitere Verschiedenheiten eingehend, ist zu erwähnen: dass die Phoca eine kräftige
Rectus in Verbindung mit einem Vastus ext. und Cruralis besitzt; dagegen fehlt ihr der Vastus
intern. Die Zutra hat auch diesen gut ausgebildet. Der Biceps femor. setzt sich bei Lutra
auch an den Condylus ext. femr., welches bei Phoca nicht der Fall. Besonders ist aber her-
vorzuheben, dass alle Musculi adductores femoris, welche bei der Otter so stark
sind, der Robbe fehlen. Nur der Pectinaeus findet sich bei dieser. Bei der Robbe sehen
wir ferner einen Flex. quat. dig. longus und einen Flexor hallucis, beide mit ihren Sehnen
in einander verwachsen, aber ein besonderer Flexor brevis fehlt. Bei der Otter aber finden wir
auch diesen vollständig ausgebildet, dagegen mit der Sehne eines starken, an der oberen Seite
der Fibula herabsteigenden Muskelkörpers (Plantaris) verbunden. Die Sehne des Plantaris geht
durch eine Scheide über die Spitze der Ferse.
Thätigkeit der Muskeln.
Wenn H. v. Meyer bei Beurtheilung der Thätigkeit der Muskeln besonders hervorhebt,
dass zwei Punkte vorerst als Grundlage und Ausgangspunkte anzunehmen seien: 1. die Stellung
des Gliedes in der Ruhe oder in der Mittelstellung und 2. das Punetum fixum, welches das
eine Mal an dem Rumpf, das andere Mal an dem terminalen Ende der Extremität liege, so hat
er im höchsten Grad Recht, denn ohne Berücksichtigung dieser Grundlagen entstehen unver-
meidlich die grössten Verwirrungen. Indem ich die Gliederstellung, welche bei: dem todten
Thier in der Seitenlage des Körpers sich zeigen, als Mittelstellung annehme, und zunächst
an den Rumpf das Punctum fixum versetze, wollen wir versuchen uns einen Einblick über
die Verrichtung der Muskeln beider Thiere in dem Hüftgelenk zu verschaffen. Gerade aber
hier bei dem Hüftgelenk begegnen wir einer grossen Schwierigkeit, indem gerade zwei Muskeln,
nämlich der Sartorius und der Tensor fasciae bei der Robbe Theile des Obliquns und
daher von diesen beiden Muskeln der Otter so sehr verschieden sind.
Die Bewegungen im Hüftgelenk.
Wie uns die Tabelle der Einleitung zeigt. ist bei beiden Thieren die Bewegung um (lie
Abductionsaxe am grössten, und die Rotationsaxe am kleinsten, die Bewegung in der
Flexionsaxe liegt zwischen den vorhergehenden. Wir sehen ferner aus derselben, dass die
Excursionen des Hüftgelenkes um alle drei Axen bei der Otter um Vieles grösser sind als bei
der Robbe.
— 49 7° —
a) Die Bewegungen um die Flexionsaxe nach vorn werden vollbracht bei der
Robbe durch den Sartorius und Tensor fasciae lat. des Obliquus exter. abd., durch den kräf-
tigen Reetus und den Ileopsoas. Bei der Otter sind es dieselben Muskeln. — Die Bewegung
um die Flexionsaxe nach hinten wird bei der Robbe nur durch den kräftigen Glutaeus
maximus, Obturator externus und Vordertheil des Glutaeus medius vollbracht. Ganz anders
ist es bei der Otter. Hier wirken die hinteren Adductoren, der Glutaeus maximus
und Coccygo-femoralis (Parameralis Str.), endlich die vordere Abtheilung des Biceps 1, sowie
mittelbar der Semimembranosus, Semitendinosus und Gracilis.
b) Die Bewegungen.um die Abductionsaxe werden bei der Phoca in lateraler
Richtung vollbracht durch den Tensor fasciae, den Glutaeus maximus und den hinteren Theil
des Glutaeus medius und minimus und den Obturator internus. — Bei der Otter kommt
noch der Parameralis und der Biceps, sowie der Pyriformis hinzu. In medianer Rich-
tung wirken bei der Robbe der Sartorius, der Obliquus, der Ileopsoas, der Rectus und der
Pectinaeus und indirect der Gracilis, sowie Semitendinosus und Membranosus. Bei.der Otter
aber treten noch die Adductoren in die erste Linie.
ec) Die Bewegungen um die Rotationsaxe. Bei der Robbe rotirt nach
vorn der vordere Theil des Glutaeus medius, des minimus, und eben diese Muskeln bei der
Otter. — Die Rotation des Schenkels nach hinten aber bringt bei der Robbe der
Obturator externus, bei der Otter aber der Obturator externus und der Quadratus femoris
zu Stande,
i Die Abwesenheit der Muskelgruppe, die man bei dem Menschen als Adductoren
bezeichnet, muss bei der Robbe um so mehr auffallen, als sie bei allen unseren Raubthieren,
sowie dem Vierhänder und dem Menschen, neben dem Quadriceps, die grösste Muskelmasse
der Hinterextremität abgibt. Da nun diese Muskeln weit mehr strecken als anziehen, von
den hintersten Theilen des Beckengürtels von oben und hinten kommend, den schräg nach
vorn gelagerten Oberschenkel der Thiere in seiner ganzen Länge anfassen und dadurch mit
Kraft zurückzuziehen im Stande sind, so ist das Bewegungsmoment der Oberschenkel-Streckung
bei der Robbe in hohem Grade geschmälert, während die Adduction des Schenkels durch andere
Muskeln, wie z. B. den über das Knie zur Symphyse tretenden Obliquus externus und den
günstig gelagerten Pectinaeus ausgeführt wird.
Diese Wahrnehmung allein muss schon darauf hinweisen, dass die Hinterextremität der
Robbe kein Anstemmen der Extremität auf festem Boden in der Richtung der Körpermediane
sowie keine Verwendung zur Fortbewegung auf dem Lande geben kann.
Abhandl, d. Senekenb. naturf. Ges. Bd. IX. 57
Die Bewegungen im Kniegelenk.
Hier in dem Knie begegnen wir nur einer Flexion um eine frontalliegende Axe, sowie
einer Rotation, für welche die Axe sagittal gelagert ist.
Die Extensionsbewegung ist imKnie der Robbe sehr gering, da ihr die gleich zu
besprechenden Muskeln, welche hinten vom Becken zum Unterschenkel herabtreten, hemmend
entgegentreten. Ausserdem besitzt aber auch die Robbe als Extensoren des Knies nur den
Rectus, Vastus externus und Cruralis, während bei der Otter der Sartorius und Vastus internus
und die Gruppe der Adductoren als höchst einflussreiche Muskeln hinzutreten. Mehr begünstigt
dagegen als die Streckung zeigt sich bei der Robbe die Be ugung des Knie’s, da hier die
mächtigen Muskeln für die Rotation, nämlich der Graeilis, Semimembranosus, Semitendinosus,
Biceps I. und I., der Poplitaeus, sowie die Flexoren des Oberschenkels secundär ‘mit in Betracht
kommen. Da nämlich alle Rotatoren des Unterschenkels letzteren in einer horizontalen Rich-
tung neben dem Becken fixiren, daher eine Streckung des Knies oder Entfernung des Schenkels
vom Rumpfe verhindern, so werden die Muskeln des Oberschenkels, wenn sie denselben nach
vorn drehen, eine Beugung des Knie’s veranlassen müssen. Andererseits aber haben zwei
Muskeln des Unterschenkels, nämlich der Graeilis, sowie der Biceps II. durch ihre nach hinten
zu der Extremität tretenden Fasern, indem sie den Unterschenkel nach vorn schieben, gleich-
falls eine Mitwirkung bei der Beugung des Knie’s zur Folge. — Bei der Otter steht der
mächtigeren und freieren Extension des Kniegelenkes aber eine grössere und ausgedehntere
Beugung gegenüber. Hier wirken Gracilis, Semimembranosus und Tendinosus, sowie die beiden
Biceps als Beuger. Die Flexoren des Oberschenkeis sind jedoch hier ohne jeden Einfluss.
Rotation im Kniegelenk. War nun auch bei der Flexion und Extension die Otter
um ein Bedeutendes der Robbe überlegen, so steht erstere dagegen letzterer in dieser Be-
wegungsart in hohem Grade nach. Bei meiner Schilderung des Kniegelenkes der Robbe in dem
ersten Theil dieser Abhandlung habe ich die Bewegungsverhältnisse dieses Gelenkes klarzulegen
versucht. Wir fanden hier nämlich die interessante Wahrnehmung, dass bei der Beugung des
Knie’s zugleich eine Rotation des Unterschenkels nach aussen und oben stattfand, die so weit
ging, dass der Kopf der Fibula in die Mitte der Epiphyse des Femur zu liegen kam. Bei der
* Extension trat die Fibula dagegen wieder hinter den Condylus externus.
Anmerkung. In jener Tabelle pag. 283 (Bd. VIII.) findet sich ein Druckfehler: Bei Lutra vulg. Rotation
des Kniegelenkes muss statt 93 die Zahl 63 stehen. ” \
Ein gleiches Interesse bieten nun aber auch die von dem Becken an den Unterschenkel
gehenden Muskel. Während bei der Otter diese theilweise mehr schmal, aufwärts "an der
— . 456 —
Tibia angeheftet sind, nehmen sie bei der Robbe fast die ganze Länge der Tibia und Fibula ein.
Ihre Hauptwirkung ist die Rotation des Unterschenkels und nur als Nebenwirkung tritt bei
ihnen zugleich die Beugung oder die Streckung des Knie’s hinzu.
Zunächst rotirt der @racilis ($ymphysio-tibialis) nach innen und unten, indem er an
die Crista der Tibia in ihrer hinteren Hälfte tritt und von der ganzen Symphyse kommt, zugleich
schiebt er mit seinen schräg nach hinten tretenden Muskelfasern den Unterschenkel nach
vorn. — Der Semimembranosus; der dagegen von der äusseren und hinteren Fläche des
‚ Schienbeines nach vorn, in die vordere Hälfte der Orista tibiae bis zum Knie hinaufgeht, rollt
den Schenkel nach innen und zieht ihn zugleich nach hinten. Die sich kreuzenden Fasern
beider Muskeln wirken zusammen nach der Diagonale und vollführen daher ‚eine Rotation
gerade nach Innen. — Der Semitendinosus aber, welcher vom Kreuzbein kommt und zur Mitte
des Unterschenkels zur Crista geht, rotirt nach Innen und Oben. Er ergänzt also die Rotations-
wirkung der früheren. Die Befestigung aller dieser drei Muskeln läuft nun aber in eine Sehne
aus, welche median über das Sprunggelenk herabsteigt und sich in die Fascia plantaris ver-
liert. Durch diese Ausbreitung aber bleibt die Rotation nicht blos auf den Unterschenkel
beschränkt, sondern wird auch auf den Fuss fortgesetzt.
Diesen Rotatoren nach Innen tritt nun der Biceps I. als Rotator nach Aussen gegenüber.
Er entspringt spitz vom Tuber ischii und geht in breiter Fläche um die ganze Länge der
Fibula herum und verliert sich in die Fascia auf der äusseren Fläche der Tibia. Der unter
ihm liegende Biceps Il. ist nur ein Beuger des Knie’s und Adductor des Unterschenkels.
Von den Rotatoren des Unterschenkels habe ich eine graphische Zeichnung im Quer-
schnitt des Körpers zu machen versucht. Die Zugrichtung des Gracilis bildet mit der Mediane
des Körpers einen Winkel von 63°, die des Semimembranosus von 98°, die des Semitendinosus
von 45°, endlich die des Biceps von 90°. Der theoretische Hebel der ersten drei Muskeln,
welche an die Tihia gehen, in deren Mitte die Rotationsaxe verläuft, beträgt nur 5 Millimeter,
der des Biventer aber, welcher erst um die Fibula herumgeht, zeigt 15 Millimeter. Interessant
ist es nun hier ‘zu sehen, wie der letzte Muskel den drei andern Muskeln gegenüber ebenbürtig
gestellt ist. Begünstigt wird aber wieder das Verhältniss jener auch noch dadurch, dass seine
Fasern nur lateral, nicht in rechtem Winkel zwischen. der Mediane des Körpers und dem
Unterschenkel verlaufen. — Auch die Gewichtsverhältnisse müssen wir betrachten. Bei einer
Robbe, frisch präparirt wiegt der Gracilis 42 Grm., der Semitendinosus 25 Grm., der Semi-
membraonsus 19 Grm., der Biceps jedoch nur 8 Grm. Hier. tritt aber zu. Gunsten des Biceps
die schon in der Gelenkbildung liegende, mit. der. Flexion des Knie’s verbundene Rotation nach
452 —
Aussen ein. Ein Verhältniss, welches bei dem Thier in der Ruhe oder in dem Tod sich immer
findet, denn es ist die normale Mittelstellung. Suchen wir nun aber den Schenkel zu drehen,
so finden wir die Drehung nach Innen und Unten weit ausgiebiger als nach Oben und Aussen.
Gehen wir nun zur Otter über, von der wir soeben gesagt, dass rücksichtlich der Flexion
und Extension des Kniegelenkes sie die Robbe weit übertrifft, rücksichtlich der Rotation aber
ihr nachsteht, so finden wir auch hier den Gracilis und den Biceps als Rotatoren des Unter-
schenkels. Doch ist hier die Rotation nur eine Nebenwirkung. Die Hauptwirkung beider
Muskeln besteht in der Flexion des Knie’s, in welcher Richtung sie kräftigst von dem Semi-
membranosus und Tendinosus unterstützt werden. Der Biceps aber, welcher mit dem unteren
Ende des Femur, der Tibia und der Calx in Verbindung steht, ist zugleich für das Bein ein
Extensor und Abductor, für den Fuss aber in plantarer Richtung ein Extensor. War nun aber
bei der Robbe der Gracilis schwerer als der Biceps, so ist es hier umgekehrt. Der Biceps
verhält sich hier zum Gracilis wie 3 : 1. Semimembranosus und Tendinosus aber, welche zu-
sammen dem Gracilis bei der Robbe an Gewicht fast gleich sind, übertreffen bei der Otter
letzteren bedeutend, sind aber zusammen dem Biceps gleich.
Beifolgende Tabelle wird uns zeigen, dass nur bei der Robbe die Gewichtsverhältnisse
der Rotatoren nach Innen bedeutend grösser sind als das Gewicht des Rotator nach Aussen.
Die Rotatoren des Unterschenkels in ihrem Gewichtsverhältnisse.
: Feen Baal Me >
Rotätoren nach Innen. Robbe u Otter II. | Luchs. Fuchs. Hyäne. | en
Graeilis. Wr 22 20
Semumerhbtanosus. 3 =... -3 nie une © 10 We 0 24 34 20
SEHNLENAMIORUS.cH we ae ae es 20 3 50 18 28 25
SINEIERIEND 002 Eee netz Be 59 15 130 59 84 65
Rotatoren nach Aussen.
EiMeps Heron re ae 16 1 140 | 62 | 120 58
? Bewegungen in den Fussgelenken.
Indem wir zu einer Vergleichung der Bewegungsverhältnisse im Fuss der Robbe und Otter
übergehen, haben wir zuerst zu berücksichtigen, dass die Mittelstellung des Fusses der Robbe
zum Unterschenkel in der Seitenansicht einen Winkel von circa 165—170° bildet, während bei
der Otter in extremster Extension ein Winkel von 130°, in der Mittelstellung aber von
— 453 —
110° wahrzunehmen ist. Bei der Robbe liegt dabei der Fussrücken auf der lateralen Seite des
Unterschenkels, ist also in hohem Grad supinirt. Beugt man nun das Sprunggelenk dorsal, so
bildet die Längsaxe des Fusses mit der Längsaxe des in Flexion befindlichen Femur, in der
Richtung der Tibia gesehen, einen rechten Winkel nach Aussen. Die Axe des Sprunggelenkes aber
Anmerkung. Ich muss hier einen höchst störenden Druckfehler, welcher sich auf Seite 378 (102) am
Schlusse findet, berichtigen. Daselbst heisst es »nur nach aussen ofinen Winkel« statt >nur einen kleinen Winkel«.
bildet ‚mit der Axe des Kniegelenkes einen Winkel von 30—35°. Bei der Otter gehen da-
gegen beide Axen in einen Winkel von 10° und die Längsaxe des Fusses, läuft fast (mehr
median) in einer Richtung mit der Axe des Femur, während der Fuss selbst in der Mitte
zwischen Pronation und Supination sich befindet. Dabei steht die breite obere Talusfläche mit
dem unteren Gelenk der Tibia in Berührung, während bei den Robben gerade die scharfe
Kante des Talus die höchste Stelle gegen den Unterschenkel einnimmt. Schon hieraus sehen
wir, dass der Fuss der Otter ein Stützorgan ist, während der Fuss der Robbe, dessen Unter-
schenkel ausserdem parallel der Körperaxe läuft, dieses unmöglich sein kann. Berücksichtigen
wir nun ferner, um die Bewegungsverhältnisse der Muskeln klar zu machen, dass die Calx
der Robbe sehr lateral (hinter der Fibula) liegt, während sie bei der Otter mit ihrem Knopf-
ende geschweift median gewendet hinter die Mittellinie des Unterschenkels tritt, und ferner dass
bei der Robbe die Längsaxe des Fusses mit der Längsaxe des Unterschenkels in der grössten
Streckung (hier Mittelstellung) auf der medianen Seite einen stumpfen Winkel bildet, bei der
Otter aber beide fast in einer Richtung verlaufen, so ist es einleuchtend, dass die dorsalen
wie plantaren Flexoren den Fuss bei der Robbe zur Körpermediane in schräger, bei der
Otter in paraleller Richtung gehen müssen. Endlich besitzt die Robbe in dem mittleren Fuss-
gelenk eine Beweglichkeit (plantare Flexion, mehr jedoch noch Rotation), welche bei der Otter
ungleich beschränkter ist. Gerade diese Eigenschaft des mittleren Fussgelenkes der Robbe ist
es aber, welche in Verbindung mit der Sehne, welche von den Rotatoren des Unterschenkels
(Gracilis, Semimembranosus und Semitendinosus) herabsteigend auf die mediane Seite des Tarsus
tritt und die starke Sehne des Tibialis posticus umfassend, sich in ganzer Länge an den Me-
tatarsus I. befestigt, gerade diese Eigenschaft ist es, welche zugleich die mächtige Rotation
des Unterschenkels nach unten und innen auf den Fuss fortsetzt, und dadurch Bewegung
des Robbenfusses von dem der Otter ganz bedeutend unterscheidet. Mit einem solchen beweg-
lichen Mittelfussgelenk würde die Otter zum Laufen und Springen ungeeignet sein, während
die Robbe zum schraubenförmigen Schaufeln des Wassers trefflich ausgerüstet ist. Auf diesem
Gelenk beruht nun auch die Wahrnehmung, dass bei der Robbe der Flexor Hallueis, welcher
— 44 —
von der Fibula kommt, den Fuss beugt und denselben auch nach der lateralen Seite neigt,
während der Flex. quat. dig. die Beugung nach der medianen: Seite wendet. Anders ist es bei
der Otter. Hier ziehen die Flexoren in der Fussaxe und diese Richtung ist um so mehr
fixirt, als die Sehne des Plantaris über die Ferse tretend zum Flexor quat. dig. wird.
Während nun die Flexoren der Fusssohle bei beiden Thieren, indem sie die Zehen beugen,
diese auch einander nähern, ist bei den Extensoren die Wirkung verschieden. Der Extensor
quatuor digitor. der Robbe hat nämlich das Eigenthümliche, dass seine Sehne sich erst auf
der Mitte der Metatarsen theilt und daher bei seinem Zug die ausgespreizten ‘Zehen gegen
einander nähert. Bei der Otter dagegen entfernen sich die Zehen bei der Extension von
einander. Was nun die übrigen Muskeln betrifft, so wirkt bei beiden Thieren der Tibialis
anticus als Supinator und dorsaler Beuger, der Peronaeus I. als Pronator, der Peronaeus Il. als
Abductor des Fusses, Tibialis post. aber als Adductor und plantarer Extensor; die Gastrocnemii
als Extensores plantares. Während aber der Peronaeus II. bei beiden Abductor der lateralen
Zehen ist, ist der Extensor pollicis der Robbe wegen der frontal gewölbten Lagerung der
Metatarsen Abductor der medianen Zehen. Diese letzten Muskeln sind also bei der Robbe
Antagonisten des Extensor quat. dig., sowie der Flexoren. Ebenso sind die Extensores breves
der Robbe Antagonisten jener, indem der eine median an die erste und der zweite lateral an
die vierte Zehe geht. Den Extensoren der Zehen überhaupt scheint aber noch die Eigenschaft
zuzukommen, dass sie fast weniger für die Streckung der Zehen (welche in der Ruhe an und
für sich gestreckt liegen), als für ein Zusammendrücken der unteren und oberen, durch schlaffe
Ligamenta dorsalia verbundenen Tarsalen bestimmt sind. Bei der Otter ist eine sölche Ver-
anlassung nicht nöthig, da hier längere und kräftigere Metatarsen, kürzere Zehen und ein
weniger bewegliches mittleres Fussgelenk vorkommt.
Nach allem diesem dürften wir es hier bei der Robbe mit einem Körperglied zu thun haben,
welches nur zu Ruderbewegungen und zwar in frontaler Rotation der"Flosse, keineswegs aber
zu einem Stützorgan geeignet ist, während wir in der Hinterextremität der Otter ein Organ
sehen, welches sowohl mit ausgebreiteter Fläche das Wasser zurückstossend, schwimmt, als
auch auf dem Lande den Körper trägt. Noch ist zu bemerken, dass bei der Robbe die mitt-
leren Schwimmhäute breiter als die äusseren sind, bei der Otter aber die äusseren die breiten,
die mittelste aber die schmälste ist. Hier drückt die Planta mit ganzer Fläche beim kräftigen
Schwimmen gegen das Wasser, dort durchschneidet dasselbe der fächerförmig ausgebreitete Fuss
mit seinen Rändern in lateraler und medianer Drehung.
—_— 45 —
Vergleichung der Lutra mit Meles, Canis, Felis, Hyäne und Inuus.
Bei der Robbe bildete die Axe des Sprunggelenks mit der Flexionsaxe des Kniegelenks
einen Winkel von 30 bis 35°. Hier stand die Längsaxe des Fusses bei dorsaler Beugung des
Sprunggelenks nach Aussen. Bei der Otter zeigen sich beide Axen in einem Winkel von 10°
und in dem Aufriss der Tibia betrachtet sieht man den Fuss bei seiner Dorsalflexion nach Innen
gegen die Mediane gerichtet. Bei den jetzt zu betrachtenden Thieren ist der Winkel noch
kleiner, nämlich 4 bis 6°. Dadurch sehen wir den Fuss mit seiner Längsaxe fast im rechten
Winkel zur Flexionsaxe des Knie’s und in die Richtung der Körpermediane gebracht. Die
Metatarsen sind jetzt länger, stärker und kräftiger, wiewohl die für die grosse Zehe ver-
kümmert ist. ‘Sie sind fester an einander befestigt und eine bewegliche Verschiebung wie bei
der Otter kommt weder in den Carpus- noch den Metacarpusknochen vor, der ganze Meta-
carpus bildet nur ein festes in sich und mit dem Carpus verbundenes Gerüste. Die Phalangen
aber stehen namentlich bei den Katzen in geknickter Stellung gegen einander, so’ dass die
Phalanx I. in dorsaler, die Phalanx II. in plantarer, und die Phalanx II. durch ihr elastisches
Seitenband wieder in dorsaler Flexion erhalten wird. Diese Thiere treten mit den Köpfchen
der Metatarsen und zugleich mit den vorderen Epiphysen der Phalanx II. auf den Boden,
wobei ihnen die Fuss- und Zehenballen eine weiche Polsterlage bilden. Hier finden wir die
eigentlichen Zehengänger, während der leicht in sich verschiebbare Fuss und die ad- und ab-
dueirbaren Metatarsen und Phalangen der Otter diese als Halbzehengänger documentirt.
Rücksichtlich der Muskeln begegnen wir im Ganzen sehr wenig Verschiedenem, denn mit
wenig Ausnahmen finden wir dieselben Muskeln in gleicher Lagerung und meist auch in
gleichem Ansatz hier wie da. Besonders wäre zu erwähnen, dass die vom Becken zum Unter-
schenkel herabsteigenden Muskelhüllen bei der Otter meist einen tieferen Ansatz an dem Unter-
schenkel zeigen. Ferner dürften wir hervorheben, dass, während die Muskeln bei den Raub-
thieren meist stärker, und namentlich die in der Tiefe um das Hüftgelenk gelagerten schärfer
ausgeprägt sind, die Muskeln am Fuss und an den Zehen der Otter (namentlich die für die ersten
Zehen), eine vollkommnere Entwickelung zeigen und demnach auch eine mannigfaltigere Be-
wegung gestatten. Die Felinen besitzen gleich der Otter einen Parameralis (Strauss), dagegen
fehlt: diesen der Biceps II. Bei dem Dachs, Fuchs und der Hyäne fehlen aber diese beide Muskeln.
Der Sartorius ist überall mit dem Tensor fase. latae und dieser mit dem Glutaeus maximus
sehnig verbunden. Dem Semimembranosus und dem Adduetor magnus fehlt meist die scharfe
Trennung der Muskelfasern. Der Plantaris entspringt bei allen mit dem lateralen Kopf des
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Gastrocnemius. Er läuft hier über die Calx und ist mit dem Flex. quat. dig. brevis vereinigt.
Bei dem Dachs ist er in ganzer Länge mit dem Gastrocn. ext. verwachsen. Bei diesem Thier
findet sich aber noch ein Soleus. Der Tibialis anticus geht überall an das Os cuneiforme I.
und Metatarsus I, ebenso der Tib. posticus und der Peronaeus I. Von einer Pronation und
Supination ist aber gerade bei Felis, Oamis und Hyaena nichts zu sehen, dagegen wirken diese
Muskeln als Flexoren und Extensoren des Fusses. Der Extensor quat. digit. entspringt am Con-
dylus extern. des Femur wie bei der Otter; sehr ohnmächtig ist dagegen der Extensor hallueis,
welcher mit jenem meist verwachsen. Der Flex. quat. digit. und der Flexor hallueis vereinigen
sich gleich denen der Otter in der Planta zu einer platten aber starken Sehne und entsenden
ihre Lumbricales, die Interossei aber sind bei der Otter stärker entwickelt. Der Flex. quat.
dig. geht bei dem Dachs an die fünf Zehen.
Gehen wir nun zu den Vierhändern über. Auch hier bei dem Ins sehen wir noch die
früheren Hüllenmuskeln weit an der Extremität herabsteigen. Der Glutaeus maximus, sehr
schwach, läuft vereinigt mit: dem Tensor ein grosses Stück fleischig am Oberschenkel (Orang)
herab und verliert sich dann sehnig geworden an der lateralen Seite des Knies und der Tibia.
Der Parameralis (Strauss) ist nicht mehr vorhanden. Die Sehne des Sartor. heftet sich bei
Inwus an das obere Viertel der Tibia, der Gracilis und Semitendinosus an das obere Drittel,
der lange Kopf des Biceps (der kurze fehlt hier) heftet sich mit seiner Sehne theils an die
Patella und verbreitet sich bis in die Hälfte des Unterschenkels. Bei Orang und Chimpance
finde ich aber einen langen und kurzen Kopf, letzterer nimmt mit seiner Sehne bei dem Orang
fast ein Drittel, bei dem Chimpance jedoch nur ein Sechstel des oberen Theiles der Unter-
schenkel ein. Alle verlaufen in die Fascia cruralis. Der so tiefe Ansatz dieser Muskeln ver-
hindert begreiflicherweise die Streckung des Knie’s. (Bei dem mir eben vorliegenden Muskel-
präparat von einem kräftigen Inuwus cymomolgus erhalte ich hei stärkster Kniestreckung einen
Winkel von 120°, bei andern erhielt ich 128°, bei Chimpance 136, bei Orang 125. Ob bei
Cercopithecus mona in der Tabelle 180° richtig, möchte. ich bezweifeln.) —
Aber auch durch den Glutaeus min. ist eine vollkommene Streckung des Hüftgelenkes
unmöglich gemacht, indem dieser Muskel nicht an den inneren und vorderen Rand des
Trochanter major, sondern diesen »umgehend vorn an die äussere Wurzel desselben sich an-
setzt. Eben dahin heftet sich der Quadratus femoris und so sind beide Muskeln Rotatoren. Der
Glutaeus rotirt nach vorn, der Quadratus nach hinten. Durch den Ansatz des Glutaeus min.,
noch mehr durch die Befestigung des Lig. ileofemorale, nicht, wie bei dem Menschen, vorn an
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der Linea intertrochanterica, sondern in der Nähe des Trochanter minor, ist der Oberschenkel
nach Innen rotirt und kann derselbe daher nicht vollkommen gestreckt werden. Hiermit hängt
auch wohl die Stellung des ganzen Baues nach Innen, wie wir es bei den Affen so oft sehen,
zusammen. ‘ Der Glutaeus med. und maximus nebst Obturator intern. aber abdueiren den
Schenkel.
Bei Inuus hört die Verbindung des Plantaris mit Flex. quat. dig. brevis oberhalb der
Spitze der Calx nicht auf. Ebenso hat uns Bischoff bei einem Cynocephalus und einem
Macacus eine Verbindung zwischen Plantaris und Flex. brevis gezeigt. Der Peronaeus III. ent-
springt hier noch zwischen Peron. long. und brevis an der hinteren Seite der Fibula und
schlingt sich um deren hinteres Ende. Peronaeus I. geht bei /nwus an das Cuneiforme 1.
und den Metatarsus hallucis, er pronirt den Fuss, adducirt aber auch den Hallux. Die Ver-
einigung der Sehnen des Flex. quat. dig. und des Flex, hallucis beginnt bei Inuus sich zu
lösen. An der Theilungsstelle beider Sehnen für die fünf Zehen sind beide mit einander
durch einen Sehnenstreif verwebt. Nun geht die eine Sehne des Flex. hallueis durch eine
Spalte der zwei extremen Sehnen (zweite und fünfte) des Flex. quat. dig. hindurch, begibt
sich durch eine Schlinge am Cuneiforme I. zur Basis des Hallux und heftet sich an die
zweite Phalanx. Durch diese Sehne wird der Hallux nicht allein gebeugt, sondern auch in Op-
position zu den andern Zehen gesetzt. Während nun die übrigen Sehnen des Flex. Hallucis
zur dritten Phalanx der dritten und vierten Zehe gehen, gehen die Sehnen des Flex. quat.
dig. zur zweiten und fünften.
Wirkten bei den grösseren Raubthieren die Muskeln des Unterschenkels ganz besonders
für eine dorsale und plantare Flexion des Fusses, so finden wir bei den Vierhändern mehr
noch als bei den Ottern eine Adduction und Abduection, sowie eine Pronation und Supination
im Sprunggelenk ausgebildet, welche durch die Peronaei und Tibiales vollbracht wird. Die grosse
Verschiebbarkeit in den Carpalen, sowie letzterer an den Metacarpalen, ferner die Beweglichkeit
des IV. und V. (natürlich den Hallux nicht gerechnet) finden sich hier wie dort. Vierhänder
wie Ottern sind daher auch halbe Sohlengänger. Erstere, indem sie bei dem Laufen auf
ebenem Boden nur mit dem‘ Rand der äusseren Sohle, und zwar noch nicht mit der
Ferse den Boden berühren, die Ottern aber mit ihrem mittleren Fussballen.
Bezüglich der genaueren Muskulatur des Greiffusses der Vierhänder , verweise ich auf
die höchst gründliche und vortreffliche Schrift des Herrn Prof. Bischoff: »Beiträge zur
Anatomie des Hylobates leueiscus«. München 1870.
Abhandl. d. Senckenb. naturf. Ges. Bd. IX. 58
Zur Statik und Mechanik der Hinterextremität,
Es lohnt sich vielleicht der Mühe, nach Betrachtung der Muskeln im Einzelnen, nun
auch über die Thätigkeit derselben im Zusammenhang und in ihrer Gesammtwirkung beim
Stehen oder bei der Ortsbewegung einige Einsicht zu suchen. — Versuchen wir es.
Schon früher ist erwähnt, dass zur Beurtheilung der Muskelthätigkeit der Ausgangspunkt
der Bewegung, d. h. das Punctum fixum, berücksichtigt werden muss. Da dieses nun bei der
Gang- und Laufbewegung abwechselnd, das eine Mal in dem Fuss, d.h. in dem Köpfchen der Meta-
tarsen. das andere Mal in dem Hüftgelenk sich befindet, je nachdem das Bein eine Stütze für
den Rumpf ist oder schwingt und dann von letzterem getragen wird, so wollen wir, indem wir
beim Stehen beginnen, von dem. Punctum fixum, als in dem Fusse liegend, den Ausgang
unserer Untersuchung nehmen. Einige allgemeine Bemerkungen über das Knochengerüste vor-
auszuschicken möge mir jedoch noch erlaubt sein.
Anknüpfend an das über die Rückenwirbel sowie über die Statik und Mechanik der Wirbel-
säule (pag, 140 und pag. 149) Gesagte, liegt der Schwerpunkt des ganzen Körpers, wenigstens
bei den von mir daraufhin geprüften Thieren, in der Gegend der Vertebra intermedia. Von
hier aus strebt der Rumpf nach hinten und vorn sein Gewicht zu vertheilen. Der gewölbe-
artig gestalteten Wirbelsäule der Raubthiere gegenüber, ist Scapula und Becken zur Ver-
hinderung des Horizontalschubs gegenüber gestellt. Beide Pfeiler ruhen aber auf den mächtigen
Köpfen der beiden, in entgegengesetzter Richtung gelagerten stärksten Extremitätenknochen
und diese federn wieder auf den Ellenbogen und dem Kniegelenk, gleichfalls den stärksten
und fest gesichertsten Gelenken des Körpers. Sollten nun aber diese sich entgegenstehenden
Gelenke allein nur Bezug haben zur Lagerung des Rumpfes auf elastisch-federnden Stützen,
welche beim Sprung und beim Laufen des Thieres vor gewaltsam erschütternden Stössen schützen
und auf ihren oberen Knochen (Femur und Humerus) dasselbe wie in einem Schaukelsessel auf-
nehmen ? Liegt nicht auch der Gedanke sehr nahe, dass auch die unteren Knochen, die des Vorder-
armes und des Unterschenkels, rücksichtlich ihrer typischen Stellung einen diresten Bezug zum
Schwerpunkt haben? Mir scheint wenigstens die Stellung dieser Knochen schräg aufwärts nach
hinten und nach vorn nach dem Parallelogramm der Kräfte zwei Componenten darzustellen, deren
Resultirende gegen den Schwerpunkt hinzieht. Ein Gleiches scheint mir aber mit den oberen
Knochen der Fall zu sein, welche in gleicher Weise von hinten nach vorn und umgekehrt beim
Gang und Lauf gegen das Punctum fixum des tragenden Beines sich hinrichten. ‘Wie aber sieht
— 559 —
es mit den Metacarpen und Metatarsen aus? Erstere befinden sich beim Aufrechtstehen
(Standbein) in gleicher Richtung mit denen des hinteren Standbeines. Beide liegen in gleicher
Richtung, denn beide haben die gleiche Function, nämlich die einer Radwelle nach vorn.
Wenn wir einen Carnivoren, einen Tiger oder einen Windhund, bei welchen wenig Fett, das
Fell zart und mehr durchsichtig, oder ein anderes Landsäugethier im Stehen beobachten, so werden
wir wahrnehmen, dass, wenn beide Hinterextremitäten zufällig in gleicher Richtung neben ein-
ander stehen, eine Senkrechte aus dem Schenkelkopf durch den oberen Theil das Femur, unge-
fähr durch die Mitte des Unterschenkels schliesslich. n die Köpfchen der Metatarsen fällt. Stehen
aber die beiden Beine nicht parallel neben einander, dann wird die Schwerlinie, denn als solche
dürfen wir jene Senkrechte ansehen, aus dem Hinterrumpf in sagittaler Richtung zwischen
die Stützpunkte beider Beine fallen. In diesem letzteren Fall wird der Femur sowie der
Metatarsus des hinteren Beines einen grösseren Winkel zum Horizont machen, also steiler stehen,
als in dem vorderen Bein.
Bleiben wir nun bei der ersten Stellung, so wird die Last des Körpers die Gelenke der
Hüfte, des Knies und des Fusses zusammen zu drücken suchen. Da aber die Muskeln im
lebenden Körper eine absolute Elasticität besitzen, welche der durch die Schwere in
ihnen veranlassten Dehnung entgegen tritt, so ist es begreiflich, dass, da die Schwerlinie durch
die Metatarsusköpfehen in den Boden fällt, eine dorsale Flexion in dem Sprunggelenk ent-
stehen und ein Einbrechen dieses Gelenkes erfolgen würde, wenn die Beugemuskeln an der
hinteren Seite des Unterschenkels es nicht verhinderten.
Je mehr nun durch Druck der Körperlast eine dorsale Beugung des Sprunggelenkes
drohet, um so mehr werden die Flexoren (Flex. quat. dig., hallucis, Plantaris) gedehnt. Ist aber
das Maximum der Ausdehnung erreicht, dann sind die von diesen Muskeln in Bewegung
gesetzten Zehen fest auf den Boden gedrückt. Hierdurch erhalten nun aber die Muskeln ein
Punctum fixum, von welchem aus sie, an dem Unterschenkel wirkend, das Einbrechen des
Sprunggelenkes, sowie das Vorwärtsfallen des Unterschenkels verhindern. Indem die Peronaei
und der Tibialis post. die Flexoren in ihrer Wirkung unterstützen, sind es die Extensores
auf der vorderen Fussseite, welche gleichfalls durch die Flexion ihrer Zehen gespannt, die
Knochen des Sptunggelenkes auf einander pressen und dabei nebst dem Tib. anticus ein Aus-
gleiten derselben nach vorn verhindern. Doch nicht allein das Sprunggelenk ist durch diese
Muskeln festgestellt, sondern dadurch, dass der Peron. long. sowie der Extens. quat. dig. an
der vorderen Seite der Femur sich anheften, wird auch von vorn das Kniegelenk erfasst. : Auch
von der hinteren Seite wird dieses Gelenk von den Gastrocnemiis und dem Plantaris, welche
AU —
vonder festgestellten Calx aus das Kniegelenk angreifen, festgestellt. Freilich dürfte dieses
Gelenk durch diesen letzten Angriff einbrechen, würden die mächtigen Strecker der Vorderseite
hier nicht ‚entgegen treten.
Ueber die Patella gleich wie über eine Rolle gespannt, fassen sie den Femur, auf, der
ganzen vorderen Fläche (Cruralis) und an den Seiten (Vasti) in seiner ganzen Länge und. sind
so vollkommen in,der. Lage, die Last des Rumpfes auf dem Femurkopf schwebend zu tragen.
Mit der befestigten Stellung des Schenkels in dem Kniegelenk ist die Hauptaufgabe für das
Bein, nämlich den Rumpf zu tragen, eigentlich erreicht. Den um die Hüfte liegenden Muskeln
aber (Glut. med., min., Obtur. intern., extern,, Pyriformis, Quadratus fem.) kommt nur die Auf-
gabe zu, den Rumpf auf dem Schenkelkopf zu befestigen. Der Glutaeus med. und Rectus fem.
verhüten ein Fallen des Rumpfes nach hinten, die Adductoren aber und Semimembranosus ein
Sinken des Beckens nach vorn. Welche Bedeutung fällt nun aber den Muskelhüllen, dem
Sartorius, Tensor fasc., dem Gracilis, Semitendinosus und Biceps zu? Sie sind eine Wiederholung
der vorhergehenden Einzelmuskeln' und sie vollführen zum zweiten Mal und zwar in grösserem
Umfang die Aufgabe jener. Sie. verbreiten dabei. einen Druck auf die unter ihnen liegenden
Muskeln ‘und erhalten. dieselben in Lage und Spannung. So finden wir also den; Rumpf, auf
zwei federnden Stützen ruhen, die allein schon durch. die Elastieität ihrer Muskeln die Last
desselben zu tragen im Stande sind.
Gehen wir nun zur Bewegung über. Wenn bei dem Stehen. des Thieres die absolute
Elasticität der Muskeln in Anspruch genommen war, so tritt bei dem Gang die, andere physio-
logische Eigenschaft derselben, nämlich die Fähigkeit sich zu contrahiren in den Vorder-
grund. Was aber die Muskeln beim Stehen in bestimmter Gruppirung durch: die Elastieität voll-
brachten, das geschieht hier in fast gleicher Gruppirung durch deren Contractionsfähigkeit.
Die an der hinteren Seite des Unterschenkels liegenden Zehen beugen und. pressen. die
Zehen gegen den Boden. | Die Muskeln erhalten hier ihr Punctum fixum, vermöge dessen sie
durch Verkürzung | das: Sprunggelenk : zu strecken vermögen. ‚Die Metatarsen ‚erheben sich
alsdann gleich Radspeichen auf den Sehnen der Flexores dig., der Peronaei und .des Tib. post,
Die Strecker der vorderen Seite werden in einem höheren Grade durch. die, energische Beugung
der Zehen zur Contraction aufgerufen. Indem sie an diesen einen festen Ausgangspunkt ihrer
‘Contraction erhalten, so leiten sie, ‚über das Lig. eruciat. tarsi ‚ gleichwie über ‚eine Rolle
ziehend, den Unterschenkel nach vorn, fixiren ihn aber zugleich auf dem Tubus. Mit der
Neigung’ des Unterschenkels nach’ vorn steigt, aber. auch durch die erhobenen Metatarsen. und
das) gestreckte Sprunggelenk die Tibia in die Höhe.
— 41 —
Indem nun aber die Tibia nach vorn geneigt und gehoben wird, sehen wir nun auch den
Femur, welcher an seiner vorderen Seite durch den Quadriceps, Peronaeus longus und Ext. quat.
dig, hinten aber durch die Gastroenemii und Plantaris auf der Tibia fixirt ist, nach vorn auf-
gehoben und nach vorn als Radspeiche gedreht. Da aber hier die Extensoren des Knie’s sich
auch contrahiren, so wird das Kniegelenk nicht blos in seiner geknickten Stellung erhalten,
sondern sogar gestreckt, demnach die Drehung des Femurkopfes noch weiter geführt. Die
Drehung des Schenkels durch die gewaltigen vorderen Schenkelmuskeln bewirkt nun aber auch
ein theilweises Aufrollen der oberen Ende der Gastrocnemii über die Condylen des Femur und
hat von hier aus wieder eine Rückwirkung auf die Ferse, deren Erhebung hierdurch unter-
stützt wird.
An dem sich aufrichtenden Schenkel befestigen sich nun aber Muskeln, welche durch ihren
Ansatz am Becken das Vorwärtsgleiten des Rumpfes auf dem Schenkelkopf bewirken; an der
vorderen Seite ist der Rectus, an der hinteren Seite aber der Semimembranosus und
die Adductoren zu erwähnen. Für diese Fortbewegung des Rumpfes auf dem Oberschenkel
gewährt nun noch an dem Femur der Tens. fasc. latae und Sartorius, an dem Unterschenkel
aber der Biceps sowie der Semitendinosus und Graeilis eine Unterstützung.
Die um die Pfanne herumliegenden Muskeln haben, da ihr Ansatz an dem Trochanter
gerade mit. der Drehung des Hüftgelenkes in nächster Nähe sich befindet, nur die Aufgabe
den Schenkel an dem Rumpf und die Pfanne in sich zu befestigen.
Somit hätte denn nun das Bein seine Aufgabe erfüllt. Es hat den Rumpf eine Strecke
weit allein getragen und übergibt nun die Last seinem Nachbar. Mit der steileren Stellung
der Metatarsen und des Femur ist der Rumpf gehoben. Indem der Oberschenkel diese Last
auf sich nimmt (nehmen wir. an es sei der linke), ist durch ‘die um die Pfanne gelagerten
kleineren Muskeln (Obturator, Pyriformis ete.) die rechte: Seite des Beckens höher gestellt» als
die linke. ‘Während nun aber das; linke ‘Bein bei seiner senkrechten Rotation sich wieder
nach vorn neigt, legt sich das Becken horizontal. Bis dahin hat: aber das rechte Bein seine
Schwingung vollendet und indem dieses nun die Last des Rumpfes auf sich nimmt, hebt sich
die linke Seite des Beckens, wobei das linke, bis jetzt allein thätige Bein zum Ausruhen
kömmt.
Hier ist nämlich: das Punctum- fixum aus den Metacarpen plötzlich in das Hüftgelenk
versetzt. Die Muskeln, die soeben in angestrengtester Thätigkeit waren, erschlaffen oder setzen
mit verändertem Stützpunkt noch einen Augenblick ihre Thätigkeit fort. Vor allem sind es
die grossen und langen Hüllenmuskeln mit ihrer grossen Verkürzungsquote, welche jetzt hervor-
— 462 —
treten. Der Bieceps, der Graeilis, der Semitendinosus, früher beim Vorschieben des Rumpfes
und‘ auch wohl beim Strecken des Beines behülflich, bei einer energischeren Bewegung aber
selbst ausgedehnt, schnellen jetzt plötzlich zusammen, heben den leichten Unterschenkel und
beugen schnellstens das Knie. Ebenso geht es mit dem Sartorius und Tensor fase. latae.
Der Oberschenkel schnellt in die Höhe. — So ist also das Bein gehoben und zusammen-
geknickt. Es schwingt wie ein in seinen Theilen gegliederter Pendel durch den Anstoss
des nach vorn getragenen Rumpfes von hinten nach vorn. Da aber nach physikalischen
Gesetzen der kürzeste Pendel am raschesten, der längste am langsamsten schwingt, so eilt das
kürzeste Glied, die erste, zweite und Phalanx, den andern Gliedern, obgleich anfangs durch die
fortgesetzte Contraction der Zehen am weitesten zurück, am raschesten vor, und die Sohle
empfängt mit ihrer Planta die Körperlast aufs Neue.
Dürfte ich mir ‘nun nicht die Frage erlauben, welche Muskeln sind beim Stehen oder
beim Gang Flexoren? Alle sind Extensoren und nur den Hüllenmuskeln kommt bei dem
Schweben des Beines eine die Gelenke energisch beugende Thätigkeit zu. — Ueber weitere
Bewegungen einzugehen habe ich nicht die Absicht. Ich glaube, hier ist schon genug zu
prüfen und von hier aus lässt sich der Sprung etc. entleiten.
Mag Vorstehendes auch eine mit grosser Vorsicht, in rein objectiver Weise, am lebenden
sowie am todten Körper unternommene Prüfung enthalten, so bleibt es doch immer nur ein
Versuch, der einer weiteren Prüfung werth wäre. Denn das glaube ich doch behaupten zu
können, dass durch eine Betrachtung, wie die vorliegend versuchte, eine bessere Einsicht und
ein neues Interesse der so sehr vernachlässigten Muskellehre gewonnen werden wird.
Zum Schluss habe ich die Gewichtsverhältnisse nach der soeben ausgeführten Gruppirung
zusammengestellt. Da finde ich denn, dass die Gruppe der Muskeln, welche das Sprunggelenk
streckt, bei allen unseren Thieren, den oberen Gruppen gegenüber, am leichtesten ist. Nur
bei dem Menschen ist es anders, Hier ist diese Gruppe, durch die stark entwickelten Waden-
muskeln, schwerer als die andern: Doch sind auch bei allen Thieren letztere am schwersten,
wenngleich ganz ausser Verhältniss mit dem Menschen, bei welchem Gastrocnem. und Soleus
schwerer ist, als alle übrigen Unterschenkelmuskeln zusammen. (Bei dem Mann ist der
Gastrocnemius etc. den anderen Unterschenkelmuskeln gegenüber -+ 112 Grm., bei Inmus
— 16 Grm., bei Yulpes — 14 Grm., bei Zutra — 8 Grm.) Als die stärksten Muskeln des
ganzen Beines finden wir überall die Vasti und den Cruralis, welche gleich wie die Waden-
muskeln an einem mächtigen Hebelarm (hier gleich einem Flaschenzug) befestigt sind. Den
Streckern des Knie’s stehen hinsichtlich des Gewichtes die Strecker des Hüftgelenkes, die
— 4685 —
Adductoren, sehr nahe. (Vasti etc. 1093 Grm., Adduetores 881 Grm. beim Mann. Bei Inuus
97 und 75 Grm., bei Hyaena 130 und 78 Grm., bei Vulpes 80 und 84 Grm., bei Zutra 16
und 18 Grm.) Bei der Otter und dem Fuchse sind diese dem Quadriceps fast gleich, bei den
übrigen jedoch kleiner.
So sehen wir also sowohl bei dem Menschen als auch bei den Thieren, die stärksten
Muskeln jeder Gruppe alternirend am Beine, hinaufsteigen und so die Streckung des Beines
vollbringen. — Nur beim Menschen finden wir noch einen Muskel, welcher durch sein Gewicht
besonders hervortritt. Es ist dieses der Glutaeus, max., welcher auf dem gestreckten Beine das
3ecken aufrecht hält. Ist er aber bei dem Menschen der gewaltigste unter den Hüllenmuskeln,
so finden wir ihn bei den Thieren schwach, ja bei dem Fuchse und dem Affen als den schwächsten
der ganzen Gruppe. Dagegen ist bei diesen der Biceps bei weitem der stärkste, (Bei dem
Manne ist Biceps — 445 Grm. gegenüber dem Glut,. max., bei Inuus —+- 49, bei Hyaena str.
+ 91, bei Yulpes + 56, bei Meles + 33, bei Zutra -- 5.) Ist nun auch dieser Muskel, wie
wir vorher sahen, gleich den andern Flüllenmuskeln beim Schwingen des Beines ein Flexor und
tritt er mit dem Semitendinosus und Gracilis erst in zweiter Linie beim Gehen als Strecker
auf, so sind es doch wieder gerade diese Muskeln, welche beim Lauf und Sprung den Rumpf
von hinten aus aufheben, ja gleichsam in die Höhe werfen.
Nicht ohne Interesse: ist auch der Vergleich zwischen den Hüllenmuskeln, welche am
Oberschenkel und welche am Unterschenkel sich ansetzen. Da finden sich denn die Gewichte
des Biceps, Graeilis und Semitendinosus zusammengenommen, dem Gesammtgewicht des Glu-
taeus, Sartorius und Tensor ‚fasciae gegenüber gestellt, bei allen Thieren grösser (Otter + 6,
Fuchs + 55, Hyäne + 101, Ins + 98), bei dem Menschen aber kleiner (— 349). Dass
auch diese Verhältnisse mit dem Sprung und Lauf der Thiere, sowie mit der aufrechten
Stellung des Menschen in innigster Beziehung stehen, ist wohl einleuchtend.
— 464 —
VI. Muskeln der Vorderextremität der Phoca vitulina.
Der gebräuchlichen Reihenfolge entgegen liessen wir die Hinterextremität den Vorder-
extremitäten vorausgehen, da erstere einen einfacheren Anschluss an den Rumpf darbietet und
auch rücksichtlich des zu gewinnenden natürlichen Skelettes, eine frühere Präparation ver-
langt, ausserdem aber auch weniger complieirte Verhältnisse zeigt. Bei der Vorderextremität
fehlt die unmittelbare Gelenkverbindung mit dem Rumpf und selbst von einer rudimentären
Andeutung eines Schlüsselbeines ist bei der Robbe nichts zu finden. Das Schulterblatt ist da-
gegen durch mächtige Muskellagen mit dem Rumpfe verbunden. — Die von dorsaler und
ventraler Seite her das Schulterblatt mit dem Rumpf verbindenden Muskeln haben wir schon
betrachtet und ebenso die bei der Phoca grösstentheils die ganze Extremität einschliessenden
Brust- und Rückenmuskeln, als Muskelhüllen ausführlich besprochen. Es bleibt uns daher nur
noch übrig, auch die Muskeln zwischen Schulter und Oberarm, sowie zwischen Oberarm, Vorder-
arm und Hand ausführlich zu betrachten.
a) Die Muskeln zwischen Schulterblatt und Oberarm.
Musc. deltoideus (Taf. IX, Fig. 1b) liegt auf der Fossa infraspinata, vom Cueullaris
bedeckt. Er entspringt von dem oberen Rande und der äusseren Fläche der Scapula und von
der Spina und setzt sich an die Spina tubereuli majoris. Er rotirt den Arm nach Aussen. Es
entspricht dieser Muskel der Pars spinalis deltoidei Hominis. Die Pars acromialis und clavi-
cularis scheint in dem Armtheil des Cucullaris enthalten.
Musc. infraspinatus (Taf. IX, Fig. 25—Fig. Ice), ein schmaler Muskel von dem
vorigen überdeckt. Entspringt von der äusseren Fläche der Scapula und der hinteren Seite der
Spina. Er läuft über die Kapsel weg und setzt sich an die Kapsel und des Tub. majus des
Humerus zwischen dieses und den Gelenkkopf. Er ist hier medianwärts mit dem -Supraspinatus
verwachsen. Unter ihm liegt eine kleine Muskelpartie getrennt von ihm (Teres minor ?).
Muse. supraspinatus (Taf. IX, Fig. 1a). Ein starker Muskel, welcher aus der Fossa
supraspinata und an der Spina scapul. entspringt und mit starken kurzen Sehnen an das Tub.
majus und dessen Spina und die Kapsel sich ansetzt. Er hebt den Oberarm nach vorn.
Muse. subscapularis (Taf. IX, Fig. 3a, Fig. 2a). Entspringt aus der ganzen me-
dianen Fläche der Scapula mit Ausnahme der Stelle, welche bogenförmig der Serratus magnus
|
— 465 —
einnimmt. Er ist ein starker Muskel, welcher sich an ‚die. Kapsel anheftet und das Tubere.
minus ganz umfasst. Er rollt den Arm nach. Innen. Sein günstiger Ansatz rechtwinkelig an
den fast 2 Um. langen Hebel gibt diesem Muskel eine grosse Kraft.
M. Teres major (Taf. IX, Fig. 35—2e). Ein dreieckiger dünner Muskel. Er ent-
springt an der äusseren Fläche des hinteren Winkels und von dem hinteren concaven Rand
der Scapula, läuft unter dem Infraspinatus nach vorn, verbindet sich mit der Sehne des La-
tissimus und schlägt sich nun mit jener über die Spina tub. minor, lateralwärts zum Tub, majus,
an welches er sich heftet. _An seiner lateralen Fläche liegt der Triceps.
b) Muskeln zwischen Schulter, Oberarm und Vorderarm.
Musc. Triceps (Taf. IX, Fig. 1 de f und Fig. 3c). Der äussere Kopf entspringt
aussen am Tub. majus und dem Rande des Gelenkkopfes des Humerus, der mittlere Kopf ent-
springt aus der Fossa infraspinata bis zur Pfanne. Der innere Kopf (Fig. 3c Anconaeus quartus
bezeichnet) liegt auf der hinteren Seite des Humerus und entspringt daselbst von der ganzen
hintern und medianen Fläche des Knochens und der hinteren Kapsel des Ellenbogens. Die drei
Köpfe setzen sich an an die laterale sowie die mediale Seite des Oleeranon.
£s ist nun aber noch ein Muskel (Fig. 1/) zu erwähnen, welcher aus der Fossa infra-
spinata kommt und sich am Ölecranon fleischig, in die Fascie des unteren Vorderarmes aber
sehnig verliert. Ich bezeichnete ihn als Portio longa trieipitis.
Musc.-biceps (Taf. IX, Fig. 2d—5a). Ein runder kräftiger Muskel, welcher an dem
schnabelartigen Fortsatz der Pfanne der Schulter mit einer Sehne entspringt, dann fleischig unter
dem Lig. intertuberculare durchgeht, und auf der vorderen Seite des Humerus über das Ellen-
bogengelenk steigend, an die Tuberositas radii mit kurzer Sehne sich befestigt. Er zieht mit
einem theoretischen Hebel von 2" C. und diese Kraft wird noch vermehrt, wenn der Radius
in Pronation, indem er dann den Radius nach aussen in seine Ruhestellung rollt. An seinem
unteren Ende befestigt sich mit ihm der kurze Kopf, welcher verwachsen mit dem folgenden
Muskel am Tub. majus entspringt. Manche halten letzteren für einen Theil des Brachialis internus.
Musc. Brachialis internus (Taf. IX, Fig. 2 e und Fig. 5 b) entspringt lateral vom
Biceps an der äusseren Fläche des Humerus (zwischen der hintern äusseren Crista, dem Gelenk-
kopf und Spina tubereuli majoris) und heftet sich, mit der Sehne des Biceps sich kreuzend, an
den Proc. coronoid. der Ulna.
Anmerkung. In der Fig. 5 ist B C zu verwechseln. Die Abbildung stellt den rechten Vorderarm
in grösster Supination dar, daher ist B das Tubereulum majus und © das Tuberculum
minus und D ist der Pronator teres, C aber der Supinator brevis.
Abhandl. d. Senekenb. naturf. Ges. Bd. IX. 59
— 466 —
c) Muskeln zwischen Oberarm, Vorderarm und Hand.
av"Dorsale'Seite.
Musc. supinator longus (Taf. IX, Fig. 1 g) lateral vom Brachialis. Er entspringt
oben an der äusseren Fläche des Humerus, verwachsen mit dem äusseren Kopf des Triceps,
und heftet sich an die vordere Kante am unteren Ende des Radius. Er beugt den Vorderarm
und supinirt ihn, wenn derselbe pronirt war.
Musc. extensor carp. radialis (Taf. IX, Fig. 1 h) entspringt unter und neben
dem vorigen am Epicondylus 'exter. und an der vorderen Fläche des Humerus. Er heftet sich
an das Os multangulum und den Metacarpus I und II. Er streckt den Carpus.
Muse. extensor quatuor digit. (Taf. IX, Fig. 1 i), Auf dem vorigen. Er ent-
springt von der hinteren und äusseren Ürista des Epicondylus externus des Humerus, und
läuft unter dem Lig. carp. dors. communi mit starker platter Sehne auf den Rücken der Hand.
Letztere theilt sich auf den Metacarpen und heftet sich an die drei Phalangen der Finger 2—5.
Er streckt die Finger, rückt sie aber auch zusammen.
Musc. abductor quatuor digitorum (Taf. IX, Fig. 1 n). (Ext. commun. dig. brevior.
[Gurlt]) entspringt abwärts neben dem vorigen am Epicondylus extern. humeri und heftet sich
an die ulnare Seite der Phalangen des zweiten bis fünften Fingers.
Tensor lig. carp. dorsal. comm. (Taf. IX, Fig. 1 m). Ist mit dem vorigen verwach-
sen. Die feine Sehne geht an das Lig. dorsale und spannt es.
Extensor carp. ulnaris (Taf. IX, Fig. 1 p) entspringt hinten am Epicondylus exter-
nus, läuft über den Abductor pollicis weg, kreuzt sich alsdann mit dem Extensor pollicis und
heftet sich an den Metacarpus V. Er abducirt die Hand.
In der Tiefe der lateralen Seite des Vorderarms liegen nun noch drei Muskel.
Supinator brevis (Taf. IX, Fig. 2h. und Fig. 5c) (fälschlich mit Pronator be-
zeichnet) entspringt am Condylus extern. humeri, rollt sich über das Gelenk (er schützt so
die Kapsel und ersetzt das sehr schwache Lig. laterale exter. et annulare) und den Radius von
Aussen nach Innen und heftet sich auf die vordere und innere Seite desselben neben
dem Pronotar. B
; Abductor pollicis (Taf. IX, Fig. 2 f und Fig. 1 k) entspringt breit an der äusseren
platten Fläche des Oleeranon und am Lig. interosseum, läuft quer über den Vorderarm, geht
mit seiner langen Sehne über den Extens. carpi radialis an die vordere Kante des Radius
und des Carpus und heftet sich an die radiale Seite der Basis des Metacarpus I. Supinirt
die Hand.
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— 467 —
Extensor pollieis longus (Taf. IX, Fig. 2g und Fig. 1]) entspringt an der Kante
der Ulna am Olecranon neben dem vorigen, läuft schräg über den Vorderarm und setzt sich
an die Dorsalseite der Basis des Metacarp. 1.
Supinator- quadratus (Taf. IX, Fig. 3 d) ist ein viereckiger Muskel, welcher an dem
medianen Epicondylus des Humerus entspringt und sich an die innere platte Fläche der Ulna
vor dem Ölecranon anheftet.
Palmaris longus (Taf. IX, Fig. 3 e) liegt an dem unteren Ende des vorigen. Er
entspringt von der medianen Fläche der Ulna und heftet sich an die Faseia palmaris, weiche
die innere Fläche der Hand überzieht und vorzüglich an der radialen Seite viel ’stärker ist.
Er pronirt die Hand.
Abductor digiti V. (Taf. IX, Fig. 10, 2 i) .ein langer schmaler Muskel. 'Entspringt
verwachsen mit dem Triceps longus auf der hinteren Kante der Ulna vom Olecranon und
heftet sich mit der langen Sehne an die ulnare Seite der Phalanx I. digiti quinti.
Flexor carpi ulnaris (Taf. IX, Fig. 3 i und. Fig. 4 c) liegt zwischen dem’ Vorigen
und dem Palmaris. Ein starker dicker Muskel, welcher von der medianen Seite der Ulna
(Pars olecrani) entspringt, an das Os pisiforme sich anheftet und in eine dicke breite Fascie
ausläuft, welche auf den Metacarpen als Lig. carp. volare proprium die Sehnen der
Flex. digit. umhüllt und sich unter der Fasc. palmaris ausbreitet. Er ist ein mächtiger Pro-
nator der Hand.
Flexor communis digitorum (Taf. IX, Fig. 4 e und d und Fig. 3 g) liegt auf
der Radialseite des vorigen. Er entspringt mit drei Köpfen. Der stärkste kommt vom Epi-
condylus internus des Humerus, ein zweiter von der medialen Fläche der Ulna und ein dritter
aus der Tiefe unter dem Bauche des Pronator teres hervorkommender, von der medianen
Seite des Radius. Die drei Köpfe vereinigen sich zu einem starken Muskelkörper, welcher an
dem Lig. carpi volare prop. in zwei Hauptgruppen sich theilt. Die oberflächliche kleinere geht
in Sehnen über, welche, nachdem sie an der ersten Phalanx in die gemeinsame Sehnenscheide
eingetreten sind, sich spalten und an die Phalanx secunda sich anheften (M. sublimis). Die
tiefere Gruppe (M. profundus)- wird unter dem Lig. carp. volare prop. zu einer starken platten
Sehne, welche sich auf den Metacarpen, nach Abgabe der Muse. lumbricales für die erste
Phalanx, in fünf starke Sehnen spaltet. Jede dieser Sehnen tritt durch den Spalt, den die
Sehne des Sublimis bildet, und befestigt sich an das dritte Glied.
Neben dem Bauche der Flexoren liegt gegen den Radius hin
Flexor carpi radialis (Taf. IX, Fig. 4 b und Fig. 3 f), dieser entspringt ‘von dem
u
Epicondylus 'exter. humeri und wendet sich gegen die innere Seite des Radius und heftet sich
an die mediane Seite des Metacarpus I. und I.
Pronotar teres (Taf. IX, Fig. 4 a und Fig. 5 .d.) (fälschlich auf der Tafel Supinator
bezeichnet) liegt lateral und nach ‘vorn neben dem vorigen und ist: mit‘ diesem an seinem
Ursprung verwachsen. Er entspringt vom Epicondylus internus humeri und setzt sich median-
wärts in der Hälfte des Knochens an die vordere Kante,’ und die innere Fläche des Radius
neben den Supinator brevis.
Pronator quadratus hat den gewöhnlichen Ursprung und setzt sich an die volare Seite
des Radius. Er ist übrigens so unbedeutend, dass ihm kaum eine Wirkung als Pronator zu-
geschrieben werden kann.
M. flexor pollicis brevis entspringt von der Volarseite des Os naviculare und setzt
sich an die Volarseite des Phalanx I. Digiti I.
M. flexor brevis Digiti V. gleich dem vorigen. : Er entspringt von dem Os pisiforme
und heftet ‘sich an die: Phal. I. Digiti V.
Musc. interossei interni sind vorhanden und kommen von zwei Metacarpen.
Die Muskeln und Knochen der Vorderextremität der Robbe in ihren Gewichts-
verhältnissen in Grammen.
a. Muskeln.
Robbe I» Robbe II. Robbe IH. Robbe IV.
Gr. Gr. Gr, Gr.
Talatıseimop- dogs 1.0. ,.0.5..5..58 = 56 —
Debectaßal... .. 207,008 el _ 114 —_
9. SUDRASPEHM A. u. 90 ee ZU 32 29 50
4. Infraspinatus . „2... 6 5 10 12
5.'Subseapularis. "I I 2, 54 110 93 148
6. Deltoideus u. 2. 1. zunnd& 22 20 33
Teickeresi/majssnttsrin Bnis ahbsrun 5 10 13
Sa ErIdapB. 2) a a u ie 8 55 116
EN RE RE 6 6 12
IORBEACMAHB.:... 10. 5% era er 6 6 al
IE Supmmor-lO0g: 0 0 0 2 3 6
T2ARROMItOP teten I. ven mem 3 5 5 )
13. Extens. carp. rad. HN 02,6 3 4 g
142 Extensitquatindig. 1! 4. „2. 02,6 3 4 8
|
|
— 469 —
Robbe I. Robbe U. Robbe IH. Robbe IV.
Gr. Gr. Gr, Gr.
15 -Ahduct- diptosune sun 002236 3 4 fi
16. Extens. carp. .uln. . ji I 2 3
17, Supinator quadratus .. ... 1 2 3 K£
18. Supinator brevis 2 2 2 5
19. Palmaris long. . T 2 4 5
20. Flex. carp.irad. 2m 20. 02,6 14 6 10
21. Flex. comm. dig... kun 8 16 14 25
22. Flex. carp. ulnatiss „9 zul, 7 6 12 21
23. Abduct. pollieis.. . . - . : 2,6 2 6 10
24. Extensor pollics , 1 1 3
3 Anduce Ver eh A 2 4
1. Schpulal man a mn 18 16 36
DE HIOMELUS a RE en. en 008 32 30 RT
SA HHIDTRCHIUN. ee A028 98 22 46
4: Mans 34 30 26 45
Muskeln der Lutra vulgaris.
Vorderextremität (Taf. XIV, Fig. 4 und 5).
Musculus subscapularis (Fig. 5.1) entspringt rings an der inneren Fläche der
Scapula, heftet sich mit starker Sehne an den inneren Höcker des Humerus.
Teres'major. (Fig. d. 2 und Fig. 4.s) heftet, sich an die mediane Seite des oberen Drittel
des Humerus an der Spina tuberc. majoris.
Supraspinatus (Fig. 4.2). Aus der Fossa supraspinat. Setzt sich mit starker Sehne
in die Mitte des Oberarmkopfs zwischen die beiden Tubera,
Infraspinatus (Fig. 4.2). Aus der Fossa infrasp. an das Tuberc. majus.
Deltoideus aeromialis und spinalis (Fig. 4.4). Entspringt am Acromion und an
der 'Spina scapul. setzt sich an das oberste Viertel des Humerus unter das Tubercul. majus.
Die Pars elavieularis ist mit dem Claviculartheil des Cucullaris verwachsen.
Triceps brachii. Caput longum (Fig. 4 und 5.6) am Rande der Scapul. unmittel-
bar von der Pfanne bis zum Ende des ersten Drittels. Cap. internum (Fig. 5.5) vom oberen
Drittel (unter dem Tuberc. internum) auf der medianen Seite des Humerus. Cap. externum
— 4W —
(Fig. 4.5). Von der lateralen Seite des Humerus unter dem Tuberculum externum. Diese
drei Köpfe befestigen sich an das Olecranon.
Supinator longus (Fig. 4 und 5.) entspringt oben am Oberarm zwischen Cap. ext.
trieipit. Deltoideus und Brachialis intern. hinten und aussen unter dem Tuberc. externum, läuft
aussen über die Ellenbeuge und heftet sich an das untere mediane Ende des Radiums. Es ist
ein sehr starker Muskel.
Biceps brachii (Fig. 5.;), ein einfacher Muskel, welcher mit starker Sehne am oberen
Rande der Gelenkfläche des Schulterblattes entspringt und über das Schultergelenk gehend,
zwischen den beiden Tuberkeln an der vorderen Seite des Arms herabsteigend an den Radius
sich anhetftet.
Brachialis (Fig. 4.s und Fig. 5.4) ist ein sehr starker Muskel. Er entspringt an der
ganzen äusseren Fläche der Diaphyse des Humerus und heftet sich an die Ulna unterhalb dem
Proc. coronoideus. Dieser Muskel kreuzt also mit seiner Sehne die Sehne des Biceps.
Pronator teres (Fig. 5. ı0) ist ein langer Muskel. Er entspringt am Condylus intern.
Humeri und heftet sich an die ganze untere Hälfte der Diaphyse des Radius bis zum unteren
Ende des Knochens.
Supinator brevis (Fig. 5. s) vom Condylus exter. bedeckt die oberen ?/s des Radius.
Extensor carp. rad. long. (Fig. 4.»). Von der äusseren Fläche der Epiphyse
(unteres Drittel des Humerus) des Oberarms an dem Metacarp. II.
Extens, carp. rad. brev. Vom Condylus extern. Humeri zu dem Metacarpus III. Mit
dem Vorigen: oben verwachsen.
Extensor quatuor digitor. (Fig. 4. ı0) entspringt "am Epicondylus externus humeri
auf der ulnaren Seite der Extens. carp. rad,, läuft unter dem Lig. carp. dorsale und endigt in
einer Sehne, welche die drei Phalangen der vier äusseren Finger überzieht. Streckt
die Finger.
Abductor digitor. communis (Extensor dig. communis brevior., Gurlt) entspringt
neben dem vorigen auf der ulnaren Seite, läuft neben ihm hin, spaltet sich in drei Sehnen
und heftet sich gleichfalls in die Scheide für die drei, lateralen Finger nach Aussen neben den
vorigen. Er abdueirt die Hand. Ist an seinem Ursprung mit dem vorhergehenden verwachsen,
Abductor pollicis long. (Fig. 4. 1) entspringt in der Länge des Vorderarms an der
Ulna, dem Lig. inteross. und dem Radius, wird dreieckig und schlägt sich über die Extensores
radiales, und heftet sich an den Os multangulum mag. und der Basis des Metacarp. des
Daumens.
— 4 —
Extensor pollieis long. (Fig. 4. ı). Ulnarwärts vom vorigen, fast in der ganzen
Länge der Ulna entspringend, läuft wie beim Menschen über den Handrück an die Phalanx II.
des Daumens. ö
Extensor carpi ulnaris (Fig. 4. 1), Vom Condylus extern. ausgehend ist er ein
grosser platter Muskel, welcher sich an die dorsale Seite des Metacarp. V. ansetzt. Er be-
deckt die beiden vorigen.
Flex. carp. ulnaris (Fig. 4. ı3 und Fig. 5. 14) entspringt am Condylus intern. und der
medianen Seite des Olecranon und heftet sich an das Os pisiforme und Metacarpus V.
Palmaris longus (Fig. 5. ıs) liegt oberflächlich in der Mitte des Vorderarms. Ent-
springt am Condylus intern. Ist ein recht starker Muskel und verbreitet sich mit dem Lig.
carp. prop. verwebt in der Aponeurosis palmaris, welche sich zu den vier Fingern (nicht dem
Daumen) und zu den Ossa sesomoidea begibt.
Flex. quatuor digitor. subl. et profondus (Fig. 5. 1). Entspringt von dem
vor gen verdeckt mit einer Portion an der oberen Hälfte der medianen Seite des Radius, mit
einer zweiten von dem Condylus internus humeri und mit der dritten von der ganzen oberen
Hälfte der Ulna und dem Lig. inteross. Diese drei Köpfe treten durch das Lig. carp. volare
und vereinigen sich in einer glatten breiten Sehne. Indem nun der von dem Epicondylus
inter. kommende Theil für sich über dem Lig. carpi volare prop. als Sehne durchtretend, sich
theilt und än das zweite Glied der vier äusseren Zehen als Perforatus sich begibt, treten
die beiden anderen Portionen zu einem Körper zusammen, bilden über dem vorigen und über
den Lig. carp. vol. pr. eine breite platte Sehne, welche in fünf Sehnen getheilt, sich an die
Phalanx II. aller fünf ‚Finger begibt. (Perforans). An der Theilungsstelle entspringen
vier Muse. lumbricales, von welchen die beiden radialen an die ulnare Seite der Phalanx 1.
des Daumens und des zweiten Fingers, die beiden ulnaren an die radiale Seite der beiden
äussern Finger sich begeben. “Der Mittelfinger erhält daher keinen Lumbricalis.
Flexor carpi radialis (Fig. 5. 1). Ursprung am Condylus internus, Ansatz an den
Metacarpus II. —
Pronator quadratus, ein starker Muskel. Er hat seine Ausbreitung zwischen Ulna
und Radius.
Abductor digit. V. Entspringt von Os pisiforme und heftet sich an die ulnare Seite des
Metacarp. V. und der Phalanx I.
Muse, contrahentes sind drei kleine Muskeln, welche mitten in der Vola an der
zweiten Reihe der Carpalen in der Vola entspringen. Der laterale der stärkste, setzt sich
— 412 —
breit an die radiale Seite des Metacarpus III, der mittlere mit langer feiner Sehne an die
mediale Seite der Phalanx I. digit. IV. und ‚der mediale an die laterale Seite der, Phal, 1.
des digit. I. Erst nach Wegnahme dieser Muskel erhält man einen vollständigen Ueberblick
über die. Interossei.
Interossei liegen auf der volaren Seite der Metacarp. Sie. theilen sich nach vorn. in
zwei kurze Sehnen, welche sich an die beiden Seiten je einer Phalanx.I ansetzen. Wodurch
jede Phalanx einen Ab- und Adductor erhält.
Vergleichung des Meerschweines (Delphinus phocaena).
Ehe wir zur Vergleichung der Muskeln an der Vorderextremität der Robbe mit denen der
Otter und der übrigen Raubthiere etc. gelangen, erlaube ich mir vorher noch die Muskeln von
Delphinus phocwena zu berücksichtigen.
Schon früher haben wir erwähnt, dass von Muskelhüllen, wie sie bei der Phoca vorkamen,
hier kaum eine Rede sein kann, denn Cucullaris sowie Latissimus dorsi zeigen sich
beide sehr verkümmert unter dem mächtigen Hautmuskel. Nur der Pectoralis major hat
eine grössere Ausdehnung und geht von der äusseren Fläche des Brustbeines mit starker Sehne
in schräger Richtung vom Humeruskopf bis zum Vorderarm herabsteigend an die mediane Seite
der Handwurzel. Da aber die Knochenbildung der ganzen Extremität überhaupt selbst im Ver-
gleich zur Robbe nur eine sehr verkümmerte ist, so ist auch eine ‚mangelhafte Entwickelung
der Muskeln zu erwarten. N
Knochen. Wie bei den meisten Wallthieren stellt das scheibenförmige Schulterblatt ein
Viertel eines Kreises dar, dessen Radien, als vorderer und hinterer Rand, concav der Pfanne zu-
laufen. Die den grössten Theil der Scheibe einnehmende und an ihrem convexen Basal-Rand mit
einer Knorpelscheibe umkleidete Fossa infraspinata ist (durch eine nur in ihrer Fläche liegende
Spina scapulae), in einem kurzen Absatz, von einer sehr engen Fossa supraspinata getrennt.
Der Proc. coracoideus, vom unteren Rand der letzteren und des Acromion aus der Mitte der
Spina entspringend, sind beide platt gedrückt. Die in sagittaler Richtung aber besonders ge-
schweifte Gelenkfläche stösst an einen in lateraler Richtung geneigten Gelenkkopf, an dessen
medianer Seite ein Tuberculum sich befindet. Der kurze Körper des Humerus in seinem oberen
Theile abgerundet, unten dagegen mehr abgeplattet, verbindet sich in sagittaler Richtung bogen-
förmig mit dem Vorderarmknochen. Diese letzteren sind frontal platt gedrückt, in sagittaler
Richtung aber nach hinten ausgeschweift. Die Ulna ist an ihrem oberen Ende mit einem zu-
— 4198 —
geschärften Fortsatz als Oleeranon versehen. Der Carpus zeigt in zwei Reihen liegend fünf
platte Knochen, an welche sich die fünf Metacarpen mit den Fingern anreihen. Oberarm,
die Knochen des Vorderarms, sowie die Carpen etc, sind durch Amphiarthrosen mit einander
verbunden, das Schulterblatt allein zeigt eine freie Gelenkbildung.
Die Gelenkkapsel des Schultergelenks ist schlaf. Sie gestattet in sagittaler Richtung
die grösste Verschiebung, in frontaler jedoch ist sie beschränkter. Sehr ausgiebig ist aber die
Rotation des Oberarmes, jedoch nur aus der sagittal gerichteten Mittelstellung nach Aussen.
Hierdurch kann die laterale Seite des Humerus in einen rechten Winkel zur lateralen Fläche
der Scapula gebracht werden. Das Tubereulum an der medianen Seite des Humeruskopfes
verhindert, indem es an den Pfannenrand anstösst, eine grössere Rotationsbewegung nach
Innen.
Die Muskeln, die hier zu erwähnen, siehe Camper, Observ. anatom. de Cetaces,
Taf. 43. Murie und Rapp |. ©. j
M. deltoideus. Er nimmt den oberen Theil der Fossa supraspinata nebst der Spina ein
und breitet sich mit einer starken Sehnenfläche über die ganze äussere Seite des Humerus bis
zu den Vorderarmknochen. Er hebt den Arm nach aussen und vorn, wobei die mediane Seite
der Flosse sich schräg nach vorn wendet. — M. infraspinatus. Theilweise vom vorigen
überdeckt; entspringt an dem mittleren und unteren Theil der Fossa infraspinata und heftet
sich mit starker Sehne gerade unter die Gelenkfläche aussen an den Gelenkkopf des Humerus.
Dieser Muskel rotirt den Arm ganz nach aussen. — M. teres major. Kommt vom ganzen
unteren Rand des Schulterblattes und geht vereinigt mit dem Latissimus hinten und oben
an den Humerus. (Auch bei dem Delphin finde ich den Latissimus mit dem: Pectoralis ver-
bunden.) — M. supraspinatus liegt in der Fossa supraspinata, er ist klein und heftet sich
oben an den Kopf des Humerus an und zieht den Arm nach vorn. — M, coraco-brachialis.
Ein kleiner Muskel. Er entspringt am Proc. eoracoideus und heftet sich an das Tuberculum
des Humerus. Er rotirt den Arm etwas nach innen und hebt ihn. — Vor ihm liegt der
Gephalo-humeralis, welcher, wie schon erwähnt, lateral vom Sterno-mastoid. vom Occiput
herabsteigend an das Tuberculum des Oberarms sich anheftet. — Hinter dem Coraco-brachialis
liegt der M. subscapularis, welcher an der ganzen inneren Fläche der Scapula liegt und
den nach aussen rotirten Oberarm wieder sagittal stellt. — Endlich ist noch zu erwähnen der
Musculus triceps, welcher sehr kurz ist, von der Scapula entspringend an das Olecranon
der Ulna sich ansetzt.
Wenn ich nun nach Betrachtung der Rumpf- und Extremitätsmuskeln eine Ansicht über
Abhandl, d. Senekenb. naturf. Ges Bd, IX. 60
Be N
die Schwimmbewegung des Meerschweines auszusprechen mir erlauben darf, so will es mir er-
scheinen, dass, wie ich bei den Süsswasserfischen durch Experimente zu beobachten Gelegen-
heit hatte, auch hier der Fortbewegung besonders durch die Schwanzflosse und zwar durch
Rotation derselben, die zu wählende Richtung aber, sowie das Erhalten des Gleichgewichtes
durch die Brustflosse hergestellt wird.
Vergleichung der Robbe und Otter.
Zur Vergleichung der Muskeln der Vorderextremität beider Thiere dürften wir uns noch
einmal die Verhältnisse der Knochen vergegenwärtigen. Das sichelförmige Schulterblatt
der Robbe ist im Verhältniss zum Oberarm grösser als das dreieckig gestaltete der Lutra.
Die Fossa infraspinata ist bei letzterer kleiner als die supraspinata. Der Oberarm der
Robbe ist kürzer und namentlich in der Diaphyse mehr sförmig gekrümmt als bei der
Otter. Der Vorderarm ist länger als der Oberarm und steht in der Ruhe in der Mitte
zwischen Pronation und Supination. Auch ist der Radius unten und die Ulna oben in sagit-
taler Richtung hoch, in frontaler aber platt gedrückt. Bei der Otter ist der Vorderarm im
Verhältniss zum Oberarm und zur Hand kurz und steht in der Ruhe in Pronation. Die
Knochen sind cylindrisch abgerundet. Die Verbindung des Vorderarmes mit
dem Oberarm ist bei beiden Thieren sehr verschieden. ‘Während nämlich bei der Robbe
die runde tellerförmige Grube am Köpfchen des: Radius mit dem Condylus exter. des Humerus
articulirt und der Rand in der Furche zwischen den beiden Humeruscondylen sich verschiebt,
spielt die mediane Seite der Circumferencia (Taf. VII, Fig. 9 x) auf dem Condylus internus
(Taf. VII, Fg. 7 x). Bei der Otter dagegen liegt die in die Breite verlängerte und
an ihrem vorderen Rand mit einem Höcker versehene, von hinten nach vorn ausgehöhlte Ge-
lenkfläche des Capitulum Radii nur dem Oondylus extern. des Humerus an, der Gondylus intern.
aber sowie die ganze hintere und untere Rolle dient der Ulna. — Bei der Robbe ist die
Hand der längste Theil der Extremität; die Metacarpen sind kürzer als die Finger. Der
erste ist der längste und der letzte, der ulnare ist der kürzeste. Ebenso ist es mit den
Phalangen. In der Ruhe steht die Hand mit dem Vorderarm sagittal mit ihrer Fläche, und
die ideelle Längsaxe des Vorderarmes bildet mit der Längsaxe des Metacarp. II. und dessen
Phalangen nach der Ulnarseite einen offenen Winkel von 140°. Bei der Otter dagegen liegt
die Längsaxe des Vorderarmes mit der Axe des Mittelfingers in einer Richtung und die Hand
liegt (in der stärksten Pronation des Vorderarmes) frontal.!) Die Metacarpen sind hier lang
oder länger als die Finger. Die mittelsten Metacarpen und Finger sind die längsten, an der
Peripherie die kürzesten. Bei der Zutra endlich hat die Schwimmhaut der peripherischen
Finger die grösste Spannweite, während die Entfernung der mittleren von einander eine geringere
ist. Bei der Phoca aber ist die Breite der Schwimmhaut zwischen allen Fingern gleich. Diese
Wahrnehmung fand ich auch später bei anderen Exemplaren bestätigt.
Schon früher, bei Besprechung. des Schultergelenkes dieser Thiere ist erwähnt worden,
dass der Humeruskopf der Otter den grössten Kreisabschnitt in sagittaler Richtung hat (150°
circa). In frontaler Richtung zeigt der Gelenkkopf von oben betrachtet ein Paraboloid, welches
mit seiner hinteren stumpfen Spitze nach abwärts in eine Schnipe sich verliert, mit seiner
breiten Basis aber nach vorn zwischen den beiden Tubera endet. Dass bei dieser Beschaffen-
heit des Humeruskopfes der Otter eine Abduction sowie Rotation, gegenüber dem frei nach
hinten hervortretenden fast kugelrunden Humeruskopf der Robbe sehr beeinträchtigt ist, dürfte
schon einzusehen sein. Weniger dagegen ist es aus der Gelenkbildung der Robbe zu erklären,
warum die Exeursion in fleetorischer und extensorischer Richtung bei der Robbe geringer ist
als bei der Otter, da doch die sagittale Curve bei der Robbe um 10° grösser ist als bei
der Otter, die Hohlfläche der Scapula jedoch in beiden (soweit dieses überhaupt genau zu
bestimmen) gleich ist. Hier sehen wir nun aber bei dem Versuch das Gelenk zu strecken die
Muskeln der Robbe hemmend auftreten. Es ist der Triceps mit seiner Pars longa, der durch
seine Spannung eine ausgiebigere extensorische Wirkung hemmt. Der grösste Theil der Ex-
cursion fällt der Flexion zu.
Was nun die Muskeln selbst betrifft, so sind es nur wenige, welche das eine Thier be-
sitzt, während sie dem andern fehlen. Wenn dagegen aber die Bewegungsverhältnisse beider
doch sehr verschieden sind, so hat dieses mehr in der Gestaltung, Grösse und Lagerung der
Knochen und der Bildung der Gelenke seinen Grund als in den vorhandenen Muskeln.
Rücksichtlich dieser ist vor allem ein eigenthümlicher Muskel der Robbe zu erwähnen,
welcher aus der Fossa infraspinata kommt, sich ans Oleeranon hinter und über dem Triceps
fleischig anheftet und dann sehnig bis fast zum Carpus herabläuft. Ich bezeichnete diesen
Muskel als Pars longa trieipitis. Ein anderer nur der Robbe angehöriger Muskel ist der
von mir bezeichnete Supinator quadratus, welcher viereckig zwischen Condylus internus,
') Bei einer weiblichen Otter und einer zweiten Robbe, bei der ich die Stellung der Gelenk-Axen in der
Mittelstellung des Vorderarms und in der Richtung des letzteren, projieirte, bildet die Axe des Carpus mit der
Axe des Ellenbogens bei der Robbe vorn nach der Mediane einen 'offenen Winkel von 80—90°, bei der
Otter von 50—60°.
— 476
Humeri und der medianen Seite der Ulna verläuft. Auch ist der Muse. atlanto-humeralis
nur bei der Robbe vorhanden, fehlt dagegen der Otter. Letztere hat aber neben dem Levator
anguli scapulae auch den Levator scapulae, welcher letztere jedoch wieder der Robbe
mangelt. — Ferner bestehen die Rhomboidei der Robbe aus drei Theilen, der Biceps brachii hat
zwei Köpfe. Ausserdem entspringt bei der Robbe der Abductor digiti quinti ziemlich oben an
der Ulna.
Die Tabelle pg. 283 zeigt, dass die Flexion und Extension im Schultergelenk bei der
Robbe weit geringer ist als bei der Otter, dagegen aber die Adduction und Rotation bei der
ersteren sehr prävalırt.
Am Schultergelenk finden wir bei beiden Thieren den entsprechenden Muskel mit der
gleichen Thätigkeit betraut. Der Supraspinatus sowie der obere Theil des Subscapularis unter-
stützen, den Atlanto-Humeralis sowie die vorderen Theile des Cucullaris und Pectoralis bei
der Extension des Schulterblattes. Die Beugung vollbringen die hinteren Fasern jener
Muskelhüllen, nebst dem Latissimus, dem Cutanaeus ventralis, sowie dem Teres. — Die Rota-
tion nach aussen wird durch den Deltoideus und Infraspinatus vollbracht, während die Rotation
nach innen der Teres und Subscapularis ausführt. Dass letztere die ausgiebigere und be-
sonders begünstigte bei beiden Thieren sein muss, beweist nicht nur das stark gegen die
Mediane hervortretende Tubereulum minus, sondern dafür sprechen auch die Gewichtsverhältnisse
der Muskeln. Die Mittelzahl aus vier Robben gibt für die nach innen rotirenden Muskeln
die Zahl 108 Grm. und für ‘die nach aussen rotirenden die Zahl 30 Grm. Bei den Ottern
aber erstere 8 Grm. und für letztere im Mittel 6 Grm.
Auch die Adduction ist hier begünstigter als die Abduction, indem der Pectoralis am
ganzen Arm herablaufend an höchst günstigem Hebel erstere vollbringt, während für letztere
man nur zum kleinen Theil den Cucullaris und Deltoideus in Anspruch nehmen kann.
Hier wie bei der Extension und Flexion lassen sich keine annähernden Gewichtsverhältnisse
angeben, da hier wie dort die grossen Hüllenmuskem in ihrer grossen Ausbreitung über den
Rumpf selbst widersprechende Functionen in ihren verschiedenen Abtheilungen zu vollbringen
im Stande sind. Ich gebe nur beifolgende Mittelzahlen :
” Robbe Otter
Cueullaris 80 Grm. — 23 Grm.
Pectoralis Ba
Latissimus dorsi 57 » —21 »
Am Ellenbogengelenk sind wieder dieselben Muskeln bei der Streckung sowie bei der
Beugung in beiden Thieren thätig. Der Triceps, zu welchem bei der Robbe die Pars
— 47T —
longa hinzukommt, ist für erstere, sowie der Biceps, Brachialis, Supinator longus und Extensor
carp. rad. für letztere. :
Von höchster "Bedeutung für die so umfangreiche Rotation der Robbe ist die
oben erwähnte eigenthümliche Gestaltung der vorderen Knochen und die senkrechte Stellung
der Ellbogen- und Carpusaxe zu einander. Gerade in diesen Verhältnissen liegt aber auch
die grösste Verschiedenheit in der Muskelthätigkeit beider Thiere.
Bei der Otter ist die Rotation, wie die Tabelle zeigt, fast halb so gross als bei der
Robbe. Ausserdem ist die extremste Supination der Otter erst die Mittelstellung (jene
sagittale Stellung des Vorderarms) der Robbe. Indem nun der Radius der Robbe unten in
sagittaler Richtung ausgedehnt und hochgeschweift ist und desgleichen das obere Ende der Ulna
eine breite Fläche darstellt, bekommen manche Muskeln, die sonst weder mit Supination noch
mit Pronation etwas zu schaffen hatten, hier eine rotirende Wirkung. So hat der Abductor
pollieis, weleher in schräger Richtung vom oberen Theil der Ulna zum unteren Ende des Radius
schräg über den Vorderarm der Robbe läuft (Taf. IX, Fig. 1 k), ebenso der Extensor’pollicis
(ibid. 1) eine supinirende Wirkung, welche wegen ihrem günstigen Ansatz wahrscheinlich noch
wirksamer ist, als die des Supinator brevis und longus. — Neben diesen kräftigen Supinatoren
findet sich aber noch ein Supinator quadratus zwischen dem Condylus internus humeri
und der medianen Fläche des Oleeranon (Taf. IX, Fig. 3 d), welcher durch seine Contraction
nieht allein die Ulna sondern auch secundär den Radius zugleich lateral rotirt. Diesem kräf-
tigen Supinationsapparat hat die Otter nichts gegenüber zu stellen als ihren Supinator
longus und brevis. — Wie mit der Supination verhält es sich auch mit der Pronation.
Neben dem Pronator rotundus treten bei der Robbe als mächtige Pronatoren der Flexor
carpi radialis, Palmaris longus und der mächtige Flexor ulnaris (Taf. IX, Fig. 3) auf.
Wie wir aus der 'Osteologie und Syndesmologie des Ellenbogengelenkes pag. 346 sahen,
beträgt die künstlich ausführbare Rotation c. 113°. Hiervon kommen auf die Supination c. 70°
und auf die Pronation ec. 35—40°. Stellen wir nun diesem Befund der Muskellagerung das
Gewicht der hier thätigen Muskeln gegenüber, so finden wir vielleicht einen Ausgleich darin,
dass die Muskeln für die Pronation 29 Grm. (Mittel auf 4 Robben) Gewicht haben, während
die für die Supination 16 Grm. betragen.
Kommen wir nun an den Carpus und die Hand, so habe ich auch hier auf das in der
Osteologie über die Beugung der Gelenke schon Angeführte zu verweisen. Bei der Robbe
fanden wir eine Combination von Bewegungsmomenten in den Knochen des Carpus. Es zeigten
sich Bewegungen in jeder Richtung, vorherrschend waren aber hierbei die Exeursionen nach
— 418 —
der volaren und Kleinfingerseite. _ Das Os capitatum bildet für alle diese Bewegungen den
Mittelpunkt. Da nun aber die Axen zwischen Vorderarm und Carpus, sowie die Axen zwischen
den Metacarpo-phalangeal-Gelenken auf der Kleinfingerseite gegen. einander laufen, so ist es
einleuchtend, dass die Flexion der Finger zugleich mit einer Rotation der Grossfingerseite
gegen die Ulnarseite verbunden sein muss und dass auf diese Weise die Pronation des Vorder-
arms auf die Hand weiter fortgesetzt, für das Schaufeln des Wassers nach hinten und median
gegen den Körper für das Schwimmen von grösster Wichtigkeit ist.
Die Streckmuskeln der Hand und der Finger der Robbe betreffend finde ich den Ex-
tensor quatuor dig. nicht auf die Finger, wohl aber auf den Carpus als einen dorsalen Flexor
wirkend.
Zugleich zeigt sich. aber hierbei eine Adduction der von einander abdueirten Finger.
Die dorsale Flexion des Metacarpo-phalangeal-Gelenkes ist gleichfalls nur sehr schwach. Ferner
wirkt der Extensor carpi ulnaris als Abductor, der Extensor und Adductor pollicis aber als
Pronator der Hand.
Erwähnt muss hier noch werden, dass die Exteusoren gleich wie bei der Hinterextremität
noch besonders ‘die Aufgabe zu’haben scheinen, die Knochen der Hand beim Schwimmen an ein-
ander zu pressen und hierdurch gleichsam eine befestigte Fläche bei energischen Schwimmbe-
wegungen dem Wasser darzubieten.
Bei der Fortbewegung auf dem Lande und dem Vorwärtsschnicken des Körpers sind
die Hände nur in sofern Unterstützungsorgane als sie nach beiden Seiten ausgebreitet den
Körper vor einem seitlichen Umfallen bewahren. Hierbei bildet der Carpus mit dem Vorder-
arm einen sehr stumpfen dorsalen Winkel. Die Finger aber scheinen gleichsam krampfhaft
gegen den Boden gekrallt. Ob hier bei der dorsalen Flexion des Carpus und der Metacarpo-
phalangeal-Gelenke nun die Extensoren primär, oder .die die, Krallen krümmenden Flexoren
secundär diese dorsalen Flexionen veranlassen mögen, lasse ich unentschieden.
Die dorsale Flexion im Garpus gibt die Tabelle als Null an, dass sie jedoch künstlich aus
der Mittelstellung zu einem Winkel von 175—170° gebracht werden kann, habe ich mich
später doch überzeugt.
Ich stelle hier die Gewichtsverhältnisse der Muskeln, welche bei der Robbe und bei
der Otter der Rotation dienen, zusammen. Sie betragen für die Supination bei der Robbe
16 Grm. (Supinator long., brevis und quadratus, Abduet. u. Extens. pollic.), für die Pro-
nation (Pronat. teres, quadrat., Flex. carp. rad., Palmaris long., Flex. ulnaris) 29 Grm.
Bei der Otter ist nur Supinat. long. und brevis für die Supination zu erwähnen, für die
“
= Me
Pronation jedoch nur Pronat. teres und quadratus. Letztere wiegen höchstens 3; Grm.,
erstere dagegen 6 Grm.
In der bisherigen Betrachtung der Muskelthätigkeit folgten wir der eigentlich allein ge-
bräuchlichen Anschauung, die Thätigkeit der Muskeln auf dem Rumpf als dem Ausgangspunkt
der Bewegung zu betrachten. Dass wir diesen Ausgangspunkt bei der Robbe, welche bezüglich
ihrer Lebensweise doch nur Seethier ist, beibehielten, war um so natürlicher, als bei dem im
Wasser schwimmenden Thiere die Last des Rumpfes und das Stützen derselben durch die
Extremitäten ganz wegfällt und das Fluidum selbst diese Aufgabe übernimmt. Unwillkürlich
legt man hier das Punetum fixum, den Ausgangspunkt der Bewegung, in die Verbindungsstelle
der Extremitäten mit dem Rumpf. Diese Anschauung ist auch für eine Menge von Verrichtungen
der Extremitäten die richtige, — allein es ist verfehlt, sie als die ausschliessliche zu betrachten
und sie ist der Grund, dass wir über so viele Verhältnisse dieser Gebilde im Unklaren bleiben.
Sehe ich auch die Otter in ihrem Bassin mit ruhigstehendem Wasser, mit an den Leib
angezogenen Extremitäten, in den graziösesten Schlangenwindungen, vermittelst des langen,
breiten, an der Wurzel langbehaarten Schwanzes und der grossen Torsionsfähigkeit ihrer
Lenden- und Brustwirbel sich drehen und winden, so bin ich doch sicher, dass sie im reissen-
den Flussbett ihre Vorderextremitäten wie andere Thiere zum Schwimmen gebraucht. Während
sie nun aber mit ausgebreiteter Schwimmhaut auf das Wasser tritt, liegt das Punctum fixum
nicht mehr am Rumpf, sondern in der Fusssohle und eben so bei der Robbe.
Zur Statik und Mechanik der Vorderextremität,
Die Otter lebt aber auch auf dem Lande. Hier theils laufend, theils im Sprung sich
. fortbewegend, tritt auch an sie, gleich allen andern Landthieren die Forderung, ihren Rumpf
zu tragen. Da nun diese Aufgabe für alle Landthiere ausschliesslich die wichtigste ist, so
wollen wir schon hier bei der Otter die Thätigkeit der Muskeln von dem Stützpunkt an
dem Ende der Extremität ausgehend betrachten. Es wird sich auch hier die Muskel-
thätigkeit ganz anders gestalten.
Doch noch einmal zu dem Skelett.
Prüfen wir zuerst die Schwerpunktsverhältnisse des ganzen, mit sorgfältiger Erhaltung
der Bänder rein präparirten Knochenskelettes. Hängen wir im Humeruskopf die Extremität
schwebend auf, so überzeugen wir uns, dass bei einer Ansicht von vorn der Perpendikel aus
der Mitte des Humeruskopfes, durch das Capitulum Radii, dann lateral durch das untere Ende
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1
1
— 480 —
dieses Knochens, ferner durch das Os capitatum, endlich in die Gegend der mittleren Meta-
carpen fällt.
In der Ansicht von hinten fällt die Schwerlinie fast durch die ganze untere Länge der
Ulna, welche bei der pronirten Mittelstellung des Vorderarms hinter dem Radius liegt. — Sie
begegnet auf diesem Wege in dem Ellenbogengelenk in fast senkrechter Richtung einer
Axe, welche nach vorn. mit der Körpermediane, in dem Oarpus aber einer Axe, welche
nach hinten mit der Mediane einen offenen Winkel darstellt. Berücksichtigen wir nun,
dass. diese letztere mit jener ersten Axe im Grundriss der Extremität (also in der Richtung
des Vorderarms) betrachtet, nach Vorn und Innen einen Winkel von 50—60 Grad
bildet, während bei der Robbe wir diesen Winkel von 80—90° fanden, so sehen wir, dass die
Schwerlinie bei der Otter auf Axen trifit, welche zwar sich kreuzen, doch aber mehr oder
weniger in einer von vorn nach hinten liegenden Ebene ihre Drehungen vollbringen, während
bei der Robbe beide Axen in rechtem Winkel zu einander stehend, im oberen Gelenk
eine Drehung von hinten nach vorn (sagittal), im unteren in einer Ebene von aussen
nach innen (frontal) vollführen.
Zur Vervollständigung unserer Untersuchung ist jedoch noch die Richtung der Schwer-
punktlinie in seitlicher Ansicht beim lebenden Thiere im Stehen zu untersuchen. Hier finde
ich in mehreren Fällen diese Linie aus der höchsten Höhe des Schulterblattes (in der Gegend
des Anfangs der Spina scapulae), durch die Mitte etwa des Oberarmes in die Metacarpalen
herablaufen.
Berücksichtigen wir nun die tiefe Fossa sigmoidea major, die ausgewirkte Fossa olecrani,
den ellyptischen breiten, mit einer von vorn nach hinten ausgehöhlten Gelenkfläche versehenen
Radiuskopf und den an dem vorderen Rand dieses überragenden Höcker; berücksichtigen wir,
dass die in senkrechter Richtung kreuzweise über und neben einander liegenden Vorderarm-
knochen, oben mehr sagittal, unten mehr frontal gelagert in breiter Fläche auf den Carpus und
mit der Schwerlinie auf die mittleren grössten und kräftigsten Metacarpalen in fortlaufender
gerader Richtung treffen, — so ist es einleuchtend, dass wir es mit 'einer Extremität zu thun
haben, welche neben der Eigenschaft eines stützenden Knochengerüstes vorherrschend eine
Flexion in sagittaler Richtung zu vollbringen befähigt ist.
Diese Richtung wird der Vorderextremität um so mehr aufgenöthigt, als durch die höhere
Lage der Pfanne der Hinterextremität bei allen Raubthieren mit Ausnahme der Hyäne eine
geneigte Falllinie gegen das tiefer liegende Schultergelenk für den frei auf den Extremitäten
lastenden Rumpf begründet ist.
=,..48l —
Die Neigung des Rumpfes nach vorn zu fallen wird aber noch erhöht durch den über
die Unterstützung der Vorderextremität mehr oder weniger weit hervortretenden Hals mit
dem bei den Raubthieren verhältnissmässig schweren Schädel. Die Nackenmuskeln sind es,
welche durch ihre Blastieität, und zwar ihre absolute, und ihre günstigen Ansätze an den hohen
Dornen des Vorderrückens das Herabsinken des Halses und des Schädels verhindern, Dieselben
Muskeln mögen aber auch von dem Schädel aus (welcher bei dem Gang des Thieres
mit seinem Halse wie ein Schwungbalken wirkt) an den hohen Dornfortsätzen,
gleichsam wie an einem Winkelhebel wirkend, das Gleiten des Rumpfes
über seine vorderen Stützen befördern.
Anmerkung. Ist auch ein Schwanken des Kopfes bei Raubthieren weniger wahrnehmbar, so ist es doch in
geringerem Grade vorhanden. Auffallend und charakteristisch ist es aber bei Wiederkäuern
und namentlich bei Pferden. Mag dieses Niedersinken des Haises und Kopfes (bei Auftreten
des Vorderfusses) auch durch den mit dem Cucullaris in unmittelbarem Faserverlauf stehenden,
Deltoideus sowie mit dem hier stark entwickelten elastischen Lig. nuchae in Verbindung stehen,
so sprechen doch auch die Lehren der Mechanik ganz entschieden für obige Auffassung.
Indem ich nun an das pag. 394 u. 395 über die Thätigkeit der Schultermuskeln, sowie
über das pag. 415 über die Mechanik und Statik der Rückenmuskeln, sowie endlich über die
gleichen Fragen, die Hinterextremität betreffend, verweise, will ich es versuchen, nun auch die
Thätigkeit der Muskeln der Vorderextremität beim Stehen des Thieres (das Punctum fixum
liegt also unten) mir deutlich zu machen.
Die mit dem Rumpf belastete und nur durch Muskellagen mit demselben verbun-
dene Scapula ruht also auf dem Kopfe des nach vorn geneigten Humerus; dieser oben durch
das Schulterblatt und den Latissimus, unten durch den Pectoralis mit dem Rumpf verbundene
und belastete Knochen hat das Streben um so mehr nach vorn einzusinken, als die Schwer-
linie vor seiner unteren Anheftung herabfällt. Eine Flexionsbewegung im Schultergelenk würde
die Folge sein.
Die Last wird die hier vorhandenen Muskeln ausdehnen und gerade hierdurch endlich
die absolute Hlastieität wachrufen. Der Supraspinatus, ‘der Deltoideus acromialis, spinalis und
clavieularis als Theil des Cucullaris, so wie zum Theil der Subscapularis und Infraspinatus
werden dem Einbrechen des Schultergelenkes entgegen treten. Endlich noch der Biceps. —
Dieser letzte Muskel kann jedoch nur dann hemmend wirken, wenn auch das Ellenbogen-
gelenk feststeht, denn auch dieses wird um so mehr das Streben haben nach vorn ein-
zusinken, als die Schwere aus dem belasteten Humeruskopf vor der Drehaxe herabfällt.
Hier ist nun aber der kräftige Triceps, welcher diesem Einsinken entgegen tritt und da-
Abhandl. d. Senckenb. naturf. Ges. Bd. IX, 61
— 4892 —
durch nun auch dem Biceps einen Anhaltspunkt gibt, die Scapula auf dem Humerus
zu fixiren. Während dieser Muskel jedoch dieses vollbringt, drückt er zugleich das Capitulum
radii gegen den Condylus externus humeri, der Brachialis aber drückt den Proc. coroideus
gegen den Condylus humeri externus. Pronator teres und Supinator brevis sichern das
flache Gelenk des Radius vor einem Ausgleiten nach vorn. Der grösseren Gefahr, dass,
wegen des Herabfallens der Last von der Drehaxe auf der hinteren Seite des Gelenkes
eine Luxation entstehe, ist durch das Olecranon, durch die Fossa sigmoidea major, sowie end-
lich durch den mit mächtigen Aesten an das Schulterblatt und den Oberarm befestigten Triceps
vorgebeugt. Der Vorderarm, der mehr oder weniger eine aufgerichtete Stellung mit einer
Neigung nach hinten "hat, verbindet sich im Carpus und weiter mit dem Metacarpus in einer
Gelenkverbindung, welche aus einer Mittelstellung, (deren Richtung fast die gleiche des Vorder-
arms ist), dorsal wie volar fleetirt werden kann.
Da nun hier. die Schwerlinie den Metacarpus ‚an seinem unteren Ende. durchschneidet,
und daher vor den Carpus fällt, so sehen wir denn diesen mit dem Metacarpus in eine dorsale
Flexion gezwängt. Dem Einbrechen dieser letzten Gelenke begegnen nun die langen Sehnen
der Flexores quat. digit. und Palmaris, sowie die von den Metacarpen heraufsteigenden Flex.
radialis und ulnaris, welche den Carpus überspringend an den Unterarm und die Epicondylen
gehen. Durch das Streben des ’Ellenbogengelenkes (durch die Last des auf
des Oberarms
ihm ruhenden Körpers) sich zu beugen, sowie durch die aus gleichem Grund in eine dorsale
Flexion gezwängten Carpo-Metacarpal-Gelenke, werden natürlicher Weise jene Flexoren in
Spannung versetzt und als Folge hiervon werden die Phalangen, namentlich auch die zweite,
auf dem Boden fixirt.
Werden nun auf der Hinterseite ‚diese Knochentheile auf einander gepresst, so sind
wieder an der dorsalen Seite die Extensoren ein Gleiches zu vollbringen im Stande, Der
Flex. digit. sowohl durch Verlauf, als auch durch Muskelfleisch begünstigt, überbietet durch
Kraft seinen Antagonisten.
Flexoren, sowie. Extensoren des Carpus, Metacarpus und der Phalangen: haben ‚jetzt: den
Ausgangspunkt ihrer Wirkung anıdem Boden. gefunden, und, von hier aus, dem Punctum fixum
für das ganze Bein, erstreckt, sich ‘die Muskelthätigkeit nach oben. . So sehen: wir. also durch
die Schwere und mittelst der Elasticität. der Muskeln die beiden Vorderextremitäten in
aufrechter Stellung verhalten.
Das Moment der Schwere ist es nun auch, welches bei der Bewegung seinen vor-
o
—.483, —
herrschenden Werth behauptet, indem die.blose Elasticität der Muskeln sich jetzt
mit der Contraetilität vereinigt.
Betrachten wir die Thätigkeit der Muskeln beim ruhigen Gehen. — Durch Strecken
der in ihrem Hüftgelenk höher ansteigenden Hinterextremität wird die Last des Körpers
der Vorderextremität (während die Gegenseite in Schwingung versetzt wird) zugeschoben und
dadurch eine höhere Thätigkeit in deren Muskeln angerest, Mit dem -Zuschieben der
Körperlast entsteht eine senkrechte Drehung um das Punetum fixum in den Köpfchen der
Metacarpen in der ganzen Länge des Beines. Die Flexoren und Extensoren am Vorderarm
contrahiren sich und pressen die Gelenke bis zum Ellenbogen in gestreckter Richtung auf ein-
ander und bilden eine feste Radspeiche (mit der Contraction der Fiexores digitorum wird die
3. Phalanx auf den. Boden gedrückt). Ein gleiches Feststellen geschieht aber auch in den
oberen Gelenken.‘ Die Knochen werden durch die hier stärker wirkenden Muskeln fester auf
einander gedrängt, ohne dass eine bemerkenswerthe fleetorische Verschiebung weder in dem
Schulter- noch in dem Ellenbogengelenk wahrzunehmen wäre. Nur das peripherische Ende,
nämlich die Scapula verschiebt sich in den Muskellagen des Rumpfes, indem sie in einem Kreis-
abschnitte von hinten sich aufrichtet, sich mit ihrer Längsaxe senkrecht stellt und dann wieder
nach vorn herabsinkt. So hat also die linke Vorderextremität an den zur Schulter und zum
Oberarm gehenden Muskeln (Cucullaris Rhomboideus Serratus) den Rumpf allein schwebend
erhalten und überlässt ihn nun .der vorn auf dem Boden angelangten rechten.
Die Muskeln der linken Extremität haben bis dahin’ ihre Aufgabe erfüllt. Nachdem sie
durch ihre Gontractilität das Vorderbein zu einem festen Stabe gesteift hatten, sinken sie in
ihren Zustand der Ruhe zurück. Es lockern sich die Gelenke und die steife Extremität fällt
in ihren einzelnen Theilen zusammen. Das Punetum fixum entweicht vom Ballen der Sohle
und begibt sich von neuem zum Rumpf. Während der Thätigkeit des linken Beines war das
rechte in Schwingung versetzt.
Im Gegensatz zu den nach vorn schwebenden Gliederungen gleitet das Schulterblatt auf
seinen Polsterkissen, dem Subscapularis, in seine frühere, nach hinten geneigte Lage zurück.
Die Fasern des Musc. cucullaris und der Pars clavicularis Deltoidei, durch die Drehung der
Schulter nach vorn gezerrt, schnellen zurück in die normale Länge. Der nach vorn geneigte
Humerus richtet sich auf und der zuletzt nach vorn geneigte Vorderarm eilt mit seinem unteren
Ende dem Oberarm voran. Die Glieder der Hand, bisher ein Theil des grossen Pendels,
bleiben, als die untersten Stücke, vom Carpus zum Metacarpus und von diesen längs der drei
Phalangen immer mehr und mehr zurück, schnellen aber, beim zur Ruhe gelangten Vorderarm,
—_— 44 —
als ein für sich bestehender, sehr kurz gegliederter, selbstständiger Pendel sehr rasch voran.
Die Phalangen überholen die Metacarpen und diese den Carpus, und so betritt die Vola, nach
hinten geneigt, den Boden.
Nach dieser von mir versuchten Analyse der Muskelthätigkeit beim Stehen und Gehen
der Raubthiere will es mir ‘scheinen, dass die Ansprüche, die an die Contractionsthätigkeit
der einzelnen Muskeln gemacht werden, keine übermässigen sind. Schon nach kurzer Arbeit
findet eine relative Ruhe, sowie ein Sammeln zu neuer Thätigkeit statt. Mühelos wird, fast
unwillkürlich, diese Arbeit vollbracht, und die Erschöpfung der Kräfte tritt nicht so leicht ein.
Anders freilich verhält es sich mit Bewegungsthätigkeiten höheren Grades, wie z. B. beim
Lauf und beim Sprung. Hier treten die Vorderextremitäten aus einer, man möchte sagen
passiven Stellung in eine active über), ergreifen, unter Umständen, selbst die Initiative und werden
maassgebend für die Hinterextremitäten. Hier ist Willenskraft über alle animalen Systeme
ergossen und eine Energie auf jeden Muskel vertheilt.
Der Sprung wird durch die Contraction der gemeinsamen Rückenstrecker und der hin-
teren Becken- und Ober- und Unterschenkelmuskeln introdueirt. Indem diese Muskeln den Rumpf
vorn in die Höhe heben, entwickelt der Cucullaris und der Serratus seine Thätigkeit. Das
Schulterblatt wird durch beide nach hinten herabgezogen, das Schultergelenk durch Supra-
spinatus, durch Infraspinatus und Subscapularis festgestellt und der Oberarm durch Deltoideus,
Clavicularis (pars Cucullaris), Acromialis und Spinalis, sowie durch die vordere Lage des Pecto-
ralis, auf seiner nach vorn aufsteigenden schrägen Lage senkrecht gerichtet. Die Contraetionen
des Biceps und Brachialis lagern den Vorderarm horizontal und die vorn und hinten über den
Carpus gespannten Muskeln geben der Gruppe der terminalen Glieder durch. Anpressen an
den Vorderarm die gleiche Richtung. Der auf die elastischen Fussballen und die Köpfchen der
schräg nach hinten und oben gerichteten Metacarpen, sowie der in gleicher Richtung gelagerten
Vorderarmknochen stürzende Körper wird von dem Oberarm aufgenommen. Dieser ist durch
die an seinem Elienbogengelenk sich anheftenden Muskeln, Triceps, Biceps, Brachialis, elastisch
befestigt. An seinem oberen Ende aber erfüllen die in einem Knochenknötchen (Clavicula) ver-
knüpften Muskeln (Pectoralis, Cueullaris und Deltoideus), sowie der Latissimus, neben den das
Schultergelenk umschliessenden kleineren Muskeln die gleiche Aufgabe. — So wird der stürzende
Rumpf in vielseitig elastischer Schlinge vor dem störenden Stosse bewahrt. Durch die sich aber
jetzt eontrahirende, an zweiarmigem Hebel wirkende Tricepsgruppe, sowie durch die von den
Zehen aufsteigende, und wie über Rollen gehende Flexoren wird der Körper in senkrechter
Rotation auf dem Vorderbeine weiter geschleudert.
— 45 —
Somit beenden wir denn die Vergleichung der Robbe und Otter und gehen zu den
übrigen Raubthieren, sowie zu den Vierhändern und Menschen in kurzer Betrachtung über.
Der Schwerpunkt des Rumpfes und die Statik der Vorder- und Hinterextremität.
Nachdem wir die statischen Verhältnisse beider Extremitäten beim Stehen einzeln be-
sprochen, bleibt uns noch übrig ein Moment zu erwähnen, welches auf beide Extremitäten
zugleich und in gegenseitigem Zusammenhang wirksam, für die Extremitäten als Träger
des Rumpfes von hoher Bedeutung sein muss. Es ist dieses der Einfluss des Schwerpunktes
des ganzen Körpers auf die Statik der Extremitäten durch die Muskelhüllen. Wie ich pag. 413
bemerkt, fanden wir bei mehreren Thierleichen den Schwerpunkt in der Gegend der letzten
Brustwirbeln. (Bei Ins fiel er dagegen in die vorderen Lendenwirbel und für den Menschen
verlegt ihn H. v. Meyer in den 2. Kreuzbeinwirbel) Da wir nun sehen, dass bei allen
Säugethieren die Winkelstellung des Ellenbogen- und Kniegelenkes sich nach verschiedenen
Seiten öffnen, — eine Stellung, die, wie ich pag. 450 sagte, in ihren Knochen zwei Componenten
darstellen, deren Resultirende gegen den Schwerpunkt hinzielt — so
finden wir in dieser Stellung doch auch ein Schema niedergelegt,
welches uns höchst deutlich durch den Kniehebel, wie er bei der
Buchdruckerpresse vorkommt, veranschaulicht wird: Der Buchstabe a
möge uns die Knochen des Ober- und Vorderarms in ihrer gegen-
seitigen Lage darstellen, d die Knochen des Ober- und Unterschenkels und c die Schwere, welche
nach abwärts strebend ihren Winkel im Sinken vergrössert und nun durch d die Knochen des
Ellenbogengelenkes a und die Knochen des Kniegelenkes db in eine Richtung bringt. Berück-
sichtigen wir nun, dass der Schwerpunkt den Vordertheil des Rumpfes auf seiner Extremität
nach hinten und ebenso das Becken nach vorn herabzudrücken strebt (wobei es nach hinten
sich erhebt), und dass der Cucullaris, welcher aus der Gegend der Lendenwirbel über das
Schultergelenk kommend, an das untere Ende des Oberarms (Deltoideus clavicularis) sich
festsetzt; dass der Glutaeus maximus ebendaher entspringend, über das Hüftgelenk an die
hintere und äussere Seite des Femur bis fast zur unteren Epiphyse herabsteigt, ferner dass
- der Biceps von Os sacrum den Tuber ischii zur äusseren Seite des Femur und zur Tibia in
deren ganzer Länge sich begiebt, so ist es wohl denkbar, dass diese Muskeln, nebst den
andern, durch den Schwerpunkt des Rumpfes gespannt, wie jene Hebelarme d wirken und
durch ihre Elastieität, bei der Streckstellung des Schulter-, Ellenbogen-, Hüft- und Knie-
gelenkes die tieferliegenden Muskeln unterstützen.
'
Vergleichung der Muskeln der Vorderextremität der Otter mit anderen Raubthieren etc.
Auch hier dürfte es sich eignen, die Knochen zu überblicken und die frühere
Schilderung zu ergänzen. Was zunächst den Dachs betrifft, so ist an dem Schulterblatt
desselben ein kleiner Fortsatz zu erwähnen, der zwischen dem vorderen Ende des oberen
(vorderen) Randes und der Spitze des Acetabulum’s auftritt. Ich halte diese Stelle für den
Proc. coracoideus in seinem frühen Auftreten. Bei der Otter fehlt er. — Auch hier bei dem
Dachs findet sich ein schon etwas mehr als bei der Otter entwickeltes Schlüsselbeinrudiment.
Es liegt tief in den Muskeln versteckt, in der Vereinigungsstelle des Pectoralis, Deltoideus
clavicularis, Cucullaris und Cleidomastoideus. Es ist dieser kleine Knochen, mit der Fascia
coracosternalis (clavieularis H.), welche zwischen dem Tub, maj. humeri und dem Sternum aus-
gebreitet ist, in Verbindung. Ein querlaufender Sehnenstreif zeigt auf der Oberfläche der
Cucullaris-deltoideus die Lage der Clavicula bei dem Dachs an. (Bei den Katzen wird dieser
Knochenkern grösser und nimmt eine halbmondförmige gebogene Gestalt an, mit oberer und
unterer Fläche und hinterem concavem, aber vorderem convexem Rand. Bei den Hundearten
ist er mehr länglich. Immer aber in dem Muskelfleisch verborgen.
Für den Oberarm wäre zu erwähnen, dass bei dem Dachs das Tubereulum minus
viel kleiner ist, ferner dass die Diaphyse bei weitem mehr gestreckt ist, als bei der Otter.
Was endlich die untere Epiphyse betrifft, so ist die hintere wie vordere Grube über beiden
Condylen viel tiefer, wie auch die Oeffnung in der Wand beider Gruben anzeigt.
Gleiches wäre rücksichtlich der Schulter des Fuchses, Wolfs und der Hyäne zu
erwähnen, nur dass die Fossa supraspinata bei Otter und Dachs an ihrem unteren Theile
breiter (höher) ist. — Den Oberarm betreffend, hat die Diaphyse bei Meles viel ausgewirk-
tere Kämme, welche vom Tub. maj. und minus auslaufen. Bei der Hyäne ist das Tub. maj.
besonders stark, weniger bei dem Wolf und noch weniger bei dem Fuchs. Auch der Löwe
bietet nichts Besonderes. Eine Andeutung eines Acromion findet sich bei allen diesen Thieren,
nur wäre noch zu erwähnen, dass das Loch über dem Epicondylus internus bei den Hunden
fehlt. — Kommen wir nun an die Vorderarmknochen, so muss rücksichtlich der Form und der
Gestalt der Knochen erwähnt werden, dass bei Canis die Ulna, sowie der Radius mehr nach
vorn convex gebogen sind, dass ferner die Ulna nach unten schwächer, der Radius aber nach
vorn breiter, als bei den andern Thieren ist.. Er liegt bier gerade vor der Ulna, bei den
andern Thieren mehr nach innen. Bei den Hunden liegt seine dorsale Fläche gerade nach
u 4
vorn, seine Daumenseite aber nach innen. Bei den andern Thieren ist die Daumenseite nach
vorn und die dorsale Seite nach aussen. — Mit dieser Stellung der Vorderarmknochen steht
nun auch die Stellung der Axe im Ellenbogen zur Axe im Carpus in Verbindung.
Im Grundriss des Vorderarms bildet nämlich die Drehaxe des Carpus mit der Drehaxe
des Ellenbogens bei der Otter nach vorn und innen einen Winkel von 60°, bei dem Dachs OR
45°, bei Fuchs und Wolf von 40—45°, ebenso bei der Hyäne, bei dem Löwen aber 60°. Bei
der Otter und den Katzenarten steht daher die Dorsalseite des Carpus lateral, bei den Hunde-
arten aber und bei der Hyäne gerade nach vorn. In Folge dessen finden wir bei letzteren
den Carpus und die Hand in ganzer Pronation, während bei den Katzen in höchstens drei-
viertel. Letztere setzen daher die Vordertatze beim Gehen auswärts, während erstere gerade
nach vorn. Noch habe ich für die Hyäne zu bemerken, dass die Vorderarmknochen dieser
Thiere unverhältnissmässig gross sind. Bei den verschiedensten Raubthieren, die ich in dieser
Hinsicht geprüft, finde ich immer den Unterschenkel länger als den Vorderam. Nur allein die
Hyäne macht eine Ausnahme, hier ist der Vorderarm weit grösser als der Unterschenkel, über-
haupt sind alle einzelnen Knochen der ganzen Vorderextremität viel stärker und kräftiger als
die der Hinterextremität. Daher kommt es denn auch, dass hier, was ich nirgends gefunden,
die Knochen der Vorderextremität nicht blos schwerer, sondern weit schwerer als die der
Hinterextremität sind, Dass mit diesen Verhältnissen der schwerfällige Gang und die in der
Vordergruppe erhöhte Lage des Rumpfes in Verbindung zu bringen ist, ist wohl nicht zu be-
zweifeln.
Rücksichtlich der Hand dürfte, (die Stellung und Zahl der Zehen, als bekannt, übergehe
ich), nur noch zu erwähnen sein, dass bei der Otter der vierte Metacarpus der längste, die
nach der Daumenseite liegenden mehr und mehr sich verkürzen; dass bei dem Dachs der
mittelste der längste, die andern aber nach beiden Seiten sich fast gleichmässig verkürzen.
Bei den Hunden, den Katzen und der Hyäne aber ist der 3. und 4. Metacarpus auf-
fallend länger als die andern.
Die Muskeln zur Schulter und zum Oberarm sind bei dem Dachs ganz wie bei der
Otter. Der Oucullaris geht auch hier an das Sternum. Vom Latissimus geht auch ein
Fortsatz an das Oleeranon. Es ist ein Rhomboideus capit., cerv., dorsi, ein Levator scapulae
und ein Levator anguli scapulae vorhanden. ‘Es findet sich ein Omohyoideus, den ich später
bei der Otter auch vorfand. Interessant war es mir übrigens auch bei dem Dachs jene Pars
longa trieipitis, die wir bei der Robbe sahen und die der Otter fehlt, hier wieder zu
finden. — Ebenso findet sich ein Coraco-brachialis. Der Subscapularis ist übrigens auffallend
—_— 4858 —
klein. Die Muskeln am Ober- und Vorderarm und der Hand sind im übrigen ganz wie bei
der Otter, nur sind alle kräftiger entwickelt. —
Bei den Hunden finden sich mehrfache Abweichungen von der Otter. Der Cueullaris
hat keinen Ansatz am Sternum. Die Abtheilung des Latissimus aber, welche an das Olecranon
geht, findet sich auch hier wie dort. Auch hier fand ich einen Coraco-brachialis. Auffallend
stark zeigt sich der Theil des Deltoideus, welcher von der Spina und von dem Aromion der
Scapula kommt. Er geht bis in die Hälfte des Humerus. Ebenfalls stark zeigt sich der
Extensor ulnaris, Supinator longus fehlt ganz und der brevis ist verschwindend klein. Bei
dem Fuchs finde ich zwei Flex. carp. ulnaris, (intern. und extern. Gurlt) Noch ist die sehr
starke Entwickelung des Pronator quadratus zu erwähnen. Der Extens. carp. rad. spaltet sich
wie bei allen Raubthieren in zwei Sehnen für die zwei ersten Metacarpen. Auch hier steht
der Spannapparat für die Sehnenballen mit dem Flex. quat. dig. sublimis in Verbindung. Der
Palmaris long. ist stark. Die Sehne dieses, wie des letzteren, stehen mit dem Lig. carp. volar.
comm. und proprium in Verbindung. Das Os pisiforme eine bewegliche Calx darstellend, oben
von den beiden Flexores ulnares eingefasst, ist nach unten mit einem kleinen Muskel. ver-
bunden, welcher in die Sehnenausbreitung an der äusseren Fläche des Metacarpen IV. und V.
verläuft. —
Die Hyäne unterscheidet sich nicht viel von den Hunden. Der Cucullaris hat aber
wieder den Ansatz am Sternum. Auch zeigte sich hier eine Abzweigung der Muskelfasern des
Latissimus an das Olecranon. Hier fand ich einen deutlich abgegrenzten Teres minor. Der
mittlere Kopf des Triceps umfasst fast ?4 des Schulterblattrandes. Supinator longus fehlt
ganz, der brevis aber kann nur eine Verstärkungsmuskel für die Kapsel des Ellenbogens
sein. —
Zu den Felinen übergehend ist zu erwähnen, dass bei den Löwen der Oucullaris ab-
weichend von den Hunden mit einer Portion sich an das Sternum heftet. Es verhält sich
also dieser Muskel wie bei der Otter. Auch der Latissimus findet hier seinen Fortsatz an
das Olecranon. Der Pronator teres ist hier sehr gross, er bedeckt fast den ganzen Radius.
Gut entwickelt ist der Supinat. brevis. Der Supinator longus dagegen ist schmächtig und klein.
Der Extensor quat. digitor. longus geht, auf dem Rücken der Phalangen hinlaufend, an den
9—5, der lateral und hinter ihm liegenden Ext. quat. dig. brev. (Gurlt) steigt seitlich der
ersten Phalangen herauf, und vereinigt seine Sehne an der Basis der 2. Phalanx mit der des
vorigen. Indem dieser Muskel nun an die 3—5 Finger geht, wird durch den langen, schmalen,
von aussen nach innen, über die dorsale Seite des Vorderarms laufenden Ext. pollicis und indieis
= a9 —
seine Abwesenheit für den Daumen und Zeigefinger ersetzt. Der Abductor longus pollicis,
welcher von dem hinteren Rand der Ulna und der äussern Seite des Radius kommend, über
diesen Knochen sich ausbreitet, geht mit starker Sehne an den Metacarpus des Daumens. So
liegen also diese Muskeln sich kreuzend auf dem Rücken des Vorderarmes und Carpus und
strecken die Glieder in der Diagonale ihres Verlaufes.
Die Flexoren zeigen die gewöhnlichen Verhältnisse. Den Sublimis vom Oberarm kommend,
fand ich mit dem Lig. carp. volare propr., mit dem Plantaris brevis, sowie mit dem Spann-
apparat der Fussballen verbunden. Er geht an das zweite Glied der vier äusseren Finger.
Der weit grössere und weit kräftigere Profundus kommt von der ganzen hinteren Wand des
Vorderarms und geht an das 3. Glied aller fünf Zehen. Die Lumbrieales an das 1. Glied.
Ich fand drei Musc. contrahentes, welche vereint in der Mitte des Carpus entsprangen. Der
eine geht an die Kleinfingerseite der Phalanx I. des Zeigefingers, der 2. geht an die Daumen-
seite des Phalanx I. des fünften, und der 3. an die Volarseite des Metacarpus V. in dessen
Mitte. -— Es sind 10 Muse. interossis, welche sich an die Ossa sesomoidea und die Phalanx 1.
ansetzen. Sie liegen alle in der Vola und bedecken hier je zwei einen Metacarpus. Ihre
Sehnen laufen auf beiden Seiten der Phalanx I. hinauf und enden an der Basis des 2. Gliedes. Zu
erwähnen sind noch besonders die starken elastischen Bänder, welche vom Köpfchen der zweiten
Phalanx an die dorsale Seite der dritten gehen und diese in eingezogener Lage erhalten.
Vergleichung der Raubthiere mit Inuus und Mensch.
Was zunächst das Knochenskelett betrifft, so tritt hier vor Allem das vollkommen ent-
wickelte Schlüsselbein mit seiner Verbindung am Sternum und Brustbein in den Vordergrund.
Jetzt hat sich der Thorax statt in die Tiefe in die Breite ausgedehnt, die Extremität nach
aussen gerückt. Das Schulterblatt, früher sagittal gestellt, ist jetzt mit seinen Flächen etwas
der frontalen Richtung zugeneigt, vorher nur mit einer Andeutung von einem Proc. coracoid.,
zeigt den Rabenschnabel jetzt entwickelt wie bei dem Menschen, doch die Seapula selbst ist
nicht der des Menschen conform. Der Basalrand des Schulterblattes, der bei dem Menschen
am längsten, ist gleich den Raubthieren auch bei dem Vierhänder kurz, die grösste Länge des
Schulterblattes liegt bei dem Menschen von dem unteren Winkel zum oberen; sie durchschneidet
die Spina scapulae, bei Inwus aber ist, gleich den Raubthieren, die grösste Länge von der
Pfanne zum Basalrand. Es liegt daher die Spina scapulae in dieser Längsrichtung, während
Abhandl. d. Senckenb. naturf. Ges. Bd. IX’ 62
— 4% —
sie bei dem Menschen die Längsrichtung durchschneidet. — Das Tuber. minus des Humerus
ist im Verhältniss zu den Raubthieren grösser. Es richtet sich hier noch nach innen, das
Tuber. majus nach vorn, wie bei anderen Thieren. Also anders wie bei dem Menschen, bei
welchem ersteres nach vorn und letzteres nach aussen gerichtet ist. Es steht daher hier der
Gelenkkopf zum Ellenbogen-Ende des Humerus nach hinten, bei dem Menschen aber nach
innen. Die Diaphyse des Humerus ist noch stark S-förmig gekrümmt. Jetzt ‘aber beginnen
sich Trochlea und Rotula zu trennen. — Die Fossa 'sigmoidea minor der Ulna liegt noch
lateral von der major. wie bei Zutra, Meles und Felis, aber verschieden von Canis. Bei den
Vierhändern ist das Capitulum radii nicht mehr breit und oval, sondern wie bei dem Menschen
drehrund. Der Radius in seiner Diaphyse ist stärker nach vorn und zur Seite convex gebogen
als bei dem Menschen. Zum weiteren Verständniss dürfte ‘es doch auch nöthig sein, der Länge
der Extremitätenknochen Erwähnung zu thun. 'Eine grosse Zahl von Messungen haben mir
gezeigt, dass Ober- und Unterarm, Ober- ‚wie Unterschenkel im Verhältniss zur Wirbelsäule
weit länger bei dem Affen sind als bei den Raubthieren. Dagegen bleibt bei Inuus der Ober-
arm doch kürzer als der Oberschenkel ‚und ‚der Vorderarm kürzer als der: Unterschenkel; was
freilich bei dem Orang nicht‘ der Fall-ist:— Wie. bei den Raubthieren articulirt noch der
proe. styloid. ulnae auf dem Os triquetrum und pisiforme. .'Es fehlt -also die Cartilags trian-
gularis des Menschen. Hier sehen wir dagegen zuerst das Os lunatum in seiner vollen Aus-
bildung, welches vorher ganz fehlt, auftreten. An der medianen Seite des Naviculare und
Multangulum majus liegt ein Knochen, welcher mit beiden Knochen artieulirt. Bei der Otter
steht er nur mit dem Naviculare in. Articulation; bei. dem. Menschen fehlt‘ er. — Die Meta-
carpen sind im ganzen kürzer, als bei Zutra, Meles, Felis, Canis, die Phalangen aber länger.
Endlich ‚der Daumen. «— Noch ist zu erwähnen, dass, während bei: der Otter und. dem’ Löwen
die Drehaxe des Carpus-Vorderarm-Gelenks mit der Axe des Ellenbogens nach vorn und innen
einen Winkel: von 60% der ‚Fuchs, Wolf und ‚Hyäne aber einen von 40-450 zeigte, bei Inuus
wie bei,dem Menschen ein Winkel von 60° gefunden. wird. Während 'nun aber bei Immnus- die
Längsaxe des Humerus mit der Drehaxe ihres unteren Gelenkes fast ganz in! einem Rechten
steht, finden wir bei, dem Menschen ‘den: Winkel, den diese beiden Linien Bilden, »amı"Condylus
internus grösser, jan dem Condylus: ‚externus' aber. kleiner. Da nun in-Folgk dieser schrägen
Lagerung! in der Beugung des Ellenbogens: bei dem’ Menschen’ der: Vorderarın neben dem Oberarm
median'vorbei geht, legt sich bei Znuus dev Unterarm in eine Richtung mit dem Oberarm.
Hierin ‚ sehen. \wir-schon seinen ‚Grund, warum der Arm des Inwus: zum ‚Gehen und- Stützen des
Körpers geeigneter ‚ist! als-der des: Menschen. —— Bei ‚senkrecht, ‚ohne Einfluss der. Muskeln
— 491 —
herabhängenden Oberarmen des Menschen, kreuzen sich die im Ellenbogen sich beugenden
Vorderarme mit den Händen auf der Brust. Eine solche Stellung kann der Inuus nur dann
vollbringen, wenn er den Oberarm in der Schulter nach innen rotirt.
Muskeln. Mit dem breiteren Thorax und dem vollkommen entwickelten Schlüsselbein
ist das Verhältniss der Muskeln plötzlich verändert. Zunächst hat der Cucullaris seine Pars
deltoidea verloren. Er ist von dem sich entwickelnden Knochen durchbrochen und die Pars
clavieularis des letzteren schliesst sich an die Pars acromialis und spinalis. Letzterer hat zwar
nicht seine Verbindung mit dem Pectoralis gelöst, aber seine Befestigung am unteren Ende
des Humerus aufgegeben. Er hat sich mit dem Pectoralis an dem länger gewordenen Humerus
heraufgezogen und während er bis dahin bei den Raubthieren fast 100 °% der Humeruslänge
einnahm, ist er jetzt auf ca. 43 %o geschwunden. Der Pectoralis aber hat eine weitere Aus-
breitung auf dem Thorax als bei dem Menschen, indem seine Pars costalis bis zur neunten
Rippe geht. Der Levator scapulae sowie der Levator anguli scapulae sind jedoch noch vor-
handen. Letzteren finde ich mit dem Serratus vollkommen vereinigt. Der Latissimus befestigt
sich mit drei Fortsätzen auch noch an den Humerus wie bei der Otter. Er geht an das
Tub. min. sowie an das Tub. maj. und umfasst so von beiden Seiten den Biceps. Endlich
geht aber noch ein Fortsatz am Arm herab und verbindet sich mit dem Triceps. Wir finden
drei Rhomboidei wie bei der Zutra, nämlich Rhomboideus capitis, cervicis und dorsi. — Pro-
nator und Supinator ist sehr gut entwickelt. Der Pronator teres steigt weit am Radius herab
und Supinator longus beginnt fast unter dem Humeruskopf und ist mit dem Brachialis ver-
wachsen. Extensores radiales, Biceps und Coracobrachialis sind wie bei dem Menschen. Der
Extensor quat. digitor. geht an die vier Finger, der Abductor (Extensor brevior, Gurlt) aber
an die zwei lateralen. Der letztere extentirt und abducirt. Der Flex. quat. digitor. sublimis
geht nur an die vier lateralen Finger. Der Flex. profundus aber auch an den Daumen.
Die grösste Verschiedenheit der Muskelbildung an der Hand des Affen den Raubthieren
gegenüber beruht natürlich auf den langen Phalangen und dem Daumen, welche aber von Herrn
Prof. Bischoff in ausführlichster Weise schon besprochen sind und hier eine Wiederholung
überflüssig machen.
So sehen wir also hier bei einem echten Vierhänder eine vollkommene Mischung der
Bildungen zwischen dem zum feinsten Gebrauch entwickelten Arm des Menschen und der zu-
gleich zum Gang, organisirten Vorderextremität des Vierfüssers.
— 412 —
Gewichtsverhältnisse an der Vorderextremität.
Beginnen wir mit den Beuge- und Streckmuskeln an Vorderarm und Hand.
Hier finden wir die Summe aller dorsalen Flexoren (Ext. quat. dig., Abd, quat. dig., Ext. rad.
und ulnaris) viel geringer an Gewicht als die der volaren (Flex. quat. dig., Palmaris, Flex. carp.
rad. und ulnaris). Bei der Otter haben die dorsalen 70 ° der volaren Flexoren, bei Dachs,
Fuchs, Hyäne und Katze 40° bis 47°, bei dem Manne 53% und bei Inuus 30 Io.
Das in dem letzten Fall so auffallende Vorherrschen der Beuger, welches besonders der
Grösse des Flex. quat. dig. zuzuschreiben ist (37 Grm.), dürfte wohl mit der Fähigkeit der
Meerkatzen, die Baumäste zu umklammern, in Verbindung zu bringen sein. — Für das
Ellenbogengelenk sind die Gewichtsverhältnisse der Beugemuskeln (Biceps, Brachialis,
Supinator long. und Ext. carp. rad.) geringer als die der Strecker (Triceps). Bei den
Raubthieren spielt der Procentsatz der Beuger zu den Streckern zwischen 26 jo (Hyäne)
und 36% (Otter). Stärker werden die Beuger bei dem Vierhänder 76°, am. stärksten
aber bei dm Manne 159°. Hier also dreht sich das Verhältniss um. Schon bei dem
Vierhänder haben sich die Beuger gewaltig entwickelt, und diese Wahrnehmung lässt sich wohl
auch mit der Fähigkeit im Klettern in Bezug bringen. Bei dem Manne aber sind die Beuger
um die Hälfte stärker geworden als die Strecker. Sehen wir die Tabelle an, so finden wir
den Triceps fast überall, selbst dem Pectoralis und Latissimus gegenüber als den schwersten
Muskel der ganzen Extremität. Sein Procentsatz, dem Gesammtgewicht der Vorderextremität
gegenüber, ist bei der Otter 17%, beim Dachs 23°, ebenso bei dem Fuchs, bei der
Katze 18%, bei Inuus 19% und bei dem Manne 13%. Weshalb er bei den auf den
Vorderextremitäten laufenden Thieren stärker ist als bei dem Menschen, ist einleuchtend. Dort
hat er die ganze Last des Körpers aufrecht zu halten, ja bei dem Sprung (durch seinen Ansatz
an der Scapula) selbst fort zu schleudern, was bei dem Menschen nicht der Fall ist. Bei dem
Affen aber unterstützt er den Sprung, wobei die langen Extremitätenknochen ganz besonders
diesem Thier zu statten kommen.
Doch auch die Pronatoren und Supinatoren dürfen wir nicht übergehen. Der
Supinator longus und, brevis sind bei der Otter und der Rob be schwerer als der Pronator
teres und quadratus, bei dem Fuchs und der Hyäne ist Supinator jongus gar nicht vor-
handen und brevis dient mehr zur Verstärkung des Kapselbandes. Bei der Katze und
dem Dachs sind die Gewichte beider gleich. Bei dem Affen und Menschen aber
überwiegen in hohem Grad die Supinatoren die Pronatoren. Doch auch die Pronatoren
en
sind hier gut entwickelt ‘und so entspricht‘ dieses Verhältniss dem runden Radiusköpfchen,
der geschwungenen Diaphyse dieses Knochens ‘und der: freieren Pronation "und Supination.
Bei den Hunden und der: Hyäne steht der‘ Radius in vollster Pronation. ‘Hier sind beide
Knochen feststehend. ‘Auch hier sehen wir. eine kräftige Stütze der Extremität für den Lauf,
nicht aber für andere Verrichtungen.
So kommen wir denn an das Schultergelenk. Hier begegnen wir nur durchweg
starken Muskein. Die stärksten freilich sind der Pectoralis und Latissimus bei den Thieren
und der Deltoideus bei dem Menschen, der Infraspinatus bei der Hyäne und der Subscapularis
bei der Robbe, Bei der Otter zeigen sich der Latissimus und Pectoralis im Verhältniss zu
. den Armmuskeln am schwersten (23 %), bei den Raubthieren spielt ihr Gewicht zwischen 12 °o
und 14 °o. Bei dem Affen hat der Pectoralis 10 %, der Latissimus 13 %, der Mensch aber 13 %
und 9°. Die grössere Stärke des Latissimus bei den Vierfüssern beruht wohl auf seinen
verbreiteten Ansatzpunkten an dem Oberarm und dem Ölecranon, Auch ist dieses Verhältniss
entsprechend ihrer Ortsbewegung. Der Muskel hat hier den Rumpf fort zu ziehen, während
er bei dem Menschen nur von dem Rumpf aus auf die Extremität wirkt. Mit dem Pectoralis
möchte es ebenso sein, und ferner wird die Stärke dieses letzteren erklärlich, dass er bei den
Thieren eine grössere Basis an dem Thorax (ebenso bei Inuus) als bei dem Menschen hat.
Bei den Katzen sogar entspringt eine Portion desselben von der Linea alba der Bauchmuskel.
So kommen wir denn endlich noch an den Deltoideus, der bei dem Menschen unbedingt
mit zu den stärksten Muskeln gehört, während er bei den Raubthieren nur eine mittiere Stel-
lung einnimmt. Den Armmuskeln gegenüber hat er bei dem Menschen 13 %, während alle
Thiere, den Affen mit einbegriffen, nur 4—6 ° zeigen. Diesen Muskel des Menschen in Ver-
hältniss mit dem der Raubthiere zu bringen ist dadurch erschwert, dass bei den letzteren ein
Theil desselben (Pars clavicularis) mit dem Cucullaris, dem Claidomostoideus und dem Pectoralis
in Verbindung steht, ausserdem aber am ganzen Humerus herabläuft, während er bei dem
Vierhänder und dem Menschen selbstständig ist. Bei beiden ist er stärker als bei den
Thieren, bei dem Menschen aber ungleich am stärksten entwickelt. Befestigt er noch dem
Vierhänder beim Sprung den Humeruskopf auf dem noch frontal liegenden Schultergelenk,
so hat er bei dem Menschen andere Aufgaben.
Ueberhaupt sind die Strecker der Schulter (Deltoideus, Biceps, Coracobrachialis) besonders
bei dem Menschen und den Affen günstiger gestellt als bei den anderen Thieren. Wäh-
rend nämlich bei der Otter die Extensoren der Schulter, den Flexoren (Pectoralis Teres und
— 494 —
Latissimus) "gegenüber nur. 10% zeigen, und Dachs, Fuchs und Katze 25 °%6—29 Po
geben, hat der: Vierhänder die Zahl 45°, der Mensch aber 76 %o.
Doch auch die ‚Unterschiede zwischen den Gesammtmuskeln der Vorder- und
Hinterextremität. wären zu prüfen. Hier sind bei der Robbe und Otter die Muskeln
der Vorderextremität schwerer, bei allen Uebrigen überwiegen jedoch die der Hinterextremität.
In weit höherem Grade zeigt sich dieses bei dem Menschen. Bei der Robbe und Otter
finde ich beim Dividiren des Gewichts der Vorderextremität in das der Hinterextremität als
Quotient 0:7 und 0'8, bei dem Dachs, Fuchs, der Katze und dem Affen 1 bis 1'35,
bei dem Menschen aber 494,
Doch auch die Gewichtsverhältnisse der getrockneten Knochen beider Extremitäten dürften
wir hier noch erwähnen. Bei allen hier vorgeführten Thieren sind, die Hyäne ausgenommen,
die Knochen der Hinterextremität schwerer als die der Vorderextremität. Bei der Otter sogar
um die Hälfte.
— 495 —
nabelez> Hinterextremität.
&) Gewichte der Muskeln in Grammen.
a nina RR Gars Mana Feb or an
molgus
1.'Sart. et'Tens. faseiae . . . . _ 6 24 26 40 6 16 354
2. Glutaeus maximus . .o. . . 36 7 6 6 29 2 9 s10
g » 2 mediusd one 12 4 8 22 52 8 50 310
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SID yritnemis > WERE IR 6 2 5 _ 16 1 4 51
6. Quadratus fem. il 3 — 5 1 _ 51
7. Obturator int. et exterm . . . 26 4 14 10,6 12 4 16 137
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PETER ee 1 Va a 1 5 == = 8 12 a7 I
23. Plantaris et Flex. brev. . - - 6 3,8 9 12 14 7 4 40
BkenloxcHellüen eo. er. er 38 2 6 | | Be 4,5 12 89
a» dig . 3... m Be 3 . | WR 7 34
26+ Tibial.epost. HI. . 3. 8 12 0,6 1 1 1,2, d 3 101
b) Gewichte der Knochen.
RSRISTL ET ee ee sl 5 17 18 114 8 25 375*
2. Dibu@tskibüleea ser son 66: 7 15 24 98 8 23 287
BP. RE s1 9 14 22 9. 8 19 135
*) Die Knochen des Mannes gehören nicht zu obigen Muskeln, Sie sind der Abhandlung E. Bischoff's („Einige Ge-
wiehts- und Trocken-Bestimmungen der Organe des menschlichen Körpers“, Zeitschrift f. ratiönelle Mediein 1863) entnommen.
Tabelle B.
er
oo
[2%
. Latissimus dorsi
Pectoralis
Subscapularis
Supraspinatus
. Infraspinatus.
. Deltoideus
. Teres maj.
>» min.
. Triceps
Port. long.
. Biceps
„.Loracobr. .
. Brachialis internus .
Supinator long.
. Pronat.-teres
» quadratus .
. Supinator brev...
. Ext. carp. rad. .
> quat. dig. .
. Abluct. dig. commun. :
.. Ext. carp. uln. +
Abd. pollic. .
Ext. pollie.
3. Supinator quadratus
. Palmaris long. .
. Flex. carp. uln.. *
>» . com. dig. .
>» carp. rad..
“Humerus . „
. Ulna et Radius.
. Manus
— 496
Vorderextremität.
&) Gewichte der Muskeln in Grammen.
Mittel aus
4 Plocen,,, ara,
57 BJ1
97 31
100 9
33 6
8 2
22 5
8 3
66 25
22 —
vi 2
{ 2
3 2
6 u
3 1
5 3
4 1
4 1
2 1
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4 2
11 2
16 5
8 1
Meles
taxus.
45
m.
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"vvaveaorH- ea <
|
Canis
‘Vulpes,
10
5A
18
28
b) Gewichte der Knochen.
37 5
31 4
34 5
16
20
IR:
Hyaena
Striata.
112
141
100
Felis
catus,
23
Tnuus
eyno-
molgus.
55
Au
24
10
22
10
LUCAE. hoca vitulina -[ Linn] ö Tafl
IK
et a. M. temporalis.
— b. . Masseter.
Be e. . biventer.
5 d. . rectus capilis post. major.
e. . obliquus capitis infer:
f. : reclus capit. lateralis.
9: ; bucecinalor.
N.
a. . temporalis.
b . reelus capitis Post. minor.
® e. . obliquas. capit. sup.
a d . recl. capit. later.
e. . oblig. capit. infer:
IH
a. . biventer.
W442 db. . plerjgoideus intern.
#4 BErnS e. . rectus capit. anlicus major.
en d. . rectus capitis anlieus min.
7 e. . rec. capit. later.
Ns 9 IV!
a... recl. capit. anl. major.
; in.e.. longus_ colli.
3 (b.pars. ant., ce. pars.post.)
a nn an Din nn nn nn un u RN
a. MH ceueularis.
b. . latissim. dorsi.
e. . eulaneus ventralis.
d. . pectoralis.
e. . deltideus.
Triceeps hrachit.
KL i ? Re
BB EEE
IM. ‚peetoralis.
. eueularis.
.. Serralus.
. obliquus extern. abdominis.
Clumna interna m. oblig.
Canalis inguinalis.
. JH. rectus abd.
. obliguus internus abd.
£ Symphysio -Libialıs .
. »Intercostales.
NN
BE
Manubrium ster
zen
suray sa IHN uhaunN
Fig. I.
Tympanum.
0s hyoideum.
Cart. thyreoidea .
„ cricoidea.
Trachea .
Manubrium sterni.
Costa prima
Prac. xiphoideus sternt.
Olecranon. >
Atlas.
M. Mylohyoideus.
. Hyoglossus.
. Costa-hyo- thyrioideus.
...S'terno mastoideus.
Levator scapulae.
‚Atlanto humeralis.
. Pectoralis.
Fig.T.
a.b. Rlumboideus capıt.& cervicis.
Rhomboid. dorsi.
HM. Splenius.
Complexus .
Trachelo mastoideus.
. Longissimus dorsi.
a Serratus.
Levator scapulae.
. Stlanto- Humeralis..
Sterno mastoideus.
. hLatissimus dorst.
a. M. Rhomboidens eapttis.
Bi... Splenius cupilis.
ce... Trachelo mastodens.
d. . Complesens
e. . Ilhombordeus dorst.
l. : Serratus.
7
. Lepator scaptdae.
u ee ee eier ware
RUauuk
Manubr. sterni.
DEREN
&
T
\
Troe. Kıiphoideus sterni.
Fig. I.
Spina ilei sup. post.
a " SUp. amt.
7 „ ant. infer:
Corp. vertehr. ultima.
«Tcelabulum dissectum
05. pubis.
a_d M. depressor caudae.
Fig W.
a. M. dorsales caudae.
db.
ventrales caudae.
ER TRER EIT TEERET EN
BREI ERERTR
Froc. spinos.
„ oblig.
Spina dei post. sup.
Levator caudae.
-Ibductor caudae
Ü. Costa-hyo- thyrioideus.
k. Transversus costar. latus.
14 u
m. diectus abdominis.
n. Oblig. abdom. externus.
a. Serratus.
p: Hylohyoideus.
} dorsales
“
S
caudae.
Ventis.
Fig. T.
. M. Extensor dorsi communis.
. pars. costalis .
ee transversalts.
u». spinalis.
. M.transversaliss cervieis.
. complescus.
. reclus capilts post. major.
. obliquus captlis infer.
& u u SUPER:
. trachelo - mastoideus .
yihulina (Linn)
Fig. Hl.
M. Esctens. dorsi comm.
pars. cost.
u lransd.
. M. intercostales escternü.
„ intern.
fig 1.
A. Symphysis oss. pubis.
B. Pecten pubis.
c Tibia.
D. Patella. .
k. Calocı.
I. Femur
a. M. obliquus extern. abdom.
37. Columna interna .
32. Canalis inguinalis.
x3..Art.& nero. cruralıis.
b. M.oblig. intern. U transversus.
\ ce. . Ssymphysto-lbialis.
d. MH. Pubo-tibialis.
e Tensor fasc. lat.
f. - Sartorüus.
9: le emoralis major.
I Bee » minor.
NH. coecygo-tibalis.
sacro fibularıs.
SR
N.
ylıttaens medius.
er . gut. masximus.
. Tensor fase
. Sartortus.
Jschio-tibialıs.
EUR
jwelimaeus.
- ypmphysto-Libiahis.
yubo-tibialis.
M.dio-[emoralbs minor.
oblurator eRteriw.
eorcygo -tibialis .
. oblurator intern.
a 2 Ani sie EEG
„a. M. supraspinatus.
db. . deltoideus.
e. Sehne des enfraspinatns.
d. M triceps port. magna.
” oe. 3 u 2 EXKL N.
TE h A [2 a longa.
9. - supinator lonqus.
h. . Extensor up. rad.
Ba " communis digitor.
Te. . abductor pollicis.
[6 extensor „
m. .tensor fasciae.
N
tu
or gut & eluylior uni.
digit. V-
d. Ieh.Y. » profündus.
e. Sehne d. flex. carp. ulnaris, abgeschn.
Pig.
«4. Scapula .
B. Tuberculum. minus. h 3
2 umeri.
n MAUS .
@. M. bieeps.
. brachialis.
- pronator.
n
13
Bu
E
Eye:
FgDl
M. sub scapularis.
. teres Major.
« Znconaeus quarlus.
. supindlor quadratus.
. palmaris
. [lexor carpı radıalıs .
u quat. digitor. suhlim.et profundus.
. pronalor .
. [lexor carpt ulnarıs.
+ Ibduetor drgeti minimi.
Sehne des Muse. Abdiector polleis. Fe,
ei
F g. MH.
«I. Condylus externus fem.
Trochanter
Caput tale
Calx.
Os naviculare.
Os cimerforme I
. Metutarsus 1.
MM. bihalıs ant.
Enxtensor holluers.
Ext quat: dig
Feronaeus longus.
Pi terlius.
7 secundus.
. Extensor digiter. brev.
«1. caput femoerts.
. Trochanter.
Tas Ron
(Linn)
Fig.
«1. 08 sacrum (musc.dorsclh, caudae).
B. Crista di. 2)
€. hintere Seite des nach vorn, gerollt. Schenliels. F [4 I & ER $
D. Tuber ischie.
WE. Symphysits.
a. Habturutor. extern.
Linn.
Fig. IV.
Condylus intern. /emoris.
ea ; RR DEE A intern.
. JAStTOocHemU Be SI e.de. .glutaeus minim.(e,gesuul, de erschlaffi)
. Flexor quat. digttor.|perforatus). f ; Sartorius.
5 u BE ” /werforans).
- Tibialis postie. h
.Plantarıs [ist mit der von. ihrem:
Ansatzam Caleanens, getrennten
Caro qudratanack innen geschlagen).
MH. Caro qudrata:
Fig V
tens. qual. dıgd.
onaeus longus.
brevis .
tert.
HL.
Os sacrum [Husc. dors. caudae).
Crista Wii.
Spina ii ant: sup.
Tuber ischü :
. 1lio-femoralis major.
. Sartorius.
. oblurator intern.
N n extern.
. tibialis.
. Eixtensor quat. digit.
- Feronaeus longus.
n brevis.
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